2009-2-maerz

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INFORMATIONSBLATT

der Christinnen und Christen für die Friedensbewegung - Nr. 2/2009


 

Liebe Friedensfreundin, lieber Friedensfreund,

 

das nächste Treffen findet am

 

Sonntag, dem 29. März 2009 um 14.00 Uhr in der Evangelischen Pfarrgemeinde HB,

1150 Wien, Schwegler Straße 39 (U3 „Schwegler Straße“)

 

statt. Inhaltlicher Schwerpunkt (ab 16.00 Uhr) ist der Bericht von Landessuperintendent Mag. Thomas Hennefeld über die Studien- und Begegnungsreise nach Israel / Palästina im Februar 2009.

 

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Infos im Internet: www.friedenschristen.at.tf    www.friedenschristinnen.at.tf

 

 

 

 

 

Aus dem Inhalt:

 

Pfarrerin Maga. Lydia Burchhardt: Gerechtigkeit wie ein immer fließender Bach

Kaplan Franz Sieder: Change für Europa

Dr. Thomas Wagner: Wo bleibt hier der Einspruch der Kirche?

Mag. Georg Kovarik: Strenge Regeln für die Finanzmärkte

Landessuperintendent Pfr. Thomas Hennefel: Predigt zum Tag des Judentums am 17. Jänner 2009

Pfarrer Mag. Roland Werneck: Befreiung zur Solidarität – Zum 100. Geburtstag von Helmut Gollwitzer

Termine und Kurzmeldungen

 

 

 

 

 

 

 

Pfarrerin Maga. Lydia Burchhardt

Gerechtigkeit wie ein immer fließender Bach

Predigt am 22. Februar 2009 in der Glaubenskirche in Wien-Simmering

 


Stellen wir uns vor, hier und jetzt steht jemand auf und spricht zu uns –  wie damals Amos - diese drastischen, kompromisslosen Worte:

 

Gott spricht:

Ich hasse, ich verwerfe eure Feste,

und eure Festversammlungen kann ich nicht [mehr] riechen:
Denn wenn ihr mir Brandopfer opfert, [missfallen sie mir],

und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen,

und das Heilsopfer von eurem Mastvieh will ich nicht ansehen.
Halte den Lärm deiner Lieder von mir fern!

Und das Spiel deiner Harfen will ich nicht hören.
Aber:

Recht ergieße sich wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein immer fließender Bach! (Amos 5, 21-24)

 

Wenn das jetzt einer/eine hier im Gottesdienst wirklich rufen würde?

Was würden wir tun?

„Ich hasse eure Feste! Hört mit eurem Gesinge auf!“

Was würden wir tun? Wären wir schockiert?

Würden wir Ihn einfach ignorieren, würden wir meinen: "eine Ver­rückte", die wird schon wieder aufhören, wenn man sie nicht beach­tet?

Oder ließen wir diesen Störenfried vom Kirchendienst oder irgend­einer mutigen Presbyterin hinauswerfen, um in Frieden und unge­stört den Gottesdienst weiter feiern zu können?

 

Und: wenn dieser Mensch uns nun sagen würde, durch ihn spreche Gott zu uns?

 

Oder – ich gehe noch weiter:

was würde Jesus sagen, wenn er jetzt hier leibhaftig hereinkäme?

Würde er sich auskennen? Würde ihm das gefallen? (Was hätte er wohl für einen Geschmack? Ö1 oder eher Ö3?)

 

Doch eines könnte ich mir gut auch aus seinem Mund vorstellen:

"Strömen soll das Recht wie Wasser

und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach".

 

Vor 2800 Jahren wurde die Botschaft des Propheten Amos bestimmt auch nicht freudig aufgenommen.

Die Bewohner von Bethel und Gilgal, an deren Tempeltüren sich Amos postiert hat, haben sich ihre Gottesdienste viel kosten lassen. Lämmer und Widder, Schafe und Tauben - je nach Geldbeutel – brachten sie Gott zum Opfer dar.

Wenn Gott diese Gaben wohlgefällig annahm, fühlten sich die Op­fern­den von ihm erneut angenommen und beschützt.

 

Zu ihnen spricht Amos im Namen Gottes –

und spricht außerordentlich deutlich in drei sehr harschen Sätzen:

gegen Feiertage und gottesdienstliche Versammlungen;

gegen alle Arten von Opferhandlungen;

gegen das Singen von Liedern und das Spielen von Instrumenten.

 

Denn Gott will nicht Opfer,

Gott will nicht Lieder und Musik, die alles übertönen –

sondern: dass Recht und Gerechtigkeit im Lande herrschen.

 

Sehen wir genau hin, so macht uns Amos deutlich:

Was da in den Versammlungen Israels und in unseren christlichen Ge­meinden geschieht, ist nicht schon dadurch Gottesdienst, dass sie ihn als solchen ankündigen.

Ob das, was wir drinnen als Gottesdienst feiern, wirklich ein sol­cher ist, entscheidet sich draußen.

 

Zornig und zart klingen Amos Worte;

so spricht einer, der verwundet ist.

So spricht Gott selbst.

Gott hatte anderes von seinem Volk erwartet,

und es bricht aus Amos Mund die große Enttäuschung darüber,

dass es den Gutgestellten offenbar nicht schmerzt,

nicht mehr verwundet,

nicht einmal verwundert,

dass es Entrechtete gibt, denen man ihr Land geraubt,

dass es Arme gibt, die keine Solidarität erleben,

dass es bis heute Mächtige gibt, die um der eigenen Macht willen Kriege führen.

Zornig und zart ringt Gott darum,

dass sein Volk für Gottes Recht und Gerechtigkeit streitet.

 

Uns, die wir heute die Amosworte hören, zeigt Gott auf’s Neue

seine Verwunderung und seine Verwundung dadurch,

dass Recht und Gerechtigkeit nicht strömen in unseren Lebens­äuße­rungen.

In einem Land, in dem heute wie zu Amos Zeiten die soziale Unge­rech­tigkeit, die die Reichen reicher und die Armen ärmer macht, herrscht,

tropft das Wasser des Rechts nur noch aus dem Hahn

und der Bach der Gerechtigkeit ist allenfalls als Rinnsal erkennbar.

Der Fluss des Lebens stagniert. Für viele. Auf vielen Ebenen.

 

Arbeitsplätze werden abgebaut. Ganze Arbeitsbereiche werden auf­ge­geben oder ins Ausland verlagert.

Die Arbeitslosigkeit treibt die Erwerbslosen in die Vereinzelung, in seeli­sche Verödung, sie sind „ausgebrannt“ und leer.

Ihre Lebens- und Antriebskraft versiegt.

Vieles fällt sicher jedem und jeder einzelnen ein als Gegenbild zum Strömen der belebenden Kräfte von Recht und Gerechtigkeit.

 

Solche Bilder von geschehenem Unrecht und schreiender Unge­rechtig­keit können uns an Gott und der Welt verzweifeln lassen.

 

Aber Gott will, um mit Amos zu sprechen,

unser ausgetrocknetes Bachbett wieder zum sprudelnden Quell ver­wan­deln. In wunderschönen Bildern werden uns Recht und Gerech­tigkeit vor Augen geführt.

Recht und Gerechtigkeit sind nicht düstere Prognosen, sondern be­frei­ende Aussichten. Labsal. Das erquickt die Seele, berührt, – heilt, was verwundet ist.

Gottes Verheißungen versiegen nicht, solange die Erde steht, und Got­tes Recht und Gerechtigkeit sind die Grundpfeiler strömenden Lebens.

 

Das Recht ströme wie Wasser

und die Gerechtigkeit sei wie ein nie versiegender Bach

– lassen wir uns von dieser Verheißung verwundern.

Verwundern hat mit sich verwunden lassen zu tun,

verrückt unsere gewohnte Sichtweise.

Es kann ein neues Fenster öffnen.

Das „Fenster der Verwundbarkeit“, wie es Dorothee Sölle nannte.

Ein solches Fenster der Verwundbarkeit hat sich in den letzten Wo­chen, ja bald Monaten für mich geöffnet:

Ich lebe und arbeite jetzt in Kärnten. Weil die Politik dort in manchen Be­reichen kläglich versagt bzw. absichtlich böse Situationen herbei­führt, ist die Zivilgesellschaft besonders herausgefordert.

Zum Beispiel:

An sich schwache Politiker wollen der Bevölkerung zeigen, dass sie fä­hig sind „starker Mann“ zu sein. Sie schaffen ein so genanntes Sonder­verwahrungszentrum für kriminelle Asylwerber. Da es keine oder nur vereinzelte solche gibt, wird eine Gruppe Schutz befohlener Männer zu­sammengestellt und in ein abgetakeltes Heim in der Ein­schicht „ge­sperrt“. Einige von ihnen sind krank, fast alle traumatisiert, alle sind hilf­los. Ich will nicht lange erzählen: die Männer sind kurz vor Weihnachten von dort „geflohen“ und wollten vor dem Landhaus in Hungerstreik tre­ten, bis sie eine andere Unterbringung bekommen würden… Kurz und gut: zwei wohnen jetzt bei uns in Klagenfurt im Pfarrhaus.

Und jetzt werden auch wir verhetzt als Fluchthelfer, Kriminelle, Volksge­fährder…, man nennt uns Verharmloser, Lügner, Politisie­rer…

 

Das Recht ströme wie Wasser

und die Gerechtigkeit sei wie ein nie versiegender Bach.

DAS ist Gottesdienst!

Wir haben das Fenster der Verwundbarkeit geöffnet:

für die Berichte über die oft trostlosen Schicksale der Flüchtlinge, die ständig von der Abschiebung bedroht sind, immer neu eine Duldung er­bitten müssen, von einem Bleiberecht, das eine Arbeitserlaubnis ein­schließt, meilenweit entfernt.

Abschiebung hieße nicht nur zurück ins Elend, sondern auch zurück an den Ort des Traumas, den Ort, wo ein Weiterleben am wenigsten mög­lich ist.

 

Mir ist es wie Schuppen von den Augen gefallen:

wir können nur so unbarmherzig mit Flüchtlingen umgehen,

wenn wir unsere eigene Geschichte nicht an uns heranlassen.

Unsere eigene Geschichte: als Mitteleuropäer, als Protestanten in Öster­reich, als Menschheit schlechthin.

 

Durch das Fenster der Verwundbarkeit sehe ich Bilder von Män­nern an der Front, von Frauen, die Wagen mit Habseligkeiten hinter sich her­ziehen, hungernde Kinder. Vergewaltigte Frauen, Tote am Weg.

Ich sehe Menschen, die um ihre Glaubens willen verfolgt und ver­trieben werden, die ihren Glauben verleugnen um sich und ihre Kin­der zu retten.

Ich sehe das Volk Israel, das mit Ach und Krach durch das Rote Meer zieht und so der Bedrängnis der Unterdrücker entkommt.

 

Heute haben wir, die wir Gott durch Amos zu uns sprechen hören, die Chance, es nicht mehr zu verdrängen, was Krieg und "Flucht" seinerzeit bei uns für Wunden geschlagen haben.

Wir erinnern uns, und sehen die Not der Menschen, die heutzutage auf der Flucht sind oder Kriege erleben, oder in Krisengebieten überleben müssen.

Wir lassen uns davon verwundern und manchmal auch verwunden.

 

Und damit knüpfen wir ein Netz der Zusammengehörigkeit, das uns zeigt, wie wir einander brauchen - nicht als Opfer und Täter oder als Opfer und Helfer, sondern als Kinder Gottes,

als Schwestern und Brüder,

die gemeinsam um Gottes Schalom, um seinen Frieden ringen.

 

Verwundern kann zur täglichen spirituellen Übung werden,

die unseren alltäglichen Trott unterbricht.

Lassen wir uns jetzt noch einmal verwundern,

von den kraftvollen Bildern in den Worten des Amos:

Stellt euch einen strömenden Wasserfall vor

und einen Bach, der auch im Sommer nicht austrocknet.

 

Wir alle tragen solche Bilder in uns – als Sehnsucht allemal, und manchmal nehmen sie Gestalt an im alltäglichen Fluss des Lebens.

 

Wir fühlen dann den Lebensstrom und sind selbst wie ein sprudeln­der Bach.

Wir strömen und sprudeln,

weil Gott uns so will

und weil das Geschenk von Recht und Gerechtigkeit

das Herz überfließen lässt.

 

Und dann –

dann singen wir doch wieder

– und lassen auch unsere Instrumente klingen.

 

Aber:

ob es ein guter,

ein Gott gefälliger Gottesdienst ist,

das lässt sich nicht in an der Lautstärke unseres Gesanges heraus­hören, auch nicht daran, ob uns oder Gott die Lieder gefallen

( – vielleicht ein bisschen an der Schönheit und der Ausstrahlung unse­rer Musik).

Aber ganz sicher ist es kein Fehler, sondern erfreut Gott,

wenn wir ihn immer wieder lieben und loben,

von ganzem Herzen, von ganzer Seele,  mit aller Kraft

mit Haut und Haaren,

mit Seele und Leib,

mit glockenreiner Stimme und auch mit rauem Gebrumm.

 

  

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 Kaplan Franz Sieder

Change für Europa

 

 Österreich abgestimmt hat, ob es Mitglied der Europäischen Union wird, da habe ich dagegen gestimmt. Mein Hauptargument war damals, dass die Hauptintention der europäischen Staaten ist, Europa wirtschaft­lich noch potenter zu machen und damit konkurrenzfähiger zu den ande­ren Wirtschaftsgiganten der Welt wie USA und Japan. Ich sagte damals, dass dadurch jene, die nichts oder nur wenig in den Markt einzubringen haben, wie die afrikanischen Länder noch mehr an den Rand gedrängt werden. Ich möchte damit nicht sagen, dass es diese Intention in der EU heute nicht mehr gibt, aber ich würde trotzdem heute für eine Aufnahme Österreichs in die EU stimmen. Mein Hauptargument ist heute, dass wir die großen und drängenden Probleme der Welt nicht national lösen kön­nen. Ich nenne nur einige dieser Themen Umweltproblematik, Abrüs­tung, Tobinsteuer und gerechtere Wirtschaftsstrukturen. Die europäische Vereinigung ist letztlich auch zuwenig, um diese dringenden Probleme zu lösen und auch den kommenden Generationen ein menschenwürdi­ges Leben auf dieser Welt zu ermöglichen. Die europäische Vereinigung ist ein erster Schritt. Es muss dann weitergehen und zu einer Koopera­tion mit allen Kontinenten unserer Welt kommen. Der legendäre Präsi­dent Kennedy sagte schon vor 40 Jahren: „Nur miteinander können wir diese Welt retten oder miteinander werden wir in den Flammen ihres Brandes untergehen, aber retten können wir sie und retten müssen wir sie und damit werden wir uns den ewigen Dank der Menschheit verdie­nen und als FriedensstifterInnen den ewigen Segen Gottes.“

 

Wenn ich heute grundsätzlich positiv zur Europäischen Union stehe, dann heißt das nicht, dass ich alles in Ordnung finde oder alles in der EU gutheißen würde. Die Methode der Befreiungstheologie ist, dass wir die konkrete Wirklichkeit mit den Augen des Glaubens anschauen.

 

Wenn ich die Wirklichkeit Europas mit den Augen des Glaubens ansehe, dann stelle ich einmal fest, dass Europa kapitalistisch verseucht ist. Die Strukturen des Kapitalismus sind in Europa überall sichtbar und spürbar. Erzbischof Helder Camara sagte: „Mit dem Kapitalismus verbindet sich die Zerstörung des Menschen.“ Papst Johannes Paul II. sagt in seiner Sozialenzyklika Laborem exercens: „Nach dem Scheitern des marxisti­schen Modells bestehen in der Welt nach wie vor Formen der Ausgren­zung und Ausbeutung, gegen die die Kirche ihre Stimme erheben muss. Es besteht die Gefahr, dass sich eine radikale, kapitalistische Ideologie breitmacht, die die Lösung nur einem blinden Glauben der freien Entfal­tung der Marktkräfte überlässt.“ Vielleicht wird gerade jetzt in der Wirt­schafts- und Finanzkrise den Europäischen Staaten stärker bewusst, dass der Kapitalismus nicht unsere Zukunft sein kann.

 

Was ich auch im Namen des Glaubens in der Europäischen Union kriti­siere, ist, dass wir zwei Länder mit Atomwaffen haben und dass die mi­litärische Aufrüstung in der Europäischen Union voranschreitet.  Ich kann nur hoffen, dass Europa hier mit Barack Obama geht und eher um Wege zur Abrüstung bemüht ist.

 

Wenn ich mit einem weltweiten Blick auf Europa schaue, dann sind wir in Europa reich, weil die anderen arm sind. Es ist wie ein schiefes Fuß­ballfeld, auf dem die einen bergauf und die anderen bergab spielen. Wir in Europa gehören zu jenen, die bergab spielen. Ein Umdenken hat durch die Wirtschaftskrise bei uns in Europa schon begonnen. Niemand behaupt heute noch, dass der Markt sich von selbst regelt. Auch die Pri­vatisierungsfanatikerInnen sind still geworden. Ich hoffe, dass das „Change“ sich nicht nur in den USA ereignet, sondern auch in der Euro­päischen Union. Wenn die geistige Schichte – die Professorinnen und Professoren der Volkswirtschaft anderes denken und den Kapitalismus nicht mehr anbeten und wenn auch das Volks anders denkt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Kapitalismus vielleicht nicht verschwin­det, sondern wesentlich verändert wird. Der Raubtierkapitalismus muss dringend gezähmt werden. So wie aus dem Wolf ein Hund geworden ist, der ein Diener und Freund des Menschen ist, so muss auch aus dem Wolfskapitalismus ein gezähmter und menschenfreundlicher Hund wer­den. Die soziale Gerechtigkeit sollte nicht nur von den Christinnen und Christen für die Friedensbewegung, sondern von der gesamten Kirche immer wieder eingefordert werden.

 

 

 

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 Dr. Thomas Wagner

Wo bleibt hier der Einspruch der Kirche?

 

Als schlimm erlebe ich die aktuelle Selbstzerstörung der Katholi­schen Kirche. Der Vatikan geht gegen über der ultrakonservativen Priesterbru­derschaft St. Pius X. in die Knie und ernennt einen fun­damentalistisch eingestellten Priester zum Weihbischof von Linz.

 Diese Entwicklungen beschämen mich, machen mich traurig und ärger­lich! Richtig wütend macht mich aber das Schweigen der Kirche in der aktuellen Finanzmarktkrise, die sich immer mehr und mehr zu einer fun­damentalen Wirtschafts- und Gesellschaftskrise auswächst. Der finanz­marktgetriebene, neoliberale Kapitalismus ist gescheitert mit heftigsten Folgen für die SteuerzahlerInnen und Menschen vor Ort. Die Politiker zimmern im Schulterschluss mit den Brandstiftern dieser Krise kurzat­mige, nationale Rettungspakete zur Verhütung von weiteren Flächen­bränden auf den Kapitalmärkten. Milliarden­schwere Rettungsschirme für Banken werden geschaffen. Mit Steu­ergeldern sollen ganze Industrie­zweige gerettet werden. Wer denkt an einen Rettungsschirm für Ar­beitslose und Arme? Wer wirbt für internationale Krisenbewältigung nach dem gesellschaftlichen Leit­bild eines sozialgerechten Europas und einer demokratischsolidari­schen Weltordnung?

 

Die Bischöfe argumentieren, wenn sie sich dazu äußern, in der Re­gel individualistisch und geißeln die Gier der Manager. Diese Kritik ist nicht verkehrt; sie greift aber zu kurz. Wir durchleben nicht vor­rangig eine per­sonelle oder konjunkturelle, sondern eine System­krise. Eine ökonomi­sche Alphabetisierung tut not, um sozialethisch verantwortet politische Entwürfe und Vorschläge der Kirche zu ent­wickeln. Diese alternative ge­sellschaftliche Visionsarbeit wird drin­gend gebraucht, da die Politiker und Politikerinnen mit den wirt­schaftlichen Eliten paktieren und primär deren Wünsche zu regeln suchen.

 

Hat die Kirche die Kraft, die Phantasie und den Mut jenseits ihrer läh­menden Binnenkonflikte sich eindeutig mit den Opfern der Wirt­schafts­krise zu solidarisieren und für den notwendigen Neustart in eine solidari­sche Ökonomie zu werben? In dieser Wirtschaftskrise steht nicht nur eine sozial gerechte Neuordnung der Finanzmärkte und zum Beispiel ein Austrocknen der Finanzmärkte auf der politi­schen Agenda, sondern es geht ebenso um Arbeitszeitverkürzun­gen, gesetzlichen Mindestlohn und ein Grundeinkommen.

 

Dr. Thomas Wagner, Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Ge­sell­schaftskritik, Katholische Hochschule St. Georgen in Frankfurt www.sankt-georgen/nbi.de Der Beitrag erschien vor dem Rücktritt von Pfarrer Gerhard Maria Wagner in den Nachrichten der KSÖ-Nachrichten, Nr. 2/2009 www.ksoe.at .

 

 
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Mag. Georg Kovarik

Strenge Regeln für die Finanzmärkte

Herr Mag. Georg Kovarik (Leiter des Refera­tes für Volkswirtschaft des Österreichischen Gewerkschaftsbundes) hat beim Trefffen der Christinnen und Christen für die Friedensbewegung am 18. Jänner 2009 über die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise gesprochen.

 

In den letzten Jahren haben sich die Finanzmärkte immer weiter von der Realwirtschaft entfernt. Das System der behaupteten „Selbst­regulierung“ hat uns jetzt eine Krise beschert, deren Auswirkungen auf die reale Wirt­schaft wir heute noch gar nicht absehen können.

 

Um Banken und Versicherungen zu unterstützen, hat der Staat ins­ge­samt 90 Milliarden Euro der Steuerzahler bereitgestellt. Es ist richtig, die Banken zu stützen und die Stabilität der Volkswirtschaft zu sichern. Aber wenn die öffentliche Hand die Banken unterstützt, dann muss es Aufla­gen dafür geben.

 

Klare Auflagen für die Unterstützung durch die öffentliche Hand

-      Banken, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, müssen ver­pflichtet werden, die Arbeitsplätze in ihren Unternehmen zu er­halten

-      die Banken müssen Geld zur Finanzierung von Krediten bereitstel­len, damit die Wirtschaftsentwicklung angekurbelt und Beschäftigung er­halten wird

-      die Gewinnausschüttung an Aktionäre muss beschränkt werden. Durch die Unterstützung wird den Aktionären und Eigentümern der Wert der Beteiligung erhalten

-      die Steuerzahler sollen nicht nur das Risiko tragen, sondern auch an den Ertragschancen beteiligt werden, wenn die Zeiten wieder besser werden. Zusätzlich zu einer angemessenen Verzinsung muss ein Besserungsrecht und ein Wandlungsrecht vereinbart werden

-      die öffentliche Hand muss vor jeder Vereinbarung eine Risikoab­schät­zung vornehmen. Wo Beteiligungen vorgenommen werden, müssen die Banken gegenüber der Abwicklungsgesellschaft die Risi­ken bestehender Geschäfte offen legen und einen Geschäfts­plan erstellen.

 

Aufsicht mit mehr Biss

Die Stabilität der gesamten Volkswirtschaft ist eng mit der Stabilität des Finanzsektors verbunden. Daher liegt es im Interesse und in der Ver­antwortung der Wirtschaftspolitik für eine strenge und effektive Aufsicht über den Finanzsektor zu sorgen. Die Aufsichtsbehörden müssen:

-      mit ausreichender Personalausstattung der Finanzmarktaufsicht und effektiven Ermittlungsbefugnissen ausgestattet werden

-      transparent im Sinne des Anlegerschutzes arbeiten

-      ihre Zusammenarbeit mit der Finanzmarktaufsicht und den zustän­di­gen Ministerien verstärken

-      ein Verhaltenskodex oder eine freiwillige Selbstverpflichtung der Ban­ken genügt nach Ansicht des Österreichischen Gewerk­schaftsbundes nicht.

 

Einführung einer Transaktionssteuer

Der Österreichische Gewerkschaftsbund fordert eine Transaktions­steuer auf alle börslichen und außerbörslichen Transaktionen mit Steuersätzen, die sich im Promillebereich bewegen.

 

Begrenzung der Managementgehälter

Das Bezahlungssystem der Top-Manager hat die Krise mit verur­sacht, weil es Anreize für Risikogeschäfte bietet. Denn die Gehälter der Mana­ger sind an kurzfristige Kriterien wie den Aktienkurs ge­knüpft. Aktien­optionen haben dazu geführt, dass die Manager nicht nach ihrer Leis­tung bezahlt wurden, sondern danach, ob es ihnen gelingt, den Kurs der Aktie nach oben zu treiben. Im Jahr 2007 ha­ben beispielsweise ATX-Manager im Durchschnitt etwa 1,3 Millionen Euro pro Kopf verdient, sie bekommen damit 40mal mehr als ihre Beschäftigten. Mit gerechter Be­zahlung hat das nichts mehr zu tun. Der Österreichische Gewerk­schaftsbund fordert:

-      keine steuerliche Absetzbarkeit für Manager-Bezüge, die 500.000 Euro bzw. den 20-fachen Verdienst der Beschäftigten übersteigen

-      keine Vergütung des Managements mit Aktienoptionen. Statt­dessen sollen die Gehälter auch an soziale Ziele und nachhaltige Perfor­mance geknüpft sein

-      Ein Verbot von Stock Options-Vergütungen.

 

Strengere Regeln für die Finanzmärkte auf europäischer Ebene

-      alle Marktsegmente und Territorien und Institute sollen unter Auf­sicht gestellt werden

-      die Gründung einer Weltfinanzorganisation ähnlich der WTO, die glo­bal agiert und die Finanzinstitutionen regelt

-      eine gemeinsame Vorgehensweise zur verpflichtenden Begren­zung überhöhter Risiken

-      die Banken müssen sich aus Steueroasen zurückziehen.

 

Bei der Bilanzlegung muss gelten: Sicherheit geht vor

Das Vorsichtsprinzip muss im Bilanzierungssystem wieder Vorrang ha­ben. Finanzierungskonstruktionen, die außerhalb der Bilanz statt­finden, dazu gehören Off-Balance-Sheet-Vehicles, komplexe Fi­nanzkonstrukte, etwa über Stiftungen bis hin zu Leasingtransaktio­nen, müssen in der Bi­lanz bzw. im Anhang erfasst werden.

 

Schluss mit der Willkür der Ratingagenturen

Ratingagenturen haben massiv zur Entstehung der Krise beigetra­gen. Die Agenturen bewerten Firmen und Banken, von denen sie selbst be­zahlt werden. Teilweise arbeiten sie sogar direkt an der Entwicklung von Finanzprodukten mit, die sie später bewerten. Viele Produkte waren viel zu gut eingestuft – das hat die Krise noch ver­schärft. Notwendig sind

-      eine eigene europäische Aufsicht über die Ratingagenturen

-      mehr Transparenz bei den Bewertungskriterien

-      verpflichtende Qualitätsstandards

-      und eine Reform ihrer Finanzierung

 

Mehr Schutz für Kleinanleger

Seit September haben die Arbeiterkammern und der VKI bundesweit rund 10.000 Anfragen zu Banken, zur Einlagensicherung, zu Fremdwäh­rungskrediten und Ähnliches beantwortet.

Mit aggressiven Werbemethoden werden Klein- und Privatanleger oft zum Abschluss von Verträgen für sehr riskante und hoch komplexe Fi­nanzprodukte gelockt, deren Risiko die Anleger selbst kaum über­blicken können. Fehlentscheidungen können aber gerade für Klein­anleger oft Existenz bedrohend sein. Anleger müssen von den An­bietern ausführlich und verständlich über das Risiko, die Einlagen­sicherung und die Ent­wicklung der Finanzprodukte informiert wer­den. Vor allem über das Ri­siko müssen die Konsumenten genau aufgeklärt werden. Der Österrei­chische Gewerkschaftsbund fordert:

 

Mehr und verständlichere Informationen über Bankprodukte

-      eine verpflichtende „Ampelkennzeichnung für Finanzprodukte“: In all­gemein verständlicher Sprache muss ausdrücklich über Risi­ken, Kosten sowie Aus- und Umstiegsbedingungen informiert werden. Diese Kennzeichnung muss den Anlegern vor Abschluss von Verträ­gen ausgehändigt werden

-      verpflichtende Aushändigung von schriftlichen Beratungsunterla­gen, zum Beispiel Anlegerprofile

-      Ausbau einer anbieterunabhängigen Verbraucherberatung in Fi­nanz­dienstleistungsfragen. Sie muss von den Banken finanziert werden.

 

Mehr Verantwortung der Institute

-      Rücktrittsrecht bei Haustürgeschäften

-      Umkehr der Beweislast: Der Berater bzw. das Finanzinstitut muss den Nachweis erbringen, dass anlegergerecht beraten wurde.

 

Schluss mit der einseitigen Umstellung von Fremdwährungs­krediten

Die Banken sollen die Praxis, Fremdwährungskredite zu konvertie­ren und den Kunden damit so genannte „Liquiditätszuschläge“ zu verrech­nen, sofort einstellen. Zwangskonvertierungen und Liquidi­tätszuschläge sollen verboten werden.

 


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Landessuperintendent Pfr. Thomas Hennefeld

Predigt zum Tag des Judentums am 17. Jänner 2009


Im 10. Vers des 111. Psalms heißt es

 

Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des HERRN, heilsame Einsicht für alle, die so handeln, sein Ruhm bleibt für immer bestehen. (Zürcher Bibel).

 

Diese Zeilen hat wohl jemand verfasst, der Gott erkannt hat. Aber wie erkennen wir Gott? Manche Menschen glauben, Gott zu erkennen, wenn sie in den Himmel schauen, sie suchen nach Gott irgendwo oben und kommen dann auf den Wegen des Lebens unweigerlich ins Stolpern. Oder sie verharren an einer Stelle und werfen sich nieder, und machen sich selber möglichst klein. Andere wieder sind in der Erde verwurzelt und suchen nach Gott nur mit dem eigenen Verstand. Was dabei her­auskommt, sind Gottesbeweise, eine Tautologie, weil wir ja Gott nicht beweisen können.

 

Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des HERRN, heilsame Einsicht für alle, die so handeln.

 

Dieser bekannte Weisheitsspruch, der sich schon im Buch der Sprüche und bei Hiob findet, steht am Ende des Gebets. Gottesfurcht als Grund­lage aller Lebensweisheit. Der Dichter reflektiert hier seine eigene Le­benserfahrung. Was das Leben wertvoll macht, liegt nicht in intellektuel­len Erkenntnissen, sondern im Erkennen des göttlichen Willens. Gottes­erkenntnis wird nicht durch Gottesbeweise zur Gewissheit, sondern durch die eigene Tat, durch Erfahrungen und Erlebnisse.

 

Und somit ist auch die Brücke geschlagen vom Psalmdichter zur refor­mierten Reformation

 

Heuer ist nicht nur das Jahr von Charles Darwin und Joseph Hayden, sondern auch das Jahr Johannes Calvins, dessen Geburtstag sich am 10. Juli zum 500. Mal jährt. Ich möchte diese Predigt zum Anlass neh­men, um das Verhältnis der reformierten Reformation zum Judentum zu beleuchten, denn hier bekommen wir auch Impulse für das christlich-jü­dische Gespräch heute. Und das will etwas heißen in einer Zeit, in der Christen den Antijudaismus internalisiert hatten.

 

Calvin hingegen ist es immer wichtig gewesen, Altes und Neues Testa­ment zusammen zusehen als eine Einheit.

 

Wahre Gotteserkenntnis hat mit Selbsterkenntnis zu tun. Und Gottes­liebe mit Nächstenliebe. Das ist eine zentrale Aussage in der Theologie Calvins, die sich in beiden Teilen der Bibel findet.

 

Der Genfer Katechismus von 1545 bringt das auf den Punkt:

 

Aus dem revidierten Genfer Katechismus von 1545

Pfarrer: Welches ist das eigentliche Ziel des menschlichen Lebens?

Schüler: Die Erkenntnis Gottes

P: Warum nennst du sie?

S: Weil er uns geschaffen, und in die Welt gestellt hat, um in uns ver­herrlicht zu werden. Und das ist Grund genug, dass wir unser Leben als im Dienst an seiner Ehre bestehend betrachten, wo es doch in ihm sei­nen Ursprung hat.

P: Und was ist das höchste Gut für den Menschen?

S: Eben dieselbe Erkenntnis Gottes.

P: Warum nennst du sie als das höchste Gut?

S: Weil ohne sie unser Leben elender wäre als das der Tiere.

P: Welches ist aber dann die rechte wahre Gotteserkenntnis?

S: Diejenige, die ihn erkennt, um ihn zu ehren.

P: Und welches ist die rechte Form, um ihn zu ehren?

S: Er wird recht geehrt, wenn wir all unser Vertrauen auf ihn setzen, und wenn wir ihm mit unserem ganzen Leben im Gehorsam gegen seinen Willen dienen, wenn wir ihn in allen Nöten anrufen und bei ihm Heil und alles Gute suchen, und endlich wenn wir mit Herz und Mund ihm dafür danken, dass alles Gute von ihm allein zu uns kommt.

 

Die wahre Gotteserkenntnis besteht also darin, Glaube und Vernunft in Einklang zu bringen, auf der Erde verwurzelt zu sein und den Blick in den Himmel zu richten. Unsere Wurzeln haben wir im Volk Israel, auch wenn wir nur eingepflanzt sind, wie Paulus sagt. Das war Calvin be­wusster als manchen seiner Zeitgenossen. Mit dem Römerbrief hat er sich übrigens ausführlich beschäftigt. Und daher entwickelt sich bei Cal­vin eine ganz andere Israel-Theologie als wir sie aus der Geschichte des Christentums kennen. Calvin bringt insofern etwas Neues, weil damit auch sein Denken gegenüber dem Judentum nicht mit Gegensätzen und Feindbildern arbeitet.

 

Wir wissen: Christen haben lange Zeit das Judentum verworfen oder verdammt, und selbst dort, wo christliche Vorurteile gemäßigter auftra­ten, wurde das „Alte Israel“ als dunkle Folie benutzt, damit das Chris­tentum daraus noch strahlender hervorleuchten konnte. Das eine Glas­fenster hier in der Kirche gibt Zeugnis davon, dass sogar nach der Shoa eine solche Darstellung möglich war: Ecclesia und Synagoga – die er­wählte Kirche wird dem blinden und verstockten Judentum gegenüber­gestellt.

 

Es scheint ein tiefes menschliches Bedürfnis zu geben, sich gegen an­dere abzugrenzen und sich selber dabei zu rühmen. Das gilt für den Umgang zwischen Völkern und Religionen zu allen Zeiten: Dieses Mus­ter finden wir schon in der Bibel, zwischen dem Volk Israel und seinen Nachbarvölkern, das finden wir bei den Griechen, die die Nicht-Griechen als Barbaren bezeichnet haben, das zieht sich weiter, wo Menschen klassifiziert werden in Menschen,  Untermenschen und Herrenmen­schen. Und das gilt eben auch für die Christen gegenüber den Juden im Lauf der Geschichte.

 

Und nicht selten führt so eine Haltung zur Feindschaft, und oft ist die Feindschaft besonders groß bei Menschen, Gruppen und Völkern, die nahe beieinander sind, von der Abstammung her oder der räumlichen Nähe oder beides zusammen. Das kann man schon an biblischen Ge­schichten erkennen, wie z.B. bei Jakob und Esau oder Isaak und Ismael, dessen Verhältnis nochmals eine eigene Dynamik gewonnen hat in der Wirkungsgeschichte zwischen Juden und Muslime.

 

Die wahre Gotteserkenntnis ist etwas, das uns verbinden und nicht tren­nen und spalten sollte.

 

Und genau das geschah im 16. Jahrhundert. Die Reformatoren waren nicht frei von christlichem Antijudaismus, aber wenn man bedenkt, wie das Judentum 1500 Jahre lang beurteilt wurde, und wie Christen mit Ju­den umgegangen sind, dann ist es bemerkenswert, einen ganz anderen und neuen Ton zu hören.

 

Ein besonderes Beispiel dafür bietet das Vorwort zur ersten französi­schen Bibelübersetzung. zur sogenannten Olivetanbibel. Die Meinungen gehen auseinander, ob es Calvin selbst formuliert hat oder ob es vom Herausgeber der Übersetzung Olivetan oder von Gelehrten in seinem Umkreis stammt. Jedenfalls ist es charakteristisch für die Haltung refor­mierter Reformatoren zu dieser Zeit.

 

Der neue Zugang besteht darin, dass sich Christen nicht abgrenzen von Juden, sondern das Gemeinsame in den Mittelpunkt stellen. So könnte man nicht reden oder schreiben, wenn man den anderen für verdam­menswert hält und ihn buchstäblich verteufelt.

 

Unter anderem wird jener Psalmvers thematisiert, der meiner Predigt zugrunde liegt. und damit ein zentrales Anliegen der Theologie Calvins: die Verbindung von Gottesfurcht und Gotteserkenntnis, wobei Furcht nicht meint, dass wir uns vor Gott fürchten sollen, sondern es meint die Ehrfurcht, eben Gott allein die Ehre zu geben.

 

Der Schweizer Pfarrer und Kirchenhistoriker Hans Scholl, der über das Vorwort geschrieben hat, merkt an: Auf dem dunklen Hintergrund der Erfahrungen des Judentums in Europa im Mittelalter und im Spätmittel­alter erscheint unser Text von 1535 wie ein neuer herrlicher Tag, wie ein friedlicher Sonnenaufgang.

 

Schon im Gruß an die Verfasser wird das überraschend deutlich, wenn es dort heißt: an das mit uns verbundene und konföderierte Volk vom Sinaibund geht unser Gruß. Wir beten, du mögest zur wahren Erkennt­nis des Herrn unseres Gottes gelangen, freundlicher und liebenswerter Leser, der du von Herzen den Herrn fürchtest, denn du bist uns nahe und mit uns in Gott auf einzigartige Weise verbunden, weil du in der Furcht Gottes stehst. Aber diese Verbundenheit von Christen und Juden wird nicht nur festgestellt, sondern auch näher beschrieben, gerade auch im Psalm 111.

 

So sprechen die Verfasser sehr liebevoll und ganz im jüdischen Sinn da­von, dass die Geschichte von der Befreiung der Kinder Israels deshalb immer wieder aufs Neue erzählt werden soll, damit sich die Menschen erinnern und durch die Wunder, die Gott an seinem Volk tut, die Liebe zu Gott auch neu entflammt. Der Psalm wird nicht individualisiert und gar, wie bei anderen Reformatoren, christologisch interpretiert, sondern die Befreiungstat Gottes soll die Menschen zum Glauben und zum Aushar­ren in Verfolgung anspornen.

 

Ob Gotteserkenntnis wahrhaftig ist, entscheidet sich an der Unterschei­dung von Fleisch und Geist. Aber hier wird nicht unterschieden zwischen Juden und Christen. Der Jude ist hier nicht der fleischbestimmte Mensch und der Christ der Geistige. In beiden ist Fleisch und Geist vorhanden. Es wird zwar die Werkgerechtigkeit verurteilt als Heuchelei, aber sie wird nicht mit dem Judentum identifiziert, Und damit entlastet der Text den jüdischen Gesprächspartner von einem gängigen Vorurteil, der Selbst­überschätzung. Das Fleischbestimme wird negativ gesehen, als das Selbstsüchtige und Gottlose, aber die Versuchung des Fleisches ist eine vor der weder Juden noch Christen gefeit sind.

 

Und noch ein Beispiel: Das Verständnis des Gesetzes. Wenn der Text Gesetzesfrömmigkeit geißelt, dann meint er nicht das Judentum, son­dern den Weg Roms. Auch Calvin selbst polemisiert gegen seine Kritik am Gesetz gegen Rom und nicht gegen das Judentum. Gesetz und Evangelium finden sich in beiden Teilen der Bibel, im Alten und im Neuen Testament. Beide gehören zusammen. Der Text attestiert dem Judentum, dass das Studieren des Gesetzes und das sich darin Vertie­fen zur Gotteserkenntnis führt. Und emuna wird folgendermaßen um­schrieben: Der Glaubensgehorsam ist eine feste Erkenntnis, dass unser Gott ein Gott ist, ein Gott allein und kein anderer neben ihm. Und von daher kommt dann und entspringt die große Liebe zu Gott. Also die emuna Israels und die pistis der Christen setzen die guten Werke und Taten in Gang, durch die Gott gepriesen und dem Menschen gedient wird. So gibt es auch nicht zwei Bünde, sondern nur einen einzigen, der bereits in der hebräischen Bibel erneuert wird. Es gibt auch nur eine Heilsgeschichte und vom Anfang an wirkt in den Menschen ein Heiliger Geist. Solche Gedanken zu dieser Zeit sind atemberaubend.

 

Ich will aber das Bild der reformierten Reformation, wie sie in der Schweiz und in Oberdeutschland durchgeführt wurde, nicht verklären. Aus heutiger Sicht waren alle Reformatoren bis zu einem gewissen Grad antijüdisch eingestellt, weil sie im Christentum den wahren Erben Israels zu erkennen glaubten, und damit das Judentum abwerteten. Auch von Calvin gibt es unfreundliche Aussagen über Juden.

 

Aber umgekehrt haben Zeitgenossen Calvin Vorhaltungen gemacht, dass er die Bibel judaisieren wollte oder gar heimlich zum Judentum übergetreten sei. Calvin hat diese gewisse Offenheit beibehalten, und das in einem ausgesprochen antijüdischen Umfeld, in denen Zeitge­nossen Vorschläge für die Behandlung von Juden gemacht haben, die von denen der späten lutherischen Schmähschriften gar nicht soweit entfernt sind.

 

Gotteserkenntnis, das bedeutet etwas zu erkennen, das uns gemeinsam ist. Und trotz Unterschiede und Spannungen gibt es diese Gemeinsam­keit. Gotteserkenntnis heißt nach Calvin, Gott zu ehren und für den Mit­menschen zu sorgen. Damit hat er Impulse gegeben, die auch im Ver­hältnis von Juden und Christen eine Rolle spielen könnten.

 

Für uns als Christen bedeutet es, sich nicht nur kritisch mit der eigenen antijüdischen Geschichte und Theologie auseinanderzusetzen und jeder Art von Judenmission eine klare Absage zu erteilen, sondern auch wachsam zu sein, gegenüber antisemitischen Vorurteilen und Regungen in unserer Gesellschaft. Gleichzeitig gilt es darauf zu achten, den Begriff Antisemitismus auch achtsam und nicht inflationär zu verwenden, damit die eigentliche Bedeutung nicht verloren geht.

 

Was wir lernen können von den erwähnten reformierten Reformatoren ist, aus dem gemeinsamen Schatz Samen zu säen, damit wohlschme­ckende Früchte wachsen können. Wenn es nur einen Gott gibt, der der Gott aller Menschen ist, dann sollen auch wir Gott allein die Ehre geben, keine Götzen aufrichten und keine Feindbilder schaffen, und uns bemü­hen, etwas beizutragen, dass Hass und Feindseligkeit zurückgedrängt werden.

 

Juden und Christen sollen auf Augenhöhe miteinander im Gespräch sein, sie sollen aber auch gemeinsam in eine Richtung schauen, sollen Gott erkennen und dem Mitmenschen dienen. Sie sollen es gemeinsam tun, gerade dort, wo Leid und Gewalt besonders groß ist, wie dieser Tage im Nahen Osten, mit dem sich Juden und Christen verbunden fühlen. Juden und Christen mögen gemeinsam ihre Stimme erheben ge­gen Krieg und Gewalt. Es ist schrecklich immer wieder zu sehen, dass die Extremisten das Gesetz des Handelns an sich reißen, die Kriegstrei­ber das Sagen haben, die in der Region unvorstellbares  Leid schaffen und Terror verbreiten.  Juden und Christen mögen gemeinsam ihre pro­phetischen Stimmen erheben, damit der Wahnsinn ein Ende hat. Und sie sollten vor allem immer das Leid der anderen wahrnehmen.

 

Gott zu erkennen und ihn zu fürchten heißt nicht, die Dinge unter den Teppich zu kehren, sondern beim Namen zu nennen, und trotzdem das Gemeinsame zu suchen anstatt über das Trennende sich zerstreiten. Das sage ich ganz bewusst im Hinblick auf die interreligiöse Atmosphäre in Österreich. Ich rufe die Verantwortungsträger der Israelitischen Kul­tusgemeinde und jene der Islamischen Glaubensgemeinschaft dazu auf, das - im Vergleich zu vielen anderen Ländern - hervorragende Klima der Verständigung und des Dialogs bei allen verständlichen Emotionen nicht zu gefährden. Dazu ist dieser Dialog gerade im Hinblick auf die Zukunft viel zu wichtig für die ganze Gesellschaft. Es ist ein besonderes Gut, dass es möglich ist zwischen Religionsgemeinschaften gemeinsame ge­sellschaftpolitische Zeichen zu setzen.

 

Gott erkennen, das kann ich nur, wenn ich mit beiden Füßen auf dem Boden stehe und merke, was sich um mich abspielt, das kann ich aber auch nur dann, wenn ich, wie die Verfasser des Psalms, ganz auf Gott vertraue, auf einen Gott, der sich in der Geschichte offenbart hat, sich ein Volk erwählt hat und mit diesem Volk unterwegs ist. Gott erkennen heißt schließlich, sich darüber klar zu werden, dass es kein Stammesgott ist, den wir anbeten, sondern der eine ewige, der nicht ein Gott der Christen und der Juden ist, sondern viel größer, als wir uns das vorstel­len können, womit ich wieder bei der Gottesfurcht bin.

 

Beiden Religionen ist der Universalismus eigen, der das Heil ent­schränkt, und der in der Erwählung kein Privileg sieht, sondern Verant­wortung. Wer sich erwählt weiß, ob Juden oder Christen, dem ist klar gesagt und aufgetragen, dass er Licht für die Völker sein soll, damit die ganze Welt und die ganze Menschheit in dem einen Ewigen verherrlicht werde. Amen.

 

 

 

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Pfarrer Mag. Roland Werneck
Befreiung zur Solidarität
Zum 100. Geburtstag von Helmut Gollwitzer
Predigt beim Rundfunkgottesdienst der Evangelischen Akademie Wien am 8. März 2009

Jesu Predigt in Nazareth – Lk. 4, 16-21

 Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen. Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1-2): »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkün­digen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.« Und als er das Buch zutat, gab er's dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

 

Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor Euren Ohren. -  Das ist sozu­sagen die Zusammenfassung der ersten Predigt von Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth nach dem Lukasevangelium. Eine ungeheure An­sage!

 

Heute, sagt Jesus, beginnt eine neue Zeit, hier in der Synagoge von Na­zareth. Jesus bezieht sich auf den Propheten Jesaja, der ein Jubeljahr ausruft. Nach der biblischen Weisung des dritten Mosebuches wird in diesem Jubeljahr die von Gott gewollte gerechte Verteilung des Landes  wieder hergestellt: alle Sklaven werden freigelassen , alle Schulden er­lassen.

 

Gerechtigkeit herstellen, den Armen die frohe Botschaft verkündigen, den Unterdrückten Befreiung, den Gefangenen Freiheit. Das Reich Gottes bricht an, heute, mitten unter Euch! Das ist das Evangelium die­ses Jesus von Nazareth, wie es Lukas erzählt.

 

Für Helmut Gollwitzer spielt das Lukasevangelium in seinem ganzen Le­ben eine besondere Rolle.

 

Aus einem konservativen bayerischen Pfarrhaus stammend bekommt der promovierte Theologe zunächst eine Stelle als Prinzenerzieher auf Schloss Ernstbrunn in Niederösterreich.

 

Noch nicht 30 Jahre alt übernimmt er eine wichtige Aufgabe in Berlin.

 

Der berühmte Pfarrer Niemöller war 1937 von der Gestapo verhaftet worden. Er war Pfarrer der Bekennenden Kirche in Berlin Dahlem und hatte mutig Widerstand gegen die Einmischung der Nationalsozialisten in kirchliche Angelegenheiten geleistet.

 

Helmut Gollwitzer übernimmt in Dahlem die regelmäßigen Fürbittgottes­dienste, lädt zu Bibelkreisen ein und hält in der Gemeinde Vorträge in dieser politisch so brisanten Zeit. Dabei beschäftigt er sich besonders intensiv mit dem Lukasevangelium und der Frage, was bedeutet die Bot­schaft Jesu vom Reich Gottes für die Menschen heute?

 

Schon hier zeichnet sich ab, was für Helmut Gollwitzer und seine Theo­logie typisch bleibt:

Die Auslegung der biblischen Botschaft  zieht immer praktische Konse­quenzen nach sich.

Das Hören auf das Wort Gottes  und das Tun des Wort Gottes sind eins. Der christliche Glaube ruft uns in die Nachfolge dieses Jesus aus Naza­reth, der seine Botschaft ganz konkret gemeint hat: den Armen ist das Reich Gottes verheißen, den Ausgeschlossenen werden die Tore auf­getan. Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt. Gollwitzer sagt: „Das irdi­sche Leben ist Ort bleibender Entscheidung. Darin stimmt Jesus mit dem Alten Testament vollkommen überein.“

 

Heute werden wir von Jesus in die Nachfolge gerufen. -  Gollwitzer zieht daraus konkrete praktische Konsequenzen: Er sucht Kontakte mit Ange­hörigen des politischen Widerstands, er beteiligt sich an der Hilfe für Ju­den und Judenchristen. Nach der sogenannten „Kristallnacht“ im No­vember 1938  leitet Gollwitzer seine Predigt so ein: „Ringsum brennen Gotteshäuser. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich sage lieber nichts, ich lese die Zehn Gebote vor.“

 

Im September 1940 wird Gollwitzer aus Berlin ausgewiesen und be­kommt Redeverbot. Er wird zur Wehrmacht eingezogen, wo er als Sa­nitäter eingesetzt wird. Über die Jahre seiner sowjetischen Kriegsgefan­genschaft schreibt er das Buch „Und führen wohin du nicht willst“. Es wird zum Bestseller im Nachkriegsdeutschland. Gollwitzer schildert an­schaulich, wie er versucht, die Botschaft der Versöhnung auch im  Ar­beits- und Umerziehungslager zu leben. Das Versöhnungsmahl Jesu, das Abendmahl, bekommt hier eine außerordentliche Bedeutung. Bei ei­ner Lagerversammlung fasst er seine Botschaft an die Kameraden in drei Sätzen zusammen: 1. Nie wieder Krieg!  2. Lasst Euch nicht gegen die Russen aufhetzen! 3. Von jetzt an müsst ihr selber denken!

 

Diese Sätze befolgt Gollwitzer selbst, als er nach seiner Rückkehr Theologieprofessor in Bonn und dann in Berlin wird.  Er engagiert sich gegen die Wiederaufrüstung in Deutschland. In seiner Schrift „Wir Christen und die Atomwaffen“ setzt er sich kritisch mit der Rolle der Kir­che auseinander, die den Ruf zu den Waffen in der Geschichte oft leichtfertig unterstützte. Für eine christliche  Ethik kann es nach  Gollwit­zer  keine gerechten Atomkriege geben. Er charakterisiert die Atomwaf­fen  als „Mittel einer verzweifelten praktischen Gottlosigkeit“.

 

Er, der mehr als vier Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war, muss sich in den Zeiten des kalten Krieges vorwerfen lassen, dem Kommunismus naiv gegenüberzustehen oder gar selbst Kommunist ge­worden zu sein.

 

Aber Gollwitzer ist überzeugt: Atomrüstung ist Götzendienst. So beteiligt  sich der emeritierte Theologieprofessor selbst noch in den 80er Jahren an Sitzblockaden gegen US-amerikanische Militäreinrichtungen und wird wegen Nötigung verurteilt.

 

Die Predigt Jesu vom Reich Gottes, der Zuruf „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren“ führt Gollwitzer in den 60er und 70er Jah­ren dazu, sich den Fragen der  weltweiten wirtschaftlichen Gerechtigkeit zu stellen.

Wieder ist für ihn klar: die politische Tagesordnung und die Theologie gehören untrennbar zusammen. Wenn der christliche Glaube keine Ant­worten auf die drängenden Probleme der Welt hat, wird er irrelevant.

 

Bei einer ökumenischen Konferenz 1966 muss er erleben, dass ein Kir­chenvertreter aus Mozambique, das damals im Befreiungskampf gegen die portugiesische  Kolonialmacht steht, zu ihm sagt: „Du bist nicht mein Bruder!“

 

Er erkennt, dass er als Europäer in die Strukturen der Ausbeutung ver­woben ist.

 

Und wieder knüpft  Gollwitzer am Abendmahl    an. Er schreibt: „Sind wir durch das Abendmahl eine Gemeinde, dann ist das Elend verhungern­der Christen in anderen Weltteilen ein Elend mitten unter uns, da ja geo­graphische Entfernungen für die Gemeinschaft des Glaubens  keine Rolle spielen können.“

 

Gollwitzer ist immer beides, Kirchenlehrer und Kirchenkritiker. Er betont, dass das christliche Glaubensbekenntnis politische Konsequenzen ha­ben muss, wenn es glaubwürdig sein will. Er fordert eine politische – keine parteipolitische – Parteinahme der Kirchen. Diese soll erfolgen nicht aus Interesse der Selbsterhaltung der Kirche und ihrer Privilegien, sondern aus Interesse des Friedens und derer, denen weltliche Gerech­tigkeit und bürgerliche Freiheit vorenthalten werden.

 

In Zeiten der Globalisierung, der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise ist die scharfe Kritik Gollwitzers am der ungerechten Verteilung der Gü­ter aktueller denn je.  Wenn Jesus in der Synagoge von Nazareth das Gnadenjahr des Herrn ausruft, die frohe Botschaft für die Armen, so ruft er uns Heutige in seine Nachfolge als Brüder und Schwestern. Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren!

 

Wir wissen, dass wir Menschen das Reich Gottes selbst nicht bauen können. Auch Helmut Gollwitzer hat das natürlich gewusst.  Aber  ein Glaube, der nur am Heil des Einzelnen interessiert ist, hat mit der Bot­schaft Jesu nichts zu tun. Die frohe Botschaft gilt zunächst den Armen und Ausgestoßenen, den Hungrigen und Heimatlosen ist  Gerechtigkeit versprochen – nicht erst im Jenseits, sondern hier, auf dieser Welt. Des­halb sind wir aufgerufen, mitzuarbeiten an einer solidarischen Gesell­schaft, jeder und jede von uns.

Ich schließe mit Worten von Helmut Gollwitzer:

 

Glauben heißt:

Solidarisch werden mit denen,

mit denen Gott solidarisch ist,

ein Bote der Solidarität zu dem andern hin,

weil Gott mit uns nicht solidarisch ist,

ohne mit dem neben uns solidarisch zu sein.

Solidarität heißt:

Freiheit für den anderen,

wie Gott frei ist für uns.

Amen

 

 


 

Prekäre Beschäftigung

Die Ergebnisse einer von kirchlichen und gewerkschaftlichen Gruppen orga­nisierten Konferenz zum Thema prekäre Beschäftigung von Frauen finden sich im Buch „Zwischen Wischmopp und Laptop - Frauenerwerbstätigkeit und Prekarität“, herausgegeben Christine Stelzer-Orthofer, Irmgard Schmid­leithner, Elisabeth Rolzhauser-Kantner, Infos www.oegbverlag.at

Die Katholische Sozialakademie hat zum Frauentag ein Dossier „Prekäre Zeiten für Frauen“ herausgeben, Infos www.ksoe.at

 

Religion und Marx

Univ.-Prof. Dr. Erwin Bader, Referent beim Treffen der ChristInnen für die Friedensbewegung im Herbst 2008, hat das Buch „Staat und Religion bei Karl Marx: Absterben oder Veränderung?“ mit der provokanten These ver­fasst: Marx lehnte weder Staat noch Religion rundweg ab und war mit sei­nem Glauben an eine kommende bessere Gesellschaft von der christlichen Reich-Gottes-Idee in Anlehnung an Hegel geprägt, der besonders für die Entwicklung seines Staatsdenkens wichtig war. Er erwartete kein Absterben von Staat und Religion. Sein revolutionäres Denken führte vielmehr zur Ein­sicht, dass eine willentliche Veränderung der Verhältnisse möglich und ethisch erforderlich sei.  (Buchrezension in der nächsten Ausgabe)

 

 

Jon Sobrino: Der Preis der Gerechtigkeit

Ignacio Ellacuria wurde 1989 zusammen mit fünf weiteren Jesuiten und zwei Mitarbeiterinnen von einem Sonderkommando der salvordarianischen Armee ermordet. Sein Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden war den Herrschenden schon lange ein Dorn im Auge. Jon Sobrino überlebte diesen Anschlag nur, weil er zu diesem Zeitpunkt auf einer Auslandsreise war. Seit 1990 hat Sobrino jeweils zum Todestag fiktive Briefe an seinen Mitbruder und Freund geschrieben. In diesem Buch wird in beeindruckender Weise dargestellt, was christlicher Einsatz für eine gerechtere Welt bedeutet: „Wir haben zu wählen zwischen Erbarmen und Gleichgültigkeit, zwischen Gerechtigkeit und Unterdrückung. Grundlegende Aufgabe jedes Menschen ist nach Jesus die Humanisierung der Wirklichkeit, ausgehend von Wahrheit und Erbarmen mit dem Leiden der Opfer. (…) Jesus fordert die Bereitschaft, das Kreuz der Ar­men und Unterdrückten auf sich zu nehmen. Es ist die Folge der Ungerech­tigkeit und wird auch über den kommen, der dagegen kämpft. (…) Unseren Vorschlag wird man als absurd und masochistisch zurückweisen, obwohl andere Kreuze ohne mit der Wimper zu zucken angenommen oder sogar glorifiziert werden: die ‚notwendigen Opfer’, um sich des Erdöls, des Coltans und der strategischen Gebiete zu bemächtigen.“ (Seite 99/100) Infos: www.echter-verlag.de

 

  

 

Wir sind Kirche

 

Zur Vorbereitung auf Ostern - Bibeltag – Vorarlberg: Mittwoch, 25. März 2009, 9.45 bis 17:00 Uhr "Ostergeschehen nach Paulus" mit Univ.-Prof. Dr. Walter Kirchschläger,  Bildungshaus Batschuns, Kapf 1, 6832 Zwi­schenwasser

 

Vorösterliche Liturgie-Feier - Wien, Donnerstag, 26. März 2009, 19.00 Uhr

Ort: Pfarre St. Gertrud, Unterkirche,

 

Ökumenischer Emmausgang – Vorarlberg: Ostermontag, 13. April 2009

Informationen bei Helmut Th. Rohner, Telefon:05572/ 20487

Montag, 20. April 2009, 19.00 Uhr. Theologisches Gespräch: Der Traum des Königs Nebukadnezar (P. Roger Lenaers SJ); Eine kritische Aus­einandersetzung. Ort: Pfarre St. Gertrud,

 

Dienstag, 12. Mai 2009, 19.00 Uhr: Bibelgespräch: "Das Johannesevange­lium ohne Judenhass – am Beispiel des Prologs (Joh 1,1-18), Jesus und Nikodemus (Joh 3,1-21) und Jesu Fürbitte für alle Glaubenden (Joh 17,20-26)" mit Dr. Werner Krotz und Dr. Paul Weitzer, Ort: Pfarre St. Gertrud, Unterkirche

 

Sonntag, 7. Juni 2009,  Ausflug, Treffpunkt: 9.00 Uhr zum Gottesdienst in der Pfarre St. Gertrud in Währing; 1180 Wien, Währinger Straße 98, mit U6 bis Station Währinger Straße und mit den Linien 40 oder 41 eine Station stadtauswärts)

 

 

 

 

www.findfightfollow.at

Die nächsten Jugendgottesdienste sind:
So., 26. April, 19.00 Uhr, lost & found, Pfarre Rudolfsheim, Kardinal Rau­scherplatz, 1150 Wien, U3 Huglgasse
So., 14. Juni in Klosterneuburg

 

Demokratie – Pressefreiheit - Medienmacht

Mittwoch, 18. März, 2009, 19.00 Uhr: Vortrag von Jörg Becker zum Thema „Public Relations und Kriegsmarketing. Vom Biafrakrieg über die Balkan­kriege zum Kaukasuskrieg“ Präsentation des Buches von Jörg Becker und Mira Beham: Operation Balkan: Werbung für Krieg und Tod. 2. Aufl., Baden-Baden: Nomos Verlag 2008. Im Republikanischen Club-Neues Österreich, 1010 Wien; Rockhg. 1 (Eingang Cafe Hebenstreit)

 

 

 

28. März 2009

"Internationaler Aktionstag zum Welt-Finanzgipfel G20"

WIR ZAHLEN NICHT FÜR EURE KRISE!  

Für eine demokratische und soli­darische Gesellschaft  - Demonstration in Wien

13.00 Treffpunkt Westbahnhof Wien, 16.00 Kundgebung beim Parlament

http://www.28maerz.at

 

 

KAB Vesper

Die Vesper der Katholischen ArbeitnehmerInnenbewegung St. Pöl­ten findet jeden letzten Sonntag im Monat um 20.00 Uhr im Jugend­haus Schacherhof in Seitenstetten (Bezirk Amstetten) statt (nicht in den Sommerferien).

 

 

Friedensgebet von Pax Christi Wien

jeden ersten Mittwoch im Monat um 19.00 Uhr in der Alten Börse – Begeg­nungszentrum der Jesuiten, 1010 Wien, Son­nen­fels­gasse 19, U3 Stuben­ring (nicht in den Fe­rien).

 

 

Leo Gabriel

informiert über das Weltsozialforum im Jänner 2009 in Brasilien bei einer Veranstaltung von Pax Christi Wien am Montag, 24. April um 18.00 Uhr Uhr in der Alten Börse – Begeg­nungszentrum der Jesuiten, 1010 Wien, Son­nen­fels­gasse 19.

 

 

 

Friedensinitiative Donaustadt

trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat um 19.00 Uhr in der Donaucity­kirche, 1220  Wien, Donaucitystraße 2 (U1 Kaisermühlen – VIC):

Di., 14. April, Obama – neuer Präsident – neue Politik, Adalbert Krims (Journalist)

Di,  12. Mai, Atomwaffen

 

 

 

 

Ökumenische Gottesdienste im Karl-Marx-Hof

am 19. April, 3. Mai und 7. Juni, jeweils um 10.00 Uhr im Waschsalon, 1190 Halteraugasse 7 (U4 Heiligenstadt)


Lange Nacht der Kirchen am Freitag, 5. Juni 2009

Die ChristInnen für die Friedensbewegung planen eine Diskussion zum Thema „Finanz- und Wirtschaftskrise als Herausforderung für ChristInnen“. Nähere Infos gibt es bald auf www.friedenschristinnen.at.tf Infos über alle Akti­vitäten in der Langen Nacht: http://www.langenachtderkirchen.at/

 

Christlich-marxistischer Lesekreis:
Texte der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit

Gerade in den Zeiten der Krise des Kapitalismus knüpfen wir an ein – für manche bis heute irritierendes – Projekt aus den 60er Jahren des vergan­genen Jahrhunderts an: ChristInnen und MarxistInnen kommen über ihre Hoffnungen auf Frieden und Gerechtigkeit miteinander ins Gespräch.  Im September 2009 ist eine internationale christlich-marxistische Konferenz ge­plant. Eingeladen zum Lesekreis sind Neugierige und Interessierte, die sich auf eine solche Begegnung einlassen wollen. Mittwoch, 25.03.2009, 19.00 Uhr,  Evangelische Akademie, 1090 Wien, Schwarzspanierstraße 13, Infos  http://evang-akademie.at/

 

Globale Armutsbekämpfung – ein Trojanisches Pferd?

Auswege aus der Armutsspirale
oder westliche Kriegs­strategien?

Das Buch der Sommerakademie der „Friedensburg“ Schlaining vom Vorjahr ist gerade in Zeiten der Finanz- und Wirtschafkrise sehr aktuell und lesens­wert. Zu einem auch Menschen mit kleinem Geldbörsel erschwinglichen Preis von nicht einmal Euro 10,-- werden die Zusammenhänge von Armut und Unfrieden dargestellt. Infos auf www.thomasroithner.at 

 

26. Internationale Sommerakademie auf Burg Schlaining:
Söldner, Schurken, Seepiraten. Von der Privatisierung der Sicherheit zum Chaos der 'neuen' Kriege?
5. - 10. Juli 2009

u.a. mit Harald Müller (HSFK Frankfurt), Birgit Mahnkopf (FH Wirtschaft Ber­lin), Sabine Kurtenbach (München), Wolfgang Schreiber (AKUF Hamburg), Anna Geis (HSFK Frankfurt), Gerhard Haderer (Karikaturist) u.v.a. Am 10.7. gibt es auch wieder einen Gottesdienst. 
Nähere Infos: http://www.aspr.ac.at/sak.htm

 

Bitte vormerken: Hiroshima-Aktionen 2009
6. August – Jahrestag der Atombombe auf Hiroshima
9. August – Jahrestag der Atombombe auf Nagasaki
Über die Aktivitäten gibt es bald Infos auf www.hiroshima.at

 

Unsere Bitte:

Unsere Kosten sind enorm gestiegen!!!
BITTE UM SPENDEN

an Konto 040-32-675, Erste Öst. Sparkasse, BLZ 20111,
 Christen f. d. Friedensbewegung

Die Kosten stiegen und steigen und ….

Daher unsere große Bitte an Sie und dich / euch!!

 

E-Mail: friedenschristinnen@gmx.at
Friedensbüro:
pax.vienna@chello.at

 

http://www.friedenschristen.at.tf/    http://www.friedenschristinnen.at.tf/

 

IMPRESSUM: MedieninhaberIn, HerausgeberIn, VerlegerIn: Arbeitsgemein­schaft Christinnen und Christen für die Friedensbewegung; alle: 1150 Wien, Oeverseestraße 2c, Eigendruck. Gestaltung: Andreas Pecha, Alois Reisenbichler, Adressverwaltung: Manfred Sauer.

Offenlegung: EigentümerIn: 100 % Verein Aktionsgemeinschaft Christinnen und Christen für die Friedensbewegung, Blattlinie: Unterstützung der Friedensarbeit in den Kirchen und der Friedens­bewegung, Diskussionsforum zu Christentum und Frie­denspolitik.

 

 

Unzustellbare Exemplare an

Alois Reisenbichler, 1110 Wien, Schneidergasse 15/9

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


 


 

 

 



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