2010-3-mai

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INFORMATIONSBLATT

der Christinnen und Christen für die Friedensbewegung - Nr. 3/2010


 


Liebe Friedensfreundin, lieber Friedensfreund,

 

das nächste Treffen findet am

 

Sonntag, dem 13. Juni 2010 um 14.00 Uhr in der Evangelischen Pfarrgemeinde HB,

1150 Wien, Schwegler Straße 39 (U3 „Schwegler Straße“)

 

statt. Inhaltlicher Schwerpunkt (ab 16.00 Uhr) ist die Diskussion mit Elisabeth Jungmeier (General­sekretärin für Internationales, Pax Christi Österreich) zum Thema „Internationale Friedensarbeit am Beispiel von Pax Christi“

 

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Der Beitrag der Christinnen und Christen für die Friedensbewegung in der Langen Nacht der Kirchen am Freitag, 28. Mai 2010 http://www.langenachtderkirchen.at/ – um 20.00 Uhr in der Evangelischen Pfarrgemeinde H.B., 1150 Schweglerstr. 39:

 

Die Waffen nieder - dem Elend ein End
Friedenslieder, gesungen und erklärt von Ernst Toman (Friedensinitiative Donaustadt)
Texte von
Dorothee Sölle, gelesen von Alois Reisenbichler

 

 

 

Aus dem Inhalt:

 

Michael Bünker: Friedenspolitische Perspektiven aus evangelischer Sicht

Roland Werneck: Es ströme das Recht wie Wasser
Lydia Burchhardt: Osterglaube

Franz Sieder: Zur Krise der Katholischen Kirche

Sepp Wall-Strasser. Man schlägt die Griechen und meint den Sozialstaat

 

 

Bischof Dr. Michael Bünker

Friedenspolitische Perspektiven aus evangelischer Sicht

Referat bei den Christinnen und Christen für die Friedensbewegung am 21. März 2010

 

Im Jahr 1983 auf der 6. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver wird plötzlich in aller Deutlichkeit klar, wie bedroht das Leben auf der Erde ist – aus vielfältigen Ursachen. Dort sind zum ersten Mal Christen und Christinnen aus dem pazifischen Raum aufgetreten und haben in einer großen Öffentlichkeit Gehör gefunden: sie haben sowohl von den Verwüstungen ihrer Heimatinseln durch die langen Jahre der oberirdischen Atomversuche, die die USA und Frankreich in diesem Raum durchgeführt haben, als auch von der zunehmenden Be­drohung durch die Veränderung des Klimas berichtet. Schon 1983 war für die Betroffenen spürbar, dass sich die Wasserstände und die Wetter­situation und damit die Lebensgrundlagen in diesen ökologisch sehr sensiblen Gegenden verändert haben. Gleichzeitig stand Europa im Bann des NATO-Doppelbeschlusses und es war eine Zeit der großen Friedensdemonstrationen – auch in Österreich; und das hat doch sehr stark auch die kirchlichen Einrichtungen geprägt. Es ist damals die Mei­nung vertreten worden, dass dem Geist und der Logik der Abschreckung aus christlicher Sicht eine generelle und deutliche Absage zu erteilen ist. Bis dahin war ja die Auffassung vorherrschend, dass durch die Andro­hung der sicheren gegenseitigen Vernichtung ein „Gleichgewicht des Schreckens“ herrscht, das zu einer gewissen Stabilität beiträgt.

 

Man hat aber schon damals deutlich erkannt, dass die Rüstung auch ohne Krieg Unfrieden mit sich bringt, vor allem durch die ungerechte Verteilung der Güter und Ressourcen im Hinblick auf das Verhältnis von arm und reich im weltweiten Zusammenhang. „Rüstung tötet auch ohne Krieg!“, das war eine der Parolen aus dieser Zeit und sie hat sich bis heute bestätigt und bewahrheitet. Heute erleben wir ja, dass die Rüs­tungsausgaben trotz aller Krise im Banken- und Wirtschaftssektor wei­terhin deutlich ansteigen.

 

Eine der Folgen dieser Begegnung im Jahre 1983 mit den Betroffenen des pazifischen Raumes war, dass es dann auch durch die Friedensbe­wegung hier bei uns verstärkt zu dem Ruf gekommen ist, es bräuchte so etwas wie ein „Konzil des Friedens“. Damit ist eine Idee aufgenommen worden, die auf Dietrich Bonhoeffer zurückgeht. Er hat 1934 bei einer Weltjugendkonferenz in Fanö in Dänemark davon gesprochen, dass in dieser Situation der Dreißigerjahre, wo auch die Rüstung ständig hoch­gefahren wurde und die Gefahr eines Krieges für die Hellsichtigen schon früh gegeben war, obwohl alle Politiker ständig vom Frieden geredet ha­ben – einschließlich Adolf Hitler –, ein einmütiges Zeugnis aller christli­chen Kirchen notwendig wäre, das die Weltöffentlichkeit nicht überhören kann: ein Konzil der christlichen Kirchen, das sich für Frieden ausspricht. Wir wissen, dass das damals leider nicht umgesetzt worden ist und dass auch die Kirchen dann in der weiteren Folge zunehmend in die nationa­len Auseinandersetzungen mit hineingezogen worden sind. Nur Minder­heiten oder Einzelpersonen in den Kirchen haben während des Zweiten Weltkrieges den Friedensauftrag wahrgenommen.

 

Aber die Idee eines Friedens-Konzils ist dann in den 1980er Jahren wie­derbelebt worden und hat zu der Vorstellung geführt, wenn es schon nicht ein Konzil aller christlichen Kirchen geben kann, dann sollte es zu­mindest einen „konziliaren Prozess“ geben, d. h. ein Zusammenwirken der christlichen Kirchen im Rahmen der Ökumene für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Man hat dort schon sehr deut­lich gesehen, dass die Konzentration auf militärische Aspekte des Frie­dens eventuell zu der Auffassung führen kann, dass Frieden schon gegeben wäre, wenn es keinen Krieg gibt, also die Nicht-Anwesenheit von Krieg als inhaltliche Füllung des Friedensbegriffes. Wie wir aus der Heiligen Schrift und aus der christlichen Tradition wissen – speziell auch aus der jüdischen Tradition –, meint der biblische Schalom immer mehr als nur die Abwesenheit von Gewalt und Krieg. Schalom meint ein umfassendes Heil-Sein, meint soziale Gerechtigkeit, meint auch das, was wir heute mit dem Begriff Nachhaltigkeit bezeichnen, also die Rücksichtnahme auf die natürlichen Ressourcen, die ökologische Dimension, aber auch die Rücksichtnahme auf die kommenden Generationen.

 

Der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung – ich glaube, die Reihenfolge ist sehr wichtig: er setzt ein mit dem Begriff der Gerechtigkeit, denn der Friede ist auch eine Folge der Gerechtigkeit und der gerechten Zustände – und wir wissen, dass über­all dort, wo krasse Ungerechtigkeit herrscht, es auch sehr schnell zu ge­waltsamen Auseinandersetzungen kommt. Dieser konziliare Prozess ist ganz besonders in Europa aufgegriffen worden. Viele Kirchen aus dem Süden der Erde haben das Problem der atomaren Hochrüstung nicht als ihr erstes elementares Problem empfunden. Ihnen war die Frage der Gerechtigkeit viel näher und viel brennender. Und von daher hat es ja auch unterschiedliche Herangehensweisen gegeben. Für den europäischen Bereich ist an die 1. Europäische Ökumenische Versammlung 1989 in Basel zu erinnern: Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden und Be­wahrung der Schöpfung. 1989 ist natürlich ein sehr bemerkenswertes Datum, weil es gleichzeitig das Jahr war, in dem durch die friedliche Re­volution und durch andere Ereignisse der Ost-West-Gegensatz in Eu­ropa zu einem Ende gekommen ist und damit auch das bisher herr­schende Denken der Bipolarität der Supermächte, der gegenseitigen Abschreckung usw.

 

Die weitere Entwicklung in Europa nach 1989 hat darauf aufmerksam gemacht und auch schmerzhaft ins Bewusstsein gebracht, dass es keine Garantie dafür gibt, dass es innerhalb des zusammenwachsenden Euro­pas zu keinen kriegerischen oder gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen kann. Die Balkankriege, die jetzt schon beinahe 20 Jahre zu­rückliegen, haben immer noch ihre Nachwirkungen und waren ein Zeichen, dass es unmittelbar vor unserer Haustüre kriegerische Auseinandersetzungen gibt. Sie haben zwei Veränderungen im Denken mit sich gebracht: zum einen, dass die gewaltsamen militärischen Konflikte unse­rer Zeit nicht mehr vornehmlich Kriege zwischen Nationalstaaten sind, sondern in den meisten Fällen innerstaatliche, bürgerkriegsähnliche Phänomene. D. h. auch, dass die klassischen ethischen Überlegungen, die die christlichen Kirchen entwickelt haben in Bezug auf die Verant­wortung der staatlichen Obrigkeit, eigentlich so gar nicht mehr zutreffen, weil die Kriege und Gewaltkonflikte sich sehr oft in schwer durchschau­barer Weise in innerstaatlichen Konflikten äußern. Zum anderen stellt sich die Frage: gibt es eine Legitimation für ein militärisches Eingreifen? Es taucht in dieser Zeit der Begriff der humanitären Intervention auf. D. h. gehört es nicht zur Verantwortung der internationalen Staatengemein­schaft, nicht zuzuschauen, wenn innerhalb eines Nationalstaates Men­schen bedroht sind, wenn dort Ereignisse vorkommen, die bis zum Völ­kermord reichen – denken wir an Somalia oder andere Länder. Gilt hier die Souveränität des Nationalstaates in jedem Fall oder gibt es das Ge­bot, helfend einzugreifen? Das ist eine grundsätzliche Frage, die insbe­sondere die Vereinten Nationen beschäftigt hat. Die UNO geht ja weit­gehend von der Souveränität der Nationalstaaten aus, es ist aber doch die Meinung stärker geworden, dass es eine Verpflichtung gibt, zum Schutz der Menschen einzugreifen, nötigenfalls auch unter Anwendung von militärischen Mitteln. Das war in groben Zügen die Entwicklung bis in die frühen 1990er Jahre. Und man sieht schon, es gibt neue Fragen und neue Herausforderungen für die Kirchen, die nicht mit den Antworten aus dem 16. oder 17. Jahrhundert zu bewältigen sind.

 

Im Jahr 1991 findet in Canberra (Australien) die 7. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen statt. Und da sind die Kirchen – auch durch diesen konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewah­rung der Schöpfung – an der Schwelle, um erstmalig in der Geschichte des Christentums zu sagen: Der Einsatz von militärischen Mitteln ist aus christlichen Gründen generell abzulehnen. Wenn nicht etwas dazwi­schengekommen wäre, nämlich der 1. Irak-Krieg, den Bush sen. begon­nen hat – und damit waren die Kirchen schon wieder ein Stück weit ge­fangen in ihren Kontexten und haben nicht zu einem einmütigen Zeugnis gefunden. Damit geschieht ein gewisser Bruch in der Tradition, dass die Kirchen in der Ökumene fortschreitend und deutlicher sich gegen den Einsatz von militärischen Mitteln aussprechen. Und dieser Bruch setzt sich fort bis hin zu der Situation, dass man in den späten 1990er Jahren den Eindruck gewinnen konnte, die Kirchen stünden überhaupt ratlos vor dieser neuen und geänderten Situation. Der Gegensatz zwischen dem, was aus politischen Gründen gemacht wird, und dem, was aus kirchli­cher Überzeugung dazu zu sagen ist, driftet immer stärker auseinander.

 

1998 bei der 8. Vollversammlung des Weltkirchenrates in Harare war ein gewisser Tiefpunkt erreicht. Sie hätte eigentlich ergebnislos geendet, besonders was die neuen, großen Herausforderungen betrifft. Man muss sich das vorstellen, dass die Ökumene hier in einer ganz schwierigen Situation war. Die Neuorientierung im weltweiten Maßstab, das Neuein­richten auch nach dem Ende des sog. Kalten Krieges, haben zuerst einmal zu einer großen Ratlosigkeit geführt, was die Frage der Gerech­tigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung betrifft. Und da ist in Harare im letzten Augenblick eine Initiative gestartet worden durch einen Vertreter der Mennonitischen Kirche, Fernando Enns, heute Pro­fessor in Deutschland, damals ein ganz junger brasilianischer Theologe, der stark engagiert war in der Friedensarbeit und im Einsatz für gewalt­freie Konfliktlösung. Die Mennoniten gehen zurück auf eine reformatori­sche Kirche, die mit dem Namen eines Niederländers verbunden ist, Menno Simons, daher der Name Mennoniten, eine kleine Kirche, die zu den klassischen Friedenskirchen gehört. Es gibt einige christliche Kir­chen und Gruppen, die einen grundsätzlichen Pazifismus vertreten und jede Form von militärischer Gewaltanwendung aus prinzipiellen Gründen ablehnen – die Mennoniten gehören dazu. Von daher ist es auch erklär­lich, warum diese Initiative 1998 in Harare ausgerechnet von einem Mennoniten gekommen ist. Enns schlägt vor: Wenn sich schon die Kir­chen nicht auf eine gemeinsame Grundsatzposition zu den Fragen des Friedens einigen können, dann sollten sie doch zumindest versuchen, an einem Punkt gemeinsam aktiv und initiativ zu werden, nämlich – da sind sich doch alle Kirchen einig -, dass Gewalt verhindert und – wenn sie schon stattfindet – überwunden werden soll. Es entsteht die Idee, eine Dekade zu gestalten, die Dekade zur Überwindung von Gewalt. Man hat sehr genau die Formulierungen überlegt: es heißt nicht „zur Überwin­dung der Gewalt“, das wäre eine Selbstüberschätzung, wenn die Kir­chen meinten, sie könnten die Gewalt überwinden. Aber doch sollte man auch den Beitrag der Kirchen und Christen/Christinnen nicht unterschät­zen, wenn es darum geht, ein friedliches Zusammenleben der Menschen trotz der Unterschiede, was ihre Kulturen, ihre Religionen, ihre politi­schen Einstellungen betrifft, zu sichern und zu fördern, also zumindest doch eine „Dekade zur Überwindung von Gewalt“. Die Grundidee da­hinter war – die Dekade ist 2000/2001 gestartet worden –, eine Verbin­dung herzustellen mit einer zur gleichen Zeit initiierten Dekade der Ver­einten Nationen – einer Dekade zur Überwindung von Gewalt und für Frieden – und damit auch die Zusammenarbeit zwischen den kirchlichen Initiativen und Gruppen und den sogenannten zivilgesellschaftlichen Ini­tiativen und Gruppen schon von Haus aus gleich mitzudenken und mit­einander zu vernetzen. Diese Dekade ist bei uns in Österreich unter der Schirmherrschaft und Federführung des Ökumenischen Rates der Kir­chen in Österreich durchgeführt worden – immer in Kooperation mit dem Netzwerk für Frieden und Gewaltfreiheit, also mit einer zivilgesellschaftli­chen Einrichtung. Das ist eine einmalige Situation. Ich kenne kein ande­res Land – zumindest in Europa –, wo die Dekade von Haus aus in die­ser engen Verbindung durchgeführt worden ist.

 

Die Dekade geht nächstes Jahr zu Ende. Das ist der Sinn einer Dekade: es sind 10 Jahre und dann soll man einmal eine Zwischenbilanz ziehen und schauen, hat das etwas gebracht, wohin geht denn der Weg weiter, was stellt sich uns an neuen Herausforderungen. 2011 wird im Früh­sommer eine weltweite Friedenskonvokation stattfinden, und zwar auf Jamaica in der Karibik. Zum Abschluss unserer österreichischen Deka­denbeteiligung und Dekadenarbeit wird sich der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich an einer sogenannten Donau-Friedenswelle betei­ligen (und alle Friedensengagierten sind dazu herzlich eingeladen). Die Donau-Friedenswelle wird in Ulm beginnen und sich kontinuierlich – eben wellenförmig – bis zum Schwarzen Meer hin gestalten, so dass je­des Land in einem bestimmten Zeitraum drankommt, hier einen eigenen Beitrag zu dieser Donau-Friedenswelle zu leisten. Wir Österreicherinnen und Österreicher sind hauptsächlich im Februar 2011 dran. Die Donau war deshalb nahe liegend, weil dieser Strom die meisten Unterschiede an seinen Ufern miteinander verbindet. Es gibt keinen anderen Strom in Europa – auch nicht die Wolga und auch nicht den Rhein, der in der Vergangenheit vom deutsch-französischen Gegensatz geprägt war –, der so viele Kulturen miteinander verbindet wie die Donau. Kein anderer Strom hat so viele Staaten an seinen Ufern wie die Donau – und wenn man dann noch die Staaten dazu zählt, die von der Geographie her durch Zuflüsse mit der Donau verbunden sind, dann ergibt das einen ganz großen Raum, der durch diesen Strom wie ein Netz erschlossen wird.

 

Der Grund, warum ich das so ausführlich hier erwähne, ist, dass für die Vorbereitung der Friedenskonvokation in Jamaica geplant ist, eine ge­meinsame Stellungnahme der Kirchen, der weltweiten Ökumene, zum gerechten Frieden abzugeben. Es ist bekannt, dass sich die Kirchen durch Jahrhunderte hindurch mit der Frage des „gerechten Krieges“ ab­gemüht haben. Das steckt in allen kirchlichen Traditionen tief drinnen. Für die lutherischen Kirchen kann man sagen, das steckt sogar in den Bekenntnisschriften. Im 16. Artikel der „Confessio Augustana“, des Augsburger Bekenntnisses, ist vom „gerechten Krieg“ die Rede, aber auch in den reformierten Bekenntnisschriften des 16. Jahrhunderts findet sich Ähnliches. Die Überlegungen zu einem „gerechten Krieg“ aus der frühen Neuzeit hängen natürlich damit zusammen, dass versucht wor­den ist, aus christlicher Sicht Kriterien zu entwickeln, die das Führen von Kriegen rechtfertigen würden. Heute kann man sagen, dass sich die Ökumene, die Kirchen, die Christenheit auf Erden, einig ist: es gibt sol­che Kriterien nicht. Es gibt keine Rechtfertigung zum Führen eines Krie­ges! Und von da her spricht man nicht mehr vom „gerechten Krieg“, sondern besser vom „gerechten Frieden“ – und verbindet damit gleich diese beiden Begriffe Gerechtigkeit und Frieden. Wenn wir uns darüber einig sind, dass es keine ethische Rechtfertigung des Kriegführens aus christlicher Sicht gibt, bleibt dennoch eine Frage offen: ob es nicht unter bestimmten Bedingungen als Ausnahmefall möglich sein muss, militäri­sche Mittel anzuwenden. Stichwort: die sogenannte „humanitäre Inter­vention“. Hier gibt es zwei grundsätzlich verschiedene – zum Teil sich auch ergänzende, zum Teil sich aber ausschließende – Traditionen in den christlichen Kirchen. Es gibt auf der einen Seite diejenigen, die sa­gen, ja, es gibt diesen Ausnahmefall. Dieser bedeutet nicht, dass damit das Kriegführen ethisch gerechtfertigt wird, sondern es bleibt ganz be­wusst eine Ausnahme. Und die andere Tradition, die man eher mit dem Stichwort „grundsätzlicher Pazifismus“ bezeichnen könnte, sagt: es gibt nicht einmal diesen Ausnahmefall. Es muss immer andere Mittel geben als die militärische Gewaltanwendung.

 

Die eine Tradition versucht, strenge Kriterien für den Ausnahmefall zu definieren. Das erste ist: es muss für einen Ausnahmefall eine legitime und kompetente Autorität geben. Für die heutigen Konflikte heißt das: „im Mandat der Vereinten Nationen“ – und nicht „eine Koalition der Willi­gen“. Ich glaube, der Unterschied ist deutlich. Nur in einem Gemeinsa­men, wie es die Vereinten Nationen sind, kann vermieden werden, dass sich die Interessen weniger fast ungehindert durchsetzen können. Die „Koalition der Willigen“ meint ja die Koalition der in die Pläne der USA Einwilligenden. Wenn man die Konflikte der jüngsten Vergangenheit be­trachtet, sieht man auch immer, wie sehr die Vereinten Nationen hier auch unter Zugzwang und unter Druck kommen. Das zweite Kriterium, das der ausnahmsweise Einsatz militärischer Gewalt braucht, ist eine gerechte Ursache. D. h. es muss ein anerkannter Grund vorhanden sein, der es rechtfertigen würde, zu militärischen Mitteln zu greifen. Was kann so ein Grund sein? Es kann die Bedrohung von Minderheiten, ein dro­hender Genozid sein. Auch das ist im konkreten Fall schwer zu über­prüfen. Wie man z. B. am Beispiel der NATO-Intervention im Kosovo sieht, muss man nachträglich sagen: auch dort waren diese Kriterien nicht gegeben. Der dritte Grund, der jetzt auch in Bezug auf den militäri­schen Einsatz in Afghanistan besonders zu diskutieren ist, ist die richtige Absicht. Was will man erreichen? Was soll nach dem Einsatz militäri­scher Mittel anders sein, positiver sein als vorher? Wenn womöglich der Einsatz militärischer Mittel dazu führt, dass es nicht besser wird, ja viel­leicht sogar schlechter, dann wäre es nachträglich eine Verletzung die­ses Kriteriums. Also es gehört die berechtigte Hoffnung auf Erfolg dazu. Schließlich braucht es – als nächsten Kriterienbereich – die Angemes­senheit der Mittel. Der militärische Einsatz ist wohl nur noch schwer un­ter Kontrolle zu halten. Sowohl im Irak als auch in Afghanistan ist zu er­kennen, wie schwer es den Verantwortlichen fällt, ihre militärischen Ein­sätze auch zu kontrollieren. Und schließlich das rechtskonforme Verhal­ten. Es gibt auch ein Recht im Krieg. Z. B. den Schutz der Zivilbevölke­rung, das Recht auf Information und eine Reihe anderer im Krieg gelten­der völkerrechtlicher Bestimmungen mehr. Und auch da kann man fest­stellen, dass es sehr oft zu Übergriffen in Bezug auf diese Rechte bei den militärischen Einsätzen kommt, die wir heute diskutieren.

 

Generell gilt für alle diese Fragen der Kriterien für einen ausnahmswei­sen Einsatz von militärischen Mitteln, dass dies immer nur die „ultima ra­tio“, das letzte, sein darf. In vielen Fällen ist jedoch zu sehen, dass noch gar nicht alle anderen Mitteln ausgeschöpft sind. Eine besondere Dyna­mik hat dieses Denken dadurch bekommen, dass der militärische Ein­satz heute sehr oft unter der Überschrift „Krieg gegen den Terror“ läuft und damit schon alle anderen Mittel in den Hintergrund treten. Es wäre aus christlicher Sicht auf jeden Fall zu überlegen, ob der Einsatz von mi­litärischen Mitteln im Sinne der Hoffnung auf einen Erfolg im „Krieg ge­gen den Terror“ überhaupt gerechtfertigt sein kann. Man weiß aus jüngsten Studien, dass der Einsatz von externer militärischer Gewalt das schlechteste Mittel der Terrorbekämpfung ist. Ein weniger schlechtes Mittel ist die internationale Polizeiaktion. Auch das wäre eine Möglichkeit. Wenn wir Terrorismus als Verbrechen verstehen, dann ist ja die Antwort darauf nicht Krieg durch Militär, sondern Verfolgung und Strafverfolgung durch Polizei und internationale Gerichte. Das ist auf jeden Fall erfolgrei­cher als ein vollkommen diffuser Krieg gegen ein ganzes Land, wie er jetzt zum Teil geführt wird. Das erfolgreichste und damit wohl beste Mit­tel, um den Terror zu bekämpfen und Menschen, die in solchen Gruppen kämpfen, eine Rückkehr in eine gewaltfreie Konfliktlösungsgesellschaft zu ermöglichen, ist, sie am politischen Leben zu beteiligen. D. h.: „Make diplomacy, not war!“

 

Diese Fragen stellen sich natürlich nicht für jene Tradition im Christen­tum, die einen grundsätzlichen Pazifismus vertritt. Aber auch diese Posi­tion ist nicht naiv und blauäugig, sondern geht davon aus, dass es not­wendig ist, in der Prävention viel mehr zu tun, als wir bis jetzt bereit sind, zu tun, um Gewalt generell schon zu verhindern und nicht erst dann nach ethischen Kriterien und Verantwortung zu rufen, wenn sie aus­gebrochen ist. Und da sehen wir, dass in vielen Fällen nicht alle vorbeu­genden Mittel zur gewaltfreien Konfliktlösung ausgeschöpft werden. Und besonders sieht man, dass in dem Augenblick, wo die Konfliktlösung auf militärische Mittel setzt, eine gewisse Perspektivenverengung eintritt. Es ist dann nur noch die Rede von Soldaten und anderen, die zum militäri­schen Apparat gehören, aber wesentliche Personengruppen und Be­rufsgruppen, die zum Aufbau einer gewaltfreien Gesellschaft notwendig sind, kommen nicht vor: LehrerInnen, ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen etc.

 

Sicher ist, dass beide Traditionen – sowohl die, die davon ausgeht, es gibt den ausnahmsweisen Gebrauch von militärischen Mitteln als ultima ratio, als auch die, die den grundsätzlichen Pazifismus vertritt –, sich mit guten Gründen auf die Wurzeln des christlichen Glaubens berufen kön­nen – und dass beide davon ausgehen, dass Gewalt in keinem Fall im Namen der Religion zu rechtfertigen ist. In der weltweiten Ökumene ist es mittlerweile Konsens, dass es keine religiöse Legitimation von Gewalt gibt. Auch wenn man sagt, es kann in diesen eng und streng definierten Ausnahmefällen unvermeidlich sein, dass es dazu kommt, heißt das nicht, dass militärische Intervention im Namen einer Religion oder im Namen Gottes stattfinden dürfte. Im Gegenteil: Die Kirchen der weltwei­ten Ökumene sind davon überzeugt, dass sie einen Beitrag zu leisten haben, um Gewalt zu verhindern; um Gewalt zu überwinden, wenn sie geschieht; und um, wenn Gewalt geschehen ist, für Versöhnung einzu­treten, d. h. für Wahrheit, für Gerechtigkeit, für das Heilen der Erinne­rungen. Darin sind sich beide Traditionen einig und man kann gespannt sein, wie die Friedenskonvokation in Jamaica versucht, diese beiden Stränge zusammenzubinden. Die Christen und Christinnen sind sich ei­nig, dass es aus christlicher Überzeugung im Hinblick auf den Gebrauch von Gewalt nur die Antwort der Gewaltfreiheit gibt. Die christlichen Kir­chen sind sich darin einig, dass sie eine gemeinsame Aufgabe haben, Gewalt zu mindern und das Gewaltniveau generell einzuschränken. Und sie sind sich schließlich einig im selben Ziel, nämlich Gewalt, wo immer sie auftritt – vom kleinen, persönlichen, überschaubaren Bereich bis hin zu den größeren Zusammenhängen – zu überwinden, so weit es in ihrer Macht oder ihrer Möglichkeit steht. Damit nehmen sie das Amt der Ver­söhnung wahr – und das ist der Auftrag des Evangeliums.

 

Michael Bünker ist Bischof der Evangelischen Kirche A. B., Vorsitzender des Oberkirchenrates der Evangelischen Kirche A. und H.B. in Österreich sowie Generalsekretär der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE). Dieser Text ist ebenfalls erschienen in der lesenswerten Zeitschrift „KRITISCHES CHRISTENTUM“, www.akc.at, Probeexemplare: akc@aon.at,

1040  Wien, Mühlgasse 25/5.

 

 

 

Pfarrerin Maga. Lydia Burchhardt

Osterglaube

Predigt am Ostersonntag, 4. April 2010 in der Johanneskirche Klagenfurt

 

Der Predigttext steht im 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Ko­rinth am Anfang (1. Kor. 15,1-11):

Ich erinnere euch (aber), Ihr Lieben, an das Evangelium, das ich euch ver­kündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, … (Denn) Als Erstes habe ich euch wei­tergegeben, was ich auch empfangen habe: dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, da­nach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhun­dert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, (einige aber sind entschlafen). Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir (als einer unzeitigen Geburt) gesehen worden. (Denn) Ich bin der geringste unter den Aposteln, ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr ge­arbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so habt ihr geglaubt.

 

Ja, liebe Gemeinde, so predigen und so bekennen wir das: … Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Hinab ge­stiegen in das Reich des Todes. Am dritten Tage auferstanden von den Toten – und so weiter… Gestorben, begraben, auferstanden – und: dass er gesehen worden ist! Dass er gesehen worden ist – ist das nicht un-glaublich? Christus ge­storben. Jesus tot. Sie hatten seinen Leichnam gesehen. Sie waren zu seinem Grab gegangen. In diesem Augenblick versammelt sich alle Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit, Trauer und Wut. Doch dann haben sie ihn gesehen: Petrus, die Zwölf, mehr als 500 an­dere, auch Paulus selbst. Maria und Maria aus Magdala nennen die Evangelien (schade, dass Paulus sie nicht erwähnt).

 

Eine Wolke von Zeugen und Zeuginnen! Das „leere Grab“ ist also nicht die Phantasie einer Verschwörung gewesen. Ostern – keine Verschwö­rungstheorie, erst recht keine Geheimbotschaft. Sondern: leibhaftige Erfahrung. Das leere Grab selbst hat keinerlei Bedeutung. Aber dass derart viele Menschen bezeugen: „Der Herr ist auferstanden“ und zwar mit ihrem Leben bezeugen, das ist entscheidend. Da haben Menschen aufgrund einer Erscheinung ihr Leben verändert, alles hingeworfen und neu angefangen. Stehenden Fußes machen viele kehrt. Wer ihn gese­hen hat, wer ihm begegnet ist, – wie auch immer es jeweils gewesen sein mag – wurde im Innersten ergriffen, in Bewegung versetzt, verwan­delt.

 

Nicht das leere Grab ist die Botschaft, sondern der Glaube der ersten Zeugen und Zeuginnen. Ihr Bekenntnis: Der Herr ist auferstanden. Sie haben es in die Welt posaunt und dieser Schall ist nicht verstummt. Der Ruf wird noch heute wiederholt, heute erst recht: Jesus ist auferstanden. Ja, der Herr ist wahrhaftig auferstanden – und wir haben ihn gesehen. Er ist nicht tot. Er lebt. Gestorben, begraben, auferstanden. Das ist seit dem unser Glaubensbekenntnis. Aber Glauben heißt nicht einfach, einem historischen Bericht glauben. Nur weil da diese Menschen etwas gese­hen haben, verstehen wir’s nicht. Es muss sich für uns wiederholen, sonst glauben wir’s nicht, sonst werden wir’s nicht bestätigen und Sonntag für Sonntag als Gemeinde bekennen.

 

Wo aber begegnen wir dem Auferstandenen? Den lebendigen Christus finden wir nur bei Menschen, die ihn bezeugen. Durch ihr Handeln, durch ihr Bekenntnis, durch ihr Leben. Gott sei Dank, dass wir uns dabei nicht nur auf die Berichte der Augenzeugen, die Paulus aufzählt, verlas­sen müssen.

 

Nein, bis in unser 21. Jahrhundert finden sich Zeugen und Zeuginnen für die Wahrheit der Osterbotschaft. Es sind bedeutende Männer und Frauen wie Augustinus, Meister Eckhart, Martin Luther, Paul Gerhardt, Gerhard Tersteegen, Jochen Klepper, Dietrich Bonhoeffer, Edith Stein, Elisabeth von Thüringen, Mutter Teresa, Margot Käßmann und viele mehr, die alle vom lebendigen Sohn Gottes ergriffen wurden. Sie alle bezeugten auf ihre individuelle Weise, dass der Gekreuzigte der Lebendige Herr der Welt ist.

 

Es sind große Glaubenszeugen gewiss – aber auch wir, denen Christus auf die eine oder andere Art begegnet, sind aufgerufen, uns hier einzu­reihen! Als „Beweis“ für das Osterereignis kann jeder, jede von uns nur das anführen, was wir selbst mit Jesus, dem Auferstandenen erlebt ha­ben und erleben!

Ich glaube, weil ich ergriffen bin von dem Sohn Gottes, weil er mich an­gerührt hat.

Ich glaube, weil ich erlebt habe, wie mir vergeben wurde und ich immer wieder die Chance habe, neu anzufangen.

Ich glaube, weil ich Menschen erlebe, die ihre Kraft, ihre Hoffnung, Mut und Fröhlichkeit aus ihrem Glauben schöpfen.

Ich glaube, weil ich Gott zutraue, jede Grenze – auch die von Zeit und Raum – zu überwinden. Und ich glaube, weil ich seine Liebe spüre, – stärker als der Tod und die Quelle ewigen Lebens, weil ich mit ihm an meiner Seite über Mauern, ja, manchmal sogar über meinen eigenen Schatten springen kann.

 

Der Tod bedroht zwar noch immer unser Leben, aber er hat nicht das letzte Wort. Durch die Auferstehung Jesu hat er die Macht verloren. Tod ist mitten in unserem Leben zu finden. Täglich sterben Hoffnungen, Er­wartungen, Pläne und Beziehungen. Doch täglich erweist sich auch Auf­erstehung. Trotzdem – un-glaublich! Überwindung, Mut, Hoffnung! Neues Leben! Verwandlung! Das Ereignis am Ostermorgen lässt etwas geschehen, das sämtliche Erwartungen übertrifft: Menschen finden neue Wege und neue Lebensziele. Ängstliche Menschen, wie die fliehenden Jünger und die aufbrechenden Frauen, verwandeln sich in kraftvolle Zeugen und Zeuginnen – und das seit nun mehr schon Jahrtausenden! Menschen haben plötzlich Mut neue Wege zu gehen, ungeahnte Ziele anzupeilen. Durch die Auferstehung Jesu kann Gottes Gegenwart – Orts unabhängig – von jedem Menschen erfahren werden. Ob im Ge­bet, im Lesen der Bibel, dort, wo ein Wort ergriffen wird oder in der Na­tur, ob allein oder in der Gemeinschaft der Glaubenden. Und dann treten da Zeugen auf: und können den Menschen diese freudige Erfahrung er­zählen: Jesus Christus lebt, er ist mir nahe, er ist wahrhaftig auferstan­den! Im Erzählen, im Bekennen, im Aussprechen liegt eine große Kraft. Gott sprach: es werde – und es wurde. Gott schuf uns – nach seinem Bilde: Und immer wenn wir erzählen, bekennen, die Osterbotschaft ver­künden, wird seine Gegenwart ganz lebendig, werden wir selbst zum Zeugnis der Auferstehung, und werden selbst im Glauben wachsen. Paulus nennt das „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“

 

Ja, wir sind reichlich beschenkt. Und Gottes Geist ermöglicht es uns auch immer wieder: "von neuem sehen, hören und fühlen" zu können. Trotz all unserer Grenzen, allem Versagen, trotz aller Schuld können wir aufstehen und uns für das unendlich freie Leben in der Nähe Gottes ent­scheiden. Diese Freiheit ist Ostern!

 

Ostern ist ohne Karfreitag nicht zu haben, nicht einmal zu denken. Wer den Tod versucht auszublenden, braucht auch kein Osterereignis, wird es nicht begreifen und nicht davon ergriffen. Erst dort, wo wir die schwarzen Flecken in unserem Leben, in unserem Umfeld, in der Welt auch wirklich wahr und ernst nehmen, bricht die freudige Nachricht über uns herein, dass alles anders sein kann.

 

Hier und jetzt – in diesem Leben – gilt es „...von der Auferstehung Christi einen neuen, reinigenden Wind in die gegenwärtige Welt wehen... zu lassen“. Hier und jetzt! Den Todesmief des Jämmerlichen zu vertrei­ben! Der Liebe die Augen zu öffnen! Dann wird vieles anders werden. Dann ereignet sich die Auferstehung mitten in unserem Leben, in unse­rer Gemeinde, in der Welt – und wir können des bezeugen. Vielleicht geschieht all dies dann auch, weil wir Gottes trotzige Liebe bezeugen.

 

 

 

Mag. Roland Werneck

Es ströme das Recht wie Wasser (Amos 5, 24)

Predigt beim Rundfunkgottesdienst am 2. Mai 2010 im Albert Schweitzer-Haus

 

Von wie vielen Gewalttaten habe ich in der letzten Woche gehört oder gelesen?

 

Rassistische Sprüche in der Straßenbahn, sexuelle Gewalt in Internaten, Prügeleien im Schulhof, Gewalt in Familien, die Kriegsberichterstattung in den Nachrichten – auch ich merke manchmal mit Schrecken, ich habe mich an vieles gewöhnt. Aber ich will mich nicht damit abfinden, will nicht, dass die vielen Gewaltbilder und Gewaltnachrichten mich unbe­rührt lassen.

 

Habe ich noch eine Vorstellung von einer anderen Welt?

 

Einer Welt, in der Menschen in Frieden und sozialer Gerechtigkeit leben können, in der Konflikte ausschließlich gewaltfrei ausgetragen werden?

 

Wenn ich nahe daran bin, zu resignieren, abzuschalten, mir eine dicke Haut zuzulegen, dann lese ich in der Bibel. Die Bibel ist voll von Bildern und Visionen dieser anderen Welt – gerade weil die Wirklichkeit auch zu biblischen Zeiten immer wieder von Krieg, Gewalt und Verarmung geprägt war.

 

Im Alten Israel traten Propheten auf, die sich kein Blatt vor den Mund nahmen. So einer war Amos im achten vorchristlichen Jahrhundert. Es ist eine Phase der wirtschaftlichen und sozialen Veränderung. Wie im­mer in solchen Zeiten gibt es Gewinner und Verlierer. Auf der einen Seite leben die Reichen immer mehr im Überfluss, auf der anderen Seite haben viele Bauern ihren Besitz verloren. Sie sind der Politik der Mächtigen ausgeliefert, weitgehend rechtlos. Und da kommt einer, der Klartext redet. Der Prophet Amos ist kein diplomatischer Religionsfunkti­onär, der auf die Mächtigen seiner Zeit Rücksicht nimmt. Ihm reicht es. Er ist wütend auf die, die sich nicht an das Recht halten und auf die, die so tun, als sei ohnehin alles in Ordnung. Besonderen Anstoß nimmt er an der religiösen Praxis: Gottesdienste werden im ganzen Land gefeiert, wie es Tradition ist, Opfer dargebracht, Gebete abgehalten, alles läuft liturgisch korrekt ab.

 

Aber: Wenn Gottesdienste zum Selbstzweck werden, wenn das liturgi­sche Feiern nichts mehr mit den Sorgen und Nöten des Volkes zu tun hat, dann braucht es prophetische Stimmen wie die des Amos.

 

Gebete und Gebote gehören zusammen, sagt Amos. Es geht nicht an, dass dem Gott Israels Opfer dargebracht werden, wenn ein großer Teil des Volkes gleichzeitig unter Gewalt, Krieg und Verarmung leidet. Er ist zornig im Namen Gottes: „Tu weg von mir das Geplärr eurer Lieder, dein Harfenspiel mag ich nicht hören!“

 

Was ist das für ein Gott, in dessen Namen der Prophet Amos so wütend auftritt? Dieser Gott hat sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit.

 

Er will kein abgehobener, über den Dingen schwebender Gott sein. Wer an ihn glaubt, orientiert sich an seinen Geboten, die Recht und Gerech­tigkeit einfordern, besonders für die Armen, besonders für die am Rand der Gesellschaft Lebenden. Der Prophet Amos will sich nicht damit abfinden, dass die Welt eben so ist, wie sie ist, dass es immer Unrecht, Krieg und Gewalt geben wird. Er formuliert seine Vision in klaren Worten: „Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Haben wir Heutigen uns damit abgefunden, dass Unrecht, Krieg und zerstörerische Gewalt gleichsam naturgegeben zu unserem Leben da­zugehören?

 

Ich suche nach Möglichkeiten, den Kreislauf der Gewalt zu unterbre­chen. Ich suche nach Verbündeten, die sich mit mir zusammen auf ei­nen Weg ohne zerstörerische Gewalt machen wollen.

 

Ich habe erfahren, dass es weltweit sehr viele Menschen gibt, die diesen Weg gehen möchten. Christenmenschen, Angehörige anderer Religio­nen, auch Menschen, die von den Ideen des Humanismus überzeugt sind.

 

In den letzten 10 Jahren sind mir durch die Mitarbeit in der Dekade des Weltkirchenrats zur Überwindung von Gewalt und der UNO-Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder der Welt sehr viele solcher Menschen begegnet. Eine Initiative setzt sich dafür ein, dass die Rechte der Kinder nicht nur auf dem Papier existieren. Mehr als eine Million Kinder und Jugendliche im Jahr werden weltweit wie eine Ware verkauft und wie Sklaven ausgebeutet. Diese Kinder brauchen Rechte und Gerechtigkeit! Trotz Rückschlägen engagieren sich viele Menschen ehrenamtlich in Friedensinitiativen auf lokaler und internationaler Ebene. Manche sind im künstlerischen Bereich tätig. Ein Jude und ein Palästinenser machen gemeinsam Musik und setzen so ein Zeichen der Versöhnung. Ich habe Jugendliche kennen gelernt, die eine Ausbildung in Mediation machen, damit Konflikte im schulischen Bereich ohne seelische und körperliche Gewalt ausgetragen werden können. Vor ein paar Wochen haben wir hier im Haus ein Argumentati­onstraining gegen Rassismus angeboten. Eine Sekretärin, ein Student und eine Pensionistin haben gesagt, jetzt ist es Zeit, „Stop“ zu sagen, nicht mehr schweigend fremdenfeindliche und antisemitische Sprüche hinzunehmen. Zivilcourage ist gefragt!

 

Das Projekt DonauFriedensWelle versteht sich als europäischer Beitrag zum Abschluss der ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt.

 

Christenmenschen entlang der Donau wollen mithelfen, den Kreislauf der zerstörerischen Gewalt zu unterbrechen und sich dafür einsetzen, dass Recht und Gerechtigkeit die verschiedenen Lebensbereiche durch­strömen. Jeder und jede kann einen Beitrag dazu leisten, im eigenen Umfeld.

 

Jede einzelne Stimme ist wichtig, die wie Amos sagt: „Ich will mich nicht damit abfinden, dass die Welt eben so ist, wie sie ist, dass es immer Un­recht, Krieg und Gewalt geben wird.“

 

Es wird uns selbst nicht immer gelingen, das, was wir für richtig halten, umzusetzen. Keiner von uns handelt nur gerecht, immer wieder üben wir auch selbst Gewalt aus – sei es durch unser Reden, sei es durch un­ser Tun. So ist es gut, eine Gemeinschaft zu haben, in der wir unsere Erfahrun­gen austauschen können, in der wir uns getragen wissen, in der wir uns angenommen fühlen dürfen mit allen unseren Schwächen und Stärken.

 

Die christlichen Gemeinden entlang der Donau laden dazu ein, in Ge­meinschaft das Leben von Recht und Gerechtigkeit durchströmen zu lassen. Der Prophet Amos erinnerte sein Volk daran: Gebete und Ge­bote gehören zusammen. Im Gebet, im Gottesdienst, im Feste feiern erleben Christenmenschen eine Unterbrechung des Gewaltkreislaufes. Das Gebet zum Befreiergott Israels, zum Vater Jesu Christi kann uns als Gemeinschaft verändern, kann uns dazu motivieren, neu aufzubrechen und auf den Spuren der Gewaltlosigkeit, der Versöhnung und des Frie­dens immer wieder neu gehen zu lernen.

 

Vor 25 Jahren wäre ein solches Projekt wie die Donaufriedenswelle nicht denkbar gewesen. Der sogenannte „Eiserne Vorhang“ hat Europa ge­teilt, die Länder entlang der Donau waren durch Grenzen voneinander getrennt, ideologisch, aber auch sehr real durch Zäune und Gräben. Heute sind zwar die Grenzkontrollen weitgehend abgeschafft, aber in den Köpfen und Herzen gibt es immer noch und schon wieder Grenzen, Zäune und Gräben. Nationalistische Vorurteile werden durch verant­wortungslose Politiker neu geschürt, die Rechte der Menschen, die in unseren Ländern Zuflucht suchen, weil sie in ihrer Heimat um ihr Leben bangen müssen, werden immer mehr eingeschränkt.

 

Der Ruf des Propheten Amos nach Recht und Gerechtigkeit begleitet die Donaufriedenswelle im kommenden Jahr.

 

Seine Worte haben in vielen Jahrhunderten immer wieder Menschen aufgerüttelt und dazu geführt, den Schalom, den Frieden Gottes zu de­nen zu bringen, die von Wohlstand und Reichtum ausgeschlossen sind.

 

Gebete und Gebote gehören zusammen. Beide können Grenzen über­winden, in den Köpfen, in den Herzen, zwischen Konfessionen, Religio­nen und Ländern. Die Gottesdienste und Veranstaltungen der Donau­friedenswelle werden dazu beitragen, dass das Recht und die Gerech­tigkeit entlang der Donau nicht versiegen werden. Amen.

 

Mag. Roland Werneck ist Studienleiter der Evangelischen Akademie Wien.

 

 

 

 

Kaplan Franz Sieder

Zur Krise der Katholischen Kirche

 


Ich bin als Betriebsseelsorger im westlichen Teil von Niederösterreich tätig. Ich arbeite also als Priester in einem Milieu, das nicht unbedingt ein sehr großes Naheverhältnis zur Kirche hat. Viele in diesem Milieu sind suchende Menschen. Momentan wirkt die Kirche nicht einladend auf sie – ja viele erwägen sogar den Austritt aus der Kirche. Das öffentliche Image der Kirche ist durch die vielen Missbrauchsfälle am Boden. Die Kirche gleicht fast einem Boxer, der am Boden liegt und angezählt wird. Was der Kirche jetzt besonders auf den Kopf fällt, das ist ihre Vertu­schung und ihre Verlogenheit, aber auch eine gewisse Überheblichkeit. Ihre Repräsentanten haben sich „Hochwürden“ und „Exzellenz“ nennen lassen und oft ein Gehabe an den Tag gelegt, wie wenn sie moralisch unantastbar wären. Die offizielle Kirche hat auch den Menschen im Se­xualbereich Lasten aufgebürdet, die für die meisten Katholikinnen und Katholiken kaum zu ertragen sind. Bischof Erwin Kräutler sagte einmal: „Dadurch, dass die Kirche alle Empfängnisverhütungsmittel verbietet, verlangt sie von den Ehepaaren etwas, das für die meisten nicht lebbar ist. Es ist schwer vorstellbar, dass Gott von den Menschen etwas ver­langt, was von ihnen nicht lebbar ist.“ Mir kommen hier die Worte von Jesus in den Sinn, die Jesus zu den Pharisäern gesagt hat: „Ihr bürdet den Menschen schwere Lasten auf, aber selbst richtet ihr es euch.“ Das denken sich jetzt auch manche, wenn sie von Missbrauchsfällen in der Kirche hören.

 

Die Kirche hat großen Reformbedarf. Sie muss von einer Gesetzeskir­che zu einer Kirche mit einem menschlichen Antlitz werden und sie muss ihre eher diktatorischen Strukturen aufgeben und demokratische Refor­men zulassen. Die Kirche muss auch der Frau jenen Platz geben, der ihr auf Grund der Gleichheit aller Menschen zusteht. Konkret heißt das, dass auch die Frau zum Diakonat und zum Priestertum zugelassen wer­den muss.

 

Vieles in der Kirche wird zusammenbrechen, damit Neues entstehen kann. Der Theologe Eugen Biser nennt zwei Gründe, warum diese „Kir­che neu“ entstehen wird in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft. Der erste Grund ist, dass diese eher fundamentalistische Linie der Kirche nicht mehr mitgetragen wird von der geistigen Schichte der Kirche – das sind die TheologieprofessorInnen und dass zweitens diese Linie auch nicht mehr mitgetragen wird vom Volk. Alles, was von der geistigen Schicht und auch vom Volk nicht mitgetragen wird, hat keine Zukunft. Es wurde dies auch sichtbar beim diktatorischen Kommunismus der Nach­barländer. Wahrscheinlich erleben wir momentan eine historische Epo­che der Kirche, wo Altes zusammenbricht und Neues entsteht. So wie der einzelne Christ / die einzelne Christin immer wieder aufgerufen ist, sich zum Evangelium zu bekehren, so ist auch die Kirche in ihrer Ge­samtheit immer wieder aufgerufen, sich zum Evangelium zu bekehren.

 

Ich möchte in dieser schweren und kritischen Zeit alle Katholikinnen und Katholiken bitten, die Kirche nicht zu verlassen, also nicht auszutreten. Die Kirche ist unsere Glaubensfamilie und eine Familie verlässt man auch nicht, wenn der Vater versagt oder kriminell geworden ist. Wenn ich aus einer Gemeinschaft austrete, dann kann ich in dieser Gemein­schaft nicht mehr positiv wirken. Ich bitte alle, in der Kirche zu bleiben und mit allen Möglichkeiten, die wir haben, mitzuwirken, dass unsere Kirche eine bescheidene, eine aufrichtige und menschliche Kirche werde.


 

 

 

 

Sepp Wall-Strasser

Man schlägt die Griechen und meint den Sozialstaat

Von falschen Schuldzuweisungen und notwendigen
Tabubrüchen in der Debatte um das hellenische Finanzdebakel

 


Es ist, als wohnte man einem rituellen Schlachtopfer bei: Da wird uns ein Land vorgeführt, welches alle Übel und Krankheitserreger der Zeit in sich trägt – korrupt bis in die Knochen, faul, verschlagen, verschwende­risch. Ganze Heerscharen von Staatsbeamten liegen dem Staat auf der Tasche, die halbe Bevölkerung lebt in Pension, kein Wirt zahlt Steuern – ein Abschaum von Land! Sogar Investmentbanker ekelt es noch beim Aussprechen des Urteils: "Griechenland hat über seine Verhältnisse ge­lebt!" In seiner öffentlichen Strafung wird Heilung für ganz Europa liegen.

 

Sündenbockphänomene treten vor allem in religiös-ideologisch fundier­ten Gesellschaften auf, die stark dazu neigen, ihre eigenen Grundfesten zu tabuisieren. Das Opfern des Sündenbocks hat die Funktion, nichts am System ändern zu müssen, sondern die bedrohte Ordnung wieder herzustellen. Erstaunlich, wie das auch im angeblich säkularen Informa­tionszeitalter funktioniert. Mystifizierungen, Halbwahrheiten und offene Lügen setzen sich als politische Kategorien durch. Welche Tatsachen werden am Beispiel Griechenland im öffentlichen Diskurs tabuisiert?

 

1. Griechenland ist zum Spielball der Spekulanten geworden. Die hohe Verschuldung (115 % des BIP) ist nicht der Hauptgrund der gegenwärti­gen Krise, sondern die Spekulation auf Staatsbankrott und die ideologi­sche Borniertheit der Politik und der EZB. Hohe Schulden haben die meisten Länder. Japans Schuldenstand liegt bei 200 % des BIP. Aber Länder wie die USA und Japan können ihre Schulden direkt über ihre Zentralbank refinanzieren. Das ist vernünftig, weil sie sich den Märkten und der Spekulation nicht ausliefern und dadurch die Zinslast geringer ist. Diese Option haben in der Eurozone nur die Banken, nicht die Staa­ten. Die Banken bekamen im letzten Jahr trotz vieler toxischer Papiere unbegrenzt EZB-Geld zu einem Zinssatz von 1 %. Den Staaten stand das nicht zu, weil die EZB-Verfassung eine Finanzierung der öffentlichen Körperschaften bisher aus ideologischen Gründen ausschloss!

 

2. Die "faulen Griechen" leben nicht in Saus und Braus: 20 Prozent der Griechen sind von Armut bedroht, das monatliche Durchschnittsein­kommen liegt bei 700 bis 1000 Euro. Dies ist anscheinend noch zu viel. Denn man wirft Griechenland (und den übrigen "PIGS“) vor, deswegen so hohe Schulden zu haben, weil sie zu wenig konkurrenzfähig sind. Was auf Deutsch (im wahrsten Sinn des Wortes) heißt: nochmals mit den Löhnen runter! Schuld daran aber ist vor allem Deutschland, weil es seit Jahrzehnten Lohndumping betreibt.

 

Die Einführung der Währungsunion mit einem Inflationsziel von zwei Prozent sah auch vor, die Löhne ungefähr zwei Prozent über der Pro­duktivität zu halten. Deutschland ist massiv darunter geblieben, deutsche Unternehmen wurden zu Gewinnern, während fast alle anderen darunter leiden. Das ist ein klarer Verstoß gegen den Geist der Währungsunion.

 

3. Die Korruption ist nicht der Kern des Übels. Selbstverständlich gehört zu jedem Supermarkteinkauf eine ordentliche Rechnung. Aber auch hier ist es wie bei den Beamtentöchterpensionen: Damit steht oder fällt keine Volkswirtschaft. Vielmehr haben wir es mit dem generellen Problem der Steuerungerechtigkeit in Europa zu tun. Griechenland ist eines der Schlusslichter beim Aufkommen von Einkommens- und Gewinnsteuer: Es liegt bei nur 7,5 % des BIP (OECD-Durchschnitt: 12 %). Selbständige und Vermögende tragen fast nichts bei, in der Schweiz lagern mindes­tens 16 Mrd. griechisches Schwarzgeld. Der Euro-Pakt gibt keinerlei Vorgaben für mehr Steuerdisziplin, was ihn u. a. auch deswegen wieder zerstören kann.

 

Alternativen zu dieser Strategie gäbe es durchaus, sie umzusetzen würde allerdings mehrere schwere Tabubrüche voraussetzen. Hier die vordringlichsten:

 

Tabubruch eins: Freie Finanzmärkte sind nicht effizient. Anstatt Narren­freiheit fürs Kapital braucht es eine grundlegende Neuregulierung der Finanzmärkte, die sofortige Einführung einer Finanztransaktionssteuer, Zerschlagung systemrelevanter Banken, Reform der EZB, ... Die letzten zwei Jahre wurden total verschlafen.

 

Tabubruch zwei: Das Heil liegt nicht in Konkurrenz und Export, ganz im Gegenteil. Damit eine Währungsunion funktioniert, braucht es auch eine gemeinsame Steuer-, Wirtschafts-, Beschäftigungs- und Lohnpolitik. Diese muss alle Mitglieder zu Lohnerhöhungen im Ausmaß der Produk­tivität verpflichten (was Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit senken und Griechenlands Handelsbilanz heilen würde) und die Besteuerung von Vermögen, Kapitalerträgen und Finanztransaktionen harmonisieren.

 

Tabubruch drei: Investieren statt Sparen. Sparen führt nicht aus der Überschuldung, sondern in die Rezession. Wenn jetzt die Löhne und Pensionen in Griechenland gekürzt werden, wenn Spanien, Portugal, Italien diesem Kurs folgen und Deutschland sich mit seinem Neuver­schuldungsverbot durchsetzt, dann gute Nacht, armes Europa! Stattdes­sen braucht es eine Sanierung der Haushalte über Festlegung von Zins­sätzen und massive Investitionen in Zukunftsbereiche - Ökologie, Bil­dung und Soziales.

 

Das Hauptproblem unserer Tage ist also nicht der Mangel an Lösungen, sondern dass diese von den Verantwortlichen nicht gewollt sind, weil sie offenbar ein anderes Ziel verfolgen: den Angriff auf den europäischen Wohlfahrtsstaat. Plötzlich fordern nämlich die sozialpolitischen Hardliner eine Wirtschaftsregierung - aber nicht, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern, sondern um direkt in die Budget- und vor allem Sozialpolitik der einzelnen Mitgliedsländer eingreifen zu können. Dann bestimmen nicht mehr die nationalen Regierungen und Parlamente, ob es ein öf­fentlich finanziertes Pensions- und Gesundheitssystem oder einen freien Zugang zu Bildung gibt, sondern dies machen dann die Monetaristen der EZB, des IWF und die dahinter lauernden "Investoren".

 

So macht das eingangs beschriebene rituelle Opfern Sinn: Es soll uns eindrucksvoll vor Augen geführt werden: "Ihr alle habt über eure Verhält­nisse gelebt!" Nicht die Investmentbanker mit Milliardenboni, nicht die Aktionäre der systemrelevanten Banken, nicht die Spekulanten, die die Staatsbudgets aussaugen – nein, wer fünf Wochen Urlaub im Jahr ge­nießen will, wer sich an seiner bescheidenen Pension erfreut, ein 13. und 14. Monatsgehalt zum Ausgeben hat – der ist der "wahre" Krisen­verursacher!

 

Vor dem Hintergrund dieser Deutungslogik ist der Blick auf Griechenland zugleich ein Blick in unsere Zukunft: Was der neoliberalen Sparpolitik der letzten 25 Jahre nur Schritt für Schritt gelungen ist – den Wohlfahrtsstaat zurückzudrängen –, soll nun offenbar in einem raschen Coup vollendet werden.

 

Insofern ist die Solidarität mit den Protestaktionen der griechischen Be­völkerung Hilfe zur Selbsthilfe. Damit nicht auch wir demnächst zur Schlachtbank geführt werden

 

Sepp Wall-Strasser ist Bereichsleiter für Bildung und Zukunftsfragen im ÖGB Oberösterreich und schon lange in der Kirche aktiv. Dieser Kommentar er­schien in der Tageszeitung „Der Standard“, am 14. Mai 2010. Der Abdruck wurde vom Autor genehmigt.

 

 

KURZMELDUNGEN UND TERMINE

 


Papst ruft zu atomarer Abrüstung auf

Papst Benedikt XVI. hat die Teilnehmer der New Yorker Atomwaffen-Konferenz zu verstärkten Bemühungen um eine weltweite Abrüstung aufgerufen. Er ermutige Initiativen, die sich für die Einrichtung von atomwaffenfreien Zonen einsetzen und das Ziel einer kompletten Ab­schaffung dieser Waffen verfolgen, sagte der Papst bei der General­audienz am Mittwoch in Rom. Der Friede beruhe nicht nur auf dem Gleichgewicht der Kräfte, sondern auf der Achtung eingegangener Ver­pflichtungen. Der Papst forderte die Konferenzteilnehmer in New York auf, historische Hindernisse zu überwinden und sich auf politischem und wirtschaftlichem Wege für den Frieden einzusetzen.

In der UN-Konferenz beraten seit 3. Mai TeilnehmerInnen aus 190 Staaten über eine Stärkung des Atomwaffensperrvertrags. Bis zum 28. Mai geht es vor allem um Maßnahmen, die Verbreitung von Atomwaffen wirkungsvoller zu unterbinden. (Kathpress, 5.5.2010)

 

Xingu-Megastaudamm: Bischof Kräutler sieht Chan­cen in Lizenzanfechtung

 

Wien-Brasilia (KAP) Die Allianz der Gegner des brasilianischen Mega­staudamm-Projekts Belo Monte am Xingu-Fluss, der an vorderster Front Bischof Erwin Kräutler angehört, will alle legistischen Mittel ausschöpfen, damit das Projekt nicht zustande kommt. In einem Interview für den "Kurier" betonte der aus Vorarlberg stammende Missionsbischof und Präsident des Indianermissionsrats der Brasilianischen Bischofskonfe­renz (CIMI), er lehne den von einigen Indianer-Sprechern angekündigten bewaffneten Widerstand ab, sei aber für "konsequenten und entschlos­senen gewaltlosen Widerstand". "Vielleicht gelingt es uns wieder, wie schon 1989, das Xingu-Projekt zu verhindern", so Kräutler. Derzeit gehe es darum, alle Rechtsmittel gegen das Bewilligungsverfahren auszu­schöpfen. Dieses sei "klar verfassungswidrig" gewesen. "Die Indianer wurden nicht - wie zwingend vorgeschrieben - angehört. Jetzt sind sie voller Zorn, zugleich haben sie Angst", sagte der Bischof. Die internatio­nale Unterstützung - etwa durch den Sänger Sting und den Regisseur James Cameron, den Kräutler in Brasilia getroffen hatte - sei beim Wi­derstand eine große Hilfe. "Brasilien ist sehr bedacht auf ein positives Image im Ausland. Insofern nützt diese Art von Solidarität", betonte der Bischof.

 

Vor drei Wochen hatte Brasiliens Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva angekündigt, Belo Monte notfalls auch ohne Beteiligung der Pri­vatwirtschaft zu realisieren. Das Wasserkraftwerk am Rio Xingu im Bun­desstaat Para ist eines der größten Projekte des Regierungsprogramms zur Beschleunigung der Wirtschaft (PAC) und soll rund 11,5 Milliarden Euros kosten. Nach juristischem Tauziehen fand am 20. April die Ver­steigerung der Lizenz statt, das Konsortium "Norte Energia" gewann die Ausschreibung mit dem günstigsten Stromtarif. Insgesamt acht Unter­nehmen sind in dem Konsortium zusammengeschlossen. Auch die österreichische "Andritz Hydro" zeigt Interesse an einem Einstieg. Für den drittgrößten Staudamm der Welt müssten nach Angaben der Planer rund 16.000 Menschen umgesiedelt werden; Kräutler spricht allerdings von mindestens 25.000. Der Bischof erinnerte im "Kurier"-Interview daran, dass die Existenzgrundlage für Tausende Indianer am Fluss zer­stört würde, weil sie nach einer Umsiedlung keine Nahrung und kein Einkommen aus dem Fischfang mehr hätten: "Wenn Lula das Vorhaben ohne Rücksicht auf Verluste durchzieht, dann wird er zum Totengräber für die Indianervölker." (Kathpress, 17.5.2010)

 

 

 

KAB Vesper

Die Vesper der Katholischen ArbeitnehmerInnenbewegung St. Pöl­ten findet jeden letzten Sonntag im Monat um 20.00 Uhr im Jugend­haus Schacherhof in Seitenstetten (Bezirk Amstetten) statt (nicht in den Sommerferien).

 

 

 

Ökumenischer Gottesdienst im Karl-Marx-Hof

finden jeweils am ersten Sonntag im Monat um 10.00 Uhr in den Räu­men des Pensionistenclubs, Eingang Grinzinger Straße, Ecke Heiligen­städter Straße statt: 6. Juni und 4. Juli.

 

 

 

www.findfightfollow.at

Es gibt einen Gottesdienst gemeinsam mit den PfadfinderInnen am Sonntag, 8. August in Laxenburg.

 

 

 

Friedensinitiative Donaustadt

Nach der Sommerpause gibt es am Dienstag, 14. September 2010 um 19.00 Uhr ein Treffen im Rahmen der Aktion „Rassismus-freie Zonen“ zum Thema "Gute ÖsterreicherInnen, böse AusländerInnen?" mit Ute Bock, Alexis Neuberg und Wolfgang Machreich in  der Donaucitykirche, 1220 Donaucitystraße 2 (U1 VIC Kaisermühlen)

 

 

Das Neujahr der IndianerInnen

wird am 21. Juni gefeiert. Daher treffen sich auch heuer wieder Indios aus Lateinamerika und an indianischer Kultur interessierte Menschen am Sonntag, 20. Juni um 21.00 Uhr im CentrOnce Stadtteilzentrum Simme­ring, 1110  Wien, Schneidergasse 15/5 (U3 Zippererstraße). Nach dem Fest wird in der Nacht gemeinsam auf die Donauinsel gefahren, wo mit Musik und Tänzen das neue Jahr begrüßt wird.

 

 

 

Termine „Wir sind Kirche“

So., 13. Juni,  Treffpunkt zum Ausflug: 9.00 Uhr zum Gottesdienst in der Pfarre St. Gertrud in 1180 Wien, Eingang Maynollo­gasse (U6 Wäh­ringer Straße, Straßenbahn 40 / 41 stadtauswärts)

Fr. 18. bis So., 20. Juni, Batschuns/Vorarlberg Kirchenvolks-KonferenzFür eine Kirche mit Zukunft - Eckpunkte für eine menschenrechts­konforme Kirchenverfassung“

9. bis 13. August 2011, Universität Leipzig /Deutschland, 3. Europäische Frauensynode, Infos www.synodalia.net

Infos: http://www.wir-sind-kirche.at

 

 

 

Pax Christi Wien

trifft sich wieder am Montag, 14. Juni um 18.00 Uhr in der Alten Burse, 1010  Wien, Sonnenfelsgasse 19 (U3 Stubentor).

 

 

 

EVANGELISCHE AKADEMIE

Reihe „Die Gretchen-Frage am Mittwoch-Abend“ (Haltung der Par­teien zu Religion, Religionsfreiheit und religiösen Werten)

2. Juni, Matthias Tschirf (ÖVP), Bischof Michael Bünker

16. Juni, Heinz Vettermann (SPÖ) – Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner

Mittwoch, 9. Juni, Christlich-marxistischer Lesekreis, Walter Baier „Fünf Bemerkungen zur sogenannten Grundfrage der Philosophie“

Alle Veranstaltungen beginnen jeweils um 19.00 Uhr im Albert Schweitzer-Haus, 1090  Wien, Schwarzspanierstr. 13

 

 

 

Fest der Begegnung 11. bis 13. Juni in St. Pölten

Freitag, 11.6., 20.00 Uhr Internationaler Rap- und Hiphop-Abend im Cinema Paradiso

Samstag, 12.6., ab 12.00 Uhr Programm auf dem Rathausplatz, 15.30 Uhr Cimbali-Band (Balkanmusik aus Ungarn), 18.30 Uhr Konzert Vienna Rai Orchester mit Otto Lechner und Kadero Rai

Sonntag, 13. Juni, 10.30 Uhr, Film „Little Alien“ und Diskussion über die Situation von jugendlichen Flüchtlingen in NÖ, Cinema Paradiso

 

 

 

 

Friedensbewegung beim Donauinselfest

Beim Donauinselfest vom 25. bis 27. Juni 2010 gibt es wieder einen Friedensstand bei der VIDA auf der Gewerkschaftsinsel (Nähe der U1).

 

 

 

Lange Nacht der Kirchen 2010 am Freitag, 28. Mai

 in der Zwinglikirche,1150 Schweglerstr. 39

19.00-20.00 Uhr Schau auf die Welt – Musik zu Tag und Nacht

Konzert des Zwinglichors und der HuG (Homosexuelle und Glaube)

Geistliche Lieder von Hugo Wolf und Lieder zu Schöpfung und Ver­ant­wortung

20.00-21.00 Uhr Die Waffen nieder - dem Elend ein End

Friedenslieder mit Ernst Toman, Texte von Dorothee Sölle (siehe S.  1)

21.00-22.00 Uhr Konzert der koreanischen Gemeinde Internationale Lieder und Instrumentalmusik

22.00-23.00 Uhr Humoristisches über Gott und die Welt

Heiteres zum Ausklang mit Alfred Heinrich, Elfriede Kirnbauer und Franz Streiter

 

 

"Krieg im Abseits"

Die Schlaininger Sommerakademie 2010 wird sich mit den so ge­nannten "vergessenen Kriegen" auseinandersetzen. Während die Kriege in Afghanistan und Irak unter großer internationaler Be­obachtung stehen, sind Kriege und Konflikte in der Westsahara, in Südamerika, in Kaschmir oder in Algerien kaum in unseren Schlag­zeilen zu finden. Welche geopolitischen Gründe sind dafür verant­wortlich? Welche Rolle spielen ökonomische Zusammenhänge? Was können Massenmedien tun und was sollen sie lassen? Welche Rolle kommt kritischen NGOs und alternativen Medien zu?

 

Sommerakademie "Krieg im Abseits", 4. - 9. Juli 2010, u.a. mit Elmar Altvater, Jochen Hippler, Elias Bierdel, Norman Paech, Heid­run Zinecker, Werner Ruf, Claudia Haydt, Angelika Spelten, Volker Matthies, Elfriede Schachner, Peter Strutynski, Erhard Crome, Co­rinna Milborn u.v.a.

Im Rahmen der Akademie wird am 9. Juli mit Ndudueze Fabian Mmagu ein Friedensgottesdienst gefeiert

Anfragen: Thomas Roithner, roithner@aspr.ac.at

Programm: http://www.aspr.ac.at/sak.htm

 

Hiroshima-Veranstaltungen

... in Wien

Die Hiroshima-Veranstaltung beginnt am Hiroshima-Tag (Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Hiroshima), Freitag, 6. August 2010 um 17.00 Uhr auf dem Wiener Stephansplatz und wird um ca. 20.30 Uhr mit einem Laternenmarsch vom Stephansplatz zum Teich vor der Karlskirche abgeschlossen. Im Rahmen der Aktion werden wieder Grußadressen von prominenten Persönlichkeiten veröffent­licht. VertreterInnen von Friedensgruppen sprechen zum Thema Atomwaffen, Ernst Toman (Friedensinitiative Donaustadt) singt Frie­denslieder.

Am Montag, 9. August 2010 wird um ca. 19.00 Uhr mit einer traditi­onellen Buddhistischen Lichterzeremonie bei der Wiener Frie­denspagode der Opfer von Hiroshima und Nagasaki gedacht (Wien 2, Hafenzufahrtsstraße, Bus 80B).

 

... in Melk am Samstag, 7. August 2010 von 10.00 bis 13.00 Uhr Gedenkaktion zu Hiroshima und Nagasaki in der FußgängerInnen­zone (vor dem Rathaus).

 

Weitere Infos: http://www.hiroshima.at/

 

Unsere Bitte:

Unsere Kosten sind enorm gestiegen!!!
BITTE UM SPENDEN

an Konto 040-32-675,
Erste Öst. Sparkasse, BLZ 20111,
 Christen f. d. Friedensbewegung

Die Kosten stiegen und steigen und ….

Daher unsere große Bitte an Sie und dich / euch!!

 

E-Mail: friedenschristinnen@gmx.at
Friedensbüro: pax.vienna@chello.at

 

http://www.friedenschristen.at.tf/ http://www.friedenschristinnen.at.tf/

 

 

IMPRESSUM: MedieninhaberIn, HerausgeberIn, VerlegerIn: Arbeits­gemein­schaft Christinnen und Christen für die Frie­densbewegung; alle: 1150 Wien, Oever­seestraße 2c, Eigen­druck. Gestaltung: Andreas Pecha, Alois Reisenbichler, Ad­ressverwaltung: Manfred Sauer.

Offenlegung: EigentümerIn: 100 % Verein Aktionsgemein­schaft Chris­tinnen und Christen für die Friedensbewegung, Blattlinie: Unterstützung der Friedensarbeit in den Kirchen und der Friedens­bewegung, Diskus­sionsforum zu Christen­tum und Frie­denspolitik.

 

 

 



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