kurzgeschichten




Wenn ich Rentner bin…..
 
Endstation.
„Endlich Urlaub, mach`s gut Du alte Straßenbahn. Wir sehen uns in drei Wochen wieder.“ 
Fiete hat Urlaub. Die Fabrik muss nun eine Zeit lang ohne ihn auskommen, aber das wird sie irgendwann sowieso müssen. Fiete ist fast sechzig und freut sich schon auf den Ruhestand. „Sechs Jahre noch“, hat er zu seinem Kollegen Heinz gesagt, „sechs Jahre, dann habe ich Zeit für meine Hobbys.“
Fiete ist leidenschaftlicher Angler und hat auch schon manch kapitalen Fisch an Land befördert. Auch sammelt er leidenschaftlich gerne Pilze. Er hatte im Alter von zwanzig Jahren damit begonnen, die Mykologie, so nennt man die Lehre von den Pilzen, ausführlich studiert und eines Tages auch die Prüfung zum Pilzsachverständigen abgelegt. Oft sah man ihn durch die Wälder streifen. Was manchem Nachbarn oder Bekannten seltsam vorkam war, dass Fiete zu fast jeder Jahreszeit, irgendwelche Pilze mit nach Hause brachte.
„Pilze wachsen nicht nur im Herbst, meine Lieben“, hatte er oft gesagt. „Der versierte Pilzsammler kennt nun mal mehr leckere Hütchen als diese Sonntagssammler.“
Auf dem Heimweg kommt er an einer Trinkhalle vorbei. Drei junge Männer, jeder von ihnen hat eine Flasche Bier in der Hand, grölen „altes, deutsches Liedgut“ in den nahenden Abend.
„Na Opa, die Lieder kennste doch auch noch, oder?“
Fiete ging weiter.
„Hey Alter, hörste nicht? Ich hab gesagt Du sollst mitsingen.“ Einer der Typen reisst an Fietes Mantel und gibt ihm, mit der flachen Hand, einen Schlag vor die Stirn. Fiete stiößt ihn zurück. „Verschwindet Ihr Rotznasen und lasst mich nach Hause gehen. Ich habe den ganzen Tag schwer malocht.“
„Fass unseren Kumpel nicht an, Du Missgeburt“, hört er noch, dann sinkt er zu Boden. Einer der Jugendlichen hatte ihm eine Flasche Bier auf den Kopf gehauen. Sie treten noch einige Male auf den armen Kerl ein, treffen Gesicht, Brust und Rücken, Dann verschwinden sie ganz schnell, denn der Trinkhallenbesitzer steht, mit einem Handy am Ohr, an der Türe .
 
Vierzehn Tage liegt Fiete im Koma. Mehrere Rippenbrüche, Prellungen und Platzwunden werden verheilen, aber durch die Gehirnprellung kommt es zu einem bleibenden Ausfall von Gehirnnerven. Riechen und hören kann Fiete nicht mehr, Geruchsnerv und Hörnerv sind betroffen. Die schweren motorischen Störungen werden durch Rehabilitationsmaßnahmen wohl etwas besser werden, glauben die Ärzte.
 
Fiete ist jetzt Rentner, er vermisst seinen Job und seine Kollegen. In gewissen Abständen sieht er sich Filme an, die über Angelerlebnisse berichten. Manchmal blättert er in seinem Pilzfotoalbum, und manchmal, manchmal sieht man ein Tränchen über seine Wangen rollen.




Wolfgang Scholmanns
 
Es ist nichts passiert 

„Früh um sechs ist die Welt noch in Ordnung.“, höre ich einen alten Mann sagen, der Mühe hat ein kleines Wägelchen zu ziehen. Ein Zeitungsbote, und das mit bestimmt mehr als siebzig Jahren auf dem Buckel. Muss wohl seine Rente aufstocken, der Arme. Eine selbstgestrickte Wollmütze trägt er auf dem Kopf, die auf einer Seite ein Loch von der Größe einer Zweieuromünze hat. Die Hose sowie die Jacke sind alt und verschlissen. Der graue Schal hat wohl auch schon bessere Tage gesehen. Von den Fransen, sind an einem Ende zwei und an dem anderen noch eine zu erkennen. Auch seine Schuhe sind alt, abgetragen und ungeputzt.

„Was siehst Du mich so an?“, fragt er mich. „Das sind doch wohl nicht Deine Klamotten, die ich anhabe, was? Hab sie im letzten Jahr aus der Kleiderkammer beim Roten Kreuz bekommen. Sind nicht mehr die Besten, aber erfüllen ihren Zweck. Strenge Winter kennt man hier ja gar nicht. Ein paar frostige Nächte, ein bisschen Schnee und dann, Matsche. Na, was ist nun? In Büchern kann ich lesen, in Gedanken leider nicht.“

Ich klopfe ihm auf die Schulter und verabschiede mich.

„Finde ich toll, dass sie noch so rüstig sind.“

Er marschiert weiter, pfeift irgendein altes Wanderlied. Die Kleiderkammer vom Roten Kreuz, ja die gibt es Gott sei Dank. Könnte auch mal Ordnung in meinem Kleiderschrank schaffen und so einiges aussortieren. Manch einer freut sich bestimmt über ein gut erhaltenes Kleidungsstück. Muss ja nicht immer modern sein. Wie sagte der Alte noch, den Zweck erfüllen müssen sie. Schüler oder Auszubildende stehen an der Bushaltestelle, einige von ihnen Zigaretten qualmend.

„Scheiß Ausbilder“, höre ich einen Jugendlichen sagen. „Hat der mir doch gestern schon wieder eine Fünf verpasst. Der kann mich nicht leiden, hackt immer auf mir herum.“

„Hau ihm aufs Maul, wenn er Dich blöd anmacht“, mischt sich ein anderer mit kahlgeschorenem Kopf ein. „Solche Leute brauchen das. Etwas auf die Fresse und schon ist dieser Typ wie umgewandelt. Darf natürlich keiner mitkriegen, sonst fliegst Du raus. Irgendwo in einer stillen Ecke und dann ….“ – er macht ein paar Faustschläge in die Luft -.

„Nee, mit schlagen hab ich es nicht so, ist mir zu primitiv.“
 
„Und das was der mit Dir macht, ist das nicht primitiv?“
 
Der Bus kommt. Beim Einsteigen rutsche ich auf einer Stufe aus und verliere meine Brille. Zwei der Jugendlichen helfen mir beim Aufstehen, eine junge Frau reicht mir meine Brille. Sie stützt mich, nimmt dann neben mir auf den vorderen Sitzbänken Platz.
„Haben Sie sich verletzt?“, fragt der Busfahrer. „Ist schon okay, nichts passiert.“
Ich ärgere mich über meine blöde Antwort. Nichts passiert, stimmt doch gar nicht. Ich war gestürzt und zwei nette junge Männer, wohl südländischer Abstammung, hatten mir sofort geholfen. Auch die junge Frau, die meine Brille, die bei dem Sturz zu Boden gefallen war, aufgehoben hatte, scheint Türkin oder so zu sein. Sie trägt ein Kopftuch, ist sonst modisch gekleidet. Ein hübsches Gesicht hat sie. Zwei Haltestellen weiter steigt sie aus.
„Auf Wiedersehen und einen schönen Tag noch.“, sagt sie.
Ich bedanke mich herzlich und wünsche ihr alles Gute. Eine alte Dame steigt zu. Sie bleibt vorne stehen, hält sich an einer Stange fest. Obwohl mein Knie schmerzt, stehe ich auf und biete ihr meinen Platz an.
„Nee, nee, mein Junge, lass mal gut sein. Ich kann noch ganz gut stehen, bin doch keine Tattergreisin. Mit dreiundachtzig erledige ich noch alles alleine. Da kann sich mancher Schnösel ein Beispiel dran nehmen. Nur nie hängen lassen und dem neuen Tag entgegen gehen. Muss schon wieder aussteigen. Meine Enkelin ist krank und meine Tochter muss gleich zur Arbeit. Ich passe auf die Kleine auf, Tschüss.“
„Ich muss auch hier aussteigen.“, sage ich noch, aber die Oma ist schon verschwunden. Ganz schön flott, die alte Dame, alle Achtung. Nach fünf Minuten Fußweg erreiche ich meine Arbeitsstelle. Sture Gesichter, die sich, wenn überhaupt ein „Guten Morgen „ herauszwingen. Der Chef hat von einem Morgengruß auch noch nichts gehört.
„Wie sieht denn Ihre Hose aus, sind Sie gestürzt? Na ja, kann so schlimm wohl nicht sein, Sie laufen ja noch ganz ordentlich. Krankfeiern wäre jetzt sowieso nicht drin, wir sind mitten im Weihnachtsgeschäft und benötigen jeden Mann beziehungsweise jede Frau. Also, sehen Sie zu, dass der Fleck aus Ihrer Hose kommt und machen Sie sich an die Arbeit.“
Ich bleibe ruhig, lächele ihn an.
„Es wäre nett, wenn Sie oder einer der Kollegen mich zum Krankenhaus fahren würden. Es ist wohl besser wenn ich mein Knie röntgen lasse. Nicht, dass ich da noch irgendetwas verschleppe und hinterher für lange Zeit ausfalle. Wie sagen Sie doch immer so schön: - Auf die Gesundheit achten und dem Betrieb mit ganzer Kraft zur Verfügung stehen. – "
Ein Morgen auf dem Weg zur Arbeitsstelle – es ist nichts passiert.
 
 

 

Träume eines Freizeitcowboys

Träume eines Freizeitcowboys

Ein doch schon etwas eigenartiger Typ, etwa 180 cm groß und bestimmt 150 kg schwer. Jeden Abend steht er hier an der Theke und trinkt Mineralwasser, an manchen Tagen auch Bier. Immer trägt er eine Lederweste, Jeans und einen dieser großen Cowboyhüte. Hals und Brust zieren eine mächtig dicke Kette mit einem Medaillon. Seine Finger sind mit protzigen Ringen geschmückt. Was mir besonders auffällt, sind seine schwarzen Fingernägel, als hätte er gerade mit bloßen Händen eine Leiche verbuddelt. Nur noch mehr ins Auge sticht sein riesiger, geschwungener Schnurrbart, dessen Spitzen fast bis zu den Augen reichen. Er sitzt immer alleine hier und, meistens auf dem gleichen Platz. Das ganze Geschehen um ihn herum scheint ihn nicht zu interessieren. Seine Nase ist tief in einen Westernroman versenkt. Nur ab und zu wandert sein Blick die Theke entlang, als würde er jemanden erwarten.
"Na, heute Abend ist wieder Mineralwasser an der Reihe?", frage ich ihn. "Ja, mein Gaul steht draußen, und der mag es nun mal ganz und gar nicht, wenn ich Alkohol trinke."

"Dein Gaul?"

"Ein 69er Ford Mustang, ich nenne ihn liebevoll meinen Gaul."

"Ach so!", sage ich "ich dachte schon, du hättest ein Pferd vor der Kneipe stehen. - Scheinst ja ein Westernfreak zu sein!"

"Westerfreak? Ja, ich beschäftige mich schon seit meiner Jugend mit allem, was mit dem Wilden Westen zu tun hat. Zu meinem dreizehnten Geburtstag bekam ich ein Buch mit dem Titel "Der Wilde Westen wie er wirklich war" geschenkt, und seit dieser Zeit fesselt mich dieses Thema. Manchmal, wenn ich in einen dieser Westernromane vertieft bin, fühle ich mich so in diese Geschichten hineinversetzt, als ob ich selbst dabei wäre."

"Das kann ich sehr gut nachvollziehen", sage ich, "mir geht`s manchmal auch so, wenn ich ein Buch lese."

"Was liest du denn?", will er wissen.

"Nun ja, das kommt immer auf meine Stimmung an. Manchmal sind es die wunderschönen Geschichten von Hermann Hesse, besonders die, in der er davon schreibt, schreibt, was für ihn Glück bedeutet. Oder Werke von Thomas Mann, Ingeborg Bachmann und noch so einigen anderen Schriftstellern. Manchmal greife ich mir aber auch einen Comic."

"So so", sagt er, "also Hesse und Mann. Steppenwolf, Unterm Rad, Narziss und Goldmund oder das Glasperlenspiel. Buddenbrooks, Tonio Kröger, Der Zauberberg und so weiter."

Ich bin erstaunt, dass er alle diese Buchtitel kennt und forsche nach.

"Hast du die etwa gelesen?"

"Nee, nicht alle, aber einige schon. Meine Eltern waren große Verehrer von Hesse und Mann, und sie diskutierten oft über ihre Bücher. Irgendwann wurde ich neugierig und holte mir Hesses Steppenwolf aus dem Bücherregal. Nach und nach verschlang ich einige Hessewerke und ich muss sagen, sie gefielen mir alle ausgezeichnet. Auch die Werke von Thomas Mann haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen."

Da hatte ich ja den richtigen Gesprächspartner gefunden. Dieser Westernfreak hatte also Werke meiner Lieblingsschriftsteller gelesen. Da bewahrheitet sich doch wieder einmal dieses uralte Sprichwort: "Du kannst den Menschen nur vor den Kopf gucken." - Hätte das hinter diesem Freizeitcowboy nie vermutet.

"Da du vorhin Hesses Empfinden für Glück angesprochen hast, muss ich dich doch fragen ob du sein Gedicht "Glück" auch kennst", sagt er plötzlich und schmunzelt.

"Jetzt bin ich aber überrascht", entgegne ich. "Das ist mein Lieblingsgedicht!"

"Das überrascht mich gar nicht", sagt er. Es ist auch meines und bestimmt das mancher anderer. Es hat etwas, das man in den südostasiatischen Philosophien wieder findet, dieses Loslassen usw."

"Ja, finde ich auch", stimmte ich ihm zu.

Er zeigt das Amulett auf meiner Brust, das mit dem Yin und Yan Zeichen.

"Warum trägst du es? Weißt du um seine Bedeutung?"

Na klar", ich beschäftige mich schon viele Jahre mit Taoismus und auch mit Buddhismus. Die älteste Idee der chinesischen Philosophie, die in allen Bereichen der Kunst und Wissenschaft vorkommt, ist die Einteilung in Yin und Yang. Yin und Yang entstehen aus dem einen Ursprung und bringen dann ihrerseits die enorme Vielfalt der Erscheinungen, einschließlich des gesamten materiellen Universums, hervor. Um die verschiedenen Ebenen der Schöpfung rückwärts bis zum Ursprung zu durchlaufen, muss ein Mensch Gleichgewicht zwischen Yin und Yang herstellen. Dieses Prinzip gilt jedoch auch für weniger mystische Ziele. Für die Beseitigung von Hindernissen, die dem Glück im Wege stehen, für die Wiederherstellung der Gesundheit und Har- monisierung der familiären Verhältnisse müssen sich Yin und Yang im Gleichgewicht befinden. Die ursprüngliche Bedeutung von Yang lautet: "Banner, die in der Sonne wehen"; Yin heißt "wolkig, bedeckt". Yin und Yang sind die zweithöchsten Kräfte des Universums. Sie sind nicht direkt wahrnehmbar, offenbaren sich jedoch durch ihre Eigenschaften und Manifestationen."

"Hast dir schon ne ganze Menge Wissen über diese Philosophien angeeignet. Finde ich gut. Ich habe mich auch mal einige Zeit mit Buddhismus beschäftigt. aber habe es dann wieder sein lassen. Ist mir zu realitätsfremd in der heutigen Zeit."

Ich will ihm meine Einstellung zum Buddhismus nicht näher erläutern und will auch niemanden bekehren. Jeder muss seinen Weg selber finden und wenn er zum Glücke führt, dann scheint es ja auch der Richtige zu sein. Nun tritt eine Zeit des Schweigens ein und ich ahne, dass wir nun beide übereinander nachdenken. Er zündet sich eine Zigarillo an, zieht genüsslich daran und beobachtet den ausgeblasenen Qualm, der wie ein kleiner blauer Nebelschleier in der Luft schwebt. Nach einer Weile sagt er:

"Ich würde jetzt gerne am East River sitzen, am Lagerfeuer weißt du? Ein wenig Countrymusic, eine Pfanne Bohnen mit Speck und um mich herum eine Herde Longhorns. Bin schon ein kleiner Spinner was?"

"Wieso Spinner, jedem das Seine. Es ist doch schön, wenn man Träume hat."

"Schön, dass du es so siehst. Nett, dich kennen gelernt zu haben".

"Ja, mich freut unsere Begegnung auch. Wir werden uns bestimmt noch öfters hier begegnen und miteinander quatschen. Gesprächsstoff haben wir ja reichlich."

Er grinst und winkt den Kellner herbei.

"So, es wird Zeit. Ich bin im Landmaschinenbau tätig und da muss ich morgens immer früh raus. Wünsche dir noch einen schönen Abend."

"Den wünsche ich dir auch. Na dann bis zum nächsten Mal..."
 

29.10.2008 / © Wolfgang Scholmanns

 

 

Vergangener Glockenklang

Langsam stieg die Sonne fern und rot aus dem Spiegel des Sees und grüßte schon bald, über die Wipfel des Waldes ragend, den neuen Tag. Nun lachten auch wieder die helläugigen Sommerblumen und die alte Allee schien zwischen ihren Weiden und Erlen ein Sonnenfeuer zu Gast zu haben. Dort wo gestern noch die Blütenspitze dicht gerollt aus grüner Schale geblinzelt hatte, hing nun dünn und gelb ein junges Blatt, suchte tastend seine Form und Wölbung, von der es lange geträumt, und zu unterst, wo es noch im stillen Kampf mit seiner Hülle lag, da ahnte man schon feine, gelbe Gewächse, lichte geäderte Bahn und fernen, duftenden Seelenabgrund bereitet. Bestimmt am Mittag schon zeigt sie ihr feines Seidenzelt und ihre ersten Träume, Gedanken und Gesänge kommen still aus zauberhaftem Abgrund hervorgeatmet. Es war ein Tag mit neuem Duft und neuem Klang und unter durchsonntem Grün strahlt der Kelch der milden Seerose.
Jetzt wo alles sich verschiebt, der Wind kalt in den Wäldern lärmt und das welke Laub fahl und erstorben unter den Füßen klirrt, bringt ein altes Lied vergangenen Glockenklang, dass alles sichtbare ein Gleichnis sei und hinter jedem der Geist und das ewige Leben wohne.
 

25.02.2007 / © Wolfgang Scholmanns

 

Am Fluss der Wiederkehr
 

 

 

Ein Tag im Oktober

Es ist schon spät und der Morgen will nur zaghaft erwachen. Trübe, in Nebel getauchte Luft liegt über Wald und Weiden und ein kalter, doch kaum auflebender Wind bewegt die Blätter, die das Loslassen scheinbar ignoriert haben. Zuweilen hört man den Ruf des Käuzchens oder auch mal den zaghaften Versuch eines Waldvogels, ein Lied anzustimmen. Aus dem Dorf tönt die Kirchturmglocke und verkündet die neunte Stunde, doch der Morgen bleibt müde, hüllt sich in blasse Nebelwölkchen. Auch das Rauschen des nahen Flusses, dessen keuchender Atem sich schwebend in den Himmel hebt, klingt an diesem Morgen müder. Außerdem trauert er bestimmt um den farbenfrohen Schmuck der zahlreichen Blumenarten, der zur Frühlings- und Sommerzeit seine Ufer zierte. Das Fortschreiten des Herbstes lässt diese nun kahl und trostlos erscheinen.
Der Mittag naht und von den Weiden her hört man das Geschrei einiger Rinder, die bestimmt darauf warten, bald in den warmen Stall geführt zu werden.
Langsam löst sich der Hochnebel auf und schon bald bietet sich dem Naturfreund ein freundlicher Anblick. Mit der Kraft, die ihr der Herbst noch ließ, übergießt die Sonne die Landschaft mit einem wunderschönen Lachen. Fröhlich leuchtend spiegelt der regungslose See ihren Glanz wieder und die auf dem welken Schilf perlende Feuchtigkeit erscheint unter ihren Strahlen wie milder Silberhauch. Hier und da sieht man nun Kinder, die damit beschäftigt sind, die späten Früchte des Waldes zu sammeln, denn Kastanien, Eicheln und Bucheckern sind auch noch heute beliebte Bastelobjekte an Kindergärten und Schulen. Hoch in den Bäumen vernimmt man jetzt die Stimmen der unterschiedlichsten Vogelarten und nichts deutet mehr auf den grauen, verschlafenden Morgen hin, der noch vor einigen Stunden die Natur in ein trübes Gewand gehüllt hatte.

16.10.2008 / © Wolfgang Scholmanns

 

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