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junge Garde“ - ARD über die christliche Rechte in Deutschland Berlin
- Es war wie in einem Popkonzert: Im Sommer 2003 versammelten sich tausende
junger Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin zu einer Massenandacht. Sie
tanzten, beteten und weinten lautstark, von der Bühne aus riefen Prediger
die Teilnehmer/innen zur Erweckung auf. Über dieses Freiluft-Festival berichtete die ARD im November und arte im Februar in der Dokumentation «Jesus' junge Garde» über die Methoden, mit denen die amerikanische Buß- und Betgemeinde «The Call» seine Anhänger geistig formt. Der
Trend kommt aus Amerika. In den USA ist die religiöse Rechte bereits eine
politische Größe. Doch auch in Europa gewinnen die Evangelikalen an
Terrain. Für die Produktion des Rundfunks Berlin- Brandenburg (RBB) haben
die Autoren Jobst Knigge und Britta Mischer den jungen Esbjörn begleitet.
Der damals 18-jährige war am Brandenburger Tor dem Ruf der Bewegung
gefolgt. Seit
dem Berliner Happening besucht Esbjörn regelmäßig die Workshops
der «Holy Revolution School» und wurde inzwischen selbst Ausbilder.
In den USA war er bei der Mutterorganisation zu Gast, die zum Zeitpunkt der
Dreharbeiten mit Dauerkundgebungen vor dem Weißen Haus die Wahl des
Obersten Richters beeinflussen wollte. «Jesus' junge Garde»
beleuchtet das Erstarken der christlichen Rechten in Deutschland und zeigt,
warum besonders Jugendliche so empfänglich sind für die so genannten
Erlebnisreligionen. Süddeutsche Zeitung, 8. Juli 2005 "Intelligent Design" ist weder Wissenschaft noch Religionvon Patrick Illinger Moderne Kreationisten stochern nach den Lücken der
Evolutionstheorie, um einen "Intelligenten Designer", an die Stelle
von Mutation und Selektion zu setzen. Es war ein furchtbares Gerangel vor 500 Jahren, bis endlich die
Erde aus dem Zentrum des Weltalls gerückt war. Den Astronomen war
seinerzeit keine Theorie zu abstrus, um die merkwürdigen Kapriolen zu
deuten, die die Planeten am Nachthimmel vollführen. Die wildesten Ideen wurden debattiert, nur um die einfachste
Erklärung zu vermeiden: jene, wonach die Erde nicht das Zentrum des
Sonnensystems ist, sondern nur einer von vielen Himmelskörpern, die
gemeinsam um die Sonne kreisen. Kreationismus light Dann kamen Kopernikus, Kepler und Galileo, und die Erde verschwand
aus dem Mittelpunkt. Doch der Anthropozentrismus ist geblieben. Noch in den
zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vermuteten Astronomen unsere
Galaxis, die Milchstraße, im Zentrum des Universums. Menschen -- und
Forscher gehören dazu -- fällt es eben schwer, sich selbst irgendwo
anders zu wähnen als im Mittelpunkt des Geschehens. Oder wenigstens an
exponierter Stelle, ganz oben zum Beispiel auf der "Evolutionsleiter"
(Ein Bild, das es in der Evolutionstheorie gar nicht gibt), um nicht vom
"Ebenbild Gottes" zu sprechen. Die Erkenntnis ist hart, dass der
Mensch womöglich nur ein Mosaikstein des großen Ganzen ist.
Entsprechend halten es viele noch heute, mehr als 150 Jahre nach Charles
Darwin, für unmöglich, dass die Evolution eine solch komplexe
biologische Lebensform hervorbringen konnte. Als gelte es, einer großen Dunkelheit zu entrinnen, stochern
moderne Kreationisten nach den Lücken der Evolutionstheorie, um einen
"Intelligenten Designer", an die Stelle von Mutation und Selektion zu
setzen. Intelligent Design (ID) ist ein gemäßigter Kreationismus,
der zugesteht, dass die Erde Milliarden Jahre alt ist und das Leben
schrittweise entstanden ist. ID-Vertreter profitieren von der Tatsache, dass
manche ihrer Aussagen recht wissenschaftlich klingen, und manche kritische
Frage an die Evolutionslehre ist gerechtfertigt. Keine Experimente Kurios ist allerdings, dass es mit den Anwürfen gelingt, die
Beweislast zu pervertieren: Biologen sind plötzlich gezwungen, die
Evolutionstheorie zu verteidigen, als gäbe es nun einen zweiten,
gleichwertigen Ansatz, der die Entstehung des Lebens erklärt. Das ist jedoch nicht der Fall: Intelligent Design setzt nur eine
Behauptung an die Stelle der Evolution, ohne jegliche Aussicht, ja sogar ohne
den Anspruch, diese jemals experimentell zu überprüfen. Damit
diskreditiert sich Intelligent Design als Wissenschaft. Eine
naturwissenschaftliche Theorie braucht Daten, Experimente, Messungen. Das ist
keine künstliche Hürde, um neue, innovative Ideen zu
unterdrücken. Im Gegenteil: Es ist die Garantie für Freiheit. Die
Freiheit, Theorien wieder zu verwerfen, wenn neue experimentelle Befunde das
fordern. Die Evolutionstheorie ist durch eine Fülle experimenteller
Funde gefestigt. Doch auch sie könnte sich eines Tages als unzureichend
oder falsch erweisen. Das ist aber Prinzip und Stärke von Naturwissenschaft:
die Offenheit, den eigenen Erkenntnisstand zu revidieren, auch wenn es intuitiv
schwer fällt. Diese Möglichkeit ist bei ID nicht enthalten. Diese so
genannte Theorie hat schon aus diesem Grund, ohne Ansehen des Inhalts, keinen
Anspruch darauf, als Wissenschaft akzeptiert zu werden. Dass Intelligent Design
dennoch in den naturwissenschaftlichen Unterricht an Schulen und
Universitäten eindringt, ist nur mit der ureigenen menschlichen Sehnsucht
nach Bedeutung erklärbar. Schon der Begriff "intelligent" zeigt,
was die Verfechter des modernen Kreationismus mit ihren puristischeren
Kollegen, den wortgetreuen Exegeten der Schöpfungsgeschichte, gemein
haben. Es ist weniger die Liebe zu Gott als zu sich selbst: Was muss das
für ein intelligenter Schöpfer sein, der ein so großartiges
Wesen wie den Menschen geschaffen hat? Trauriges Gottesbild Der Maßstab, der hier angelegt wird, ist allzu
menschengemacht: Leitartikel schreiben, Helikopter bauen, Webseiten
programmieren -- das hat in kosmischen Dimensionen wenig Bedeutung. Sicher, der
menschliche Körper ist ein erstaunlich komplexes Gebilde, aber sollte man
ihn (auch im Angesicht von Krebs, Alzheimer und Depressionen) als Nonplusultra
der Schöpfung ansehen? Wohl kaum, abgesehen davon, dass wir, anders als
manche Bakterien, Schaben, Haie und Antilopen, unsere Tauglichkeit in den
Zeiträumen der Erdgeschichte noch längst nicht bewiesen haben. Mit
dem Versuch, letztlich die Existenz eines Intelligenten Designers (Gott, auch
wenn dieser Begriff aus juristischen Gründen vermieden wird) zu beweisen,
scheitern die ID-Verfechter zweifach: Zum einen ist die Verneinung einer
anderen Theorie kein Beweis für die Richtigkeit der eigenen.Zum anderen
wird ein allzu trauriges Bild Gottes erzeugt, das den Schöpfer zu einem
Mechaniker degradiert, der Milliarden Jahre lang ähnlich wie Charlie
Chaplin im Film "Moderne Zeiten" an den Schräubchen der
Evolution herumfrickelt, dabei immer wieder unfähige Lebensformen erzeugt
und vernichtet, mit dem Ziel, das ultimative Wesen, den Menschen, zu
erschaffen. Hat Gott das nötig? Nein: Intelligent Design ist nur die
kümmerliche Light-Version eines Gottesbeweises. Das ist insofern
beklagenswert, als die Naturwissenschaften allgemein und die Evolutionstheorie
speziell jeden Raum für fundierten Theismus offen halten. Streitbare
Evolutionsbiologen wie der 2002 verstorbene Stephen Jay Gould haben zwar gern
mit ihrer atheistischen Haltung kokettiert. Doch unter den großen
Evolutionsforschern gab und gibt es viele zutiefst religiöse Menschen.
"Es ist schlicht nicht der Fall, dass Menschen, die morgens mit Evolution
beginnen, am Nachmittag Atheisten werden", sagte der Philosoph Michael
Ruse. Die Schwachpunkte der Evolutionstheorie sollten an Schulen und
Universitäten gelehrt und diskutiert werden. Die Entstehung komplexer
Strukturen zum Beispiel, wie sie in der Biologie üblich sind, wird von den
derzeit bekannten Grundgesetzen der Physik nicht befriedigend beschrieben.
Komplexität und Selbstorganisation sind zwar in nicht abgeschlossenen
Systemen möglich. Beides wird aber durch das Formelwerk der Physik nicht
ausdrücklich gefordert. Womöglich gibt es irgendwann einen dritten
Hauptsatz der Thermodynamik, der den Drang der Natur zu Komplexität
erklärt. Und, wer weiß, vielleicht wird eines Tages eine ernsthafte
Konkurrenz zur Evolutionslehre entdeckt. Nur: Intelligent Design wird sie nicht
heißen. Thüringer Allgemeine 7. Mai 2002 Die
Menschenfänger
Von Eberhardt Pfeiffer Auf der Suche nach Trost wurde in der vergangenen Woche vielen
Erfurtern eine Broschüre angeboten, die den "Weg zum
Glücklichsein" versprach. Für den Laien kaum erkennbar: Hinter
dem Büchlein steckt die Scientology-Sekte. Neben dem Blumenmeer am Erfurter Gutenberg-Gymnasium stand in der
vergangenen Woche häufig ein netter junger Mann mit Rasta-Locken und einer
Tasche. Unaufdringlich bot er Menschen in seiner Umgebung ein Gespräch an
über die schwierige Situation. Auf dem Weg in die Zukunft könne
vielleicht ein kleines Heftchen helfen, ein "Leitfaden zum besseren Leben,
der auf gesundem Menschenverstand beruht", so der Titel. Verantwortlich
für die Publikation zeichnet der Verein "Der Weg zum
Glücklichsein". Angegeben ist eine dänische Adresse. Das Heft war nach der Katastrophe meist dort zu haben, wo sich
viele Menschen versammelten. Offenbar schwärmten die Helfer
generalstabsmäßig aus. Schule, Rathaus, Domplatz. Im Impressum wird
ausdrücklich darauf verwiesen, dass das Vertreiben des Buches
"Regierungsbehörden und deren Angestellten gestattet" sei,
"da es keine religiöse Aktivität ist." Über den Weg zum Glücklichsein wurden vor Monaten
bereits andere Katastrophenopfer belehrt. Nach dem 11. September in New York,
direkt am "Ground Zero", verteilten "ehrenamtliche
Geistliche" das Büchlein an Feuerwehrleute. Die Organisatoren
rühmten sich damals der Erlaubnis, neben Polizei, Feuerwehr und
Mitarbeitern des Roten Kreuzes in den Bereich rund um das World Trade Center zu
dürfen. Absender der Erklärung war die Scientology-Sekte. Für
den Verfassungsschutz ist das Auftauchen von Scientologen weder in New York
noch in Erfurt eine Überraschung. Ein Stuttgarter Experte kommentierte das
New Yorker Engagement so: "Angst und Unsicherheit sind bevorzugte
Angriffspunkte." Wolfgang Herbrand, Sprecher des Thüringer
Innenministeriums, spricht von einem "Riesenmarkt", den sich
natürlich auch selbsternannte Heilsbringer nach den Erfurter Ereignissen
nicht entgehen lassen konnten. Dabei sind die Aktivitäten von Scientology in Thüringen
nach Erkenntnissen des hiesigen Verfassungsschutzes gegenüber den alten Ländern
bisher eher zurückhaltend. Sie gehen über den gelegentlichen Versand
von Zeitschriften, Magazinen oder Büchern an Privatpersonen,
Rathäuser oder Polizeidienststellen kaum hinaus. Niederlassungen soll es
im Freistaat noch nicht geben. Ob sich das durch die jüngste
Verteil-Aktion ändert, sei noch nicht klar, meint das Innenministerium.
Aber auch die deutsche Broschüre lässt sich klar einer der
Unterorganisationen von Scientology zuordnen, der "Association for better
living and education". Ziel dieser 1988 gegründeten Vereinigung ist
es, in "gesellschaftlichen und sozialen Bereichen Verbesserung der
individuellen Lebenssituation herbeizuführen". Nach
Scientology-Verständnis. Dazu zählen sowohl Nachhilfeunterricht als
auch Anti-Drogen-Programme. Wer sich darauf einlässt, spürt
früher oder später, was nach Aussage von Opfern Scientology wirklich
von seinen Jüngern will: viel Geld und Gehorsam. Der Inhalt des kleinen Heftes gibt sich unverfänglich.
Lebensregeln, an den zehn Geboten orientiert ("Du sollst nicht
töten"), hygienische Fragen ("Sie sollten sich ihre Zähne
machen lassen"). Dazu kleine Tipps, wie man Erfolg haben kann, ohne dabei
die Menschlichkeit zu vernachlässigen. Nur: Der Text stammt aus der Feder
des großen Scientology-Meisters L. Ron Hubbard. Die Publikation ist nicht im üblichen Sekten-Deutsch
gehalten. Es handele sich mehr um eine "Einstiegsdroge", sagen
Experten. Der Leser soll mit dem Verein "Der Weg zum
Glücklichsein" etwas Positives in Verbindung bringen, damit beim
nächsten Mal die Kontaktaufnahme leichter falle. Ob es ein nächstes Mal in Erfurt gibt, bleibt abzuwarten. Mit
den Übertragungswagen und Touristenpulks verschwanden offenbar auch viele
der so freundlichen Verteiler wieder aus der Landeshauptstadt. Nur eine sehr
gut deutsch sprechende ältere Dame soll gestern noch mit ihren kleinen
Büchern vor dem Erfurter Rathaus gesehen worden sein. . . . . . | |||