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Fischöl bringt bei Multipler Sklerose nichtsBERGEN (eb). Viele Patienten mit Multipler Sklerose nehmen Omega-3-Fettsäuren ein, denn theoretisch hemmen diese essenziellen Substanzen Entzündungen und schützen Nervenzellen. Praktisch jedoch wurde diese Hoffnung enttäuscht. Forscher aus Bergen verordneten 92 MS-Patienten je zur Hälfte entweder täglich 1350 mg Eicosapentaensäure plus 850 mg Docosahexaensäure oder Placebo, nach einem halben Jahr allen Teilnehmern zusätzlich für 18 Monate Interferon β-1a. Anschließend ergaben sich weder bei der Zahl der Schübe noch der Läsionen im MRT Vorteile für die Supplementation (Arch Neurol 2012; online 16. April).
Kaffee und Alkohol verzögern Behinderung bei MS
12.04.2012
Melsbroek (sr) - Forscher vom nationalen MS Zentrum in Belgien um Prof. Marie B. D’hooge haben nun herausgefunden, dass bestimmte Lebensstilfaktoren einen Einfluss auf die Krankheitsaktivität bei MS haben können. Auf Basis der Daten von 1372 MS-Patienten aus dem flämischen MS Register untersuchten D’hooge und Kollegen den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Alkohol oder Kaffee, dem Verzehr von Fisch und dem Rauchen von Zigaretten einerseits und dem Fortschreiten der durch die Erkrankung hervorgerufene Behinderung. Untersucht wurde der Zeitraum bis zum Erreichen eines Wertes von 6 auf der erweiterten Behinderungs-Skala EDSS. Dabei zeigte sich, dass der Konsum von Alkohol und Kaffee sowie der Verzehr von Fisch das Risiko eines Fortschreitens der Behinderung verringerte, während das Rauchen von Zigaretten mit einem erhöhten Risiko für das Erreichen eines Wertes von 6 auf der erweiterten Behinderungsskala einherging. Allerdings fanden sich diese Zusammenhänge nur bei Patienten mit schubförmiger, nicht jedoch bei solchen mit primär fortschreitender MS. „Unsere Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass der Behinderungsprogression bei schubförmiger bzw. primär progredienter MS unterschiedliche Mechanismen zugrunde liegen“, so die Schlussfolgerung von Prof. D’hooghe aus ihren Ergebnissen.
Quelle: M. B. D’hooghe et al. Eur J Neurol, Article first published online: 25 Nov 2011, DOI: 10.1111/j.1468-1331.2011.03596.x Neue Therapieoptionen bei Multipler SkleroseIn den letzten Jahren gab es viele Fortschritte, was die Therapie der Erkrankung betrifft. Sie waren zwei Themen, denen sich praktizierende und forschende Neurologen auf dem gemeinsamen Kongress von ECTRIMS (European Committee for Treatment and Research in MS) und ACTRIMS (Americas Committee for Treatment and Research in MS) gewidmet haben. Die Basistherapie der MS stellt die Immunprophylaxe dar, bei der das Immunsystem medikamentös so beeinflusst wird, dass sich die Ausschüttung entzündungsfördernder Botenstoffe reduziert. Entzündungsreaktionen, wie sie für die MS typisch sind, werden dadurch verlangsamt, sodass sich Schwere und Häufigkeit der Schübe reduzieren. Die Behandlung mit Interferon-beta oder Glatirameracetat ist dabei die Standardtherapie. Beide Substanzen können die Schubrate bei der relapsierend-remittierenden Form der Krankheit reduzieren. Diese Medikamente müssen regelmäßig gespritzt werden. Experten hoffen auf weniger belastende Medikamente, die in Tablettenform eingenommen werden könnten. Fingolimod ist das erste orale verlaufsmodifizierende MS-Therapeutikum, das in Deutschland eingesetzt wird. Es eignet sich für schwere Verläufe und ist zzt. nur für die Eskalationstherapie der hochaktiven schubförmigen MS zugelassen, wenn eine Basistherapie nicht anspricht. Ende letzten Jahres durchlief der Wirkstoff Teriflunomid erfolgreich die Phase-III-Studien, bei welcher der orale Wirkstoff bei schubförmiger Multipler Sklerose eine ähnliche Wirksamkeit zeigte wie zu injizierende Basistherapeutika. Der Wirkstoff Fumarsäure kann offenbar die Schubrate bei der Multiplen Sklerose annähernd halbieren und auch die MS-typischen Schädigungen des Gehirns deutlich reduzieren, so das Ergebnis einer Studie, die auf dem Fachkongress ECTRIMS in Amsterdam vorgestellt wurde. „Insbesondere die Kombination aus hoher Wirksamkeit und Sicherheit machen das Medikament zu einer interessanten Behandlungsoption“, kommentierte Studienleiter Prof. Ralf Gold, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Die Experten hoffen, dass Fumarsäure, die seit mehreren Jahren in einigen europäischen Ländern zur Behandlung der Schuppenflechte (Psoriasis) eingesetzt wird, bald zur Behandlung der MS zugelassen wird. Dafür sprächen laut Prof. Gold die Daten zur Verträglichkeit und Sicherheit, die jetzt mit der DEFINE-Studie (Determination of the Efficacy and safety of oral Fumarate IN rElapsing-remitting MS) vorgestellt werden konnten. An der Studie hatten 1.234 Patienten mit schubförmiger MS und leichten bis mittelschweren Behinderungen teilgenommen, wobei das Fumarsäurepräpart gegen Placebo getestet wurde. Nach zwei Jahren hatten Patienten, die Fumarsäure zweimal täglich einnahmen, 49 % weniger Schübe erlitten, und bei dreimaliger Einnahme der Arznei 50 % weniger Schübe als mit dem Scheinmedikament. Die Auswertung zeigte einen Unterschied beim Anteil der Patienten, bei denen ein Schub beobachtet worden war: Unter Fumarsäure waren es 9 % gewesen, mit dem Scheinmedikament 15 %. Etwa 95 % der Teilnehmer hatten Nebenwirkungen bemerkt, diese waren mit der Studienarznei ähnlich häufig wie bei dem Scheinmedikament aufgetreten. Nebenwirkungen wie Hautrötungen, Durchfall, Übelkeit und Magenschmerzen waren mit Fumarsäure häufiger aufgetreten als unter Placebo. Diese Beschwerden waren vorwiegend in den ersten 30 Behandlungstagen aufgetreten und dann zurückgegangen. Der Wirkmechanismus der Arznei ist noch nicht vollständig aufgeklärt, jedoch scheint es nicht nur eine dämpfende Wirkung auf die überschießende Immunreaktion bei MS zu haben, sondern auch Nervenzellen zu schützen. Die Forscher hoffen darauf, mit Fumarsäure ein weiteres orales Therapeutikum in Zukunft anbieten zu können. Zu den Peroralia (Medikamente können geschluckt werden) gehört auch der Immunmodulator Laquinimod, der in zwei Studien zur Therapie der schubförmigen MS untersucht wurde. Laquinimod wirkt nicht immunsuppressiv, beeinflusst die Immunantwort jedoch positiv. Bei der ersten Zulassungsstudie vor einem Jahr konnte der Substanz eine Reduktion der jährlichen Schubrate um 23 % bescheinigt werden, wobei die Behinderungszunahme um 36 % verringert werden konnte. Die Nebenwirkungen waren vergleichsweise gering. Ziel der zweiten Studie, die auf dem Kongress vorgestellt wurde, war es, die Schubrate im Vergleich zu einem Scheinmedikament zu reduzieren, eine dritte Patientengruppe wurde mit Interferon-beta 1a behandelt. Ohne statistische Anpassungen war der Vergleich zwischen Laquinimod und dem Scheinmedikament bezüglich der Schubrate nicht signifikant. Diese Anpassungen bezogen sich auf Unterschiede in den MRT-Charakteristika der verschiedenen Behandlungsgruppen zu Beginn der Studie. Wurden sie in die Auswertung miteinbezogen, reduzierte Laquinimod die jährliche Schubrate um 21 %, das Progressionsrisiko um 33,5 % und die Rate des Hirnmassenverlustes um 27,4 % im Vergleich zu Placebo. Unabhängig davon lassen die Studienergebnisse auf einen neuroprotektiven Effekt von Laquinimod schließen, eine Spur, die in Zukunft weiterverfolgt wird. Für Multiple-Sklerose-Patienten, die trotz Basistherapie weiterhin Schübe erleiden, steht der Wirkstoff Natalizumab zur Verfügung. Dieser gehört zu den sog. monoklonalen Antikörpern und bindet Immunzellen, um sie so am Passieren der Blut-Hirn-Schranke zu hindern. Unter Natalizumab-Therapie kann es als Nebenwirkung zu einer Virusinfektion des Gehirns kommen, der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML). Hier wird in der Forschung daran gearbeitet, zu einer zuverlässigen Risikoeinschätzung zu kommen und die Überwachung der Patienten während der Therapie zu optimieren. Mithilfe durchflusszytometrisch gestützter Untersuchungen des Immunsystems sowie funktioneller Experimente, die die unterschiedlichen Wege der Einwanderung von T-Zellen ins Zentralnervensystem abbilden, wurden die Wirkmechanismen von Natalizumab detailliert untersucht. Daraus konnte ein besseres Verständnis für die Wechselwirkungen zwischen Natalizumab und dem Immunsystem entwickelt werden, das zur individuellen Risikoeinschätzung jedes Einzelnen für die Nebenwirkungen von Natalizumab beiträgt. Bei der Therapie der MS geht es auch um die Wiederherstellen von Funktionen, die durch die Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen wurden. Dabei spielen Rehabilitationsansätze eine Rolle, die auch Faktoren wie Schmerzen, kognitive Probleme, Fatigue und Tremor berücksichtigen. Im Herbst 2011 wurde eine bedingte – also jährlich zu erneuernde – Marktzulassung für ein orales Medikament mit dem Wirkstoff Fampridin erteilt. Das Präparat verbessert die Gehfähigkeit bei erwachsenen Multiple-Sklerose-Patienten, bei denen eine Gehbehinderung gemäß eines Scores 4-7 auf der EDSS-Behinderungsskala vorliegt. Außerdem wurde Botulinomtoxin Typ A für die Behandlung MS-bedingter neurogener Detrusorhyperaktivität bei neurogener Blase zugelassen. Quelle: BMS 1/12 09.04.12
Fast neun von zehn Menschen mit MS sind von Fatigue betroffen
MS kann eine sehr kräftezehrende Krankheit sein, darüber gibt es keinen Zweifel. Die meisten Menschen mit MS erfahren daher auch diese abnorme Ermüdbarkeit, die Fatigue (sprich: Fattieg) genannt wird. Dennoch ist die Fatigue eines der am wenigsten verstandenen Symptome der MS, insbesondere die von ihr Betroffenen haben es teilweise sehr schwer, damit zurecht zu kommen. Und noch weniger wird die Fatigue von einem großen Teil des Umfeldes der Erkrankten verstanden, was es den Betroffenen zusätzlich erschwert, trotzdem ein möglichst angenehmes Leben zu führen.
Die internationale Multiple Sklerose Vereinigung MSIF (Multiple Sclerosis International Foundation) hat daher im letzten Jahr eine weltweite online-Befragung durchgeführt. Insgesamt 10.090 Personen aus 101 Ländern hatten teilgenommen und von ihren persönlichen Erfahrungen berichtet.
Verbesserte Mobilität bei Multipler Sklerose mit Fampridin
Ärzte ZeitungDienstag, 13. Dezember 2011
Multiple Sklerose: Todesfall unter Gilenya
Basel – Unter der Behandlung mit Gilenya (Wirkstoff: Fingolimod), dem ersten oralen Medikament zur Behandlung der multiplen Sklerose, ist es offenbar zu einem plötzlichen Todesfall gekommen. Dies berichtet die Wirtschaftspresse unter Bezugnahme auf eine Email des Herstellers.
Laut Novartis wurde der Fall an die US-amerikanische und die europäische Arzneibehörde übermittelt. Gilenya wurde im Juli 2010 in den USA zugelassen und im März 2011 in Europa eingeführt. Seither sollen 28.000 Patienten mit dem Medikament behandelt worden sein, dem nicht nur Wirtschaftskreise aufgrund der oralen Verfügbarkeit einen breiten Einsatz vorhersagen. , 06.11.2011 16:35
Gehirn-Stent bringt bei MS nichts
Verursacht eine venöse Störung Multiple Sklerose? Manche Patienten glauben daran - und lassen sich die hirnnahen Venen erweitern. Über ein Dutzend aktueller Studien zeigten beim MS-Kongress ECTRIMS: An der Theorie ist wohl nichts dran, die Gefäßerweiterung ist sogar gefährlich.
Von Thomas Müller
Für viele MS-Patienten hat die Vorstellung ihren Reiz, dass eine venöse Insuffizienz ihre MS-Erkrankung verursacht hat. Denn bislang weiß man so gut wie nichts darüber, weshalb bestimmte Menschen an einer MS erkranken, andere aber nicht.
Noch besser - nach dieser neuen Theorie gibt es eine simple Therapie: Einfach einen Stent in die verengten Venen setzen und schon fließt das Blut wieder ungehindert aus dem Gehirn und stoppt damit - hoffentlich - die Progression der MS.
Kein Wunder also, dass sich auch in Deutschland MS-Patienten für viel Geld solche Stents in die Jugularvenen implantieren lassen, seit der italienische Gefäßchirurg Dr. Paolo Zamboni vor zwei Jahren mit seiner ungewöhnlichen Theorie für Furore sorgte.
EIne CCSVI mit speziellem Ultraschall diagnostizierbar?
Der Arzt behauptet, dass er mit einer speziellen Ultraschalltechnik praktisch bei allen MS-Patienten eine "chronische zerebrospinale venöse Insuffizienz" (CCSVI) diagnostizieren kann. Darunter versteht er primär einen Reflux mit Stenosen in den Jugular- und Vertebralvenen sowie im intrakraniellen Venensystem.
Die Befürworter der CCSVI-Theorie vermuten, dass bei MS-Patienten solche Stenosen zu einer venösen Abflussstörung führen, die wiederum die Perfusion des Hirnparenchyms mindert.
Auch scheint die venöse Abflussstörung mit einem Reflux in den zerebralen Venen einherzugehen.
Eisenablagerungen im Gehirn setzt Nervenzellen zu
Dies soll wiederum erhöhte Eisenablagerungen im Gehirn zur Folge haben, was den Nervenzellen zusetzt. Unterstützung erhalten die Befürworter durch MRT-Studien, in denen bei MS-Patienten ein reduziertes Venenvolumen im Gehirn entdeckt wurde.
Auch gibt es aus solchen Studien Hinweise auf Perfusionsstörungen im Gehirn bei MS-Patienten.
Kein Zusammenhang von venösem Reflux und MS
Allerdings hat die Theorie einen Haken: Außer Zamboni konnte noch niemand einen klaren Zusammenhang zwischen einer venösen Störung und einer MS nachweisen.
Auf dem großen europäischen MS-Kongress ECTRIMS hagelte es dagegen Studien, die praktisch alle zum gleichen Schluss kommen: An einer venösen Theorie der MS ist wohl nichts dran.
Italienische Studie mit 320 Teilnehmern
So hat ein italienisches Team um Dr. Claudio Baracchini von der Universität in Padua mit transkranieller Farbdoppler-Sonografie 160 Patienten mit unterschiedlichen MS-Formen und -Stadien sowie 160 Gesunde untersucht.
Sie fanden eine venöse Insuffizienz nach den Kriterien von Zamboni jedoch nur bei 16 der MS-Patienten, von diesen ließ sich per Venografie eine Stenose nur bei zwei bestätigen.
CCSVI weder Ursache noch Folge von MS
"Eine CCSVI ist definitiv weder die Ursache einer MS noch eine Folge der Erkrankung", schreiben die Autoren in ihrem Kongressposter. Bei den untersuchten Patienten war der Ultraschallbefund auch nicht mit vermehrten Behinderungen assoziiert.
Folglich gebe es keinen Grund für einen chirurgischen Eingriff. Baracchini warnt eindringlich davor, zu viel in Ultraschalldaten zu interpretieren. Stenosen ließen sich letztlich nur angiografisch zuverlässig nachweisen.
Viele Studien finden keine signifikanten Unterschiede
Eine weitere Studie fand Zeichen einer CCSVI bei der Hälfte von 133 untersuchten MS-Patienten, aber auch bei einem Drittel von 45 gesunden Probanden. Dabei gab es ebenfalls keine Unterschiede zwischen MS-Patienten mit und ohne CCSVI, weder bei der Krankheitsdauer noch dem Grad der Behinderungen noch bei den MS-Formen.
Andere Studien fanden erst gar keine signifikanten Unterschiede zwischen MS-Kranken und Gesunden. Selbst Post-mortem-Analysen von MS-Patienten und Gesunden führten letztlich nur zu der Erkenntnis, dass das venöse System im Gehirn wohl komplizierter ist als gedacht: Es fällt den Ärzten schwer, so etwas wie ein normales Gefäßlumen und eine normale Wanddicke zu definieren.
"Die Medizin weiß einfach noch nicht, was im kranialen venösen System normal ist" sagte einer der Studienautoren, Dr. Alexander Rae-Grant aus Cleveland, USA, dem Online-PortalMedPage Today.
Zweifel bei deutschen Forschern
Auch deutsche Forscher um den Neurologen Dr. Christian Haug ziehen die Theorie in Zweifel: Mit einer speziellen Methode, der Ophthalmodynamometrie, fanden sie keine Unterschiede im intrakraniellen Venendruck bei MS-Patienten und Gesunden, und dies spricht klar gegen eine venöse Abflussstörung.
Zuvor hatten die Forscher schon normale Ferritinwerte im Liquor von MS-Patienten nachgewiesen, was wiederum gegen vermehrte Eisenablagerungen spricht, wie sie als Folge der CCSVI postuliert werden.
Kontrollierte Studie zur Venoplastie geplant
Trotz all dieser negativen Ergebnisse könnte es bald eine kontrollierte Studie zur Venoplastie bei CCSVI geben. Laut MedPage Today hat die kanadische Regierung angedeutet, sie werde eine solche Studie unterstützen.
Patientenverbände hatten in Kanada, wo die CCSVI-Theorie sehr populär geworden ist, offenbar mächtig Druck gemacht.
Deutsche Gesellschaft für Neurologie warnt vor dem Eingriff
Dagegen warnt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie eindringlich vor einem chirurgischen Eingriff, da offenbar schon Patienten daran gestorben sind. Ein Beispiel für schwere Komplikationen durch eine venöse Gefäßerweiterung präsentieren Ärzte aus Barcelona: Nach Ballondilatation beider Jugularvenen kam es drei Tage später zu Embolien.
Der MS-Patient überlebte zwar - allerdings mit einem schweren Gehirnschaden.
So schützt Vitamin D vor MS
19.10.2011
NEW JERSEY (Biermann) - Seit langem ist bekannt, dass hohe Vitamin-D-Spiegel das Risiko für Multiple Sklerose senken. Unklar war bislang der Mechanismus, der sich hinter diesem Zusammenhang verbirgt. Nun haben Wissenschaftler herausgefunden, dass das Vitamin die Produktion eines krankheitsverursachenden Eiweißes beeinflusst. Wie Sylvia Christakos von der New Jersey Medical School und Kollegen in der Zeitschrift „Molecular and Cellular Biology“ berichten, produzieren Immunzellen im Gehirn von MS-Patienten ein schädliches Protein, das so genannte Interleukin-17 (IL-17). Die Forscher entdeckten nun, dass die Bindung des Vitamins an seinen Rezeptor dazu führt, dass sich dieser an den Abschnitt des Erbguts heftet, der die Information für das Interleukin-17 umfasst. Blockiert der Vitamin-D-Rezeptor die betreffende Stelle auf dem Erbgut, bleibt das Gen abgeschaltet und die Produktion von IL-17 nimmt stark ab. Gleichzeitig aktiviert der Vitamin-D-Rezeptor ein anderes Gen, dessen Endprodukt wiederum suppressive T-Zellen erzeugt. Diese kämpfen gegen die zerstörerische Aktivität ihrer IL-17-produzierenden Gegenstücke. Den Angaben der Wissenschaftler zufolge könnte diese Entdeckung neue Möglichkeiten für eine medikamentöse Behandlung der MS, aber auch für Therapien anderer Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Typ-1-Diabetes eröffnen.
Quelle: University of Medicine and Dentistry of New Jersey (UMDNJ), 17. August 2011, Mol Cell Biol. 2011, 31(17): 3653-69
Migräne erhöht das MS-Risiko leicht
17.10.2011
NEW YORK (Biermann) - Frauen, die unter Migräne leiden, haben - rein statistisch betrachtet - ein erhöhtes Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken. Dies ergab eine groß angelegte Studie mit mehr als 100.000 Teilnehmerinnen in den USA. So hatten Ilya Kister von der Universität New York und Kollegen herausgefunden, dass Migräne bei den Studienteilnehmerinnen, die bereits vor der Studie (26 %) oder im Lauf derselben (29 %) an MS erkrankten, öfter auftrat als bei Frauen ohne MS (21 %). Entsprechend errechneten die Forscher, dass Migränepatienten ein 1,4-fach höheres relatives Risiko haben, an MS zu erkranken, als Menschen ohne Migräne. Das absolute Risiko, innerhalb von 15 Jahren an Multipler Sklerose zu erkranken, bezifferten die Forscher für Migränepatienten mit 0,47 Prozent und für Menschen ohne Migräne mit 0,32 Prozent. „Wertet man die Daten einer so großen Gruppe von Frauen aus, erhöht das Vorliegen einer Migräne das relative Risiko für eine Multiple Sklerose. Trotzdem ist der Unterschied im absoluten Risiko, an MS zu erkranken, zwischen Migränepatienten und Nicht-Migränepatienten nur gering“, schränken die Forscher ein.
Quelle: Multiple Sclerosis, 3. August 2011, doi: 10.1177/1352458511416487
Ärzte Zeitung, 20.10.2011Neue Therapien bei Psoriasis und MS in Sicht NEU-ISENBURG (eb). Forscher am Universitätsklinikum Tübingen haben in den vergangenen zehn Jahren den Wirkmechanismus eines körpereigenen Moleküls aufgeklärt, das die Immunabwehr seitens der Dendritischen Zellen maßgeblich beeinflusst. "Wir gehen davon aus, dass dies die Basis für die Entwicklung neuer, aller Wahrscheinlichkeit nach sehr sicherer Medikamente für Menschen mit schweren Autoimmunkrankheiten wie Psoriasis oder Multiple Sklerose ist", wird Professor Martin Röcken, Ärztlicher Direktor der Universitätshautklinik, in einer Mitteilung der Universitätsklinik zitiert. Erste Medikamente dazu sollen noch dieses Jahr auf den Markt kommen. DMF beeinflusst Dendritische ZellenDie Tübinger Forscher untersuchten den Wirkmechanismus des kleinen, körpereigenen Moleküls namens Di-Methyl-Fumarat (DMF), da DMF das erste Molekül ist, das sowohl die Psoriasis als auch die Multiple Sklerose bessert. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass dieses körpereigene Molekül ganz entscheidend die Wirkweise der wichtigsten Immunstimulatoren, der Dendritischen Zellen, beeinflusst (J Exp Med 2011; online). Sie werden zu Dendritischen Zellen umerzogen, die vor einer Gewebezerstörung schützen können, die "Typ 2 Dendritischen Zellen". In einer Serie komplexer Experimente deckten die Wissenschaftler die Mechanismen auf, die für diese "Umerziehung" verantwortlich sind. NEUE MEDIKAMENTE / NEUE ANSÄTZE
Mehr Lebensqualität: Fampridin kann die Gehfähigkeit MS-Erkrankter verbessernGehbehinderungen gehören für Menschen mit Multipler Sklerose zu den schwerwiegendsten Einschränkungen mit einschneidender Wirkung auf das Privat- und Berufsleben: Mit Fampridin (Handelsname Fampyra®) ist ab sofort die erste zugelassene medikamentöse Therapie zur Verbesserung der Mobilität erhältlich.
Die neue Therapie mit Fampridin steht als Tablette zur Verfügung und ist bei allen Verlaufsformen der Multiplen Sklerose - schubförmig und progredient - wirksam. Das Medikament kann mit allen bestehenden Basistherapien kombiniert oder als Monotherapie eingenommen werden. Laut Pressemitteilung der Herstellerfirma kann Fampridin die Gehfähigkeit um rund 25 % verbessern. Für MS-Erkrankte könnte dies einen erheblichen Fortschritt in Richtung mehr Lebensqualität bedeuten.
08.09.2011 DMSGVom Rauschmittel zum Medikament
Arzneimittel mit dem Cannabis-Wirkstoff dürfen jetzt zugelassen werdenAb sofort können in Deutschland Medikamente auf Cannabis-Basis – sofern sie eine Zulassung erhalten – nicht nur verschrieben werden, sondern die Krankenkassen erstatten in der Regel auch die Kosten. Zwar konnten Ärzte THC, den Wirkstoff der als Rauschmittel bekannten Hanf-Pflanze, seit 1998 individuell verschreiben, Kassen mussten es aber nicht erstatten. Als erstes Mittel ist ein Spray für Multiple-Sklerose-Patienten bereits zugelassen. Es soll ihre spastischen Schmerzen lindern, berichtet die “Apotheken Umschau”. Der Cannabis-Wirkstoff wurde von Kritikern wegen seines Suchtpotentials lange abgelehnt. Befürworter halten ihn aber für vergleichbar mit anderen Schmerzmitteln. Eine gute Wirksamkeit wird THC außer bei MS auch gegen akute und chronische Schmerzen, zum Beispiel bei Krebs zugeschrieben. Bei AIDS-Patienten regt es den Appetit an und verhindert drastische Gewichtsabnahmen. Befürworter bewerten den aktuellen Prozess nur als kleinen Schritt in die richtige Richtung. Sie befürchten, dass die anderen Patienten, die von Cannabis profitieren könnten, noch lange auf entsprechende Medikamente warten müssen. Quelle: Apotheken Umschau 31.07.11
NEUE MEDIKAMENTE / NEUE ANSÄTZE
Hoffnung auf Verbesserung der Gehfähigkeit bei Multipler Sklerose: bedingte Marktzulassung für Fampridin in der Europäischen UnionDie Europäische Kommission hat eine bedingte Marktzulassung erteilt für Fampridin (Retard-Tabletten) zur Therapie eingeschränkter Gehfähigkeit von erwachsenen Multiple-Sklerose-Patienten.
Fampridin (Handelsname FAMPYRA®) ist das erste Behandlungsmittel mit nachgewiesener Wirksamkeit bei allen Formen von MS und soll eine medizinische Versorgungslücke ansprechen. Das orale Medikament verspricht klinisch signifikante Gehverbesserungen für MS-Erkrankte, bei denen ein EDSS von 4-7 vorliegt, wie die Herstellerfirma mitteilt. Der Wirkstoff kann allein oder in Verbindung mit krankheitsverändernden Therapien angewendet werden - sowohl bei progredienten als auch bei schubförmigen (rezidivierend-remittierenden) Verläufen der MS. Auch die Kombination mit anderen (immunmodulierenden) Mitteln ist grundsätzlich möglich. Allerdings sollte der behandelnde Neurologe auf eventuelle Wechselwirkungen mit anderen Mitteln achten.
Fampridin fördert die neurologische Funktion, indem es die Leitung von Impulsen über demyelinisierte Neuronen verbessert. In klinischen Studien nahm die Gehgeschwindigkeit von Patienten, die auf Fampridin ansprachen, im Durchschnitt um 25 Prozent zu und es wurde nachgewiesen, dass der Wirkstoff das Gehvermögen signifikant steigert.
Multiple Sklerose: Antikörpertest ergänzt Vorsichtsmaßnahmen bei Therapie mit NatalizumabDie Europäische Arzneimittelagentur EMA hat die Zulassung für den Wirkstoff Natalizumab zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose verlängert. Die Anwendung ist künftig aber an die Durchführung eines Antikörpertests auf das JC-Virus gebunden.
Das 2006 eingeführte Natalizumab (Handelsname Tysabri®) gehört zu den stärksten Wirkstoffen bei der Multiplen Sklerose. Als selektiver Hemmstoff für Adhäsionsmoleküle verhindert Natalizumab, dass Abwehrzellen an der Gefäßwand binden und die Bluthirnschranke überwinden. Die Lymphozyten können dann nicht ins Parenchym gelangen und dort nicht mehr dieMyelinscheiden der Nerven angreifen, deren Zerstörung die Ursache der neurologischen Ausfälle bei der Autoimmunerkrankung ist.
22.06.2011
Freie Fahrt für MS-Erkrankte mit schweren BehinderungenAb dem 1. September 2011 können Schwerbehinderte kostenlos in allen Nahverkehrszügen der Deutschen Bahn reisen. Dazu benötigen sie den grün-roten Schwerbehindertenausweis sowie ein Beiblatt des Versorgungsamtes mit einer gültigen Wertmarke, ließ die Bahn am Dienstag in Berlin verlauten.
Gute Nachrichten nicht nur für schwerbehinderte Menschen mit Multipler Sklerose: Bisher war die freie Fahrt lediglich in einem Radius von 50 Kilometer rund um den Wohnort gestattet. Ab September reichen der grün-rote Schwerbehindertenausweis und das Beiblatt mit einer gültigen Wertmarke, um mit den Zügen der Regionalbahn (RB), Regionalexpress (RE), Interregio-Express (IRE) und S-Bahn kostenlos in der zweiten Klasse zu fahren.
ENTSTEHUNG / PATHOGENESE DER MS
Stress spielt keine Schlüsselrolle als Auslöser von Multipler SkleroseEntgegen früherer Vermutungen scheint Stress keinen Einfluss auf das Risiko zu haben, an Multipler Sklerose zu erkranken. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher aus Norwegen und den USA, nachdem sie Daten von mehr als 200.000 Krankenschwestern analysierten.
Ob Stress am Arbeitsplatz, der Tod eines nahen Angehörigen oder Beziehungsprobleme Menschen häufiger an MS erkranken lassen, wird schon länger kontrovers diskutiert. Zwar war bekannt, dass Stress das Risiko für remittierende MS-Episoden steigert. Doch ob solche Ereignisse die Erkrankung selbst auslösen können, stellten die Forscher der norwegischen Universität Bergen in einer neuen Studie infrage.
Studie mit Grüntee-Extrakt bei progredienter Multipler SkleroseDie AG Klinische Neuroimmunologie am NeuroCure Clinical Research Center der Charité Universitätsmedizin Berlin sucht Teilnehmer für eine Studie zur Wirkung von Grüntee-Extrakt-Kapseln bei primär oder sekundär progredienter MS.
Die AG Klinische Neuroimmunologie am NeuroCure Clinical Research Center der Charité Universitätsmedizin Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. med. Friedemann Paul erforscht schwerpunktmäßig entzündliche und autoimmune Erkrankung des Nervensystems. Die AG führt dazu zahlreiche klinische Studien und Untersuchungsmethoden durch, in denen neue Therapien geprüft werden, vor allem zur Multiplen Sklerose.
Forschende Pharma-Unternehmen verbessern die Perspektive für Patienten mit Multipler Sklerose
Stellungnahmen der Vorstände des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. und des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose zur Zulassung von Sativex® und zur positiven Bewertung von FampridinAm 18. bzw. 19. Mai 2011 wurden zwei vielversprechende Substanzen zur symptomatischen Therapie der Multiplen Sklerose (MS) zugelassen bzw. positiv bewertet. Aus diesem Grund geben der Vorstand des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. (DMSG) und der Vorstand des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS) folgende Stellungnahmen ab.
Sativex zur Therapie der mittelschweren bis schweren Spastik
Fampridin (Fampyra®) zur Therapie eingeschränkter Gehfähigkeit Der Kaliumkanalblocker 4-Aminopyridin ist eine seit über drei Jahrzehnten bekannte Substanz, die die axonale Erregungsleitung und somit die muskuläre Kraft bei demyelinisierenden Erkrankungen verbessern kann[1]. Bisher war diese Substanz lediglich als Rezeptur erhältlich, wobei hierfür keine zuverlässigen Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten vorliegen. Für orales 4-Aminopyridin in retardierter Form (Fampridin) konnte in zwei unlängst durchgeführten randomisierten, plazebokontrollierten, multizentrischen Phase-III-Studien bei Patienten mit MS gezeigt werden, dass es bei einer Subgruppe von Patienten zu einer Verbesserung der Gehbeeinträchtigung kommt [2,3]. In diesen beiden Studien sprachen ein Drittel der behandelten Patienten auf die Therapie mit Fampridin an (Responder), der primäre Studienendpunkt war eine relevante Verbesserung der Gehgeschwindigkeit, die unter Fampridin bei 33% zunahm, unter Plazebo waren es 14% der Patienten. Aus den Studiendaten konnten keine prädisponierenden Faktoren für ein Ansprechen auf eine Therapie mit 4-Aminopyridin ermittelt werden. Die Gruppe der mit Fampridin behandelten Responder unterschied sich vor Therapiebeginn weder hinsichtlich Alter, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit noch hinsichtlich der Verlaufsform der MS, der begleitenden immunmodulatorischen Therapie, der Krankheitsdauer oder der Schwere der neurologischen Defizite von der Gruppe der Patienten, die nicht von der Fampridin-Therapie profitierten. Die in den Studien am häufigsten genannten Nebenwirkungen umfassen u.a. Harnwegsinfekte, Schlaflosigkeit und Schwindel. Aufgrund dieser Studiendaten erfolgte für Fampridin im vergangenen Jahr die Zulassung in den USA zur Behandlung der eingeschränkten Gehfähigkeit bei Patienten mit MS, im Mai 2011 folgte die Zulassung in Australien. Das Medizinproduktekommittee der Europäischen Arzneimittelagentur (CHMP) hat nach initialer Ablehnung nach Revision nun eine Empfehlung zur Zulassung ausgesprochen. Damit darf in den kommenden 67 Tagen mit einer eingeschränkten Zulassung ("conditional approval”) der Substanz unter dem Handelsnamen "Fampyra” in Deutschland gerechnet werden [4]. Basierend auf den Ergebnissen der zwei o.g. Studien wird die Zulassung für Patienten aller MS-Verlaufsformen erfolgen, eingeschränkt jedoch auf einen Behinderungsgrad zwischen einem EDSS von 4.0 und 7.0 (d.h. Einschränkung der Gehfähigkeit ≤ 500 m). Der Vorstand des Ärztlichen Beirates der DMSG, Bundesverband e.V. sowie der Vorstand des KKNMS begrüßen die positive Nachbewertung der Nutzen-Risiko-Analyse und die bevorstehende Zulassung von Fampridin zur symptomatischen Behandlung von MS-Patienten mit Gehstörung. Weitere Einzelheiten zur Zulassung, zur Reevaluation der klinischen Wirksamkeit und Sicherheit sowie zum praktischen Umgang mit dieser Substanz werden nach der Zulassung publiziert. Sicher ist, dass, wie bei jeder neu zugelassenen Substanz, ein Pharmakovigilanzprogramm aufgelegt werden wird. Aus früheren Erfahrungen mit 4-Aminopyridin ist bekannt, dass höhere Dosierungen Krampfanfälle auslösen können. Auch wenn in den o.g. Studien bei einer Dosis von zweimal 10mg pro Tag diesbezüglich kein erhöhtes Risiko gezeigt werden konnte, so wird die genaue Einnahme der Substanz ein besonderes Augenmerk erhalten müssen, um Krampfanfällen vorzubeugen. Weitere Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit der Substanz müssen in den folgenden Monaten vom Hersteller erhoben und der Zulassungsbehörde vorgelegt werden. Fazit: Die Zulassung von Fampridin zur symptomatischen Therapie der Gehfähigkeit von MS-Patienten ist eine relevante Erweiterung der symptomatischen Behandlungsmöglichkeiten, insbesondere für ein Symptom, an dem viele Patienten mit MS leiden. Es ist zu erwarten, dass Fampridin unter dem Handelsnamen Fampyra® ab dem Sommer 2011 in den Apotheken in Deutschland erhältlich sein wird.
Ärzte Zeitung, 23.05.2011 04:56MS-Therapie - Seriöses, aber auch UnseriösesFür Patienten mit Multipler Sklerose gibt es hoffnungsvolle Therapieansätze. Hierbei gilt es nach Aussage von Experten jedoch, die Spreu vom Weizen zu trennen. Von Philipp Grätzel von Grätz
BERLIN. Für Patienten mit Multipler Sklerose dürfte das vor Kurzem neu eingeführte orale Medikament Fingolimod für frischen Wind in der Behandlungslandschaft sorgen. Wenig angetan sind Neurologen dagegen von Venenstents und Stammzellversuchen. Die neuen oralen immunmodulatorischen Substanzen, die sich derzeit reihenweise in den Pipelines der Hersteller befinden, dürften die Therapie von Patienten mit Multipler Sklerose sinnvoll ergänzen, erwartet Professor Frank Erbguth von der Klinik für Neurologie am Klinikum Nürnberg. Zwar hätten die europäischen Behörden mit Cladribin einem ersten derartigen Präparat die Zulassung verweigert. Weitere stehen aber ins Haus. Und bereits seit kurzem erhältlich ist die Substanz Fingolimod, ein synthetisches Derivat des Pilzbestandteils Myriocin, das als funktioneller Gegenspieler an Sphingosin-I-Phosphat-Rezeptoren agiert. Fingolimod wirkt anders als jedes andere bisher bekannte MS-Medikament: "Es hält autoaggressive T-Lymphozyten in den Lymphknoten fest, sodass diese nicht ins ZNS wandern können", sagte Erbguth beim Praxis Update 2011 in Berlin. Möglicherweise wirke es auch direkt antiinflammatorisch. Fingolimod wurde in zwei Phase- III-Studien im Vergleich zu Placebo und Interferon getestet. Einschlusskriterien waren jeweils mindestens ein Schub im Jahr vor Studienbeginn und ein Punktwert auf der MS-Symptomskala EDSS zwischen 0 und 5,5. Im Ergebnis war die jährliche Schubrate bei Fingolimod-Therapie signifikant geringer als bei Interferon- und bei Placebotherapie. Erbguth betonte, dass der Stellenwert der Fingolimod-Therapie zunächst trotz dieser Daten vor allem bei Patienten liegen werde, die nicht auf Interferon ansprechen. Das liegt daran, dass mit Interferon jahrzehntelange Erfahrungen existieren, während die langfristigen Folgen eines völlig neuen immunologischen Therapieansatzes noch nicht zur Gänze eingeschätzt werden könnten. Auch die Nachfolger von Fingolimod werden von den meisten Neurologen hoffnungsvoll erwartet. Andere neue Therapieansätze sorgen dagegen nicht für ungeteilte Begeisterung: So macht eine vor allem im Internet verbreitete Theorie venöse Stenosen und im Gefolge Abflussstauung und Endothelschädigung zur eigentlichen Ursache der MS. Für Erbguth sind das unseriöse und durch nichts belegte Spekulationen. In einer kürzlich publizierten Studie bei 56 MS-Patienten und 20 Kontrollen gab es keinerlei Korrelation zwischen Venenbefund und MS (Annals of Neurology 2010; 68: 173). Abgelehnt werden von Erbguth auch die von einigen kommerziellen Anbietern angebotenen Stammzelltherapien. Zwar seien Stammzellen grundsätzlich eine interessante Therapie-Option. Doch reichten die bisherigen Erkenntnisse nicht aus, um Therapieversuche zu rechtfertigen. Bei einem Kölner Anbieter sei im vergangenen Jahr gar ein zweieinhalbjähriger Junge bei einer solchen Therapie gestorben, erinnerte Erbguth.
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Natalizumab: Neue Daten zu Hirninfektion bei MS-TherapieDie Therapie mit dem Immunmodulator Natalizumab (Tysabri®), der gegen schubförmig verlaufende Multiple Sklerose (MS) eingesetzt wird, erhöht das Risiko für eine seltene aber schwerwiegende Hirninfektion, die Progressive Multifokale Leukenzephalopathie (PML). Dabei steigt das PML-Risiko mit der Dauer der Therapie beziehungsweise der Anzahl der Natalizimab-Infusionen, wie neueste Daten der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zeigen.
Bei einer Behandlungsdauer von bis zu zwei Jahren (das entspricht 1 bis 24 erhaltenen Natalizumab-Infusionen) liegt die PML-Inzidenz demnach bei 0,3 Fällen von 1000 Patienten, nach 25 bis 36 erhaltenen Infusionen sind es 1,5 Fälle von 1000 Patienten. Nach einer Behandlungsdauer von 3 bis 4 Jahren (37 bis 48 Infusionen) ist die Inzidenz mit 0,9 Fällen von 1000 Patienten etwas niedriger, allerdings sind die Daten zur Langzeitanwendung des Wirkstoffs begrenzt. Insgesamt traten bei bisher 82 732 mit Natalizumab behandelten Patienten 102 Fälle von PML auf.
Das erhöhte Risiko für die potenziell tödlich verlaufende PML unter Natalizumab erklärt sich über den Wirkmechanismus des Biologicals: Der monoklonale Antikörper blockiert die Integrin-Rezeptoren der Leukozyten und verhindert so, dass diese die Blut-Hirn-Schranke überwinden und ins Gehirn einwandern. Das bremst nicht nur die Entzündungsreaktion im Gehirn, sondern erhöht auch das Risiko für zerebrale Infektionen wie die PML.
Die gleichzeitige Gabe von Immunsuppressiva wie Azathioprin, Methotrexat oder Cyclophosphamid ist daher kontraindiziert. Die Daten der FDA zeigen nun, dass auch eine Immunsuppression, die vor dem Start der Natalizumab-Therapie bereits abgeschlossen ist, das PML-Risiko zusätzlich erhöht. Der Einfluss einer vorangegangenen Therapie mit Immunmodulatoren wie β-Interferonen und Glatirameracetat oder einer kurzzeitigen Corticosteroid-Gabe auf das PML-Risiko unter Natalizumab wurde laut FDA noch nicht untersucht. (am)
27.04.2011 l PZ
20.04.2011„MS-Pille": Orales Immunsuppressivum zur Therapie der MS zugelassen
Die Experten des „Committee for Medicinal Products for Human Use" (CHMP) hatten sich unlängst für die Zulassung des Wirkstoffes Fingolimod zur Behandlung erwachsener MS-Patienten ausgesprochen.
„Basierend auf den eingereichten Daten vertrat die Mehrheit der Mitglieder des CHMP die Auffassung, dass die Vorteile von Cladribin-Tabletten die Risiken nicht aufwiegen", hieß es in einer Pressemitteilung des Darmstädter Herstellers.
20.04.2011Fumarsäure schützt Nervenzellen: Hoffnung für MS-PatientenErlanger Wissenschaftler zeigen neuroprotektive Wirkung eines seit 1994 bekannten Medikaments gegen Schuppenflechte.
Dem Erlanger Neuroimmunologen Dr. Ralf Linker und seinen Kollegen ist ein Erfolg auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose-Forschung gelungen.
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