Pfingsten 2011
Wählt das Leben
In der Mitte der offiziellen bürgerlichen Demokratien hat die Okkupation stattgefunden: „Supermarkt; Großbank; Großtechnologie; Massenmedien; Kartelle; Börse; Holding; Monopol; internationales Finanzkapital“, um nur einige Stichworte zu nennen. Alle Institutionen der Gesellschaft sind von dieser Besatzungsmacht übernommen worden. (…) Hier einige Worte, um die das Glaubensbekenntnis jener Macht sich gruppiert: Wachstum um jeden Preis; Profit um jeden Preis; Konkurrenz um jeden Preis; unternehmerische Freiheit als Faustrecht um jeden Preis; Leistung um jeden Preis; Disziplin (…)
Das Leben wählen gegenüber dem Tod heißt einzustimmen in das große Ja zum Leben. (…) Das Ja, das im emphatischen biblischen Sinne gemeint ist, ist ein unbedingtes Ja, das etwa auch in Krankheit und Sterben gilt, das vor allem auch denen gilt, die sich selber ohne Würde, als verneint so lange erfahren, bis sie sich damit abgefunden haben.
Das Leben wählen ist gerade die Fähigkeit, sich nicht abzufinden mit der selbstverständlichen Zerstörung von Leben, die uns umgibt, und mit dem selbstverständlichen Zynismus, der uns begleitet. (…), Die objektiven Voraussetzungen eines Lebens, das wirtschaftlich auf Ausplünderung und militärisch auf Terror aufgebaut ist, widersprechen dem Glauben, der Furchtlosigkeit, dem Vertrauen in das Leben fundamental. Wir sind abhängig und bedingt in unserer Ohnmachtserfahrung.
Glaub nur, vertraue! Kämpfe gegen den objektiven Zynismus und sieh zu, dass er sich nicht subjektiv in deinem Herzen einrichtet. Lass nicht zu, dass dein Glauben und Hoffen zerstört wird. Lass dich ein auf die Deutung des Lebens als gut. (…)
Ich teile den Glauben, den Mut, ich erweitere den Raum der Freiheit des / der anderen, ich verändere seine / ihre vorherige Fremd- und Selbstinterpretation. Um glauben zu können und gegen den objektiven Zynismus kämpfen zu können, brauchen wir einander. (…) Wir lernen unser Leben verstehen als Kampf gegen den herrschenden Zynismus, wir begreifen uns in Einheit mit Christus als Teil der Reich-Gottes-Bewegung für Gerechtigkeit. Wir werden verwickelt in Kämpfe.
Dorothee Sölle
Aus: Dorothee Sölle, Wählt das Leben, Kreuz Verlag, Stuttgart 1980, Seite 13 ff
Im Buch „Wählt das Leben“ wird eine Vorlesungsreihe von Dorothee Sölle in Buenos Aires (Argentinien) im September 1979 dokumentiert. Ich habe es im April 1985 gelesen und heute berühren mich diese Worte genauso – vielleicht sogar noch mehr, weil ich wie viele von uns heute mehr die Ohnmacht spüre. Aber will ich mich – wie sehr viele von uns – weiter einmischen, verwickelt werden in die Kämpfe um Gerechtigkeit und Frieden.
Und wie schon in meinem vorjährigen Pfingstmail wünsche ich uns heuer ebenso diesen längeren Atem, diese Ruach – heilige Geistin, die die christliche Tradition auch „Vater / Mutter der Armen“ nennt (Veronika Prüller-Jagenteufel, Den Weg zur Auferstehung weitergehen, S. 132), dieses Hoffen und sich weiter Engagieren können von ganzem Herzen.
Frohe und gesegnete Pfingsten
Pfingsten 2010
In eine Bewegung des Widerstands hineinwachsen
„Ich verstehe das Evangelium als eine Anleitung zu Kampf und Kontemplation, lutte et contemplation, wie Roger Schutz, der Prior von Taizé, sagte. Diese Qualität finde ich auch im Neuen Testament, wo es heißt: „Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe.“ Die Jüngerinnen und Jünger lebten unter Wölfen, in einem Reich des Terrors, wo jeder / jede, der / die auch nur einen winzigen Schritt auf die Gerechtigkeit zu tat, sein / ihr Leben riskierte. Sie wussten das, und dieses Bewusstsein war so stark, dass man die ganze Jesus-Bewegung nicht versteht, wenn man sie nicht als eine Bewegung des Widerstands gegen diejenigen begreift, die sie daran hindern wollten, den Willen Gottes zu tun.
Gott sagt klar: „Du sollst die Hungernden speisen, die Nackten kleiden, die Toten begraben, die Gefangenen besuchen.“ Alle diese Werke sind uns auch heute „verboten“ durch die wirtschaftliche Struktur, in der wir leben und die dazu gemacht ist, die Hungernden verhungern zu lassen, die Reichen reicher, die Armen ärmer zu machen. Wir leben in einer Welt, in der wir die Schöpfung Gottes nicht lieben können, sondern sie kaputt machen müssen. Wir können die Gerechtigkeit nicht lieben, sondern wir müssen die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds unterstützen. Diejenigen, welche die Verelendung weitertreiben und die Hungertoten auf dem Gewissen haben.
Die Theologie der Befreiung lehrte mich, die Bibel nicht nur als einen Ruf zu verstehen, den Willen Gottes zu tun, sondern auch als den Ruf, auch Diskriminierung, Schwierigkeiten und – jedenfalls an vielen Stellen der Dritten Welt – das Martyrium in Kauf zunehmen. „Wer sein Leben behalten wird, der wird es verlieren“, heißt das Risiko des Widerstands bewusst einzugehen. (…)
Gegen die Art, wie unsere Lebensgrundlagen zerstört, die Armen dem Tod ausgeliefert und ein so genannter Friede auf die Herrschaft des Wahnsinns aufgebaut wird, ist Widerstand notwendig. Man kann eigentlich nur Christ / Christin werden, in Christus hineinwachsen, indem man in eine Bewegung des Widerstands hineinwächst.“
Dorothee Sölle
Aus: Dorothee Sölle, Mut – Kämpfe und liebe das Leben, Freiburg im Breisgau 2008, Seite 39 / 40
zuerst veröffentlicht in: Gegenwind, Hamburg 1995, S. 189
Ich habe heuer lange überlegt, wie ich meinen Pfingstbrief formulieren soll. Es fällt mir immer schwerer, Hoffnung zu geben in dieser trostlosen Zeit. Wir haben gewusst, dass in diesem unmenschlichen Wirtschaftssystem Millionen Menschen an Hunger sterben. Wir haben auch früher keine Illusionen gehabt. Selbstverständlich ist das Elend im Süden nicht mit unserer Situation vergleichbar. Aber heute ist es der Arbeitskollege / die Arbeitskollegin, der Freund / die Freundin, der / die Bekannte, die Menschen „neben dir“, die es nicht mehr schaffen, die den wirtschaftlichen Druck nicht mehr aushalten, die immer mehr an den Rand gedrängt werden, die verzweifelt sind – und unsere Kräfte reichen nicht einmal aus, ein paar Mitmenschen wirklich beizustehen.
„Wir haben den längeren Atem, wir brauchen die bessere Zukunft, zu uns gehören Leute mit schlimmeren Schmerzen, die Opfer des Kapitals, bei uns hat schon mal einer Brot verteilt, das reichte für alle“, meint Dorothee Sölle in ihren „Argumenten für die Überwindung der Ohnmacht“. (Mut, S. 36). Diesen längeren Atem, diese Ruach – heilige Geistin, die die christliche Tradition auch „Vater / Mutter der Armen“ nennt (Veronika Prüller-Jagenteufel, Den Weg zur Auferstehung weitergehen, S. 132), dieses Hoffen und sich weiter Engagieren können, wünsche ich von ganzem Herzen.
Frohe und gesegnete Pfingsten
Ich erlaube mir zum Beitrag der Christinnen und Christen für die Friedensbewegung in der Langen Nacht der Kirchen am Freitag, 28. Mai 2010 einzuladen: DIE WAFFEN NIEDER - DEM ELEND EIN END, Friedenslieder, gesungen und erklärt von Ernst Toman, Texte von Dorothee Sölle, 20.00 Uhr, Evangelische Pfarrgemeinde H.B. – Zwinglikirche, 1150 Wien, Schweglerstraße 39, U3 Schweglerstraße.
Pfingsten 2009
Renovabis faciem terrae
Gott deine geistin erneuert das Gesicht der Erde
erneuere auch unser Herz
und gib uns den Geist der klarheit und des mutes
denn das gesetz des geistes
der uns lebendig macht in christus
hat uns befreit von dem geist der resignation
Lehre uns
wie wir mit der kraft des windes und der sonne
leben und andere geschöpfe leben lassen
lehre uns
die kraft der kleinen leute zu spüren
und keine angst mehr zu haben
wenn wir widersprechen und widerhandeln
dem luxus auf kosten aller anderen geschöpfe
lehre uns
die immer größere freude
beim lebendigwerden in deiner lebendigen welt
Weil wir unser ende nicht fürchten
Gott deine geistin erneuert das gesicht der erde
erneuere auch unser herz
und lass uns wieder miteinander leben
lehr uns zu teilen statt zu resignieren
die wasser und die luft
die energie und die vorräte
zeig uns dass die erde dir gehört
und darum schön ist.
Dorothee Sölle
Aus: Dorothee Sölle, Gewöhnen will ich mich nicht, herausgegeben von Bärbel Wartenberg-Potter,
Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2005, Seite 22 /23,
Erstveröffentlichung in: Loben ohne Lügen, Kleinmachnow 2000
„Befreit von dem Gesetz der Resignation“ – das ist mein Wunsch zu Pfingsten. Manchmal denke ich, wer heute nicht verzweifelt, der / die hat kein Herz. Dann gibt es doch ein großes „ABER, das stimmt nicht“ und viele kleine Stückchen Hoffnung sowie Texte wie dieser von Dorothee Sölle, die uns in dieser schwierigen Zeit Mut machen.
Der Heilige Geist „ist jene göttliche Kraft, die den Menschen zu allen Zeiten hilft im Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit“, sagt Kaplan Franz Sieder in seiner Pflingstpredigt, die am Pfingstmontag, dem 1. Juni 2009 um 19.50 Uhr im ORF 2 in der Sendung „Feierabend“ zum Thema „Taube, Feuer und Segel“ gezeigt wird. http://tv.orf.at/program/orf2/20090601/455759201/
In diesem Sinne wünsche ich
frohe und gesegnete Pfingsten
Alois Reisenbichler
Pfingsten 2008
Selig, die träumen
Unter den Seligpreisungen Christi könnte gut folgender Satz stehen: „Selig, die träumen. Sie werden viele zur Hoffnung bewegen und süße Gefahr laufen, eines Tages ihre Träume verwirklicht zu sehen. (…)
Ich habe den Eindruck, dass alle großen Sehnsüchte des Menschen, alle seine / ihre großen Träume danach streben, eher oder später in Erfüllung zu gehen. (…)
Ich aber werde nicht müde, Träume zu wiederholen, von denen ich mir wünsche, dass WIR ALLE sie träumen, damit sie möglichst bald Wirklichkeit werden:
Träumen wir davon, dass alle Kriege ein Ende finden! Eines Tages wird der gesunde Verstand siegen, und der Mensch wird aufhören, sich darauf vorzubereiten, das Leben auf der Erde total zu zerstören.
Träumen wir von einer gerechteren und menschlicheren Welt, in der es weder Besiegte noch Sieger(innen), weder Unterdrückte noch Unterdrücker(innen) gibt.
Geist Gottes, schenk allen Menschen Träume. Aber keine trügerischen, entfremdeten und entfremdenden Träume. Schenk Ihnen Träume, schöne Träume, die morgen Wirklichkeit werden!
Dom Helder Camara
Aus: Helder Camara, selig die träumen, Zürich 1982, Seite 67 – 69
Schon in meiner Volksschulzeit habe ich davon geträumt, dass es eine Welt ohne Krieg und ohne Hunger gibt. Und heute sind wir leider weiter davon entfernt als damals. Auf der ersten Seite dieses Buches von Dom Helder Camara steht:
„Wenn jemand alleine kommt,
dann ist das nur ein Traum,
wenn wir aber zusammen kommen,
dann ist das der Beginn der Wirklichkeit.“
Wir haben noch sehr viel zu tun ….
Frohe und gesegnete Pfingsten
Alois Reisenbichler
Pfingsten 2007
Den befreienden Gott entdecken, Pfingsten ist´s!
Rot ist die Farbe des Feuers. Rot ist die Farbe des Heiligen Geistes. Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes.
"Der Herr ist der Geist. Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit" schreibt Paulus im 2. Korintherbrief (2 Kor 3,17). Wenn Christen und Christinnen glauben, was Paulus schreibt, warum spiegelt das Zusammenleben der Menschen davon so wenig wieder?
Zwei Jahre arbeitete Barbara Ehreneich in Billigjobs in den USA als Zimmermädchen, Bedienerin, Verkäuferin. 2 Jahre lebte sie in Wohncontainern oder schäbigen Motels! Die Einzimmerwohnung war nicht leistbar. Als Kellnerin jobbte sie in 8-Stunden-Schichten, Lächeln vorausgesetzt. Essen und Sitzen während der Arbeit ist verboten. Dafür "entlohnt" man sie mit umgerechnet € 5,15 per Stunde incl. Trinkgeld. Ein anderer Job: Putzen im Akkord. Frauen bringen in kürzester Zeit Einfamilienhäuser auf Hochglanz. Essenspause ist, sofern möglich, im Auto auf dem Weg zum nächsten Haus. Qualifikation ist nicht erforderlich, jedoch: "Die machen einen Persönlichkeitstest, um herauszufinden, ob du ein Dieb bist oder drogenabhängig. Sie gehen davon aus, dass du irgendwie kriminell bist. Ich fand das sehr demütigend." Zwei von vielen Erfahrungen der Journalistin Ehreneich im Jahr 2001. (Aus dem Buch „Arbeit ohne Würde“ ISBN: 3888972833)
ArbeitnehmerInnen berichten 2007 in Betriebsseelsorgerunden ähnliches vertraulich, was vom Job-Wunderland Amerika beschrieben wird. Für die Untersten sind Arbeitsbedingungen vielfach kränkend, krankmachend, oft würdelos. Mit wenigen, löblichen Ausnahmen! "Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit" schreibt Paulus. Wenn ChristInnen glauben, was Paulus schreibt, warum spiegelt es das öffentliche Leben so wenig wieder? Das gemeinsame "Sozialwort aller christlichen Kirchen Österreichs" formuliert es so: "Die Marktwirtschaft bedarf sozialer und ökologischer Rahmenbedingungen, damit sie dem Leben dient … Die Wirtschaft muss nicht nur sachgerecht sein, sondern auch menschen- und gesellschaftsgerecht und die Belange zukünftiger Generationen und der Umwelt mit einbeziehen" (187). Und weiter: "Die Kirchen treten ein für einen Sozialstaat, der unersetzlich ist, um sozialen Risiken wie Verarmung und Ausgrenzung entgegenzuwirken" (230 ).
Pfingsten ist das Fest der Gemeinschaft, wie Gott sie denkt. Keine christliche Gemeinde ist vollkommen, aber jede sollte etwas vom strahlenden Licht Gottes widerspiegeln. Wir dürfen den Gottesgeist nicht in die Kirchen sperren, wir müssen uns im täglichen Miteinander auf IHN einlassen. Wo Menschen sich auf Gottes Geist einlassen, bringt er verborgene Potenziale zur Entfaltung. Wir alle haben in Taufe und Firmung IHN empfangen! Darum wünsche ich ein frohes Pfingsten!
Pfarrer Mag. Josef Gaupmann
Betriebsseelsorger und Pfarrer von St. Pölten-Viehofen
(Aus dem Pfarrbrief der Pfarre St. Pölten Viehofen Nr.3/2007
http://www.pfarreviehofen.net/downloads/upfl2007i3pfingstenweb.pdf)
Im diesem Sinne wünsche ich uns allen in dieser in vieler Hinsicht schwierigen Zeit, dass wir wieder neu Kraft zu unserem befreienden Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bekommen.
Frohe und gesegnete Pfingsten
Alois