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1. Kapitel – Das Päckchen
 
Grelle Blitze erhellten den Nachthimmel. Donner schallte laut durch die Nacht und Regen ergoss sich wie ein Sturzbach auf die von der heißen Sommersonne ausgetrocknete Erde.
Verwirrt und ängstlich rannten Kyle und Larry durch die lauwarme Nacht. Kyle erinnerte sich nur noch dunkel an den vergangen Abend.
Ihre Sachen waren inzwischen total durchnässt, aber das spürte sie nicht. Sie sah nur Larry vor sich, der eisern ein Päckchen umklammerte, das er in der rechten Hand trug. Dieses Päckchen durfte auf keinen Fall in falsche Hände geraten.
Larry wusste nicht mehr wie er an das Päckchen gelangt war, aber er wusste das er den Inhalt mit seinem Leben verteidigen musste...
Sie erkannten einen Wald und suchten unter den Bäumen Schutz. Doch der Regen wurde durch die dürren, kahlen Äste nicht aufgehalten. So liefen sie immer weiter in den Wald hinein. Alles schien wie tot. Kein einziger Vogel drückte sich schutzsuchend an einen der kahlen Stämme. Kein einziges Blatt flatterte an den knorrigen Ästen. Kein Anzeichen von Leben.
Immer weiterrennend und das Gesicht zum Schutz vorm Regen nach unter gerichtet, wären Kyle und Larry um ein Haar gegen die Felswand gestoßen, die sich senkrecht vor ihnen erhob. Sie liefen daran entlang bis sie beinahe über die Felsbrocken stolperten, die heruntergebrochen waren und den schmalen Eingang zu einer Höhle freigaben. Erleichtert zwängten sie sich hinein und gelangten in eine größere Kammer. Wasser tropfte von der Decke, doch war es ihnen hier drinnen sehr viel wohler... Bis sie einen markerschütternden Schrei hörten und sich entsetzt herumwarfen...
Kyle sah ihren Freund an. Das war doch kein menschlicher Schrei gewesen...
Ja, es war eher ein Heulen!
Sie konnten eine dunkle Silhouette sehen, schwarz, so schwarz wie die Nacht.
Ganz klar, das war ein Wolf!
Komisch, normalerweise kamen Wölfe nicht in diese Gegend, und vor allem nicht alleine!
Doch wider Erwartung tat der Wolf nichts.
Schließlich, als die Spannung kaum mehr auszuhalten war, bewegte er sich gemächlich vorwärts, beschnupperte die beiden Freund und legte sich an den Rand der kleinen Höhle.
Larry seufzte auf, es war keiner ihrer Verfolger... Gott sei Dank!
Kyle war so verwirrt, dass sie sich ablenken musste.
Also ging sie vorsichtig zu dem Wolf, legte sich neben dem schlafenden Tier auf den Boden und streichelte ihn. Jedes Mal, wenn sie ihm durch das seidenweiche Fell strich wurde sie müder. Schließlich schlief sie neben dem leise atmenden Wolf ein, eingekuschelt und umgeben von dem weichen Fell.
Larry drehte sich zu ihr um, weil er sie fragen wollte, was sie nun tun sollten, aber dann sah er, dass sie eingeschlafen war und ließ sie schlafen.
 
Larry träumte wieder davon, wie er durch den kalten Wald gelaufen war, gehetzt von ihnen. Er umklammerte das Päckchen. Sie kamen näher, sie waren hinter ihm...
Etwas kaltes stupste ihm ins Gesicht. Larry fuhr hoch. Erschrocken stolperte er nach hinten, als er den Wolf vor sich sah. Doch dieser blickte ihn nur mit diesem klugen Blick an, den Larry schon vorher so gemocht hatte. Als er sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte, hob er das Päckchen auf, dass er verloren hatte, als er aufgesprungen war, und legte es zu Kyle. Der Wolf beobachtete ihn dabei. Vorsichtig näherte sich der Junge dem Wolf, und dieser blieb einfach stehen. „Du willst uns gar nicht fressen?“, fragte Larry. „Aber wieso bist du hier? Ein Wolf wie du streift doch nicht in diesen Wäldern herum, und schon gar kein zahmer Wolf...“
 
 
„Ich bin kein gewöhnlicher Wolf“, antwortete das Tier. Völlig perplex starrte Larry den Wolf an. Hatte er wirklich gesprochen? Er hatte keine Bewegung wahrgenommen. „Ich spreche zu dir, aber nicht auf die Weise wie ihr Menschen. Nur sehr wenige Menschen besitzen die Gabe, uns zu verstehen. Sie können unsere Gedanken sehen, in unseren Geist blicken. Aber auch nur wenige Tiere vermögen es, ihre Gedanken zu steuern, sodass ihr sie sehen könnt. Unsere Rasse ist fast ausgestorben. Äußerlich unterscheiden wir uns nicht von normalen Wölfen. Du wirst den Unterschied schon noch bemerken...“
Damit wandte er sich ab und ging auf Kyle zu.
Kyle wachte auf und blickte neugierig das Päckchen an. Ja, warum hatte es eigentlich noch niemand geöffnet? Und was war darin?
Zeit, dieses Rätsel zu entlüften!
Der mysteriöse Wolf verfolgte sie mit seinen grauen Augen, als sie ihre Hand ausstreckte, um das Päckchen zu öffnen. Doch kurz bevor sie es öffnen konnte, schnellte das Tier vor und schlug Kyle das Päckchen aus den Fingern.
Dann stürmte es in den Wald, gefolgt von den beiden...
Etwas landete Kyle auf dem Rücken, und vor Schreck stolperte sie. Larry drehte sich um und sah etwas in Richtung Höhle davonfegen. War das der Wolf? Nein! Der Wolf?...war verschwunden! „Hinterher!“, rief Kyle. Sie rannten den ganzen weg zur Höhle zurück. „Es ist in der Höhle! Komm, wir müssen den Ausgang versperren!“ Vor der Höhle angelangt, spähten sie vorsichtig hinein. Aber es war nichts zusehen. Wo konnte das Tier nur hin sein? Larry ging hinein und suchte alle Ecken und Winkel ab. Nichts. Kyle wankte hinterher. „Ich kann nicht mehr, Larry...!“, keuchte sie und setzte sich auf einen Felsbrocken.
 
Kyle schreckte auf und erkannte im Halbschlaf zwei leuchtende Punkte an der Hinterwand der Höhle. Sie schloss die Augen und wollte weiterschlafen, öffnete sie dann jedoch wieder, um zu sehen, ob die Punkte noch da waren. Ja. Sie stand auf, kniff die Augen zusammen und ging vorsichtig darauf zu. Plötzlich sprang ihr etwas entgegen, und vor Schreck schrie sie auf. Larry fuhr hoch. Das Tier sauste nach draußen, und Kyle hatte wieder nicht erkennen können, was es war. Sie beachtete Larry nicht und wollte hinausstürmen und das rätselhafte Tier verfolgen. Doch dann bäumte sich der Wolf vor ihr auf und kläffte sie wütend an. Sie hatte gar nicht gesehen, dass er wieder vor der Höhle gelegen hatte und stolperte zurück. Der Wolf rannte in die Nacht hinaus.
 
Luko ließ ein langgezogenes Heulen ertönen. „Enigma!“ rief er. „Wo bist du?“
„Hier“, kam eine Antwort aus einem Baum über ihm, und lautlos landete die grazile Nebelung vor ihm. „Enigma...“, sagte der Wolf mit einer Mischung aus Vorwurf und Erleichterung in der Stimme. „Das hätte arg schief gehen können! Was, wenn sie den Tunnel entdeckt hätten?!“
„Ich habe doch Acht gegeben! Als der Junge danach gesucht hat, hat er weder ihn noch mich entdeckt! Es ist doch nichts passiert!“
„Und was jetzt? Wir können das Päckchen nicht ewig dort lassen. Uns muss etwas einfallen!“
 
„Verdammt!“, rief Larry wütend. „Wir haben das Päckchen verloren!“
„Warum regst du dich so auf?“, fragte Kyle, die sich von dem Schrecken schon etwas erholt hatte. „Vielleicht war ja gar nichts so wichtiges drin.“
„Rede keinen Mist!“, knurrte Larry wütend. „Sonst hätten die Fremden uns ja nicht verfolgt!“
„Vielleicht wurden wir und sie getäuscht“, meinte Kyle.
„Ach, wieso sollen wir uns jetzt aufregen?“, stöhnte Larry. „Das Päckchen ist fort. Wir hätten es gleich öffnen sollen. Jetzt sind wir in Ungewissheit.“
„Mir ist es egal“, sagte Kyle entschieden, „was darin ist. Zuallererst sollte uns kümmern, was wir jetzt machen.“
Larry zuckte mit den Schultern. „Ich meine nur, dass wir hier nicht bleiben können. Wer weiß, ob der Wolf nicht zurückkommt, um keine Zeugen zu haben.“
„Aber Larry!“ Kyle schüttelte den Kopf. „Der Wolf ist ein wildes Tier!“
„Ist er nicht“, erklärte Larry. „Er hat mit mir geredet.“
„Hat er? Das glaube ich nicht!“ Kyle lächelte.
„War aber so“, konterte Larry. „Und mich würde es wundern, wenn er es nicht auf das Päckchen abgesehen hat. Besser gesagt ’hatte’, denn es ist weg.“
„Na schön“, gab Kyle klein bei, „aber wir sollten uns um was zu Essen kümmern. Außerdem müssen wir die Höhle sichern, ich wüsste nicht, wo wir sonst hingehen sollten.“
„Okay“, stimmte Larry zu.
 
„Wie ist das hier Larry?“, sagte Kyle und zeigte auf einen großen hohlen Baumstumpf.
„Ist der nicht morsch?“
„Ich glaube nicht!“ Sie zerrte daran herum und brach ein längliches Stück heraus.
„Und jetzt“, fragte Larry.
„Ich habe eine Idee. Aber hilf mir erstmal hier.“
Nachdem sie den ganzen Stumpf in Bretter zerlegt hatten, machten sie sich daran, zwei stark verzweigte Äste abzubrechen. Alle Nebenäste brachen sie bis auf ein kurzes Stück ab. Dann klemmten sie diese Pfähle rechts und links neben dem Höhleneingang zwischen Felsbrocken. Von innen legten sie die ’Bretter’ quer auf die Aststümpfe, traten zurück und begutachteten ihr Werk. „Das ist genial, Kyle!“, sagte Larry. Nun merkten sie, wie müde sie waren, und legten sich wieder schlafen.
 
Der Morgen graute bald, und Böses ahnend sahen sie sich in der Höhle und draußen um. Doch vom Wolf und dem anderen Tier war nichts zu sehen. Das blieb auch den ganzen Tag so, und Larry und Kyle glaubten, dass sie wohl nicht wiederkämen, da sie ja das Päckchen hatten. Und so legten sie sich nach einem ereignislosen Tag wieder auf ihre behelfsmäßigen Betten.
 
„Das reicht jetzt!“, zischte Enigma. „Den ganzen Tag habe ich hier regungslos in der heißen Sonne gesessen, keinen Happen gefressen und kaum einen Tropfen Wasser getrunken. Alles tut mir weh vom ewigen Dakauern. Nicht mal putzen konnte ich mich!“ Sie stand auf und lief verkrampft auf und ab.
„Du musst geduldig sein…“, sagte Luko.
„Geduldig? Geduldig soll ich sein?! Also wenn das heute keine Geduld war, dann… Und was haben wir davon gehabt?“
„Hör zu, wenn wir…“.
„Oh nein! Nicht wir, ich! Ich habe ganz allein hier herumgesessen!“
„Jetzt hör mir doch mal zu!“, rief der Wolf gereizt.
„Nein, das ist zu viel! Ich kann nicht länger warten!“
„Warte!“ Doch sie rannte auf die Höhle zu und ließ sich nicht davon abbringen. Sie kroch unter der Tür durch und lief leise zum Tunnel hinter. Doch ein Stein löste sich und polterte auf den Boden. Im nächsten Moment wurde sie gepackt. Sie schrie fürchterlich vor Schreck und kratzte um sich, doch wurde sie in eine Jacke gewickelt und konnte sie nicht mehr bewegen.
 
„Super!“, freute sich Larry. „Jetzt haben wir was zu Essen!“
„Die Katze?“, fragte Kyle unsicher. „Ich esse keine Katzen!“
„Jetzt hör doch mit deinem blöden Vegetariergetue auf!“, murrte Larry. „Hier draußen wirst du wohl nichts Anderes bekommen. Hier gibt´s keine Beeren und davon könntest du dich auch nicht ewig ernähren.“
„Ich werde keine Katzen essen!“, sagte Kyle stur. Die Katze schlug um sich und kratzte wie wild an der Jacke. „Sie zerfetzt sie!“, schrie Larry wütend. Plötzlich durchdrang sie eine Anflut von Kraft und verwandelte sich in wütendes Kreischen: „Lass mich sofort los, du ekelhafter Störenfried! Grr, das werde ich dir heimzahlen.“
„Was war das?“, stotterte Kyle, als das Gefühl wieder abgeflaut war, auch sie hatte es gespürt. „So“, meinte Larry unsicher, „ist es auch bei dem Wolf gewesen. Aber wir können sie nicht freilassen. Wir brauchen Nahrung!“
„Willst du etwa ein sprechendes Tier essen?“, durchdrang sie wieder eine Stimme. Es war jedoch nicht die wütende Aura der Katze, die durch sie hindurchfegte, sondern die kalte, ruhige Macht eines anderen Tieres. Des Wolfes. Die beiden drehten sich um. Da stand er, die Absperrung war verschwunden. „Wir...“, stammelte Kyle. „Was ist hier los?“
„Das geht dich nichts an!“, fuhr der Wolf sie an. Dann blickte er starr zu Larry, und dieser blickte zurück. „Lass sie frei!“, befahl der Wolf, „wenn dir dein Leben lieb ist!“
„Nein!“, sagte Larry. „Das... das... das...“, er wollte irgendwas sagen, aber wusste vor Schreck, Empörung und Verwirrung nicht, was.
„Was zum Teufel ist hier los?!“, rief Kyle und riss Larry die Jacke aus der Hand, um sich Gehör zu verschaffen. Doch dabei fiel die Katze heraus, sah kurz verwirrt und abschätzend Kyle an, dann, mit einem bösen Blick auf Larry, setzte sie zum Sprung an.
„Nein!“, rief der Wolf. „Höre dieses eine Mal auf mich...!“ Enigma sah betrübt zu Boden und hielt Inne. Sie hatte sich mehr als einmal Lukos Willen widersetzt und war des öfteren in glimpfliche Situationen geraten. Diesmal konnte der Wolf gerade noch einspringen - nicht nur ihres Lebens wegen.
„Ich höre?“, schimpfte Kyle und sah Larry wie eine strenge Mutter an.
„Frag ihn!“, sagte dieser und zeigte auf den Wolf. „Oder noch besser sie!“ Er deutete auf die Katze, die ihn mit einem wütenden Knurren warnte, ihr mit seinen Finger auch nur einen Zentimeter näher zu kommen. Der zerzauste Schwanz peitschte wild über den Boden, und ihre leuchtend grünen Augen funkelten vor Hass. Luko sah sie an, und dieser Blick genügte, um ihr zu verstehen zu geben. Sie ging, leicht schwankend, hinaus.
„So, und nun?“, sagte Kyle.
„Ihr dürft nie mehr herkommen, und schon gar nicht erzählen, was ihr erlebt habt“, meinte der Wolf entschieden. „Wir sollen gehen? Das können wir nicht!“ Wütend blickte Larry auf den Wolf. „Wir brauchen das Päckchen!“
„Und selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht zurück...“
„Wieso?“, fragte der Wolf.
„Ich... bin mir nicht sicher“, stammelte Kyle. „Wir können uns an nichts erinnern, aber was wir wissen, ist: Wir dürfen nicht zurück!“
„Und was wir auch wissen“, Larry funkelte böse, „ist, dass wir das Päckchen brauchen, um unser Leben wieder normal zu machen, was auch immer geschehen ist!“ Der Wolf starrte sie an. „Ist es möglich?“, murmelte er.
„Was soll möglich sein?“, fragte Kyle verunsichert.
„Nichts!“, rief der Wolf. „Aber zurück scheint ihr nicht zu können und zu wollen.“
Luko seufzte, schaute alle nacheinander an und überlegte eine Weile. Dann gähnte er auf typisch wölfische Weise und meinte: „Also, eines ist klar, wir können euch nicht mitnehmen. Ihr bleibt hier!“
„Menschen verhungern ziemlich schnell.“
Luko verdrehte die Augen. "Wir werden euch etwas zu Essen bringen, schließlich kennen wir den Wald."
Enigma plusterte sich auf und wollte schon frech zurückreden. Doch Luko schnitt ihr das Wort ab mit einem energischen „Wir gehen!“
 
„Wohin solltet ihr uns denn mitnehmen?“, fragte Kyle hoffnungsvoll, doch der Wolf hatte sich schon umgedreht, und die Katze war schon wütend hinausgelaufen.
„Das ist doch nicht normal!“, rief Larry sauer. „Wir lassen uns von einem Wolf versorgen!“
„Nimm es einfach hin“, tat Kyle das ab. „Es ist unsere einzige Chance, zu überleben.“
Larry schnaubte und zog sich dann in den hinteren Teil der Höhle zurück, wo er Trübsal blies. Er lehnte sich gegen die Wand und... fiel hindurch. Er wollte schreien, doch etwas presste ihn zusammen, und alles wurde schwarz vor seinen Augen. Er schloss die Augen und hatte ein Gefühl, als würde er durch die Luft geschleudert, dann traf er hart auf.
 
„Larry?”, rief Kyle unruhig. „Larry! Ich hasse Versteckspiele! Komm raus. Ich weiß ja, dass du gekränkt bist, aber lass uns uns wieder vertragen!“ Doch Larry kam nicht. Bis zum Abend durchsuchte Kyle die Umgebung der Höhle. Während sie geschlafen hatte, musste er sich hinausgeschlichen haben. Und dann kam der Wolf zurück. Er hatte ein großes stück Fleisch im Maul und die Katze neben ihm trug einen Korb mit Beeren. „Wo ist dein Freund?“, fragte Enigma barsch.
„Ich habe ihn gesucht, aber er ist nicht da!“, seufzte Kyle. Die beiden Tiere wechselten Blicke. „Ich glaube“, meinte die Katze, „du hättest die beiden vertreiben sollen!“
„Sei still!“, gebot der Wolf. „Ich glaube, wir sollten ihr erklären, worum es hier geht.“
Prüfend sah Luko Kyle an, und dann Enigma. Sie schloss leicht die Augen, um ihr Einverständnis zu zeigen, ging dann auf die Höhlenwand zu und war einfach verschwunden. Verdutzt sah Kyle auf die Wand. „Was war das? Jetzt versteh ich gar nichts mehr!“
„Na komm!“ Luko stieß sie mit der Schnauze an. Sie trat vorsichtig an die Wand und streckte zaghaft die Hand danach aus. Luko rollte genervt die Augen. „Ich will nicht verantwortlich dafür sein, dass Larry da unten mit Enigma allein ist!“, sagte er und schubste Kyle vorwärts, ehe sie irgendwas darauf erwidern konnte. Mit einem sehr üblen Gefühl in der Magengegend landete sie unsanft auf dem Boden. Sie blickte auf und fuhr erschrocken zurück, als sie Enigmas grüne Augen nur etwa zehn Zentimeter entfernt gebannt in die ihren starren sah. „Was ist?“, fragte Kyle verwirrt.
„Nichts!“, sagte die Katze rasch, „nichts...“
„Wo ist Larry?“, fragte Luko, der hinter Kyle gelandet war.
„Ich habe wirklich keine Ahnung!“, verteidigte sich Enigma. Kyle sah sich verschreckt um. „Aber er muss doch irgendwo sein! Wo sind wir überhaupt?“
 
2. Kapitel – Die andere Welt
 
„Wir sind in Ziranza, der anderen Welt“, erklärte Luko gelassen.
„In was?“, fragte Kyle.
„Der Welt der Mythen und Legenden. Selbst in euren Büchern sollte etwas darüber stehen.“ Enigma rollte genervt die Augen.
„Nein...“, meinte Kyle.
„Ich hätte nicht gedacht, dass eure Welt diese so vergessen hat“, sagte Luko. „Um es einfach auszudrücken: Dies ist die Welt, die neben der euren in einer anderen Wahrheitsebene existiert. Hier werden Fabeln und Geschichten wahr, diese Welt sprüht nur so vor Magie.“ Der Wolf lies den Kopf sinken. „Im Gegensatz zu der euren. Aus eurer Welt ist das Magische fast verschwunden und von Technik überrannt worden.“
„Ganz genau!“, rief Enigma wütend. „Diese schöne Welt, in der einst die mächtigen Drachen gelebt haben.“
„Drachen?“, fragte Kyle ungläubig. „Aber das ist unmöglich! Und selbst wenn es so wäre, was können wir Menschen denn dafür, das es keine mehr gibt?“
„Ihr verachtet doch alles Magische!“, warf ihr Enigma wütend vor. „Ihr habt Angst vor allem, was ihr nicht erklären könnt. Darum vernichtet ihr es und schirmt euch ab. Früher lebten Drachen und Urmenschen nebeneinander her. Die Urmenschen wussten nichts von den Drachen, bis sie sie trafen. Anfangs lief alles friedlich. Die Menschen lernten viel von den Drachen. Doch dann wurden sie größenwahnsinnig, durch den Verstand, den sie erlangten. Sie konnten sich die Drachen nicht erklären. Also haben sie sie ausgerottet, die Menschen haben sie praktisch mit Maschinen verdrängt. Einige konnten in die Parallelwelt, Ziranza, fliehen. Doch die andere Welt zerstörten die Menschen. Oder besser gesagt, sie leben noch immer in dieser verdreckten, abgeschirmten Welt.“
„Enigma hat es auf den Punkt gebracht“, meinte Luko. „Die Menschen sind so weit gegangen, dass sie seit kurzer Zeit durch die Maschinen auch uns, unwissentlich, beeinflussen. Und da können uns nur das Päckchen und zwei Auserwählte helfen, doch diese Auserwählten müssen aus der anderen Welt stammen, aus eurer. So sagt es der erste Teil der Prophezeiung...“
Plötzlich stutzte Luko, hielt mitten in der Bewegung Inne.
„Zwei Auserwählte aus der anderen Welt...“, murmelte er leise vor sich hin...
Enigma schaute ihn mit großen Augen an. „Luko, du meinst doch nicht...?“
Dieser schaute sie mit leeren Blick an und wisperte: „Doch, es muss so sein...“
„Nein!“, meinte Enigma entschieden. „Das muss anders sein! Das kann nicht wahr sein!“
„Am besten, wir bringen Kyle vorerst zum Rat der Elfen. Da ist sie am sichersten, und dann sollten wir Larry suchen“, sagte der Wolf.
„Was ist hier los?“, fragte Kyle verwirrt. „Was soll mit uns sein? Und wo ist Larry?“
„Das ist jetzt nicht so wichtig!“, meinte Luko.
„Ich möchte es aber wissen!“, flehte Kyle. Doch der Wolf überging dies einfach. Er lief einfach quer über die Wiese davon. „Halt!“, rief Kyle, als auch die Katze hinter ihm herlief. Das Mädchen rannte hinter ihnen her und sah sich auf der Wiese um. In der Richtung, in der sie liefen, lag der Wald, groß, dunkel und grün. Hinter ihnen war eine hohe Klippe, die sich bis zum Horizont zog... Und auf der Klippe schien die Wiese weiterzugehen. Links und rechts von ihnen war nur die ewige Wiese. „Das ist eher die Welt der Wiese“, dachte Kyle scherzhaft. Als sie die beiden anderen eingeholt hatte, waren sie vor dem Wald stehen geblieben. „Der verwunschene Wald“, murmelte Enigma.
„Ja, man muss hindurch, wenn man zum Reich der Elfen will, man kann nicht darüber fliegen und auch nicht durch Teleportieren.“
„Bist du dir sicher...?“, fragte Enigma sichtlich nervös.
„Ja, das bin ich“, sagte der Wolf entschieden.
„Da rein?“ Kyle trat einen Schritt nach vorn.
„Genau, dort dringt die Macht der Maschinen noch nicht so stark durch, und die Verteidigungsmagie der Elfen ist sehr stark“, erklärte Luko.
„Ähm...“ Kyle verstand kein Wort.
 
„Komm einfach mit“, sagte Luko zu Kyle. Sie traten in den Wald hinein. Ein silbriger Nebel bedeckte den Boden. Er wurde aufgewühlt wie eine Staubwolke, als sie hindurchliefen, danach senkte er sich wieder ab. Riesige Bäume mit dichten Kronen verdeckten den Himmel. Trotzdem war es nicht besonders dunkel, es war, als wäre der Wald von einem inneren Leuchten erfüllt. Eine Spannung lag in der Luft, und es war merkwürdig still. Kein Vogel sang, kein Insekt summte oder zirpte, nicht einmal die Kronen der Bäume rauschten. Es war eine sehr beunruhigende Atmosphäre, als würden sie beobachtet. Kyle glaubte, unzählige Augen im Rücken zu spüren, doch als sie sich umdrehte, war da nichts, keine Bewegung, kein Laut. Sie blickte in die Baumkronen hoch, kein Blatt bewegte sich. Sogar der Nebel lag fest auf dem Boden. Daher sah sie nicht richtig, wohin sie trat, und stolperte. Über eine Wurzel, wie sie dachte. Doch als der Nebel hochschwebte, erkannte sie, dass keine Wurzel da war, auch kein Stein oder Sonstiges. Der Boden war vollkommen glatt. Aber fast im selben Moment sah sie, wie etwas den Nebel aufwühlte und davonhuschte, dann legte dieser sich, und alles war still und regungslos wie zuvor. "Was war das?", hauchte Kyle erschrocken. "Luko!", wimmerte sie und drängte sich ängstlich an den großen Wolf heran. Enigma war ihnen einige Meter voraus gegangen und blieb nun stehen. Luko und Kyle blieben ebenfalls stehen. Der Wolf nickte Enigma zu. Diese kam angelaufen, blieb vor Kyle stehen und tappte einen Moment unsicher vor ihr hin und her. Dann hüpfte sie auf Lukos Rücken. Als Kyle sah, wie die Pfoten der Katze im Wolfsfell verschwanden, fiel ihr zum ersten Mal auf, welch dickes Fell Luko hatte. Enigma stellte sich auf die Hinterbeine und lehnte die Vorderpfoten an Kyles Brust. Diese nahm die Katze verwirrt auf den Arm, und Enigma zwinkerte ihr kätzisch zu. Langsam bemerkte Kyle, welch beruhigende Wirkung von der warmen, weichen Katze ausging und strich ihr vorsichtig durch das leichte, seidige Fell. Sie entspannte sich etwas, und Luko ging weiter.
 
Nach einer langen Weile blieb Luko stehen. „Was ist?“, fragte Kyle, die nichts Besonderes in ihrer Umgebung sah. „Ich sehe keine Elfenstadt.“
„Das kommt daher“, erklärte Enigma, die sich in Kyles Arm räkelte, „dass die Elfen sich tarnen.“
„Aber wie kommen wir dann hinein?“ Verwirrt blickte Kyle zu Luko. Dieser meinte nur: „Sie werden uns einlassen.“ Und tatsächlich. Sobald er das gesprochen hatte, verwandelte sich eine große, dunkle Eiche vor ihnen in einen hohen Turm. Kyle war davon so erschrocken, dass sie schon im Begriff war, davonzulaufen. „Das ist doch nicht möglich“, meinte sie.
„Ist es doch“, erwiderte Enigma und sprang aus ihrem Arm. Sie lief auf den Turm zu und huschte durch die Wand hinein. „Wow!“, rief Kyle. „Sie ist durch die Wand gegangen!“
„Nicht durch die Wand.“ Luko trat ebenfalls auf den Turm zu, dieser war schneeweiß. „Durch den Eingang!“
„Aber...“ Doch da war Luko schon verschwunden. Schnell beeilte sich Kyle, ebenfalls nachzukommen, und blieb vor dem Turm stehen. Dann drückte sie sich dagegen und... fiel hindurch. Sie öffnete die Augen und fand sich auf eben so weißem Fußboden, wie der Turm es gewesen war. Sie blickte auf und sah eine prachtvolle Stadt in den Farben Silber, Gold und Weiß. Sie lag auf einem großen, leeren Platz, und neben ihr standen Luko und Enigma. „Das ist“, staunte sie einfach nur, als sie sich aufrichtete, „unglaublich!“ Überall vor ihr ragten weißgoldene Häuser auf, und die Türen waren aus Gold. Die Dächer waren flach, sodass man darauf stehen könnte, und am Ende des Platzes stand ein prachtvolles Schloss. „Willkommen in Erestea, der Hauptstadt der Elfen“, sagte Luko und blickte zum Schloss.
„Ich habe mir Elfenstädte ganz anders vorgestellt“, erklärte Kyle. „So mit Bretterhäusern und auf Bäumen. Aber auch mehr Elfen. Hier scheint alles so leer.“
„Nun ja“, meinte Enigma ernst, „normalerweise herrscht hier immer viel Getummel. Es ist seltsam, dass die Straßen so leer gefegt sind.“
„Etwas muss geschehen sein“, verkündete Luko unheilvoll. Erst jetzt wandte er seinen Blick vom Schloss ab und sah Kyle und Enigma ernst an. „Hier ist es nicht mehr sicher.“
Plötzlich streckte Luko seine Nase in die Luft, knurrte ein kurzes „Wartet hier!“ und rannte in eine der vielen kleinen Seitengassen. Enigma maunzte auf. „Das gibt es doch nicht! Wie ein streunender Hund! Luko kann nicht eine Sekunde ruhig stehen bleiben! Anders als wir Katzen. Wir können das...!“ Enigma schwärmte noch eine Weile über Ihresgleichen, doch Kyles Gedanken waren schon ganz woanders. Sie blickte sich um. Neugierig ging sie in dieselbe Seitengasse, in der Luko verschwunden war, alle seine Warnungen in den Wind schlagend. „Hey!“, schrie Enigma hinter ihr her, doch das hörte sie schon nicht mehr ...
 
Als sie weiterging, sah sie einen Hof, doch anders als die anderen Gebäude war er nicht weiß oder golden, sondern schwarz und verbrannt... völlig zerstört...
Mitten in dieser Schwärze stand Luko, gebeugt über einigen Holztrümmern, die hier überall herumlagen.
Kyle zauderte, denn sie spürte plötzlich eine Welle von Hass und Trauer. Viel zu spät bemerkte sie, dass diese nicht ihre eigenen Gefühle waren, sondern Lukos.
„Das Haus der Königin“, murmelte Luko leise. „Sie haben die Königin entführt!“
„Wer ist sie?“, wollte Kyle fragen, doch Enigma rannte zu einem Trümmerhaufen, der wie ein Mahnmal aus dem Schutt herausragte, und zeigte darauf. Ein Drachenkopf war in das Holz hinein gebrannt worden, und darunter eine kleine Schale mit einer roten Flüssigkeit, Blut...
„Das ist nicht irgendein Blut! Es heißt, wer das Blut der Elfenkönigin getrunken hat, verfügt eine gewisse Zeit lang über magische Kräfte. Zitor, der Drachenkönig, ist schon lange hinter ihr her...“, erklärte Luko.
„Doch bis heute hatte er es nicht geschafft, sie zu bekommen. Irgendetwas muss ihm geholfen haben. Oder irgendwer“, fügte Enigma hinzu.
„Wer ist Zitor?“ Kyle sah verwirrt zu Enigma, dann zu Luko.
„In diesem Land gab es einst zwei große Völker, die gegeneinander Krieg führten. Die Elfen und die Drachenkrieger. Zitor ist der Anführer der Drachenkrieger. Er möchte den Thron der Erathea, doch den wird er nicht bekommen, solange die Elfen zu stark sind.“
„Und jetzt sind sie nicht mehr stark?“, wollte Kyle wissen.
„Ich weiß es nicht. Wir müssen die Elfen finden. Sie sind geflohen.“ Damit drehte Luko seine Schnauze in den Wind und begann zu wittern.
„Aber wo sollen wir denn suchen?“, fragte Kyle ganz verzweifelt. „Und wo ist Larry?“
„Ach ja, der Menschenjunge.“ Enigma sah Luko an, der sich umgedreht hatte. „Ich hoffe, er ist bei den Elfen. Im Moment ist er dort am sichersten.“
„Aber was sollen wir nun tun?“, fragte Kyle trübselig. Luko seufzte laut. „Es ist an der Zeit, dir die Legende der Welten vollständig zu erzählen, aber nicht hier. Ich denke, Animalia ist der beste Ort dafür.“
„Animalia?”, fragte Kyle.
„Ein recht abgeschiedener Teil von Ziranza. Aber dennoch groß. Es ist so etwas wie die Hauptstadt der Tiere von Ziranza.“
„Aber die Reise dauert zu lange“, wandte Enigma ein.
„Nicht, wenn wir die Ginuen fragen.“
„Die Gi – was?“
„Die Ginuen“, erklärte Enigma Kyle. „Sie leben im Sumpf des Waldes. Und sie sind treue Anhänger der Elfenkönigin. Bestimmt werden sie uns helfen. Mit ihrem Flügelbau schaffen sie große Strecken in kürzester Zeit. Außerdem sind sie eine entfernt mit den Drachen verwandte Art, krokodilartig.“
„Im Schloss müsste noch ein Rest der Teleportermagie sein“, überlegte Luko. „Damit sollten wir die kurze Strecke zu den Ginuen schaffen, ein Weg durch den Sumpf ist zu gefährlich.“ Die Truppe setzte sich in Bewegung. Luko voraus, dann Kyle, und das Schlusslicht bildete Enigma. Sie schlängelten sich durch die engen Gassen, und dann öffnete sich vor ihnen wieder der große Platz. Und am hinteren Ende des Platzes schraubte sich das gewaltige, goldene Schloss in die Höhe. Der Platz war völlig leer, und rechts und links am Ende des Platzes standen große, aber im Gegensatz zum Schloss winzige Villen, und nicht halb so prachtvoll wie das Schloss. Luko ging geradewegs auf die riesige Flügeltür zu und schlüpfte durch den Schlitz des linken, leicht geöffneten Flügels. Kyle folgte ihm, und Enigma schlüpfte hinterher. Eine große Eingangshalle tat sich auf...
 


3. Kapitel – Larrys Veränderung
 
Enigma blieb schlagartig stehen und ließ einen knurrenden Drohlaut ertönen. Luko sah sie an und witterte. Doch schon war die Katze losgerast und verschwand um die Ecke. Luko rannte hinterher, Kyle natürlich auch. Als sie Enigma eingeholt hatten, stand diese mit gespreizten Beinen, angelegten Ohren und extrem aufgeplustertem Fell vor einer Wand, an der, zu Kyles großer Überraschung, Larry stand. „Larry!“, rief sie völlig aufgelöst und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie stotterte ihn an, und ihre Augen weiteten sich, als sie entdeckte, was er in der Hand hielt: Das Päckchen! „Oh... Larry...! Das ist ja... das ist ja...!“ Doch mit sterbender Stimme stellte sie fest, dass Larry keine Anstalten gemacht hatte, sie zu begrüßen, ja, überhaupt nichts gesagt hatte und sie die ganze Zeit nur regungslos mit kaltem Blick anstarrte.
„Larry...?“ Sie ging auf ihn zu... Wie in Zeitlupe sah Enigma, wie Larry hinter seinen Rücken griff, und alles war für sie klar. „Neeeeiiiin!!“, schrie sie, sprang Larry an, und stieß sich von ihm weg, um dann gegen Kyle zu springen und die beiden auseinander zu treiben. Das alles geschah innerhalb etwa einer Sekunde. Kyle war außer sich, dass Enigma Larry immer noch so verabscheute und wehrte mit dem Arm die sie anspringende Katze ab. Doch das war ein sehr unheilvoller Treffer. Sie traf Enigma mit voller Wucht am Kopf, diese schlug gegen die Wand und blieb regungslos liegen. Luko hatte nichts anderes als Enigmas Schrei und das Klirren des herunterfallenden Drachenzahn gehört. Was er sah, kapselte ihn von allem anderen ab, und die Geräusche klangen fern. Am Zahn war Blut. „Nein...!“, hauchte er. Kyle starrte die Katze an und brach kurz darauf in Tränen aus. „Was habe ich getan?!“, schluchzte sie und fiel vor Enigma auf die Knie.
„Gar nichts!“, rief Luko und verbiss sich mit lautem Kläffen und Knurren in Larrys Arm. „Was tust du denn?!“, schrie Kyle. Larry riss sich los und rannte in einen anderen Raum. Luko hinterher. Doch er kam kurz danach mit hängendem Kopf wieder heraus. „Er ist entkommen. Mit dem Teleportkristall.“
„Könntest du mir bitte endlich erklären, was du meinst? Warum hast du ihn angegriffen, warum hat er mich angegriffen?!“
„Er ist jetzt nicht mehr er selbst. Er ist zu den Drachenkriegern übergelaufen“, seufzte Luko. „Jetzt haben wir keine Zeit mehr! Er hat das Päckchen. Ohne das können wir Ziranza nicht helfen. Nimm Enigma und komm! Aber beeil dich! Und sei vor allem leise!“ Luko wendete den Kopf in alle Richtungen. Schnuppernd sicherte er, ob sie allein waren. Dann drehte er sich um und lief los. Kyle nahm die reglose Katze auf den Arm und versuchte, möglichst leise zu folgen...
„Was ist mit ihr passiert, Luko?“, fragte Kyle und blickte besorgt auf Enigma, die schlaff in ihrem Arm hing. „Wenn sie nicht so warm wäre, dächte ich, sie wäre tot. Ja, sie ist sogar sehr warm. Zu warm, wenn du mich fragst.“
„Gift. Die Wunde durch den Zahn ist tief, würde jedoch nicht ihr Leben gefährden. Es ist das gestaute Gift des toten Drachen, das ihr hohes Fieber bereitet.“
„Eines toten Drachen? Warum denn eines toten?“
„Erstens hätte nicht mal der König der Drachenkrieger einem lebendigen Drachen einen Zahn herausbrechen können. Übrigens sind auch nur wenige Drachenarten giftig. Und zweitens produziert ein Drachen nach dem Tod weiterhin Gift. Da er es nicht loswerden kann, indem er irgendwo reinbeißt, staut es sich. Somit ist im Zahn eines toten Drachen sehr viel mehr Gift als in dem eines lebenden. Es durchströmt Enigmas ganzen Körper und wird sie töten. Bald.“
„Aber... aber... was?! Wie kannst du da so ruhig bleiben? Wir müssen etwas tun!“
„Nur keine Panik. Lass sie sterben. Damit wird es nicht zu Ende sein. Eine Katze hat mehr als ein Leben, es gibt ein Mittel, ihren Tod zu besiegen. Doch das kann ich dir nicht hier erzählen. Klettere auf meinen Rücken.“
„Glaubst du, dass du mich tragen kannst?“
„Ich muss“, sagte Luko mit einem verbitterten Lächeln. Kyle tat, was er sagte, und der Wolf sprintete davon.
 
„Wir sind da. Dies ist der Sumpf der Ginuen.“ Hochbeinige Krokodile mit seltsamen Flügeln kamen aus dem Boden gekrochen. Kyle hatte zu viel erlebt, um Angst vor ihnen zu haben. Kurz und hastig redete Luko mit einem der Ginuen. Dann gingen vier von ihnen davon und kamen, mit einer Gondel an Seilen zwischen sich hängend, zurückgeflogen. Sie flogen äußerst merkwürdig: Sie schlugen die Flügel abwechselnd und schaukelten hoch und runter und gleichzeitig hin und her. Entsprechend wackelte die Gondel, die sie trugen. Kyle wurde schon bei diesem Anblick schlecht. Doch als Luko dann während des Fluges weiter erzählte, vergaß sie das Schaukeln. „Es wird Zeit, dass du erfährst, was in dem Päckchen ist. Ich sagte, dass die Drachenkrieger die Drachen versklavten. Es gab eine andere Form von Drachen, die Caladren. Sie stammen aus der Zeit vor den Drachenkriegern, doch dies ist lange, lange her und sie sind alle verschwunden. Nun, bis auf eine.“ Gebannt starrte Kyle Luko an und wartete, dass er weitersprach. „Diese eine letzte Caladra, von der wir wissen, ist in einem Kristall eingeschlossen. Und dieser befindet sich... dreimal darfst du raten... in dem Päckchen. Die Caladra ist wild und frei, und würde sich nicht von den Drachenkriegern kontrollieren lassen. Aber das ist nicht alles. Sie hätte als einziges Wesen dieser Welt - und auch der anderen - die Fähigkeit, den Willen der versklavten Drachen zu neuem Leben zu erwecken. Sie besitzt Urmächte, die niemand bezwingen kann. Natürlich haben die Drachenkrieger davor Angst und wollen die eingeschlossene Caladra vernichten. Daher muss sie unbedingt befreit werden. Das ist die einzige Hoffnung, die Elfen, die Drachen, alles andere was die Drachenkrieger womöglich noch angreifen werden, und auch Enigma, zu retten. Die einzige, die es vermag, die Caladra zu befreien, bis du, Kyle.“
„Ich?“, fragte Kyle ungläubig. „Wieso ich? Und wieso Larry?“
„Eine uralte Prophezeiung hat verkündet, dass die Welt Ziranza von den Drachenkriegern eingenommen wird, aber niemand hat es geglaubt, genauso wenig wie niemand geglaubt hat, dass ein Mensch, noch dazu ein Kind, die Welt Ziranza retten könnte.“
„Luko“, Kyle sah den Wolf bittend an, „du sagst immer, die Welt Ziranza. Aber nie redest du von unserer Welt, der Welt der Menschen.“ Luko seufzte. „Also schön. Ich werde dir erzählen, was passieren wird.“ Er blickte für einen Moment in die unendliche Weite der Welt, als sie über den hohen Wipfeln der Bäume des Elfenwaldes auftauchte. Dann bat er die Ginuen: „Haltet euch dicht über dem Wald, so können uns die Drachenkrieger nicht so schnell erkennen, sollten sie Späher nach uns aussenden.“
„Wieso wollen sie uns denn vernichten?“, fragte Kyle. „Sie haben doch den Kristall!“
„Tja, aber nicht denjenigen, der ihn zerstören kann, dich.“
„Wieso denn ich?“
„Sie dachten wahrscheinlich zuerst, Larry wäre es. Das erklärt auch den Grund, warum sie ihn nicht getötet, sondern hypnotisiert haben. Doch dann haben sie in seiner offenen Aura gelesen, dass er es nicht ist. Aber zurück zu deiner Frage. Die Welt der Menschen wird in ihrer Technik untergehen. Sie haben die Magie vergessen und das Mana, das die Welten durchströmt, auch. Das Mana ist die Urenergie allen Lebens, ohne Mana zerfällt alles. Und durch die Technik in eurer Welt wird das Mana verseucht und wird knapper. Doch es geraten immer mehr Rinnsale von verseuchtem Mana nach Ziranza. Und die einzigen, die es reinigen können, sind die Drachen. Und die können nur durch die Caladra befreit werden. Doch auch die Drachenkrieger haben vorgesorgt. Sie haben die Drachen in ihren Elementen und Gaben eingeschlossen.“
„Wie machen sie das denn?“
„Dazu muss ich etwas weiter ausholen. In Ziranza ist es genau wie in eurer Welt, oder wie es in eurer Welt war. Es gibt bestimmte Punkte, an denen ist es ganz heiß, und andere, an denen ist es eiskalt oder windig oder dort tobt die Natur. Es gibt viele Arten von Drachen, aber kommen wir dazu später. Die Drachenkrieger bannten die Drachen in ihr jeweiliges Element. Nehmen wir zum Beispiel die Eisdrachen Karitos’. Sie bannten sie in den eisigen Norden, in die tiefen Eishöhlen und entzogen ihnen ihre Kräfte.“
„Aber was wollen die Drachenkrieger damit erreichen? Außer, dass sie die Drachen ausrotten?“
„Habe ich das nicht schon einmal gesagt? Sie wollen über Ziranza herrschen, eure Welt ist ihnen egal, sie zerfällt sowieso. Sie wollen eine Epoche der Finsternis, oder wie sie es nennen, des Rumreichen Zeitalters - Vorsicht! Wir beschleunigen!“, rief er plötzlich aus. Zuerst sah es gar nicht danach aus, dass sie beschleunigten. Sie standen in der Luft und schaukelten hin und her. Dann wurden die Flügelschläge der Ginuen schneller und schneller, und plötzlich schoss die Gondel blitzartig davon....
 
Krampfhaft hielt Kyle sich an den Seiten fest. Himmel, dachte sie, wenn das so weiter geht, wird mir übel.
Doch nach ein wenig Zeit hatte Kyle sich an das schnelle Schaukeln gewöhnt und konnte sich wieder entspannen. „Wohin fliegen wir eigentlich?“, wollte sie wissen.
Luko blickte sie an und sagte dann: „Wir fliegen nach Sarajana, der Festung der Drachenkrieger. Wenn wir wirklich Ziranza retten wollen, müssen wir dort hinein und an das Päckchen kommen. Sarajana liegt weit außerhalb, im Norden Karitos’. Die Festung ist nicht zerstörbar, nur der Atem der Feuerdrachen kann sie zerfallen lassen, denn die Festung ist aus Eis und Stein.“
„Wie viele Drachenarten gibt es? Und wo leben die alle?“ Kyle war nun sehr neugierig.
„Insgesamt gibt es vier Arten Drachen, aber sie haben sich entwickelt und noch sehr viele Unterarten gebildet. Keiner weiß genau, wie viele es inzwischen sind. Die vier Urdrachen sind die Eiscaladra, Feuercaladra, Erd-Sturmcaladra und die Wassercaladra. Jeder dieser Drachen hat eine besondere Gabe, jeder steht für ein Element. Ziranza kann nur überleben, wenn alle vier noch leben. Wird auch nur einer sterben, können wir nichts mehr tun. Wir wissen nur noch von einer Caladra, wo sie sich befindet. Wir können nur hoffen, dass die anderen drei noch leben und wir sie aufspüren können.
Deshalb müssen wir so schnell wie möglich handeln! Halt dich fest, wir gehen tiefer.“ Damit kauerte sich Luko auf den Boden und schwieg.
Sie setzten hart auf. Und als Kyle sich wieder traute, über den Rand der Gondel zu blicken, sah sie eine eisige Steppe, die über und über mit Schnee bedeckt war. Weit hinten war eine hochaufragende Mauer zu sehen, grau, fast schwarz. Davor liefen Gestalten herum, von denen Kyle aus der Entfernung nicht sehen konnte, was sie waren. Im Moment standen sie hoch auf einer Klippe. Und als sie und Luko ausgestiegen waren, flogen ihre Gehilfen davon. Da fiel Kyle wieder eine Frage ein: „Wenn sie mich doch haben wollen, warum nimmst du mich dann mit?“
„Nun, ich denke, du bist die einzige, die ihnen den Kristall abnehmen kann. Sie werden ihn bestimmt nicht für jeden erreichbar machen, aber sie wollen dich ja haben. Darum bin ich mir sicher, dass sie ihn nur für dich zugänglich gemacht haben. Es ist eine raffinierte Falle, trifft aber zu. Wir müssen uns hüten.“
„Wie sollen wir über die Mauer kommen?“
„Ich denke, vorerst sollten wir den Aufstand der Eisfeen aufsuchen, der schon lange den Plan hat, in die Feste einzubrechen. Sie leben ein Stück entfernt von hier und der Festung.“
 
 
4. Kapitel – Kyles wahre Natur
 
Der kalte Nordwind pfiff, und Kyle fror. Doch Enigmas Fell wärmte sie. „Es ist nicht mehr weit. Siehst du den Hügel dort? Da müssen wir hin!“, übertönte Luko das Heulen des Windes. Kyle nickte nur. Ihre Finger waren steif. Verzweifelt grub sie die Hände noch tiefer ins Fell der leblosen Katze in ihren Armen. Ihre Augen tränten. Kaum konnte sie erkennen, wo sie hinlief. Doch dann blieb Luko auf dem Hügel stehen.
„Wo soll denn hier ein Stützpunkt sein?“, fragte Kyle.
„Du kannst ihn nicht sehen, er ist unterirdisch. Sei jetzt still, ich werde schon alles regeln!“
Dann senkte er seine Schnauze und begann - ja- was eigentlich? Er gab Geräusche von sich, die Kyle noch nie gehört hatte. Eine Mischung aus Fiepen, Flüstern und Heulen. Kyle hielt sich die Ohren zu und schloss die immer noch tränenden Augen...
Als sie sie wieder öffnete, hatte sich vor ihnen ein Eingang gebildet. Ein Kriechtunnel war es und kaum breiter als 60 cm. „Da rein?“, fragte Kyle verwundert.
„Ja, komm schon!“ Luko war bereits vorausgeeilt. Seufzend ließ sich Kyle auf ihre Knie nieder und krabbelte, Enigma unter einen Arm geklemmt, dem Wolf hinterher...
Nach vielen Metern, Kyle spürte ihre Knie schon nicht mehr, konnte sie endlich das Ende des Ganges sehen. Luko hatte es schon erreicht, hatte sich gestreckt und schüttelte jetzt sein Fell. Auch Kyle kam nun herausgekrochen und erhob sich.
Sie standen in einem Raum, er war aus purem Eis. Dennoch war es hier angenehm warm, und der Raum strahlte kaum Kälte ab. Erst, als sie die kleinen flatternden Feen erblickte, wusste sie, warum. Die kleinen Geschöpfe waren etwa so groß wie Kyles Gesicht, die Haut schimmerte in vielen Tönen. Kyle erkannte blau und orange, violett und grün. Ihre Körper sonderten Wärme ab, damit sie in dem ewigen Eis nicht erfroren. Kyle wollte eine der Feen berühren, doch sie zuckte sofort wieder zurück. Die Fee war eiskalt. Komisch, dachte Kyle. Aber dann wandte sie sich zu Luko um. Um ihn hatten sich einige Feen versammelt und lauschten seinen Worten. Auch Kyle hörte zu. Der Wolf erklärte, weshalb sie hier waren und dass sie Hilfe bräuchten. Die Antwort der Feen verstand Kyle nicht, doch Luko drehte sich zu ihr und erklärte: „Die Feen wollen uns helfen. Wir können hier bleiben und von hier aus alles Weitere planen. Enigma lassen wir vorerst hier. Aber es gibt da noch etwas...“ Er brach ab.
„Was denn? Sag schon!“
„Du musst dich verwandeln“, antwortete Luko leise.
„Verwandeln? Wieso? Und wie?“
„Wenn wir in die Drachenkriegerfestung wollen, müssen wir uns tarnen. Es reicht keine einfache Verkleidung. Die Drachenkrieger unterscheiden Eindringlinge und Fremde nicht am Aussehen. Wenn du dort hineinwillst, musst du wie ein Ziranzalebewesen sein. Die Feen können dir helfen.“ Damit ließ er Kyle stehen und folgte einigen Feen in einen anderen Raum. Kyle blieb völlig verwirrt stehen. Was sollte sie jetzt tun? Wie sollte sie sich verwandeln? Und in was überhaupt? Doch ehe sie diese Fragen beantworten konnte, wurde sie von Hunderten von Feen umzingelt. Die kleine Geschöpfe setzen sich auf ihren ganzen Körper, schlossen sie ein wie ein Kleidungsstück. Kyle spürte die Kälte der Feenhaut. Immer kälter wurde es. Die Kälte drang in ihren Körper, überall hin. Dann fühlte Kyle nichts mehr...
 
Larry stand da und lächelte sie an. Er lächelte, und sie lief auf ihn zu und freute sich, dass er da war. Doch als sie vor ihm stehen blieb, zog er ein Messer und wollte nach ihr stechen. Doch da kam Enigma angesprungen und wollte sie retten... „Kyle!“, rief eine verschwommene Stimme, „Kyle!“ Sie schlug die Augen auf. „Was ist passiert...?“, fragte sie den vor ihr stehenden Luko.
„Die Feen scheinen ganze Arbeit geleistet zu haben.“ Luko lächelte.
„Die Feen?“ Kyle blickte an sich hinab und zuckte unwillkürlich zusammen. „Das.....!“, stammelte sie. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie etwas anderes war. Ein anderes Wesen. „Was ist das?“, fragte sie und blickte auf die weißen, pferdeartigen Beine und die silbernen Hufe hinab. Plötzlich erstarrte sie und blickte nach hinten. Dort sah sie einen ebenso pferdeartigen Rücken und Flügel. Auf ihrer Stirn saß ein langes, spitzes, filigranes Horn, das aussah, als wäre es aus Glas. „Was bin ich Luko?“ Unsicher tappte sie hin und her und versuchte zu gehen.
„Nun, ich schätze, bei jedem entwickelt sich die Verwandlung in ein ziranzisches Wesen in eine andere Richtung. Du bist ein Wassereinhorn. Ein sehr seltenes Geschöpf, das seine Flügel nicht nur zum Fliegen, sondern auch zum Tauchen benutzen kann.“
„Ich bin was?!“, rief Kyle erschrocken und blickte sich um. Sie waren in einer anderen Eishöhle, als in der, wo sie angekommen waren.
„Es mag sicherlich schwer für dich sein, aber so können sie dich nicht erkennen.“
„Ich will das aber nicht!“
„Es gibt aber keinen anderen Weg. Wenn du wieder normal sein willst, finde den Kristall! Er kann dich bestimmt zurückverwandeln.“
„Das ist unfair!“
„Sei einfach still, der Plan ist folgendermaßen: Einige der Feen haben sich bereiterklärt, sich in Drachenkrieger zu verwandeln und uns beide als Gefangene in die Feste zu führen.“
„Aber was sollten die Drachenkrieger von uns wollen? Sie brauchen uns nicht!“
„Nun ja, mich suchen sie höchst wahrscheinlich, weil sie vermuten, bei mir einen Hinweis auf dich zu finden, und du bist ein Wassereinhorn und damit sehr selten, außerdem schnell zu Luft. Du könntest, würdest du wirklich gefangen werden, als ein Kampfross einer der Generäle, oder des Anführers selbst, enden.“
„Da hab ich ja blendende Aussichten!“, knurrte Kyle.
„Ich hatte bei deiner Verwandlung auch an etwas anderes gedacht, aber die Eisfeen irren sich nie.“
„An was hattest du denn gedacht?“
„Das tut nichts zur Sache. Wir müssen jetzt sehen, dass wir einen Plan machen. Wie kommen wir in die Festung? Und wie gehen wir vor, wenn wir drin sind? Wir werden wohl getrennt werden. Mich wollen sie verhören, sie wissen vermutlich schon, dass ich mit dir unterwegs bin. Also wirst du auf dich selbst gestellt sein. Komm her, die Feen haben einen Plan der Festung. Hier werden wir ankommen siehst du...?“
Luko erklärte Kyle, wie sie vorzugehen hatte. Die Festung war gut geschützt, und als Wassereinhorn konnte sie sich nicht so sicher bewegen. Und wer wusste schon, wie man mit ihr umgehen würde? Natürlich, da waren noch die Feen, die auf sie aufpassen wollten. Aber... hier unterbrach sie Lukos Stimme: „Ich denke, jetzt ist alles klar. Wir sollten bei Tagesanbruch losgehen. Kyle, alles in Ordnung?“
„Haha. Nichts ist in Ordnung. Ich kann ja noch nicht mal normal gehen, geschweige denn fliegen. Wie soll ich denn von hier zur Festung kommen? Und wie soll ich fliehen, wenn ich es muss? Luko! Ich habe keine Ahnung, wie ich an das Päckchen kommen soll! Wir wissen doch gar nicht, wo es ist...“
„Keine Sorge, das Fliegen wirst du noch lernen. Jetzt ist es ungewohnt, aber wenn du morgen aufwachst und ausgeruht bist, wirst du es schon hinbekommen. Alles andere - da brauchen wir alle Glück. Auch ich weiß nicht, was auf uns zukommt, Kyle. Glaubst du etwa, ich hätte keine Angst? Aber es gibt keine andere Chance! Wir müssen es schaffen! Komm, leg dich wieder hin und schlaf. Morgen musst du ausgeruht sein!“
 
Da standen sie, vor der riesigen Mauer. Die Feen, als Drachenkrieger verkleidet, umringten sie. Sie hatten Schwerter und standen aufrecht. Sie hatten kurze, dicke Arme und kräftige Füße. Eisenplatten schützten ihren Körper. Ihre ganze Haut war mit bläulichen Schuppen überzogen. Einer der Torwächter trug einen Speer und musterte Luko. „Ihr sagt, ihr habt ihn gefangen? Das wird General Karto sehr gefallen! Ich denke, er wird euch reich belohnen, auch für das seltene Einhorn!“ Seine Stimme war rau und hoch, fast ein Kreischen. „Ich wünschte, ich hätte ihn erwischt! Aber ich muss hier rumstehen!“ Er öffnete die Holzflügeltür, und die ersten Feen gingen hinein, dann die beiden Gefangenen und der Rest der Feen. Drinnen tauchten weitere Drachenkrieger auf, solche wie der vor der Tür, und geleiteten die anderen Feen und die Gefangenen lange, düstere Gänge entlang. Zuerst ging es geradeaus, merkte sich Kyle. So kam man schnell zu einem großen, leeren Raum. Nur an den Wänden waren Schwerter und Helme ausgestellt. Dann durch eines der vielen Tore, etliche Kreuzungen und Gänge entlang bis sie zu einer Wendeltreppe kamen. Diese war sehr eng und steil, Kyle bezweifelte, dass sie hinaufkommen würde. Vorsichtig setzte sie den ersten Huf auf, dann den zweiten... Sie stolperte mehrmals, doch irgendwie gelang es ihr, schließlich das Ende der Treppe zu erreichen. Nun stand sie, als eine weitere schwere Tür geöffnet wurde, vor einem runden Turmzimmer, in dessen Mitte ein außerordentlich großer Drachenkrieger in einer Art Sessel oder Thron saß. Er trug eine besonders prunkvolle Rüstung und einen seltsamen Helm und hatte rote Schuppen. Alles an ihm strahlte Macht und Stärke aus, er wirkte fast wie ein Titan. Kyle wurde unbehaglich zu Mute, bei dem Gedanken daran, dass er auf ihr reiten würde.
Als die Gefangenen und die Wächter eintraten, erhob er sich und kam langsam näher. „So so... Was haben wir denn da? Ein Wassereinhorn, wie überaus schön!“ Damit strich er Kyle über den Rücken. „Bringt es in die Ställe!“, fauchte er nun die Wächter an. Kyle sah sie ängstlich an, einer der Wächter nickte ihr unmerklich zu. Dann wurde sie gepackt und weitergeführt.
„Und wer bist du?“, hörte Kyle den Drachenkönig noch sagen, dann schlug die Tür zum Saal zu. Verzweifelt trottete sie hinter den verwandelten Feen her und wünschte sich weit weg von diesem düsteren Ort. Trotz dieser Gedanken merkte sich Kyle den Weg, den sie gingen. Nach vielen Abzweigen und Treppen standen sie nun in einem Innenhof. Rundherum waren kleine Verschläge, aus denen unzählige verschiedene Wesen herausschauten. Einhörner, Pferde, große Wölfe. Bären gab es auch. Und einige Wesen, die Kyle nicht kannte und auch nicht unbedingt kennenlernen wollte. Die verwandelten Feen konnten nun nicht mehr bei ihr bleiben. Kyle wurde einem anderen Krieger übergeben, der sie in einen leeren Stall scheuchte und die Tür hinter ihr verriegelte. Kyle ließ sich erschöpft auf den Boden sinken und legte den Kopf auf den Boden. Wie sollte sie jetzt hier rauskommen? Geschweige denn an das Päckchen kommen? Sie durfte sich auf keinen Fall verraten. Luko hatte ihr eingeschärft, nicht ein einziges Wort zu sagen.
Ein lautes Scheppern weckte Kyle. Sie stand auf und schaute auf den Hof. Viele der Ställe waren leer, anscheinend waren die Drachenkrieger auf der Jagd oder sonst was, sie wollte es besser nicht genau wissen. Doch nun öffnete sich eine Tür, und zwei Drachenkrieger und - Kyle unterdrückte einen Schrei - Larry traten heraus. Sie freute sich, ihren Freund zu sehen, auch wenn sie wusste, dass er jetzt Lockvogel der Drachenkrieger war.
„So, du sollst dir ein Reittier aussuchen. Na mach schon“, knurrte einer der Krieger. Larry sah sich um. „Sind ja nicht mehr viele da. Die Wölfe kann man nicht reiten, und das Pferd dort lahmt. Was ist das dort für eins?“, fragte er und deutete auf Kyle.
„Neu. Vorhin erst angekommen. Wenn du das Risiko eingehen willst, dann nimm es!“ Larry zuckte nur mit den Schultern und ging auf Kyles Stall zu. Er öffnete die Tür. Da kam auch schon ein Krieger mit einer Decke und einem Riemen. Die Decke legte er Kyle auf den Rücken und zurrte sie mit dem Riemen fest. Automatisch hielt sie die Luft an. Der Riemen schnitt ihr in den Bauch. Jetzt wurde ihr auch noch eine Art Halfter angelegt. Sie wollte sich wehren, aber der Krieger hielt unbarmherzig fest...
Larry sagte zu dem Wärter: „Ich werde es gleich ausprobieren!“
„Wie du meinst, aber beeil dich. Der General braucht dich! Wir wollen heute noch zu den Sümpfen aufbrechen, die ach so treuen Anhänger der Elfenkönigin ein für alle mal vernichten!“ Damit verschwand er. Kyle benahm sich Larry gegenüber zurückhaltend. Als dieser auf sie steigen wollte wieherte sie und bäumte sich auf. „Halt still!“, zischte Larry wütend und drückte sie mit aller Kraft hinunter. Wie stark er geworden war! So, als hätte er einen unwillkürlichen Kraftschub bekommen. Kyle vergaß alle Vorsicht und schrie ihn erzürnt und traurig zugleich an: „Mörder!“
„Diese Stimme...“ Larry taumelte zurück. „Ich kenne sie!“
„Du hast Enigma ermordet! Du wolltest mich ermorden!“
„Ich kenne dich nicht! Ich kenne auch keine Enigma, und jetzt sei still!“ Ein eisiger Schmerz durchfuhr Kyle. „Geht doch!“ Larry grinste bitter. Dann setzte er sich auf die traurige Kyle, die den Kopf gesenkt hielt. Diese Energie, die sie durchströmt hatte, das war nicht Larry gewesen, es war nicht Larrys Aura gewesen. Larry war weg. Das war eine Kreatur, aus Larry geboren. Nein, das war die böse Seite von Larry, und irgendjemand hatte bezweckt, dass sie Überhand in seinem Körper gewann. Nein, nicht irgendjemand, das waren die Drachenkrieger gewesen. Ein wildes Gestüm von Hass durchfuhr sie. Doch sie kühlte ihn herab. Larry konnte sich nicht mehr an sie erinnern. Er trieb sie aus dem Stall und zu einem Tor auf der anderen Seite. Der Wächter öffnete das Tor, und Kyle trabte hinaus, auf ein großes, aber umzäuntes Feld. „Schneller!“, trieb Larry sie an. Und sie gehorchte. Was hätte sie auch sonst tun sollen? Sie jagte über das Feld wie ein Blitz. Es kostete sie ungeheure Kraft, sich durch den Schnee zu kämpfen, die feinen Eiskörner schürften ihr die Beine auf, und die eisige Luft schmerzte in der Lunge. Kyle erinnerte sich an die Zeiten zurück, als Larry mit ihr in der Höhle gelebt hatte. Plötzlich tauchten Drachenkrieger auf kleinen Drachen am Himmel auf und schwebten herab. „Meister Larry! Der General wünscht dich bei der Truppe zur Eliminierung des Sumpfes und dessen Einwohner zu haben.“
Kyle starrte ängstlich auf die ersten Drachen,, die sie in ihrem Leben zu Gesicht bekam. Vor ein paar Tagen hatte sie noch nicht einmal ansatzweise geglaubt, dass es sie überhaupt geben konnte, und nun standen mehrere von ihnen direkt vor ihr. Sie waren zwar nicht groß, sahen jedoch sehr gemein aus. Zum Glück würdigten sie sie keines Blickes und erhoben sich wieder in die Luft.
„Flieg!“, rief Larry Kyle zu. Sie erwachte aus ihrem Schreck, und es dauerte einen Moment, ehe sie realisierte, was Larry von ihr wollte. Fliegen? Aber sie wusste ja gar nicht, wie!
Zaghaft versuchte sie, ihre Flügel zu bewegen. Es war seltsam, ein Körperteil zu steuern, was vorher gar nicht da gewesen war, aber sie schaffte es tatsächlich. Doch Flügel bewegen heißt noch nicht Fliegen. Sie musste schneller schlagen! Mit verzweifelter Kraft schlugen ihre Schwingen auf und ab, und plötzlich waren ihre Beine nicht mehr auf dem Boden. Nutzlos schwebten sie in der Luft. Vor Schreck hätte Kyle beinah aufgehört, die Flügel zu bewegen, doch sie besann sich und flog weiter. Was für ein Gefühl, dachte sie. Mal sehen, wie hoch ich komme. Mit kräftigen Schlägen gewann sie immer mehr an Höhe. „He, was soll das? Nicht so hoch! Außerdem wollen wir da lang!“ Larry zerrte an ihrem Halfter, und seine zornige Stimme riss Kyle aus ihren Gedanken. Erschrocken drehte sie ab und beeilte sich, hinter den anderen herzufliegen. „Verrücktes Vieh“, knurrte Larry ab und zu auf ihrem Rücken, aber ansonsten war er still. Kyle gewöhnte sich schnell an die ungewohnten Bewegungen, und bald fand sie sogar Gefallen am Fliegen. Doch sie zügelte sich. Sie würde ihre Kraft noch brauchen...
In angemessenem Tempo flog sie hinter den Drachenkriegern her. Bald hatten sie weit draußen, auf einem schneebedeckten Hügel, die Truppe der anderen Krieger erreicht. Darunter war auch der General, der Larry zufrieden musterte. „Ich sehe, du bist dazu fähig, dieses Wassereinhorn zu zähmen.“
„Ja, General, das kann ich.“
„Dann lasst uns zum Sumpf ziehen und diese jämmerlichen Kreaturen ein für alle Mal vernichten!“ Bei diesen Worten bäumte sich Kyle erneut auf und wieherte aufgeregt. Larry hin oder her, er war böse. Er fiel fluchend zu Boden, und sie setzte zum Sprung an, hob ab, breitete die Flügel aus und schoss davon. „Grr, pass gefälligst besser auf!“, knurrte der General Larry wütend an und befahl: „Na los, ihr nichtsnutzigen Würmer! Verfolgt es! Es gehört mir, ich werde es reiten!“


5. Kapitel – Die Rettung der Tiere
 
Kyle flog so schnell sie konnte. Sie dachte daran, Luko zu befreien, doch sie hatte keine Ahnung, wo er war, und er hatte gesagt: „Egal, was du tust, du musst das Päckchen finden! Erst dann kannst du dich um anderes kümmern!“ Sie war über den Stallungen, in denen sie gewesen war, doch sie ging nicht hinunter, sondern flog höher über die Festung und betrachtete die riesige Konstruktion aus Türmen, Wehrgängen und Mauern genauer. Überall patrouillierten Drachenkrieger, sodass sie sich ein Stück entfernt halten musste. Luko hatte gesagt, ein Ort, an den nur sie kommen konnte, und er sollte gut versteckt sein.
Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Larry! Den Kristall, den musste Larry haben! Aber wieso kam niemand anderes an ihn heran? Plötzlich merkte sie, als sie daran zurück dachte, niemand war Larry nahe gekommen. Nicht der General, nicht der Torwärter der sie in den Hof gebracht hatte, nicht der, der ihn zu den Ställen geführt hatte. Aber hätte die Tatsache, dass ein Pferd sich ihm dann nähern konnte, niemanden stutzig gemacht? Vielleicht wirkte es bei magischen Wesen nicht. So weit schien alles geklärt... Doch wie an Larry herankommen? Wie Larry den Kristall überhaupt abnehmen?
Erst einmal musste sie wieder zu ihm zurück. Sie schlug einen großen Bogen, damit sie ihren Verfolgern nicht in die Arme flog. Dann wandte sie sich in die Richtung, in der sie Larry vermutete...
Sie flog schnell, aber sie achtete genau darauf, dass niemand sie sah. Dicht am Boden hielt sie sich. Dann hörte sie schon die Befehle des Generals. Er stellte gerade seine Truppen auf, die die Elfen – oder wen auch immer, Kyle wusste es nicht – vernichten sollten. Kyle landete sanft und schlich sich weiter an. Die Flügel presste sie an ihren Körper, die Hufe hob sie einzeln an und setzte sie ganz vorsichtig. Zu ihrem Glück erzeugten sie im Schnee keinen Laut, abgesehen von einem leisen Knirschen. Immer näher kam sie. Jetzt konnte sie etwas sehen. Der General stand in einer Horde Krieger, Larry etwas außerhalb. Soweit, so gut, dachte sich Kyle. Aber wie weiter? Ich kann doch nicht einfach dahin gehen, mir Larry schnappen und abhauen?
Sie sah, wie die Truppen nun in Stellung gingen. Sie konnte nicht länger warten, doch etwas hielt sie zurück...
Dann, kurz bevor der König den Befehl zum Angriff geben wollte, brach ein Tumult los...
Dröhnend tauchte eine Horde Tiere vor der Armee auf und stürmte auf diese los, begleitet von einer aufstiebenden Schneewolke. Sie rannten sie nieder! Larry versuchte zu fliehen. Schnell schwang sich Kyle, alle Kräfte aufbringend, hoch und verfolgte ihn. Als sie über ihm flog, ließ sie sich nieder und drückte ihn brutal zu Boden. Verdammt, dachte sie, wo ist der Kristall? Vielleicht hatte sie sich geirrt. „Geh runter du verfluchtes Vieh!“, wieder durchbrach sie dieser eisige Schmerz. Doch diesmal ließ sie sich nicht bändigen. Larry wütete. Plötzlich wurde Kyle weggerissen und zwei Löwen zerrten an Larrys Hemdsärmeln. Dieser konnte im Angesicht der Gefahr nicht anders, als ihnen zu folgen. Zwei Jaguare bedrohten Kyle. Diese sagte: „Ich bin Kyle. Luko ist gefangen! Larry hat den Kristall!“ Augenblicklich hörten die Jaguare auf, zu knurren. „Du sagst, er hätte ihn?“
„Ja.“
„Gut. Komm, wir müssen ihn fangen!“ Mit gewaltigen Sätzen jagten sie Larry nach und hinterließen tiefe Löcher im Schnee. Kyle schwang sich hoch und flog hinterher. Von oben konnte sie besser sehen und rief nach unten, wo Larry langlief. Außerdem kam sie wesentlich besser voran. Doch dann erreichten sie einen Wald aus spitzen, eisbedeckten Felsen, die ihr die Sicht versperrten, und Kyle musste tiefer gehen und schließlich landen, um den Jaguaren folgen zu können. Ratlos standen sie vor den unförmigen Gebilden, zwischen denen Larry verschwunden war. „So und jetzt?“
„Wir folgen seinen Spuren, ganz einfach. Im Tiefschnee kommt er nicht unbemerkt voran.“
Doch das stellte sich als schwieriger heraus, als erwartet, denn zwischen die Felszacken kam nicht viel Schnee, und alles war vereist.
„Was war da eigentlich vorhin los?“, wollte Kyle wissen.
„Wir sind Verbündete. Die Eisfeen haben uns aufgesucht und gemeinsam werden wir gegen den Drachenkönig kämpfen.“
„Und die Löwen? Gehören sie auch zu uns?“
„Wer? Löwen? Nein, die gehören weder zu uns noch zu den Drachenkriegern. Sie sind unabhängig, kämpfen nur für sich. Sie haben Larry gefangen, aber mit Sicherheit wissen sie nicht, dass er den Kristall hat. Sie haben ihn sicher zu ihrer Höhle gebracht. Los, wir wissen, wo sie ist!“ Damit stürmten die Jaguare abermals los. Kyle galoppierte hinterher, doch der vereiste Boden gab ihren Hufen noch weniger Halt als der Schnee, in dem sie bei jedem Schritt mit dem halben Bein versank. Immer tiefer liefen sie ins Dunkel der unheimlich aufragenden Felsen, die der Sonne den Weg versperrten. Kyle hatte längst die Orientierung verloren, als plötzlich vor ihnen ein Höhleneingang lag. „Wir sind da. Jetzt müssen wir aufpassen. Die Löwen sind sehr eigen...“ Der andere Jaguar fügte noch hinzu: „Du bleibst besser erst einmal hier. Wir holen dich gleich!“
Die Jaguare verschwanden in der Höhle. Unruhig tappte Kyle von einem Fuß auf den anderen. Plötzlich hörte sie Brüllen und Fauchen. Sie wurde immer nervöser und war schon drauf und dran, wegzurennen. Da kamen die Jaguare hinausgelaufen. „Sie wollen ihn nicht rausrücken, sie denken, er wäre derjenige, der den Kristall beherrscht.“
„Aber er kann das doch gar nicht! Er ist übergelaufen!“, rief Kyle verzweifelt.
„Haben wir ihnen ja gesagt, aber sie glauben, dass wir sie reinlegen wollen.“
„Was wollen die denn damit erreichen? Alleine schaffen sie es sowieso nicht!“, meinte Kyle. „Nun ja, Löwen sind stolze Tiere“, begann der Jaguar, und der andere verbesserte: „Sehr, sehr stolze. Und sie glauben sie könnten alles.“
„Und was machen wir jetzt?“
„Uns bleibt nichts anderes übrig, als ihnen zu beweisen, das du diejenige bist, die wir alle suchen.“
„Dann werde ich jetzt hineingehen.“
„Warte!“, warnte der Jaguar. „Lass uns vorgehen. Wenn sie wütend werden, kannst du fliehen.“
„Ähm...“ Sie errötete. Dass jemand ihretwegen solch eine Gefahr auf sich nahm, das war ihr ziemlich peinlich. „Na gut.“ Die Jaguare gingen vor. Als auch Kyle die Höhle betreten wollte hörte sie hinter sich eine Stimme: „Halt!“ Sie drehte sich um und erblickte Luko...
„Luko! Was... wie...?“
„Sag nichts. Los, bleib dicht hinter mir! Wir müssen da jetzt rein!“
Innerlich freute Kyle sich. Doch sie sagte nichts und lief hinter Luko her. Nach einem kurzen Gang kamen sie in eine große Höhle. Hier waren mehrere Abzweige. Doch die Jaguare standen in der Mitte und diskutierten mit zwei Löwen. „Ihr müsst ihn aber hergeben! Er ist nicht der, den ihr sucht!“
„Wenn ihr den, den wir und ihr suchen, doch habt, warum seid ihr dann hier?“
„Weil er ein Freund von ihr ist, und sie will ihm helfen. Er ist ein Überläufer!“
„Schweig, Jaguar!“, rief der Löwe zornig und schritt wütend auf ihn zu.
„Marto!”, rief Luko. „Die Jaguare haben Recht.“ Der Löwe, den Luko Marto genannt hatte, drehte sich zu ihnen um. „Luko, wo warst du?“
„Ich habe sie beschützt. Die, die wir suchen.“ Er wies auf Kyle, die schon wieder verwirrt dreinblickte. „Und warum seid ihr hier?“, fragte der Löwe.
„Der Junge, den ihr habt, besitzt den Kristall.“
„Hmm...“ Marto schwieg. „Das würde auch erklären warum keiner unserer Löwen ihm zu Nahe kommen kann.“
„Du hast wohl nur mich vermisst, was?“ sagte Luko nach einer Weile. „Erinnerst du dich da nicht an noch jemanden?“
Der Löwe blickte suchend in die Runde. „Ja... Was hast du mit Enigma gemacht?“
„Er hat sie getötet, aber...“
„Was?“ Der Löwe blickte ihn entsetzt an, und es sah aus, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen.
„Die Caladra kann sie retten, sie ist in dem Kristall, und den hat er!“ Kyle wusste, dass Luko das nur sagte, damit Marto Larry freiließ. Doch der Löwe hörte ihm gar nicht weiter zu. Der Mensch vor ihm hatte Enigma auf dem Gewissen, die zusammen mit seinen Jungen in der Höhle groß geworden war. Er hätte eine Chance haben können, sie endlich wiederzusehen. Aber das hatte dieser Mensch zu verhindern gewusst, und dafür kannte er keine Gnade. Er sprang auf Larry zu...
Larry kreischte, doch der Löwe wurde von einer unsichtbaren Macht zurückgeschleudert und kam krachend auf. „Beruhige dich“, sagte Luko besänftigend. „Du wirst eh nicht an ihn herankommen. Das kann nur Kyle.“ Der Löwe brüllte und trat auf Kyle zu. „Dann töte du ihn“, befahl er.
„Ich...“ Kyle wich zurück.
„Lass sie!“, meinte Luko. „Wir müssen erst herausfinden, wo er den Kristall hat.“
„Was soll das? Lasst mich frei!“, schrie Larry wütend. Kyle bäumte sich auf und versperrte dem rennenden Jungen den Weg nach draußen.
„Ich denke, er ist in seinem Körper.“ Eine sanfte Stimme kam von einem der Gänge, und dann tauchte eine Löwin auf. “Selina”, sagte Marto. „Warum bist du dir da so sicher?“
„Nun ja“, sie kam näher, „ich kann ihn sonst nirgendwo entdecken.“ Larry blickte sie sauer an: „Ich habe nichts in mir!“
„Oh doch“, knurrte Marto.
„Ich denke, er weiß gar nichts davon, dass man ihn ausnutzt“, sagte Selina und lächelte Luko freundlich an. Kyle sah belustigt, wie er sich schämte. „Aber was sollen wir tun?“, fragte Kyle. „Nun ja, es gibt da die Zauberdelfine, sie können den Kristall entfernen. Aber seine Erinnerungen könnten sie ihm nicht wiedergeben. Sie leben fern ab von hier, in Luodas. Ein recht abgeschiedenes Fleckchen von Ziranza, mitten im Ozean. Aber da die Bewohner von Animalia ja auf so überraschende Weise hierher gelangt sind, könnt ihr auch bestimmt auf die selbe Weise von hier fort“, erklärte Selina.
„Zauberdelfine?“, fragte Luko. „Von denen habe ich noch nie etwas gehört.“
„Das macht nichts“, sagte Selina. „Sie sind noch nicht sehr lange dort.“
„Es gibt da ein Problem“, schaltete sich der Jaguar ein. „Wir haben Teleportermagie benutzt. Und da wir damit gerechnet haben, dass wir die Feste stürmen, wo es solche noch gibt, haben wir uns nicht um eine Rückkehr ohne solche Magie gekümmert.“
„Das bedeutet, dass wir trotz allem in die Festung müssen?“, schlussfolgerte Kyle.
„Es gibt keine andere Möglichkeit“, antwortete der Jaguar. „Ich schlage vor, wir schleichen uns wieder rein“, meinte Luko.
„Aber nicht wie auf dieselbe Weise, wie das letzte Mal!“, konterte Kyle.
„Nein, so dumm sind sie auch wieder nicht, dass sie uns zweimal auf den Leim gehen.“ Luko lächelte. „Diesmal spielen wir nicht Gefangene. Diesmal spielen wir Einbrecher.“
„Ach, ähm, Luko?“, fragte Kyle neugierig.
„Ja?“
„Wie bist du eigentlich entkommen?“
„Das solltest du dir am besten selbst ansehen!“, sagte Luko schelmisch.
Sie liefen zügig in Richtung Festung. Sie schlugen einen weiten Bogen, da sie vor der Felsenlandschaft schon von Weitem Drachenkrieger sahen, die draußen herumliefen.
Als sie sich der Festung näherten, standen keine Wachen am Tor. Alle schienen ratlos und sinnlos auf dem Feld herumzulaufen. „Was ist denn hier passiert?“, fragte Kyle verwirrt.
„Na endlich, da...“ Larry wollte auf die anderen zulaufen, doch Kyle drückte ihn mit dem Flügel an sich und schob ihn neben sich her.
„Sehr gut!“, lächelte Luko. „Jetzt schnell weiter!“ Er drückte das schwere Tor auf und glitt hinein. Als Kyle ihm unsicher folgte, bot sich ihr ein Anblick, den sie sich nicht im Traum hätte erahnen können: Die Festung war verschwunden. Doch einige Drachenkrieger liefen in der Luft hin und her. „Luko, was zum...?!?“ Kyle war sprachlos. Sie hatte mit allem gerechnet. Das die Festung gestürmt worden war, ausgeräumt, zerstört... Aber das...
„Ich habe sie unsichtbar gemacht.“ Luko grinste sie an. „Von außen kann man sie noch sehen, aber von innen nicht mehr. Die meisten Drachenkrieger sind rausgelaufen, aber die da haben sich hoffnungslos verirrt. Sie können uns jetzt sehen, aber davon haben sie nichts, und die draußen sehen die Mauern nach wie vor, können uns also nicht sehen. Raus habe ich mit meiner Nase gefunden, aber das jetzt könnte schwieriger werden...“
„Aber Luko... das... das ist... wie hast du das gemacht?!“
„Das ist nicht von Bedeutung, Kyle“, meinte Luko. „Es gehörte zum Plan der Eisfeen; sie haben mir die Magie dafür mitgegeben, als ich ihnen in den Nebenraum ihres Unterschlupfs folgte. Aber jetzt zählt nur, dass wir zu der Teleportermagie kommen.“
„Aber was ist mit den anderen Tieren?“, fragte Kyle. Nur die beiden Jaguare, der Löwe Marto und die Löwin Selina, sowie Larry, Luko und sie selbst waren mitgekommen. „Sie werden in der Zwischenzeit in und um die Höhle der Löwen postiert, zum Schutz aller“, kam Marto Luko zuvor. Luko warnte nur noch: „Bleibt dicht hinter mir! Ich weiß, wo wir hinmüssen.“ Doch sobald sie ein paar Schritte gegangen waren kamen die Drachenkrieger auf sie zugerannt. „Keine Sorge“, beruhigte Luko. Und tatsächlich: Kurz bevor sie an sie herankamen knallten sie gegen eine unsichtbare Wand. Einer jedoch hatte den richtigen Gang erwischt. Marto sprang ihm entgegen und schleuderte ihn fort.
 
6. Kapitel – Die Glasdelfine
 
Der Kampf dauerte weniger als fünf Sekunden.
Schnell hasteten sie weiter, bis Luko urplötzlich stehen blieb. Kyle krachte im vollen Tempo gegen ihn und schüttelte ihren langen Einhornkopf. „Luko, was soll das?!“
Doch dann bemerkte sie, dass auch alle anderen stehengeblieben waren und auf ein riesiges Becken voll glitzerndem Wasser starrten. „Der Eingang zur Luodas, der Welt der Zauberdelphine...“, hauchte irgendjemand...
„Müssen wir da rein?“, fragte Kyle, doch sie wusste schon vorher die Antwort. Das Wasser war hell und kristallklar, und doch war kein Boden zu erkennen. Seltsam, dass es nicht gefror...
„Seht mal!“, sagte einer der Jaguare. Alle drehten sich um. Die Drachenkrieger, die auf dem Feld gestanden hatten, hatten sich am Tor versammelt, liefen verwirrt rein und raus und sahen immer wieder auf die Festung, beziehungsweise genau in ihre Richtung, und die ersten arbeiteten sich langsam, aber gewiss, auf sie zu.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit“, sagte Luko. „Wir müssen uns aufmachen, früher oder später werden sie uns finden, schließlich kennen sie die Festung! Kyle, jetzt weiß ich, wieso du ein Wassereinhorn geworden bist! Wir müssen im Wasser nach unten tauchen, einfach immer weiter runter. Wir müssen uns an dir festhalten, aber du wirst dich wundern, wie schnell und leicht du tauchen kannst. Vertrau mir! Bist du bereit?“ Was hatte sie für eine Wahl? Sie blickte auf die leblose Katze, die sie auf dem Weg bei den Eisfeen abgeholt hatten und die nun der Jaguar trug. Diese hatte ihr Leben für sie geopfert, da sie ihr vertraute, da sie alles auf sie setzte, dass sie die Caladra befreien und alles zum Guten wenden könnte. Ihr, die ihr fast völlig fremd gewesen war, die aus der Welt derer stammte, die Ziranza verseuchten und vergaßen. Sie konnte ihr nicht danken, indem sie an einem Wasserbecken scheiterte! „Für Enigma...!“, hauchte sie, holte tief Luft, schloss die Augen und stürzte sich in das eisige Wasser. Kurz darauf spürte sie einige Pfoten sich an ihren Leib klammern. Sie öffnete die Augen wieder und schlug mit den Flügeln. Rasant bewegte sie sich abwärts spürte das wunderbare Strudeln der Wassers um ihren Körper. Sie verspürte keinerlei Bedürfnis, Luft zu holen, doch machte sie sich Sorgen um die anderen und beschleunigte ihr Tempo. Obwohl sie die ganze Zeit in dieselbe Richtung schwamm, hatte sie auf einmal das Gefühl, nach oben zu schwimmen. Und im nächsten Moment durchbrach sie die Wasseroberfläche und befand sich mitten auf dem weiten Ozean...
Prustend tauchten die Tiere um Kyle herum auf. Diese überkam langsam eine tiefe Ruhe. War das das Erbe der Wassereinhörner? War sie so völlig zufrieden, weil sie im Wasser war?
Hinter sich hörte sie ein schnelles Japsen. Die anderen Tiere! Sie mussten schnell Land erreichen, bevor die anderen ertranken... Nur wo sollten sie Festland erreichen, wo doch alles nur Wasser war?!
Außerdem spürte sie die scharfen Krallen der Raubtiere in ihrem dichten Fell, Luko schwamm neben ihr, doch Katzen waren ja bekanntlich wasserscheu.
„Achtung“, meinte Luko, musste aber sogleich einen Schwall Wasser schlucken und wäre fast untergegangen... mit einem Flügelschwung drückte Kyle ihn wieder nach oben.
„Danke, Kyle! Ich wollte nur sagen, dass wir bestimmt gleich da sind.“
 
Plötzlich schwammen sie in einer Grotte unter einer felsigen Insel, obwohl sie garnicht wirklich bemerkt hatten, wo diese begann... Die Grotte war verzweigt und schien kein Ende zu nehmen. Wasser tropfte von der Decke, und das Geräusch hallte von den Wänden wieder, an die das Wasser zuckende Muster warf vom Licht, dass hier und da durch offene Stellen an der Decke hereinfiel.
An manchen Stellen war das Wasser nur knietief, sodass die anderen absteigen konnten...
Luko lief im Wasser neben Kyle her und verlor auf einmal den Boden unter den Pfoten und ging unter. Da wurde er plötzlich an den Strand geworfen. „Kyle, geht es etwas sanfter?!“, rief er. Doch Kyle hörte ihm nicht zu. Sie war stehen geblieben und betrachtete die Kreaturen, die sie umringten. Kleine, ungefähr einen halben Meter lange Glasdelfine sprangen um sie herum durchs Wasser und sangen ein seltsames, jedoch sehr fröhlich klingendes Lied. Kyle stimmte mit ihnen ein, obwohl sie nicht wusste, woher sie die Töne kannte. Als sie anfing, sich hin und her zu schaukeln, hielten die Delfine kurz Inne und taten es ihr dann gleich. Das Lied hypnotisierte Kyle, es war wie ein Rausch...
 
„Caladra, Caladra,
Eis und Flamme,
Sturm und Wasser,
Wesen des Ursprungs,
waret verschwunden,
doch Magie der anderen Zeit,
Wesen einer anderen Welt,
euch wieder vereint,
Caladra, Caladra,
Wesen des Ursprungs,
Caladra, Caladra,
kehret zurück!
Caladra, Caladra...“
Hallte es in ihrem Kopf, wieder und wieder, wurde immer lauter, immer stärker, immer dringlicher... Kyle brach zusammen.
 
„Kyle!“, rief Luko.
„Lass sie nur“, sagte einer der Delfine, nun in einer verständlichen Sprache, und versperrte ihm den Weg. „Im Wasser erholt sie sich am besten. Das Lied der Prophezeiung ist ein starker Zauber! Wir verstehen die Worte nicht. Nur das Ohr des Auserwählten vermag sie zu übersetzen.“
„Klingt, als ob ihr wisst, weshalb wir hier sind?“
„Ja, wir wissen bereits Bescheid.“
„Ich möchte wissen, was sie gehört hat...“, sagte Luko nachdenklich...
 
Kyle träumte...
Hatte sie nicht gerade neben den Delphinen gestanden? Nun, jetzt schwamm sie in einem unendlichen Ozean, fern von allen Geräuschen...
Sie konnte nichts sehen, außer den bleichen Mond der immer wieder zum Vorschein kam, und die Wasseroberfläche, die das Mondlicht tausendmal brach und auf ihren Flügel ruhte...
Plötzlich hörte sie eine warme, lockende Stimme, die sie nicht einzustufen vermochte...
Sie klang tief, aber nicht kratzig oder bösartig, sondern wie ein Ding, dass sie schon längst vergessen hatte, und das wieder aus ihren Unterbewusstsein hervorbrach.
„Auserwählte, höre mich an! Ich bin die Caladra, höre mich an.
Du suchst mich,
dein Leben lang,
doch nun weißt du,
wo du mich finden kannst,
suche, suche!
Suche mich,
doch merke,
du bist ich...“
 
Kyle wachte auf, noch immer benommen, von ihren Traum...
Das war kein Traum, Kyle.
Was war das?! Das waren ihre Gedanken, und doch... Sie stammten eindeutig von einem anderen! „Oh, nein, ich bin die Caladra!“ murmelte sie...
Luko hielt sie für gänzlich übergeschnappt.
Sie musste es ihm erst beweisen, doch wie...?
„Ich... ich weiß nicht... Luko? Ich bin die Caladra... Wie ist das möglich?“ Doch statt Luko antwortete einer der Delfine: „In der Prophezeiung heißt es, dass nur ein Auserwählter es vermag, die Caladra zu befreien. Dadurch, dass dieser Junge den Kristall hatte, gab es eine unverhoffte Wendung. Die Auserwählte musste erst an ihn herankommen, wie es die Prophezeiung verlangt. Doch du warst bereits an den Kristallträger herangekommen. Ihr ward verbunden, noch bevor er den Kristall erhielt. Dadurch wurde die Caladra schon vor ihrer Zeit frei. Doch wisse, die Caladra zeigt sich nur selten in eigener Gestalt, sie sucht sich Boten, in deren Körper sie schlüpft... Du hast sie befreit, du hast die Prophezeiung umgekehrt. Jetzt musst du es schaffen, dass die Caladra in ihre eigene Gestalt zurückkehren kann. Dieser Weg wird Opfer verlangen, er wird schwer werden. Doch deine Freunde werden für dich da sein. Auch die bereits tot geglaubten...“ Mit diesen Worten wies er auf Enigma, die sich nun regte und ihre Augen aufschlug...
Kyle stand reglos da und kämpfte mit den Tränen. Die Katze sah sie an und wartete. Sie schien nicht im geringsten überrascht, Kyle als Wassereinhorn vor sich zu haben. Doch dann konnte Kyle sich nicht mehr bändigen und brach in Tränen aus. Sie stürzte auf Enigma zu und sank vor ihr zu Boden. „Oh... Enigma! Meine... meine kleine... Enigma!“, schluchzte sie und blieb noch lange so sitzen. Enigma schleckte ihr das Gesicht ab und störte sich nicht im geringsten daran, triefnasses Fell zu haben und keine Luft zu bekommen. Doch dann wurde Kyle sanft aber bestimmt zur Seite gestoßen und eine große Schnauze rieb sich an Enigma.
 
Enigmas Rückkehr hatte Kyle all ihre Sorgen vergessen lassen und mit der Katze auf dem Rücken kam ihr nach diesem aufregenden Tag schnell der Schlaf. Doch im Traum fand sie keine Ruhe. Sie flog über ausgedorrtes Land mit vertrockneten Bäumen. Es sah aus wie bei der Höhle in der Menschenwelt. Doch dieses Gelände wollte und wollte nicht enden und Kyle hatte keine Kraft mehr. Sie konnte die Flügel nicht mehr bewegen und stürzte hinunter. Sie landete zwischen den trockenen Ästen eines Baumes und zerriss sich die Flügel darin. Sie sah sich um und sah am Boden vier zertrümmerte Gebilde, alles war voller Scherben und drei verschiedene Drachen hingen in den Bäumen und lagen auf dem Boden. Alle tot. Nun betrachtete sie die Szene auf einmal als Außenstehender und erkannte, dass auch sie ein Drachen gewesen war, nun ebenfalls tot. Sie erkannte Larry, der auf sie zugelaufen kam, doch sie entfernte sich von ihm. Doch dann erkannte sie, dass es nicht Larry war, sondern Luko, nein, es war Enigma, und doch war es irgendeine andere Kreatur. Sie wollte schreien und brachte doch keinen Ton heraus.
 
Keuchend sprang sie auf und Enigma fiel erschrocken von ihrem Rücken. Sie schien ebenso erschrocken wie sie. „Was hast du gesehen, Kyle?“, fragte Enigma.
„Ach, ich habe nur geträumt...“
Was hast du gesehen?“, fragte sie mit Nachdruck und sah sie sehr eindringlich an.
„Ich... bin geflogen“, sagte Kyle. „Über die Menschenwelt. Und... sie war...“
„...völlig tot“, sprach Enigma halb fragend weiter.
„Ja“, sagte Kyle. „Da waren vier tote Drachen... sie waren... sie...“
„...Caladren“, sagte Enigma nun recht entschlossen, mehr zu sich selbst als zu Kyle.
„Ich war...“
„... eine von ihnen! Kyle... das ist es! Wir beide müssen die Caladra finden, ich habe dasselbe gesehen!“
„Und wir müssen uns beeilen, sonst wird alles tot sein. Und die eine Caladra muss andere wieder zum Leben erwecken“, sagte Kyle.
„Die vier Caladren! Feuer, Eis, Wasser und Sturm! Vier Caladren! Du musst sie vereinen! „Caladra, Caladra, kehret zurück'! Kyle das ist es!“
„Du... du hast die Prophezeiung gehört?“
„Ja Kyle, das habe ich. Und nun habe ich sie verstanden.“
„Bist du dir sicher? Du sagst, es gibt noch andere überlebende Caladren? Kristalle? Und wir müssen alle vier finden?“
„Ja. ... Kyle!“ Erschrocken drehte sie sich um. Larry war platschend zur Höhle hinausgerannt und verschwunden. „Er hat uns belauscht, Enigma! Er wird die Nachricht den Drachenkriegern überbringen!“

7. Kapitel – Das Grauen in den Tiefen
 
Am nächsten Morgen erzählten sie Luko und den anderen, was vorgefallen war. „Das ist in der Tat ein Problem“, murmelte Luko.
„Aber wo soll er denn hier hin? Wir sind auf einer Insel!“
Sie hatten an einem kleinen Kiesstrand in der Grotte übernachtet. „Wir müssen ihn aufhalten, sie werden sich ebenfalls auf die Suche nach den Caladren machen“, rief Kyle.
„Solange wir nicht einmal wissen, wo die Caladren sind“, bekräftigte Enigma sie, „sollten wir ihn wirklich wieder einfangen. Erstens, weil wir gar nicht wissen, was wir tun sollen. Zweitens, weil wir nicht gerade den größten Vorsprung in unserem Wissen haben. Wenn Larry die Drachenkrieger erreicht, wissen sie, genauer gesagt, genauso viel wie wir.“
„Aber wie kommt Larry überhaupt hier weg?“
„Ich denke, selbst wenn die Caladra in dich übergegangen ist, Kyle, dass doch eine kleine Spur ihrer Macht in dem Kristall geblieben ist. Er hat es sicher entdeckt.“
Selina wandte ein: „Weiß er denn überhaupt, wohin er gehen muss? Und wir wissen auch nicht, wo er denn jetzt hingeht, selbst wenn er es weiß.“
„Das ist richtig“, stimmte Enigma ihr zu. „Aber für die feine Nase von Wassereinhörnern bleibt selbst der kleinste Spritzer starker Magie nicht unentdeckt. Vorausgesetzt natürlich, die Spur ist noch nicht zu alt.“
„Kyle. Du musst uns helfen. Nur du kannst die Spur finden!“
Kyle war nicht sicher, wie sie diese winzig kleinen Spuren Magie finden sollte. Während sie noch überlegte, begann es in ihrer Nase zu kribbeln. „Haaaattscchh..“
„Nein! Stopp! Du hast die Spur gefunden! Der Staub hat sich in deinen Nüstern verfangen. Jetzt kannst du riechen, wohin Larry geflohen ist!“, rief Luko.
„Wie, was? Ich kann es riechen?“ Erstaunt blickte Kyle Enigma an und begann dann vorsichtig, durch die Nüstern zu atmen. Mit jedem Atemzug kräftigte sich ein süßlicher, aber auch herber Geruch, etwa wie eine exotische Blume oder etwas ähnliches. Aber Kyle dachte jetzt nicht darüber nach. Sie drehte den Kopf in alle Richtungen, wenn sie ihn von rechts nach links bewegte, verstärkte sich der Duft noch mehr. „Ich glaube, er ist dort lang!“, rief sie und lief auch schon los. Luko, Enigma und die beiden Löwen folgten ihr...
Sie liefen aus der Grotte heraus und kletterten auf die Felsen der Insel. Dann folgten sie Kyle den flachen steinigen Strand entlang und um einen großen Felsbrocken herum. Die Biegung stieg steil an, und sie mussten sich anstrengen, um Kyle, die geflogen war, nachzukommen. Enigma hatte es sich auf Lukos Rücken gemütlich gemacht. Auf der anderen Seite blieb Kyle abrupt stehen. Vor ihr tat sich eine tiefe Steilklippe auf und führte in Tiefen des Wassers. Sie verlor die Spur der Magie und drehte sich hilflos zu den anderen um, die sich den Berg hochgeschleppt hatten. „Ich rieche nichts mehr“, sagte sie hilflos. „Es ist weg!“
„Das kann nicht sein!“, meinte Luko entschieden.
„Kann es sehr wohl...“ Selina stockte, als hätte sie etwas Verbotenes gesagt.
„Ist schon okay, Selina, ich weiß, was du damit sagen willst“, antwortete Kyle traurig. „Er könnte hinunter gestürzt sein, nicht wahr?“
„Ähm, nein, ähm...ja...“, Selina wirkte zum ersten Mal unruhig.
„Es muss aber nicht zwangsläufig so sein“, meinte einer der Jaguare.
„Aber...“, wollte Kyle widersprechen, doch Luko kam ihr dazwischen: „Versuch es einfach nochmal!“
Kyle strengte sich an. Sie drehte ihren Kopf in alle Richtungen. Doch ohne Erfolg. Sie konnte nichts mehr riechen. „Ähm... Kyle... Es gibt noch eine Möglichkeit...“
„Ja?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Du musst nach unten fliegen. Vielleicht ist er ja doch...“
„Nein! Das kann doch nicht sein!“ Kyle schrie verzweifelt auf und stürze sich den Felsen hinab. Im Sturz breitete sie ihre Flügel aus...
...und durchschnitt die Wasseroberfläche. Sie tauchte wieder hinab in das Reich, in dem sie sich zu Hause fühlte. Und das erste Mal, seit sie mit Larry geflohen war, dachte sie an ihre Vergangenheit. Wo kam sie eigentlich her? Sie wusste nicht, was vor der Flucht gewesen war. Sie hatte nur gewusst, wer Larry war, dass jemand sie verfolgte, dass sie das Päckchen beschützen mussten. Es war, als würde ihr Leben mit der Flucht beginnen. Plötzlich flüsterte eine Stimme in ihr Ohr: "Du willst wirklich die Wahrheit wissen?"
„Ja...“, flüsterte Kyle in sich hinein, doch die Stimme hörte es. „Dann finde...“ Sie verschwamm für einen Augenblick, das Wichtigste hörte Kyle nicht, dann setzte die Stimme wieder ein: „Beeil dich, Kyle! Die Zeit drängt, und dein Leben in der Welt der Menschen verblasst allmählich. Wenn du jetzt noch länger ein Einhorn bleibst, dann wirst du niemals wieder deine alte Gestalt erlangen können. Finde es...“ Kyle war verzweifelt: „Was, was verdammt? Du hast mir nicht gesagt, was!“ Doch die Stimme war weg, und Kyle tauchte auf. Tränen liefen ihr die Wangen hinab, doch durch das Wasser sah es niemand.
Larry war nirgends zu sehen...
Kyle flog in ihrer Verzweiflung einfach geradeaus und hörte nicht, dass die anderen ihr nachriefen. Ihr Leben in der Menschenwelt verblasste. Wollte sie dorthin überhaupt zurück? Die einzige Erinnerung an diese Welt bestand aus einer völlig vertrockneten Landschaft ohne jegliches Zeichen von Leben, in der es fast gar kein Wasser und nichts zu Essen gab, einer dunklen kleinen Höhle und lauernden Feinden. Und einem verlorenen Freund. Bei diesem Gedanken verkrampfte sich ihr Herz. Was hatte Larry überhaupt mit ihr zu tun gehabt? Welche Beziehung hatten sie zueinander gehabt? Sie kannte ihn einfach, soweit sie sich erinnern konnte. Und woher kam sie nur? Hatte sie denn keine Eltern, die sie vermissten? Andere Verwandte? Freunde? Sie konnte sich noch so anstrengen, ihr fiel nichts ein.
In ihre Gedanken vertieft, hatte sie überhaupt nicht darauf geachtet, wohin sie flog. Sie drehte sich in alle Richtungen, sah aber nichts als Wasser und einer sich allmählich auf den Horizont zubewegenden Sonne. Was sollte sie jetzt nur tun? Sie war kurz davor, in Panik zu geraten. Dann stürzte sie sich einfach ins Wasser, was sie schnell wieder beruhigte. Ihr kam instinktiv ein Gedanke. Sie registrierte es gar nicht richtig, es kam einfach über sie. Sie sang das Lied der Prophezeiung...
Schon kurz nachdem sie damit begonnen hatte, umringten sie die kleinen Glasdelfine.
„Verstehst du, was das Lied bedeutet? Sag es uns, übersetze!“
Die Tiere sprachen, ohne dass sie den Mund bewegen mussten...
Und so übersetzte Kyle:
 
„Caladra, Caladra,
Eis und Flamme,
Sturm und Wasser,
Wesen des Ursprungs,
waret verschwunden,
doch Magie der anderen Zeit,
Wesen einer anderen Welt,
euch wieder vereint,
Caladra, Caladra,
Wesen des Ursprungs,
Caladra, Caladra,
kehret zurück!“
 
Kyle schwankte, so sehr steigerte sie sich in das Lied hinein...
Da hatte sie es nur einmal gehört, und schon konnte sie es auswendig! Ein Wassereinhorn zu sein, war ganz schön nützlich!
Die Delphine dachten nach... lange, endlos lange...
Dann begann einer von ihnen, zu sprechen: "Das soll wohl bedeuten, dass ihr, Larry und du, die Caladren – Eis und Flamme, Sturm und Wasser – wieder vereinen sollt...
Anscheinend müsst ihr aber zu zweit arbeiten...
Larry muss wieder auf die richtige Seite wechseln, vielleicht findest du dabei deine Vergangenheit..."
Ihre Vergangenheit? Wollte sie wirklich zurück...?
Tief im Inneren gefiel es ihr ja , ein Wassereinhorn zu sein und durch die Gewässer zu gleiten... oder mit Luko und den anderen herumzuwandern.
 
Die Glasdelfine verschwanden wieder, nachdem sie ihr die Richtung gewiesen hatten, in der sie die anderen zurückgelassen hatte. Doch noch flog sie nicht zurück. Gedankenverloren ließ sie sich immer tiefer in das beruhigende Meer hinabtreiben. Nein, dachte sie, sie wollte nicht zurück. Aber vollends hatte sie sich noch nicht entschlossen.
Die Glasdelfine hatten gesagt, dass sie ihre Vergangenheit vielleicht finden würde, wenn sie die Caladren fand. Entschlossen stieß sie sich in die Höhe und flog in die Richtung zurück, aus der sie kam. Aber es musste schnell geschehen, sonst würde ihre alte Welt Vergessenheit sein, und sie würde nie mehr erfahren, was geschehen war... bevor sie durch den Wald gerannt war, bevor sie nach Ziranza kam, bevor Larry so wurde... Larry! Plötzlich stieg ihr wieder ein Geruch in die Nase, der Geruch nach Magie! Nach der Magie des Kristalls...
Gaaaanz langsam zog sie den Geruch in ihre Nüstern ein. Er kam von weiter unten, dort, wo das Sonnenlicht längst nicht mehr das Wasser durchschien...
Kyle schwamm mit kräftigen Flügelzügen hinab, immer tiefer. Der Druck auf ihren Ohren und in ihrer Lunge wurde stärker und stärker. Noch war sie daran nicht gewöhnt und hatte etwas Probleme, noch tiefer zu schwimmen. Doch sie überwandt sich.
Hier unten fanden die Pflanzen nicht genug Licht, sodass nur grünliche, meterlange Algenstränge dem Himmel entgegenwuchsen. Sie wogten unheimlich in der Meeresströmung hin und her, manche streiften Kyle an der Flanke, sodass sie erschrak und jedesmal nach hinten schauen musste, da sie glaubte, dort eine Bewegung ausmachen zu können...
Bald war sie sich sicher, hinter ihr schwamm etwas! Eine dunkle Shilouette ging immer in Deckung, wenn sie sich umwandte...
Feind oder Freund?
Eine plötzliche Panik kroch in Kyle hoch und lähmte sie. Als sie wieder von eine geisterhaften Alge gestriffen wurde, wurde sie jedoch aus ihrer Starre gerissen und schoss davon. Dabei bemerkte sie hinter sich ein zweites Aufstrudeln. Sie wusste, dass es hinter ihr war, und wagte nicht, sich umzudrehen. Sie schwamm immer weiter, bewegte sich mittlerweile zwischen hohen, spitzen Felsen hindurch, sah kaum noch, wohin sie schwamm, und hatte längst wieder die Orientierung verloren. Da sagte plötzlich irgendetwas tief in ihr mit herrischer Stimme: Halt! Sie bremste abrupt ab und vergaß die Gefahr hinter ihr, hatte nur noch Augen für das, dem sie in die Fänge geschwommen war. Ein riesiger, dunkler Schatten bäumte sich vor ihr auf. Sie nahm die starke Magie des Bösen war, das sich ihr rasant und mit tödlicher Gewissheit näherte. Doch dann schoss etwas von hinten an ihr vorbei. Es erzeugte einen so starken Strudel, dass Kyle beiseite geschleudert wurde. Sie sah plötzlich nur noch die rote Wolke um sie herum und raste davon, ohne es zu registrieren, so benommen war sie.
 

8. Kapitel – Die Wassercaladra
 
Als sie wieder zu sich kam, fand sie sich auf einem großen Felsen wieder, der aus dem Wasser ragte. Doch sie war nicht allein. Ein lavendelfarbener Drache, nur etwa zwei Meter groß, lag leblos an der Stelle, wo der Felsen sanft abfallend ist Wasser überging. Er hatte zerfetzte Flügel und etliche tiefe Wunden am ganzen Körper. Kyle wusste nicht, ob er noch lebte. Sie spürte nur, dass keinerlei feindliche Aura von ihm ausging...
War das der düstere Schatten, der sie beobachtet hatte? Aber er hatte sie doch beschützt!
Kyle überfiel eine unbeschreibliche Trauer...
Jemand, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, hatte sein Leben für sie aufgegeben...
Sie schaute sich ihren toten Freund näher an: Er war grau, bis auf seine Flügel, die hatten einen rosafarbenen Hauch, der, noch immer nass, in der Sonne glänzte.
Doch was war das?
Der Brustkorb des Drachens hatte sich bewegt!
Kyle hielt ihren Kopf ganz nah an die Nüstern des Drachens und spürte den Atem, ganz schwach, aber immer kräftiger werdend... Und mit ihm wuchs die ungeheuer mächtige Aura, die das Wesen verströmte.
Konnte sich dieser Drache selbst heilen? Er war ja tot gewesen! Oder doch nicht?
Tief in Gedanken versunken, bemerkte Kyle nicht, dass der Drache aufstand.
Er starrte sie an. Nein! Sie starrte sie an!
Jetzt erst erkannte Kyle das...
Das glaube ich ja nicht!, dachte Kyle. Das konnte nur eine Caladra sein, aber war es auch die aus dem Kristall? Wenn ja, was war dann mit Larry geschehen? Sie hatte immer gedacht, dass sich die Eiscaladra in dem Kristall befinden würde, den sie gehabt hatten. Aber warum eigentlich? Wahrscheinlich einfach, weil sie bei den Drachenkriegern im Eisgebiet gelandet waren. Aber sie hatte überhaupt nie daran gedacht, das alle Drachenkrieger zusammengehörten, nur die Drachen waren in einem bestimmten Bereich festgehalten. Somit könnten die Drachenkrieger im Eis genauso gut hinter jeder anderen Caladra hergewesen sein. Vielleicht brauchte sie aber auch die Hilfe einer anderen Caladra, um die aus dem Kristall - welche auch immer es war - zu befreien. Und das hier passte alles so gut zusammen: Sie war ein Wassereinhorn geworden, mitten ins Meer der Zauberdelfine geraten, die ihr das Lied der Prophezeiung verraten hatten. Und wäre sie nicht von ihren Freunden getrennt worden, hätte sie die Caladra vielleicht niemals finden können...
Ihre Freunde! Um Himmels Willen, wie lange war sie überhaupt fort gewesen? Sie würden sonstwas denken, was mit ihr geschehen war. Sie musste so schnell wie möglich zu ihnen zurück!
Kyle starrte erschrocken ins Leere und erschrak noch mehr, als sie eine feuchte Schnauze anstieß. „Danke“, sagte die sanfte Stimme der Caladra, und Kyle war mehr als überrascht. „Danke?!“, fragte sie. „Danke wofür? Dass ich dich in meiner Dummheit in die Fänge des schrecklichen Ungeheuers gelockt habe, das dich so schwer verletzt hat?!“
„Nun... ja“, sagte die Caladra, lief um Kyle herum und musterte sie. „Nur dein Auftauchen hat mich befreien können.“
„Wovon befreien?“
„Aus dem Kristall auf dem Meeresgrund. Dies hätte nur eine sehr starke Magie vermocht.“
Nun war für Kyle klar, das dies nicht „Larrys“ Caladra war. „Aber wieso wurde dann nicht die Caladra aus dem Kristall befreit, den ich bei mir trug?“
Die Caladra schien kein bisschen überrascht von dem, was Kyle sagte. Sie schien über alles genauestens Bescheid zu wissen. „Dein Totem ist das Wassereinhorn, Kyle. Deshalb war es auch das, worin dich die Eisfeen verwandelt haben. Und so hättest du auch nur mich, die Wassercaladra, befreien können.“
„Aber was soll denn dann mit den anderen Caladren geschehen?“, fragte Kyle.
„Nun, du bist nicht die einzige, die erwählt wurde. Da ist noch Larry, und dann eure tierischen Partner.“
„Enigma!“, sagte Kyle und dachte an ihren gemeinsamen Traum.
„Ja“, sagte die Caladra. „Du und Enigma, ihr gehört zusammen und müsst auch zusammen eine andere Caladra befreien, welche, kann ich nicht sagen. Larry und Luko sind ebenfalls solche Partner. Deshalb hat Luko zuerst zu Larry gesprochen und du dich zuerst mit Enigma verstanden. Nun ist Luko genauso dein Freund, aber nur mit Larry zusammen kann er eine Caladra befreien. Und...“
„...Larry muss eine allein befreien“, schloss Kyle daraus.
„Genau, deshalb muss Larry zuallererst aus den Händen der Drachenkrieger befreit werden.“
„Halt“, sagte Kyle. „Die Caladra in unserem Kristall hätte doch schon befreit werden müssen, schließlich waren wir alle zusammen!“
„Nein. Das haben eure Freunde geschickt zu verhindern gewusst: Am Anfang hattet nur du und Larry sie. Dann kam Luko dazu. Somit ist es weder die Caladra, die Larry mit Luko oder allein befreien kann. Du hast schon mich allein befreit. Dann kannst du dir ja denken was das bedeutet: Du und Enigma. Und ihr wart auch nie zusammen mit dem Kristall: Luko stahl den Kristall dann und Enigma brachte ihn nach Ziranza, während ihr anderen alle draußen ward.“
„Aber warum?“, fragte Kyle, verwirrt von all den Enthüllungen. „Die Caladra hätte doch schon längst befreit werden können!“
„Du warst nicht reif dafür. Und außerdem hätte das in der Menschenwelt schreckliche Folgen haben können...“
„Was für Folgen?“, hakte Kyle nach. Doch die Caladra drehte sich um und antwortete nicht.
„Bitte, sage es mir!“ Kyle war so dicht daran, eine Antwort über ihre Vergangenheit herauszufinden...
„Es ist nicht die Zeit dafür, zu begreifen, Kyle. Deine Freunde suchen dich schon, gehe nun zu ihnen, sie machen sich Sorgen.“
Die Caladra suchte nach Worten... „Ich werde bei dir sein und dir helfen, doch nun geh!“
Kyle wendete elegant auf der Hinterhand und flog auf. Schnell wie der Wind flog sie zurück, mit traumwandlerischer Sicherheit fand sie den Weg.
 
Luko schaute auf. Da! Ein schwarzer Fleck näherte sich rasant!
Er begann zu knurren, seine Nackenhaare stellten sich auf – er war bereit, zu kämpfen.
Erst hatte er Kyle verloren, dann Larry, mit dem ihn irgendetwas verband ...
Dieser neuer Gegner kam ihm gerade recht...
Doch dann erkannte er Kyle, die geschickt auf dem Felsvorsprung landete, auf dem sie standen, um nach der Verschollenen Ausschau zu halten...
Enigma rannte auf Kyle zu.
„Oh, Kyle! Ich habe dich so sehr vermisst!“
Zum ersten Mal, seit sie hier war, war Kyle glücklich...
„Enigma“, sagte Kyle etwas außer Atem. „Ihr alle, ich muss euch unbedingt etwas erzählen!“
Die kleine Tiergruppe scharte sich um sie und lauschte aufmerksam ihrer aufregenden Geschichte. Als Kyle geendet hatte, waren alle still und in Gedanken versunken.
„Nein“, sagte Luko nach einer Weile. „Wir haben nichts davon gewusst. Wir wussten nur, dass die Caladra nicht in der Welt der Menschen befreit werden darf. Es war reiner Zufall, dass du und Enigma nie zusammen den Kristall hattet!“
Kyle schluckte, als sie begriff, welch ein Glück sie gehabt hatten und dass es um ein Haar hätte mächtig schiefgehen können.
„Was will die Caladra nun tun?“, wollte Luko wissen.
„Ich weiß nicht genau“, sagte Kyle. „Sie hat gesagt, wir müssen so schnell wie möglich Larry befreien, und dann, dass ich zu euch zurück soll, aber sie bei mir sein wird.“
„Mehr hat sie nicht gesagt? Ich würde meinen, dass wir sie sofort aufsuchen und uns dann mit ihr auf die Suche nach Larry machen sollten. Außerdem ist sie in Gefahr. Die Drachenkrieger werden sie um jeden Preis töten wollen, gerade jetzt, wo sie befreit und für sie erreichbar ist!“
„Ich kann mir nicht vorstellen, wo sie hingegangen sein sollte. Bestimmt ist sie noch in der Nähe des Felsens. Ich denke, den werde ich wiederfinden“, meinte Kyle.
„Aber was ist mit euch?“, fragte Luko die vier Raubkatzen. „Kyle kann Enigma tragen, notfalls auch mich, oder ich schwimme. Aber ihr?“
„Ich schlage vor, dass wir uns zusammen auf die Suche nach den anderen Caladren machen“, sagte Marto. „Ihr braucht uns nicht, wir sind euch eher hinderlich...“
 
Kyle hatte sich ungefähr die Richtung gemerkt, in der der Felsen lag, darum dauerte es auch nicht lange, bis sie dort waren. Luko kletterte erstaunlich flink hinauf und sprang neben Kyle und Enigma. Doch weit und breit war keine Caladra zu sehen. „Natürlich nicht“, meinte Luko. „Sie ist bestimmt unter Wasser, in ihrem Element.“
„Nun ja, so besonders scharf darauf, diesem Riesenungeheuer nochmals zu begegnen, bin ich nicht...“ Kyle blickte unsicher in die blaue Tiefe.
„Anders finden wir sie aber nicht“, gab Enigma zu verstehen.
„Ich glaub nicht“, meinte Kyle, „dass sie überhaupt noch da ist.“
„Und wenn doch?“, fragte Luko.
„Dann, äh...“ Kyle wusste keine Ausrede mehr. „Besser, ich bringe es schnell hinter mich“ sagte sie und schluckte und stieß vom Rand des Felsens hinab. Wieder umgab sie die eisige, und doch so heimatliche Kälte des Wassers. Doch diesmal konnte sie sich nicht ruhig dahin treiben lassen, sie musste die Caladra finden. Sie umschwamm den Felsen, tiefer als ein paar Meter traute sie sich nicht. Doch als sie nichts fand, tauchte sie doch etwas tiefer, und plötzlich stieg ihr ein Manastrom in die Nase... Sie folgte ihm vorsichtig und tauchte immer tiefer. Plötzlich tat sich vor ihr im Felsen ein Höhleneingang auf. Kyle schwamm hinein und blickte sich unsicher um. Immer tiefer ging es hinein, doch dann endete der Tunnel in einem runden Raum. Er war leer, bis auf eine Erhöhung in der Mitte, die durch eine steinerne Treppe zu erreichen war. Auf der Erhöhung stand ein Sockel, und in diesem Sockel lag ein Kristall, der früher wohl einmal das Licht der Caladra ausgestrahlt hatte, jetzt aber verloschen war.
Kyle stieg neudierig hinauf, doch plötzlich riss sie ein gewaltiger Wasserstrudel zurück, und ein großes Etwas kam wie aus dem Nichts... Kyle konnte vor Schreck nicht reagieen. Es raste auf sie zu und wollte gerade seine Zähne in ihren Körper schlagen, als es auf die Seite gestoßen wurde...
Da war ein anderes Wesen, das sich so schnell bewegte, dass Kyle nur ein aufgewühltes Strudeln erkennen konnte. Aber es hatte ihr Leben gerettet! Nun trieb das Monster langsam durchs Wasser und Kyle wich misstrauisch zurück. Es war ein ... tja, was genau war es denn?
Es sah aus wie ein misslungener Versuch, einen Kraken mit einem Wal zusammenzubringen...
Um die 7 Meter lang war das Ding, nur hatte es einen ganz anderen Schwanz, keine Flosse, sondern ungefähr hundert Fangarme, die sich wie Rattenschwänze im Wasser bewegten...
Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn man sich darin verfing...
Nun tauchte das andere Wesen auf, es blieb dicht vor Kyle stehen. Es war ein zierlicher Drache. Die Caladra! „Endlich habe ich dich gefunden“, rief Kyle erleichtert. Ihre Stimme hatte im Wasser einen seltsamen Klang. „Die anderen warten auf mich. Komm!“
„Ja, lass und verschwinden. Wenn es aufwacht, sind wir tot...“
Die Caladra kam auf Kyle zu, und diese konnte das Etwas nicht mehr sehen. Wortlos schwamm sie an ihr vorbei und machte mit dem Kopf ein Zeichen, ihr zu folgen. Doch als Kyle stehenblieb um weiter das Ungeheuer zu betrachten, das sich jedoch zurückgezogen hatte, schob die Caladra sie mit dem Flügel vorwärts. Als sie aus dem Wasser kamen, stand Luko am Rand des Felsens und starrte in die Tiefe. Doch als er sie entdeckte, war sein Blick gebannt vom Anblick der schönen Caladra. Sie machte einen jungen Eindruck, obwohl sie uralt sein musste. Sie war sehr zierlich und hatte sanft geschwungene Hörner. „So“, sagte sie dann. „Unser Plan...“
„Hast du eigentlich einen anderen Namen als 'Caladra'?“, fragte Kyle. Die Frage kam ihr einfach so.
„Das willst du nicht wirklich wissen!“, sagte die Caladra.
„Warum?“
„Nun, du wolltest es nicht anders: Ich bin Aimée Agoua Loucryca.“ Kyle konnte direkt erkennen, wie es sie belustigte, sie zu verwirren.
„Wie, was?!“
„Nenn mich Lou!“, lächelte die Caladra.
„Na das hätten wir ja dann geklärt...“, sagte Luko.
„Oh nein!“, meinte Lou. „Du solltest auf die Namen meiner Schwestern vorbereitet sein!“
„Bitte nicht!“, sagte Luko, aber das interessierte sie überhaupt nicht.
„Die Eiscaladra ist Akira Aurora Isvalayca, genannt Akira.
Dann die Erd-Sturmcaladra, Janara Pay Pearlyn, PayPay.
Und die Feuercaladra Shira Lava Reycavay alias Fuchs!“
Doch dann verflog die Heiterkeit der Caladra plötzlich und wich einer furchtbaren Trauer. „Nein, ich kann es mir nicht leisten, zu scherzen“, flüsterte sie, „nicht mehr. Ich kenne die Prophezeiung, obwohl ich so lange eingesperrt war. Ziranza war wild und frei, genau wie wir. Wir waren einfach wir, mehr nicht. Doch heute werden wir als allmächtig angesehen, dabei sind wir nichts weiter als gepeinigte Kreaturen, denen das Schicksal der Welt aufgelastet wurde. Wir waren Freunde, wie eine Familie. Schwestern. Doch dann verschwanden alle anderen unserer Art. Ich weiß bis heute nicht, warum. Wir vier waren die einzigen, die übrig blieben. Diese merkwürdigen Namen wurden uns dann gegeben, weil wir etwas besonderes, Legenden, geworden waren. Ich weiß nicht, von wem, ich weiß nicht wann. Eine starke Magie wohnt mir inne, schließlich sind alle anderen fort. Aber das habe ich nie gewollt. Ich will nur meine Vergangenheit zurück, dabei kenne ich sie nicht einmal ganz. Ich will die anderen meiner Art zurück. Doch das werde ich nie bekommen können, alle sind tot. Die letzten, die mir geblieben waren, wurden mir genommen. Aber... ich weiß was ich zu tun habe. Mein Schicksal ist unausweichlich. Ich werde nie wieder frei und friedlich sein können. Meine Bestimmung wird mir anhaften, was ich auch tue, dabei war ich einst einfach eine von vielen.“ Ihre Stimme hatte sich währenddessen von einem Wimmern zu einem Schluchzen entwickelt, und alles, was sie gesagt hatte, erinnerte Kyle verdammt genau an sich selbst...
„Wer könnte dich denn besser verstehen als ich“, sagte sie mitfühlend. „Ich kann mich nicht mal an irgendetwas erinnern, du hast wenigstens noch eine schöne Welt in Erinnerung. Auch mir wurde dieses schwere Schicksal einfach so auferlegt. Ich soll die Caladra befreien, hieß es. Doch ich wusste überhaupt nicht, wie. Es hieß immer, ich könne dies und das und müsse dieses und jenes tun, sonst würde alles furchtbar werden. Aber wie du siehst, habe ich es doch immer wieder geschafft. Ich dachte immer, wenn ich dich irgendwie befreien kann, dann wird alles gut. Dann weißt du genau, was zu tun ist, du bist eine legendäre allmächtige Caladra. Aber jetzt weiß ich, dass du genauso bist wie ich. Du hast nun Kräfte, die du noch nicht kennst, und es wird von dir erwartet, dass du alles schaffst. Aber diese Kräfte sind wirklich da, und du wirst sie entdecken. Du musst Geduld haben und daran glauben. Wir teilen ein Schicksal. Wir alle...“
„Wir werden es schaffen! Alle zusammen!“, rief Enigma und schmiegte sich an Kyle.
Luko starrte kurz ins Leere und meinte dann:
„Was haltet ihr davon, wenn wir hier, am Meeresufer, eine Weile bleiben? Kyle, du bist sicher müde, und wenn ich gestehen darf, ich auch. Schließlich brauchen wir Kraft, um die restlichen Caladren zu befreien... Hat jemand etwas dagegen?“
Alle waren damit einverstanden.
 
9. Kapitel – Das Versprechen
 
Es war schon spät in der Nacht, der Vollmond strahlte, und ein kräftiges Abbild seiner selbst spiegelte sich in den rhythmischen Wellen des unendlichen Meeres. Doch Kyle konnte einfach nicht schlafen, so sehr sie es auch versuchte. Da stand sie, ihren Blick starr auf den Mond gerichtet, doch sie sah ihn nicht wirklich, so tief war sie in Gedanken versunken...
Deshalb bemerkte sie auch nicht die leisen Schritte Enigmas.
„Du kannst auch nicht schlafen, Kyle?“
Die sanfte Stimme holte sie zurück aus ihren verworrenen Gedanken. Enigma blickte sie an, schaute dann auf den Mond.
„Warum kannst du nicht schlafen?“, fragte Kyle sie. Lange Zeit sagte Enigma nichts, betrachtete nur den silberhellen Mond...
„Kyle?“, sagte sie dann.
„Ja?“
Enigma suchte nach Worten, doch dann platzte es aus ihr heraus: „Kyle, wenn alle Caladren befreit werden, kehrst du doch zurück, oder? Zurück in deine Welt... Ich will aber, dass du dableibst... bei mir! Ich will nicht, dass du mich verlässt!“
Kyle hatte Tränen in den Augen. So etwas hatte ihr noch niemand gesagt... „Ach Enigma...“ ,seufzte sie. „Ich will ja auch nicht weg. Aber es ist so, dass ich wissen will, was mit meiner Welt passiert ist, ob es sich lohnt, dorthin zurückzukehren... Bitte versteh das, Enigma! Wenn ich es herausgefunden habe, komme ich zurück, versprochen! Schau mir in die Augen, Enigma.“
Enigma hob ganz langsam ihren Kopf, und Kyle konnte perlgroße Tränen an ihren Wangen herunterrinnen sehen.
„Versprich es...“, wisperte sie...
„Ja, ich komme zu dir zurück ...“
Kyle wollte zu ihrem Schlafplatz gehen, um sich zu beruhigen, aber Enigma hielt sie zurück.
Sie schaute noch immer auf den Mond und ihre Stimme klang halb erstickt: „Unter uns Tieren gibt es eine Legende über den Untergang der Erde. Sie ist nur halb überliefert, Bruchstücke fehlen...
Es heißt, dass die Menschen einmal, vor sehr langer Zeit, mit den Tieren zusammen gelebt haben. Unter ihnen gab es einige, die uns verstanden, man nannte sie die Flüsterer. Doch es starben alle, sie wurden als Hexen und Hexer verbrannt, und mit ihnen das Wissen über uns und unsere Welt.
Die übrigen Menschen aber strebten nach Wissen, und mit ihrem Wissensdurst vernichteten sie alles... Sie brannten die Wälder ab, die Ozeane froren zu, es herrschte Wassermangel.
Die Erde Gae, einst die schönste der beiden Welten...
... starb.
Jede dieser Welten , Ziranza und Gae, lebten. Das heißt, es wohnte ein allmächtiger Geist in ihnen. Gaes Geist ist erloschen, die Menschen herrschen jetzt...
Kyle, bitte kehre nicht zurück! Du bist auch ein Mensch, du würdest auch dem Wahnsinn verfallen... Bleibe hier, bei mir und als Wassereinhorn. Ich bitte dich, bleibe hier...“
Kyle überlegte lange, wartete, bis die Tränen Enigmas versiegten und drückte ihren Kopf gegen den ihrer Freundin.
„Ja.“
Enigma bekam ganz große Augen, schaute sie unverwandt an. „Ja?“
„Ich bleibe bei dir...“
„Was ist hier los?“, fragte eine leise Stimme. Kyle und Enigma drehten sich um. Lou war aufgewacht.
„Entschuldigung“, sagte Kyle. „Wir wollten dich nicht wecken.“
„Ist nicht schlimm“, sagte die Caladra, und ihr Blick wurde ebenfalls vom Mond gefangen. „Wie sollte ich denn auch schlafen können?“
„Ja... Aber glaub mir, ich kann dich wirklich verstehen! Vorher bist du für uns alle die Caladra gewesen. Aber jetzt weiß ich, wie es ist. Wir...“ Doch Kyle wurde unterbrochen.
„Was war das?“, fragte Lou.
„Was denn?“
„Ich weiß nicht... da!“ Lou stolperte zurück.
„Was ist denn da?!“
Das Meer warf leichte Wellen auf, und das Spiegelbild des Mondes verschwamm. Ein kleiner weißer Vogel kam genau an dieser Stelle aus dem Wasser geschwirrt. Enigma ging sofort in Lauerhaltung, doch Kyle hielt sie zurück. „Wie niedlich!“, sagte sie, als der flauschige Vogel auf sie zugeflattert kam. In Lous Augen stand Angst, doch als Kyle den Vogel berühren wollte, schien Lou allen Mut zusammenzunehmen und schnellte vor. Sie packte den Vogel mit ihren nadelspitzen Reißzähnen und schleuderte ihn auf den Felsen. „Warum hast du das getan?!“ Kyle war traurig und wütend zugleich. Sie wollte hingehen und sich den toten Vogel ansehen, obwohl er gewiss nicht zu retten war. „Nein!“, rief Lou und hielt sie fest. Im nächsten Moment hatte sich das kleine süße Vögelchen in einen schwarzen Wolkenfetzen verwandelt, der sich in der Luft auflöste.
„Was... ?“, fragte Kyle ängstlich.
„Böses Mana“, zischte Lou, doch mehr konnte sie nicht sagen, denn plötzlich kamen noch mehr Vögel aus dem Wasser ringsum auf sie zugeflogen...
Sie kreischten schrill und stürzten sich auf die Gruppe. Jetzt wachte auch Luko auf und brüllte: „Verdammt! Larry muss sie erreicht haben!“
„Nein!“ Lou zerriss einen Vogel und schnappte nach dem nächsten. „Dieses böse Mana kommt nicht von den Drachenkriegern...“
„Aber woher dann?“, schrie Kyle und lies sich in dem Gewirbel zwischen Lous Vorderbeine fallen.
„Wir müssen fliehen!“, hörte sie noch Enigmas Stimme, dann ein Picken auf ihrem Rücken, schwarze Flammen flackerten um sie auf, und sie schloss die Augen....
 
Sie fiel und fiel, alles war schwarz. Sie hatte dies schon einmal gespürt... Als... Ja, als sie von ihrer Welt in die Welt Ziranza gefallen war. Sie kam hart auf und öffnete die Augen. Sie war in einer Kuppel aus Plastik eingeschlossen. Und davor saßen Menschen.
Die Menschen starrten böse auf Kyle und gestikulierten. Sie erzählten irgendetwas über sie, aber Kyle konnte sie nicht hören...
 
Plötzlich spürte sie einen starken Wind und öffnete vorsichtig die Augen. Sie sah Wasser weit unter ihr mit großer Geschwindigkeit dahingleiten. Sie schüttelte den Kopf und verdrängte so den merkwürdigen Traum und kehrte in die Realität zurück. Sie wollte mit den Flügeln schlagen, um weiterzufliegen und nicht abzustürzen, doch nichts passierte. Bis Kyle erstaunt feststellte, dass sie keine Flügel hatte. Sie schrie auf vor Schreck und dachte, sie würde jeden Moment auf dem Boden aufschlagen.
„Keine Angst, sie sind schon weit hinter uns!“, sagte plötzlich eine vertraute Stimme von oben. Lou. Sie trug sie zwischen ihren Drachenklauen, und auf ihrem Rücken saßen Luko und Enigma. Kyle war wieder ein Mensch! „Lou!“, schrie sie entsetzt. Diese packte mit den Zähnen ihre Jacke und hob sie auf ihren Rücken.
„Lou, wieso bin ich kein Einhorn mehr?“
„Mach dir keine Sorgen darüber. Der Einfluss des bösen, verseuchten Manas – aus der Welt der Menschen – hat die Verwandlung in dein reines ziranzisches Totem umgekehrt. Aber du kannst dich zurückverwandeln, wann immer du willst – vorausgesetzt, du erholst dich...“
„Mir geht es gut, Lou! Ich will nur meine Gestalt wiederhaben! Okay, eigentlich ist das meine Gestalt, aber ich fühle mich viel besser als Wassereinhorn.“
„Das Wassereinhorn ist auch ebenso deine wahre Gestalt wie der Mensch! Es ist dein Totem, und somit ein Teil deines Geistes.“
„Dann will ich sofort wieder ein Einhorn sein! Ich will tauchen und fliegen!“ Mit diesen Worten stürzte sich Kyle in die Tiefe...
„Halt, nein!“, schrie Lou. „Du musst dich erst erholen! Da unten ist es gefährlich...“
„Lass sie“, meinte Enigma. „Sie hat sich schon so daran gewöhnt.“
„Es gibt da aber noch einen Haken“, wandte Lou ein.
„Und der wäre?“, fragte Luko.
„Nun ja“, Lou blickte nach unten, „selbst wenn sie wollte, sie wird nicht hierbleiben können, und sie wird sterben, wenn sie nicht zurückkehrt und dies alles vergisst.“
„Wie bitte?“ Enigma sprang erschrocken auf. „Aber sie will hierbleiben!“
„Das geht aber nicht, und darum soll sie sich nicht so sehr an diese Gestalt gewöhnen...“
„Ich glaube nicht, dass sie freiwillig zurückkehrt, sie wird hierbleiben“, überlegte Luko. „Wenn sie das tut, wird sie sterben...“, meinte Lou. „Sobald sie die letzte Macht der letzten Caladra in sich gespeichert hat, wird sie nur noch begrenzte Zeit haben, um nach Gae zurückzukommen und sich von dem Mana zu befreien. Sonst wird die Überdosis an Mana in ihr sie töten...“
„Das ist...“ Enigma stockte. „Sie wird nicht zurückkehren! Und sie wird nicht sterben!“
Traurig blickte Lou sie an: „Doch, das wird sie...“
Kyle kam hinaufgerast und flog einen weiten Bogen. Sie stieß ein jubelndes Wiehern aus und sauste im Sturzflug aufs Wasser zu. Dann segelte sie über den glatten Spiegel hinweg und tauchte die Hufe hinein, wobei sie einen Sprühregen hinter sich herzog, in dem ein Regenbogen schimmerte. Dann ließ sie sich ins Wasser fallen, und man sah kurz ihre helle Silhouette unter der Oberfläche gleiten, bevor sie mit einigen mächtigen Flügelschlägen wieder hinausgeschossen kam und einen Wasserschwall aufwirbelte.
Enigma hatte einen riesigen Kloß im Hals. „Sie ist so glücklich...!“, sagte sie mit schwacher Stimme. Aber dann rief sie Kyle herbei. Diese flog so nah wie möglich an Lou heran und Enigma sprang mit einem gezielten Satz auf ihren Rücken hinüber. Als sie gelandet war, flog Kyle wieder höher. „Oh Kyle!“, schluchzte Enigma. „Du wirst sterben Kyle, sterben! Lou sagt das.“
„Aber... Wie kommt sie denn darauf?“
„Du musst zurück Kyle, zurück in deine Welt!“
„Das hier ist meine Welt, Enigma!“
„Nein Kyle! Nein! Du musst in die Welt der Menschen zurück! Nach Gae. Sonst stirbst du!“ Enigma brach in lautes Schluchzen aus.
„Enigma, hör doch auf zu weinen, Enigma, bitte! Ich sterbe schon nicht!“
„Doch... du wirst... sterben... wenn du... nicht... zurückkehrst! Wenn alle... Caladren... befreit... sind... hast du... zuviel... Mana in dir. Du... musst zurück... das Mana... loswerden!“
„Aber Enigma! Du wolltest doch unbedingt, dass ich bei dir bleibe!“
„Das wirst du auch.“ Nun stand ein leises Lächeln in ihrem Gesicht. „Ich komme mit dir. Ich lasse dich nicht allein.“
„Du willst mit mir kommen? Und was ist dann mit Luko und den anderen...?" Engima blickte traurig drein und murmelte: „Die sind mir egal. Ich habe in dir eine Verbindung zu mir gefunden. Und jetzt, wo ich weiß, dass ein unsichtbares Band uns zusammenhält, kann ich nicht einfach loslassen. Ich meine, ein Teil von mir wird immer in der anderen Welt sein. Aber das darf nicht so sein. Ich habe einmal etwas darüber gehört...“
„Was hast du darüber gehört?“, fragte Kyle vorsichtig.
„Dass...“, eine große Träne lief wieder an Enigmas Wange herab. „Es gibt eine Verbindung zwischen den beiden Welten. Davon hast du ja schon mal gehört.“
„Ja.“
„Durch diese Verbindung fließt stetig verschmutztes Mana aus eurer Welt in unsere.“
„Das ist auch meine Welt. Ich habe in der anderen Welt keine Vergangenheit.“
„Nein, es ist nicht deine Welt! So sehr du dir das auch wünscht, und so sehr ich es mir wünsche.“ Kyle wollte sich aufbäumen, aber Enigma sprach einfach weiter: „Wenn du das Mana der Caladren in dir vereint hast, könntest du damit Mana von Ziranza reinigen. Doch es wird ja immer neues Mana in unsere Welt gelangen. Wenn“, Engima schluckte, „wenn die Caladren – sie sind die einzigen, die das könnnen – nicht die beiden Welten trennen. Und wenn du zuvor nicht in deiner Welt warst, kann nichts das Mana deinem Körper wieder entnehmen. Und wenn dies nicht geschieht, stirbst du. Aber die Zeit, in der die Trennung passieren muss, ist begrenzt. Und du würdest es nicht schaffen, wieder zurückzukommen. Wenn wir auf dich warten würden, dann wäre schon wieder zu viel verunreinigtes Mana in Ziranza, als dass es länger überleben könnte.“
„Aber ich werde ohnehin sterben“, entgegnete Kyle. „Die Welt, aus der ich angeblich komme, geht doch langsam unter, oder?“ Sie funkelte zornig. Engima zuckte zurück: „Ja, Kyle.“
„Wieso sollte ich dann Ziranza retten?“
Plötzlich blendete sich eine Stimme in Kyle Kopf: Du wirst es noch erfahren. Dein Schicksal, dein Leben, deine Vergangenheit... Alles ist eng mit Ziranza verbunden, und hier wirst du die Antworten erfahren.
„Lou?!“, rief Kyle, aber die Stimme war weg...
Lou kam herbeigeflogen. „Was ist denn, Kyle?“
„Ach nichts... ähm... da ist eine Insel!“
 

10. Kapitel – Die Waikiki
 
„Oh ja, schön, da können wir landen“, rief Lou zurück und hielt auf den kleinen Punkt in der Ferne zu. Als die näher kamen, erkannten sie, dass die Insel steile Klippen hatte, auf der Oberseite aber flach war und dort eine Wiese und einige Bäume wuchsen.
Als sie sie jedoch endlich erreichten, war Kyle wieder so in Gedanken versunken, dass sie sie längst vergessen hatte und mit den Augen ihrem Schatten auf der Wasseroberfläche folgte. „Kyle, Vorsicht!“, brüllten plötzlich alle, und als sie, aus ihren Gedanken gerissen, aufblickte, sah sie die steinige Felswand auf sich zurasen. „Aah!“, schrie sie, und da sie nicht mehr bremsen konnte, flog sie so steil nach oben, dass Enigma sich nur mit Mühe festkrallen konnte. Sie hatte jedoch noch viel zu viel Schwung und stieß, mein eigezogenem Kopf und zugekniffenen Augen, hart gegen die Felskante und wurde auf die Wiese geschleudert. Luko war schon zu ihr geeilt. „Kyle! Das war aber knapp. Hast du etwa die Klippe nicht gesehen? Ist alles in Ordnung mit dir?“
„Aah... es geht schon...“, stöhnte Kyle. Ihre Beine pochten vor Schmerz.
„Damit hätte sich die Frage der Aufenthaltsdauer hier wohl erledigt“, sagte Lou. „Ich gehe mich hier mal umsehen.“
„Aber ich kann doch fliegen“, verteidigte sich Kyle.
Lou sah sie abschätzend an. „Na, das will ich sehen!“ Kyle breitete ruckartig die Flügel aus, hielt jedoch mitten in der Bewegung Inne und stöhnte auf. Ihr Rücken tat furchtbar weh, alles tat ihr weh. Verkrampft legte sie sich wieder in eine erträgliche Lage.
 
Kyle war froh, als endlich die kühle Nacht hereinbrach, sie hatte den ganzen Nachmittag in der prallen Sonne auf der Wiese gelegen. Wo immer sie das Wasserbecken auch hingebracht hatte, es war anscheinend weit weg vom Eisland. Vermutlich waren sie vom Nord- oder Südpol zum Äquator gekommen, falls es in Ziranza überhaupt soetwas gab.
Enigma war die meiste Zeit bei ihr gewesen, nun aber war sie fort gewesen und kam gerade zurück. „Hach, Kyle, das sieht nicht gut aus!“, sagte sie mit besorgtem Blick auf ihre Beine. Ihre vorderen Fußgelenke waren blutig und fast auf doppelte Dicke angeschwollen.
„Ach das wird schon“, sagte Kyle, allerdings wenig überzeugt. Enigma sagte nichts mehr, sie legte sich neben Kyle und beide schliefen bald ein.
 
Luko sah sich um. Irgendetwas hatte ihn geweckt. Dann erkannte er, dass Lou fort war, und suchte ihre Fährte. Als er sie aufgespürt hatte, sah er sie an der Klippe jenseits des kleinen Hains sitzen und den Mond betrachten. Ein riesiger Vollmond stand dicht über dem Horizont. Luko ging leise auf sie zu. „Schön, nicht?“, sagte er. Lou erschrak. Bisher hatte sie es in keiner Weise gezeigt, doch in Luko hatte sie etwas wahrgenommen, was ihr nicht gefallen wollte. Sie konnte es nicht deuten, doch sie wusste nur, dass sie ihm auf irgendeine Weise näherkommen musste, um es herauszufinden. Es war plötzlich einfach wichtig. Es schien absurd, doch dies hier konnte ihre Chance sein... „Oh. Ja, sehr schön“, sagte sie zerstreut.
Luko setzte sich neben sie und bemerkte, dass sie zitterte. „Ist dir kalt?“, fragte er, und ohne auf eine Antwort zu warten, rückte er näher an sie heran. Doch dadurch zitterte sie nur noch mehr. „Ja... ein bisschen“, sagte sie mit ihrer hellen, schüchternen Stimme. Diese Stimme hatte Luko schon so gefallen, als er Lou das erste Mal begegnet war. Das war absurd, dachte er. Doch in dem Moment wusste er nicht, ob es ihm irgendwie von Nutzen sein konnte. Es schien ihm wichtig...
Sie saßen noch einige Zeit so da, bis Lou müde wurde und sich zu Lukos Füßen zusammenrollte. Er betrachtete sie einen Moment und überlegte. Dann ließ er sich neben sie fallen und legte ein Vorderbein über sie. Als er merkte, dass sie eingeschlafen war, legte er seinen Kopf auf ihren Rücken und wollte ebenfalls schlafen. Doch seine Gedanken ließen ihn nicht los. Warum nur tat er das? Lou war nicht einmal ein Säugetier, das konnte doch nicht gutgehen... Aber etwas in ihm drängte ihn auf einmal energisch dazu, sich Lou anzunähern. Es kam ihm vor, als wäre dies seine einzige Chance, einer unsichtbaren, lauernden Gefahr zu entgehen. Vielleicht durch Lou selbst? Er musste sie um jeden Preis im Auge behalten...
 
„Geht´s dir schon wieder besser?“, fragte Luko, als er am nächsten Morgen mit Lou zurückkam. Enigma machte gerade einen Ausflug zum Wäldchen, weil sie dort Beeren gesehen hatte. „Ich bin nicht so gut drauf“, antwortete Kyle verdrossen. Wie um alles in der Welt hatte sie nur so tollpatschig sein können? „Aber wir sollten uns endlich auf den Weg machen und Larry zurückholen.“
„Wir müssen noch hierbleiben“, meinte Lou. „Vorerst wissen wir nicht einmal, wo genau wir uns hier befinden.“
„Aber...“, wollte Kyle beginnen, doch da kam Enigma zurück: „Ich habe ein paar Beeren gefunden. Aber die werden niemals reichen - Luko, du könntest doch...“
„Mach ich“, stimmte Luko zu und sprang davon, um auf die Jagd zu gehen.
„Lou, es tut mir Leid“, Enigma sah den Drachen an, „aber ich fürchte, Luko wird es nicht schaffen, für dich Essen aufzutreiben. Du brauchst ja sicher eine Menge...“
„Das ist schon okay!“ Lou lächelte und flatterte mit den Flügeln, zum Zeichen, dass sie gleich abheben würde. „Ich werde mir meine Nahrung selbst besorgen, unter Wasser!“ Damit flog sie auf und kreiste kurz über ihnen, dann schoss sie davon und stieß ins Wasser.
„Enigma“, begann Kyle vorsichtig.
„Ja?“
„Ich will kein Fleisch essen.“
„Oh.“
„Du sagtest doch, du hättest Beeren gefunden. Ich esse Beeren.“
„Aber nur mit den Beeren bekommst du deine Energie nicht, die du brauchst“, versuchte Enigma zu erklären.
„Ich esse kein Fleisch“, beharrte Kyle stur.
 
Kyle stritt gerade noch mit Enigma, als Luko schon zurückkam. Er trug eine große, orange, rundliche Frucht im Maul. „Was ist das, Luko?“, fragte Kyle.
„Ich weiß es nicht. Aber ein Baum weiter hinten auf der Insel ist voll davon. Wenn man sie essen kann, würdest du davon bestimmt satt werden.“ Enigma lief um die Frucht herum, die Luko auf den Boden gelegt hatte, und beschnupperte sie misstrauisch. „Kenne ich nicht.“
„Dann sollten wir warten, bis Lou wieder auftaucht, vielleicht kennt sie das Ding ja.“
„Gut“, sagte Luko. „Ich werde jetzt weiter jagen gehen. Wenn hier überhaupt ein anderes größeres Tier zu finden ist...“
 
Nach etwa einer Viertelstunde kam Lou wieder über den Rand der Klippe geflogen und landete neben Kyle. Sie hatte eine riesige kahle Fischgräte im Maul und kaute darauf herum wie ein Hund auf seinem Knochen. Kyle starrte sie genauso komisch an wie Enigma. Als Lou das bemerkte, fragte sie unschuldig: „Ist was?“ Die anderen beiden antworteten nicht und starrten weiter. „Na, ich möchte halt keine Zahnprobleme bekommen!“, verteidigte die Caladra sich.
„Ah...“, sagte Kyle und verlor das Interesse an dem zähneputzenden Drachen. Dann fiel ihr aber Lukos Mitbringsel wieder ein. „Lou?“, fragte sie.
Die Caladra sah von ihrer Fischgräte auf. „Hmja“, murmelte sie.
„Was ist das?“
„Hm... eine Frucht.“
„Ach!“ Sie wollte weiterreden, sah dann aber, dass Enigma sich vor Lachen kringelte, und sah sie verdattert an. Dann schüttelte sie empört den Kopf und bereute, sich nicht schmollend zurückziehen zu können. Bei ihrem Gesichtsausdruck spuckte Lou die Fischgräte aus und lachte genauso los wie Enigma. Kyle fühlte sich hintergangen und war überglücklich, als Luko wiederkam und verwundert in die Runde starrte. „Was ist denn hier schon wieder los?“
„Luko... Das ist eine Frucht, weißt du? Laut des nützlichen Rats unserer Obstexpertin!“
Luko sah auf die Frucht, und dann fing er plötzlich auch noch an, loszugröhlen. „Die Frucht... die Frucht!“, brachte er mühsam in seinem Lachen hervor.
Ich esse das Ding wohl lieber nicht!, dachte Kyle und drehte sich murrend um...
Dann hatte die Frucht plötzlich angefangen, zu wackeln! Ihr Orange war einem Blauton gewichen, der ganz und gar nicht gesund aussah. „Was ist das?“, fragte Kyle noch einmal. „Eine Frucht“, Lou sah das Etwas belustigt an. „Eine Waikiki. Demnach sind wir auf einem Vorläufer der tropischen Inseln von Waikiki. Nach denen eben auch diese Frucht benannt ist. Auf den Inseln der Waikiki leben die Waikikikatzen. Katzenmenschen, wenn du so willst. Die Frucht kannst du ruhig essen. Das im Inneren ist der Kern, den musst du vergraben, dann kommt eine neue Pflanze heraus. Aber ich schlage vor, dass wir die Waikiki um Hilfe bitten.“
„Bitte?!“, fragte Kyle verdutzt. „Ich soll sie um Hilfe bitten?“
„Frag sie einfach nach deiner Zukunft!“, sagte Lou, immer noch glucksend. „Mach doch einfach mal!“
„Halt!“, sagte Enigma. „Wer weiß, was das für ein fauler Zauber ist! Lasst mich erst einmal gucken.“ Sie ging vorsichtig an die Waikiki heran und streckte den Kopf nach vorn. Auf einmal wurde die Frucht silbrig wie Enigmas Fell und rollte einmal im Kreis um diese herum. Das war der Katze nicht ganz geheuer, aber sie blieb stehen, ließ jedoch die Frucht nicht aus den Augen, bis sie wieder vor ihr liegen blieb. Dann begann diese zu hüpfen und sich zu drehen. Sie drückte sich platt auf den Boden, dann kehrte sie in ihre normale Form und zu ihrer merkwürdig bläulichen Farbe zurück und blieb still liegen. „Sehr interessant“, sagte Enigma. „Das ist also meine Zukunft!“ Lou krümmte sich schon wieder vor Lachen. Widerwillig sah Kyle dann die Frucht an. Es passierte Ähnliches. Kyle stönte auf. „Ich habe Hunger!“ Sie fand das Ganze langsam nicht mehr witzig.
„Hach“, sagte Lou, „ich kann ja verstehen, dass du diese Waikiki nicht essen magst. Am besten, wir rupfen dir einfach Gras von der Wiese.“
„Ich soll Gras essen?!“
„Hast du dich bis jetzt nicht mit allem anfreunden können, was das Einhornsein mit sich brachte? Fliegen, Tauchen, auf vier Beinen gehen...?“
„Da hast du wohl Recht...“
 
„So besonders schmackhaft ist es ja nicht...“ Kyle hatte gerade einen Grasbüschel ausgerissen und kaute darauf herum.
„Daran gewöhnst du dich“, kicherte Enigma. Kyle murrte nur und kaute weiter. Es schmeckte widerlich. Nach Gras halt. Da sah sie, wie Luko aus dem Wald gelaufen kam. Er hatte ein kaninchenartiges Tier im Maul, sah aber irgendwie gehetzt aus. Als er außer Atem vor ihnen zum Stehen kam, schnaufte er: „Zum Glück seid ihr okay! Wir... wir müssen uns irgendwo verstecken.“
„Warum?“, fragte Enigma ungläubig.
„Die Drachenkrieger...“, schnaufte Luko. Enigma sprang auf: „Sie sind hier, um uns zu fangen?“
„Nein, sie wissen nichts von uns, sie haben mich auch nicht gesehen“ Luko kam etwas zur Ruhe. „Aber sie wollen die Waikiki, die Katzenmenschen, auf ihre Seite holen, da sie genau wissen, welch gute Krieger sie sind.“
„Das müssen wir verhindern!“, rief Kyle und ließ ihren Grasbüschel fallen.
„Zu gegebener Zeit“, antwortete Lou. „Die Waikiki sind ein stolzes Volk Ziranzas. Sie werden sich nicht so schnell den Drachenkriegern anschließen.“
 
„Ich will hier weg!“, jammerte Kyle. Sie fühlte sich so schrecklich verloren, da sie nicht aufstehen konnte. Es war so quälend, gezwungen zu sein, nichts zu tun, wo ihr doch für alles die Zeit davonlief. Sie bewegte die Beine, obwohl es wehtat, sie war das herumliegen so wahnsinnig leid.
„Kyle, hab doch Geduld. Es wird so nicht besser!“, sagte Enigma.
„Aber ich kann hier nicht mehr herumliegen, ich halte das nicht mehr aus!“
„Aber was willst du denn tun?!“
„Vielleicht kann ich wenigstens wieder fliegen...“
„Das geht nicht. Wie willst du denn auf der Seite liegend losfliegen?“
Kyle blieb stur. Sie versuchte, trotz Schmerz, ihren rechten Flügel unter sich hervorzuziehen. Bis sie es unter Stöhnen endlich geschafft hatte, hatte sie sich Unmengen von Federn ausgerissen, und es hatte doch nichts geholfen: Die Schulter schmerzte nicht nur noch mehr, der Flügel war total eingeschlafen. Sie schlug damit auf dem Boden herum, verlor noch mehr Federn, und alles tat ihr wieder weh. „Kyle, das kann man ja nicht mit ansehen!“, sagte Enigma und schlängelte sich vorsichtig zwischen den rudernden Flügeln hindurch. „Gib es auf! Es hat doch keinen Zweck.“
„Wenn du nur nicht so verdammt stur wärst“, mischte sich Lou ein, „dann solltest du dich wieder verwandeln! Als Mensch brauchst du deine Vorderbeine bzw. Arme nicht zum Gehen, wenn dir alles trotzdem zu weh tut, könnte ich dich tragen! Dann kämen wir hier weg und könnten die Waikiki warnen! Und du müsstest kein Gras essen! Aber nein! Du willst ja deine menschliche Seite unbedingt verleugnen!“
Kyle war erschrocken. So hatte Lou noch nie mit ihr gesprochen. Also gut, dachte sie. Es hätte ja wirklich viele Vorteile für sie. Also schloss sie die Augen, konzentrierte sich angestrengt und wurde schließlich wieder ein Mensch.
„Danke Kyle...“, sagte Lou erleichtert. „So, nun versuche mal, aufzustehen... Hier, halt dich an mir fest.“ Doch Kyle konnte sich nicht festhalten, ihre Arme waren ja verletzt. Aber ihre Beine waren bei der Kollision mit der Insel auch nicht unversehrt geblieben. Also wurde sie von den anderen umständlich auf Lous Rücken gehievt. Schließlich ließ sich Lou mit den drei anderen auf dem Rücken von der Klippe gleiten und flog dich über der Wasseroberfläche, damit die Drachenkrieger sie nicht sahen, in Richtung Waikiki-Inseln...
 
Die Waikiki-Inseln waren nicht weit. Sie bildeten, von oben aus gesehen, einen nicht ganz geschlossenen Ring und waren alle dicht mit Urwaldbäumen bewuchert, sodass man nicht auf den Boden sehen konnte. „Da drinnen muss es ziemlich dunkel und heiß sein“, meinte Kyle, die noch immer mit ihren schmerzenden Armen kämpfte.
„Tagsüber ist es sicher heiß“, bestätigte Luko, „aber die Bäume spenden auch Schatten.“
„Wo sollen wir denn landen?“, fragte Enigma ratlos.
„Hmm...“ Lou wurde still. „Die Drachenkrieger waren noch nicht hier. Aber sie werden kommen... Wir können nicht mitten durch die Bäume fliegen, das wäre zu aufsehenerregend, außerdem lieben die Waikiki ihren Wald, sie schenken den Pflanzen ja schließlich auch ihre sonderbaren Früchte. Also würden sie es nicht gutheißen, wenn wir etwas zerstören.“
„Selbst wenn nicht“, stöhnte Kyle, „ich würde das nicht überleben!“
„Wir haben aber keine andere Wahl.“ Lou lächelte entschuldigend. „Festhalten!“ Sie stieß geradewegs nach unten, nicht auf die Bäume zu, sondern auf das Wasser dazwischen. Dort, so hoffte sie, würden eventuelle Verfolger sie aus den Augen verlieren oder nicht so schnell entdecken. Sie hatte keine Chance, auf festem Boden zu landen, da die Bäume noch einige Meter weit ins Wasser hineinreichten.
Doch zu spät stellte Lou fest, dass sie ihren Schwung durch das Gewicht der drei anderen nicht mehr rechtzeitig abfangen konnte...
„Abspringen!“, schrie sie, kurz bevor sie auf dem Wasser auftraf. Enigma und Luko stürzten sich hastig zur Seite. „Tut mir Leid, Kyle!“, hörte das Mädchen unter ihren Aufschreien die Stimme der Drachin. Im nächsten Moment landeten sie mit einer aufstiebenden Fontäne im Wasser. Kyle sank hinunter, wollte sich zurück verwandeln, aber sie hatte keine Kraft mehr. Da stieß sie Lou von unten an und drückte sie nach oben. „Es ging nicht anders“, sagte Lou verlegen. Die anderen beiden schwammen zügig aufs Ufer zu, Enigma klammerte sich schließlich auf Lukos Rücken fest. Als dessen Pfoten zwischen den Wurzeln der Mangrowen Boden zu fassen bekamen, sprang sie platschend ab und ging unter. Prustend tauchte sie wieder auf und rettete sich auf einen Ast. Ihr langes, seidiges Fell hing glatt herunter und ließ sie plötzlich spindeldürr wirken. Zusammen mit dem beleidigten Ausdruck ihrer Augen sah Enigma einfach nur armselig aus. „Wie ich Wasser hasse“, grollte sie und schüttelte sich. Luko trottete ungerührt weiter.
Kyle rutschte auf Lous Rücken und ließ sich ans Ufer tragen. Ihre Beine und Arme schmerzten mehr als vorher. Lou brachte sie zu den anderen. Enigma musterte Kyle besorgt. „Ich glaube nicht, das wir heute weiter marschieren sollten. Lasst uns hier ein Lager aufschlagen“, sagte Lou. Enigma sprang auf den Kopf der Drachin. „Dann lasst uns einen sicheren Platz suchen. Ich werde mal nach den Waikiki suchen gehen...“
„Gut. Aber du musst erstmal mitkommen, sonst findest du uns nicht wieder.“
Der Wald war erfüllt von den lauten Stimmen unzähliger Vögel und dem süßlichen Duft exotischer Blumen. Lianen hingen von Baumriesen, und der Raum zwischen Erde und ihren Kronen bestand aus einem bunten Meer verschiedenster Pflanzen.
Sie liefen ein Stückchen in den Wald hinein und ließen sich dann unter den herausstehenden Wurzeln eines riesigen Baumes nieder, die ein dichtes Dach bildeten. Dort gab es Unmengen alten Laubes, aus dem sich ein weiches Lager bauen ließ.
„Okay, dann gehe ich jetzt mal los“, sagte Enigma und machte sich gespannt auf ihren Erkundungsgang.
„Kyle, macht es dir etwas, wenn ich ein bisschen rausgehe?“, fragte Lou.
„Nein, nein, geh nur“, antwortete Kyle gleichgültig.
„Ich kann ja hierbleiben“, meinte Luko und rollte sich im Laub zusammen. Wäre er besser mit Lou gegangen, dachte er dann, doch er blieb bei Kyle...
 
Der wurde inzwischen die Zeit lang. Deshalb war sie sehr froh, als Enigma zurückkam. Diese war nicht allein, sie wurde von Wesen begleitet, die Kyle für die Waikiki hielt. Sie stellte fest, dass es sich bei den so genannten Katzenmenschen um Kreaturen handelte, die in Körperbau und Proportionen tatsächlich einem Menschen glichen, jedoch Kopf, Fell und Schwanz einer Katze trugen. Außerdem besaßen sie zwar Katzenpfoten mit scharfen Krallen, konnten aber die Finger bewegen wie eine Menschliche Hand. Sie trugen auch eine Art Kleidung, die aus bunten Tüchern bestand, die sie um Brust und Hüfte geschlungen hatten. Außerdem waren sie über und über mit exotischen Schmuck wie Muscheln und dergleichen behängt.
Kyle weckte Luko auf. Als sie sich wieder umdrehte, erschrak sie, denn direkt vor ihr hockte eine schlanke, langhaarige, weiße Waikiki. Deren Augen jedoch passten irgendwie überhaupt nicht zu dieser Erscheinung: Der Teil, der normalerweise farbig war, war glänzend schwarz. Und die für gewöhnlich schwarze Pupille schillerte merkwürdig grün und orange. Dann erkannte Kyle aber, dass dies bei all den anderen Waikiki ebenfalls so war.
„Kyle, das ist Félice. Sie ist die Anführerin der Waikiki-Kolonie...“
Die Menschenkatze legte eine seltsame, gallertartige Masse über Kyles Beine und Arme, und ein magisches Licht strömte davon aus. Kyle wollte sich dovor ekeln, doch dann spürte sie ein wohltuendes Kribbeln in den Knochen. „Bewege sie.“ Die Stimme von Félice war weich, ruhig und sanft. Kyle bewegte ihren linken Arm vorsichtig hin und her. Es ging! „Félice ist nicht nur die Anführerin“, sagte Enigma stolz, „sondern auch die beste Heilerin der Katzenmenschen!“
 
11. Kapitel – Angriff der Drachenkrieger
 
„Danke, Félice, danke!“, rief Kyle aufgeregt und sprang um die anderen herum. Doch alle hielten plötzlich Inne, als sie brüllende Stimmen hörten. „Nein!“, sagte Luko. „Die Drachenkrieger! Ich hätte nie gedacht, dass sie so schnell hier auftauchen würden!“
„Wir müssen hier weg!“, sagte Félice. „Hier werden sie uns schnell finden!“
„Wartet!“, rief Luko entsetzt. „Lou ist irgendwo da draußen!“ Und er rannte los.
„Halt!“, rief Enigma und versuchte, ihn festzuhalten, was natürlich aussichtslos war.
„Nein!“, schrie Luko. „Sie werden sie umbringen!“
„Aber so bringen sie dich um!“, rief Enigma ihm hinterher, doch er hörte sie schon nicht mehr. Sie wollte hinter ihm herlaufen, aber eine der Waikiki hielt sie fest. „Das bringt doch nichts! Was willst du denn tun? Etwa den feuerspeienden Drachen die Augen auskratzen?!“
„Zum Beispiel!“, rief Enigma. „Und halte mich ja nicht für schwach!“, fauchte sie, als sie sich dem Griff der Menschenkatze entwand und ebenfalls davonlief.
„Ich weiß, es ist töricht“, sagte Kyle zu Félice und den anderen Waikiki. „Aber ich kann nicht hier zurückbleiben und die anderen im Stich lassen!“ Sie lief in die Richtung, in die die anderen verschwunden waren. Doch plötzlich blieb sie stehen. Was tue ich denn hier?, dachte sie. Wie will ich denn so irgendwas ausrichten können? Sie verwandelte sich in ein Wassereinhorn und galloppierte durch den Wald. Behände sprang sie über einige morsche Baumstämme, die von Moos und anderen kleinen Pflanzen überwuchert am Boden lagen, und sah bald darauf einen kahlen Fleck im Wald, voller zerborstener Bäume. Sie schluckte beim Gedanken, was hier passiert sein mochte. Mittendrin entdeckte sie Luko, der verzweifelt zwischen den ihn angreifenden Drachenkriegern hin und her rannte und nach Lou suchte. Bestimmt war sie einfach im Wasser, dachte Kyle. Aber hätte sie die Drachenkrieger da nicht entdeckt? Kyle konnte sich schlecht vorstellen, welche Chance Lou gegen die Drachen der Drachenkrieger hatte. Noch hatte sie keinen Drachen entdeckt, aber laut Félice wären es wohl Feuerdrachen. Da Lou sich ins Wasser flüchten konnte, war sie in dieser Hinsicht klar im Vorteil. Doch was, wenn sie gezwungen wäre, einem der Kriegerdrachen die Stirn zu bieten? Hätte sie da irgendeine Chance? Lou war ein junges Drachenweibchen, dass sie eine Caladra war, brachte ihr überhaupt nichts, da sie allein war. Wie Kyle ja inzwischen wusste, brauchte sie ihre drei Schwestern, um die Drachen aus der Kontrolle der Drachenkrieger zu befreien. Schlecht, dachte Kyle. Dann fiel ihr jedoch ein, wie Lou sie vor dem Seeungeheuer gerettet hatte. Aber sie konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn sie war entdeckt worden.
Sie hörte ein fürchterliches Brüllen, und ein Feuerstrahl schoss von hinten an ihr vorbei. Sie stieß sich vom Boden ab und sauste los, ohne sich umzudrehen, schlug dann einen weiten Bogen, um ihren Verfolger erkennen zu können. Zu ihrem großen Entsetzen sah sie auf dem Rücken eines riesigen roten Drachen Larry sitzen. Wie konnte das sein? Wie kam er hierher? Wie hatte er die Drachenkrieger wiedergefunden? Kannten diese ihn denn, sodass er hier ebenfalls ein General war? Doch das war ihr nun völlig egal. Sie wusste, dass sie sich nicht von ihren Gefühlen lenken lassen durfte. Das hier war nicht mehr ihr Freund Larry, er kannte keine Gnade für sie. Und so weh es auch tat, sie musste sich ihm in den Weg stellen. Flink wich sie den Feuerstrahlen des Drachens aus und flog auf Larry zu. Sie hatte keine Ahnung, was sie mit ihm anstellen sollte, wenn sie ihn erreichte. Doch dann zog er plötzlich ein Schwert hervor und ließ es durch die Luft sausen. Im nächsten Moment spürte Kyle einen brennenden Schmerz an ihrer Flanke. Doch sie hatte Glück gehabt, der Schnitt war nicht zu tief. Nun war ihr endgültig klar, sie durfte Larry nicht verschonen, auch wenn sie ihn nicht töten durfte. Er schwang erneut sein Schwert in ihre Richtung, und funkenstobend glitt es an Kyles beinahe siebzig Zentimeter langen, dünnen, dolchartigen Horn ab...
Sie wieherte erzürnt auf und stieß mit dem Horn nach Larry, doch der Drache tauchte darunter weg. Sie flog höher und entwischte um Haaresbreite dem zuschnappenden Maul des Drachen, der sie nun in die Höhe jagte. Sie strengte sich nach Mühen an, ihm zu entkommen. Ihre Flanke tat entsetzlich weh, und der Drache würde sie bald eingeholt haben, da kam ihr eine Idee. Sie flog mit letzter Kraft über das Wasser, der Drache war knapp hinter ihr, Larry fuchtelte mit dem Schwert, als sie sich fallen ließ, doch er verfehlte sie, denn sie hatte sich in einen Menschen zurückverwandelt und war somit kleiner. Sie blickte im Fallen in sein erstauntes Gesicht und rief fest: „Es tut mir Leid, Larry!“
Sie schloss die Augen, bis das Wasser sie umgab, wieder war dort dieses wohlige Gefühl von Geborgenheit und Ruhe. Doch da war auch noch ein anderes Gefühl. Sie spürte die Anwesenheit von Mana, von Lous Mana! Da kam die Drachin auch schon und stieß sich mit Kyle auf dem Rücken in die Höhe. „Lou!“, rief Kyle glücklich, dann wurde sie jedoch ernst. „Du kannst nichts gegen den Drachen ausrichten, er ist ein Kampfdrache!“
"Das heißt das ja nicht, dass er stärker ist.“ Lou spie in Richtung Drachen einen dünnen Feuerstrahl, doch der Drache wendete geschickt und schraubte sich in die Höhe. „Du kannst Feuer speien?“, fragte Kyle verwundert. „Du bist ein Wasserdrache!“
„Das macht nichts“, keuchte Lou angestrengt. „Das kann jeder Drache.“
„Pass auf, Lou!“, schrie Kyle, als der Kriegerdrache eine riesige Feuerkugel ausstieß, die in rasantem Tempo auf sie zugerast kam...
Kyle versuchte, die Caladra wie ein Pferd zu wenden, doch ohne Erfolg. Sie sah, das Lou die Kugel bemerkt hatte, aber sie tat nichts. Sie stand still in der Luft und war so angespannt, als konzentrierte sie sich mit all ihrer Kraft. Kyle wusste nicht mehr, was sie tun sollte, und hoffte einfach, dass Lou wusste, was sie da tat. Kyle schloss die Augen. Im nächsten Moment spürte sie jedoch einen so heftigen Ruck, dass sie sie wieder aufriss. Lou kniff krampfhaft die Augen zusammen, und vor ihnen erschien eine Halbkugel aus Wasser, an der sich mit ohrenbetäubendem Donnern die Feuerkugel brach. Bei der Kollision wurde Kyle von Lous Rücken gerissen und stürzte ins Wasser. Einige Sekunden später fiel Lou leblos hinterher und trieb schlaff nach unten. Kyle wusste nicht, ob sie tot oder nur bewusstlos war. Sie hoffte auf letzteres, verwandelte sich schon wieder und tauchte nach unten. Sie zog Lou auf ihren Rücken, tauchte um den Bogen der Waikiki-Inseln herum und kroch an der Hinterseite mit Lou an Land...
Erschöpft brach sie zusammen, Lou neben ihr. Müde blickte sie zum Himmel. In ein paar Minuten würden dort die Drachenkrieger auftauchen...
Ihr wurde vor Ermüdung schwarz vor Augen. Sie fiel in Ohnmacht. Alles, was um sie herum passierte, bemerkte sie nicht, sie träumte nur. Ihre Gedanken waren auf einen Augenblick fokussiert... Sie rannte schon wieder durch den Wald, vor ihr Larry. Sie drehte sich um und...
sah auf einmal gar nichts mehr.
 
Larry fluchte. Er flog mit dem Drachen dicht an den Bäumen vorbei... zu dicht, wie er kurz darauf feststellen musste. Auf diesen Augenblick hatte Enigma gewartet. Sie spannte alle Muskeln an und machte sich sprungbereit. Genau in der richtigen Sekunde sprang sie ab und landete auf dem Kopf des Drachen. Dieser warf wütend den Hals herum und wollte das Etwas abwerfen, das ihm die Sicht verbarg. Doch die Katze hielt sich geschickt fest. Larry fluchte noch mehr, als er versuchte, sie mit seinem Schwert zu erwischen. Doch der Hals des Drachen war zu lang, er konnte sie nicht erreichen. Nun flog der Drache blind. Er raste wild durch die Gegend und flog schließlich über das Wasser auf die Felswand der einen Insel zu. „Enigma! Spring ab!“, brüllte Luko plötzlich, der die verrückte Aktion der 'Kamikatze' beobachtet hatte. Doch sie sprang nicht. Larry aber schrie auf und stürzte sich panisch ins Wasser weit unter ihm. Enigma blieb sitzen. Das Opfer, das sie plante, tat ihr jetzt schon in der Seele weh. Doch auch wenn sie sich umentscheiden würde, das Blatt war nicht mehr zu wenden. Sie stieß einen schrillen Schrei aus, wie der eines Falken...
Mit einer gewaltigen Explosion schlug der Drache auf den Felsen. Die Hitzewelle war selbst Luko an Land ins Gesicht geschlagen, der, gelähmt vor Entsetzen, auf die niedersinkenden Trümmer und den leblos ins Wasser stürzenden Drachen starrte. Er wollte es einfach nicht wahrhaben. Enigma...! Warum hatte sie das getan? Eine silberne Feder wurde vor seine Füße geweht...
 
„Kyle! Kyle, wach auf!“ Sie schlug benommen die Augen auf. Vor ihr stand Lou und flatterte entsetzt herum. Da erblickte Kyle die aufsteigende Rauchsäule. „Oh mein Gott...!“, hauchte sie.
„Komm schon!“ Schon hatte Lou sie auf ihren Rücken geladen und flog los...
Sie flogen um die Rauchsäule herum aufs Ufer zu, wo sie Luko stehen sahen. Er heulte ein Klagelied. „Lou! Wenigstens du lebst noch...“, jammerte er. „Das dort, dafür ist Enigma verantwortlich. Der Drachen ist gegen den Fels geflogen. Ich habe sie gerufen, aber sie ist nicht gesprungen!“
„Luko, sie lebt!“, sagte Lou verzweifelt. „Bestimmt! Sie kann nicht tot sein.“
„Sie lebt, sagst du? Aber das ist unmöglich! Ich habe doch mit meinen eigenen Augen die riesige Explosion gesehen...“
„Sie lebt, Luko. Eine Katze hat neun Leben, das weißt du doch. Ihr erstes verlor sie durch Larrys Angriff in der Elfenstadt. Und hier... dann hat sie jetzt noch sieben Leben.“
Luko versuchte, zu lächeln. „Nein“, sagte er, „es sind sechs. Das erste hat sie verloren, als sie von der kommenden Flut in einer Höhle eingeschlossen wurde. Da hat sie mein Leben gerettet. Ich bin bei Ebbe hineingelaufen und habe mich verletzt. Die Flut kam und Enigma hatte tatsächlich die Kraft, mich aus der Höhle zu schleifen. Doch sie kam nicht mehr raus, eine riesige Welle warf sie ins Innere der Höhle zurück. Sechs Stunden bis zur nächsten Ebbe. Sie wurde an den Strand gespült, tot, wie ich dachte. Aber sie wachte wieder auf, nach sechs Stunden unter Wasser. Das war genauso unmöglich. Du hast Recht, Lou, sie lebt.“
Kyle kämpfte gegen die Tränen... Enigma lebte, da war sie sich sicher, daran hatte sie keinen Moment gezweifelt! Aber wo war sie jetzt? „Ich werde Enigma suchen“, sagte sie entschlossen. Sofort gab es Proteste von allen Seiten.
„Aber, du kannst doch nicht...!“, ereiferte sich Luko .
„So ganz alleine...“, regte Lou sich auf.
Doch Kyles Entschluss stand fest: Sie würde Enigma suchen!
12. Kapitel – Enigmas Verwandlung
 
Enigma musste fürchterlich husten, und ihr brannten die Augen von all dem Rauch, der sie umgab. Noch konnte sie die verkohlten Überreste des Drachen nicht erkennen, aber sie flehte seine Seele stumm um Verzeihung an. Zu mehr hatte sie aber keine Zeit, sie musste Larry finden, bevor der Rauch verschwand. Sie segelte zum Wasser hinunter und sah ihn bewusstlos an der Oberfläche treiben. Sie packte ihn mit den Klauen und flog zum Lager von Félice.
„Das ist unmöglich...“, hauchte Félice beim Anblick des großen silbernen Vogels. „Der Silberne Phönix ist zurückgekehrt! Enigma...! Woher hast du auf einmal gewusst, dass du...?“
„Ich weiß es nicht. Ich wusste es einfach. In dem Moment, als der Drache auf den Felsen zuflog, habe ich es plötzlich gewusst. Bitte ehrt sein Opfer.“
„Was willst du nun tun?“
„Ich werde mich mit Larry verstecken und versuchen, den Kristall zu bekommen und ihn selbst von der Hypnose der Drachenkrieger zu befreien. Überbring Kyle, Luko und Lou die Nachricht, dass ich lebe und bei Larry bin. Mehr nicht.“
„Du kannst mir vertrauen.“
Enigma packte Larry wieder und flog, einen silbernen Funkenregen hinter sich aufstobend, aufs Meer hinaus...
Für sie war das ein seltsames Gefühl... Es war, als hätte sich mit ihrer neuen Gestalt auch ihr Wesen verändert, ihr Horizont erweitert. In ihrem Kopf war plötzlich ein ganz anderes Bewusstsein... Warum handelte sie so? Noch kurz zuvor hätte sie Kyle niemals verlassen. Es war ein Meilenstein in ihrem Leben. Die Geschehnisse hatten begonnen, Enigma zu verändern, und nun war etwas geschehen, was ihr Schicksal für immer besiegelte und nie mehr rückgängig zu machen war.
Unter ihr sausten meterhohe Wellen vorbei, hin und wieder sprang ein Wal, riesengroß und grau, aus den unendlichen Tiefen des Meeres hervor, doch für Enigma sahen diese Erscheinungen klein aus, sehr klein sogar...
Plötzlich spürte sie eine Bewegung an ihren Klauen. Larry erwachte. 
Gerade, als Enigma nach einem Platz zum Landen Ausschau halten wollte, erblickte sie einen zerklüfteten Turm inmitten der Meeres.
 
Larry schlug langsam seine Augen auf.
Doch was war das? Wo war er hier? Erschrocken stellte er fest, dass es um ihn herum weit und breit nichts gab außer den Himmel und das Meer... und eine ungeheure Tiefe.
„Na? Bist du endlich wach?“, sagte Enigma.
Erst jetzt bemerkte Larry den großen, silbernen Vogel, der ihn neugierig von einer hohen Turmzinne herab musterte.
Die Federn strahlten nahezu. Und erst die Augen... sie passten nicht in das Erscheinungsbild.
Sie waren oval und leuchtend grün, und hinter der Pupille schien ein seltsames Licht zu glühen, lodernd und wild wie das Herz eines Phönixes. Ja, das war tatsächlich ein Phönix! Es konnte nur so sein, obwohl Larry eine solche Kreatur noch nie zuvor gesehen hatte. Er konnte es kaum fassen... Eines der geheimnisvollsten und magischsten Wesen von Ziranza befand genau vor seinen Augen! So nah, und doch so fern, denn wie Larry wusste, gehörten Phönixe zu den scheuesten Geschöpfen überhaupt.
Enigma blickte auf Larry herab. Er hatte sich verändert, sehr sogar: Seine Haare waren strubbelig und verfilzt. Auch seine Kleidung war nicht wiederzuerkennen, denn nun trug er eine Rüstung. Vor allem sein Gesichtsausdruck ließ nichts vom früheren Larry mehr erahnen, den Enigma zwar nicht gemocht hatte, der ihr aber immer noch lieber gewesen war als dieser hier. In seinen Augen loderte die Habgier, und allem Anschein nach konnte Larry sich kaum mehr zurückhalten. Das war nicht das, was sie sich vorgestellt hatte! Vernünftig konnte man nicht mit ihm reden ...
Eine kleine Bewegung ließ sie auffliegen. Larry hatte sein Schwert gezogen...!
Silberne Flammen züngelten an Enigmas Flügeln auf. Jetzt weiß ich, wie Kyle sich gefühlt haben muss, als sie sich zum ersten Mal in ein Einhorn verwandelt hat, dachte sie. Larry kam auf sie zugelaufen, doch Enigma konnte seine Zurückhaltung erkennen. Das wagst du nicht!, dachte sie.
„Wer bist du?“, fauchte Larry.
„E...aio“, leierte sie, nein, sie durfte ihren Namen nicht verraten!
„Ay-co…?”, fragte Larry nach. Enigma bejahte.
„Ich trau dir nicht!“
„Was hast du für eine Wahl?“, sagte 'Ayco' spöttisch. „Wenn du mich töten könntest, was würdest du dann tun? Dich da runterstürzen und mit hundert gebrochenen Knochen zum meilenweit entfernten Festland schwimmen? Oder hier oben versauern und warten, dass dir eine Fliege in dein großes Maul fliegt?!“ Die Flammen loderten meterhoch an ihrem Körper auf, und Larry ließ beinahe sein Schwert fallen. Doch dann stürzte er auf sie zu. Mit einem einzigen kraftvollen Flügelschlag erhob sich der Phönix in die Höhe. Larry musste sich auf die Knie fallen lassen, um das Gleichgewicht zu halten und nicht über den Rand der Klippe in die Tiefe zu stürzen. Das ist doch ein einziger Witz, dachte Ayco Enigma.
 

13. Kapitel – Die Falle
 
Kyle flog geradewegs aufs Meer hinaus, immer weiter. Woher wollte sie eigentlich wissen, dass Enigma noch lebte? Wieso war sie sich da so sicher? Das war doch absurd! Was, wenn sie gar nicht mehr zu retten war...? Nein, daran wollte sie nicht denken! Es ging ihr bestimmt gut... Wie sollte es ihr gut gehen?! Sie war in einer riesigen Flammenwolke gegen eine Felswand geschleudert worden!
Kyle schüttelte den Kopf und schluckte die Tränen hinunter. Sie würden ihr nur die Sicht nehmen...
Ewig streifte sie auf dem Meer herum und flog hierhin und dorthin. In ihrer Verzweiflung flog sie einfach blindlings herum und wusste bald nicht mehr, wo sie war. Müde und erschöpft hielt sie nach einem Flecken Land Ausschau, doch es war weit und breit keiner zu sehen.
Doch plötzlich tauchte weiter entfernt eine Felssäule auf, die sich unendlich weit in den Himmel schraubte, und fast in den Wolken verschwand. Neugierig geworden flog Kyle näher heran und betrachtete die seltsamen zerbröckelten Verzierungen, dann erkannte sie, dass eine schmale, steile Treppe nach oben führte, die durch eine kleine Öfnnung aus dem Innern des Turmes nach außen trat. Leider kam sie so nicht herein. Also tauchte sie ins Wasser hinab, um den Turm genauer zu untersuchen. Auf die Idee, am Turm hinaufzufliegen, kam sie nicht... Immer tiefer tauchte sie darum herum, strotzte dem immer stärker werdenden Druck und ihrer Angst, bis sie den Meeresgrund erreichte. Dort fand sie in der Dunkelheit tatsächlich, was sie insgeheim gesucht hatte: Eine Öffnung, ein Tor, eher ein Loch.
Sie schwamm vorsichtig hindurch und ließ sich aufwärts treiben, vorbei an engen, glitschigen Wänden voller Algen, Muscheln und dergleichen. Als sie an der Wasseröberfläche anlangte, waren es noch etwa drei Meter bis zum Anfang der Treppe.
Sie wollte zurücktauchen, hatte jedoch keinen Platz, sich umzudrehen, geschweige denn hinaufzufliegen. Was jetzt? Sollte sie sich in einen Menschen verwandeln? Aber dann würde sie die Tauchstrecke nicht schaffen. Und kurz nach dem Umdrehen wieder in ein Wassereinhorn verwandeln? Nein, sie konnte sich so kurz hintereinander und kopfüber im Wasser hängend nicht verwandeln! Rückwärts tauchen... klappte auch nicht. Dann hatte sie keine andere Möglichkeit: Sie musste die drei Meter glitschigen Stein hinaufklettern. Sie verwandelte sich in einen Menschen und schluckte sofort Wasser. Hustend krallte sie sich ins Moos an der Wand. Sie trat mir den Füßen dagegen, aber fand keinen Halt. Was sollte sie nur tun? Sie war völlig verzweifelt. Panik kroch in ihr hoch, und schluchzend drehte sie sich in alle Richtungen, fand jedoch keinen Ausweg und schlug hektisch um sich.
Auf einmal bemerkte sie eine Bewegung weiter oben auf der Treppe, wo sie durch das Loch nach draußen führte, und verstummte. Dann hörte sie einen Schrei, und etwas stürzte auf sie zu. Sie drückte sich so eng wie möglich gegen die Wand. Da platschte Larry vor ihr ins Wasser, und Kyle kreischte auf vor Schreck. Er hustete und keuchte und hielt sich an Kyle fest, ohne sie sehen zu können, da er in seinem Hustenanfall die Augen zusammenkniff. Kyle war wie gelähmt und tat nichts. Da öffnete Larry plötzlich die Augen, und beide starrten sich erschrocken an.
Wie zuvor Enigma fiel Kyle auf, wie Larry sich verändert hatte. Doch das störte sie nicht, nur seine flackernden Augen beunruhigten sie.
„Kyle?“, fragte Larry leise, fast wispernd.
„Larry“, antwortete Kyle, ebenso leise. Larrys Augen flackerten kurz auf, als würde er sich an etwas erinnern. Doch er hatte keine Kraft mehr. Mit zitternden Fingern hielt er sich an Kyle und dem Moos an den Wänden fest. Immer wieder rutschte er ab.
„Larry, komm zurück! Bitte... komm und hilf mir. Hilf uns, Ziranza zu retten...“ Mehr zu sich selbst sprach Kyle diese Worte...
 
Doch plötzlich ertönte ein schrilles Kreischen und ließ sie zusammenfahren. Ein großer silberner Vogel stürzte sich den engen, dunklen Schacht hinab. Er versuchte, über ihnen zu bremsen, hatte aber keinen Platz für die Flügel und schlug, nur wenig an Geschwindigkeit verlierend, gegen die Wände.
„Verdammt!“, fluchte Larry. „Ayco, du dummes Vieh!“
Kyle verstand gar nichts mehr, als das, was der große Vogel gewesen war, auf einmal als kleines Knäuel an ihr vorbeisauste und platschend im Wasser verschwand.
„Was?“ Larry war genauso verwirrt. Doch Kyle schoss plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Sie hatte dieses silbrige Knäuel, auch wenn sie es nicht erkennen konnte, schon einmal gesehen: Bei der Höhle in der Menschenwelt. Da wurde sie sich auf einmal Larrys Zorn auf diese Kreatur bewusst.
Bevor sie darüber nachdenken konnte, schnappte Kyle nach Luft und tauchte ab. Das salzige Wasser brannte höllisch in ihren Augen, und sie musste diese unwillkürlich zusammenkneifen. Blindlings stieß sie sich abwärts. Ihre Ohren schmerzten nach kurzer Zeit furchtbar und das Wasser presste ihre Lungen zusammen. Nach ein paar Metern, sie hatte jegliche Orientierung verloren, ging es einfach nicht mehr tiefer. Sie wusste nicht hin noch zurück, verspürte den quälenden Drang, zu atmen, der ihr gesamtes Empfingen einnahm und alles andere verdrängte. Kyle versuchte, aufzutauchen, doch sie stieß gegen die Wand. Der Druck auf ihrer Brust wurde unerträglich. Sie wollte in die andere Richtung, panisch, doch überall war Stein und Wasser...
 
Enigma tauchte hustend und spuckend auf. Hätte sie sich nicht durch ein kleines Loch in der Wand gezwängt, wäre sie mit Sicherheit ertrunken. Wo sollte sie jetzt nur hinschwimmen? Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu fliegen, auch wenn Kyle sie dabei bestimmt entdecken würde... Die silbernen Flammen trockneten ihren Körper in sekundenschnelle, und Ayco erhob sich in die Lüfte. Sie war sehr schwach, trotzdem versuchte sie, so schnell wie möglich zu fliegen. Sie war sich sicher, dass Kyle ihr folgen würde.
Zum Glück kam ihr bald endlich eine bewaldete Insel in Sicht. Doch als sie darüberflog, fand sie keinen Platz zum Landen. Ayco flog dicht über die Krone eines Baumes und krallte sich an die dünnen Zweige. Sie versuchte, weiter hineinzufliegen, und schlug, Federn und Blätter herumwirbeln lassend, in die Zweige. Da verwandelte sie sich in Enigma, hatte aber auf den dünnen Zweigen keinen Halt und fiel raschelnd und knackend durch die Baumkrone und landete benommen im Unterholz. Welch meisterhafte Bruchlandung, dachte sie.
 
Als Kyle wieder zu Bewusstsein kam, trieb sie unter freiem Himmel. Beim ersten Versuch, einen Atemzug zu tun, begann sie zu husten und zu keuchen, zu spucken und erstickte beinahe. Ihre Lunge war voller Wasser. Doch reflexartig verwandelte sie sich nun in ein Wassereinhorn, und konnte endlich frei atmen. 
Wo war Enigma? Sie hatte keine Ahnung, wieso Enigma ein Vogel war, doch sie musste es gewesen sein. Das würde alles erklären.
Doch Kyle konnte sie nicht mehr finden und drehte erschrocken um. Wie konnte sie einfach wegfliegen? Sie musste Larry befreien, bevor er ertrank!
„Verdammt!“, hatte Larry geflucht. „Ayco, du dummes Vieh!“ Ayco? Aber es war doch sicherlich Enigma gewesen, oder etwa nicht?!
 
Enigma stöhnte auf. Ihr Kopf tat furchtbar weh, und vor ihren Augen verschwamm alles.
Etwas schlich durch das Unterholz. Es bewegte sich vollkommen lautlos, und wenn man nicht ganz genau spüren würde, dass hier etwas herumschlich, würde man es nicht bemerken...
Doch Enigma bemerkte es.
Die Kreatur blieb stehen, lauernd, aber dennoch nicht feindlich. Sie betrachte Enigma.
Lange, sehr lange stand das Geschöpf regungslos da, dann aber, ganz plötzlich, war das Wesen von einem warmen Leuchten umhüllt. Es schaute Enigma noch immer an.
Und Enigma leuchtete genauso wie die Gestalt...
Dann drehte diese sich um und verschwand lautlos im Wald, genauso unheimlich, wie sie gekommen war...




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