Sekten


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Norbert Diener, 7. März 2006

 

„Jesus’ junge Garde“ - ARD über die christliche Rechte in Deutschland

 

Berlin - Es war wie in einem Popkonzert: Im Sommer 2003 versammelten sich tausende junger Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin zu einer Massenandacht. Sie tanzten, beteten und weinten lautstark, von der Bühne aus riefen Prediger die Teilnehmer/innen zur Erweckung auf.

 

Über dieses Freiluft-Festival berichtete die ARD im November und arte im Februar in der Dokumentation «Jesus' junge Garde» über die Methoden, mit denen die amerikanische Buß- und Betgemeinde «The Call» seine Anhänger geistig formt.

 

Der Trend kommt aus Amerika. In den USA ist die religiöse Rechte bereits eine politische Größe. Doch auch in Europa gewinnen die Evangelikalen an Terrain. Für die Produktion des Rundfunks Berlin- Brandenburg (RBB) haben die Autoren Jobst Knigge und Britta Mischer den jungen Esbjörn begleitet. Der damals 18-jährige war am Brandenburger Tor dem Ruf der Bewegung gefolgt.

 

Seit dem Berliner Happening besucht Esbjörn regelmäßig die Workshops der «Holy Revolution School» und wurde inzwischen selbst Ausbilder. In den USA war er bei der Mutterorganisation zu Gast, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten mit Dauerkundgebungen vor dem Weißen Haus die Wahl des Obersten Richters beeinflussen wollte. «Jesus' junge Garde» beleuchtet das Erstarken der christlichen Rechten in Deutschland und zeigt, warum besonders Jugendliche so empfänglich sind für die so genannten Erlebnisreligionen.

 

 

 

 

 

 

Süddeutsche Zeitung, 8. Juli 2005

 

"Intelligent Design" ist weder Wissenschaft noch Religion

von Patrick Illinger

 

Moderne Kreationisten stochern nach den Lücken der Evolutionstheorie, um einen "Intelligenten Designer", an die Stelle von Mutation und Selektion zu setzen.

          

Es war ein furchtbares Gerangel vor 500 Jahren, bis endlich die Erde aus dem Zentrum des Weltalls gerückt war. Den Astronomen war seinerzeit keine Theorie zu abstrus, um die merkwürdigen Kapriolen zu deuten, die die Planeten am Nachthimmel vollführen.

Die wildesten Ideen wurden debattiert, nur um die einfachste Erklärung zu vermeiden: jene, wonach die Erde nicht das Zentrum des Sonnensystems ist, sondern nur einer von vielen Himmelskörpern, die gemeinsam um die Sonne kreisen.

Kreationismus light

 

Dann kamen Kopernikus, Kepler und Galileo, und die Erde verschwand aus dem Mittelpunkt. Doch der Anthropozentrismus ist geblieben. Noch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vermuteten Astronomen unsere Galaxis, die Milchstraße, im Zentrum des Universums. Menschen -- und Forscher gehören dazu -- fällt es eben schwer, sich selbst irgendwo anders zu wähnen als im Mittelpunkt des Geschehens. Oder wenigstens an exponierter Stelle, ganz oben zum Beispiel auf der "Evolutionsleiter" (Ein Bild, das es in der Evolutionstheorie gar nicht gibt), um nicht vom "Ebenbild Gottes" zu sprechen. Die Erkenntnis ist hart, dass der Mensch womöglich nur ein Mosaikstein des großen Ganzen ist. Entsprechend halten es viele noch heute, mehr als 150 Jahre nach Charles Darwin, für unmöglich, dass die Evolution eine solch komplexe biologische Lebensform hervorbringen konnte.

Als gelte es, einer großen Dunkelheit zu entrinnen, stochern moderne Kreationisten nach den Lücken der Evolutionstheorie, um einen "Intelligenten Designer", an die Stelle von Mutation und Selektion zu setzen. Intelligent Design (ID) ist ein gemäßigter Kreationismus, der zugesteht, dass die Erde Milliarden Jahre alt ist und das Leben schrittweise entstanden ist. ID-Vertreter profitieren von der Tatsache, dass manche ihrer Aussagen recht wissenschaftlich klingen, und manche kritische Frage an die Evolutionslehre ist gerechtfertigt.

Keine Experimente

 

Kurios ist allerdings, dass es mit den Anwürfen gelingt, die Beweislast zu pervertieren: Biologen sind plötzlich gezwungen, die Evolutionstheorie zu verteidigen, als gäbe es nun einen zweiten, gleichwertigen Ansatz, der die Entstehung des Lebens erklärt.

Das ist jedoch nicht der Fall: Intelligent Design setzt nur eine Behauptung an die Stelle der Evolution, ohne jegliche Aussicht, ja sogar ohne den Anspruch, diese jemals experimentell zu überprüfen. Damit diskreditiert sich Intelligent Design als Wissenschaft. Eine naturwissenschaftliche Theorie braucht Daten, Experimente, Messungen. Das ist keine künstliche Hürde, um neue, innovative Ideen zu unterdrücken. Im Gegenteil: Es ist die Garantie für Freiheit. Die Freiheit, Theorien wieder zu verwerfen, wenn neue experimentelle Befunde das fordern.

Die Evolutionstheorie ist durch eine Fülle experimenteller Funde gefestigt. Doch auch sie könnte sich eines Tages als unzureichend oder falsch erweisen. Das ist aber Prinzip und Stärke von Naturwissenschaft: die Offenheit, den eigenen Erkenntnisstand zu revidieren, auch wenn es intuitiv schwer fällt. Diese Möglichkeit ist bei ID nicht enthalten. Diese so genannte Theorie hat schon aus diesem Grund, ohne Ansehen des Inhalts, keinen Anspruch darauf, als Wissenschaft akzeptiert zu werden. Dass Intelligent Design dennoch in den naturwissenschaftlichen Unterricht an Schulen und Universitäten eindringt, ist nur mit der ureigenen menschlichen Sehnsucht nach Bedeutung erklärbar. Schon der Begriff "intelligent" zeigt, was die Verfechter des modernen Kreationismus mit ihren puristischeren Kollegen, den wortgetreuen Exegeten der Schöpfungsgeschichte, gemein haben. Es ist weniger die Liebe zu Gott als zu sich selbst: Was muss das für ein intelligenter Schöpfer sein, der ein so großartiges Wesen wie den Menschen geschaffen hat?

Trauriges Gottesbild

 

Der Maßstab, der hier angelegt wird, ist allzu menschengemacht: Leitartikel schreiben, Helikopter bauen, Webseiten programmieren -- das hat in kosmischen Dimensionen wenig Bedeutung. Sicher, der menschliche Körper ist ein erstaunlich komplexes Gebilde, aber sollte man ihn (auch im Angesicht von Krebs, Alzheimer und Depressionen) als Nonplusultra der Schöpfung ansehen? Wohl kaum, abgesehen davon, dass wir, anders als manche Bakterien, Schaben, Haie und Antilopen, unsere Tauglichkeit in den Zeiträumen der Erdgeschichte noch längst nicht bewiesen haben. Mit dem Versuch, letztlich die Existenz eines Intelligenten Designers (Gott, auch wenn dieser Begriff aus juristischen Gründen vermieden wird) zu beweisen, scheitern die ID-Verfechter zweifach: Zum einen ist die Verneinung einer anderen Theorie kein Beweis für die Richtigkeit der eigenen.Zum anderen wird ein allzu trauriges Bild Gottes erzeugt, das den Schöpfer zu einem Mechaniker degradiert, der Milliarden Jahre lang ähnlich wie Charlie Chaplin im Film "Moderne Zeiten" an den Schräubchen der Evolution herumfrickelt, dabei immer wieder unfähige Lebensformen erzeugt und vernichtet, mit dem Ziel, das ultimative Wesen, den Menschen, zu erschaffen. Hat Gott das nötig? Nein: Intelligent Design ist nur die kümmerliche Light-Version eines Gottesbeweises. Das ist insofern beklagenswert, als die Naturwissenschaften allgemein und die Evolutionstheorie speziell jeden Raum für fundierten Theismus offen halten. Streitbare Evolutionsbiologen wie der 2002 verstorbene Stephen Jay Gould haben zwar gern mit ihrer atheistischen Haltung kokettiert. Doch unter den großen Evolutionsforschern gab und gibt es viele zutiefst religiöse Menschen. "Es ist schlicht nicht der Fall, dass Menschen, die morgens mit Evolution beginnen, am Nachmittag Atheisten werden", sagte der Philosoph Michael Ruse. Die Schwachpunkte der Evolutionstheorie sollten an Schulen und Universitäten gelehrt und diskutiert werden. Die Entstehung komplexer Strukturen zum Beispiel, wie sie in der Biologie üblich sind, wird von den derzeit bekannten Grundgesetzen der Physik nicht befriedigend beschrieben. Komplexität und Selbstorganisation sind zwar in nicht abgeschlossenen Systemen möglich. Beides wird aber durch das Formelwerk der Physik nicht ausdrücklich gefordert. Womöglich gibt es irgendwann einen dritten Hauptsatz der Thermodynamik, der den Drang der Natur zu Komplexität erklärt. Und, wer weiß, vielleicht wird eines Tages eine ernsthafte Konkurrenz zur Evolutionslehre entdeckt. Nur: Intelligent Design wird sie nicht heißen.

 

 

 

 

 

 

 Thüringer Allgemeine 7. Mai 2002

Die Menschenfänger

Von Eberhardt Pfeiffer

 

Auf der Suche nach Trost wurde in der vergangenen Woche vielen Erfurtern eine Broschüre angeboten, die den "Weg zum Glücklichsein" versprach. Für den Laien kaum erkennbar: Hinter dem Büchlein steckt die Scientology-Sekte.

 

Neben dem Blumenmeer am Erfurter Gutenberg-Gymnasium stand in der vergangenen Woche häufig ein netter junger Mann mit Rasta-Locken und einer Tasche. Unaufdringlich bot er Menschen in seiner Umgebung ein Gespräch an über die schwierige Situation. Auf dem Weg in die Zukunft könne vielleicht ein kleines Heftchen helfen, ein "Leitfaden zum besseren Leben, der auf gesundem Menschenverstand beruht", so der Titel. Verantwortlich für die Publikation zeichnet der Verein "Der Weg zum Glücklichsein". Angegeben ist eine dänische Adresse.

 

Das Heft war nach der Katastrophe meist dort zu haben, wo sich viele Menschen versammelten. Offenbar schwärmten die Helfer generalstabsmäßig aus. Schule, Rathaus, Domplatz. Im Impressum wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass das Vertreiben des Buches "Regierungsbehörden und deren Angestellten gestattet" sei, "da es keine religiöse Aktivität ist."

 

Über den Weg zum Glücklichsein wurden vor Monaten bereits andere Katastrophenopfer belehrt. Nach dem 11. September in New York, direkt am "Ground Zero", verteilten "ehrenamtliche Geistliche" das Büchlein an Feuerwehrleute. Die Organisatoren rühmten sich damals der Erlaubnis, neben Polizei, Feuerwehr und Mitarbeitern des Roten Kreuzes in den Bereich rund um das World Trade Center zu dürfen. Absender der Erklärung war die Scientology-Sekte. Für den Verfassungsschutz ist das Auftauchen von Scientologen weder in New York noch in Erfurt eine Überraschung. Ein Stuttgarter Experte kommentierte das New Yorker Engagement so: "Angst und Unsicherheit sind bevorzugte Angriffspunkte." Wolfgang Herbrand, Sprecher des Thüringer Innenministeriums, spricht von einem "Riesenmarkt", den sich natürlich auch selbsternannte Heilsbringer nach den Erfurter Ereignissen nicht entgehen lassen konnten.

 

Dabei sind die Aktivitäten von Scientology in Thüringen nach Erkenntnissen des hiesigen Verfassungsschutzes gegenüber den alten Ländern bisher eher zurückhaltend. Sie gehen über den gelegentlichen Versand von Zeitschriften, Magazinen oder Büchern an Privatpersonen, Rathäuser oder Polizeidienststellen kaum hinaus. Niederlassungen soll es im Freistaat noch nicht geben. Ob sich das durch die jüngste Verteil-Aktion ändert, sei noch nicht klar, meint das Innenministerium. Aber auch die deutsche Broschüre lässt sich klar einer der Unterorganisationen von Scientology zuordnen, der "Association for better living and education". Ziel dieser 1988 gegründeten Vereinigung ist es, in "gesellschaftlichen und sozialen Bereichen Verbesserung der individuellen Lebenssituation herbeizuführen". Nach Scientology-Verständnis. Dazu zählen sowohl Nachhilfeunterricht als auch Anti-Drogen-Programme. Wer sich darauf einlässt, spürt früher oder später, was nach Aussage von Opfern Scientology wirklich von seinen Jüngern will: viel Geld und Gehorsam.

 

Der Inhalt des kleinen Heftes gibt sich unverfänglich. Lebensregeln, an den zehn Geboten orientiert ("Du sollst nicht töten"), hygienische Fragen ("Sie sollten sich ihre Zähne machen lassen"). Dazu kleine Tipps, wie man Erfolg haben kann, ohne dabei die Menschlichkeit zu vernachlässigen. Nur: Der Text stammt aus der Feder des großen Scientology-Meisters L. Ron Hubbard.

 

Die Publikation ist nicht im üblichen Sekten-Deutsch gehalten. Es handele sich mehr um eine "Einstiegsdroge", sagen Experten. Der Leser soll mit dem Verein "Der Weg zum Glücklichsein" etwas Positives in Verbindung bringen, damit beim nächsten Mal die Kontaktaufnahme leichter falle.

 

Ob es ein nächstes Mal in Erfurt gibt, bleibt abzuwarten. Mit den Übertragungswagen und Touristenpulks verschwanden offenbar auch viele der so freundlichen Verteiler wieder aus der Landeshauptstadt. Nur eine sehr gut deutsch sprechende ältere Dame soll gestern noch mit ihren kleinen Büchern vor dem Erfurter Rathaus gesehen worden sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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