Magisches Theater, Eintritt nicht für jedermann, nur für... Verrückte


Heute Abend magisches Theater. Eintritt nicht für jedermann. Nur für Verrückte

Ich möchte hier an dieser Stelle dazu beitragen, die Vorurteile gegenüber psychisch Erkrankten etwas abzubauen. Denn steter Tropfen höhlt den Stein.Viele Menschen können nicht glauben, daß immer nur ein Teil der Seele erkrankt ist, und der gesunde Teil einwandfrei funktioniert. (Folgendes ist aus der Page von Prof. Dr. med Volker Faust)                           

 


 

Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, die an affektiven Störungen gelitten haben sollen

Komponisten

Die Komponisten sind bei den Gemütsstörungen häufig anzutreffen. Hier findet man Namen wie Bartok, Beethoven,Brahms, Bruckner, Chopin, Händel, Hindemith, Liszt, Mozart, Schubert, Schumann, Wagner u.a.

Maler und Bildhauer

Auch die Maler und Bildhauer sind nicht nur durch van Gogh und Caspar David Friedrich, sondern auch durch Dürer, Holbein d. J., Picasso, Rembrandt, Leonardo da Vinci usw. vertreten.

Dichter und Schriftsteller

Die Dichter und Schriftsteller sind zahlenmäßig am stärksten betroffen. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass sie sich durch ihre schriftlichen Werke am offensten, also auch ungeschütztesten offenbaren. Wenn man nur die bekanntesten Namen herauszieht, dann findet man - zum Teil doch überraschend, wenngleich nur auf den ersten Blick - Goethe, Lessing, Schiller, Shakespeare usw., ohne auf die bekannten Depressionen von Baudelaire, Heine, Hölderlin usw. einzugehen. Und man findet nicht selten sogar Humoristen darunter (z.B. Wilhelm Busch), die zwar anderen Menschen viel Freude und Vergnügen bereiten, von dunklen Gedanken aber selber nicht verschont blieben (eine Erkenntnis, die auch von Humoristen unserer Zeit bestätigt wird).

Religiöse Persönlichkeiten

Die religiösen Persönlichkeiten jeglicher Konfession sind zwar eine kleine Gruppe, von Franz von Assisi über Sören Kierkegaard und Martin Luther bis zur Theresa von Avila. Sie dürfte aber in Wirklichkeit viel größer gewesen sein, beginnend im Alten Testament über das Neue Testament bis in unsere Zeit. Dabei pflegt es - selbst in unserem aufgeklärten Jahrhundert - für die pathographisch interessierten Wissenschaftler nicht ganz risikolos zu sein, den einen oder anderen religiösen Führer aus früherer oder heutiger Zeit als psychisch krank, zumindest aber anfällig zu bezeichnen, weshalb sich dort Forschung und vor allem öffentliche Dokumentation dieser Untersuchungsergebnisse eher bedeckt zu halten pflegen. Die jüngere Geschichte einschließlich Mord-Drohungen gibt ihnen recht.

Philosophen und Denker

Dass auch nicht wenige Philosophen und große Denker Gemütsprobleme hatten, ist einleuchtend, obgleich man es kaum rational begründen kann (sinngemäß: "Wer über seine Zeit nicht den Verstand verliert, der hat gar keinen..."). Bekannte Namen sind beispielsweise Immanuel Kant, Karl Marx, Jean Paul Sartre, Arthur Schopenhauer, der geistvolle Spötter Voltaire (was ja nicht selten ist, dass jemand seine schwermütige Grundeinstellung durch Ironie, Sarkasmus oder gar Zynismus zu kompensieren versucht, siehe auch Heinrich Heine) usw.

Eine besonders eindrucksvolle Schilderung einer Depression verdanken wir dem Theologen und Philosophen Romano Guardini, der auch den nicht ganz abwegigen Satz prägte: "Die Depression ist viel zu schwerwiegend, als dass man sie nur den Psychiatern überlassen dürfte...".

Könige, Politiker und Feldherrn

Machtvolle Herrscher, Politiker oder gar militärische Führer sind zwar (Berufs-) Sparten, bei denen man sich am wenigsten seelische Beeinträchtigungen vorstellen kann, vor allem wenn es sich um geniale Führerpersönlichkeiten handelte. Doch auch sie sind nicht gegen seelische Störungen gefeit, wie die zahlreichen Beispiele von König Saul im Alten Testament bis Winston S. Churchill zeigen, von zeitgenössischen Betroffenen ganz zu schweigen (siehe auch das Kapitel über "Macht und seelische Störungen" mit Beispielen aus der jüngeren Geschichte).

Aber auch sonst finden sich durchaus illustre Namen: Bismarck, Blücher (mit einer geradezu abenteuerlichen Pathographie), den zusätzlich epilepsie-kranken Caesar, den Schwedenkönig Gustav II. Adolf, Heinrich den VIII., den Sonnenkönig Ludwig den XIV., Kaiserin Maria-Theresia, Metternich, Nelson, Peter I., den Großen, Richelieu, Talleyrand usw.

Wer sich übrigens für das Thema Macht und seelische Störungen interessiert und dies mit Beispielen aus früherer und neuerer Zeit, dem sei das gleichnamige Kapitel in der Serie Psychiatrie heute empfohlen.

Wissenschaftler und Entdecker

Bei den Forscher- und Erfinder-Persönlichkeiten kann man sich Gemütsstörungen wieder eher vorstellen. Allzu viel Beispiele sind allerdings nicht namhaft geworden. Wissenschaftler stehen in der Regel nicht im Rampenlicht, doch einige von ihnen scheinen sich tatsächlich seelisch schwer getan zu haben: Charles Darwin, Sigmund Freud (der in seine Psychoanalyse so manche Eigenerfahrung einbringen konnte oder musste), Galilei, Keppler, Linné (der berühmte Park-Gestalter, wobei schon früher bekannt war, dass Gartenarbeit gemütsmäßig besonders ausgleichend, ja antidepressiv wirkt), Mendel, Semmelweis, Edison, Alexander von Humboldt u.a.

Revolutionäre und Sozialreformer

Übrig bleiben die Persönlichkeiten, die ihre jeweilige Epoche und Gesellschaft sozialreformerisch, wenn nicht gar revolutionär geprägt haben. Da wundert es schon, dass so "harte Revolutionäre" wie Danton und Robespierre aus der französischen Revolution auch ihre seelischen Nöte gehabt haben sollen (bzw. es wundert uns nicht), aber auch Henry Dunant und Johann Heinrich Pestalozzi, die aufgrund mannigfacher persönlicher Erfahrungen ihre großen karitativen Werke in Angriff nahmen.

Willse wissen was se has? Und besser noch mit dem Arzt und Apotheker reden.

 http://www.internet-notruf.de/ 

Jetzt drehen sie alle ab Was ist mit unserer Gesellschaft los?

Was sollte man wissen Gibt es andere Sichtweisen?

http://www.susannealbers.de/  Gigantisch

Es gibt sie doch...


 

               

         

         

Fast jeder dritte Deutsche seelisch krank (14.04.05, 11:17)

Laut einem Artikel der Zeitung "Die Zeit" wächst die Zahl der seelisch Erkrankten in Deutschland weiter. Inzwischen soll statistisch gesehen fast jeder dritte Deutsche Betroffener einer seelischen Erkrankung sein. Die DAK spricht von einem Anstieg der psychischen Erkankungen bei Frauen zwischen 20 und 24 Jahren im Zeitraum von 1997 bis 2002 um ganze 90 Prozent.

"Die Zeit" präsentiert mit den im Internet verfügbaren Artikeln "Jeder dritte Deutsche ist psychisch krank" sowie "Die fragile Mechanik der Seele" interressante Einblicke in die Zahlen der Betroffenen bzw. die Methoden der modernen Psychotherapeuten. Beide sind über den folgenden Link "Weitere Informationen zum Thema.." zu erreichen.

Weitere Informationen zum Thema..

http://www.psychosenetz.de/index.htm

http://www.verrueckt.de/

http://www.verrueckt.de/?seite=cafe_wahnsinn

 


 

Gestalttherapie?

Ein Beispiel:

Als mein Sohn auf dem College war, wurde er dabei erwischt, daß er einen Roadster fuhr, der bis zum Bersten voll mit Leuten war, die teilweise noch auf dem Trittbrett standen. Die Strafe betrug 27 Dollar. Das war ein harter Schlag. Mein Sohn hatte seit seinem neunten Lebensjahr ziemlich viel gearbeitet. Vom College erhielt er ein Stipendium für das Schulgeld, verdiente sich aber ansonsten durch etliche Jobs noch Geld dazu und unterstützte auch mich, als ich mehrere Jahre lang krank im Bett lag. Für ihn bedeuteten 27 Dollar mehr als drei Tage Arbeit. Die Strafe zu bezahlen, war hart, aber er nahm es nicht übel. Er kannte das Gesetz und wußte, daß er dagegen verstoßen hatte. Er akzeptierte seine Verantwortung für das, was geschehen war.

Aber auf der Polizeiwache erzählte man ihm, daß er verantwortungslos gewesen sei. Dies traf ihn wirklich tief. Man veranlaßte ihn, sich »böse« zu fühlen, und das ist nicht gut. Noch dazu fühlte er, daß man ihm Unrecht tat und ihn falsch beurteilte, und das machte ihn sehr wütend. Gleichzeitig war er durcheinander gebracht, was wahrscheinlich schlimmer ist, als alles andere.

Einige Jahre später, als er an einer Universität in einem anderen Staat war, kamen zwei Polizisten an unsere Tür und baten um eine Spende für das Feuerwerk zur Feier des Vierten Juli. Wir fanden Feuerwerk ganz toll, und mein Sohn gab ihnen großzügig fünf Dollar, obwohl wir damals auch nicht viel Geld hatten. Nachdem sie fort waren, sagte er: »Bullen hasse ich immer noch. Ich fühle es, wenn ich sie sehe.«

Meiner Ansicht nach war er nicht verantwortungslos. Er hatte die anderen Jungen nur zwei Blocks vom Wohnheim zum Sportplatz gefahren, in einem Gebiet, wo es wenig Verkehr gab und nur langsam gefahren wurde. Ihm war bewußt, daß die jungen Männer auf dem Trittbrett standen, und er kannte ihre Achtsamkeit und ihre Fähigkeit, auf sich selbst aufzupassen. Er hatte selbst die Verantwortung übernommen. Für mich ist es kein Zeichen von Verantwortung, mit einer erlaubten Geschwindigkeit von hundert Stundenkilometern in der Stunde zu fahren, wenn Teilstrecken der Straße für diese Geschwindigkeit zu unsicher geworden sind oder Wetterbedingungen das Fahren in diesem Tempo riskant werden lassen. Wer das tut, verhält sich ausschließlich nach den Buchstaben des Gesetzes, statt sein eigenes Wissen und seine eigene Wahrnehmung miteinzubeziehen, und wenn es zu einem Unfall kommt, fühlt er sich sicher, »nichts Falsches getan zu haben.« Die schlechte Straße war es oder das Wetter. Mir scheint, daß ich verantwortlich (responsible) bin, wenn ich auf alles um mich herum »antwort-fähig« (response-able) bin, und das Gegenteil davon sind Leute wie Eichmann, die »nichts Falsches getan haben«, weil sie das taten, was man ihnen befohlen hatte.

Quellebstevens

 Was ist Gestalttherapie?

[...] In der Gestalttherapie wird darum mit Ihrem eigenen Erleben gearbeitet: Indem Sie Ihre Wahrnehmung schärfen, erleben Sie sich und Ihre Umwelt. Dadurch kommt eine Veränderung zustande, wenn es um eine solche geht. Ihnen wird nicht, wie in manchen anderen Psychotherapien »erklärt«, wie Sie in der Welt sind und wie die eventuell unheilvollen Verstrickungen zustande kommen. Nicht das Verstehen (aufgrund von Erklärung), sondern das Erleben (aufgrund von Wahrnehmung) heilt nach Ansicht von der Gestalt-herapie.

Die Arbeit an der Wahrnehmung bringt noch ein zentrales Kennzeichen der Gestalttherapie mit sich: Die Gestalttherapie hat ihr Augenmerk auf der Gegenwart, auf, wie die Gestalttherapeuten sagen, dem Hier-und-Jetzt. Wahrgenommen (und erlebt) wird immer in der Gegenwart. Natürlich kann die Wahrnehmung, zum Beispiel von Zimtduft, eine Erinnerung etwa an Weihnachten in der Kindheit wachrufen. Gleichwohl bleibt die Wahrnehmung in der Gegenwart. Es ist auch nur die Gegenwart, in der Sie handeln und eventuell etwas verändern können. Die Vergangenheit steht fest (jedenfalls von den Fakten her, nicht aber von der Beurteilung her), und die Zukunft steht noch nicht fest. Wenn Sie sich also zu stark auf die Vergangenheit fixieren, werden Sie nichts ändern können. Wenn Sie dagegen mit Ihren Gedanken stets versuchen, die Zukunft vorwegzunehmen, werden Sie immer nur daran denken, etwas zu tun, den Zeitpunkt des Handelns allerdings häufig verpassen.

Wahrnehmen heißt also auch: sich nicht durch Erinnerungen in der Vergangenheit festhalten oder durch Angst vor der Zukunft bewegungsunfähig machen zu lassen, sondern um sich zu schauen und festzustellen, was »wirklich Sache ist«. Auf diese Weise stärkt die genaue Wahrnehmung unsere Handlungsfähigkeit [...]. Quellehttp://www.gestaltkritik.de/gestalttherapie-einladung.html

Im Buddhismus spricht man in dem Zusammenhang von Achtsamkeit. Siehe auch: http://beepworld.de/members97/wich_mann/buddhismus.htm Buddhas Weg zum Glück - der EDLE ACHTTEILIGE PFAD

Gestalt-Institut Köln - GIK Bildungswerkstatt
Staatlich anerkannte Einrichtung der Weiterbildung
Rurstr. 9 / Eingang Heimbacher Str.
D-50937 Köln (Nähe Uniklinik)
Tel. 0221 - 416163
Fax. 0221 - 447652
eMail: gik-gestalttherapie@gmx.de  oder http://www.gestaltkritik.de/welcome.html


 

 

 

 

Andere Ansätze zur Unterstützung psychisch erkrankter Menschen

 

Pro Mente Sana Schweiz: Aus der Satzung

Welche Grundhaltung nimmt sie zu psychischen Erkrankungen ein?

Psychisches Leiden und psychische Behinderungen gehören mit ihren schmerzhaften Krisen zum menschlichen Leben. Oftmals können sie eine Tür zu menschlichem Wachstum und persönlicher Sinnfindung öffnen.

Pro Mente Sana versteht psychische Krankheit und Behinderung als wechsel- und prozesshaftes Geschehen. Dabei spielen belastende Lebensbedingungen, aber auch weitere psychische, soziale, kulturelle und biologische Ursachen eine Rolle. Pro Mente Sana unterstützt betroffene Menschen auf der Suche nach ihrem eigenen Weg im Umgang mit der Krankheit, weil sich psychisches Kranksein einer einfachen Erklärung entzieht.

Pro Mente Sana stellt die Entwicklungsfähigkeit der einzelnen Person und ihres sozialen Umfeldes ins Zentrum und setzt sich für eine Haltung ein, die sich an Stärken und Fähigkeiten orientiert. Psychiatrische und soziale Hilfen haben das Recht auf Selbstbestimmung zu gewährleisten; kann Selbstbestimmung vorübergehend nicht ausgeübt werden, so bleibt es das Ziel, diese Schritt für Schritt zurückzugewinnen. Die Würde psychisch erkrankter und behinderter Menschen ist in unserer Gesellschaft zu achten und zu schützen.

 

Welche Rechte fordert Pro Mente Sana für psychisch kranke Menschen?

Psychische Krankheit oder Behinderung darf zu keinen Einschränkungen der jedem Menschen zustehenden Rechte und Pflichten führen. Pro Mente Sana setzt sich deshalb gegenüber Behörden und im Gesetzgebungsverfahren für folgende Ziele ein:

  • Diskriminierungen sind in der Bundesverfassung verboten, und die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung von psychisch behinderten Menschen mit den Nichtbehinderten wird durchgesetzt. Mit besonderen staatlichen Massnahmen werden insbesondere das Recht auf Arbeit und das Recht auf Wohnen verwirklicht.
  • Alle kranken und behinderten Menschen haben Anspruch auf angemessene soziale Sicherheit, die durch existenzsichernde Leistungen der Sozialversicherungen und der Sozialhilfe zu garantieren ist. Die Finanzierung von vielfältigen und qualitativ hochstehenden Behandlungs- und Betreuungsmöglichkeiten ist sichergestellt.
  • Das Grundrecht der persönlichen Freiheit von psychisch kranken Menschen ist auch während der Behandlung oder Betreuung in einer Klinik oder einer anderen Institution gesetzlich gewährleistet. Eine umfassende Regelung garantiert das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen, beschränkt Zwangsmassnahmen und andere Einschränkungen der Freiheitsrechte auf das unumgängliche Minimum und sieht einen ausgebauten Rechtsschutz vor.  http://www.promentesana.ch/ueberuns/leitbild/deutsch.php Stand: 2006

Ich habe im Herbst 2005 selbst an einem Vortrag von Andreas Knuf teilgenommen und war über die Sichtweise mehr als positiv überrascht. Andreas Knuf ist Mitarbeiter im Team von Pro Mente Sana. Eingeladen wurde er von der Selbsthilfegruppe "AUFBRUCH für eine humane Psychiatrie" Köln.

Andreas Knuf
Diplompsychologe,
Psychologischer Psychotherapeut

 

 

 

Er hat folgenden Anstaz, der weitestgehend neu zu sein scheint:

 Hinreichende Entscheidungsspielräume öffnen Recht auf Irrtum und Risiko zugestehen und so Lernerfahrungen ermöglichen

 Entscheidungen mittragen Eine Haltung von Zutrauen in den Klienten einnehmen

 Keine überfordernden Entscheidungen einfordern Keinen Druck auf den Klienten ausüben, damit er sich entscheidet

 Unterstützung anbieten, Rückmeldungen geben Ggf. Lerngeschichte des Verlusts der Entscheidungsfähigkeit aufarbeiten

 Anfänglich ggf. Empfehlungen abgeben

 Impulse für Entscheidungen wahrnehmen und diese unterstützen

 

Diese Sicht- und Arbeitsweise nennt sich Empowerment-Förderung:

http://www.beratung-und-fortbildung.de/Artikel-Kerbe-2005.pdf, sie wendest sich vor allem an Klienten, die von sich aus ein Interesse an dieser Art der Förderung haben. Nur sind die Angebote leider sehr rahr gesäht. Selbstbestimmungsmöglichkeiten werden von Professionellen nicht hinreichend akzeptiert und unterstützt. Studien und Erfahrungsberichte der Betroffenen zeigen eindrücklich den deutlichen Zusammenhang zwischen Empowerment-Prozessen und Gesundungswegen: Wer wieder mehr Einfluss auf sein Leben gewinnt, wer selber entscheidet und sich weniger ausgeliefert fühlt, der wird eher wieder genesen. Diese Forschungsergebnisse decken sich mit anderen Forschungsrichtungen, etwa dem Konzept der Salutogenese. Antonovsky (1997) konnte zeigen, dass Menschen dann eher gesunden, wenn sie Situationen durchschauen, Einflussmöglichkeiten auf ihre Lebenssituation sehen und ihr Handeln als sinnhaft erleben.

In Zukunft werden immer mehr psychiatrieerfahrene Menschen einen partnerschaftlichen Beziehungsstil von professionell Tätigen einfordern. Sie werden zunehmend mehr informiert werden wollen und selber entscheiden, statt sich den Anordnungen der Fachpersonen zu fügen („Compliance“). Dabei handelt es sich um einen gesellschaftlichen Trend, der in verschiedensten Medizindisziplinen zu beobachten ist. www.psychiatriefortbildung.de

Andreas Knuf, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, ist Mitarbeiter der Schweizer Stiftung Pro Mente Sana in Zürich. Verschiedene Veröffentlichungen zu Empowerment und Selbsthilfeförderung, unter anderem Selbstbefähigung fördern. Empowerment und psychiatrische Arbeit“. Zuletzt ist erschienen: Borderline: Das Selbsthilfebuch (gemeinsam mit Christiane Tilly). Internet: http://

Künftige Herausforderungen für die Empowerment-Förderung

 

 

Bonn/Köln

„Aufbruch für eine humane Psychiatrie" ist eine Gruppe Psychiatrie-Erfahrener Menschen aus Köln und Bonn, die zu Veranstaltungen zum Umgang mit psychischen Krisen und zur Behandlung solcher Krisen in der Psychiatrie mit Diagnosen wie Psychose, Schizophrenie, Manie und Depression einlädt.

Kontakt: Joachim tel. 0221 - 46 67 63; e- mail: Jo.Brandenburg@t-online.de Aus:

 

LAUTSPRECHER, Zeitung für Psychiatrie-Erfahrene in NRW Heft 10 Psychiatrie-kritisch und  unabhängig von der Psychopharmaka-Industrie, Oktober 2005 http://www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de/lautsprecher200510.pdf oder http://www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de/ 

 

 

 

 

Der zweite Vortrag, den ich besuchen durfte, drehte sich um GEORG MILZNER. Er ist Hypnotherapeut und Author mehrerer Bücher. Georg Milzner, approbierter Diplom-Psychologe, studierte Psychologie, Verhaltensbiologie und Kunst. Heute ist er am Institut für Hypnotherapie, Düsseldorf, zuständig für die Entwicklung neuer therapeutischer und kommunikativer Modelle. Georg Milzner gehört dem Vorstand der »Deutschen Gesellschaft für Hypnose« an und ist Chefredakteur der Fachzeitschrift Suggestionen. Zuletzt erschien sein Buch Schmerz und Trance. 

 

Er vertritt folgenden Ansatz:

 

//Viele Therapeuten schrecken vor der Arbeit mit psychotischen Menschen zurück.
Ein Psychotherapeut sollte nicht ängstlich sein im Umgang mit veränderten Bewusstseinszuständen.
Insbesondere in der Psychiatrie geschieht ja oft etwas Fatales: Dem Psychotischen wird dort mit einem gewissen Zwangscharakter begegnet. Man darf sich dann nicht wundern, wenn beide Seiten nicht zueinander kommen. Die Psychiatrie suggeriert unentwegt negative Sichtweisen, schon in den Theorien und erst recht in der Diagnostik. Wer sagt zum Beispiel, dass schizophrene Menschen ihren Zustand nicht alleine modulieren könnten?
Man muss psychotische Wahrnehmung als Ergänzung zu unserer Konsensrealität auffassen. Das Psychotische wird uns nicht überschwemmen (so die häufige Angst), wenn wir uns ein Instrumentarium aneignen, um psychotisches Erleben begrenzen oder unterbrechen zu können. Je kompetenter ein Therapeut beim Umgang mit verschiedenen Bewusstseinszuständen ist, desto hilfreicher kann er sein, weil er weiß, wie er rein und wieder raus kann. Das kann man lernen.//
http://verlag.psychiatrie.de/autoren/wortmeldungen/article/interview_milzner.html

//Ein Beispiel: Als Ragan, ein hypernervöser junger Psychotiker, während eines Rundgangs brüllt: "Ich brauche einen absolut leeren Raum um mich, endlich!", erinnere ich mich, dass der Dichter Allen Ginsberg einmal eine Horde Hell's Angels durch das Absingen von Mantras beruhigen konnte, und ich brummele: "Auch ein leerer Raum ist ein Raum ... Auch ein Nichts ist ein Etwas ... Auch Stille ist ein Geräusch..." Und so weiter, wieder von vorne. Ragan fragt erst, was ich da "für'n Scheiß" rede, beginnt aber dann, als ich nur: »Hör doch zu!« sage, zu lauschen und wird zusehends ruhiger.//

WIKI: Der Begriff Suggestion wurde im 17./18. Jahrhundert eingeführt. Etymologisch ist er zurückführbar auf lat. suggestio, -onis, was gleichbedeutend ist mit Hinzufügung, Eingebung oder lat. subgerere, suggerer also zuführen, unterschieben. (lat. suggestio, -onis Hinzufügung, Eingebung, als rhetorisches Mittel Beantwortung der eigenen Frage)

Die Psychologie versteht unter Suggestion (Begriff erstmals von James Braid verwendet) eine Beeinflussungsform von Fühlen, Denken und Handeln. Es wird zwischen der Autosuggestion und der Heterosuggestion unterschieden. Im Themengebiet der Hypnose stellen Suggestionen unmittelbar wirkende Eingebungen durch den Hypnotisierenden dar. Posthypnotische Suggestionen wirken hingegen erst nach der Hypnose, meist auf einen vorher festgelegten Hinweisreiz (z.B. einem Wort oder einer Geste).

Bereits vor Entwicklung der Psychoanalyse nutzte Josef Breuer Suggestionen, um Hysterie zu heilen. Die Symptome werden in dieser Technik durch Auflegen einer Suggestion bekämpft, wobei die Wirkung im Laufe der Zeit verblasst und die Behandlung erneuert werden muss.

Weitere alltägliche Effekte, bei denen Suggestionen als Erklärungsansatz dienen können:

Entsprechend der Bedeutung der Unterschiebung wird der Begriff Suggestion auch bei der so genannten Suggestivfrage verwendet. Dabei ist das Ziel des Fragenden, den Inhalt der Antwort direkt beim Befrager zu beeinflussen. (Beispiel: Sie waren doch am Tatort? - was beim Gegenüber eher die Antwort ja hervorrufen kann). Diese Beeinflussung kann bereits über Mimik und Gestik, aber auch den verbalen Ausdruck geschehen. Z.B. gibt es unter Kellnern einen alten Trick, nach dem der Gast bei der Frage, ob man ihm nachschenken solle, durch ein leichtes Kopfnicken bzw. Kopfschütteln beeinflusst werden kann. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Psychoanalyse

http://netzwerk01.de/koeln.htm

 

 

http://www.selbsthilfenetz.de/e2/e2741/index_ger.html?stichwort_id=625

 

  

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"Bevor es wieder losgeht!" - Individuelle Vorsorge und Selbsthilfe bei psychotischen Krisen
http://www.promentesana.ch/selbsthilfe/selbsthilfefragen/knuf.php
 
 

Existenzphilosophie

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BERÜHMTE ZITATE von Karl JASPERS

Vernunft, Verstand & Philosophie
«Niemand hat die Wahrheit, wir alle suchen sie.»
«Wer meint alles zu durchschauen, philosophiert nicht mehr.»
«Vernunft ist die sanfte Gewalt, die allem, und selbst der Gewalt, Grenze und Mass setzt.»
«Wer Vernunft leugnet, erfährt auch nicht ihre Wirklichkeit; wer sie erwartet, trifft sie an.»
«Der menschliche Verstand ist in der Praxis nicht verlässlich, am wenigsten in grösster Not.»
«Der gesunde Menschenverstand ist blind sowohl für das äusserst Böse wie für das höchst Gute.»
«Der Fortschrittsgedanke der Zivilisation hat sich als ein Übermut des Menschen entschleiert.»

Politik & Toleranz
«Der Friede beginnt im eigenen Haus.»
«Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.»
«Gleichgültigkeit ist die mildeste Form der Intoleranz.»
«Wir sollten Toleranz ueben gegen jedermann und jeden, nur nicht gegenüber der Intoleranz.»
«Die Demokratie setzt die Vernunft des Volkes voraus, die sie erst hervorbringen soll.»
«Der Krieg ist in wachsendem Umfang kein Kampf mehr, sondern ein Ausrotten durch Technik.»
«Der Mensch steht heute vor der Alternative: Untergang des Menschen oder Wandlung des Menschen.»

Menschliches
«Was nicht in die Masse dringt, ist unwirksam.»
«Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen.»
«Die Hoffnungslosigkeit ist schon die vorweggenommene Niederlage.»
«Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, unsterblich, wo wir lieben.»
«Die Zukunft ist als Raum der Möglichkeiten der Raum unserer Freiheit.»


  
Der Ekel ist ein Roman von Jean-Paul Sartre, er erschien im Jahr 1938 und gilt als Hauptroman des Existentialismus.
In Jean-Paul Sartres Roman Der Ekel beschreibt der Autor die Erfahrung eines Individuums (dem Ich-Erzähler Antoine Roquentin) mit seiner Existenz in einer Welt der Begriffe und festen Strukturen. Durch eine stete Umschreibung der um ihn herumexistierenden Dinge empfindet er eine starke Abneigung: Den Ekel.
In seinem ersten Roman La nausée (dt.: „Der Ekel”), an dem Sartre fünf Jahre arbeitete, sind bereits viele Themen enthalten, die erst sein späteres philosophisches Werk zur Klarheit bringen. Das Buch ist eine Ansammlung von Tagebucheinträgen des Ich-Erzählers Roquentin, der versucht, sich über den Ekel klar zu werden, der ihn seit einiger Zeit beschleicht.
 
 

Inhalt

Roquentin ist ein Historiker, der in einer kleinen Stadt namens Bouville lebt und dort ein historisches Buch über den Diplomaten Rollebon schreibt, worin er zurzeit die einzige Rechtfertigung für seine Existenz sieht. Dieser Ekel, den er eher in den Dingen selbst spürt, verlässt ihn nur beim Anhören eines Schlagers: „Some of these days you’ll miss me, honey“. Die Ursache des Ekels ist die Sinnlosigkeit und Kontingenz (Zufälligkeit) der Existenz. Nur die Verkettung von Umständen, die Unumkehrbarkeit der Ereignisse - er erinnert sich dabei an seine Abenteuer - macht ihn glücklich. Romane, Erzählungen und Kunstwerke, diese gemachten Dinge, bereiten ihm durch die Strenge ihrer Form Glück. Wohingegen das wirkliche Leben, das Verstreichen der Tage, das Kommen und Gehen der Leute keine Notwendigkeit hat. Erst wenn man das Leben erzählt, ändert sich dies. Die Sinnlosigkeit der Existenz wird Roquentin beim Anblick einer Wurzel im Park bewusst. Zwar weiß man, was die Funktion einer Wurzel allgemein ist, aber für die Existenz dieser einzelnen Wurzel gibt es keine Erklärung. Im Gegensatz dazu existiert das vollständig Erklärbare zum Beispiel ein Kreis nicht. Die Existenz lässt sich also nicht aus einem Wesen ableiten, sie geht dem Wesen voraus. Am Ende des Buches fasst Roquentin den Entschluss sein Dasein als Historiker aufzugeben und stattdessen einen Roman über Rollebon zu schreiben, um sich im Dienst der strengen Form eine Rechtfertigung als Künstler zu geben.
Das Leben hat für den Romanhelden sämtliche Gewöhnlichkeit verloren. Er erfährt ständig neue Momente seiner sinnlose Existenz. Am Ende seines Romans deutet Sartre eine Hoffnung an, die man als die Kontingenz (Anderssein) bezeichnet. Auch wenn die Existenz einsam und demnach auch frei ist, muss sich das Individuum in dieser Welt selbst erfinden und kann darüber frei entscheiden was es sein will.
 

 
 
Eine Seite eines Betroffenen, die mir sehr gut gefallen hat. http://home.arcor.de/rs1403/index.html
 
 

 

Contemplation, Holzschnitt von John Cadigan.

"Psychische Erkrankungen sind Europas unsichtbare Killer."
Markos Kyprianou, Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz der EU, 2005.

"Willkommen in meinem Gehirn. Mein Name ist John Cadigan und ich bin ein schizophrener Künstler."
John Cadigan, Regisseur von
People Say I'm Crazy

"Wir sind in einem Raum, in dem sich Menschen Erlebnisse erzählen, über die man  gewöhnlich nicht spricht. Es geht um Angst und Einsamkeit aber auch um den Lebensmut, psychische Krankheiten und Krisen zu bewältigen."
Jana Kalms und Torsten Striegnitz zu ihren Film
Raum 4070 über ein Psychoseseminar in Potsdam.


 

Am 7. November 1892 kam Hermann Hesse nach Bad Cannstatt. Die Vorgeschichte zu diesem Datum ist turbulent: Seine berühmte Flucht aus dem theologischen Seminar in Maulbronn lag genau 8 Monate zurück. Unmittelbar darauf hatte er zwei Aufenthalte in einer Nervenheilanstalt, eine unglückliche Liebschaft und einen Selbstmordversuch hinter sich gebracht. Nur wenige Wochen vor seiner Ankunft in Cannstatt hatte die Anstalt in Stetten ihre Diagnose noch einmal brieflich bestätigt: Sie schwankte zwischen „Primärer Verrücktheit" und „Moral Insanity". Letztere, „die moralische Verrücktheit", könne sich geben. Doch die „Primäre Verrücktheit" sei schlechterdings unheilbar. (Ninon Hesse, S. 283f.) Hermann Hesse war erst fünfzehn Jahre alt. Aber unter diesen Um-ständen schien es sehr fraglich, ob er jemals einen ordentlichen Beruf lernen würde. Seine Eltern zogen in Erwägung, ihn weiterhin in ärztliche Behandlung zu geben.

 

Hesse schreibt an seinen Vater aus der Heilanstalt Stetten 1892

 

Sehr geehrter Herr!
Da Sie sich so auffällig opferwillig zeigen, darf ich Sie vielleicht um 7 M oder gleich um den Revolver bitten. Nachdem Sie mich zur Verzweiflung gebracht, sind Sie doch wohl bereit, mich dieser und sich meiner rasch zu entledigen. Eigentlich hätte ich ja schon im Juni krepieren sollen.
Sie schreiben: "Wir machen Dir gar keine schrecklichen Vorwürfe" weil ich über Stetten schimpfe. Dies wäre auch mir durchaus unverständlich, denn das Recht zu schimpfen darf man einem Pessimisten nicht nehmen, weil es sein einziges und letztes ist.
"Vater" ist doch ein seltsames Wort, ich scheine es nicht zu verstehen. Es muß jemand bezeichnen, den man lieben kann und liebt, so recht von Herzen. Wie gern hätte ich eine solche Person! Könnten Sie mir nicht einen Rat geben ... Ihre Verhältnisse zu mir scheinen sich immer gespannter zu gestalten, ich glaube, wenn ich Pietist und nicht Mensch wäre, wenn ich jede Eigenschaft und Neigung an mir ins Gegenteil verkehrte, könnte ich mit Ihnen harmonieren. Aber so kann und will ich nimmer leben und wenn ich ein Verbrechen begehe, sind nächst mir Sie schuld, Herr Hesse, der Sie mir die Freude am Leben nahmen. Aus dem "lieben Hermann" ist ein andrer geworden, ein Welthasser, eine Waise, deren "Eltern" leben.
Schreiben Sie nimmer "Lieber H." etc, es ist eine gemeine Lüge.
Der Inspektor traf mich heute zweimal, während ich seinen Befehlen nicht nachkam. Ich hoffe, daß die Katastrophe nimmer lang auf sich warten läßt. Wären nur Anarchisten da!
H. Hesse, Gefangener im Zuchthaus zu Stetten, wo er "nicht zur Strafe" ist.
Ich beginne mir Gedanken zu machen, wer in dieser Affaire schwachsinnig ist. Übrigens wäre es mir erwünscht, wenn Sie gelegentlich mal herkämen.

 

Oktober 1892.

Mitteilung des Anstaltsleiters an die Eltern:
"Das Prognosticon mit primärer Verrücktheit möchte er noch nicht

aussprechen. [Anm.:der Arzt] 

Es könnten die Erscheinungen das
Anfangsstadium sein, aber sicher möchte er das jetzt noch nicht
aussprechen. Es wäre das allerdings, wie Herr Hesse sich ausdrückte,
das Todesurteil. Hoffen wir zu Gott, daß die Sache nicht so schlimm steht."

 

 

Gedanken über den Selbstmord

von

H.Hesse 1920

 

[...] Draußen, weit im See, zog er die Ruder ein. Es war nun soweit, und er war zufrieden. Früher hatte er, in den Augenblicken, wo Sterben ihm unvermeidlich schien, doch immer gern noch ein wenig gezögert, die Sache auf morgen verschoben, es erst noch einmal mit dem Weiterleben probiert. Davon war nichts mehr da. Sein kleines Boot, das war er, das war sein kleines, umgrenztes, künstlich versichertes Leben - rundum aber das weite Grau, das war die Welt, das war All und Gott, dahinein sich fallen zu lassen war nicht schwer, das war leicht, das war froh.

Er setzte sich auf den Rand des Bootes nach außen, die Füße hingen ins Wasser. Er neigte sich langsam vor, neigte sich vor, bis hinter ihm das Boot elastisch entglitt. Er war im All.

In die kleine Zahl von Augenblicken, welche er von da an noch lebte, war viel mehr Ereignis gedrängt als in die vierzig Jahre, die er zuvor bis zu diesem Ziel unterwegs gewesen war.

Es begann damit: Im Moment, wo er fiel, wo er einen Blitz lang zwischen Bootsrand und Wasser schwebte, stellte sich ihm dar, daß er einen Selbstmord begehe, eine Kinderei, etwas zwar nicht Schlimmes, aber Komisches und ziemlich Törichtes. Das Pathos des Sterbenwollens und das Pathos des Sterbens selbst fiel in sich zusammen, es war nichts damit. Es war erwünscht, es war schön und willkommen, aber notwendig war es nicht mehr. Seit dem Moment, seit dem aufblitzenden Sekundenteil, wo er sich mit ganzem Wollen, mit ganzem Verzicht auf jedes Wollen, mit ganzer Hingabe hatte vom Bootsrand fallen lassen, in den Schoß der Mitte, in den Arm Gottes - seit diesem Augenblick hatte das Sterben keine Bedeutung mehr. Es war ja alles so einfach, es war ja alles so wunderbar leicht, es gab ja keine Abgründe, keine Schwierigkeiten mehr. Die ganze Kunst war sich fallen lassen! Das leuchtete als Ergebnis seines Lebens hell durch sein ganzes Wesen: sich fallen lassen! Hatte man das einmal getan, hatte man einmal sich dahingegeben, sich anheimgestellt, sich ergeben, hatte man einmal auf alle Stützen und jeden festen Boden unter sich verzichtet, hörte man ganz und gar nur noch auf den Führer im eigenen Herzen, dann war alles gewonnen, dann war alles gut, keine Angst mehr, keine Gefahr mehr.

Dies war erreicht, dies Große, Einzige: er hatte sich fallen lassen! Daß er sich ins Wasser und in den Tod fallen ließ, wäre nicht notwendig gewesen, ebensogut hätte er sich ins Leben fallen lassen können. Aber daran lag nicht viel, wichtig war dies nicht. Er würde leben, er würde wieder kommen. Dann aber würde er keinen Selbstmord mehr brauchen und keinen von all diesen seltsamen Umwegen, keine von all diesen mühsamen und schmerzlichen Torheiten mehr, denn er würde die Angst überwunden haben.

Wunderbarer Gedanke: ein Leben ohne Angst! Die Angst überwinden, das war die Seligkeit, das war die Erlösung. Wie hatte er sein Leben lang Angst gelitten, und nun, wo der Tod ihn schon am Halse würgte, fühlte er nichts mehr davon, keine Angst, kein Grauen, nur Lächeln, nur Erlösung, nur Einverstandensein. Er wußte nun plötzlich, was Angst ist, und daß sie nur von dem überwunden werden kann, den sie erkannt hat. Man hat vor tausend Dingen Angst, vor Schmerzen, vor Richtern, vor dem Erwachen, vor dem Alleinsein, vor der Kälte, vor dem Wahnsinn, vor dem Tode - namentlich vor ihm, vor dem Tode. Aber all das waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen, den Schritt in das Ungewisse hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das große Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das verstehen, konnte das wissen.

Er dachte dies nicht, wie man Gedanken denkt, er lebte, fühlte, tastete, roch und schmeckte es. Er schmeckte, roch, sah und verstand, was Leben war. Er sah die Erschaffung der Welt, er sah den Untergang der Welt, beide wie zwei Heerzüge beständig gegeneinander in Bewegung, nie vollendet, ewig unterwegs. Die Welt wurde immerfort geboren, sie starb immerfort. Jedes Sterben war ein Atemzug, von Gott ausgestoßen. Jedes Sterben war ein Atemzug, von Gott eingesogen. Wer gelernt hatte, nicht zu widerstreben, sich fallen zu lassen, der starb leicht, der wurde leicht geboren. Wer widerstrebte, der litt Angst, der starb schwer, der wurde ungern geboren.

Im grauen Regendunkel über dem Nachtsee sah der Untersinkende das Spiel der Welt gespiegelt und dargestellt: Sonnen und Sterne rollten herauf, rollten hinab, Chöre von Menschen und Tieren, Geistern und Engeln standen gegeneinander, sangen, schweigen, schrien, Züge von Wesen zogen gegeneinander, jedes sich selbst mißkennend, sich selbst hassend, und sich in jedem andern Wesen hassend und verfolgend. Ihrer aller Sehnsucht war nach Tod, war nach Ruhe, ihr Ziel war Gott, war die Wiederkehr zu Gott und das Bleiben in Gott. Dies Ziel schuf Angst, denn es war ein Irrtum. Es gab kein bleiben in Gott. Es gab keine Ruhe! Es gab nur das ewige, ewige, herrliche, heilige Ausgearmetwerden und Eingeatmetwerden, Gestaltung und Auflösung, Geburt und Tod, Auszug und Wiederkehr, ohne Pause, ohne Ende. Und darum gab es nur Eine Kunst, nur Eine Lehre, nur Ein Geheimnis: sich fallen lassen, sich nicht gegen Gottes Willen sträuben, sich an nichts klammern, nicht an Gut noch Böse. Dann war man erlöst, dann war man frei von Leid, frei von Angst, nur dann.

Die Gestalt Wagners versank weit in der Ferne. Er war nicht Wagner, nicht mehr, es gab keinen Wagner, das alles war Täuschung gewesen. Nun, mochte Wagner sterben! Er, Klein, würde leben.

Wasser floß ihm in den Mund, und er trank. Von allen Seiten, durch alle Sinne floß Wasser herein, alles löste sich auf. Er wurde angesogen, er wurde eingeatmet. Neben ihm, an ihn gedrängt, so eng beisammen wie die Tropfen um Wasser, schwammen andere Menschen, schwamm Teresina, schwamm der alte Sänger, schwamm seine einstige Frau, sein Vater, seine Mutter und Schwester und tausend, tausend, tausend andre Menschen, und auch Bilder und Häuser, Tizians Venus und das Münster von Straßburg, alles schwamm, eng aneinander, in einem ungeheuren Strom dahin, von Notwendigkeit getrieben, rasch und rascher, rasend - und diesem ungeheuer, rasenden Riesenstrom der Gestaltungen kam ein anderer Strom entgegen, ungeheuer, rasend, ein Strom von Gesichtern, Beinen, Bäuchen, von Tieren, Blumen, Gedanken, Morden, Selbstmorden, geschriebene Büchern, geweinten Tränen, dicht, dicht, voll, voll, Kinderaugen und schwarze Locken und Fischköpfe, ein Weib mit langem starren Messer im blutigen Bauch, ein junger Mensch, ihm selbst ähnlich, das Gesicht voll heiliger Leidenschaft, das war er selbst, zwanzigjährig, jener verschollene Klein von damals! Wie gut, daß auch diese Erkenntnis nun zu ihm kam: daß es keine Zeit gab! Das einzige, was zwischen Alter und Jugend, zwischen Babylon und Berlin, zwischen Gut und Böse, Geben und Nehmen stand, das einzige, was die Welt mit Unterschieden, Wertungen, Leid, Streit, Krieg erfüllt, war der Menschengeist, der junge ungestüme und grausame Menschengeist im Zustand der tobenden Jugend, noch fern vom Wissen, noch weit von Gott. Er erfand Gegensätze, er erfand Namen. Dinge nannte er schön, Dinge häßlich, diese gut, diese schlecht. Ein Stück Leben wurde Liebe genannt, ein anderes Mord. So war dieser Geist, jung, töricht, komisch. Eine seiner Erfindungen war die Zeit. Eine feine Erfindung, ein raffiniertes Instrument, sich noch inniger zu quälen und die Welt vielfach und schwierig zu machen! Von allem, was der Mensch begehrte, war er immer nur durch Zeit getrennt, nur durch diese Zeit, diese tolle Erfindung! Sie war eine der Stützen, eine der Krücken, die man vor allem fahren lassen mußte, wenn man frei werden wollte.

Weiter quoll der Weltstrom der Gestaltungen, der von Gott eingesogene, und der andere, ihm entgegen, der ausgeatmete. Klein sah Wesen, die sich dem Strom widersetzten, die sich unter furchtbaren Krämpfen aufbäumten und sich grauenhafte Qualen schufen: Helden, Verbrecher, Wahnsinnige, Denker, Liebende, Religiöse. Andere sah er, gleich ihm selbst, rasch und leicht in inniger Wollust der Hingabe, des Einverstandenseins dahingetrieben, Selige wie er. Aus dem Gesang der Seligen und aus dem endlosen Qualschrei der Unseligen baute sich über den beiden Weltströmen eine durchsichtige Kugel oder Kuppel aus Tönen, ein Dom von Musik, in dessen Mitte saß Gott, saß ein heller, vor Helle unsichtbarer Glanzstern, ein Inbegriff von Licht, umbraust von der Musik der Weltchöre, in ewiger Bewegung.

Helden und Denker traten aus dem Weltstrom, Propheten, Verkünder. "Siehe, das ist Gott, der Herr, und sein Weg führt zum Frieden", rief einer, und viele folgten ihm. Ein andrer verkündete, daß Gottes Bahn zum Kampf und Kriege führte. Einer, nannte ihn Licht, einer nannte ihn Nacht, einer Vater, einer Mutter. Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als Feuer, als Kühle, als Richter, als Tröster, als Schöpfer, als Vernichter, als Verzeiher, als Rächer. Gott selbst nannte sich nicht. Er wollte genannt, er wollte geliebt, er wollte gepriesen, verflucht, gehaßt, angebetet sein, denn die Musik der Weltchöre war sein Gotteshaus und war sein leben - aber galt ihm gleich, mit welchen Namen man ihn pries, ob man ihn liebte oder haßte, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf, oder Tanz und Raserei suchte. Jeder konnte suchen. Jeder konnte finden.

Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang. Mit einer neuen, gewaltigen, hellen hallenden Stimme sang er lau, sang er laut und hallend Gottes Lob, Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen, inmitten der Millionen Geschöpfe, ein Prophet und Verkünder. Laut schallte sein Lied, hoch stieg das Gewölbe der Töne auf, strahlend saß Gott im Innern. Ungeheuer brausten die Ströme hin [...].

ENDE    

H.H. 1920


Virginia Woolf

Virginia Woolf

Es lag dieser Fluch auf der Schönheit - sie kam zu leicht, sie kam zu vollendet. Sie brachte das Leben zum Verstummen - ließ es erstarren. (Virginia Woolf)

 

 

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Die Geschichte der Psychiatrie in Europa  

Die Behandlung von psychischen Erkrankungen durch die Zeit hinweg ist begleitet von Kummer und Leid der Betroffenen. Die Beziehung zwischen psychisch Gesunden und psychisch Kranken war seit jeher ambivalent. Auf der einen Seite stand das Bedürfnis, zu helfen, auf der anderen die Versuchung, die Augen vor dem Elend der Hilfsbedürftigen zu verschließen, sie auszugrenzen, sie zu misshandeln oder sich über sie lustig zu machen. Im Folgenden soll die wechselhafte Geschichte der Behandlung und Versorgung psychisch Kranker vom Altertum bis zur heutigen Zeit skizziert werden.

Seit dem Altertum wurden körperliche wie psychische Krankheiten durch körperliche Eingriffe behandelt, vor allem durch Entfernen der "materia peccans" durch Reinigung der vier Körpersäfte Blut, Schleim, Gelbe und Schwarze Galle. Regeln für den Umgang mit psychisch Kranken wurden erstmals durch den römischen Autor Celsus im 1. Jahrhundert nach Christus formuliert. Er beschreibt verschiedene Möglichkeiten der psychischen Beeinflussung, z.B. die heilsame Lüge, den heilsamen Schmerz, den heilsame Schrecken, die heilsame Ablenkung und vor allem das heilsame Gespräch, das einfühlende Eingehen auf die Patienten.

Im Mittelalter wuchs der Glaube an wundertätige Reliquien. Ein Ort der Verehrung war Gheel in Belgien. Man ließ die Kranken nahe den Reliquien einer Königstochter übernachten, um die heilsamen Kräfte besser wirken zu lassen. Hier liegt der Ursprung der familiennahen Pflege. Denn die Kranken waren eine gute Einnahmequelle und konnten auf den Felder helfen. Später folgten Domspitäler. Besonders sind hier die Alexianer zu nennen, die auch heute noch in der Nähe von Köln eine Einrichtung nach klösterlichen und weltlichen Werten betreiben. Die sozialen Verpflichtungen der freien Reichsstädte in Deutschland führte vielerorts zur Gründung von Städtischen Bürgerhospitälern, in denen neben Armen und Alten auch "harmlose Irre" aufgenommen wurden. Unruhige und aggressive Kranke wurden allerdings in die Stadttore gesperrt oder vor die Stadt in eigens dafür aufgestellte Holzkisten verbracht.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstand in Frankreich ein gegliedertes Versorgungssystem. Akut Kranke wurden zu einer mehrwöchige Behandlung in das "Hôtel-Dieu" verbracht. Wer nicht gesund wurde, wechselte in das "Hôpital général", bestehend aus dem "Hôpital de Bicètre" für Männer und dem "Hôpital de la Salpétrière" für Frauen. Beide Häuser beherbergten große Abteilungen für psychisch Kranke. In Deutschland entstanden in Abwandlung dieses Vorbilds Zucht- und Tollhäuser. Wer allerdings im "Hôpital général" ankam, hatte kaum eine Chance, wieder lebend herauszukommen. Gewalt gegen Patienten oder unter den Patienten war an der Tagesordnung. Die unruhigen und gefährlichen Patienten wurden in Ketten gelegt und geprügelt.

Der Quäker William Tuke (1732-1822) gründete 1794 in York ein privates "madhouse", dem er den programmatischen Namen "The Retreat" gab. Die heilsame Einsamkeit in einer idyllischen Landschaft bot Schutz vor der Welt und vor der aus den Fugen geratenen Natur, die sich in der psychischen Krankheit äußerte. Offenbar ist es im "Retreat" gelungen, auf Prügel, Ketten und Zwangsjacken zu verzichten. Besucher waren von der freundlichen Atmosphäre beeindruckt. Gerade auch deshalb beeinflusste das Ideal der heilsamen ländlichen Einsamkeit die Zielvorstellungen der Reformpsychiater des 19. Jahrhunderts nachhaltig.

1803 schilderte Johann Christian Reill in seinem Buch "Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttung" unerträgliche Zustände in den damaligen Deutschen Zucht- und Tollhäusern und schlug zur Überwindung dieses Übels Methoden des Umgangs mit psychisch Kranken vor, die an Celsus und das englische Vorbild des "Retreat" erinnern.

Griesinger (1817-1868) war einer der ersten Deutschen Psychiater, die sich erfolgreich für die gewaltfreie Behandlung psychisch Kranker einsetzten. Dennoch wurde auf Gewalt im allgemeinen nicht verzichtet. Schläge mit Ruten, Stöcken und Peitschen gehörten ebenso zu den üblichen Maßnahmen wie Drehstühle, Sturzbäder mit kaltem Wasser, Zwangsstehen oder die Einreibung der Kopfhaut mit Brechweinstein, wodurch sich schmerzhafte Geschwüre bildeten. Nach den Vorstellungen Griesingers entstanden in den folgenden Jahren an vielen Orten neue Stadtasyle, fast immer in Form von Universitätskliniken

Während des 1. Weltkriegs starben etwa 140.000 Menschen in Deutschen Anstalten. Räumliche Enge, unzureichende Heizung und Unterernährung bedeuteten besonders für Alterskranke, Patienten mit Tuberkulose oder Paralyse das Todesurteil. Nach dem 1. Weltkrieg erholte sich die Deutsche Psychiatrie langsam wieder. Es waren vor allem zwei Personen, die neue Impulse für die psychosoziale Versorgung gaben: Hermann Simon (1867-1947) und die "aktivere Krankenbehandlung" in Gütersloh sowie Gustav Kolb (1870-1938) und die offene Irrenfürsorge in Erlangen. Hermann Simon entwickelte ab 1914 sein Konzept der aktiveren Krankenbehandlung in Gütersloh. Die Organisation war auf Beschäftigung aller Patienten ausgerichtet. Täglich wurden die arbeitenden, die körperlich Kranken und die wegen der psychiatrischen Symptomatik unbeschäftigten Patienten namentlich registriert. Diese lag bei einer Gesamtbettenzahl von 1350 in der Regel unter 1 Prozent. Diese hohe Zahl konnte nur durch ausgeklügelte Belohnungs-, Bestrafungs- und Kontrollmaßnahmen erreicht werden. Von Patienten und Mitarbeitern wurde bedingungslose Anpassung verlangt. Bei Arbeitsverweigerung drohten negative Folgen. Kritik an der Unerbittlichkeit des Systems blieb auch in den 20er Jahren nicht aus. Selbst die schärfsten Gegner mussten allerdings zugestehen, dass Patienten und Mitarbeiter zufrieden waren. Gewalthandlungen kamen in Gütersloh sehr selten vor, beruhigende Medikamente mussten kaum gegeben werden.

(aus: Meyers Konversationslexikon 1888)

 Seite 442: Psychiatrie

Das psychische Heilverfahren hat wesentlich zwei Ziele: es sollen die krankhaften Stimmungen, Gefühle und Vorstellungen, welche jetzt die frühere gesunde Individualität zurückdrängen, gehoben und entfernt werden; anderseits soll wieder möglichst hingewirkt werden auf Wiederherstellung und Stärkung des alten Ich selbst. In ersterer Beziehung führt ein direktes Bekämpfen der verkehrten geistigen Thätigkeit kaum je zu einem günstigen Ziel, ebensowenig nutzt das sogen. Eingehen auf den Wahn des Kranken; die einzig richtige Methode ist die psychische Ableitung. Es muß allem, was mit dem Wahn des Kranken im Zusammenhang steht, ausgewichen und durch Arbeit und Zerstreuung gesunder Art der Geist desselben anderweitig in Anspruch genommen werden. Daher ist unter allen psychischen Mitteln eine zweckmäßige Beschäftigung des Kranken, welche zugleich das alte Ich stärkt und kräftigt, das oberste und wichtigste. 

Gustav Kolb war der erste Psychiater, der Grundzüge der gemeindenahen Psychiatrie in die Tat umsetzte. Er öffnete die Anstalt nach außen, führte die psychiatrische Familienpflege ein und baute in Erlangen ein System der offene Fürsorge auf, das später von fast allen Kliniken übernommen wurde (Böcker 1985). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in vielen Kliniken nach der Aufnahme eines Patienten kaum mehr über seine Entlassung nachgedacht.

In der Nachkriegszeit (1939-1945) war niemand so recht an der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen interessiert. Zwar wurden durch den Nürnberger Ärzteprozeß 1946-1947 und durch mehr als 40 Euthanasieprozesse bis ca. 1965 die wesentlichen Fakten der Vernichtungsaktionen allgemein bekannt. Trotzdem fanden bis zum Ende der 70er Jahre Bücher über die Psychiatrie im Nationalsozialismus keinen Verlag oder wurden nicht beachtet. Überhaupt wurde die Situation psychisch Kranker von Politik und Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen.

1970 wies der Mannheimer Psychiater H. Häfner auf gravierende Mängel der psychiatrischen Versorgung hin. 1971 erteilte der Deutsche Bundestags einer Expertenkommission den Auftrag, einen Bericht zur Lage der Psychiatrie anzufertigen. Bei >70 Prozent aller Patienten wurde die Behandlung gegen den Willen der Betroffenen durchgeführt. Positive Ausnahme war lediglich das Land Baden-Württemberg mit ca. 10 Prozent Zwangsbehandlungen. Bei 80 Prozent der Patienten erfolgte die Behandlung auf geschlossenen Stationen. Es gab lediglich 1200 niedergelassene Nervenärzte die pro Patient <15 min im Monat erübrigen konnten.

Um die Psychiatrie ist es still geworden. Vor 30 Jahren versetzte die Aufdeckung von zahlreichen Todesfällen und grausamen Verhältnissen hinter den Anstaltsmauern die liberale Öffentlichkeit in Empörung. In vielen Gruppen wurden nicht nur diese »Skandale«, sondern die Funktion der Psychiatrie überhaupt diskutiert. Es sah so aus, als könnte eine stärkere Bewegung gegen die psychiatrische Aussonderung entstehen.

Heute ist davon nicht mehr viel übriggeblieben. Die meisten Beschwerdezentren haben sich wieder aufgelöst. Eine Diskussion um die Psychiatrie findet nicht mehr statt, vor allem keine politische. Selbst in der radikalen Linken stößt die prinzipielle Ablehnung der Psychiatrie häufig auf Unverständnis. Die Modernisierung der letzten Jahre hat hier ihre Wirkung gehabt. Nachdem die Verantwortlichen durch die breite Empörung über die mittelalterlichen Zustände unter Druck geraten sind, haben sie angefangen, die schlimmsten »Mißstände« in den Anstalten zu beseitigen. Die Akzeptanz ist wieder gestiegen. Man müß rückblickend feststellen, daß mit den Aktionen dem Psychiatriesystem der Tritt gegeben wurde, der als Anstoß für die Modernisierung und Ausweitung noch gefehlt hat ...

Ein Bericht aus der Zeit um 1988

Beschwerdezentren - 10 Jahre gegen die Psychiatrie (aus: wildcat)

[...] Ende der 60er Jahre gründeten Sozialarbeiter und Studenten den SSK als »Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Köln«. Sie wollten damit Lebensmöglichkeiten für die vielen obdachlosen Jugendlichen schaffen, denen nur die Straße blieb, wenn sie der Heimverwahrung entgehen wollten. Schon bald kam es zu Auseinandersetzungen mit der Stadt Köln, die die weitere Finanzierung des Projekts von der Einhaltung von Auflagen und politischer Zurückhaltung abhängig machte. Der SSK beschloß daraufhin, auf die Gelder zu verzichten, und benannte sich um in »Sozialistische Selbsthilfe Köln«. [...]

[...] Im Laufe der Jahre kamen [auch] immer mehr Menschen zum SSK, denen die Flucht aus den Klapsen gelungen war. Sie berichteten, wie sie in diesen Krankenhäusern mit Dämpfungsmitteln, Fesseln und Schlägen fertiggemacht worden waren, und auch von zahlreichen Todesfällen durch die psychiatrische Behandlung. All dies war damals draußen weitgehend unbekannt. Um auch andere Leute am Kampf gegen die Psychiatrie zu beteiligen, gründete der SSK 1977 auf einer Veranstaltung das erste BeschwerdeZentrum, eine »Initiative gegen Verbrechen in Landeskrankenhäusern«. Das BZ machte es sich zur Aufgabe, Anstaltsinsassen bei der Durchsetzung ihrer Menschenrechte zu unterstützen und die Verhältnisse hinter den Mauern an die Öffentlichkeit zu bringen.

Der Kontakt nach drinnen wird durch regelmäßige Fahrten in die rheinischen Klapsen, durch Besuche von Insassen und Flugblattaktionen aufrechterhalten. Es sind immer wieder dieselben Beschwerden: Zwangsunterbringung, Zwangsbehandlung mit Psychogiften, Schikanen und Mißhandlungen durch das Personal und Zwangsarbeit für Pfenniglöhne. Rechtsanwälte unterstützen Psychiatrisierte bei der Durchsetzung ihrer Minimalrechte. Oft versagt aber der Rechtsweg, denn die meisten Unterdrückungsmaßnahmen in der Klapse sind völlig legal. Für die Internierten ist es sehr schwer, sich zu wehren. Mit ihren Dämpfungsmitteln haben die Psychiater eine wirksame Waffe in der Hand, mit der sie Widerstand schnell »ruhigstellen« können. Um Forderungen der Menschen in den Klapsen zu unterstützen, haben die BZs immer wieder mit Aktionen von außen Druck gemacht: Demos, Besetzungen von Stationen und Büros, Störung von Elendsverwaltern und Sitzungen im LVR (=Landschaftsverband Rheinland, Träger der Klapsen) usw.

Viele, die sich an das BZ wenden, wollen vor allem eins: raus aus der Klapse. Sie können das kaum alleine schaffen, weil sie z.B. keine Wohnung mehr haben, oder weil sie nicht offiziell entlassen werden und keine guten Freunde haben, bei denen sie nach einer Flucht längere Zeit illegal und ohne Geld untertauchen können. Der SSK ist so für viele zur ersten greifbaren Möglichkeit geworden, dem Kreislauf von Klapse und Straße zu entkommen. Hier finden sie erstmal Wohnung, ein (wenn auch minimales) Einkommen, relative Sicherheit vor Behörden und Bullen, und sind nicht mehr allein - auch wenn manche mit diesem Gemeinschaftsleben nicht klarkommen, andere Lebensvorstellungen haben und nach einiger Zeit wieder abhauen.

Bis Anfang der 80er Jahre hatten sich auch in vielen anderen Städten BeschwerdeZentren gegründet. Nur wenige in NRW wurden jedoch von Selbsthilfegruppen, ähnlich dem SSK, getragen. Die übrigen BZs standen immer wieder vor dem Problem, daß sie zwar bei der Flucht helfen und den Psychiatrie-Flüchtlingen vielleicht noch für kurze Zeit Unterkunft in einer Wohngemeinschaft geben konnten - aber eben keine längerfristigen Lebensmöglichkeiten. Es war in diesen eher studentischen Gruppen auch viel weniger möglich, einen gemeinsamen Kampf mit den Psychiatrisierten zu führen. Das Verhältnis Helfer/Opfer konnte in diesen Initiativen nie in dem Maße aufgehoben werden wie im Zusammenleben und -arbeiten des SSK. Diese verschiedene Zusammensetzung der Gruppen wirkte sich auch auf die Politik aus: Die Kritik an der Psychiatrie und die Aktionsformen waren beim SSK-BeschwerdeZentrum meist radikaler als bei den studentischen Gruppen, die mehr über »Alternativen« diskutierten (und zum Teil schon ihre eigene Berufskarriere in der schönen neuen Müslipsychiatrie vorbereiteten).

Im Laufe der Jahre hat es im BZ verschiedene Schwerpunkte gegeben: Aufdeckung von »Skandalen«, Prozesse gegen Psychiater, Unterstützung von Menschen in den Klapsen und Agitation gegen Psychopharmaka. Wir stellen diese Punkte hier der Übersichtlichkeit halber getrennt dar. Es sind jedoch keine abgeschlossenen, voneinander getrennten Phasen gewesen: auch heute wird noch ab und zu eine Station oder ein Büro besetzt, um bestimmte Vorfälle bekannt zu machen, und die Unterstützung von Insassen und Psychiatrisierten war von Anfang an eine der wichtigsten Aufgaben. Der Kampf des BZ lebte gerade davon, daß wir in den Anstalten immer wieder Leute getroffen haben, die sich unter härtesten Bedingungen mit unglaublichem Mut und Entschlossenheit gegen ihre Unterdrücker gewehrt haben - und das dann von außen weiter machten, wenn ihnen die Flucht zum SSK geglückt war.

Die ersten Jahre des BZ waren bestimmt von den »großen Skandalen«. 1977-79 erfuhren wir immer wieder von Todesfällen in den Klapsen und brachten sie mit möglichst pressewirksamen Aktionen an die Öffentlichkeit. In Brauweiler waren Insassen mit Psychopharmaka vergiftet worden; in Düren von Pflegern totgeschlagen, in Zellen verbrannt, durch Psychogifte in den Selbstmord getrieben worden; in Bonn waren mehrere Menschen auf Alten- und Behindertenstationen elend verreckt. Auf diese »Mißstände« und die Leichen sprang die Presse gut an. Nach der Stationsbesetzung, mit der die Bonner Todesfälle bekanntgemacht wurden, erschienen bundesweit mehr als 150 Zeitungsartikel. Eine kleine Gruppe konnte so über die Mobilisierung der liberalen Empörung spektakuläre Erfolge erreichen: Das LKH Brauweiler und verschiedene Stationen in anderen LKHs mußten geschlossen werden, Klinikleitungen flogen aus ihren Sesseln, die Verantwortlichen feinen Herren kamen auf öffentlichen Veranstaltungen gegenüber Irren und abgerissenen Gestalten ins Stottern und wußten nicht mehr, wie sie sich rechtfertigen sollten. Ihre Versuche, diese lästige Gruppe mit Hilfe der Justiz mundtot zu machen, scheiterten zunächst kläglich. Den Strafantrag wegen der Bonner Stationsbesetzung zogen sie mitten im Prozeß zurück, weil ihnen die Einlassungen und Beweisanträge der Angeklagten zu gefährlich wurden, weil sie dadurch weitere Skandale befürchten mußten. In einem jahrelangen Rechtsstreit um ein Flugblatt zur Schließung von Brauweiler gingen sie ebenfalls baden. Dort wurde die Schließung als raffinierte Vertuschungsaktion beschrieben: »Die feinen Herren vom Kennedyufer in Köln haben den Skandal gemacht, um die Katastrophe zu vermeiden. Der Skandal ist, daß Menschen wie Vieh gehalten werden können, mit Dämpfungsmitteln vollgestopft. Wer bei diesem Drogenmißbrauch stirbt, wird sang- und klanglos unter die Erde geschafft. Die Katastrophe wäre, wenn die ganze Wahrheit ans Tageslicht käme. Brauweiler ist nicht ein einzelner Mißstand, denn in keinem LKH ist es anders als dort. Dieser Mißstand hat System. Dabei sterben ständig in den LKHs Menschen auf zwielichtige Art und Weise, aber die »Aufsicht« des LVR nimmt diese Toten hin.« Der Versuch des LVR, diese Äußerungen verbieten zu lassen, wurde schließlich 1983, 5 Jahre später, vom OLG Köln zunichte gemacht (das Urteil hat uns allerdings auch nicht mehr viel genützt ...). [...]

 

Und heute?

(aus: Gewalt und Zwang in der stationären Psychiatrie

Tagungsbericht, Bonn, 24./25. September 1997/ Christiane Redel, Seite 15)

[...] Der Psychiatrie fällt medizinisch wie gesellschaftlich eine besondere Rolle zu. Sie hat medizinisch die Aufgabe, zu definieren, was „krankhaftes" Verhalten ist, und damit bestimmt sie mit, was „normales" Verhalten ist. Dies bringt sie gesellschaftlich gefährlich nahe der Macht zu definieren, was „sozial angepaßt" ist, was „nicht angepaßt" ist, was „gesellschaftlich tragbar" ist, was „nicht tragbar" ist. Psychiatrie und Psychologie werden immer in der besonderen Gefahr stehen, daß ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse von gesellschaftspolitischen Kräften als Rechtfertigung für Ideologien genutzt werden, mit denen politische Programme legitimiert werden können, auch solche, die z.B. eben erst über die Eugenik auf dem kürzesten Wege zur Euthanasie führen konnten. Wissenschaft, Forschung und Medizin-Technik bieten immer größere Möglichkeiten, die Gentechnik sicher die spektakulärsten. Auch aus diesem Grunde müssen Psychiatrie und Psychologie untrennbar mit Ethik verbunden sein. Sie sind in Forschung und Wissenschaft ebenso wie in der alltäglichen Versorgung in besonderem Maße einer Moral verpflichtet, die in ihrem Menschen- und Weltbild das „Anderssein" als Bestandteil der „Normalität" einer Gesellschaft anerkennt und bewahrt. Ich glaube, daß dies vielleicht der wirksamste Schutz aller Hilflosen in einer Gesellschaft bzw. vor einer Gesellschaft ist. [...]

 

Psychiatrie in Italien, ein Versuch des Vergleichs

Das Psychiatriereformgesetz von 1978 (Italien) basiert auf dem Artikel 32 der italienischen Verfassung, in der der Schutz der Gesundheit des Einzelnen sowie der Gemeinschaft als Grundrecht festgeschrieben ist: Die Anliegen psychisch Kranker werden mit denen somatisch Kranker gleichgestellt, wobei bewusst vom Aspekt der sozialen Gefährlichkeit psychiatrischer Erkrankungen abgerückt wird. Für die Behandlung und Betreuung psychisch Kranker beinhaltet das Reformgesetz des Jahres 1978 die Auflösung der Großkrankenhäuser und den Aufbau eines umfassenden gemeindenahen Versorgungsnetzes. Seit 1978 ist die Behandlung psychiatrischer Patienten in Italien jedoch uneinheitlich wie kaum je zuvor, da die zum Teil extrem formulierten Zielsetzungen des "italienischen Experimentes" in den verschiedenen Teilen des Landes unterschiedlich ausgelegt wurden.

Die Dominanz des staatlichen Gesundheitsdienstes in der Versorgung psychisch Kranker limitiert deren Selbstbestimmung in weiten Bereichen. Trotz wiederholter Erstellung von Maßnahmenkatalogen zur endgültigen Umsetzung der gesetzlichen Bestimmungen, droht die Reform nicht zuletzt auch wegen der ungeklärten Finanzierung erneut zu scheitern. (aus: Der Nervenarzt, Nr. 7, Juli 2001)

3.1.2 Gesetzliche Grundlagen der psychiatrischen Versorgung in Italien

Wichtigste Grundlage der Psychiatrischen Versorgung in Italien ist das Gesetz 180. Durch sein Inkrafttreten am 13. Mai 1978 wurde eine umfassende Psychiatriereform in Italien eingeleitet:

- das Gesetz verpflichtet die Regionen ,psychiatrische Dienste einzurichten,

- an Allgemeinkrankenhäusern muss eine Station für Diagnose und Heilung mit max. 15 Plätzen eingerichtet werden, diese Station muss sich mit den territorialen Diensten verbinden,

- die Errichtung neuer psychiatrischer Krankenhäuser wird verboten,

- es wird verboten psychiatrische Spezialabteilungen zu nutzen,

- es wird verboten, stattdessen geschlossene Abteilungen in Allgemeinkrankenhäusern, neurologische oder neurophysische Stationen zu nutzen. Die Umstrukturierung der psychiatrischen Versorgung folgt dem Prinzip der Transformation, d.h. neue Dienste entstehen aus den Ressourcen der abzubauenden Krankenhauskapazitäten.

Nach verschiedenen gesetzlichen Initiativen 1994 und 1995, die das Ziel hatten, die Restirrenhäuser zu schließen, wurde 1996 eine Untersuchungskommission aus Mitgliedern aller Parteien eingesetzt, um den Stand der Schließung der Irrenhäuser zu überprüfen (zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch ca. 20.000Menschen in den Restirrenhäusern). Die

Ergebnisse der Kommission gingen in das Haushaltsgesetz für 1997 ein. Eine

Regierungskommission überwachte den Prozeß der Schließung. Regionen bzw. Krankenhäuser, die nicht schließen, werden finanziell sanktioniert. Zusätzlich bestimmte das Haushaltsgesetz 1998, dass in Regionen, die bisher keine konkreten Schritte zur Schließung unternommen haben, Regierungskommissare zur Kontrolle eingesetzt werden.

Das Gesundheitsministerium hat einen Grundlagenpapier für die Ziele der Psychiatrieplanung herausgegeben: „Die Sicherstellung der Geistigen Gesundheit 1997 – 1999".

Es enthält weitreichende Richtlinien für die Veränderung der Versorgung.

Für die Psychiatrische Versorgung ist das Department für Geistige Gesundheit zuständig. Das Department für Geistige Gesundheit ist verantwortlich für Prävention, Versorgung und Behandlung und Rehabilitation in Verbindung mit psychischen Störungen bei Erwachsenen. Es ist außerdem zuständig für häusliche oder stationäre Krisenintervention, verfügt über Akutbehandlungsbetten und „1. Hilfe-Stationen". Die Hilfen (Therapie, Behandlung, soziale und gesundheitliche Versorgung, soziale Hilfen) werden stationär, teilstationär oder ambulant erbracht.

Alle drei Jahre wird ein Zielplan zum Schutz der Geistigen Gesundheit (Progetto Obiettivo Tutela Salute Mentale) zur Umsetzung des Gesetzes 180 erstellt: 1994 wurde der erste Zielplan verabschiedet, der einen historischen Abschnitt für die psychiatrische Versorgung in Italien darstellt.

Der zweite Zielplan (1999-2000) präzisiert die Notwendigkeit und die Struktur der Dienste des DSM:

1. Schließung aller psychiatrischen Krankenhäuser.

2. Das DSM bietet differenzierte Angebote unter einer Leitung, d.h. Ablösung vom Gesundheitsdistrikt und der Distriktsleitung und Installation des Bereichs Geistige Gesundheit als eigenständiges Department.

3. Auch die Dienste, die an ein Krankenhaus gebunden sind (Station für Diagnose und Behandlung) bleiben unter Leitung des Departments.

4. Notwendigkeit der Evaluation der Dienste und Angebote in finanzieller

Unabhängigkeit. (Die DSM erhalten 5% des Gesundheitsbudgets.)

5. Förderung einer neuen Phase der Bewertung der - oft sehr unterschiedlichen – Art der Dienste und der Interventionsmethoden.

Psychiatrische Behandlung und Rehabilitation werden normalerweise in Zentren für Geistige Gesundheit durchgeführt, dies gilt auch für Behandlungen, die eine Unterbringung erfordern Der Begriff „Unterbringung" taucht in dem Gesetz Nr. 180 nicht auf. Vielmehr verwendet das Gesetz den Begriff einer „obligatorischen Behandlung im Krankenhaus". Damit ist also auch die Unterbringung gegen seinen Willen gemeint, die in einem regionalen Gesundheitszentrum, in der häuslichen Umgebung oder in einem Krankenhaus durchgeführt wird.

Die Ergebnisse des Vergleichs der rechtlichen Rahmenbedingungen der psychiatrischen Versorgung in England, Italien und Deutschland lassen, trotz erheblicher systematischer Schwierigkeiten, durchaus Gemeinsamkeiten aber auch wesentliche Unterschiede erkennen. Alle drei Systeme scheinen es aber zu zulassen, dass auf der unmittelbaren Versorgungsebene eine Vielzahl von Angebotsleistungen und Einrichtungen möglich ist. Sowohl im Bereich der Beratung, der Behandlung, der Betreuung, der Versorgung und der Rehabilitation finden psychisch Kranke ortsnah Ansprechpartner. Auch scheint es eine umfassende Palette von Einrichtungen in allen drei Systemen zu geben. Auffallend ist, dass das deutsche Rechtssystem eine sehr detaillierte Aufzählung der einzelnen Leistungen der Versorger, in diesem Fall der Träger der gesetzlichen Sozialversicherungen, enthält. Die beiden übrigen Rechtssysteme scheinen den Anbietern einen größeren Spielraum bei der Definition der Angebote zu überlassen oder bieten bestimmte Leistungen im Rahmen der öffentlichen Versorgung überhaupt nicht an. So ist z. B. weder in England noch in Italien die Psychotherapie oder die Soziotherapie eine Leistung des öffentlichen Gesundheitswesens und lediglich für Privatpatienten zugänglich. Dagegen sind diese beiden Angebote Bestandteil des Leistungskatalogs der deutschen gesetzlichen Krankenversicherung und auch der Rehabilitation. (aus: Vergleich der rechtlichen Rahmenbedingungen der psychiatrischen Versorgung in England, Italien und Deutschland, 

http://www.wap-leonardo.de/downloads/rahmenbedingungenUK.pdf  )

 


 

Wichtige Personen I

William Battie (1703−1776), englischer Arzt, der als einer der ersten Psychiater gilt.

William Tuke (1732−1822), Vorreiter humaner Behandlung und Gründer des „Retreat" in York.

Franz Anton Mesmer (1734−1815), umstrittener Arzt, der trotz unhaltbarer Theorien Erfolge erzielte und die moderne Psychotherapie methodisch voranbrachte.

John Brown (1735−1788), Gründer des Brownianismus, der verschiedene Lebens- und Krankheitstheorien zu einem Gesamtkonzept verband.

Philippe Pinel (1745−1826), französischer Arzt und Psychiater, der gewaltfreie Behandlung (das sog. „traitement moral", gekennzeichnet durch Zuwendung, Milde und Geduld) durchsetzte und fortschrittliche psychiatrische Ausbildung förderte.

Jean Etienne Dominique Esquirol (1772−1840) Psychiater, Mitarbeiter und Schüler Pinels. Begründer der Monomanielehre, von der sich heute noch die Begriffe „Kleptomanie" und „Pyromanie" erhalten haben.

Benjamin Rush (1746−1813), Autor des ersten amerikanischen Lehrbuchs, deswege auch „Vater" der US-Psychiatrie genannt, und Erfinder der Zwangsjacke.

Franz Joseph Gall (1758−1828), Gründer der Phrenologie, die das Gehirn als zentrum mentaler Prozesse erkannte. Sein Versuch, Schädelmerkmale, Gehirnanatomie und Charakter in Verbindung zu bringen, erwies sich als Irrweg.

Johann Christian Reil (1759−1813), Arzt und Professor aus Halle, der sich für humane Behandlung der „Irren" einsetzte.

Vincenzo Chiarugi (1759−1820), Ein früher italienischer Psychiatrie-Reformer

John Haslam (1764−1844), Apotheker am Bethlam-Hospital in London, der unter dem Titel „Illustrations of Madness" die erste große Fallstudie einer Schizophrenie publizierte.

Jean Etienne Dominique Esquirol (1772−1840), Schüler von Pinel und Mitbegründer der beispielgebenden französischen Psychiatrie-Tradition.

Johann Christian August Heinroth (1773−1843), erster Inhaber eines deutschen Lehrstuhls für Psychiatrie (ab 1811 in Leipzig).

Karl Georg Neumann (1774−1850), Arzt an der Charité und früher Kritiker der somatischen Therapien.

John Conolly (1794−1866), einer der Begründer der „no restraint therapy" (Behandlung in kleinen, humanen Instituten; Prinzip der offenen Tür, spezielle Ausbildung für die Betreuer)

Karl Wilhelm Ideler (1795−1860), schrieb eine „Anthropologie für Ärzte" und wurde zunächst Nachfolger Karl Georg Neumanns an der Charite, später (erster!) Professor für Psychiatrie.

Joseph Guislain (1797−1860), Begründer der modernen Psychiatrie in Belgien, der dadurch psychisch Kranke von ihrem bisherigen Strafgefangenen-Dasein befreite.

 

Wichtige Personen II

Wilhelm Griesinger (1817−1868), Arzt an der Charité, Vertreter der These, dass psychische Krankheiten Ausdruck von Veränderungen im Gehirn sind. Außerdem Verfasser bissiger Artikel (u.a. gegen Samuel Hahnemann gerichtet) zu medizinischen und psychiatrischen Grundsatzfragen.

Jean-Martin Charcot (1825−1893), Pariser Neurologe und Lehrer von Sigmund Freud.

Karl Ludwig Kahlbaum (1828−1899), einer der ersten klinischen Psychopathologen (Katatonie).

Theodor Meynert (1833−1892), Leiter der Wiener Universitätspsychiatrie und „Gehirnmythologe".

George Miller Beard (1839−1883), New Yorker Arzt, der den Begriff „Neurasthenie" prägte.

Hippolyte-Marie Bernheim (1840−1919) versuchte, hysterische Symptome durch Hypnose zu beeinflussen.

Josef Breuer (1842−1925), praktischer Arzt, der Freud zu seinen Hysterie-Studien anregte.

Carl Wernicke (1848−1905), Professor für Psychiatrie in Breslau und Halle. (Wernicke-Enzephalopathie)

Benedict Augustin Morel (1848−1931), Vertreter der Lehre, dass Geisteskrankheit eine degenerative Variante des Normaltyps darstelle, die bei jeder Generation deutlicher hervortrete und zum Aussterben der Spezies führe.

Iwan Petrowitsch Pawlow (1849−1936) entdeckte die konditionierten Reflexe und schuf so die Grundlage für die Entwicklung der Verhaltenstherapie.

Otto Binswanger (1852−1929)

Emil Kraepelin (1856−1926) klassifizierte Geisteskrankheiten nach organischen Gesichtspunkten. Er publizierte 1918 den medizinhistorisch bedeutenden Rückblick auf „Hundert Jahre Psychiatrie".

Sigmund Freud (1856−1939) erklärte erstmals hysterische Zustände als Folge traumatischer Erlebnisse oder Unterdrückung von Trieb-Phantasien.

Eugen Bleuler (1857−1939), der Psychosen in zyklische Erkrankungen und den Formenkreis der Dementia praecox unterteilte. Auf ihn geht auch der Begriff Schizophrenie zurück.

Pierre Janet (1859−1947)

Ernst Kretschmer (1888−1964)

Julius Wagner von Jauregg (1857−1940)

Jakob Kleist (1883−1980)

Links:

http://www.epsy.de/schizophrenie/


 

Abschaffung der Psychiatrie?
Auszug aus:
http://www.lichtblick99.de/so-kvpm14.html

 

Der emeritierte amerikanische Psychiatrieprofessor Thomas S. Szasz gilt als die derzeit schillerndste Galionsfigur der radikalen Antipsychiatriebewegung. In zahlreichen Publikationen verficht er die These, psychische Erkrankungen existierten nicht, sondern seien die Erfindung eines staatlichen Machtapparates – der Psychiatrie –, um Menschen mit abweichendem Verhalten die freiheitlichen Grundrechte abzusprechen. Dies sei seiner Auffassung nach ebenso rassistisch wie die Unterdrückung und Vernichtung der Juden im Dritten Reich.

 

Pro Abschaffung:
[...] Ich widme meine Arbeit seit über einem halben Jahrhundert der Bekämpfung psychiatrischer Sklaverei, das heißt der Abschaffung der staatlich sanktionierten Gefangennahme von Menschen unter medizinischer Schutzherrschaft – eine Praxis, die in den letzten Jahrzehnten zu einer staatlich sanktionierten zwangsweisen Verabreichung von Drogen an unschuldige Menschen ausgewachsen ist. Im Kampf gegen den therapeutischen Staat hätte ich die Unterstützung von Juden, Katholiken und Moslems sehr begrüßt, auch wenn ich deren religiöse Prinzipien und Praktiken genauso ablehne wie die von Scientology.

 

... Ihre Frage führt zum Kern dessen, was es heißt, als erwachsene Person in einer freien Gesellschaft zu leben. Das bedeutet, innerhalb des gesetzlichen Rahmens uneingeschränkte Freiheit zu haben. Also, jemand, der nicht gegen das Gesetz verstößt – gleichgültig wer er ist oder wie er bezeichnet wird (Mann/Frau, Weiß/Schwarz, Staatsbürger/Ausländer, normal/geisteskrank) – hat ein Anrecht darauf, vom Staat unbehelligt zu bleiben. Mit demselben Recht ist diese Person verantwortlich für ihr Handeln – ob gut oder schlecht. So funktionieren Freiheit und Verantwortung. Nehmen Sie eins von beiden weg, nehmen Sie gleichzeitig das andere auch weg.

 

Um es auf einen Nenner zu bringen: NIEMAND DARF GEWALT AUSÜBEN – DAS GILT FÜR "PSYCHISCH KRANKE" UND PSYCHIATER GLEICHERMASSEN. [...]

 

Kontra Abschaffung:
[...] Er [Szasz] geht davon aus, dass jeder körperlich, geistig und finanziell in der Lage ist, sich selbst im Bedarfsfall jederzeit Hilfen zu organisieren, was voraussetzt, dass dieser Bedarf erkannt wird. Das ist bei den meisten psychischen Ausnahmesituationen häufig zunächst nicht der Fall.

 

Jemand, der beispielsweise in einem akuten psychotischen Schub steckt, befindet sich in einer vorübergehenden Ausnahmesituation, die sich seiner Kontrolle entzieht. Er ist dann für sein Handeln ebenso vorübergehend nicht oder nicht voll verantwortlich, begeht unter Umständen Taten, die er im ausgeglichenen "Normalzustand" zutiefst ablehnen würde. Szasz ignoriert diese Eigenschaft der Ausnahme. Für ihn sind alle Menschen jederzeit voll verantwortlich für ihr Tun und daher bei Verletzung der geltenden Gesetze und/oder Einschränkung der Freiheit anderer auch entsprechend zur Verantwortung zu ziehen und im Rahmen des Strafvollzugs zu bestrafen.

 

Psychische Erkrankungen gehen in den meisten Fällen auch mit einem sozialen und damit finanziellen Abstieg einher. Die Betroffenen sind schon allein deswegen auf ein soziales und menschliches Netz angewiesen, das sie vor Obdachlosigkeit und Verarmung bewahrt. Hinzu kommt: Jemand, der in einem Zustand des vorübergehenden Realitätsverlustes unter Umständen gewalttätig war, braucht im Anschluss daran Begleitung und Hilfe bei der Verarbeitung des "Schocks" über seine eigenen Handlungen. Würden diese Menschen nun im Zuge einer Krise pauschal dem Strafvollzug statt dem sozialpsychiatrischen Versorgungsnetz zugeführt, hätten sie praktisch keine Chance mehr, jemals wieder ein menschenwürdiges Maß an Lebensqualität zurückzuerlangen. [...]

(Interview, deutsche Übersetzung und Kommentar: Marianne Kestler, 11.04.2003)

Antipsychiatrie bei Häfner

Kurz und bündig hat den Sachverhalt Heinz Häfner auf den Punkt gebracht. Wir zitieren daher aus  Heinz Häfner (2000, S. 71-72)

«Antipsychiatrie»
[Seite 71:] Eine antipsychiatrische Bewegung der Nachkriegszeit, die von sozialwissenschaftlichen Theorien der sozialen Stigmatisierung der schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten ausging, kam zu der Überzeugung, die Schizophrenie sei ein Produkt sozialer Prozesse. Allein die soziale Ablehnung abweichenden Verhaltens einer Person, dessen Etikettierung als Krankheit, die nachfolgende gesellschaftliche Reaktion der Ablehnung und Ausgrenzung der so Etikettierten aus der Gesellschaft legen angeblich den Grund für die Krankheitskarriere. Die Internalisierung dieser Ablehnung und die Akzeptanz der Krankenrolle durch die Betroffenen selbst sollen das Verhalten schaffen, das der Erwartung der Gesellschaft an die Krankheitskarriere der Betroffenen entspricht. Mit diesem Prozeß der sozialen Etikettierung, der Ausgrenzung und mit der Verwaltung der Ausgegrenzten durch «Agenten» der Gesellschaft sollten die Berufe entstanden sein, die zur Diagnose (Etikettierung), zur Organisation der Ausgrenzung (psychiatrische Versorgung) und zur Kontrolle der Ausgegrenzten nötig sind (Szasz 1960, 1972, Scheff  1966, Foucault 1969). Der in dieser Tradition denkende amerikanische Psychoanalytiker Thomas Szasz (1960, 1972) erklärte konsequenterweise die Schizophrenie für einen Mythos und die Psychiatrie für eine überflüssige, durchwegs schädliche Disziplin. Nach seiner Überzeugung sind die Psychiater wesentlich an der Erzeugung und der Verwaltung der Krankheit im Auftrag der dominierenden Gesellschaftsordnung und im eigenen Interesse beteiligt.
    Positionen dieser Art sind naiv. Sowohl dieser sozialwissenschaftliche Reduktionismus als auch sein extremer Gegenspieler, der biologische Reduktionismus, verleugnen weite Bereiche menschlicher Wirklichkeit und medizinisch-biologischer oder sozialwissenschaftlicher Forschung. Beide Reduktionismen ignorieren die Tatsache, daß psychische Krankheit ein Sachverhalt ist, der sich auf mehreren Seinsebenen abspielt und sich deshalb auch nur durch ebenenübergreifende Erkenntnisse hinreichend verstehen läßt.
    [Seite 72:] Die antipsychiatrische Bewegung genoß lange breites Interesse bei mehr oder minder spekulativ begabten amerikanischen, englischen, italienischen, französischen und deutschen Intellektuellen und bei Politikern, die sich von  der Schließung aller psychiatrischen Einrichtungen eine Kostenreduktion  im Gesundheitswesen erhofften. Inzwischen ist die antipsychiatrische  Bewegung von den Realitäten der Krankheit und von der Not der Kranken eingeholt worden, letzlich wegen ihres Unvermögens, den Kranken und  ihren Angehörigen die notwendige Behandlung und Hilfe zu gewähren."  (aus: http://www.sgipt.org/medppp/antips1.htm#Payk,%20Theo%20R.%20(2000).%20Antipsychiater. Häfner, Heinz 20.05.1926 in München  Prof. Dr. med., Dr. phil., Dr. med. h.c., Dr. rer. soc. h.c.,

 

Dorothea Sophie Buck-Zerchin

Auf der Spur des Morgensterns

Am ersten Morgen der nächsten Woche – es war der 2. März 1936 – überfielen mich drei Sätze mit einer Wucht, die mich fast zu Boden drückte. Ich war in der Waschküche beim Vorbereiten der großen Wäsche und hatte mich gerade eben noch über die rosa Morgenwölkchen gefreut. Ich hörte keine Stimme; es war ein Wissen, das über mich kam wie die Eingebungen der vergangenen Woche, nur viel stärker und zwingender: ein ungeheuerlicher Krieg wird kommen; ich bin die „Braut Christi“; ich werde einmal etwas zu sagen haben und die Worte kommen ganz von selbst.
Ich war so erschrocken, dass ich laut aufheulte. Ganz erregt lief ich zu meinen Eltern und erzählte ihnen, was mir soeben zugestoßen war.
Wir saßen in Vaters Arbeitszimmer. Er suchte mich zu beruhigen: ein Krieg werde nicht kommen. Dann zog er die Konkordanz aus seinem Bücherschrank und erklärte mir, dass „Braut Christi“ ein Ausdruck für die „Gemeinschaft der Heiligen“ sei. Was aber den dritten Satz angehe, so hätten junge Mädchen noch nichts zu sagen. Ich stimmte ihm zu. Ich hätte auch gar nichts zu sagen gewusst, als dass der Krieg kommen werde. Aber „einmal“ hatte es geheißen, nicht jetzt ...

Als Kinder aßen wir für Bethel Schwarzbrot. Einen halben Pfennig bekamen wir für jede verzehrte Schnitte, weil sie gesünder als Graubrot sei. Den Erlös schickte mein Vater für meine jüngere Schwester und mich an Pastor Fritz von Bodelschwingh. In einem reizenden Brief dankte er uns fürs Schwarzbrotessen. Bethel wurde in unserem Elternhaus, einem Pfarrhaus, als Inbegriff der christlichen Nächstenliebe verehrt. Wir Kinder lasen den »Boten von Bethel« mit seinen anrührenden Geschichten über die kranken Kinder voller Anteilnahme. Sogar bei der Einweihung unseres von meinem Vater gezimmerten Kindergartenhauses wollte ich den »Boten von Bethel« vorlesen. Mein älterer Bruder protestierte. »Unfrommes Biest!« beschimpfte ich ihn.

Als ich mit gerade 19 Jahren selbst 11 Wochen Patientin der geschlossenen »Unruhigen Station« von »Haus Magdala« in Bethel war, einem »Haus für Nerven- und Gemütsleiden«, wie es damals hieß, erlebte ich Bethel ganz anders als wir es im »Boten von Bethel« gelesen hatten. Dieses Bethel löste so tiefe Ängste in mir aus, wie ich sie nie zuvor und seither erlebte. Am meisten ängstigte mich, dass niemand mit uns sprach. In meiner neunmonatigen Zeit in diesem Haus erlebte ich nicht ein einziges Gespräch der Ärzte und Hauspfarrer mit mir. Der Chefarzt kam jeden Morgen mit den Assistenzärzten und der Hausmutter. Er gab uns die Hand und sagte »Guten Morgen«, aber er sprach nicht mit uns. Als Schüler von Emil Kraepelin beobachtete er nur unsere Symptome. Auch miteinander sollten wir Patientinnen dieser Station nicht sprechen. Unsere beiden Hauspfarrer sprachen ebenfalls nicht mit uns. Sie gingen von Bett zu Bett, ergriffen die Hand der darin liegenden Patientin und sprachen einen Bibelvers, ohne ein persönliches Wort an uns zu richten. Tiefer kann ein Mensch nicht entwertet werden, als ihn keines Gespräches für wert oder fähig zu halten.

An der hellgrünen Wand mir gegenüber stand in großer Schrift das Jesuswort »Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!« Erquicken nicht mit einem freundlichen Wort, um unsere Angst vor der ungewohnten Einsperrung zu nehmen, oder durch ein Aufnahmegespräch, das es hier nicht gab. Erquicken nicht mit einer Beschäftigung, sondern »erquicken« mit den hier üblichen Kaltwasserkopfgüssen; Dauerbädern, in denen ich unter einer über die Wanne gespannten Segeltuchplane 23 Stunden von einer Visite zur nächsten lag. Mein Hals war in einem steifen Stehkragen eingeschlossen. »Erquicken« mit der gefürchteten »nassen Packung«, in kalte, nasse Tücher so fest eingebunden, dass man sich nicht mehr bewegen konnte. Die Tücher wurden durch die Körperwärme erst warm, dann heiß. Ich schrie vor Empörung über diese unsinnige Fesselung in den heißen Tüchern. Dass Bethel das Vernünfige und Natürliche wie Gespräche und Beschäftigung durch diese quälenden Beruhigungsmaßnahmen mit ausschließlichem Strafcharakter ersetzte und das unter dem Jesuswort, fand ich so unheimlich, dass ich allen Ernstes glaubte, hier dem Teufel, den Jesus als den »Vater der Lüge« bezeichnet hatte, ausgeliefert zu sein.

Als ich die Stationsschwester nach den Narben meiner jungen Mitpatientinnen in der Mitte über der Scheide befragte, erklärte sie mir diese als »Blinddarmnarben«. Hatte man uns auch darin zu Hause belogen, dass der Blinddarm seitlich säße? Bethel als »Stadt der Barmherzigkeit«, als »Gottes Stadt«, konnte hier nur eine Lüge sein. Ich sang gegen meine tiefen Ängste an »Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen...«

Dieses Verschweigen nicht nur der Sterilisationsnarben, sondern auch, dass die Operation, der ich unterzogen wurde, eine Sterilisation sein, war hier offenbar üblich, obwohl das Erbgesundheitsgesetz vorschrieb, dass die Sterilisandin von den Ärzten aufgeklärt werden müsste. Meine Mutter war bei ihrem Besuch in »Haus Magdala« vor die Wahl gestellt worden, entweder meiner Sterilisation zuzustimmen oder mich bis zu meinem 45. Lebensjahr in der Anstalt zu lassen. Mit 19 Jahren war man damals noch nicht mündig.– »Das ist ja noch viel schlimmer!« Erschrocken stimmte sie zu. Das erzählte sie mir viele Jahre später.

Am Ende seines Lebens setzte Jesus die Solidarität mit den geringst Geachteten zum einzigen Maßstab für die Annahme des Menschen: »Was Ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan.« Seine Identifikation gerade mit ihnen beinhaltet auch, dass Gottes Geist nicht nur in alten Zeiten in den biblischen Gestalten wirkte. Auch sie waren auffällig geworden. Sie hörten Stimmen, erlebten Visionen, fühlten sich vom Geist getrieben. Wer als heutiger Mensch solche überwältigenden Erfahrungen macht, die der heutigen NORM erst recht nicht entsprechen, braucht das Verständnis der Theologen. Wenn Bethels Kirchliche Hochschule sie dazu befähigen könnte, wären die Leiden der in Bethel Zwangssterilisierten nicht ohne eine positive Wirkung, nicht ohne einen Sinn geblieben.


 H O M E 

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