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JAHRESMIX 2012
FEBRUAR
DIE ROTEN SCHUHE
Rote Schuhe ziehen meine Blicke heute noch an, wenn ich die Schaufenster eines Schuhgeschäftes betrachte. „Oh, wie schön“, geht es mir dann durch den Kopf. Erinnerungen werden wach. Ich war vielleicht 12 Jahre alt. Da die Füße so schnell wuchsen, brauchte ich unbedingt neue Schuhe. Ich durfte sie mir selbst aussuchen, und so griff ich natürlich gleich nach den roten, schönen Lederschuhen, die ich in der Auslage gesehen hatte. Meine Tante, die mir die Schuhe kaufte, rollte etwas mit den Augen, aber sie sagte nichts. Vielleicht bereute sie in diesem Moment, ihre Großzügigkeit, mich selbst auswählen zu lassen.
Ich trug sie täglich, ganz stolz und ohne Rücksicht, ob das Rot zum blauen oder grünen Rock passte. Hauptsache war, die Schuhe leuchteten an meinen Füßen. Der Verkäufer gab uns noch eine Tube rote Schuhcreme mit, und das war sehr praktisch. Oft stieß ich vorne die Farbe ab. Aber mit der passenden Schuhcreme war der Schaden schnell wieder behoben.
Auch im Winter trug ich diese Schuhe. Ich hatte keine anderen. Es war ein paar Jahre nach dem Krieg, und es musste an allen Ecken gespart werden. Da ich im Wachstum war, drückten bald diese Schuhe. Sie wuchsen leider nicht mit, und meine große Zehe stieß oft vorne an. Doch sie war schlau. Sie hatte die Fähigkeit, sich etwas kleiner zu machen, in dem sie sich geschickt krümmte, und so konnte ich die roten Schuhe noch lange tragen. Sonntags zum Kirchenbesuch, täglich in die Schule, immer sahen sie gut aus. Durch meine intensive Pflege wurden sie einfach nicht älter.
Was mit ihnen geschehen ist, weiß ich heute nicht mehr. Doch an die roten Schuhe denke ich noch sehr gerne zurück.
So kam es, dass ich mir vor ein paar Jahren rote Schuhe kaufte. Da mein Fuß nun nicht mehr wächst, kann ich sie so lange tragen, bis sie nicht mehr zu reparieren sind. Sie stehen neben anderen Schuhen immer griffbereit, und ich ertappe mich sehr oft, dass ich nach ihnen greife. Sie verbinden mich, ohne es zu wissen, mit der Jugendzeit, und ich fühle mich gleich ein paar Jahre jünger…..
JAHRESMIX
Ein Jahresmix, von allem was, So nach und nach erlebt. Gesammelt eifrig Tag für Tag. Betrachtung, das belebt.
Ich sehe Menschen, die mir gut. Erfreuten mein Gemüt. Auch Blumen voller Farbenpracht, der Garten grünt und blüht. Doch auch Verwüstung blieb nicht aus. Der Hagel hat’s vollbracht. Nicht immer schien die Sonne mir. Nicht immer laut gelacht.
So manches wurde fest gehalten. Die highlights in dem Jahr. Auch Urlaubsbilder sind dabei. Ein Jahresmix es war.
© C.W.
VEILCHENBLAU
Veilchenblau sind deine Augen. Zum Verlieben schön. Habe es nicht glauben können, doch es ist geschehn.
Leuchteten an Sonnentagen Mir ganz tief ins Herz. Oh, wie war das Schweben schön. Flug ging himmelwärts.
© C.W.
JANUAR
IM NEUEN JAHR
Nehme mir nichts Neues vor. Weiß, dass ich die Alte bleibe. Dieser Brauch ist zwar sehr schön, wenn das Jahr geht heut’ nur Neige.
Die Erfahrung hat gelehrt, Vorsätze sind Schall und Rauch. Werde viel bewusster essen. Doch dann meldet sich der Bauch.
Sagt mir, was ihm heute schmeckt. Und ich greife ins Regal. Vorsatz hin und Vorsatz her.
Nein, er lässt mir keine Wahl. Deshalb habe ich erkannt, bringt nicht viel, dass man sich wehrt. Bin damit schon alt geworden. Stimme war nicht so verkehrt. © C.W.
POLENTA Ich blättere mal wieder im Buch der Erinnerungen, die weit in meine Kindheit reichen. Es war 1945. Vater brachte bei seiner Rückkehr aus dem Krieg eine Frau mit. Er hatte sie in einem Lazarett kennen gelernt. Sie arbeitete dort als Krankenschwester. Da unsere Mutter 1943 während des Krieges an einer Fehlgeburt verstarb und zwei kleine Mädchen zurück ließ, war er sicher froh, eine Frau und für uns eine Mutter gefunden zu haben. Oma konnte uns nicht alleine groß ziehen. Sie hat uns nur vorübergehend aufgenommen, und das war schon eine lange Zeit.
Nach dem Krieg gab es kaum etwas zu essen. Die Bauern, die rings um die kleine Ortschaft auf ihren Gehöften wohnten, gaben nichts ab. Scheinbar hatten sie selbst auch nicht viel.
Wie meine Eltern zu dem Sack Polenta kamen, weiß ich nicht mehr. Eins ist mir nur in Erinnerung, dass es jeden Tag diesen gelben, trockenen Brei gab. Ich saß lange vor dem Teller und betrachtete den grobkörnigen Brei und Mutter betrachtete mich. Sie warf mir einen ernsten Blick zu, den ich gar nicht mochte. Ihre blauen Augen blitzten, und das hieß nichts Gutes. Das hatte ich sehr schnell erkannt.
Meine Schwester, die drei Jahre älter war, aß brav einen Löffel nach dem anderen. Ich tat ihr gleich, doch ich stopfte alles nur in den Mund. Meine Backen wurden immer dicker, herunter schlucken konnte ich den Brei jedoch nicht. Wenn ich mir das Bild vorstelle, wie ich aussah, muss ich heute lächeln. Doch mir war damals nicht zum Lachen zumute. Ich musste sitzen bleiben, während meine Schwester zum Spielen ins Freie durfte.
Scheinbar konnte meine Mutter meinen Anblick nicht mehr ertragen. Nach einer geraumen Zeit hörte sie sagen: “Jetzt gehst du raus ins Treppenhaus und kommst erst wieder in die Küche, wenn deine Backen leer sind.“ Ich eilte hinaus, und da kam mir die rettende Idee. Ich holte den Brei, der sich links und rechts zu einem Knödel geformt hatte, aus dem Mund und versteckte diese Kugeln geschickt unter der Holztreppe, einen rechts, einen links……
Dann klopfte ich an die Küchentüre, und die Prozedur ging von neuem los. Beim dritten Mal war der Teller leer, und die Knödel waren jetzt gut aufgehoben. Dann durfte ich auch hinaus zum Spielen. Ich hatte wunderbare Helfer, die mich nicht verrieten. Der Polenta schmeckte ihnen scheinbar gut, denn er war am nächsten Tag verschwunden. Auf diese Art und Weise habe ich für arme, hungrige Tierchen gesorgt. Es war immer mein Geheimnis. Aber nach sechsundsechzig Jahren wird es Zeit, es zu lüften.
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