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Rüdiger Brunnstein

 

Hinweis, für alle, die sich nicht mit dem Bildschirmlesen anfreunden können, weil sie Angst vor Erblindung oder Augenkrebs haben: Man kann ja den Text auch einfach kopieren, in ein leeres Worddokument einfügen und ausdrucken ;)... Sind zwar ca. 20-22 Seiten, aber ist gesund...

 

 

Szene 1 – Die Fahrt nach Irgendwo

 

Irgendwo in Deutschland, irgendwann im Winter. Im Dunkel fährt eine Regionalbahn auf rostigen Schienen von Pocking nach München. Fast scheint es so, als wäre der Zug leer, man hört nur das Rattern der Wagons und gelegentlich einige leise gesummte Lieder, die der Schaffner zur Unterdrückung seiner Müdigkeit anstimmt.

Nur ein Fahrgast, ein Mann Mitte 30, hat den Weg in den Zug gefunden. Sein Blick scheint benommen, seine Hände vergräbt er tief in den Taschen. Er wirkt nervös. Seine Kleidung ist verschmutzt und die Tatsache, dass er edle schwarze Designer-Lackschuhe zu blau-weiß-gestreifte Shorts und einem grünen Pullover mit der Aufschrift "Merry Xmas" trägt, macht seine Erscheinung noch auffälliger.

Die blasse Hautfärbung, die verquollenen Augen, aufgeplatzte Lippen und ein Ausschlag am Hals, der notdürftig mit einer dicken Schicht Wundsalbe benetzt wurde, weisen darauf hin, dass der Mann längere Zeit schon keine feste Bleibe hatte. Das Licht der Wagonbeleuchtung spiegelt sich in seiner Glatze wie auf einer verstaubten Bowlingkugel. Der Mann ist nicht sehr groß, höchstens 1,6 bis 1,7 m. Wegen seines gebeugten Ganges ist seine genaue Körperstatur schwer zu ermessen.

Rüdiger Brunnstein schreitet wie benebelt durch den verlassenen Wagon und setzt sich auf den Platz direkt hinter der Kabine des Schaffners. Sein Blick konzentriert sich auf das Gesicht des Lokführers, das er durch einen, in der Mitte der Kabine angebrachten Spiegel, anstarrt.

Brunnstein kennt weder sein Ziel, noch weiß er, wo er die nächste Nacht verbringen wird. Auch ist ihm nicht bewusst, wie gefährlich die Lage bereits tatsächlich ist.

 

 

Szene 2 - Nächtlicher Besuch

 

Es klingelt; Romana Brunnstein erhebt sich aus ihrem Fernsehsessel und wankelt schlaftrunken zur Wohnungstür. "Wer is do?" krächzt sie, während sie ihre Zigarette auf dem Teppich austritt. "Polizei. Bitte öffnen Sie die Tür." "Is wos?" "Es geht um Ihren Mann, bitte lassen Sie uns herein." Genervt entriegelt sie das Schloss und blickt durch den Türspalt, bevor sie den späten Besuch eintreten lässt. Kommentarlos führt Romana die beiden Polizeibeamten ins Wohnzimmer und lässt sich in ihren Lieblingssessel fallen. Jedoch nicht ohne vorher das selbstgemachte Häkeldeckchen an der Lehne gerade zu rücken. "Frau Brunnstein, wir müssen Ihnen einige Fragen zu Ihrem Mann stellen. Er scheint an kriminellen Aktivitäten beteiligt gewesen zu sein. Frau Brunnstein... Frau Brunnstein, hören Sie mir überhaupt zu?..." Doch Frau Brunnstein reagiert nicht. Sie verfolgt stattdessen im Fernsehen die Wiederholung der letzten "Fliege"-Sendung mit dem Thema "Hochbegabung: Segen oder Fluch?" "Verstehen Sie überhaupt, worum es hier geht, Frau Brunnstein?" Beinahe aggressiv bewegt sich Wachtmeister Spachtholz  Richtung Fernseherkabel, um dieses mit einer schnellen Bewegung aus der Steckdose zu ziehen. "Hören Sie mir jetzt bitte zu, Frau Brunnstein." beginnt er erneut mit einer deutlich lauteren Stimme. "Wos soi denn des? Grod weil ees Bullen sads, könnts doch ned in fremde Wohnunga mocha, wos eich grod daugt! Wia hoaßns eigentle? Ees werds scho seng, glei morgn fria habts ees ne deft´ge B`schwerdn om Hois. I werd des eichanan Vorg´setzn mejdn. I geh bis zum Cheef vo da pockinger Gendarmarie, werds scho seng." "Dann haben Sie es ja nicht weit.", bemerkt Polizeihauptkommissar Franz-Josef Neumann spöttisch, "Der steht vor Ihnen." "Mei, i ko jo a onderst." lacht Romana hämisch, "Da geh i hoid weida. Bis noch da Haubdstod. Seng ma scho, wos d` Angie dazu sogd!" "Jetzt beruhigen Sie sich doch bitte, Frau Brunnstein. Wir wollen Ihnen doch nur ein paar Fragen stellen. Setzen Sie sich bitte wieder hin." "O hoibe Stund geb i eana. Ned mehr! Nu stejns scho eana bledn Frogn." "Wann haben Sie Ihren Mann, Herrn Rüdiger Brunnstein, zuletzt gesehen?" "Mei, des werd scho a Weil her sei. Wos woas denn i? An Monat, zwoa, vielleicht a mehr. Mei einz´ge Schwesta, s Mariannderl, de hod se jo a z´letzt Weihnocht´n blickn lossa. Na, no ned amal! Des muass a zwoa Johr her sei. Mei, des ward moi wiada sche, die zu seng. Und an Buam hots jo a kriagt. Mei, wenn i den moi seng dat...." "Wann hatten Sie zum letzten mal Kontakt mit ihm, d. h. wann haben Sie ihn das letzte Mal getroffen, mit ihm telefoniert oder Sonstiges? Bitte versuchen Sie sich etwas genauer zu erinnern, Frau Brunnstein." "Jetzat hamma jo an Februar... un on meim G´burtsdog hamma uns jo scho zwoa Wochan nimma g´seng... " "Wann haben Sie denn Geburtstag?" "Mei, grod oan Dog vor dem G´burtsdog vo meiner Schwesda. Des is imma foi praktisch, da kämma foi de Gaudi zam mocha, i und d` Resi! Des..." "Frau Brunnstein, ich bitte Sie zum letzten Mal. Bitte konzentrieren Sie sich auf die Fragen! Wann haben Sie Ihren Mann denn nun zuletzt gesehen?" "I hobs doch grod g´sogt! Himmej Herrgott nomoi! Jetz werns moi ned so unvaschämt! Des is onderthoib Monad her!" "Gut, ist Ihnen etwas ungewöhnliches an ihm aufgefallen?" "Mei, rasiert hod der si da scho o gonzs zeitl nimma... und wia der g´stunga hod... mei, der hod ma jo d´ gonze Wohnung vapesst..." "Hat er vor Ihnen erwähnt, wo er hin will oder was er vor hat?" "Der hod hoid g´sogt, der wui no weg.. oba i hob na g´sogt, der soi no duschn vorher... aba na... "

 

 

Szene 3 - Die Fahrkarte bitte!

 

"Fahrkarte bitte", erklingt die piepsige Stimme der etwa 20jährigen Bahnbeamtin, die allen Anschein nach noch nicht lange im Geschäft ist, da ihr Auftreten etwas unbeholfen wirkt. Brunnstein bewegt sich nicht. "Ähm... entschuldigen Sie bitte, mein Herr. Könnten Sie mir bitte Ihre Fahrkarte zeigen?" Langsam dreht Brunnstein seinen Kopf nach rechts in Richtung der verschüchterten Kontrolleurin, um ihn sofort wieder zum Spiegel zu lenken. Ratlos entfernt sich die irritierte Frau. "Herr Rosenwelt, ich bräucht mal kurz Ihre Hilfe. Da ist ein Herr, der mir seine Fahrkarte nicht zeigen will..." "Also, Fräulein Seitz, was schließen wir daraus? ... Genau! Er hat dann wohl auch keine! Fräulein Seitz, Sie müssen da forscher werden..." Armin Rosenwelt ist erfahrener als seine Kollegin, schon seit 30 Jahren kontrolliert er die Bahnfahrer. "Forscher?" "Das Gegenteil von Ihnen, also einfach mehr Mut!" "Oh... ja.... äh.... ist gut! Was mach ich jetzt eigentlich, wenn jemand keine Karte hat?" "Fräulein Seitz. Nun überlegen Sie mal. Der Fahrgast muss dann eben eine Strafe in Höhe von 40 Euro zahlen. Das steht im Übrigen auch auf den Hinweistafeln. Nehmen Sie außerdem seine Personalien auf und weisen ihn darauf hin, dass er den Zug bei der nächsten Haltestelle zu verlassen hat." "Ja, Herr Rosenwelt!"

 

 

Szene 4 – Dubiose Gespräche

 

"Mein bester Freund und meine Freundin! Ich fass es nicht! Wie konnt ich der Schlampe nur vertrauen! Ausgenommen hat die mich - und die Dreckssau Claudio genauso! Prost!!"  "Das ist doch schon die zweite Flasche Whiskey, die ihr da leersaufts. Reichts euch nicht langsam?", wundert sich der Barkeeper über die beiden schwarz gekleideten Männer, die sich den ganzen Abend beireits volllaufen haben lassen. Mit ihrem braun gebräunten Teint und ihren dunklen Augen wirken sie wie 2 Brüder aus dem südlichen Gefilden. Aber sie sind nicht verwandt.

 "Verdammt! Lass uns in Ruhe! Du störst! Aber es is ja eh alles egal! Alle habens nur auf mein Geld abgesehen! Jeder verarscht einen nur! Aber nicht mit mir! Verfluchtes Frauenzimmer! Wenn ich die Schlampe in die Finger krieg... und den Dreckskerl... ich bring sie alle um..." "Recht haste, Pedro!", antwortet der kleinere von beiden lallend. "Ich bring sie um, der Rudi muss eben wieder herhalten! " "Ja, aber der hat doch beim letzten Mal auch nicht mitgespielt! Abgehauen isser. Dieser Feigling! Gott, wenn den die Bullen kriegen, der verpfeift uns!" "Ach was, der Rudi doch ned! Der hat doch viel zu viel Schiss vor uns! Der ist drauf und dran, von der nächsten Brücke zu springen. Und wenn nicht, dann helfen wir halt nach. Aber der verliert kein Wort, das schwör ich! Der wird genau das sagen, was wir ihm eingeflößt haben! Ach, sind doch alles Schweine! Und die Schlampe erst recht. Die hat ja schon mit jedem gevögelt... Hat bestimmt schon Aids! Und den hat die bestimmt schon an mich übertragen, die Schlampe! Aber einen Vorteil hats ja: Claudio das Schwein kriegts auch! Und dann verreckt der qualvoll... und wenn die Kinder kriegen, die genauso... mögen die alle elendlich draufgehen! Prost, Raphael!!" "Prost! Soll ich die Schlampe für dich erledigen?" "Das will ich schon selber machen! Ich will sehen, wie ihr das Blut herunterläuft. Ich möchte jede einzelne Sekunde ihres Todes genießen! Leiden soll die Schlampe, furchtbar leiden!" "Die Bullen waren letzte Nacht bei der Ficke vom Rudi!" "Und? Haben die was gefunden?" "Der Boss hat gemeint, die haben die Brunnstein festgenommen – haben ziemlich viel Stoff und die Knarre bei der gefunden. Verdammte Verschwendung, jetzt wird das Hasch vernichtet." "Raphael, du glaubst doch nicht, dass unser Mann bei der Polizei das zulässt... Das tauscht der eh sofort gegen Mehl oder Babypuder aus. Mensch, der verdient sich irgendwann noch echt ne goldne Nase an dem Zeug. Der verdammte Wichser! Prost!", gröhlt Pedro laut und erhebt sein Glas zum x-ten Mal.

 

 

Szene 5 – Geldnot

 

Müde und hungrig quält sich Rüdiger Brunnstein aus seinem Strohbett. Schon die zweite Nacht hat er hier in dieser Scheune verbracht. Seine Haut ist zerkratzt durch das Stroh und rot durch die Bisse des Ungeziefers, das so schnell auftaucht und wieder verschwindet, dass er noch nicht einmal weiß, wie es aussieht. Aber Rüdiger ist froh, denn hätte er diese scheinbar so verlassene Scheune nicht gefunden müsste er wohl draußen in der Kälte übernachten, und das wäre dann sein sicherer Tod gewesen. Nur fragt er sich in letzter Zeit oft, ob es so nicht besser gewesen wäre. Vielleicht könnte er alle seine Sorgen los werden, wenn er dem allen einfachen ein Ende setzt. Aber das kann er nicht. Nicht in dem Wissen, dass er dann nie seine Unschuld beweisen könnte, er würde für alles verantwortlich gemacht werden. Und der Stolz von Rüdiger Brunnstein lässt das nicht zu. Schon als Kind ist er immer für seine Überzeugungen eingetreten, selbst wenn er dafür oft Spott und Prügel ertragen musste. Und so ist es auch jetzt, er kann die Sache nicht beenden, ohne die Gewissheit, dass er für alle in guter Erinnerung bleiben würde und nicht als Mörder.

Doch ehe Rüdiger diesen Gedankengang beenden kann hört er Schritte. Er macht kaum Anstalten, sich zu verstecken, denn zwischen dem Heu auf dem er liegt, ist er ohnehin kaum zu sehen. Außerdem befindet er sich in ziemlich großer Höhe. Wegen der guten Ernte im letzten Jahr hat der Bauer auch Stroh aufs Gebälk der Scheune gelegt, und auf diesem liegt er jetzt. Selbiger Bauer kommt nun durch das große zweiflüglige Holztor in die Scheune und betätigte einen Lichtschalter, den Rüdiger niemals hier gesucht, geschweige denn erwartet hätte. Ein anderer Mann kommt hinter dem Bauern durch das Tor. Er ist, ganz im Gegensatz zum Bauern, fein gekleidet, trägt einen braunen Nadelstreifenanzug mit dunkler Krawatte und einen braunen Hut. „Wieviel wollen sie für das ganze Stroh?“ fragt der feingekleidete Herr mit tiefer Stimme den Bauern. „2000 €, das ist weit unter dem tatsächlichen Marktwert. Aber ich muss das Zeug los werden, ich hab das Grundstück mit der Scheune verkauft, bis zum März muss ich sie geräumt haben.“ antwortet der Bauer, und hat dabei einen leicht melankolischen Blick in den Augen, als hat er diesen Verkauf aus Geldnot über sich bringen müssen. „Ich biete ihnen 500 €, das Stroh ist nicht im besten Zustand. Sehen Sie es sich doch an, es ist nicht ordnugsgemäß getrocknet, das dahinten ist wahrscheinlich sogar Schimmel. Und an Insekten mangelt es hier ja nicht. Es würde mich auch nicht wundern wenn einpaar Ratten hier hausen. Das Zeug taugt allemal als Kompostzusatz, Tieren kann man das nicht mehr geben.“ Rüdiger beobachtet die Szene aufmerksam, ihm kommt es so vor, als habe er den Anzugträger schon einmal irgendwo gesehen, aber er kann sich nicht erinnern, wo das gewesen sein könnte. „500 € ? Dafür kann ich grad mal eine Monatsrate unseres Hauses bezahlen, das ist einfach viel zu wenig!“ In der Stimme des Bauern spiegelt sich seine Verzweiflung wider. „Ich brauche mindestens 1500 € dafür, sonst komme ich mit meiner Familie nicht über die Runde! So hören sie doch, ich habe 3 kleine Kinder! Wovon soll ich die denn ernähren? Ich muss doch irgendwie Geld beschaffen, bis ich wieder einen Arbeitsplatz habe. Bitte seien sie doch ein Mensch, versetzen sie sich doch in meine Lage!“ Plötzlich hat der Herr im Anzug ein Grinsen auf den Lippen und zusammen mit dem gesenkten Kopf und den angespannten Muskeln wirkt es fast teuflisch: „Ich glaube ich kenne jemanden, der Ihnen helfen kann. Bitte kommen sie mal mit, er wohnt hier ganz in der Nähe, ich möchte ihn Ihnen vorstellen.“ Beide Männer verlassen die Scheune nachdem der Bauer das Licht ausschaltet. Nun weiß Rüdiger wieder woher er diesen Mann kennt. Wie konnte er ihn bloß vergessen. Auch ihm hatte er diesen Satz gesagt, ihm versprochen, ihm aus seiner Finanzkrise zu helfen. Und das war der Anfang vom Ende. Er lehnt sich zurück um weiter zu schlafen. Die beiden zu verfolgen, das hält er für sinnlos. Sie fahren wahrscheinlich mit einem Auto, er könnte ihnen niemals zu Fuß nachkommen. Außerdem weiß er ohnehin, wohin die beiden fahren - zu dem, den sie alle „Herr Stahl“ nennen. Zu dem ist er damals auch gefahren. Und seine Geldsorgen waren wirklich weg, zumindest für eine gewisse Zeit. Denn danach forderten sie es zurück, aber nicht zu den vereinbarten Zinsen, die er hätte bezahlen können. Sie wollte das dreifache haben, und als er das Geld nicht auftreiben konnte, passierte es. Rüdiger hört ein Piepsen direkt neben seinem Ohr. Verwundert dreht er sich um. Eine Ratte! Er schreckt sofort hoch und unterdrückt einbisschen vergeblich einen Angstschrei. Er vergisst, dass hinter dem Holzbalken auf dem er steht kein Stroh liegt und will einen Schritt zurück machen. Er stürzt. Und von außerhalb der Scheune hört man nur den Aufprall eines Körpers auf den harten Holzboden.

 

 

Szene 6 – Spuren

 

Die Mittagspause ist zuende. Polizeihauptkommissar Franz-Josef Neumann marschiert durch die Flure der Polizeistelle Pocking zum Büro von Wachtmeister Spachtholz, in dem linken Arm ein prall gefüllter Aktenordner, in der rechten Hand eine Tasse lauwarmen Kaffee. „Mahlzeit, Spachtholz!“ Er legt seinen Ordner auf den Schreibtisch des Wachtmeisters und setzt sich, die Tasse immer noch in der Hand, auf den Stuhl, auf dem sonst meistens Täter oder Opfer sitzen. „Was sagen die Ergebnisse der ballistischen Untersuchung, Spachtholz? Stimmen Waffe und Kugeln überein?“ „Nun, wir haben in der Leiche des Opfers 7 Kugeln gefunden. Alle wurden laut Untersuchung aus der selben Waffe abgefeuert. Es handelt sich tatsächlich um die Waffe die wir bei Romana Brunnstein gefunden haben, und von der sie angeblich nichts gewusst hat. Die Fingerabdrücke auf der Waffe stammen alle von Rüdiger Brunnstein. Was hat denn die zweite Vernehmung ergeben?“ antwortet der Wachtmeister und wirkt nachdenklich als würde er die ganzen Fakten unschlüssig finden. „Nichts neues, Spachtholz. Sie schwört weiterhin darauf, dass sie die Pistole noch nie gesehen hat. Und von der polygamen Ehe habe sie auch nicht das Geringste gewusst. Wobei ich mich frage, wie das Zusammenleben mit jemanden funktionieren kann, der die Hälfte der Zeit bei einer anderen Frau ist. Die Angehörigen seiner Zweitfrau Ingrid Brunnstein-Bauer wollen davon auch nichts mitbekommen haben.“ „Wissen sie, was ich mich frage, Herr Neumann? Wir haben sieben Kugeln in der Leiche gefunden – die Pistole fasst aber nur sechs Kugeln. Wieso hat Brunnstein nachgeladen, um noch ein siebtes Mal auf seine Frau zu schießen? Wir wissen von der Autopsie, dass jede einzelne von den Kugeln, die alle mitten in den Kopf geschossen wurden, bereits tödlich gewesen wäre.“ „Sie stellen Fragen, Spachtholz. Aus meiner 40jährigen Erfahrung heraus würde ich nicht sagen, dass das eine ungewöhnliche Vorgehensweise ist, das habe ich bereits 5 oder 6 mal erlebt.“ Er trinkt einen Schluck Kaffee, der bereits fast Körpertemperatur erreicht hat. „Die Täter verspüren einen großen Hass gegen das Opfer, wenn sie so vorgehen.“

 

 

Szene 7 – Ariane

 

„Wo ist die Sau?“ Pedro ist in Rage, als er Abends die Schlafzimmertür seiner Freundin aufreißt und mit einem 6mm-Colt auf sie zielt. Sie war gerade dabei sich zu schminken und schreckt noch mit dem Lippenstift in der Hand zurück in die Ecke des Raumes. „Wer, Pedro? Wer?“ Sie versucht die Nichtsahnende zu spielen, obwohl sie eigentlich genau weiß, wen er meint. Doch das macht ihn nur noch wütender: „Willst du mich verarschen, Ariane? Claudio! Wo ist Claudio? Ich hab euch vorgestern Abend beobachtet! Hätte ich da nicht gerade einen Auftrag ausführen müssen, hätte ich euch beide zusammen sofort kalt gemacht! Wo ist er?“ „Wirklich, ich weiß nicht wo er ist! Ich geb es ja zu, dass wir da einbisschen rumgemacht haben, aber ich war betrunken, und er ist über mich hergefallen, ich wollte es eigentlich gar nicht! Ehrlich, du musst mir glauben, ich liebe nur dich!“ Sie spricht in einem solchen Tonfall, dass jeder Außenstehende sofort merken würde, dass sie lügt, doch für Pedro klingt die Geschichte offenbar plausibel. „Was? Spinnt der? Einfach so meine Freundin abzufüllen und zu missbrauchen? Der hat sie nicht mehr alle! Den mach ich kalt! Ehe der Tag vorbei ist liegt der unter der Erde! Das schwör ich! Zuerst brech ich ihm jeden Finger einzeln, dann schneid ich ihm mit einem stumpfen, rostigen Messer die Eier ab, schneid dann seinen Bauch auf und zieh ihm bei lebendigem Leib die Därme raus! Die Sau wird leiden! Das schwör ich! Niemand fasst ungeschoren meine Freundin an!“ „Ich glaub, ich weiß wo er ist.“ Ariane hat sich nun entschlossen mitzuspielen, ihr ist es lieber, er tötet Claudio, bevor er ihr was antut. Pedro grinst: „Wo ist die Sau?“ „Er hat was davon erzählt, dass er eine Lieferung Hasch beim Bahnhof in Landshut entgegennehmen soll. Irgendwann morgen Abend.“ Auch Ariane grinst nun. Langsam nähert sie sich ihm, umarmt und küsst ihn. Ihr scheint das Leben in diesem Milieu sichtlich zu gefallen. Nicht umsonst hat sie ihre Familie und Freunde verlassen, um ein Leben voller Reichtum und Kriminalität zu leben. Sie liebt das Geld, nicht Pedro. Er wäre mit seinen 35 Jahren für ihren Geschmack viel zu alt, sie ist erst 19, aber da er Geld hat, erträgt sie ihn.

Es war eine schlaflose Nacht. Pedro wollte immer wieder mit ihr schlafen, und sie ließ es zu, schließlich bedeutete es ihr nicht viel. Als Ariane aufsteht ist Pedro bereits unter der Dusche und singt so verkehrt ein italienisches Lied, dass sie es nicht einmal verstehen würde, wenn sie seine Geburtssprache sprechen könnte. „Es ist doch erst 9 Uhr? Wieso bist du schon wach? Die Übergabe findet doch erst Abends statt?“ Ariane geht in die Wohnküche ihrer kleinen 2-Zimmer-Wohnung und schaltet die Kaffeemaschine ein. Als er nur mit einem Handtuch bekleidet aus dem Badezimmer kommt antwortet er ihr: „Der Boss will dass wir um 14 Uhr einen Schuldner besuchen, wir sollen 12 Riesen eintreiben. Irgendein Pfarrer in Mühldorf. Du kommst mit - von dort fahren wir dann nach Landshut.“ Pedro geht langsam auf Ariane zu und stoppt als seine Augen nur noch wenige Zentimeter von ihren entfernt sind. „Schau mal nach draußen, Süße, da ist ein Geschenk für dich.“ Überrascht dreht sie sich um und blickt durch ihr seit Monaten nicht mehr geputztes Fenster. Ein silberner Sportwagen, Audi TT Cabrio mit schwarzem Verdeck, mit einer großen roten Schleife steht dort, wo vorher ihr Ford Ka gestanden hat. Augenblicklich fällt sie Pedro in die Arme. „Ich liebe dich, mein Schatz! Ich liebe dich mehr als alles andere!“ Doch wenige Sekunden danach weicht die Euphorie bereits einem gesunden Misstrauen: „Ist der gestohlen?“ „Klar, aber ist alles in Butter – neues Nummernschild, neue Papiere und natürlich auch eine neue Seriennummer, du wirst keine Probleme damit haben!“ Pedro lacht und sie lacht mit ihm. Wer die beiden so sehen würde, würde sie für das Musterbeispiel an perfektem Paar halten, niemand würde daran denken, dass das einzige was Pedro und Ariane eint, die Gier nach Geld und Macht ist und die maßlose Bereitschaft dafür über Leichen zu gehen.

Kurz vor 14 Uhr in Mühldorf. Ein silberner Audi TT fährt auf den einzigen Behindertenparkplatz vor der Kirche. Zwei in dunklen Anzügen gekleidete Gestalten steigen aus dem Wagen, es sind Ariane und Pedro. Da sie noch jemanden erwarten bleiben sie auf dem Parkplatz stehen. Ariane gleitet mit ihrer Hand über die Karosserie des Wagens, der nun ihrer ist, und betrachtet jedes kleine Detail am Fahrzeug, als wäre jede einzelne der formgebenden Kurven dazu bestimmt als separates Kunstwerk gesehen zu werden. „Du bleibst im Wagen sitzen, während wir das da drin erledigen, es wird nicht lange dauern.“ Pedro spricht mit ihr in dem selben Ton wie immer, wenn es um seine Arbeit geht, und sie ist schon daran gewöhnt, keine Fragen zu stellen und einfach das zu machen was er von ihr will. Ariane bleibt vorerst neben dem Wagen stehen. Kurz darauf fährt ein weiteres Fahrzeug vor, ein BMW Z3, dessen Besitzer sie gut kennt. Raphael parkt auf einem der hinteren Stellplätze, etwa 100 m von der Kirche entfernt. Das verwundert sie zwar, aber sie denkt nicht weiter darüber nach. Raphael, ebenfalls im selben dunklen Anzug gekleidet wie die beiden, geht auf Pedro zu und beginnt in einer Geheimsprache mit ihm zu reden, die sie nicht versteht. „Ist der Marder schon im Bau?“ „Der Marder ist im Bau. Beginnen wir mit dem Pflanzen des Schilderwaldes, der Turm ist unbesetzt!“ Beide Männer haben während dem Sprechen ein hämisches Grinsen auf den Lippen. Pedro wendet sich zu Ariane und spricht wieder in seinem Befehlston: „Steig in den Wagen und warte da, wir sind gleich zurück! Bleib, egal was passiert, in der Karre sitzen!“ Sie tut das, was ihr aufgetragen wurde und setzt sich auf den Beifahrersitz. Aus Langeweile schaltet sie das Radio ein und hört sich einen alten Beatles-Klassiker an, den sie schon früher immer gern gehört hat. Pedro und Raphael schreiten unterdessen durch das große, mit Schnitzereien verzierte Tor der Kirche. Plötzlich nähert sich mit schnellen Schritten eine Frau in dunkelblauer Uniform dem Wagen, zweifelsfrei als Politesse zu erkennen. Zunächst bemerkt Ariane sie nicht, doch dann schreckt sie hoch, als die Frau unangekündigt am Fenster der Beifahrertür klopft. Ariane öffnet durch Drücken eines Knopfes das Fenster und schaut die Politesse nervös an. „Äh, ja? Ist etwas Frau Wachtmeister?“ „Besitzen sie oder einer der Passagiere in diesem Auto einen gültigen Behindertenausweis, der sie zum Parken auf diesem speziell ausgeschilderten Stellplatz bemächtigt?“ Die Beamtin fragt dies ohne darauf ein „Ja“ zu erwarten, sie hat Ariane und Pedro bereits einpaar Minuten lang beobachtet. „Der Wagen gehört mir nicht.  Mein Freund hat so einen Ausweis, aber der kommt erst später wieder, er hat einen Termin beim Pfarrer. Sie können guten Gewissens wieder gehen, wir machen nichts Unrechtes. Oder noch besser, ich gebe Ihnen einfach die paar Euro fürs Falschparken, und dann... dann können Sie wieder weiter ihrer Arbeit nachgehen...“ Arianes Nervosität ist so deutlich zu spüren, dass die Politesse weiter nachhakt: „Sie sagten doch zuerst ihr Freund hätte einen Behindertenausweis, und jetzt wollen Sie trotzdem das Bußgeld bezahlen? Ganz nebenbei bemerkt weiß ich, dass der Pfarrer heute im Rathaus bei einer Stadtratssitzung ist, diese Ausrede sollten Sie deshalb auch lieber überdenken.“ In Arianes Ohren klingt diese Aussage wie ein Trick ihr die Wahrheit zu entlocken. „Nein, der Pfarrer ist in der Kirche! Ich weiß es! Mein Freund ist gerade bei ihm!“ Dann trifft es sie wie ein Schlag. Das was sie eben gesagt hat ist, falls Pedro und Raphael dem Pfarrer etwas antun, ein eindeutiges Geständnis. Aber zu ihrem Glück fragt die Politesse dann nicht weiter nach: „Hören Sie zu. Sie holen jetzt einfach ihren Freund, der fährt den Wagen weg und wir belassen das ganze bei einer mündlichen Verwarnung. In Ordnung?“ „Natürlich!“ antwortet Ariane mit einem fast hämischen Lächeln. Sie steigt aus dem Auto aus und geht in Richtung Kirche, während die Politesse beim Auto stehen bleibt. Als sie gerade das Kirchentor öffnen will passiert es. Ein lauter Knall, ein greller Lichtblitz, eine Explosion. Ariane dreht sich um und hinter sich sieht sie einen brennenden rußschwarzen Wagen, einige Meter daneben der leblos wirkende Körper der Politesse, der wohl durch die Wucht der Detonation weggeschleudert wurde. Sie kann sich in diesem Moment nicht erklären, was gerade passiert ist, aber sie weiß, dass sie jetzt unbedingt weg muss. Pedro und Raphael müssen es auf sie abgesehen haben. Die Geschichte mit dem Pfarrer war nur ein Vorwand, die Politesse hatte ja gesagt, dass der er heute gar nicht in der Kirche wäre. Ariane läuft so schnell sie kann, ohne ein richtiges Ziel zu haben, durch die engen Gassen der Mühldorfer Altstadt.

 

 

Szene 8 - Der neue Job

 

Der Esstisch ist reich gedeckt. Heute morgen kam die Zusage von der Firma aus Regensburg, er würde den Job als Baggerfahrer kriegen. Seine Familie ist erleichtert, hatten sie doch bis zuletzt die Befürchtung er würde niemals eine Stelle finden, und sie müssten das Haus verkaufen. Aber Klaus Buchholdt hat seiner Frau und seinen Kindern nichts davon erzählt, dass er bei "Herrn Stahl" war. Und auch nichts davon, dass er bei ihm einen Kredit über 3000 Euro aufgenommen hat, in dem Glauben, er würde das Geld brauchen um über die Runden zu kommen. Sein Stroh konnte er nicht verkaufen, aber trotzdem ist nun durch die Zusage der Stelle in Regensburg seine finanzielle Lage vorerst gerettet. Das Geld von "Herrn Stahl" braucht er nun nicht mehr, und deshalb hat er sich entschlossen, es sofort wieder zurückzugeben, wegen einem Tag würde er schon keine Zinsen bezahlen müssen. "Des is so sche, dosd bei den Rengsburgan gnoma worn bist - i hobs jo immo gsogt, du findst scho wos. Hambs a scho gsogt won dei ersto Oarbeitsdog is?" Marianne Buchholdt lebt, im Gegensatz zu ihrem Mann, schon seit ihrer Geburt in Ergoldsbach, einem kleinen Städtchen in der Nähe der BMW-Metropole Dingolfing. Sie lernte ihren Klaus vor 10 Jahren auf einer Landwirtschaftsausstellung kennen und kurz darauf zog er von München zu ihr, um mit ihr zusammen den Hof ihres Onkels wieder aufzubauen. "Nächsten Montag. Ich werd den Fiat nehmen, du bringst die Kinder dann mit dem Audi zur Schule. Die haben was gesagt von einer Bank, die da grad gebaut wird, oder so ähnlich. Ist ja aber auch egal, die werden mir schon sagen, wo ich hin muss." Klaus wirkt zuversichtlich. Nachdem er einige Sekunden schweigt fügt er seiner Aussage noch eine wichtige Bemerkung hinzu: "Du, ich muss heut nochmal runter zur Scheune, ich hab vergessen das Licht abzuschalten und nach dem Traktor wollt ich ja auch nochmal schauen, vielleicht kann ich ihn ja wieder zum Laufen bringen und verkaufen." "Moch des. Sog, mogst heit mein Saubrotn net? Du isst jo gornix?" Um seine Nachdenklichkeit zu überspielen nimmt Klaus in dem selben Moment, in dem Marianne diesen Satz sagt, ein großes Stück Fleisch auf seinen Teller und isst es.

"Was führt sie denn heute schon zu uns?" Die Worte hallen in der großen leeren Lagerhalle mehrmals wider als der füllige Mann an dem kleinen, schlecht beleuchteten Schreibtisch damit Klaus Buchholdt anspricht. Der Mann wirkt auf seinem edlen Designer-Leder-Stuhl wie der Anführer einer großen internationalen kriminellen Organisation, aber das ist er nicht. Er ist nur ein Puzzelstück, das wie die vielen anderen dazu beiträgt, dass das Gesamtbild funktioniert. Er trägt einen schwarzen Anzug und eine dunkelblaue Krawatte, seine Haare werden von einer dicken Schicht Pomade in Form gehalten. "Ich brauche das Geld nicht mehr. Ich möchte es ihnen zurückgeben." Klaus ist nervös. Er will unbedingt so schnell wie möglich hier weg, ihm ist schließlich nicht entgangen wie dubios die Arbeitsweise von Herrn Stahl ist. "Mal sehen, was hatten wir denn für einen Zinssatz ausgemacht?" während Herr Stahl auf eine Antwort wartet öffnet er eine Schublade und sucht nach dem Vertrag, den er mit Klaus gemacht hat. "Wir haben 8% gesagt, ich habe mir 3.000 Euro geliehen. Aber das war doch für die Laufzeit von einem Jahr. Ich kann ihnen das Geld jetzt wieder zurückgeben. Sie haben doch keine Verluste dadurch! E... Es war nur ein Tag!" Er beginnt zu stottern und zittern. Während er redet bemerkt er, dass eine ebenfalls dunkel gekleidete Gestalt rechts an ihm vorbeigeht und sich hinter Herrn Stahl stellt. "Also der Vertrag den sie unterschrieben haben sagt was anderes." Kurzzeitig weicht die Nervosität von Klaus einer Verwunderung um dann wieder in Angstzustände zu münden. Herr Stahl erklärt weiter: "Hier stehen zwar 8%, aber sie haben sich 10.000 Euro geliehen, das haben sie unterschrieben! Und uns ist egal ob sie es jetzt zahlen wollen oder erst in einem Jahr. Geld ist Geld!" Ohne ein Wort zu sagen dreht sich Klaus um und marschiert aus der Halle. Er weiß, dass er keine 10.000 Euro geliehen hat, aber er traut sich nicht, dem zu widersprechen. Allein das Auftreten des zweiten Mannes hat ihm schon zu viel Respekt eingeflößt. Trotz des kaltregnerischen Wetters schwitzt er, er weiß dass er viel Sparen muss, um das Geld bis zum Ablauf des Jahres zusammenzukriegen. Und das wird wegen seiner hohen laufenden Kosten schwierig.

 

 

Szene 9 – Claudio

 

17 Uhr - Ein schwarzer BMW Z3 fährt mit 160 km/h über die Bundesstraße Richtung Landshut. Der Fahrer würde auch noch mehr aufs Gaspedal drücken, wäre da nicht die bereits hereinbrechende Dunkelheit und der dichte Verkehr. Hin und wieder droht der Wagen wegen Eisglätte bei der hohen Geschwindigkeit von der Straße abzukommen, aber der Mann der da am Steuer sitzt ist das schnelle Fahren gewöhnt und die Straßen sind nicht besonders kurvenreich. Und die Gestalten im Auto beiden haben es auch eilig. Sie wissen nicht genau, wann sie ihre Zielperson am Bahnhof antreffen, sie wissen nur dass es Abends sein muss. Gerade haben sie noch etwas aufgeräumt, das heißt sie haben sich einer ungeliebten Person entledigt. Pedro und Raphael sind sich ziemlich sicher, dass Ariane dabei umgekommen ist. Bevor sie zu ihrem Wagen gestürmt sind haben sie noch einen kurzen Blick auf den Audi TT geworfen. Daneben war eine brennende Leiche, bestimmt die von Ariane. Und jetzt ist Claudio dran. Pedro hatte eigentlich vorgehabt Ariane einen Antrag zu machen und ihr dann das Auto zu schenken, aber nachdem er Claudio und sie in eindeutiger Stellung abends im Park gesehen hatte, änderte er seinen Plan. Raphael dagegen hat keinen echten Grund, Ariane oder Claudio zu töten, er hat aber auch keinen Grund es nicht zu tun. Für ihn ist das Ganze nur ein Gefallen für seinen langjährigen Kumpel. Als Pedro ihn gefragt hat, ob er mitmacht gab es für Raphael nichts, das dagegen sprechen würde. Während der gesamten Fahrt reden die beiden Männer nicht miteinander, aber nicht deswegen weil sie etwa einen Schock oder ähnliches vom Tod Arianes davongetragen hätten, ganz im Gegenteil – ihnen bereitete die ganze Aktion ein riesen Vergnügen, nein, sie sind einfach nur von natur aus schweigsam.

„Wir sind da, Pedro.“ Raphael grinst während er das sagt und den Wagen parkt. Wortlos steigen die beiden Männer aus dem Sportwagen und verbergen ihre Pistolen mit Schalldämpfer in den Taschen ihrer dunklen Mäntel. Nebeneinander, als wollten sie ihre Macht demonstrieren, marschieren sie fast im Gleichschritt zum Bahnhof und treten in die Eingangshalle. Das problematische am Landshuter Bahnhof ist aber, dass er nicht gerade wenige Bahnsteige hat, und sie wissen nicht bei welchem davon Claudio auf die Lieferung wartet. Doch die beiden haben sich bereits vorher darüber unterhalten. Nachts als Ariane schlief kam Raphael vorbei und sie schmiedeten ihren Plan. Wäre sie nur etwas hellhöriger gewesen, hätte sie jedes Detail mitbekommen und sich gleich in Sicherheit bringen können.

Die zwei Männer wissen genau, dass, egal zu welchem Gleis Claudio auch gehen wird, er immer durch den unterirdischen Hauptgang muss. Und der hat nur 2 Eingänge, ganz vorne und ganz hinten. Sie verlassen deshalb die Eingangshalle. Pedro stellt sich in der Nähe der Treppe, die zum unterirdischen Gang führt, hinter eine Säule, um diese von dort aus im Auge behalten zu können, ohne selber entdeckt zu werden. Gleichzeitig bewegt sich Raphael mit schnellen Schritten zum anderen Ende des Gangs. Bevor er dieses allerdings erreicht klingelt sein Handy. Es ist Pedro. Raphael hebt ab. „Er ist schon unterwegs. Bleib unauffällig stehen und sieh hinter dich! Ich folge ihm mit geringem Abstand!“ Gerade als Raphael sich umdrehen will, läuft Claudio nur wenige Meter an ihm vorbei. Einige Schritte dahinter folgt ihm Pedro. Als er an Raphael vorbeigeht, marschiert dieser ohne Worte sofort hinter ihm her. Ohne sich anzusehen reden die beiden miteinander: „Das Gleis 8, wo er gerade hinläuft – stand da vorhin ein Zug, Pedro?“ „Ja, da steht einer, der fährt erst in 5 Minuten ab.“ „Sehr gut.“ Pedro hatte extra aufgepasst, schließlich gehört ein Zug zu ihrem Plan, wenn dieser gelingen soll. Oben beim Gleis angekommen bleiben sie stehen. Links neben ihnen hält gerade ein Zug, wie Pedro gesagt hat. Claudio sieht sie nicht, obwohl er es könnte, wenn er sich zu ihnen wenden würde, aber darüber machten sie sich eigentlich keine Gedanken, denn er ist gerade mit seinem Auftrag beschäftigt und wartet auf einem der Sitzplätze, während er unauffällig immer geradeaus blickt. Ein älterer Mann, etwa 50 oder 60 Jahre alt, nähert sich ihm und setzt sich rechts neben Claudio hin. Er trägt einen alten grauen Filzhut und eine dicken schwarzen Mantel. Er hat einen Aktenkoffer dabei den er zwischen sich und Claudio abstellt. Nachdem auch dieser Mann einige Minuten unauffällig geradeaus blickt steht er ohne eine Vorankündigung auf und geht an Raphael und Pedro vorbei die Treppe runter zum Hauptgang zurück. Den Koffer hat er bei Claudio stehen gelassen. Die beiden Wartenden überrascht diese Vorgehensweise wenig, früher als sie in der Branche angefangen haben, verdienten sie sich ihr Geld auch durch solche Kurierjobs. Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Sie sehen sich um. Niemand steht mehr am Bahngleis. Im Zug sind einpaar Fahrgäste, aber Pedro und Raphael fallen kaum auf, deswegen schenkt ihnen kaum einer auch nur eine Sekunde seiner Beachtung. Pedro zieht seine Pistole und hält sie in seinen verschränkten Armen verdeckt. Er setzt sich neben Claudio. Bevor der überhaupt aufschrecken kann drückt Pedro ab. Ein dumpfer, pfeifender Knall ist zu hören, mehr nicht. Pedro hat durch die verschränkten Arme genau auf sein Herz gezielt. Claudio ist sofort tot. Dann benutzen sie einen alten Trick. Raphael setzt ihrem Opfer eine Sonnenbrille auf, eine Methode um den Anschein zu erwecken, es wäre alles in Ordnung. Dann gehen sie weg von Claudio, Pedro nimmt noch den Koffer mit, und steigen in den Zug ein. Sie hoffen darauf, dass niemand so schnell die Blutlache entdeckt, die sich unter dem leblosen Körper Claudios bildet. Sie wissen, dass sobald dies geschieht der Bahnhof gesperrt wird, deshalb fahren sie mit dem Zug weg. Sie steigen gleich bei der nächsten Station aus, denn der Zug wird sicher auch bald kontrolliert werden. Nach 3 Stunden werden sie dann den Zug zurück nehmen und mit ihrem Wagen heimfahren. Und wenn jemand fragt, natürlich immer ganz entsetzt tun. Insgemein bedauert Pedro nun Claudios Tod – er hätte ihn sich qualvoller gewünscht.

 

 

Szene 10 – Schmerzendes Erwachen

 

Dicker Schädel, Übelkeit und starke Schmerzen im rechten Bein, dass mit einem dicken Gipsverband umhüllt ist. Als Rüdiger Brunnstein abends aufwacht fühlt er sich als hätte er sich vor einen Lastwagen geworfen. Er kann sich nicht mehr erinnern was passiert ist. Das letzte, wovon er weiß, ist das Gespräch zwischen dem Bauern und dem feingekleideten Herrn. Aber wieso ist er jetzt hier? Rüdiger versucht sich aufzusetzen, aber er merkt, dass ein zu kurz geratener Schlauch in seinem linken Unterarm seine Bewegungsfreiheit stark einschränkt. Er folgt diesem Schlauch mit den Augen zu seinem Ursprung und sieht einen Beutel mit klarer gelblicher Flüssigkeit, die in seinen Körper fließt. „Na, a scho wach?“ ertönt eine Stimme. Rüdiger blickt nach rechts und sieht einen anderen Mann in einem identischen Bett liegen. Dieser etwa 70jährige trägt einen Verband am Kopf und grinst ihn durch einen fast zahnlosen Mund an. Erst jetzt wird Rüdiger bewusst, dass er in einem Krankenhaus liegt. „Mei Name is Siegmund Bern. Und wie is ihrer, junger Mann?“ der ältere Herr scheint an Vereinsamung oder Langeweile zu leiden, anders kann sich Rüdiger den Versuch eines Smalltalks kurz nach seinem Erwachen nicht erklären. Er antwortet nicht, vielleicht würde Siegmund Bern ihn dann einfach in Ruhe lassen. Aber Rüdiger kennt ihn nicht, denn täte er das, wüsste er genau wie die ganze Familie Bern, dass Siegmund keinen Gesprächspartner braucht. Sobald jemand nicht antwortet fängt er von selbst an von früher zu reden, von der Vergangenheit in der alles so schön war, von den Kindern, Enkeln und Bekannten, und natürlich vom Krieg, in dem er tapfer gekämpft hat. Vielleicht ist ja das der Grund, wieso er seit er hier liegt noch keinen Besuch hatte, obwohl er sich doch einer so riskanten Gehirnoperation unterziehen musste. „Wissens, junger Mann, vor 12 Jahren war i schon mal hier in diesem Krankenhaus, dem Klinikum Straubing, weng eim Beinbruch, und stellens sich vor, da hams mi doch tatsächlich in genau dieses Zimmer bracht...“ Die Geschichten des alten Tattergreises interessieren Rüdiger nicht, deshalb bleibt er einfach liegen und starrt an die beige Decke die allen Anschein nach aus Holzplatten besteht. Er stellt sich selber Fragen. Warum hat er es zugelassen, wieso konnte er nichts dagegen tun? Er hätte doch nur das Geld auftreiben müssen? Aber jetzt ist seine geliebte Ingrid tot! Wegen ihm! Wieso hat er den Kredit auch aufgenommen? Er hätte das Geld von Ingrids Tante annehmen sollen, dann wäre das alles nicht passiert! Aber das hat er nicht! Wegen seinem verdammten Stolz! Während Rüdiger nachdenkt ballt er unbewusst die Fäuste zusammen und aus seinen Augen fließen Tränen ohne dass er sie auch nur beachtet. „Hams was, junger Mann?“ fragt der alte Mann ihn. Aber Rüdiger schweigt.

 

 

Szene 11 – Feierabend

 

Die Autotür klemmt. Kein Wunder – mittags hat es leicht geregnet, danach ist die Temperatur wieder unter 0°C gefallen. Und selbst wenn das nicht gewesen wäre, der rote Ford Rekord von Wachtmeister Spachtholz macht ihm fast täglich irgendwelche Probleme. Da beneidet er seinen Vorgesetzten Polizeihauptkommissar Neumann. Der muss wohl einiges mehr verdienen als Markus Spachtholz, wie sonst könnte er sich einen großen BMW leisten. „Tja,“ denkt er sich nachdem er endlich mit einem starken Ruck die Tür aufreisst „der Staatsdienst ist schon ein ungerechter Dienst!“ Und während er in Richtung Ruhstorf fährt, einer Stadt etwa 5 km entfernt in der er wohnt, fragt er sich selbst, warum er nicht wie sein Bruder Anteile an einer Firma gekauft hat – der schwimmt jetzt geradezu in Geld. Aber zu spät, Schnee von gestern. Das war sein Leben, und irgendwie war es ja auch nicht ganz schlecht. Schließlich wartet zuhause seine Frau Tanja, die er vor 3 Jahren geheiratet hat, und die ihm einen gesunden Jungen geschenkt hat. Seine gesamte Freizeit opfert er für die Familie, zumindest versucht er das. Denn in letzter Zeit holt ihn immer öfter der Frust und Stress aus der Arbeit zuhause ein. Dann wird er unausstehlich, nörgelt nur noch an allem rum und interessiert sich nicht für die Belange seiner Frau oder seines Sohnes. Er redet nur noch über seine Probleme und sucht bei seiner Tanja nach Bestätigung – sie soll ihm einfach nur zustimmen, egal was er sagt. Aber heute ist nicht so ein Tag, heute gelingt es ihm wie so oft die Sorgen des Alltags bei der Fahrt abzuschütteln. Und als er auf dem Parkplatz vor der Wohnung, wo sie leben, hält, hat er fast schon ein Lächeln auf den Lippen. In der Mittagspause war er noch im Supermarkt nahe der Polizeistation Pocking um einpaar Lebensmittel einzukaufen, deshalb schleppt er sich nun mit 2 großen Einkaufstaschen hoch in den 4. Stock und öffnet mit dem Schlüssel die Tür. Noch bevor er ganz in der Wohnung ist watschelt ihm schon sein 2 Jahre alter Sohn Manuel entgegen und lallt mit weinerlicher Stimme: „Paul hat buddemakt! Burg buddemakt!“ Ohne genau zu verstehen, was Manuel meint schaut Markus seine Frau an, die ihm eine Erklärung liefert: „Der Nachbarshund, Paul, der hat ihm heut Mittag beim Spielen seine Sandburg zertreten, jetzt will Manuel nie mehr mit ihm spielen. Aber du kennst das ja – morgen wird er unbedingt wieder Paul besuchen wollen.“ Markus` anfängliche Irritation wandelt sich augenblicklich in ein Schmunzeln: „Und gibt’s sonst noch was neues bei euch beiden?“ „Dein Bruder, der Alfons, hat angerufen, er wollte uns nächstes Wochenende zum Essen in seinem Haus einladen. Ich hab ihm gesagt, dass du arbeiten musst. Deshalb hat er gesagt, wir könnten ja ein andermal vorbeikommen.“ Tanja weiß, dass Markus am nächsten Wochenende gar nicht arbeiten muss, und ebenso gut weiß sie aber auch, dass er seinen Bruder Alfons nicht ausstehen kann. „Ja, irgendwann besuchen wir den sowieso. Spätestens nächstes Weihnachten wieder.“ Markus sieht seine Frau mit einem Blick an, der sagt: „Wechsle das Thema!“, und Tanja reagiert: „Wie laufen eigentlich die Ermittlungen wegen diesem Brunnstein? Habt ihr den schon gefasst?“ Während er die Lebensmittel in die Küche trägt und einräumt antwortet er ihr: „Nein, Brunnstein ist weiter auf der Flucht. Aber ich bin mir jetzt gar nicht mehr so sicher, dass der der Täter ist. Aber ich kann den Neumann nicht davon überzeugen, mal in eine andere Richtung zu ermitteln. Brunnstein müsste, nachdem seine Frau schon tot war, nochmals nachgeladen haben um ein 7. mal auf sie zu schießen, aber ich glaube einfach nicht, dass jemand so etwas sinnloses tun würde. Außerdem haben wir nur ganz wenige Fingerabdrücke gefunden auf der Waffe – mir kommt es fast so vor, als habe jemand sie zuerst saubergemacht um Brunnstein die Waffe dann kurz einmal in die Hand zu geben.“ „Ach was Schatz, du siehst Gespenster. Der Neumann hat doch schon so viel Erfahrung, meinst du nicht ihm würde es sofort auffallen, wenn etwas an der Sache nicht stimmen würde?“ Noch bevor Tanja ihren Satz beenden kann, wendet sich ihr Mann in seinem Stolz gekränkt ab und geht auf den Balkon. Tanja folgt Markus und will von ihm wissen, was mit ihm los ist. „Was mit mir los ist? Du traust meinem Chef mehr zu als mir! Das ist los! Du kannst dir gar nicht vorstellen, dass ich einmal etwas besser weiß als er!“ Obwohl sie weiß, dass er mit seiner Behauptung recht hat, tut sie das, was jede Ehefrau in dieser Situation machen würde: „Aber nein, Schatz, du hast mich falsch verstanden. Ich wollt ja nur, dass du dir jetzt mal keine Gedanken deswegen machst. Ich glaube dir ja, irgendwie passt alles nicht ganz zusammen. Aber das findest du noch raus, was da nicht stimmt, ganz sicher! Komm jetzt rein, Manuel ist schon ganz traurig.“ Als wäre nichts passiert, gehen sie gemeinsam zurück in die Wohnung, ohne den Streit wirklich ausdiskutiert zu haben, und leben ihren gewohnten Tagesablauf weiter.

 

 

Szene 12 – Hugos Kneipe

 

Schon Stunden ist es her, seit die Nacht über Mühldorf kam. Die Gassen der Altstadt sind schlecht beleuchtet und ein Passant der hier entlang gehen würde, würde nicht einmal bemerken, wie sich eine dunkle Gestalt an ihm vorbei den Weg durch die Häuser in Richtung eines unbekannten Ziels bahnt. Doch nach etlichen Stunden scheint Ariane endlich einen Ort erblickt zu haben an dem sie sich sicher fühlt. Es ist eine Kneipe, an die sie gar nicht mehr gedacht hatte. Hier lernte sie Pedro kennen, aber sie weiß, dass er schon lange nicht mehr hier war. Wieso sollte er es heute sein? Sie hofft, dass ihr Hugo, dem die Kneipe gehört, wenigstens für eine Nacht Unterschlupf bieten kann. Schließlich verbindet die beiden eine lange freundschaftliche Beziehung. Sie kam bevor sie Pedro kannte oft hierher, nur um mit ihrem Hugo zu trinken und zu plaudern, er half ihr mit seinen fast schon väterlichen Ratschlägen aus so manchem Gefühlstief. Arianes Beine zittern von dem vielen Gerenne und aus ihrem durch Tränen verquollenen Gesicht kann man Spuren eines Lächelns ablesen. Langsam nähert sie sich der Tür, blickt immer wieder um sich herum, in der Angst, sie könnte verfolgt werden. Sie packt den Türgriff an, doch dann zögert sie. Sollte sie Hugo wirklich alles erzählen – wenn sie jetzt reingeht müsste sie das. Aber bevor sie ihren Entschluss fassen kann blickt ein schon älterer Mann mit grauen Haaren und Schnurrbart aus dem Fenster neben der Tür und schaut sie verwundert an: „Ariane? Du hier? Aber ich dachte... Wir haben eigentlich schon geschlossen, was willst du denn?“ Ariane dreht sich langsam zu ihm, die Arme verschränkt und fragt Hugo mit bibbernder Stimme ob sie reinkommen kann. Nachdem er sie reingelassen hat setzen sie sich zusammen an den Tresen und sie erzählt die ganze Geschichte, von Drogen, Sex, Geld, Mord und schließlich auch von dem Anschlag auf sie. „Was? Pedro? Das kann ich gar nicht glauben! Warst du schon bei der Polizei?“ „Die Polizei? Die können mir doch am aller wenigsten helfen! Viele von denen stecken doch da mit drin! Das ist ein Millionengeschäft, was die da abziehen, die hätten keine Skrupel mich von der Bildfläche verschwinden zu lassen!“ Ariane weint aus Verzweiflung. Sie fühlt sich hilflos und von fast der ganzen Welt im Stich gelassen, nur Hugo vertraut sie noch. „Aber was kann ich denn sonst machen? Du weißt doch, dass ich alles für dich tun würde, Süße!“ Und das was er sagt meint er auch, er hat Ariane im Laufe der Jahre so lieb gewonnen, dass er ohne zu zögern sein Leben geben würde, um sie zu beschützen. Allerdings gibt es etwas von Hugo, dass Ariane nicht weiß: Er hat nur noch wenige Monate zu leben. Anfang des letzten Jahres stellte der Arzt bei ihm einen Tumor im Darmtrakt fest. Seitdem hat er etliche Operationen über sich ergehen lassen müssen, von denen aber keine eine endgültige Heilung gebracht hat. Weder Hugos Familie, noch irgendjemand sonst weiß von seiner Erkrankung. Jedes Mal wenn er in die Spezialklinik musste, behauptete er, er würde einen Angelausflug machen oder irgendwelche fiktiven Freunde in Berlin besuchen. Die ganze Zeit über quälten in Depressionen, er dachte über sein Leben nach und kam immer wieder zu dem Schluss, dass er in seinem Leben nie etwas wirklich Bedeutendes erreicht hat. Doch jetzt sieht Hugo die Erfüllung seines Lebensziels vor sich, wenn er es schaffen könnte Ariane zu beschützen, dann hätten all die Jahre, die er auf der Erde weilte, einen Sinn gehabt. „Bitte lass mich hier übernachten!“ Ariane legt ihren Kopf auf Hugos Schultern und klammert sich hilfeschreiend an seinen Arm. „Du kannst hier übernachten so oft du willst! Aber wie geht es dann weiter? Sie werden dich suchen und irgendwann werden sie auch hierher kommen!“ flüstert Hugo mit leiser Stimme, während er sie in den Arm nimmt und über ihre langen schokoladenbraunen Haare streichelt. Endlos scheinende Sekunden der Stille vergehen, doch dann fällt ihm etwas ein: „Mein Boot! Ich habe doch noch mein Hausboot im Inn, das ich an Touristen vermiete! Das ist die Lösung! Wir fahren gleich morgen nach Wasserburg, dort liegt es vor Anker! Und dann verschwinden wir beide von hier! Einfach dem Fluss folgend, egal wohin! Dann sind wir hier weg, und du kannst weit ab von diesen Halunken ein neues Leben beginnen!“ Lächelnd sieht Ariane Hugo in die Augen und wieder fließen Tränen. Aber diesmal sind es Tränen der Freude.

 

 

Szene 13 – Verschwunden

 

„Aufwachen Herr Bern! Wachen Sie doch auf!“ Nervös rüttelt die junge Krankenschwester am Arm des alten Mannes, der gerade noch tief schlief, während der Chefarzt der Klinik mit einigen Unterlagen unter dem Arm am leeren Bett von Rüdiger Brunnstein steht. Gerade ist die Sonne aufgegangen. „Ach mei, junge Frau, wieso weckens mich denn? Is was passiert?“ Schlaftrunken richtet sich Sigmund Bern auf, nimmt seine Brille vom Nachttisch und setzt diese auf. „Herr Bern“ fragt Chefarzt Dr. Theodor Zahn in einem ernstklingenden Ton, als er sich zu ihm wendet „Haben Sie es mitbekommen, als der Patient neben Ihnen sein Bett verlassen hat?“ „Ah, mei, is der junge Mann immer noch net da? Der is heut Nacht aufgstanden um aufs Klo zu gehn. Aber des hat so laut geschebert, als der versehentlich des Gestell mit der Flüssigkeit da umgworfen hat, dass i a aufgwacht bin.“ Sigmund schaut den Chefarzt verwundert an, er kann nicht verstehen, warum der so eine große Sache daraus macht, dass sein Zimmergenosse nicht anwesend ist. „Und ist ihnen denn da nicht aufgefallen, dass er sich ihre Kleidung angezogen hat? Das müssen sie doch gemerkt haben?“ In den dunkelbraunen Augen von Dr. Theodor Zahn kann man eine leicht unterdrückte Wut herauslesen, die aber nicht durch die Unwissenheit von Sigmund begründet ist. Vielmehr spiegelt sie die Frustration wider, in der er sich befindet. Seit Beginn seiner Laufbahn vor 20 Jahren ist es noch nie vorgekommen, dass ein Patient einfach so davon gelaufen ist. Und er ist jetzt dafür verantwortlich, dass es geschehen ist Schließlich hat er erst letzte Woche den zweiten Mann bei den Überwachungskameras entlassen, und so konnte der Patient unbemerkt entkommen, als der erste Mann gerade kurz nicht bei den Monitoren war. „Ja mei, Herr Doktor, sie kennen doch die Jugend. I dacht der junge Mann is einfach einbissl schamhaft, und deshalb hat der sich mei Sachn angezogn, bevor der auf de Toiletten is. I hab ja die Einstellung, dass man alles teilen kann, und wenn der junge Mann koa Kleidung hat, dann darf er sich ruhig meine leihn. Is leicht mit dem etwas?“ Sigmund Bern schaut Dr. Zahn fragend an. Aber der wendet sich nur ab und schreitet aus dem Zimmer. „So Herr Bern, entschuldigen Sie bitte die Störung, Sie können jetzt wieder weiterschlafen wenn Sie möchten. Sie wissen ja, in einer Stunde kommt dann das Frühstück, da wecken wir sie dann wieder.“ sagt die Krankenschwester während sie ebenfalls zur Tür geht, um diese dann von außen zu schließen. Sigmund grinst nur, er denkt schon gar nicht mehr daran, was der Chefarzt ihn gefragt hat. Vielmehr beschäftigt er sich im Geiste mit der jungen Krankenschwester, Sigmund hatte schon immer ein Faible für Blondinen.

Draußen im Flur des Krankenhauses spricht Dr. Theodor Zahn derweil mit einem anderen Arzt. „Können Sie sich das vorstellen, Dr. Mahlbaum? Er ist einfach so abgehauen, auf Krücken davongelaufen. Wir hätten noch die neurologischen Befunde abwarten sollen. Ich tippe ja darauf, dass der Kerl eine Schraube locker hat – was sollte den sonst dazu bewegen in seinem Zustand das Krankenhaus zu verlassen.“ „Sie sollten sich wegen dem keine großen Sorgen machen, Dr. Zahn. Ich bin mir sicher, dass die Polizei den schnell gefunden hat. Besonders weit kann der ja noch nicht gekommen sein. Ah, da sind die Polizisten ja schon.“ Max Mahlbaum deutet hinter den Chefarzt zum Eingang, wo gerade ein Mann und eine Frau in Uniform hereinkommen. Schnellen Schrittes bewegt sich Dr. Zahn in Richtung der beiden und reicht ihnen die Hand. Natürlich zuerst der Frau, schließlich ist er ein Kavalier der alten Schule. In wenigen Worten erklärt Zahn den beiden Beamten die Situation, und die Umstände, durch die der Patient in die Klinik kam. Ein Bauer hatte ihn bewusstlos am Boden in seiner Scheune gefunden und sofort den Notruf angerufen. Bei den wenigen Besitztümern, die er bei sich trug, konnte kein Ausweis gefunden werden, deshalb waren die beiden Polizeibeamten schon vor seinem Verschwinden für heute herbestellt worden. „Wir denken, der Mann ist ein Landstreicher, er trug trotz des kalten Wetters nur Shorts und auch sonst sah seine Aufmachung nicht danach aus, als hätte er in letzter Zeit irgendwo eine Bleibe gehabt. Womöglich ist er auch geistig krank, aber dazu haben wir noch keine ausreichenden Untersuchungen machen können. Das einzige was feststeht ist, dass der Sturz offenbar sehr glimpflich verlief, sein Kopf sowie seine inneren Organe weisen keine gravierenden Verletzungen auf. Einzig sein Bein ist in einem sehr schlechten Zustand. Wir konnten es zwar schienen, und haben ihm auch einen Gips angelegt, allerdings sind die Knochen am Unterschenkel des rechten Beins so massiv gesplittert, dass es ohne eine weitere Operation innerhalb der nächsten Tage womöglich nicht mehr zu retten ist.“ Erklärt der Chefarzt, und nach dem Bruchteil einer Sekunde folgt bereits die Reaktion der Kommissarin Monika Görtz: „Das heißt wir müssen den Mann so schnell wie möglich finden? Wie schnell kann er sich denn ihrer Meinung nach bewegen?“ „Ja, wir müssen ihn schleunigst operieren, sonst kommt es zu Entzündungen im Bindegewebe und das Bein stirbt ab. Schlimmstenfalls könnte es sogar sein, dass sich die Entzündungen ausbreiten, dann müssen wir davon ausgehen, dass er daran sterben könnte. Wie schnell er ist, das kann ich nicht genau sagen, auf den Videobändern die ich ihnen noch zeigen werde scheint er relativ flink zu sein, aber es ist unwahrscheinlich dass er dieses Tempo lange durchhalten kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er noch in der Stadt ist. Falls Sie es nun wünschen, könnten wir in die Überwachungszentrale gehen, und uns das Video von gestern Nacht ansehen.“ Dr. Zahn wirft einen fragenden Blick auf die beiden Beamten, und sowohl Kommissarin Monika Görtz als auch Wachtmeister Peter Julovski reagieren mit einem kurzen Nicken. Wortlos marschiert der Chefarzt durch die Gänge des Krankenhauses, während die beiden Polizisten ihm folgen und hält vor einer der vielen weißen Türen, auf der mit großen Buchstaben „Zutritt nur für befugtes Personal“ steht. „Das ist die Überwachungszentrale. Hier laufen die Informationen aller Kameras zusammen.“ Während Dr. Zahn spricht öffnet er die Tür und begrüßt mit einer kurzen Handbewegung den Sicherheitschef des Klinikums, der gerade von seinem Stuhl aus die unzähligen Bildschirme im Auge behält. Nachdem die drei in dem Zimmer sind schließt Julovski hinter sich die Tür. „Herr Müller, könnten sie bitte kurz ihre Arbeit unterbrechen! Die Polizeibeamten möchten sich das Videoband anschauen von dem Vorfall gestern Nacht.“ befiehlt der Chefarzt. „Aber natürlich, Dr. Zahn.“ antwortet der Sicherheitschef und schiebt ein Videoband, das schon die ganze Zeit auf seinem Tisch lag in das Abspielgerät für den großen Hauptmonitor. Gespannt verfolgen die Polizeibeamten den Ablauf und beobachten auf den Schwarzweiß-Aufnahmen einen Mann in einer Winterjacke und einer durch den Gips ausgebeulten Stretchhose. „Ich muss ihnen wirklich zustimmen, der Mann scheint tatsächlich sehr schnell gewesen zu sein, Dr. Zahn. Aber wieso haben ihre Leute das nicht auf den Überwachungsaufnahmen gesehen?“ Obwohl diese Frage von Wachtmeister Julovski an den Chefarzt gerichtet war, antwortet Werner Müller: „Nun, die Schuld trage wohl leider ich. Ich war kurz auf dem Klo, genau als der Patient geflüchtet ist. Und da es vor kurzem personelle Kürzungen gab, hatte ich für diese Zeit keine Vertretung.“ „Ich glaube die Schuldfrage muss vorläufig nicht geklärt werden, erst mal ist es wichtig den Mann zu finden. Sie sagten, Sie hätten Fotos vom Gesicht gemacht?“ fragt Monika Görtz. „Ja natürlich, das ist so bei uns Routine, bei allen Patienten, die ohne Ausweispapiere hier ankommen.“ Dr. Zahn kramt in seiner Mappe voller Unterlagen herum, die er schon die ganze Zeit bei sich trägt und holt dann 3 Fotos von dem Patienten heraus. „Hier bitte.“ „Sieh dir das an, Peter, das ist doch der Rüdiger?“ Monika wirft einen fragenden Blick auf ihren Kollegen und reicht ihm die Bilder weiter. „Was? Der hier?“ wundert sich Julovski. „Verdammt, was macht der hier? Was ist bloß mit ihm passiert? Er sieht ja schrecklich aus... Ähm, ich glaube, dass sollten wir nicht hier besprechen. Vielen Dank, Herr Dr. Zahn, Sie waren uns wirklich eine große Hilfe. Wir werden uns dann wieder bei Ihnen melden.“

 

 

Szene 14 – Das Leichenschauhaus

 

„Warum will denn der Chef unbedingt, dass wir zu dem Leichenfutzie fahren?“ fragt Raphael verärgert, nachdem ihm Pedro während der Autofahrt den neuen Auftrag erklärt hat „Wir haben doch ihre Leiche gesehen?“ „Ach, der meinte, wir sollten nur mal sicher gehen, der traut uns auch gar nichts zu. Angeblich will einer von Antonios Spitzeln Ariane nach dem Anschlag noch gesehen haben. Aber du kennst Antonios Leute ja – wenn einer davon mal nüchtern wär, könnte man was mit den Typen anfangen, aber so taugen die gar nichts, das schwör ich! Kein Wunder dass der Chef sich konsequent weigert seine Truppe in unseren Club aufzunehmen.“ Pedro ist die Lustlosigkeit an diesem Auftrag ins Gesicht geschrieben, ihm liegt es nicht, irgendwo hin zu fahren, um einfach nur mal nachzusehen. Was er braucht ist Action – Schießereien, Erpressungen und hin und wieder mal ein Mord. Als er erst 2 Jahre alt war, wurde er von seinen italienischen Eltern in ein Waisenhaus gegeben, angeblich weil sie ihn sich finanziell nicht leisten konnten. Aber er glaubte diese Geschichte nie – für ihn war das ein Zeichen dafür, dass sie ihn nicht liebten, ihn nie haben wollten, er war nur ein Unfall! Er schaffte es nie seine Vergangenheit abzuschütteln, auch nicht als er mit 8 Jahren von einer deutschen Familie adoptiert wurde. Pedro machte seinen neuen Eltern nur Probleme, er fluchte immerzu, schlug seine Stiefgeschwister, und zum krönenden Abschluss legte er absichtlich ein Feuer, wobei seine Adoptivmutter starb. Danach gab der gebrochene Mann, der sich so sehr ein drittes Kind gewünscht hatte, und nun vor den Scherben seiner Existenz stand, Pedro wieder in ein Heim. In diesem lebte er dann bis zu seinem 18. Geburtstag. Danach war er obdachlos, und irgendwie fühlte er sich toll dabei. Schließlich hatte er endlich die Freiheit, dass zu tun, was er wollte. Die Regeln und Barrieren des Heimlebens, die ihn gefangen hielten, ließ er hinter sich, und wurde zu einem Landstreicher. Meistens hielt er sich auf Bahnhöfen auf, wo er mit anderen Obdachlosen rumhängte, und nach einer Weile wurde er drogenabhängig. Um das Geld für das Koks aufzutreiben bestahl er Passanten, und auf Grund seines geschickten Könnens machte er sich schon bald einen Namen in der Szene. Irgendwann sprach ihn dann ein dunkel gekleideter Mann an, ob er ihm nicht bei einem Einbruch helfen könne, und da er Pedro eine große Menge Bargeld bot, nahm der an. Nachdem der Einbruch fast komplett reibungslos verlief, und Pedro von dem Mann das Geld bekam, fragte er ihn, ob sie nicht vielleicht öfter mal Geschäfte zusammen machen könnten, und von diesem Zeitpunkt an, war er Mitglied der Organisation.

Inzwischen sind die beiden bereits vor dem Leichenschauhaus, in dem – den Informationen des Chefs zufolge – die Leiche von Ariane aufgebahrt sein soll. Es ist ein unscheinbares Gebäude, fast würfelförmig und weiß, kaum Fenster. Nur ein kleines Schild links neben der großen Eingangstür verrät, dass hier Leichen lagern. Wie selbstverständlich marschieren Pedro und Raphael durch diese Tür, und wenden sich zu dem kleinen , scheinbar provisorischen, IKEA-Schreibtisch, an dem gerade eine Dame sitzt und an einer Liste schreibt. Als sie die beiden Männer sieht fängt sie sofort an mit einer fipsigen Stimme ihren fast auswendig gelernten Satz aufzusagen: „Guten Tag. Der Zutritt für Besucher ist nur gestattet, wenn sie eine Genehmigung haben, bzw. wenn sie mit einem Toten verwandt sind. Ansonsten darf dieser Bereich nur vom Personal der Beerdigungsinstitute oder der Polizei betreten werden. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Lässig zieht Pedro einen Zettel aus der Innentasche seiner Lederjacke und reicht ihn der Frau. „Wir sind Bekannte einer Toten. Die Polizei hat uns hier hergeschickt, weil wir sie noch identifzieren sollen. Verwandte hat sie leider nicht. Das steht alles auf dieser Sondergenehmigung drauf.“ „Ah, die Frau, die bei der Explosion umgekommen ist. Sie kennen also Frau Zeweran?“ fragt die Empfangsdame, während sie den beiden den Zettel zurückgibt. „Zeweran? Wer ist Frau Zeweran? Wir meinen die Frau, die bei der Explosion, von dem Audi TT umgekommen ist. Liegt hier keine Ariane de Vòus?“ Verwundert schauen die beiden die Frau an. „Ja, sie meinen schon den selben Vorfall wie ich. Aber die Dame, die dabei ums Leben gekommen ist war Frau Emilie Zeweran. Wir haben sie erst heute morgen identifizieren können anhand ihres Personalausweises, der erst chemisch repariert werden musste. Sie war Politesse und wollte allen Anschein nach gerade einen Strafzettel schreiben. Wenn sie möchten, können sie sich aber natürlich noch vergewissern, ob es nicht doch ihre Freundin war. Bitte folgen sie mir.“ Ohne eine Reaktion von Pedro oder Raphael abzuwarten steht die Frau auf und geht durch den langen hell beleuchteten Gang. Die beiden folgen ihr. „Verdammt, weißt du was ich grad denke, Raphael?“ „Also, wenn es das selbe ist, was ich denke, dann dass die Tussi strohdumm ist und eine Hackfresse hat, aber auch einen Arsch, der zum ficken einlädt!“ Pedro wundert die Reaktion seines Kumpels nicht, schließlich hat er schon oft einen Auftrag wegen Frauen verzögert, aber trotzdem will er ihm den Ernst der Lage klar machen: „Alter, checkst du das denn nicht? Ariane lebt! Wenn die Schlampe frei rumläuft, dann sinds mit dem Brunnstein schon 2! Dem Boss wird das gar nicht gefallen!“

 

 

Szene 15 – Wohin?

 

Erschöpft und trotz der kälte schweißgebadet stützt sich Rüdiger gegen eine Hauswand irgendwo in den Gassen Straubings. Die letzten Stunden konnte er sich nur noch mit Hilfe der Krücken humpelnd fortbewegen. Der Schmerz aus seinem rechten Unterschenkel ist durch die Anstrengung der Flucht bis in seine Hüften gestiegen. Nur wenige Sekunden kann er sich an die Wand lehnen, dann geben seine Beine nach und er sackt zu Boden. Rüdiger ist am Ende seiner Kräfte, ihm fehlt in diesem Moment die Energie sich auch nur aufzusetzen, und so bleibt er liegen, das Gesicht in den Himmel gerichtet, und beobachtet, wie langsam einzelne kleine Schneeflocken ihren Weg zur Erde finden.

Doch warum ist er überhaupt in dieser Situation? Er hat sich dem System widersetzt, hat sich nicht dem Willen der großen Bosse gebeugt. Und dann war seine geliebte Ingrid tot. Brutal dahingerafft, mit seiner Waffe, die er doch nur illegal organisiert hatte, um sich schützen zu können. Jetzt wollen sie ihn auch noch töten – er ist der einzige, der die Wahrheit über den Mord aufklären könnte, doch will er das überhaupt? Das weiß Rüdiger selber nicht. Wer weiß schon, wie weit das korrupte Netzwerk sich ausgebreitet hat – wem kann er trauen? Ihm ist bewusst, dass viele der großen Oberhäupter der Organisation in angesehenen öffentlichen Ämtern arbeiten. Nicht wenige Politiker, Polizisten oder Finanzbeamte in dieser Gegend sind dem Ruf des schnellen Geldes gefolgt, und die, die nicht involviert sind merken überhaupt nicht was vorgeht, für sie wird ein exzellentes Theaterstück aufgeführt. Rüdiger kennt einige dieser Schauspieler persönlich, schließlich war er schon drauf und dran sich der Organisation anzuschließen. Sie machten ihm ein Angebot, als er sagte, dass er das Geld nicht habe. Rüdiger sollte bei einem Einbruch mitmachen, aber sie erzählten ihm nicht alles. Bei Nacht brach er zusammen mit Raphael und Pedro in einer Villa am Bodensee ein, zumindest hielt er es für einen Einbruch. Aber dann entdeckte er bei der Suche nach Wertgegenständen kleine Tropfen Blut auf dem Parkettfußboden. Rüdiger folgte ihnen und merkte, wie die Blutflecken immer größer wurden. Der Anblick, der sich ihm dann im Badezimmer bot, versetzte ihm einen schlagartigen Schock. Neben der Leiche eines Mannes und einer Frau lag der leblose Körper eines kleinen Mädchens. Ihr Gesicht war voll mit tiefen blutigen Schnittwunden, sie wurde wohl viel brutaler getötet als ihre Eltern, die bis auf Schusswunden keine sichtbaren Verletzungen aufwiesen. Irgendjemand musste seinen krankhaften Tötungstrieb an ihr ausgelassen haben. In Panik lief Rüdiger damals aus dem Haus und raste mit dem Auto, in dem er mit Pedro und Raphael zur Villa gefahren war davon in Richtung Heimat. Er wollte zu seiner Ingrid, sie holen, und dann mit ihr wegfahren, egal wohin, hauptsache weg. Doch als er ankam waren schon Leute von der Organisation bei ihr und die Tragödie war nicht mehr aufzuhalten.

Langsam beginnt der weiße Schnee die schwärze seiner Winterjacke zu überdecken während sich der Himmel allmählich verdunkelt. Ihm ist klar, dass er nicht liegen bleiben kann, er würde die Nacht nicht überleben. Doch wo soll er hin? Während er so nach denkt und weiter dem Tanz der Schneeflocken folgt nähert sich von Rüdiger unbemerkt eine zerzauste Gestalt. Er sieht den alten Mann in der zerfetzten Kleidung erst als dieser sich plötzlich unerwartet über ihn beugt. „Na, haste noch keenen Schlafplatz? Du bis wohl neu hier, ik hab dir noch nie hier gesehn! Komm uff, Jung, mer gehen zu de Obdachlosenheim, da kriegste Essen und ne Koje für de Nacht.“ Etwas misstrauisch rappelt Rüdiger sich hoch und folgt dem Mann, ohne wirklich zu wissen, wohin dieser ihn führen wird.

 

 

Szene 16 – Verzweiflungstat

 

Morgens - Vor der Sparkasse in Straubing parkt ein dunkelgrüner Fiat Punto. Darin sitzt ein Mann, der zu allem entschlossen ist, der Tatsache gewiss, dass er ohne das Geld keine Chance hat. Sie würden ihn töten, wenn er nicht zahlt. Zwar wird die Summe erst in einem Jahr fällig, aber Klaus Buchholdt möchte lieber kein Risiko eingehen, wer weiß schon, ob er bei diesem Mal auch Erfolg hat, vielleicht würde er mehrere Versuche brauchen. Er will das Geld so schnell wie möglich auftreiben, koste es was es wolle. Was soll denn seine Familie machen, wenn er einmal nicht mehr ist, sie wären verloren, würden im Schuldenberg versinken und letztendlich vom System zu Grunde gerichtet werden.

Nur noch einpaar kleine Handgriffe, er zieht sich eine mit Löchern versehene Strumpfhose über den Kopf und greift zu seinem Jagdgewehr. Jetzt muss er sich beeilen. Die Sparkasse ist gut besucht, wahrscheinlich hat schon einer der vielen vorbeigehenden Passanten seine Aufmachung entdeckt und erste misstrauische Blicke auf Klaus geworfen. Der Maskierte reißt seine Fahrertür auf und läuft so schnell er kann zur Eingangstür. Ihm ist bewusst, dass die Angestellten ohne Probleme im Notfall die Türen sofort sperren können. Deswegen muss er drin sein, bevor einer von ihnen ihn überhaupt sieht. Es sind nur noch wenige Meter bis zur Sparkasse – aber dann... Klaus rutscht auf der eisglatten Straße aus. Er kippt nach vorne über und stürzt mit dem Gesicht direkt auf den harten Asphaltboden. Ohne seinen blutigen Schürfwunden überhaupt Beachtung zu schenken rappelt er sich blitzschnell auf und rast weiter zur Eingangstür hin. Bereits zwei Sekunden nach seinem Sturz ist er bereits drin, sein Gewehr umfasst er mit seinen beiden Händen.

Klaus feuert einen Schuss in die Luft ab. Augenblicklich schreckt fast jeder in der Sparkasse auf, nur eine alte taube Frau hebt weiterhin unbehelligt Geld ab. „Alle sofort auf den Boden!“ Während er durch den Raum brüllt sieht er sich fast schon paranoid nach allen Seiten um, er weiß nicht ob Wachmänner hier sind, und will auch außerdem den sichersten Weg finden, hier so schnell wie möglich mit viel Geld rauszukommen. Nachdem er sich vergewissert hat, dass alle Personen auf dem Boden liegen – selbst die alte taube Frau, die sich inzwischen umgedreht und in einem ihrer Albtraumszenarien wiedergefunden hat – marschiert Klaus zum Tresen: „Steh auf!“ Er wird von Sekunde zu Sekunde nervöser, schließlich geht er davon aus, dass einer der Angestellten sicher schon einen solchen roten Knopf gedrückt hat, den man so häufig in Spielfilmen sieht, und der einen Alarm an die Polizei sendet. Während er sein Jagdgewehr nachlädt holt Klaus Buchholdt einen Jutesack aus seinem Wintermantel, in dem sich früher Getreidesamen befanden. „Vollmachen! Ich will alles Geld was ihr habt!“ brüllt er den ängstlichen Angestellten an, der sich langsam aufrichtet. Von rechts hinter ihm ertönt eine Stimme: „Machen Sie sich nicht unglücklich! Die Polizei wird jeden Moment hier sein! Stellen Sie sich, bevor noch jemand verletzt wird!“ Als Klaus sich in Richtung dieser Stimme wendet erblickt er einen alten Mann in der Uniform eines Wachmanns am Boden liegend, den er vorher noch nicht bemerkt hatte. Er stellt sich so seitlich neben den Schalter, dass er den Alten und den Sparkassenangestellten gleichzeitig beobachten kann. Während er zusieht wie sein Jutesack mit Scheinen aus einem kleinen Tresor gefüllt wird, geht er so sicher, dass der Wachmann keine Waffe zückt. „Mehr haben wir nicht da, der Geldtransporter war heute morgen hier.“ Von den Worten des Mannes am Schalter etwas enttäuscht schnappt er sich seinen nur spärlich gefüllten Jutesack und geht, immer den Blick in alle Richtungen gleitend, in Richtung des Uniformierten. Kurz bevor Klaus bei diesem ankommt beschleunigt er seinen Gang und greift mit einer schnellen Handbewegung nach dessen Pistole.

Nur wenige Augenblicke lang kann er dann das Gefühl genießen, die Situation zu beherrschen, dann hört er plötzlich Sirenen, erst ganz leise, dann immer lauter und vor allem immer mehr. Zu spät. Jetzt kann er nicht mehr weg. Aufgeregt schreit er die am Boden liegenden an: „Los alle aufstehen! Da nach hinten! Los!“ Mit der Pistole des Wachmanns schwenkt er zielend durch den Raum, macht Handbewegungen, die die Leute in eine kleine Kammer hinter den Schaltern treiben sollen. Ausnahmslos alle folgen dieser Aufforderung und Klaus geht mit ihnen in diesen Raum, immer die Waffe auf die Leute gerichtet, immer bereit zu schießen, wenn es sein müsste. Doch wäre er wirklich bereit dazu? Er kann ja nicht einmal Hühner töten, das macht auf ihrem Hof immer seine Frau. Und dann Menschen? Aber er würde es tatsächlich tun, wenn es die Situation erfordern würde. Klaus hat sich soeben in eine Lage gebracht, die zu beherrschen er unfähig ist. Er weiß nicht mehr weiter. Was soll er tun? Wie kommt er hier wieder lebend und vor allem unerkannt raus?

Wenn er aus der Tür herausblickt kann er durch die Fensterscheiben sehen, wie etliche Polizeifahrzeuge die Umgebung einkreisen. Dutzende Polizisten stehen dort, einige davon zielen mit ihren Waffen auf die Eingangstür, für den Fall er würde rauskommen. Und bei jedem Mal, bei dem er rausblickt, sind es wieder mehr. 15 Minuten sind nun vergangen, seit der erste Polizist vor der Eingangstür stand, jetzt sind es unzählige, von Klaus` Position aus gar nicht zu ermessen. Plötzlich klingelt ein Telefon. Er sieht sich um und entdeckt es dann an der Wand hängend hinter einer seiner Geiseln. „Los weg! Sofort! In die andere Ecke!“ Trotz seiner Verzweiflung wirkt Klaus in dieser Situation ziemlich selbstbewusst, auch wenn er es in seinem Innern absolut nicht ist. Die Angst treibt ihn an. Er hebt den Hörer ab und sagt kein Wort. „Hier spricht Polizeihauptkommissar Prön. Sind sie der Geiselnehmer?“ Die Stimme aus dem Telefon klingt verzerrt, der Polizeibeamte scheint mit seinem Handy schlechten Empfang zu haben. „Ja, verschwindet! Ich werde die Geiseln töten, wenn ihr mir nicht freie Fahrt lasst! Haut ab!“

 

 

Szene 17 – Schlechte Gewohnheiten

 

„Haben Sie die Akten zum Einbruch bei Tietzemanns zusammen, Spachtholz?“ fragt Polizeihauptkommissar Franz-Josef Neumann seinen Kollegen, während er mit seiner Kaffeetasse in der Hand in dessen Büro steht. „Ja natürlich, Herr Neumann. Die liegen dort vorne am Schreibtisch. Ist alles erledigt – können ins Archiv abgelegt werden.“ Markus Spachtholz steht unter Stress. Die Fälle, die ihm sein Vorgesetzter zuteilt werden von Tag zu Tag mehr. Fast bekommt er den Eindruck, dass dieser ihn auf dem Kieker hat und ihn deshalb so fordert. Aber für solche Gedanken bleibt ihm ja nicht all zu viel Zeit, denn der Berg an Akten alter und aktueller Fälle, der sich bei ihm stapelt, scheint sich nur langsam zu reduzieren. „Die Müller-Akte müsste heute auch noch fertig werden. Sie sollten nicht so trödeln, Spachtholz.“ Dieser Satz aus dem Mund eines kaffeeschlürfenden Vorgesetzten wirkt fast schon sarkastisch, denn die Arbeit die sich Franz-Josef Neumann selber auferlegt ist verschwindend gering. Markus Spachtholz fragt sich nicht selten, was sein Chef überhaupt den ganzen Tag mach. Akten wälzen jedenfalls nicht, auf dem Schreibtisch in seinem Büro findet man nur selten Unterlagen. Tja, Vorgesetzter müsste man sein.

„Herr Neumann, ich weiß dass diese ganzen Unterlagen noch fertig sortiert gehören, aber könnte der neue, der frisch von der Polizeischule gekommen ist, nicht einpaar davon abarbeiten? Ich würde ehrlich gesagt noch weiter an diesem Brunnstein-Fall arbeiten wollen.“ bittet Markus Spachtholz in der Hoffnung sein Vorgesetzter könnte einen Funken von Gnade wallten lassen. Aber das ist vergebens: „Der Brunnstein-Fall? So ein Unsinn! Der ist schon erledigt! Wir haben genug Beweise den Kerl für immer ins Gefängnis zu stecken! Ich bin mir sicher, der Richter wird ihn wegen Mordes aus niederen Motiven verurteilen. Schließlich hatte er eine Lebensversicherung auf seine Zweitfrau abgeschlossen. Spachtholz, Sie wollen sich doch nur vor der Arbeit drücken!“ „Nein, Herr Neumann, ganz und gar nicht! Aber ich halte die Indizien wirklich für sehr unschlüssig. Wieso bringt er seine Zweitfrau um, nur um 15.000 Euro zu bekommen? Wegen so einer Summe begeht man doch keinen Mord? Sicher glaube ich auch, dass er es wahr, aber der Fall ist noch nicht aufgeklärt! Es fehlt ein schlüssiges Motiv! Und die Sache mit den 7 Schüssen in den Kopf ist mir weiterhin ein Rätsel...“ Bevor Markus seine Einwände vollständig einbringen kann unterbricht ihn sein Chef: „Ach, hören Sie doch auf, Spachtholz, ich will nichts mehr davon hören. Der Fall ist klar und sobald wir den Brunnstein geschnappt haben bringen wir ihn hinter Gittern! Ich habe andere Kommissare auf den Fall angesetzt! Sie sind nicht mehr zuständig!“ Franz-Josef Neumann wendet sich ab und marschiert mit seiner inzwischen leeren Kaffeetasse raus aus dem Büro, wie ein Hund der sein Revier markiert hat und dann weiter zum nächsten Baum läuft.

„Verdammt!“ denkt sich Markus. „Warum nur ich?“ Nachdem er sich sicher ist, dass Neumann jetzt eine Weile wohl nicht mehr wieder kommt öffnet er die unterste Schublade seines Schreibtisches und entnimmt dieser eine kleine Keksdose und öffnet sie. Darin befinden sich Kaffeebohnen. Aber es ist nicht Kaffee, was Markus jetzt braucht. Der intensive Geruch der Bohnen ist nur ein Mittel sein Geheimnis zu wahren, schließlich gehen bei der Polizei Spürhunde ein und aus. Unter den Kaffeebohnen liegt eine kleine Tüte mit weißem Pulver. Markus geht nochmals zur Tür um sicher zu gehen, dass wirklich niemand kommt, dann setzt er sich wieder auf seinen Bürostuhl und lässt das weitere Prozedere schnell ablaufen. Er schüttet eine kleine Menge des Pulvers auf den Schreibtisch, nimmt ein kleines Röhrchen aus der Dose und saugt dann das Pulver durch die Nase ein. Sofort wirkt das Kokain und versetzt ihn in eine Art berauschten Zustand. Aber er kann noch klar genug denken die Spuren wieder verschwinden zu lassen – die Utensilien kommen zurück in die Dose und dann holt er ein kleines durchsichtiges Plastikfläschchen aus seiner Hosentasche. Er träufelt etwas von der Flüssigkeit auf die Stelle wo er das Kokain geschüttet hat und wischt es mit einem Tuch ab. Das Mittel benutzen normalerweise z.B. die Leute ,die die Drogenspürhunde ausbilden um den Geruch der Drogen von Gegenständen wieder abzukriegen. Normalerweise hat niemand Zugriff auf die Flüssigkeit, offiziell wird auch vermieden überhaupt zu erwähnen dass es sie überhaupt gibt, aber Markus ist es gelungen etwas davon zu stehlen. Die Drogen sind das einzige was ihn vorantreibt. Und außer ihm selbst weiß niemand davon.

 

 

 

Szene 18 – Das Zucken eines kleinen Fingers

 

Die Lage ist weiterhin angespannt. Kommissarin Monika Görtz und Wachtmeister Peter Julovski gehören zu den vielen Polizisten ,die die Sparkasse nun eingekreist haben. Das Gelände ist weiträumig abgesperrt worden, die Angst vor einer Schießerei sitzt jedem beteiligten im Nacken. Obwohl sie am vergangenen Morgen festgestellt hatten, dass Rüdiger Brunnstein im Krankenhaus war, haben sie keine Meldung gemacht, die Geschichte im Bericht so umgestellt, dass der aus dem Krankenhaus verschwundene Mann nicht identifizierbar war, die wichtigen Aufnahmen der Überwachungskameras haben sie sogar ganz weggelassen. Doch warum taten sie das? Sie wissen nichts von den Spitzeln und Hintermännern in der Polizei, oder dem Netzwerk der Kriminalität, das die Gegend fest in der Hand hat. Aber sie kennen Rüdiger Brunnstein.

5 Stunden sind inzwischen vergangen, seit Klaus Buchholdt die Sparkasse gestürmt hat. Inzwischen ist der Kontakt zwischen Geiselnehmer und der Polizei abgebrochen. Als Klaus gefragt wurde, was er fordere, hat er einfach den Hörer aufgelegt und dann die Telefonleitung gekappt. Hinter dieser Vorgehensweise steckte kein Plan, er weiß einfach nicht mehr weiter. Wie soll er hier rauskommen ohne geschnappt zu werden. Die Geiseln sind nun seine einzige Sicherheit, das Geld hat er inzwischen total vergessen.

„Du da, herkommen, sofort!“ brüllt Klaus plötzlich einen älteren Mann an, als ist ihm gerade in diesem Moment eine Idee gekommen. Mit deutlichen Handbewegungen dirigiert er ihn in Richtung des Haupteingang, folgt ihm und hat dabei immer ein Auge auf die restlichen Geiseln, sich ständig der Gefahr durch einen Angriff von hinten bewusst. „Bleib stehen!“ Klaus schließt die Tür zum Raum, in dem er die Geiseln gefangen hält und versperrt sie dann zusätzlich mit dem Schlüssel, den er sich von einem der Angestellten besorgt hat. Langsamen Schrittes marschiert er zu der Geisel, die er für seine Flucht erwählt hat. Seine verschwitzten Hände umklammern gemeinsam die Pistole und richten sie von hinten auf den Mann während er ihm mit einer fast schon sanft klingenden Stimme zuflüstert: „Tut mir leid. Geh nach draußen!“ Die Geisel folgt Klaus` Aufforderung, schreitet langsam zur Tür hinaus, von allen Seiten von der Polizei beobachtet – es herrscht Totenstille als ein weiterer Befehl die Ohren der Geisel erreicht: „Bleib stehen!“ Während er sich umsieht und die vielen Polizisten entdeckt überfällt ihn plötzlich eine Panikattacke. Er zittert, seine Muskeln verkrampfen sich und dann – ein Schuss. Eine Fontäne aus Blut entlädt sich aus dem Kopf der Geisel kurz bevor ihr lebloser Körper wie ein nasser Sack zu Boden fällt, zusammen mit der Pistole, die Klaus aus seinen vor Schreck erstarrten Händen glitt. Im Hintergrund gibt ein ranghoher Polizist den Befehl zuzuschlagen. Binnen Sekunden, ehe Klaus überhaupt realisiert hat, was da gerade passiert ist, wird er von Polizisten mit dem Vorderkörper auf die Motorhaube eines Streifenwagens gedrückt und ihm werden Handschellen angelegt. Dann hat er minutenlang einen Blackout, bemerkt nicht mehr was mit ihm geschieht.

Erst nach einer Weile, nachdem er wieder bei Sinnen ist, findet er sich mit Handschellen und von einem Polizisten bewacht im Inneren eines Polizeibusses wieder. Vor wenigen Minuten erst hat er mit dem Zucken eines kleinen Fingers das Todesurteil eines Menschen besiegelt, eines Menschen dessen Name er noch nicht einmal kannte. Klaus weiß nicht, ob er vielleicht eine Frau hat, deren Leben er nun zerstört hat, oder Kinder, vielleicht auch Babys, die ihren leiblichen Vater nie kennenlernen dürfen. Er weiß absolut nichts von diesem Mann, von seiner Vergangenheit, von seiner Gegenwart, und doch wählte er ihn aus diesen vielen Menschen.

Klaus schielt aus den verdunkelten Fenstern. Schaulustige säumen die Straße, erstaunt durch die ungewöhnlich große Polizeiwagenkolonne, manche von ihnen haben auch schon in den Nachrichten von der Geiselnahme gehört. Ihre Blicke wirken auf ihn wie stille Urteile, auch wenn sie ihn eigentlich nicht sehen können. Nun ist er ein Mörder.

 

 

Szene 19 – Ausgeliefert

 

Langsam öffnet er seine verquollenen Augen, während er sich von Gedanken zerfressen zurück in der Realität findet. Schon wieder diese kahlen weißen Wände, schon wieder ein weißes Bett, schon wieder im Krankenhaus. Allmählich kommt die Erinnerung zurück. Rüdiger folgte dem Obdachlosen, was hätte er auch anderes tun sollen, aber nachdem er erst einige Schritte gegangen war, brach er zusammen, bewahrte sich noch mit einer letzten Handbewegung davor, mit dem Kopf aufzuschlagen. Und dann waren da wieder diese Schneeflocken, doch ehe er auch nur eine einzige davon in seinem Blick separieren konnte wurde plötzlich alles schwarz.

Rüdiger steht auf, diesmal durch keine Drähte an der Bewegung gehindert und sieht nach draußen. Die einzelnen Flocken haben sich nun in ein heftiges Schneetreiben verwandelt, dicke Schichten der weißen Kristallmasse überdecken die Straßen und Häuser. Kein Mensch läuft da draußen noch rum, nur ein Auto bahnt sich im Schritttempo den Weg. Plötzlich bemerkt er ein seltsames Gefühl, um genau zu sein, er bemerkt nichts. Sein Bein tut kaum noch weh. Rüdiger ist sicher dass er das Schmerztabletten verdanken muss, er fühlt sich etwas benommen, als hätte er sich in seiner Stammkneipe die Kante gegeben. Und der Gips am Bein ist auch anders, seltsam wirkende metallische Stücke ragen aus ihm heraus. Alles in allem ein viel besseres Gefühl als vorher. Er humpelt zum Bett zurück und legt sich wieder hin.

Wie soll es jetzt weiter gehen? Wahrscheinlich haben sie ihn schon identifiziert, dann steht vor der Tür auch sicher ein Wachposten. Und das Fenster kann man auch nicht öffnen. Doch selbst wenn – bei dieser Kälte und dem Schneetreiben draußen herumrennen? Dann landet er doch nur wieder hier, das bringt alles nichts. Generell muss er sich etwas neues einfallen lassen. Flucht funktioniert nicht – sollte er sich stellen? Aber die Polizei, die Organisation – er kann doch keinem mehr vertrauen. Jemand neutrales müsste her, aber wo soll er so jemanden herbekommen? Egal wen er fragt, alle würden ihm doch den Rat geben zur Polizei zu gehen, oder schlimmer noch, sie würden vielleicht sogar selber die Polizei rufen. Und wenn die Polizei ihn hat, dann hat ihn auch die Organisation, alles ist ein zusammenhängendes Netzwerk. Aber Moment: Hat ihn die Polizei nicht eigentlich schon? Um das zu erfahren müsste er doch eigentlich nur einmal vor die Zimmertür gehen, die Befürchtung, dass es so ist, hindert ihn aber daran. Möglicherweise könnte es doch für ihn auch erst mal von Vorteil sein, den Bewusstlosen zu mimen? Wie so oft kann Rüdiger seine Gedankengänge nicht zu Ende verfolgen: Die Tür öffnet sich.

Reflexartig sieht Rüdiger die Person an, die ihn da besuchen kommt, und die Person blickt zurück. Die beiden kennen sich. Rüdigers Atem wird schwer, seine Hände verkrampfen sich in ihrem Halt an der Bettdecke und ein leiser Laut entweicht seiner Stimme: „Raphael!“ Mit ihm hätte er am aller wenigsten gerechnet. Wieso findet ihn die Organisation früher als die Polizei? Stecken da etwa noch viel mehr drin, als er zu wissen geglaubt hat?

Gemächlich stolziert Raphael zu seinem wehrlos im Bett liegenden Gesprächspartner und bleibt nur einen Meter vor ihm stehen. „Du dachtest doch nicht allen Ernstes, du könntest uns entkommen? Es war nur eine Frage der Zeit, bis du uns in die Arme läufst, wir mussten nicht einmal nach dir suchen.“ Er hält einen Moment in seinem Monolog inne, um Rüdiger die Chance einer Antwort zu geben. Als diese aber nicht kommt redet er weiter: „Deine Sperenzchen haben dem Chef aber gar nicht gefallen, du hast uns eine Menge Geld gekostet. Als du uns bei dem Bruch den Wagen geklaut hast, mussten wir einen Haufen wertvollen Plunder zurücklassen. Du bist also quasi schuld daran, dass 3 Menschen umsonst gestorben sind, macht dich das stolz? Vielleicht genauso stolz wie die Tatsache, dass auf Grund deines Ungehorsams deine geliebte kleine Ingrid von uns getötet werden musste? Aber keine Angst, sie hatte ein schönes Ende, wir haben uns noch einmal vorher alle mit ihr amüsiert.“ Ein teuflisch hämisches Grinsen ziert Raphaels Gesicht, während er Rüdiger verbal tausende von Nadelstichen mitten ins Herz versetzt. „Was glaubst du, was wir jetzt mit dir anstellen? Glaubst du wir werden dich einfach so gehen lassen? Mit Sicherheit nicht! Glaubst du wir werden dich auf der Stelle erschießen? Da kennst du uns aber schlecht! Was wäre es denn für eine Gnade, wenn wir dich einfach ins Jenseits schicken? Dann hättest du es hinter dir! Nein, so einfach kommst du uns nicht davon! Du wirst erleben müssen, wie grausam die Welt sein kann, du wirst tun was wir dir sagen, du wirst zusehen, wie Menschen sterben, und du wirst selber morden. Und dann, sollte der Chef einmal keinen Gefallen mehr an dir haben, wirst du, so grausam es nur geht, hingerichtet! Und damit du dich immer daran erinnerst, dass du uns gehörst...“ Raphael zieht ein Messer und ohne auch nur einen Moment mit Erklärungen zu vergeuden packt er Rüdigers Kopf. Mit einem geübten Handgriff ritzt er mit mehreren tiefen Schnitten ein X in auf seine rechte Wange. Als Raphael ihn wieder loslässt greift Rüdiger sich an die blutende Stelle und sieht ihn fragend und verängstigt an. „Jetzt bist du offiziell unser Besitz. Versuch gar nicht erst zu flüchten. Jeder unserer Informanten und Mittelsmänner erkennt dieses Zeichen sofort, und du bist in Kürze wieder bei uns. Ab sofort gehst du nur noch hin, wo wir dich hin schicken und du tust nur das, was du von uns gesagt bekommst! Du hast keinen freien Willen mehr, du hast nicht das geringste Recht auf eine eigene Meinung. Jeder kleinste Ungehorsam kostet dich einen Finger, solltest du größeren Mist bauen können wir auch einpaar deiner Verwandten töten. Vergiss alle Moralvorstellungen! Du tust gut daran, einfach nur zu handeln und keine Fragen zu stellen! Und jetzt schlaf gefälligst weiter, morgen holen wir dich ab!“

Ohne eine Sekunde auf die Reaktion von Rüdiger zu warten geht Raphael zur Tür hinaus und durch den Flur des Krankenhauses in Richtung Ausgang. Während er gemächlich einen Schritt vor den anderen setzt macht er auf die umstehenden Krankenschwestern, Ärzte und Patienten einen Eindruck als könne er kein Wässerchen trüben. Niemand würde bei seinem Anblick auch nur im Entferntesten vermuten, dass er gerade eben einen Menschen versklavt hat. In seinen Augen spiegelt sich nicht ein Funke seiner krankhaften Psyche wider. Raphael hat kaum mehr Moralvorstellungen als Pedro, er ist skrupellos und machtgierig. Vielleicht wäre aus ihm ein ehrlicher und anständiger Mensch geworden, hätte er die richtigen Vorbilder gehabt. Aber die hatte er nicht. In seinem Elternhaus schon lernte er das grundlegendste Gesetz der Natur, das Überleben des Stärkeren, als wichtigste Lebensregel kennen. Sein Vater war schwer alkoholabhängig, er schlug und misshandelte seine Mutter fast täglich, manchmal musste sie deswegen sogar ins Krankenhaus. Die Polizei ermittelte natürlich nach einer Weile, woher die schweren Verletzungen kamen, aber der Vater drehte immer alles so, dass irgendwelche fiktiven Banden sie auf der Straße überfallen hätten. Und da die Mutter immer aus Angst die Geschichten bestätigte konnte die Polizei nicht eingreifen. Raphael wurde nur selten geschlagen, meistens ignorierte der Vater ihn vollkommen, nur wenn er manchmal versuchte mit ihm zu reden wurde der Vater handgreiflich, und brach ihm einmal sogar 3 Rippen. Eines Tages dann, als Raphael gerade 14 war, kam der Vater wieder mitten in der Nacht sturzbetrunken nach Hause und schlug ohne Vorwarnung mit dem Stuhl auf seine Frau ein, die zu dem Zeitpunkt gerade noch geschlafen hatte. Raphael hörte schreie, er wusste was los war, er hatte es schon kommen sehen, als der Vater Abends zum Trinken wegging. Aber dieses Mal war alles anders, dieses Mal würde er einen Schlussstrich ziehen, irgendwann muss es aufhören. Er hatte sich schon alles überlegt, die Axt gekauft und in seinem Schrank bereitgelegt. Jetzt würde alles was passiert ist gerächt werden. Ohne es selber zu bemerken verfiel er in einen betörenden Rausch - der Drang den Bastard, der sich sein Vater nennt, endgültig ins Jenseits zu befördern brachte jenes teuflische Grinsen in sein Gesicht dass er in seinem späteren Leben so oft präsentieren wird.

Als die Polizei kam war alles schon zu spät. Die Mutter saß weinend in der Ecke, während Raphael die Axt fest mit beiden Händen umklammernd vor der zerstückelten Leiche seines Vaters stand. Blut überall – an den Wänden, am Boden, auf dem Bett, auf der Mutter und natürlich auch auf Raphael. Er hatte sich nicht mehr beherrschen können, war dem Blutrausch erlegen, immer und immer wieder schlug er auf den Körper ein, hatte eine Freude daran mit bloßen Händen die Gedärme aus dem zerfetzten Leichnam zu ziehen.

Raphael wehrte sich nicht gegen seine Festnahme, er versuchte auch nichts abzustreiten. Im Verhör erzählte er jedes einzelne Detail seiner Tat, wie er sie geplant hat, aber natürlich auch warum er es getan hat. Der Richter folgte dann dem Antrag der Staatsanwaltschaft und er wurde psychologischer Behandlung unterstellt. Dies war der Moment als ihm die Organisation zum ersten Mal begegnete. Der Psychologe war kaum darum bemüht Raphael zu heilen. Er weihte ihn Stück für Stück in die ganze Wahrheit ein, erklärte ihm wie das Netzwerk funktioniert, und warum gerade Leute wie er gerne aufgenommen werden. Schließlich beschrieb er Raphael auch wie er sich zu verhalten habe, um als geheilt zu gelten und aus der Behandlung frei zu kommen.

 

 

Szene 20 – Tausend Fragen

 

Während draußen die Sonne im Horizont versinkt kann ihr Blick nicht von den Zeitungsfetzen lassen. Sie steht im Keller, fahles Licht lässt ihre Haut blass erscheinen, obwohl ihr Teint eigentlich ein eher dunkler ist. Vor ihr hängen an einer Pinnwand Zeitungsausschnitte, alle mit dem selben Thema. Schlagzeilen wie „Mord in Pocking“, „Pockinger mit Doppelleben tötet seine Frau“ oder „7 Kugeln in den Kopf“ lassen keinen Zweifel zu – sie ist sehr an dem Leben von Rüdiger Brunnstein interessiert. Wobei das sogar etwas untertrieben gesagt sein könnte. Nicht nur die Zeitungsausschnitte zeugen davon, dass sie regelrecht in Rüdigers Geschichte vernarrt ist, auch Dutzende von Akten, die die Regale neben ihr füllen sind ein untrügerisches Zeichen. Sogar für die Öffentlichkeit unzugängliches Material über Rüdiger stapelt sich in ihrem kleinen Keller wie Heu in einer Scheune. Da ran zu kommen, war zwar alles andere als legal, aber ebenso auch alles andere als schwer. Als Polizistin hat sie Zugang dazu, und bis jetzt hat noch niemand ihre private Spurensuche bemerkt.

Nur ein Mensch weiß außer ihr davon, und dieser geht jetzt die Treppe hinab zu ihr in den Keller. Die alten Holzstufen kündigen sein kommen durch lautes Knirschen an, und so ist ihr Blick bereits ihm zugewendet, als seine Füße den kalten Boden des Kellers erreichen. Gerade von der Arbeit gekommen, sieht er sie erschöpft an: „Hast du etwas neues rausgefunden, Monika?“ „Nein, Peter, noch nix. Ich komme einfach nicht dahinter. Irgend etwas stimmt einfach nicht in dieser Geschichte. Es gibt einfach so unendlich viele Fragen: Wieso ist er weggegangen? Wieso hat er sie umgebracht? Wieso die 7 Kugeln? Wieso?“ Tränen der Verzweiflung wandern ihre Wange entlang und hinterlassen an ihren Lippen einen salzigen Geschmack. „Denkst du er erinnert sich noch an mich? Glaubst du er würde mich überhaupt noch wiedererkennen? Und dann bleibt noch die entscheidende Frage: Würde er mich überhaupt wiedersehen wollen?“ Peter Julovski nähert sich seiner Freundin und tröstet sie. Nicht mit Worten, er nimmt sie in die Arme und sie klammert ihre Hände an ihn, immer noch weinend und innerlich von Fragen zerfressen. Minutenlang verharren sie so in vollkommener Stille.

Aber nicht nur die Verzweiflung ist Grund für ihr Sehnen nach Nähe zueinander, viel mehr verbindet sie. Den ganzen Tag lang durften sie ihre Gefühle nicht zeigen, dem Dienstalltag frönen, als würden sie nie was anderes wollen. Aber jetzt dürfen sie sich frei entfalten, niemand da, der sie beobachten könnte, niemand, dem diese Liebe als Anlass dienen könnte, eine Versetzung der beiden in unterschiedliche Abteilungen zu fordern. Jetzt waren sie allein, nur Monika und Peter, und sonst niemand. Der Halt seiner Arme lässt sie wie in einem Bett versinken und all die Sorgen vergessen. Monika spürt wie sein Herz langsam schlägt, wie im Rhythmus eines schönen Liedes, das nie aufhören sollte. Die vielen Akten sind vergessen. Die Namen, die Orte, die Fragen – aufgelöst in der wohligen Wärme der Umarmung.

Nach einer Weile löst sich ihre Umklammerung. Monika blickt zu Peter hinauf und sieht in seine dunklen Augen: „Du hast sicher schon Hunger, ich mach dir sofort was.“ Die Rollen in ihrer Beziehung sind klassisch verteilt, ohne ein morbides Weltbild zu verfolgen. Und irgendwann, so ist zumindest ihr Plan, werden sie mit den Lügen aufhören, dann wird sie ihre Stelle kündigen und sie gründen eine Familie. Aber noch nicht jetzt, es wäre zu früh, sie kennen und lieben sich erst seit einem halben Jahr. Doch trotzdem fühlen sie sich bereits mehr verbunden als viele Paare die schon länger zusammen sind.

Ihre Hand gleitet langsam von seinem Arm zu seiner Hand und löst sich schließlich nur zögerlich an seinen Fingerspitzen von ihm.

 

 

Szene 21 – Macht oder Wahrheit

 

„...und das, sehr verehrte Damen und Herren, ist der Grund, warum es hier in Regensburg nicht weitergeht!“ Schallender Applaus erfüllt den Raum als Stefan Wörm seine Rede am Podium bei der morgendlichen Stadtratssitzung mit entschlossener Gestik beendet. Und das, obwohl seine Chancen verhältnismäßig schlecht stehen. Noch nie hat es ein Mitglied seiner Partei FSPD ins Bürgermeisteramt geschafft, und auch wenn seine Umfrageergebnisse verhältnismäßig gut aussehen – die der anderen sehen noch besser aus. Aber noch ist nichts entschieden, noch hat er einige Wochen bis zur Wahl. Und dann zeigt sich, ob sich all die Jahre auszahlen, all die Jahre, in denen er sich vom Wahlhelfer bis zum Stadtratsvorsitzenden hochgearbeitet hat. Jetzt ist er mittlerweile 52, sein ehemals so dichtes schwarzes Haar bildet langsam Geheimratsecken aus und die gesundheitlichen Probleme werden von Tag zu Tag schlimmer. Wenn er es jetzt nicht schafft – wann dann?

Stefan Wörm setzt sich zurück an seinen Platz und verfolgt gebannt die Auftritte der anderen Politiker. Dies ist keine Wahlveranstaltung, es sind keine Wähler anwesend, die er beeindrucken hätte müssen, aber er hat das Ziel fest vor Augen, und er kämpft innerlich selbst dann noch weiter dafür, wenn er ganz allein ist.

Nachdem die letzten Reden gehalten und die letzten Beschlüsse gefasst worden sind, leert sich der Sitzungssaal allmählich. Und auch Stefan Wörm findet den Weg durch die Tür nach draußen, hin zu seinem silbergrauen Opel Corsa C. Doch ehe er auch nur den Autoschlüssel aus seiner Jackentasche kramen kann, tippt ihn von hinten jemand an. Als er sich umdreht entdeckt er einen beleibten Mann Mitte 40, dessen Kopf ein Echthaartoupet schmückt. „Guten Tag Herr Wörm, mein Name ist August, Hans August. Ich bin ein großer Bewunderer ihrer Arbeit und verfolge ihre politische Karriere schon seit Jahren aufmerksam. Mir ist zu Ohren gekommen, sie hätten Schwierigkeiten mit der Finanzierung der Wahlwerbung?“ Verdutzt schaut Wörm den Fremden an, und fragt sich, woher er diese Information wohl habe. Für die Öffentlichkeit war sie ja nicht bestimmt.

Die beiden Männer kommen ins Gespräch, und Hans August behauptet weiter, er wolle Stefan Wörm nur aus Nächstenliebe mit etwas Geld unterstützen. Die Unterhaltung wird immer ausführlicher, Details werden abgeklärt und Gründe erläutert. Nach einer Weile führen die beiden Herren, um der Kälte zu entkommen, das Gespräch in einem nahegelegenen Wirtshaus weiter.

Während Wörm an seinen Spaghetti mit Lachssahnesauce isst kommt Hans August langsam zu dem Thema, das ihn in Wirklichkeit her führt: „Nun, das mit dem Geld haben wir ja dann geklärt, ich werde es an ihr Wahlbüro überweisen. Ich hätte aber dann noch eine Möglichkeit sie zu unterstützen.“ Wörm blickt von seinem Teller rauf zu seinem Gesprächspartner und vergisst eine Sekunde lang zu kauen. „Mein Chef ist sehr daran interessiert, dass sie diese Wahl gewinnen. Er möchte, dass Sie ihre politischen Ziele durchsetzen können, weil ihm ihre Vorstellungen der Restrukturierung gefallen.“ „Das ist ja schön und gut,“ reagiert Stefan Wörm, während er noch die letzten Spaghettinudeln runterschlingt, „aber wie will er mir denn helfen?“ Auf diese Frage hat Hans August nur gewartet. Er beugt sich vor zu Wörm und fährt mit seiner Schilderung deutlich leiser fort: „Nun, wir kennen Leute, die wiederum Leute kennen, die ihre Wahl positiv beeinflussen könnten.“ „Wahlwerbung? Nur zu – ich hab nichts dagegen.“ Etwas über dieses Aussage überrascht erklärt Hans August weiter: „Ich rede nicht von einfacher Werbung. Nein, was ich ihnen bieten kann ist der sichere Sieg. Und sie müssen nichts dafür tun, als weiter ihrer Politik nachzugehen und für die Zeitungen zu lächeln.“ Mit einem leichten Entsetzen in den Augen hört sich der Politiker die Erklärung seines Gegenübers an. „Wir wollen sie ja nicht kaufen, so ist das nicht. Uns gefällt nur ihre Politik. Und wer käme denn da schon zu Schaden? Niemand – höchstens ihre Wahlkampfkonkurrenten, die dann eben mit einpaar Hundert Euro im Jahr weniger auskommen müssten. Ich und Sie, wir wissen doch, dass Ihre politischen Ziele die Besten sind. Sie können etwas bewegen, die Welt ein kleines Stückchen besser machen. Aber dazu müssen Sie diese Wahl gewinnen, und wenn es nicht auf konventionellem Wege geht, weil die Wähler die Augen nicht aufmachen, dann müssen wir eben einbisschen nachhelfen.“

Während Hans August seinen Vortrag hält schlägt das Herz von Wörm immer schneller. Er war doch immer ein ehrlicher Politiker, aber jetzt kann er nicht einfach aufstehen und gehen. Die Chance ist so nah, endlich jemand sein zu können, endlich Einfluss zu haben. In ihm kämpfen zwei Meinungen gegeneinander, beide mit dem Ziel ausgesprochen zu werden: Soll er die Wahl ehrlich bestreiten, auch wenn er kaum eine Chance hat oder soll er seine Wähler betrügen. Letzteres rechtfertigt Wörm innerlich damit, dass er ihnen mit dem Betrug ja dann eigentlich nur hilft, denn schließlich würden seine Reformen zum Wohlstand aller beitragen.

„Sie müssen sich natürlich nicht sofort entscheiden, Herr Wörm. Lassen sie sich ruhig Zeit.“ Der ältere Herr redet so langsam und einfühlsam mit Wörm, dass dies beinahe die Dubiosität seines Angebots überdeckt. Gemächlich steht Hans August auf und nimmt seine Jacke von der Stuhllehne, an die er sie vorher gehängt hatte. „Und wie erreiche ich sie?“ fragt Wörm mit einem verwirrten Blick. „Gar nicht. Ich melde mich bei Ihnen, machen Sie sich darüber keine Gedanken.“

 

 

Szene 22 – Inbesitznahme

 

„Brunnstein, du alte Dreckssau, steh endlich auf!“ Das sind die ersten Worte die Rüdiger hört nachdem er von fremden Händen geschüttelt aufwacht. Als er langsam seine Augen öffnet, entdeckt er die Gesichter zweier Menschen, von denen er sich wünscht sie nie getroffen zu haben. Die Tatsache, dass er überhaupt eingeschlafen ist, kann sich Rüdiger nur dadurch erklären, dass in dem mageren Abendessen, das er bekam wohl ein Schlafmittel gewesen sein muss. Anscheinend wollte sich jemand die Arbeit ersparen auf ihn aufzupassen. Im Nachhinein betrachtet wäre es natürlich sinnvoller gewesen er hätte vorsichtshalber nichts gegessen und dann einen Fluchtversuch gewagt – aber um das zu ahnen war Rüdiger wohl noch nicht paranoid genug.

„Der Doc hat gesagt du kannst schon wieder laufen, aber das brauchst du nicht, wir wollen dir ja schließlich nicht zu viele Freiräume gewähren. Freiheit ist ja das letzte was du als unser Eigentum spüren sollst.“ Während Raphael noch seine herrische Rede hält schiebt Pedro einen Rollstuhl an das Bett von Rüdiger um ihn dann über die weitere Verfahrensweise zu unterrichten: „Steig ein! Wir binden dich fest, damit du nicht abhauen kannst. Dann kommst du erst mal wieder zu einem alten Bekannten, der hat noch ne persönliche Rechnung mit dir offen – schließlich sieht er es nicht gerne, wenn man nicht das tut, was er einem sagt.“ Zögerlich rafft Rüdiger sich hoch und geht den Anweisungen nach. Sofort als er im Rollstuhl ist, schließt Pedro ein Schloss, mit dem er eine dicke Stahlkette um seine Hüften am Stuhl festmacht. Die Kälte des Stahles wirkt schon fast erfrischend in Anbetracht der Tatsache, dass Rüdiger die ganze Nacht in einem völlig überheiztem Raum verbringen musste. Selbst die kleine Zimmerpflanze in der Ecke wird wohl unter der Hitze gelitten haben, denn ihre Blätter hängen schlaff herunter. Vielleicht ist dies aber ja gar nicht der Grund für den Zustand der Pflanze, vielleicht spürt sie ja das Leid, dass sich um sie herum abspielt, den inneren Schmerz, der Rüdiger quält, die immer blutiger werdende Rache der Organisation – vielleicht fühlt die Pflanze mit Rüdiger?

Plötzlich spürt er einen Stich in seinem linken Oberarm. Er dreht sich um und sieht, dass Pedro eine Spritze in seinen Arm geschlagen hat, und nun mit Druck auf den Kolben eine merkwürdige klare Flüssigkeit in seinen Körper pumpt. Doch er hat keine Möglichkeit zu reagieren – binnen weniger Augenblicke spürt er zunächst seine Finger und Zehen, dann seine Hände, seine kompletten Beine und Arme nicht. Trotz seines verzweifelten Versuches wach zu bleiben verliert er schließlich sein Bewusstsein.

Als er aufwacht kann er zunächst die Augen nicht öffnen. Rüdiger spürt eine Kunstfaser an der Stelle, auf der seine Hände mit Fesseln verbunden ruhen, eine ständige Vibration durchzieht seinen Körper. Er sitzt aufrecht, Straßenlärm um ihn herum. Fußgänger reden über Dinge, die für sie vielleicht von Bedeutung sind, aber bei denen Rüdiger nur den Kopf schütteln könnte, angesichts der Tatsache, was er nun für Probleme hat. Die beiden Handlanger der Organisation hatten etwas davon gesagt, dass er zu jemandem kommen würde, den er bereits kennt – aber wen? Es kommen nicht viele Leute in Frage – vielleicht der Mann, der ihm Herrn Stahl vorgestellt hat – vielleicht sogar zu Herrn Stahl persönlich – oder vielleicht doch zu jemandem mit dem er gar nicht rechnen würde? Schließlich weiß er mittlerweile nicht mehr, wer zur Organisation gehört – vielleicht jemand aus seinem engsten Bekanntenkreis, von dem er es nie erwartet hätte, jemand der noch eine offene Rechnung mit ihm zu begleichen hat? Woher soll er schon wissen, wie weit verzweigt die Organisation ist? Sie muss aber sehr mächtig sein – wenn sie dich finden wollen, dann finden sie dich, egal wo du bist. Wenn sie dich töten wollen, dann töten sie dich, egal wer dich beschützt. Was auch immer sie wollen, sie kriegen es, und du kannst nichts dagegen tun. Rüdiger ist sich der Tatsache bewusst, dass eine Flucht egal in welche Richtung zwecklos wäre, sie sind doch sowieso überall. Doch bei seinem verzweifelten Versuch zu entkommen half ihm zumindest die Hoffnung, dass sie vielleicht nur hier in Niederbayern so viel macht haben, vielleicht im Rest von Bayern nicht? Oder zumindest im Rest von Deutschland? Notfalls wäre er auch ins Ausland geflohen – doch soweit kam er ja nicht.

Seine Augen öffnen sich. Er sieht wie die Landschaft langsam an ihm vorbeigleitet. Er rollt auf dem Bürgersteig einer kleinen Seitenstraße in einem ärmlich wirkenden Stadtviertel in seinem Rollstuhl entlang. Raphael und Pedro sind wohl hinter ihm, er kann sie nicht sehen, doch noch fehlt ihm die Kraft seinen Kopf zu drehen um sich zu vergewissern. Auf dem Asphalt kommen ihm Elefanten, Vögel und Häuser entgegen – allesamt mit Malkreide erschaffen. Diese bunten Gestalten lassen Rüdiger wehmütig an die Vergangenheit denken, an seine Kindheit, als er mit seiner kleinen Schwester ganze Straßenbreiten mit halbkünstlerischen Bildern  von Pferden, Autos und ähnlichem verziert hat. Seine Schwester liebte Pferde, sie wollte immer schon reiten, und dann bekam sie irgendwann einen schwarzen Hengst. Rüdiger freute sich mit ihr, damals war er 24 und sie 14. Ihre Eltern waren beide Anwälte und verdienten gut, deshalb war dies keine große Investition. Doch das Geld seiner Eltern schürte bald schon Selbstzweifel in Rüdiger, er hatte in diesem viertel Jahrhundert, das er schon lebte, bisher nichts erreicht. Er hatte keine einzige Ausbildung zu Ende gemacht, noch nie eine langanhaltende Partnerschaft geführt – alles was er hatte, hatte er von seinen Eltern. Es gab nur einen Ausweg, um sich jemals aus dem Schatten von Vater und Mutter zu erheben – er musste weg. Kurzerhand packte er seine Koffer, stahl seinen Eltern Geld und reiste ohne ein Ziel vor Augen ab.

 

 

Szene 23 – Die Männer am Hafen

 

Während der Fluss der Natur in seinen teilweise von Menschenhand geschaffenen Bahnen folgt und dabei abgestorbene Zweige und Blätter mit sich trägt, als wären es kleine Schiffe, sitzt Ariane an der Reling des kleinen Hausbootes. Sie und Hugo sind schon mehrere Tage unterwegs, doch immer noch verfolgt sie die Angst, es könnte sie doch noch jemand finden, und dann würden die von der Organisation keine Gnade kennen. Manchmal, nachts, wenn sie schweißgebadet aus einem grauenvollen Traum aufwacht, erwächst aus der Angst auch pure Verzweiflung und ein Hass gegen sich selbst. Warum hatte sie sich denn auch darauf einlassen müssen? Sie hatte die freie Wahl, doch trotzdem wollte sie diesen kriminellen Weg gehen – nur des Geldes und der Macht wegen.

In ihren Träumen ist es Nacht. Ariane sieht sie immer einen blutenden Mond, und während sie von der Straße auf ihn blickt bebt die Erde. Die Straße bekommt Risse, die sie umkreisen. Aus den Rissen werden Spalten und schließlich Schluchten. Und dann, ehe sie sich versieht, kann sie plötzlich weder vor noch zurück – ein Abgrund an allen Seiten versperrt ihr den Weg. Wie aus dem Nichts steht dann Pedro vor ihr. Das Ende des Traumes kennt sie nicht – an dieser Stelle wacht sie immer auf, zu groß ist die Angst, ihm in die Augen sehen zu müssen, ohne zu wissen, wie diese Begegnung enden würde.

"Wir legen hier an, uns geht bald das Benzin aus, es wird nicht lange dauern glaube ich." Hugos Worte wecken Ariane aus dem Tagtraum, in den sie verfiel, als sie die Wellen beobachtete, wie sie gegen das Schiff schlugen. Immer eine nach der anderen, wie eine kleine unermüdliche Armee, die eigentlich schon weiß, dass sie den Kampf nicht gewinnen kann. "Du musst nicht mit an Land kommen, wenn du nicht willst. Versteck dich in der Kajüte wenn du Angst hast, gesehen zu werden." All zu viel Zeit gibt Hugo seiner Mitreisenden zum Überlegen nicht. Mit dem Geschick eines langjährigen leidenschaftlichen Bootsfahrers manövriert er sein schwimmendes Haus an den selten besuchen Betonsteg des Hafens. Doch Ariane betrachtet sein energisches Treiben lieber nicht aus der Nähe. Vom Fenster der Kajüte aus hat sie einen guten Blick auf den Hafen ohne selber Gefahr zu laufen gesehen zu werden. Sie bemerkt aber schnell, dass die gesamte Uferpromenade fast menschenleer ist, einpaar Leute laufen herum, und am Kiosk stehen noch zwei, aber sonst niemand. Vielleicht könnte sie es ja doch wagen, vielleicht könnte sie einen Schritt an Land setzen, ohne dass sie jemand sieht, der sie nicht sehen sollte. Sie ist eine Landratte, vermisst es schon so sehr festen Boden unter den Füßen zu haben, anstatt dieses ständigen Geschwankes Tag und Nacht. Die Entscheidung ist gefallen. Sie geht!

Zögerlich blickt sie erst zur Tür hinaus um dann mit langsamen Schritten die kleine Wohnstube des Bootes zu verlassen. Etwas verwundert blickt Hugo Ariane an, während er das Tau an der stählernen Verankerung des Betonstegs festmacht. Doch schnell merkt er, wie positiv sie ihn ansieht, und das hebt nach so vielen Tagen wieder seine Mundwinkel in eine freundliche Position: "Wir können etwa in einer Stunde wieder ablegen. Du kannst dir ja in der Zwischenzeit am Kiosk was zu lesen kaufen oder so." Um ihr den schwierigen Ausstieg zu erleichtern hält Hugo ihre Hände, während sie mit ungeübten Bewegungen einen Fuß nach dem anderen auf den Betonsteg setzt. Fast wäre sie sogar ausgerutscht, das nasskalte Wetter hatte auf dem harten Untergrund eine dünne Eisschicht wachsen lassen, doch Hugo hielt sie fest. "Soll ich dich vielleicht festhalten bis du an Land bist? Dort ist es dann nicht mehr so rutschig. Ich will ja nicht, dass du dich noch verletzt." Jeder Außenstehende würde kaum eine andere Wahl haben als Hugos Verhalten, seine Fürsorge und den Blick mit dem er Ariane ansieht, so zu deuten, dass er ihr Vater ist. Und Ariane sieht ihn genauso. "Nein, das schaff ich schon, Hugo, aber lieb von dir, dass du fragst." Lächelnd dreht sie sich um und geht in Richtung des Kioskes mit dem vielversprechenden Namen "Mahlzeit". Dabei vergisst sie beinahe die Besonderheit dieses Augenblickes: sie wagt etwas, wozu sie noch einige Tage zuvor nicht in der Lage gewesen wäre – sie geht unter Menschen. Sie wird sich jetzt ganz normal verhalten können – etwas ganz alltägliches tun dürfen – einfach nur einkaufen, mit Hugos ehrlich verdientem Geld – nicht mehr mit gestohlenem oder erpresstem. Viel hat er ihr zwar nicht mitgegeben, nur genug damit sie sich was zu lesen kaufen kann und einbisschen was Nahrhaftes, doch in diesem einen Moment fühlt sie sich wie der reichste Mensch auf Erden. Bei Geld ist es nämlich wie bei allem anderen – es zählt nicht Quantität, sondern Qualität.

Sie tritt an das kleine Kioskhäuschen, aus dessen Fenster eine ältere Frau sie freundlich anlächelt: "Griaß Gott!" Mit einem kurzen Nicken erwidert Ariane die Begrüßung der Verkäuferin und sieht sich dann durch die Glasscheibe die angebotenen Waren an. Ihre Lieblingszeitschrift, die muss sie haben, hat sie sie doch schon so lange nicht mehr lesen können. Ariane hat schon fast das Gefühl nicht mehr zu wissen, was in der Welt passiert – vielleicht gibt es ja wichtige Neuigkeiten?. Auf Hugos Boot gibt es keinen Fernseher und das uralte Radio funktioniert auch eher schlecht als recht. Während sie mit den Augen durch die Regale schweift hört sie plötzlich hinter sich einen Mann ein Wort sagen, dass sie sich erschrocken umdrehen lässt: "Ariane." Hinter ihr stehen zwei Türken die sich in ihrer Landessprache unterhalten. Sie versteht nicht was sie sagen, aber das eben war ihr Name, ganz sicher! Die Münzen von Hugo entgleiten ihrer zitternden Hand und fallen klirrend zu Boden. Das entgeht auch den beiden Türken nicht. Sie schauen sie mit einem nichtssagenden Blick an – wie eine Kobra die sich bereits aufgestellt hat, von der man aber nicht weiß ob und wann sie einen beißt. Doch bevor diese beiden Kobras ihre Giftzähne in sie schlagen könnten, rennt sie los. Sofort zurück zu Hugo – sofort ins Boot – und dann sofort weg!

 

 

Szene 24 –  Nur ein Ding

 

Schon wieder fällt es ihm schwer seine Augen zu öffnen. Krampfhaft kämpft er dagegen an aufzuwachen, im Wissen darüber, dass dieses Erwachen, so wie die letzten Male seine Situation nur schlimmer machen kan. Warum überhaupt ist er wieder weggetreten? Ob sie ihm wohl wieder eine Ladung Betäubungsmittel in die Venen gejagt haben?

In einem zunächst sehr verschwommenem Bild erkennt Rüdiger viele kleine Lichtpunkte über sich – einige ganz nah, andere weit entfernt. Scheinbar ist es ein hoher Raum, in dem er sich befinden muss. Ein leises Plätschern erreicht alle paar Sekunden seine Ohren, so als hätte jemand einen Wasserhahn nicht richtig geschlossen. Langsam aber sicher löst sich die Trübung in seinem Blick und er erkennt sofort, an was für einem Ort er ist. Rüdiger ist wieder in der Lagerhalle, in der das ganze Debakel angefangen hat, in der sich sein Leben in einer Sekunde auf die nächste verändert hat. Dann meinten Pedro und Raphael wahrscheinlich mit der Person, die ihn sehen wolle, Herrn Stahl, denn hier unter diesem hohen Gewölbe unterzeichnete er damals die Papiere, in dem Glauben, jetzt seine Sorgen los zu sein. Fast schon ein aus dem Wahn geborenes Lächeln entrinnt seinen Lippen, als er sich an die Lächerlichkeit seiner damaligen Denkweise erinnert. Schließlich hat er von Anfang an gewusst, dass die Leute die ihm Geld geliehen haben, keiner Bank angehören, und auch wenig mit einer ordentlichen Abwicklung nach dem Finanz- und Rechtswesen gemein hatten.

Nun ist die Betäubung auch schon aus dem Rest von Rüdigers Körper entwichen. Er beginnt wieder klar zu denken, und bemerkt was ihm vorher absolut entgangen war: Sein Rollstuhl steht allein in der Mitte der verlassenen Halle. Um ihn herum: Leere - kein Mensch, keine Maschine, nichts! Das Gebäude ist komplett geräumt. Wären die dicken Betonstützpfeiler, die die Decke tragen, nicht, könnte er jeden einzelnen Winkel einsehen. Wo sind seine Peiniger hin? Doch der sprichwörtliche Teufel, von dem man gesprochen, oder in Rüdigers Fall eher an den man gedacht hat, lässt nicht lange auf sich warten.  Wie aus dem Nichts ertönen plötzlich Schritte auf dem harten Boden, deren furchteinflößende Geräusche sich an den Hallenwänden reflektieren, und so fast schon das Erscheinen einer ganzen Legion suggestiveren.

Rüdigers wendet seinen Blick sofort nach links, um zu erfahren, wer sich ihm in einem so gemächlichem Tempo nähert. Es ist kein geringerer, als der, den er erwartet hatte: Herr Stahl. Langsamen Schrittes – vielleicht ist eine schnellere Geschwindigkeit aufgrund seiner Körperfülle nicht lang durchzuhalten – nähert sich der Geldgeber der Organisation seinem Opfer und bleibt nur einen Meter vor ihm stehen. „Sie haben es ja weit gebracht, Herr Brunnstein. Aber Ihnen hätte von Anfang an klar sein müssen, dass sie keine Chance haben, uns jemals zu entkommen. Wir sind überall – ich dachte das hätten wir Ihnen schon klar gemacht?“ Herr Stahl hält für einen Moment inne, um Rüdiger eventuell die Möglichkeit zu geben zu reagieren, schließlich hält er sich trotz seiner Rücksichtslosigkeit und seinem steinernen Herzens für einen Edelmann, der die Regeln einer gesitteten Konversation versteht. „Sie fragen sich sicher, warum ich sie herbringen habe lassen. Nun, sagen wir es so: Das Leben als Finanzier ist kein besonders aufregendes. Den ganzen Tag muss man am Schreibtisch sitzen, Akten führen, Kreditanträge bearbeiten – da bleibt keine Zeit für das persönliche Vergnügen. Doch zu meinem Glück wurden sie ja erst kürzlich an unsere Organisation übergeben. Es kostete mich zwar einbisschen was, aber ich konnte bei unserem Boss, die Gewalt über ihr Leben erwerben.“ Rüdigers Herz rast, als er diese Worte hört. Erst jetzt wird ihm so richtig bewusst, wie sehr er von der Organisation als Ware gesehen wird. Vorher dachte er, er wird von ihnen als Mensch gejagt, und so merkwürdig es klingt – diese Vorstellung war ihm lieber. Wenn man einen Menschen sieht, kann man sich mit ihm identifizieren - man kann nachvollziehen, wie er unter bestimmten Umständen leidet. Doch ein „Ding“ kann im besten Falle kaputt gehen.

„Was habt ihr mit mir vor?“ fragt Rüdiger deutlich leiser als sein Gesprächspartner. „Sie haben mir wohl nicht zugehört! WIR haben nichts mit Ihnen vor! Nur ICH! Denn Sie gehören nun mir, nicht mehr der Organisation! Aber um ihnen das Glücksgefühl einer Erleichterung zu ersparen: Sie werden trotzdem hin und wieder für die Organisation arbeiten, schließlich müssen Sie den durch Ihnen entstandenen Schaden wieder gutmachen, Herr Brunnstein. Außerdem: Sollten Sie fliehen werde ich natürlich nicht als Privatperson nach Ihnen suchen, so etwas anzunehmen wäre vermessen. Vielmehr wird sie die Organisation finden, egal wo sie sich aufhalten. Denken sie erst gar nicht daran meiner Obhut zu entfliehen! Sie tragen nun ein für jeden in der Organisation eindeutig erkennbares Zeichen auf ihrem Gesicht!“ Herr Stahl deutet auf die Stelle auf seiner Wange, in die Pedro mit dem Messer ein X geschnitten hat. „Jeder von den Leuten die in unserem bescheidenen kleinen Club mitarbeiten, hat das Recht nach eigenem Ermessen mit Ihnen zu machen, was er für richtig hält, wenn er sie außerhalb meines Domizils antrifft.“ Während des Vortrags von Herrn Stahl ist Rüdiger die ganze Zeit dem extrem schiefe Grinsen des Geldgebers ausgesetzt, das allem Anschein nach belegt, wieviel Freude ihm die Boshaftigkeit bereitet. Nur um Herrn Stahl einbisschen den Spaß an der Sache zu nehmen kontert Rüdiger leicht provokativ: „Das ist also ihr Domizil? Also wenn ihr euch alle so wenig leisten könnt, dann macht eure Organisation ja nicht all zu viel Profit!“ Aber dadurch wird der Gesichtausdruck des Geldgebers nur noch schiefer und nun lässt er sogar dabei seine Zähne rausblitzen, was sich ja normalerweise für einen Gentleman, für den er sich hält, nicht gehört. „Aber, aber, Herr Brunnstein. Nun kennen Sie mich schon so lange – Sie müssten doch wissen, dass dies hier nur mein Büro ist - zumindest solange, bis einer der wenigen noch ehrlichen Polizisten auf die Idee kommt hier zu suchen. Sie werden schon bald das Vergnügen haben, mein bescheidenes Heim betreten zu dürfen. Ach – verzeihen Sie bitte – ich bin Ihnen ja noch eine Antwort auf Ihre erste Frage schuldig, was nun mit Ihnen geplant sei. Nun, lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich liebe es, wenn Menschen leiden, wenn sie sich selbst zerstören – innerlich und äußerlich, wenn sie gezwungen sind, über das Leben oder Sterben anderer zu entscheiden. Leider halten es die meisten nicht lange aus, mich damit zu unterhalten. Jetzt interessiert mich wie lange sie es schaffen.“ „Sie sind doch krank!“ Kurzzeitig entfällt Rüdiger die Wehrlosigkeit seiner Situation, in der sein Gesprächspartner alles mit ihm tun könnte, was ihm in den Sinn kommt. Aber Herr Stahl antwortet ungewöhnlich höflich: „So mäßigen Sie sich doch, mein Bester! Achten Sie auf Ihre Wortwahl, schließlich müssen Sie bedenken, wie sehr ihre Zukunft von meiner Stimmung abhängt. Dies dürfen Sie nicht leichtsinnigerweise außer Acht lassen!“

 

 

Szene 25 – Versteckt im Dunkeln

 

Inzwischen ist es dunkel geworden und nur das Licht des Mondes erreicht durch das Bullauge die kleine Kajüte, in der Ariane und Hugo die Nacht verbringen. Vor einigen Stunde haben sie das Boot an einem kleinen abgelegenen Steg am Rande eines lichten, vom Borkenkäfer fast zerstörten Fichtenwaldes festgemacht, damit sie beide einpaar Stunden Schlaf finden können. Die Nächte zuvor fuhr der Kutter ununterbrochen, da sie sich immer mit dem Schlafen und  dem Bootfahren abwechselten. Obwohl Ariane noch nie ein Ruder in der Hand gehalten hatte, lernte sie es schnell, und so war dieses pausenlose Fahren möglich. Sie glaubt fest daran, dass es ihr nur dadurch gelungen ist, ihren Verfolgern zu entkommen. Doch etwas quält sie immer noch.

Während Hugo, schon im Tiefschlaf versunken, ein Sägenkonzert anstimmt, schafft Ariane es nicht auch nur ein Auge zu zumachen. Ihr Traum würde bestimmt wiederkommen. Der Traum in dem sie Pedro sieht. Seit der Begegnung mit den beiden Türken am Hafen ist ihre Angst vor diesem unvorhersehbaren Wiedersehen mit ihrem ehemaligen Geliebten ins unermessliche gestiegen. Ariane hatte beinahe schon das grausige Gefühl verdrängt gehabt, dass sie nirgends sicher sein kann, doch als die beiden Männer ihren Namen sprachen kam es wieder – das Zittern; der rasende Herzschlag; das Wissen über eine unbekannte Macht, deren eisige Kälte das Blut gefrieren lässt. Auch wenn sie ein kleiner Teil des Netzwerkes war – sie war niemals in der Lage zu ermessen, oder überhaupt einzuschätzen, wer, was, oder wo die Organisation überall ist. Pedro hatte sie einmal im Scherz als eine Art Gott bezeichnet: „Sie ist immer und überall und sie sieht alles was du tust!“. So übertrieben dieser Satz auch für einen Außenstehenden klingen mag, für einen Menschen in Arianes Situation hatten diese Worte diabolische Ausmaße.

Der Versuch die angsteinflößenden Gedanken zu verdrängen misslingt. Deshalb überlegt sie sich, womit sie sich beschäftigen könnte, um nicht mehr weiter darüber nachzudenken. Vielleicht sollte sie in der Kombüse des Schiffes einbisschen Kochen, damit könnte sie Hugo, wenn er morgen früh aufsteht, sicher eine Freude machen. Oder sie putzt einfach mal. Sie könnte aber auch was für sich tun, schließlich hat sie sich seit Beginn der Reise nicht mehr besonders auf ihre Körperpflege geachtet. Hugo hat zwar nichts gesagt, aber er würde ja auch nichts sagen, selbst wenn sie zum Himmel stinken würde – dazu ist er zu sehr Gentleman. Ariane steigt aus ihrem knirrschenden Holzbett und tapst langsam und soweit es ihr möglich ist auch leise aus der Schlafkammer, um ihren Mitreisenden nicht zu wecken. Durch eine verhältnismäßig schmale, braune Tür tritt sie in das aus einem Camping-WC, einem Waschbecken und einer notdürftig reparierten Dusche bestehende Badezimmer. Nachdem sie hinter sie hinter sich die Tür geschlossen hat schaltet sie das Licht ein, dass sofort die dunkle Kammer mit gleißend hellem Licht durchzieht. Arianes Pupillen schließen sich reflexartig, sie ist geblendet, so dass sie Mühe hat sich zu orientieren. Vorsichtig tastet sie sich zum Spiegelschränkchen über dem Waschbecken vor, in das ihr Hugo eine Zahnbürste gestellt hatte, da sie ja selber bei ihrer Flucht nicht an solche Kleinigkeiten denken konnte. Doch immer noch ist ihr Blick stark getrübt, und so passiert etwas, was – betrachtet man den weiteren Ablauf dieses Abends - nicht hätte passieren dürfen. Durch eine kurze unkoordinierte Bewegung ihrer Hand zieht sie versehentlich das lose angebrachte, gläserne Regalbrett im Spiegelschrank heraus, das nur wenige Sekunden darauf mit einem lauten Klirren im Waschbecken sein Dasein beendet. Ariane überkommt ein Gefühl von Scham – Hugo hilft ihr bei der Flucht, riskiert dabei sein Leben – und sie mit ihrer Unfähigkeit schafft es nicht auch nur die einfachsten Dinge richtig zu machen. Überwältigt von ihren verdrängten Gefühlen reibt sie sich ihre von Tränen getränkten Augen und ihr leises Schluchzen ist so durchdringend, dass man es selbst noch am Ufer hören könnte. Etwa zehn Minuten hockt sie zusammengekauert im Badezimmer, dann schafft sie es, sich wieder hochzurappeln. Ariane lehnt ihr Ohr an die Holztür, um rauszufinden, ob Hugo das bemerkt hat, doch sein Schnarrchen lässt keinen anderen Schluss zu, als dass er die ganze Zeit durchgeschlafen hat. Nun steht sie wieder vor dem Spiegelschrank, und bemerkt etwas, dass ihr durch die emotionale Aufregung, der sie ausgesetzt war, entgangen war: Die hölzerne Rückwand des Schränkchens hat sich gelöst und hängt nun nach vorne gekippt runter. Ariane versucht sie wieder zurückzudrücken, doch ihr Puls ist nun schon so hoch und ihre Nervosität so einnehmend, dass sie dabei auch noch die untere Hälfte des Bretts von der Halterung bricht. Zu ihrer Überraschung findet sich dahinter allerdings nicht das grüne Fliesenmuster, das in dem ganzen Raum die Wände mehr oder weniger schmückt sondern eine Aussparung, ein kleines geheimes Versteck – vielleicht für Wertgegenstände – etwa in der Breite und Höhe einer Schuhschachtel. Durch das fahle Licht des Badezimmers ist es unmöglich die Tiefe dieses Loches in der Wand abzuschätzen und so bleibt Ariane nichts weiter übrig als mit der Hand hineinzufassen, um herauszufinden, was darin wohl versteckt sei. Etwas mulmig ist ihr dabei schon zumute, schließlich könnten ja irgendwelche Spinnen oder sogar Ratten in dem Loch hausen, aber inzwischen ist sie so viel gewöhnt, dass sie das wohl auch kaum mehr aufschrecken würde. Ariane muss tief hineingreifen, ihr ganzer Arm verschwindet in den Tiefen der Aussparung, doch kurz bevor sie die Suche nach dem Unbekannten aufgibt, taucht selbiges in Form eines kalten metallischen Gegenstandes an ihren Fingerspitzen auf. Sie zwängt sich noch ein Stück näher an dieses geheimnisvolle Ding heran und kann es schließlich mit viel Mühe ergreifen. Es ist nur handgroß und Ariane malt sich die verschiedensten Sachen aus, die sie da nun gefunden haben  könnte: Vielleicht ein kleines Spielzeugauto, dass einer seiner vielen Neffen darin versteckt hatte – Vielleicht ein kitschiges Kunstobjekt, für dass Hugo mal viel Geld zu kriegen hofft? – Vielleicht... aber soweit kommt sie nicht. Denn als ihr Arm endlich wieder das Licht des Badezimmers erreicht, stellt sie entsetzt fest, dass sie eine Pistole in der Hand hält. Warum versteckt Hugo das vor ihr?

 

 

Szene 26 - Ein Hauch von Luxus

 

Trotz seiner misslichen Lage schafft es Rüdiger sich zumindest körperlich zu entspannen. Herr Stahl hat ihm zwar eine sehr brutale Vorgehensweise angedroht, was seine Person betrifft, allerdings ist bisher noch nicht das geringste davon zu erkennen. Fast schon wie ein hoher Gast wird Rüdiger behandelt. Das Doppelbett in das Rüdiger sich gesetzt hat ist mit Satin-Bettwäsche bezogen und besitzt Netzvorhänge, die im Sommer wohl zum Schutz vor Mücken und anderen Insekten dienen. Außerdem beherbergt sein neues zuhause ein großes rotes Sofa mit einem edel verzierten Holzgestell, vielleicht sogar eine Antiquität, wie Rüdiger denkt. Zu diesem Schluss kam er, nachdem er versucht hat das alte Wählscheibentelefon zu benutzen, das auf dem kleinen, wohl zum Sofa gehörenden, weil farblich passendem Tischchen stand. Es war weder angeschlossen an das Telefonnetz, noch gab es überhaupt einen passenden Stecker in dem Raum. Über dem mit einem Obstkorb verzierten Tisch aus Wurzelholz mit seinen vier Stühlen, von dem Rüdiger sich bereits bei seiner Ankunft reichlich bedient hatte, schwebt ein kleiner, wertvoll scheinender Kronleuchter, der in der Lage ist den ganzen Raum taghell zu erstrahlen.

Und das muss er auch, denn trotz der luxuriösen Ausstattung täuscht nichts über die Tatsache hinweg, dass Rüdigers neue Bleibe eine Art Zelle ist. Die Tür ist aus Metall, von innen aufgrund des Mangels an Türgriffen oder Schlüssellöchern scheinbar gar nicht zu öffnen. Nach außen gibt es nur einen minimalen Sichtkontakt über ein sehr schmales Kellerfenster, höchstens 15 cm hoch, das außerdem mittels dicker Stahlstäbe vor Ausbruchsversuchen schützt. Jede Kontaktaufnahme zur Außenwelt über dieses Fenster wäre unmöglich, denn  alles was Rüdiger von seiner Unterkunft aus sehen kann ist eine dichte Hecke und einen hölzernen Stamm, von dem er glaubt, dass der wohl den unteren Teil eines Baumes bildet.

Nach einigen Minuten in seinem ungewohnt bequemen Bett steht Rüdiger wieder auf, um sich noch etwas in seiner Zelle umzusehen, schließlich könnte ihm auf dem ersten Blick etwas entgangen sein, was ihm vielleicht dabei hilft, sich aus seiner schier ausweglosen Lage zu befreien und so dem kranken Geist des Herrn Stahl zu entfliehen. Ein Blick nach oben - Stuckdecke. Oder doch nicht? Rüdiger stellt sich auf einen der massiven Stühle und fühlt daran. Doch - Stuckdecke - Mist! Insgemein hatte er gehofft auf Styropor, mit dem in billigen Häusern oft Stuck imitiert wird, das hätte er wegreißen können, und dann... Rüdiger weiß selber nicht genau wie er dann weiter gehandelt hätte. Vielleicht wäre darunter irgendetwas zum Vorschein gekommen, womit er vielleicht mehr hätte anfangen können, als mit einpaar antiken Möbeln. Aber da dies nicht der Fall war muss er weiter suchen. Mit einer nicht unerheblichen Kraftanstrengung schiebt der Gefangene das Sofa um etwa einen Meter nach vorne. Nichts, gar nichts, also das das rote Ding wieder zurück an seinen Platz. Die helle Kratzspur am dunklen Parkettboden, die durch diese Aktion entstanden ist bleibt unbemerkt, weil sich Rüdiger ohne einen Gedanken an den Fußboden zur Tür aufmacht. Keine sichtbaren Scharniere, sie schließt nahezu luftdicht ab. Ein Meisterwerk der Schmiedekunst, diese Tür, würde sich Rüdiger denken, wenn er nicht schon auf dem Sprung zum nächsten Untersuchungsobjekt wäre. Er kriecht unter das Bett, wo er zu seinem Erstaunen einer ganzen Herde von Wollmäusen begegnet. Zugegebenerweise war er unsaubere Umgebung gewöhnt, schließlich verbrachte er in letzter Zeit seine Zeit oft auf der Straße oder in irgendwelchen verlassenen Gebäuden, aber in seinem Zimmer, in dem nicht einmal eine winzige Staubschicht auf den Möbeln zu entdecken war, war dies doch sehr ungewöhnlich. Er überlegt sich, sich später bei seinem Gastgeber zu beschweren, doch diesen Gedanken verwirft er sofort, nachdem er sich wieder daran erinnert, wo er hier eigentlich ist. Kein Hotel - ein Gefängnis!

Ein Niesen erschallt. Die Wollmäuse, die sich den Weg in Rüdigers Nase gebahnt haben? Nein! Ein Luftzug. Rüdiger dreht seinen Kopf nach rechts und sieht im Dunkeln unter dem Bett die Öffnung eines kleinen Lichtschachtes, der wohl verbrauchte Luft aus dem Raum saugt. Allerdings viel zu klein, als dass er ihm nützlich wäre, nicht einmal halb so groß wie das Fenster. Rüdigers Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Wenn es eine Abluft gibt, dann muss irgendwo auch ein Zuluftkanal in den Raum blasen. Die Kleidung, die er dem alten Herrn Bern im Krankenhaus gestohlen hatte, ist nur unwesentlich schmutziger geworden, nachdem er wieder unter dem Bett hervorkroch. Jetzt gilt es diesen anderen Lüftungskanal zu finden. Doch wo? Er hat doch schon alles durchsucht!

 

 

Szene 27 - Rede!

 

Seit nunmehr zwei geschlagenen Stunden sitzt sie schon auf dem kleinen Holzhocker neben Hugos Bett. Seit zwei Stunden umklammern ihre immer feuchter werdenden Hände den Griff der Pistole. Seit zwei Stunden weiß sie nicht mehr, mit wem sie da eigentlich reist. Wieso nur musste das geschehen, wieso musste Hugo ihr das verschweigen, wenn es damit nichts auf sich hätte? War er einer von ihnen? War er gerade dabei sie auszuliefern? Oder war er es vielleicht der sie am Ende noch töten sollte? Mit dieser Waffe?
Hugos schallendes Schnarrchen wird plötzlich leiser. Seine rechte Hand erhebt sich und ohne die Augen zu öffnen entgleitet ihm ein lautes Gähnen, während er sich am Schnurrbart kratzt. Leicht aufgeschreckt steckt Ariane die Pistole unter ihr schwarzes T-Shirt, in dem sie die letzten Tage und Nächte verbracht hatte. "Du bist schon wach? Was ist los? Wie spät ist es denn?"  Es ist für Ariane nicht möglich Hugo zu verstehen, als er sie mit seiner schlaftrunkenen Stimme anspricht, darum schweigt sie zunächst. Nach einigen stillen Sekunden fragt er noch einmal nach: "Du schaust so traurig? Ist was los? Hast du wieder diesen Traum gehabt?" Aber es ist nicht der selbe Blick wie in den Nächten, in denen sie den Albtraum hatte. Dieses Mal ist es die Furcht vor der Realität, und nicht mehr die vor der eigenen Fantasie. Arianes Gesicht verkrampft sich in dem vergeblichen Versuch ihre Tränen zurückzuhalten und ihre durch innerlichen Schmerz gekrümmten Finger umklammern die immer noch versteckt gehaltene Pistole so fest als würden sie sie verbiegen wollen.
Während ihr das flüssige Zeugnis ihrer Verzweiflung in Strömen über die Wangen rinnt, bringt sie es fertig die Frage, die sie quält mit winselnder Stimme an Hugo richten: "Warum tust du mir das an?" Zwei Sekunden Stille. "Wer bist du überhaupt? Gehörst du zu ihnen? Heißt du überhaupt Hugo? War das alles geplant?" "Ariane, ich weiß nicht was du meinst?" "Du weißt genau was ich meine!" Sie holt mit ihren zittrigen Händen die Pistole unter ihrem T-Shirt hervor. "DAS meine ich!" Verwundert sieht Hugo sie an, und erwartet eine Erklärung darauf, was DAS denn sei und vor allem, in welcher Verbindung damit sie anzweifelt, dass er er ist. Aber diese Erklärung kommt nicht. "Rede!" Arianes Gefühl der Hilflosigkeit springt über zu einem Ausbruch von Wut, als sie vom Hocker aufsteht und mit einem intensiven, fast gefassten Blick ihren Mitreisenden ansieht. "Rede!" ertönt es erneut, nun viel lauter. Um ihn dazu zu bekommen endlich die ganze Wahrheit offen zu legen zielt sie jetzt auch mit der Waffe auf Hugo. Dabei ist sie sich der Tatsache, dass sie noch gar nicht kontrolliert hat, ob die Pistole überhaupt geladen ist, nicht im geringsten bewusst. Zu ihrem Glück allerdings weiß auch Hugo nicht, ob sie sie geladen hat, denn wüsste er, dass sie das nicht getan hatte, würde er sich im Wissen über das Fehlen einer Kugel nicht aus der Ruhe bringen lassen. Doch es war nicht so. "Ariane! Was soll das? Bist du noch bei Trost? Leg die Waffe weg!" Blitzartig springt er aus seinem in grünen Militärfarben bezogenem Bett und schreckt zurück in die Ecke der kleinen Schlafkammer. "Ich will doch nur die Wahrheit wissen, jetzt sag schon!" "Die Wahrheit worüber? Ich weiß nicht was du meinst, verdammt! Süße, beruhig dich doch!" "Nenn mich nicht Süße!" "Vergisst du die ganze Zeit, die wir zusammen verbracht haben, kannst du dich nicht mehr daran erinnern, wie oft ich dir in deinem Leben schon zur Seite gestanden habe? Du bist mir wirklich wichtiger als jeder andere! Ich belüge dich nicht! Glaub mir!" "Aber wozu dann versteckst du in deinem Boot diese Knarre? Du lügst doch!" Sie hält den kleinkalibrigen immer noch fest auf Hugo gerichtet und nähert sich mit Schritten von wenigen Zentimetern langsam ihrem vermeintlichen Widersacher an. "Die Pistole. Sie... Mein Hobby... Ich schieße doch so gern! Aber außerhalb des Schützenvereins ist es verboten! Und wenn die Wasserpolizei sie auf der Queen Elisabeth finden würde... Die würden mich verhaften... Dabei  tu ich doch nichts unrechtes! Verdammt, nimm die Waffe weg!" Hugo gerät zusehens in Panik. Sein Herz rast wie verrückt und er sieht sein Leben schon fast im Film an sich vorbeiziehen. "Drück nicht ab! Nimm die Waffe runter!" Sein linkes Auge fängt an unkontrolliert zu zucken. Auch Ariane ist der Belastung der Situation kaum gewachsen. "Geh ins Bad rein und wirf mir den Schlüssel zu!" "Willst du mich einsperren?" "Scheiße, jetzt mach doch einfach was ich dir sage, sonst muss ich dich erschießen!" Wieder spiegelt Arianes gebrochene Stimme die Verzweiflung wider, gegen die sie anzukämpfen versucht.

 

 


Szene 28 - Guten Morgen, Herr Brunnstein!

 

Inzwischen hat er den Zuluftkanal gefunden. Die Rosette, die das Kabel des Kronleuchters bündig an die Decke schließen lässt, hat zahlreiche kleine Austrittslöcher, durch die die warme Frischluft in den Raum strömt. Bringen tut ihm dies allerdings herzlich wenig. Denn selbst wenn unter der Rosette ein einziges großes Loch wäre - es wäre doch nur etwa so groß wie ein durchschnittlicher Teller und damit allerhöchstens dazu geeignet den Kopf durchzustecken.
Vor einer halben Stunde traten zwei Männer durch die Stahltür, die mit ihrem fliehenden Kinn und ihrer wuchtigen Statur mehr an Gorillas aus dem Amazonas erinnerten als an Menschen. Sie teilten Rüdiger den weiteren Tagesablauf mit. Demnächst würden sie ihn abholen und zum Frühstück mit Herrn Stahl bringen. Außerdem dürfe er vorher dann endlich auch in ein Badezimmer um sich fertigzumachen. Darauf wartet er jetzt sehnsüchtig, denn der Druck auf seiner Blase hatte verhindert, dass er diese Nacht auch nur eine Sekunde Schlaf findet. Und er wartet nicht lange.
Mit lautem metallischen Krachen kündigt sich das Öffnen der Tür an. Die Schlösser werden entriegelt. Sie geht auf. Wieder die beiden im Designeranzug gekleideten Gorillas von seinem Gastgeber, die ohne ein Wort zu sagen, einfach nur durch eine Handbewegung die auf die Tür zeigt erreichen wollen, dass Rüdiger ihnen folgt. Und sie werden nicht enttäuscht. Er geht vorsichtig, aber doch mit etwas schnelleren Schritten als gewöhnlich auf die beiden zu, an ihnen vorbei und durch die schwere Tür. Immer noch mit dem Gedanken daran, dass sie ihn endlich in ein Badezimmer ließen. Keine seiner Nervenzellen beschäftigte sich in diesem Moment mehr mit der Frage, wieso denn sein selbsternannter Gastgeber zusammen mit ihm, Rüdiger, den er doch für so wertlos hielt, der für ihn nur ein Objekt war, frühstücken wollte.
Die beiden Männer, die er inzwischen als Bodyguards zu identifizieren glaubt, geleiten ihn entlang unzähliger enger Flure durch das sicherlich große Gebäude. Die Wände, die er zu sehen bekommt sind immer gleich aufgebaut: Vom Boden bis etwa zur Mitte dunkles Holz, darüber eine rote Tapete mit einem uneindeutigen goldfarbenen Muster. Die duzenden Türen, an denen er vorbeigeht sind allesamt aus einem dunkleren Holz als die Flurwand und ein Innenarchitekt fände es grauenvoll, dass zwischen diese stimmig gehaltene Optik der Eingang eines Raumes fällt, der aus blankem, kalten Stahl besteht. Die Decke ist klassisch weiß und alle 5 Meter hängt eine moderne halbkugelförmige Lampe um die ideale Ausleuchtung der Gänge zu erreichen. Ohne Zweifel ist dies auch nötig um die Bilder der vielen auffälligen Kameras, die den Weg säumen, möglichst deutlich werden zu lassen. Und schließlich gibt es dann noch den Boden, auf dem Rüdiger zu laufen hat: Roter Kurzhaarteppich.
"Hier rein, du hast 15 Minuten! Wage es nicht so schmutzig vor den Boss zu treten!" Der Gorilla deutet auf eine halbgeöffnete Tür und Rüdiger zögert keine Sekunde sie zu betreten.
Schlichtes Weiß springt ihm entgegen. Ein vollständig gefliester Raum. Ein kleines Handwaschbecken, mit darüber angebrachtem Spiegelschrank, eine Dusche mit einer Duschabtrennung aus gut durchsichtigem Glas und ein Klosett, dessen Benutzung für Rüdiger noch vor der genauen Begutachtung des Raumes kommt, bei der er schließlich feststellt, dass in diesem winzigen Raum insgesamt vier Kameras installiert sind. Nach Erledigung seiner Notdurft und nach der Erkenntnis, dass ein Fluchtversuch von hier wohl mehr als nur Selbstmord wäre, begibt er sich hastig unter die Dusche um rechtzeitig fertig zu werden. Er hat das Gefühl von Seife und Wasser auf seinem Körper schon lange vermisst. Seit er sich vor einigen Wochen in einem See gewaschen hatte - es war ein recht milder Wintertag - hatte er keine Möglichkeit mehr sich vom Schmutz der an ihm haftete zu befreien. Wobei mancher Schmutz ja nicht mit Wasser weggeht.
Ohne Vorankündigung öffnet sich die Tür. "Fertig?" Ohne die Antwort abzuwarten fügt der kleinere der beiden Kleiderschränke noch den Ein-Wort-Satz "Mitkommen!" hinzu. Rüdiger hat es gerade noch geschafft sich noch zu rasieren, sowohl im Gesicht als auch am Kopf. Schließlich ist seine Glatze ja gewollt. Seine Alternative dazu wären einige wenige Haarbüschel, die im Kreis um seinen Kopf wachsen und ihn wie einen Mönch aussehen lassen.
Dieses mal muss er nicht mehr so einen weiten Weg durch den Flur auf sich nehmen um an das nächste Ziel zu gelangen. Zwei Türen weiter halten ihn bereits die Lakaien von Stahl mit einem beherzten Griff an seine Schulter davon ab instinktiv immer gerade aus zu gehen. "Wo willst du denn hin? Da rein! Aber pronto!"
Als sich die verhältnismäßig große Tür öffnet und er hineintritt offenbart sich Rüdiger ein Raum riesigen Ausmaßes. Etwa fünf Meter hoch über ihm verzieren Darstellungen aus der Nibelungensage die kapellenartig gewölbte Decke. "Kommen sie doch näher, Herr Brunnstein, sie werden sicher schon einen großen Hunger haben!" Die laute kalte Stimme des Herrn Stahl hallt in dem fast leeren Raum mehrere Male wider, so dauert es einige Sekunden bis Rüdiger ihn auf einem Holzstuhl mit hoher rot gepolsterter Lehne lokalisiert, der vor einem reich gedeckten etwa 6 Meter langem und 2 Meter breitem Tisch steht. Rüdiger setzt sich, wie ihm befohlen wurde an das gegenüberliegende Ende des länglichen Tisches, wo ein identischer Stuhl zu dem von Herrn Stahl steht. "Oh, ich vergaß. Wo bleiben meine Manieren: Guten Morgen, Herr Brunnstein!"


 

 

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