Religionskritik


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von Juan Cole (Übersetzung Deutscher Freidenker-Verband e.V.)

 

Papst zum Islam sachlich falsch

 

Die Rede Papst Benedikts in der Universität Regensburg, in der er von Islam und Djihad spricht, hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

 

Die Ansprache ist komplexer und feinsinniger, als in der Presse dargestellt. Aber am meisten irritiert, dass der Papst einiges am Islam sachlich falsch auffasst.

 

Er stellt fest, dass in dem von ihm angeführten Text, der Polemik eines byzantinischen Kaisers gegen den Islam, der Koran [2:256] mit der Aussage zitiert wird: „Es gibt keinen Zwang in Glaubenssachen“. Benedikt behauptet, dass dies ein früher Vers aus der Zeit sei, als Mohammed noch machtlos war.

 

Seine Behauptung ist nicht korrekt. Die Zweite Sure ist eine Medina-Sure aus der Zeit, als Mohammed bereits als Führer der Stadt Yathrib (später als Medina oder „die Stadt“ des Propheten bekannt) fest etabliert war. Der Papst meint, dass ein junger Mohammed in Mekka vor dem Jahr 622 (ohne Macht) Gewissensfreiheit zuließ aber später im Leben befahl, dass seine Religion mit dem Schwert ausgebreitet würde. Aber da die Zweite Sure tatsächlich aus der Medina-Periode stammt, als Mohammed bereits an der Macht war, ist diese Theorie nicht haltbar.

 

Tatsächlich drängt der Koran an keiner Stelle darauf, dass der religiöse Glaube irgend jemandem mit Gewalt aufgezwungen wird. Was er über die Religion sagt, ist folgendes:

 

„[2:62] All denen - seien es Gläubige, Juden, Christen oder Sabäer (Mohammed hält sie für die Johanneschristen / Anm. in „Der Koran - Das heilige Buch des Islam“, München 1959) - , wenn sie nur an Gott glauben, an den Jüngsten Tag und das Rechte tun, wird einst Lohn von ihrem Herrn, und weder Furcht noch Traurigkeit wird über sie kommen.”

 

Die Idee des heiligen Krieges oder Djihad (bei der es um die Verteidigung der Gemeinschaft oder höchsten um die Errichtung der Herrschaft der Muslime geht, aber nicht um das zwangsweise Bekehrung einzelner zum Glauben oder die Verbreitung des Glaubens durch Gewalt) ist also keine koranische Lehre. Die Doktrin wurde viel später ausgearbeitet, und zwar an der Front zwischen der Umayyaden-Dynastie und dem Kaiserreich von Byzanz, lange nach dem Tode des Propheten. Tatsächlich war es im Anfang schwer, sich dem Islam anzuschließen, und Christen, die Muslime werden wollten, wurden routinemäßig abgewiesen. Der tyrannische Gouverneur des Irak, al-Hajjaj, war berüchtigt für seine Zurückweisung von Antragstellern, weil er Nicht-Muslime höher besteuern konnte. Arabische Muslime hatten den Irak erobert, der damals weitgehend heidnisch, zoroastrisch, christlich oder jüdisch war. Aber man warb nicht um Konvertiten und mit Sicherheit setzte man nicht die eigene Religion zwangsweise durch.

 

Der Papst versucht zu argumentieren, dass Gewissenszwang mit echtem, vernunftbegründetem Glauben unvereinbar ist. Er nimmt den Islam als Beispiel für das Erzwingen eines vernunftlosen Glaubens.

 

Aber durch die mittelalterliche Polemik, auf die er sich verließ, wurde er irregeleitet.

 

Tatsächlich vertritt auch der Koran einen vernunftbegründeten Glauben, sowie er auch Zwang in der Religion verbietet. Gewalt wird im Koran nur befürwortet, wo es um die Selbstverteidigung gegen die Versuche der Heiden von Mekka geht, die muslimische Gemeinschaft zu beseitigen.

 

Der Papst sagt, dass Gott im Islam tranzendent und jenseits der Vernunft ist, und von ihm nicht erwartet werden kann, dass er vernünftig handelt. Er stellt dieser Konzeption von Gott die des Johannesevangeliums gegenüber, wo Gott der Logos, die dem Universum innewohnende Vernunft ist.

 

Doch in der muslimischen Theologie und Philosophie gab es viele Schulen. Die Mu’tazilitische Schule behauptete genau das, was der Papst sagt, nämlich dass Gott handeln muss, so wie es der Vernunft und dem Guten des Menschen entspricht. Die Herangehensweise der Mu’tazlitischen Schule ist im Zaidismus und in der Zwölferschia irakischer und iranischer Art noch lebendig. Dagegen besteht die Aschari-Schule darauf, dass Gott jenseits der menschlichen Vernunft ist und daher nicht rational erfasst werden kann. (Ich denke, dass der Papst finden dürfte, dass Tertullian und vielleicht auch Johannes Calvin mehr mit dieser Ansicht sympathisieren als er selbst.)

 

Was den Koran betrifft, so appelliert dieser ständig an die Vernunft beim Erkennen Gottes, lehnt Götzendienst und Heidentum ab und fragt: „Urteilt Ihr nicht vernünftig?“, „Versteht Ihr nicht?“ (a fala ta`qilun?)

 

Allerdings gibt es im Christentum eine lange Geschichte des den Menschen mit Zwang auferlegten Glaubens, darunter auch den Heiden im spätrömischen Reich, die zwangsweise bekehrt wurden. Und es gab die Episode der Kreuzzüge.

 

Eine weitere Ironie besteht darin, dass das mit Vernunft argumentierende scholastische Christentum ein wichtiges Erbe aus dem Islam bezog. Im 10. Jahrhundert gab es sehr wenig Scholastik in der christlichen Theologie. Der Einfluss muslimischer Denker wie Averroes (Ibn Rushd) and Avicenna (Ibn Sina) bewirkte, dass Aristoteles und Plato in die christliche Theologie eingeführt würden. An einem bestimmten Punkt hatten sich christliche Theologen in Paris sogar gespalten in Anhänger des Averroes und solche des Avicenna, und sie lieferten sich gegenseitig heftige Polemiken.

 

Und zum Schluss: Dieser byzantinische Kaiser Manuel II ? Die Byzantiner waren durch lateinische Raubzüge während des vierten Kreuzzuges geschwächt worden, wodurch es gewissermaßen Rom war, das zuerst Gewalt übte. Und er beendete seine Tage als Vasall des Ottomanischen Reiches.

 

Der Papst war sachlich im Irrtum. Er sollte sich bei den Muslimen entschuldigen und sich bessere Berater für christlich-muslimische Beziehungen suchen.

 

Quelle des Originals: http://www.juancole.com posted by Juan @ 9/15/2006 06:24:00 AM

 

Über den Autor: Juan Cole ist Professor für moderne Geschichte des Mittleren Ostens und Südostasiens an der Historischen Abteilung der Universität von Michigan/USA. Er redigiert die ständig aktualisierte Webseite „Informed Comment“  http://www.juancole.com

 

 

 

 

 

 

 

Erwin Baader, Denkanregung zum Thema "Schöpfung und Evolution"

 

Braucht der Mensch Gott, um gut zu sein?

Der kurze Weg vom Herrn Keuner zu Kant.

         

Bertolt Brecht hat in seinen "Geschichten vom Herrn Keuner" folgendes geschrieben:

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: "Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen.

Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dssß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott."

 

Diese Antwort des Herrn Keuner nach Bert Brecht scheint auf den ersten Blick den Glauben an Gott als rein subjektive Meinung bloßzustellen und demgegenüber jener Haltung den Vorzug zu geben, welche die Frage nach Gott gleich gar nicht stellt. Dies ist aber nicht nur eine aus gläubiger Sicht wegen eines (von der Gegenseite wird zwar beklagt, "ungerechtfertigten") Wahrheitsanspruches des Gottesglaubens abzulehnende Haltung, sondern auch eine unkritische Haltung in Bezug auf den Text selbst. Die Antwort trifft nämlich nicht auf die Frage zu, ob es Gott gibt, sondern auf eine ganz andere Frage, nämlich auf die Frage, ob der Fragende selber Gott bzw. einen Glauben an Gott braucht oder nicht, und zwar nach seiner eigenen, schon vor einer Antwort auf die Frage bestehenden Meinung,. Dabei spielt allerdings interessanter Weise die Frage nach dem Verhältnis zwischen Glauben und Lebenspraxis hinein, und zwar in der Form, dass anerkannt wird, dass der Glaube an Gott und die Lebenspraxis wenigstens bei einigen Menschen im Zusammenhang stehen könnten. Dieser Zusammenhang wird aber von Herrn Keuner als Entscheidungskriterium angesehen, welches daher gültig ist, unabhängig davon, ob Gott tatsächlich existiert oder nicht. Wenn aber dieser Zusammenhang überhaupt denkmöglich sein soll, dann ergibt sich folgendes: Zunächst ist zu sehen, dass, falls tatsächlich irgendein Zusammenhang (und nicht bloß eine zufällige Gleichzeitigkeit) zwischen etwas und der Lebenspraxis bei einer Person möglich ist, selbst wenn dies bei einer anderen Person nicht zutrifft, der Zusammenhang real möglich sein muss, dass also eine Potenz vorhanden ist, die

entweder zur Wirkung kommt oder auch nicht. Wenn nämlich, um ein anderes Beispiel zu nehmen, bei einer Person ein Zusammenhang zwischen Tanz und Freude

besteht, bei einer anderen aber nicht, dann wird damit anerkannt, dass Tanz grundsätzlich Freude machen kann, wenngleich dies nicht bei allen Personen zutrifft.

Ebenso kann der Glaube an Gott (auch im Bild, das Herr Keuner verwendet) grundsätzlich ein besseres Leben der glaubenden Person zur Folge haben, auch wenn

das bei einer anderen Person nicht zutrifft. Die Potenz dazu wäre aber, so sie überhaupt besteht, logisch notwendiger Weise in beiden Fällen vorhanden. Wenn nun jener, der nachdenkt und meint, der Glaube an Gott würde sein Leben nicht ändern, deshalb auch die Frage nach Gott beiseite schiebt und für überflüssig hält, dann hat er nach seiner vorgefassten Meinung geurteilt, das heißt, er meint, dass ein Glaube an Gott nicht notwendig sei, um ein besseres Leben zu führen. Er glaubt nicht, dass ein Glaube an Gott einen Einfluss auf sein eigenes Leben hätte, was so zu interpretieren ist, dass er eher nicht an Gott glaubt und es ihm deshalb auch nicht präsent ist, dass es einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Gottesglauben und Lebenspraxis geben könnte. Nur wer tatsächlich kaum an Gott denkt, kann meinen, es ginge ihm dabei nichts ab - andernfalls wäre sein Gedanke ja schon auf der Suche nach Gott. Denn analog dazu wird auch derjenige, der meint, der Tanz werde keine Freude bei ihm bewirken, wohl eher einer sein, der kaum tanzt oder bei solchen Versuchen bereits so viele Schwierigkeiten hatte, dass (noch) keine Freude aufkommen konnte. Also wäre ihm die subjektiv erwartete konkrete Wirkung nicht recht, die Mühe lohnt sich scheinbar für ihn nicht. Dabei liegt es aber meist an der Art, also dem Stil des Tanzes, nicht am allgemeinen Wesen des Tanzens, und analog ist es auch bei der Art, wie der Glaube an Gott verstanden wird, aber es läge wahrscheinlich weniger am Glauben an Gott an sich. Es gibt vermutlich auch bei der Religion nicht nur unterschiedliche Stile, sondern auch unterschiedlich talentierte Menschen. Aber dazu kommt auch noch die Frage: Brauche ich die Wirkung, die von etwas zu erwarten ist, also hier die mutmaßlich auftretende Änderung meines Lebens? Brauche ich Gott, um gut zu sein? Oder liegt mir vielleicht nichts daran, mein Leben mit einem Glauben an Gott zu "belasten" - und dann womöglich "gut" auch noch sein zu "müssen"? Brecht berücksichtigt dabei übrigens nicht, dass der Glaube an Gott bei einigen Menschen nicht nur eine Änderung des Lebens, sondern letztlich auch eine Freude und Glückseligkeit, und zwar eine tiefere als durch andere Güter und Lebensäußerungen, hervorrufen kann. Wenn wir schon den Tanz als analoges Beispiel gewählt haben, so ist dieser eine reale Lebensäußerung, die Freude hervorruft, wenngleich keine so tiefe und nachhaltige Freude wie der Glaube an Gott. Nur etwas Reales hat eine reale Wirkung, und wenn Gott bei einigen Menschen "gebraucht" wird, weil sie (mit seiner Hilfe oder sonstwie) gut und/oder glücklich sein wollen, und auch nur manchen dabei ein realer Erfolg zuteil wird, dann kann man kaum bezweifeln, dass auch Gott als die Quelle der Freude und des Guteseins real ist. Freilich ist hier nicht mehr nur vom Glauben an Gott, sondern auch von Gott selber die Rede und dem Problem, ob er existiert oder nicht. Weiters ist zu sehen, dass, wenn Brecht seinen Herrn K. die Behauptung eines möglichen Zusammenhanges, wie es ja der Form nach im Originaltext heißt, zwischen Gott (also nicht: nur: Glaube an Gott) und der Lebenspraxis aufstellen ließ, auch nach der Auffassung des solcherlei Sagenden beide möglicherweise im Zusammenhang stehenden Teile wahrscheinlicher existieren als nicht, weil zwei Dinge, von denen auch nur eines nicht wirklich existieren würde, auch nicht wirklich im Zusammenhang stehen könnten. Es ist also nicht nur die Realität des Zusammenhangs, sondern auch die der zusammenhängenden Dinge anzunehmen. So stellen wir fest: Wenn auch nur irgendjemand Gott tatsächlich braucht, dann ist dessen Existenz wahrscheinlicher als dessen Nichtexistenz. An sich scheint im Sinne von Herrn K. zwar eher der Glaube an Gott gemeint zu sein und nicht Gott selber, auch wenn er sich nicht so ausdrückt, aber andererseits wäre der Glaube ja nur eine Art Vermittlung zu einem bestimmten Gut, also Gott, dessen Realität freilich vorausgesetzt werden müsste, sobald daraus eine reale Wirkung in seiner Lebenspraxis folgen können soll. Im Text heißt es allerdings nicht, dass der Glaube an Gott, sondern dass Gott vielleicht existiert oder auch nicht, und am Ende heißt es ebenfalls, dass jemand Gott braucht und nicht nur den Glauben an Gott. Zweifellos sehen wir andererseits, dass es auch genug Menschen gibt, denen es offenbar bestens gelingt, eine wirklich gute Lebensführung ohne ausdrücklichen Glauben an Gott zu meistern. Ob jemand Gott aber wirklich braucht oder nicht, ist freilich nicht allein aus der Meinung herauszulesen, die jemand darüber besitzt. Wesentlich ist eher, dass auch nur wenige Menschen, die eine gute Lebensführung haben, ihre Erfahrung mitteilen, dass sie Gott tatsächlich brauchen, also nicht nur an Gott glauben, sondern etwa auch ein philosophisches Wissen davon besitzen, dass sie insofern Gott "brauchen", als sie sich von ihm irgendwie abhängig wissen und ihr Leben mehr oder weniger als eine Beziehung zu ihm verstehen.

 

Wenn aber Gott existiert, dann ist freilich anzunehmen, dass ihn auch jene brauchen (ohne es zu wissen), die nicht an ihn glauben. Es ist unbegründet zu behaupten, wenn jemand Gott oder sonst etwas braucht, dann sei deshalb dessen Existenz zweifelhaft. Man muss zugeben, dass die Tatsache, das jemand etwas braucht, niemals ein Beweis gegen die Existenz des Gebrauchten sein kann. Dies trifft selbst dann zu, wenn von einem Brauchen in einem abzulehnenden Sinn die Rede ist. Jemand braucht den Konsum von Opium oder Kokain (Marx verglich bekanntlich den Glauben an Gott mit dem Genuss von Opium), aber diese Substanzen bestehen auch wirklich, wenngleich ihre Wirkung nicht lobenswert und ihr Konsum nicht naturnotwendig ist. Wenn ich aber sage, die Pflanze braucht (von ihrer Natur aus) Wasser, dann spricht das (erst recht) niemals gegen die Existenz des Wassers, selbst wenn eine bestimmte Pflanze, sofern sie ihre Gedanken ausdrücken könnte, sagen sollte, sie brauche kein Wasser. Es ist ein Irrtum, zu meinen, bloß weil jemand sagt, er brauche Gott nicht, der andere aber das Gegenteil, daraus zu schließen, bei beiden Aussagen handle es sich um gleich wahre Ansichten; im Gegenteil, selbst wenn zum Beispiel nur wenige Menschen die Erkenntnis hätten, dass Lebewesen den Vorgang der Osmose (und in der Regel auch die Fähigkeit zur Regulation ihres Drucks) brauchen, ein solches Unwissen der Allgemeinheit kein Beweis gegen die Wirklichkeit der Osmose bzw. gegen die Wahrheit dieser Aussage wäre. Wenn also auch die meisten Menschen - was freilich nicht der Fall ist - meinen sollten, sie bräuchten Gott nicht, dann spräche dies nicht gegen die Existenz Gottes, aber sobald auch nur wenige Menschen überzeugt sind, dass sie Gott brauchen, so ist dies bereits ein sehr wichtiges Argument für die Existenz Gottes.

 

Bekanntlich postulierte Immanuel Kant, dass der Mensch zum Zweck der Moral den Begriff Gottes brauche. Aber nicht nur der Ethik wegen braucht der Mensch Gott, sondern auch der Vernunft und des Verstandes wegen bedarf er Gottes:

 

"Die menschliche Vernunft bedarf einer Idee der höchsten Vollkommenheit ... Gott ist eine nothwendige Idee unseres Verstandes, weil er das Substratum der Möglichkeit aller Dinge ist. ...Den allgemeinen Begriff von Gott haben wir ... festgesetzet, dass er nämlich ens realissimum sey. Dieses ist das Ideal, dessen unsere Vernunft bedarf, um einen höhern Maaßstab für das minder vollständige zu haben" (Immanuel Kant, Akademie-Ausgabe Bd. 28, 2, 2, S. 993, 1015, 1019)

 

Nicht genug damit, betont Immanuel Kant sogar, dass auch die Ästhetik, vor allem die Schönheit der Natur, im Menschen stets geradezu ein Bedürfnis weckt, Gott zu danken, wessentwegen der Mensch wiederum Gottes bedarf:

 

"Setzet einen Menschen in den Augenblicken der Stimmung seines Gemüths zur moralischen Empfindung! Wenn er sich,  umgeben von einer schönen Natur, in einem ruhigen, heitern Genusse seines Daseins befindet, so fühlt er in sich ein Bedürfniß,  irgend jemand dafür dankbar zu sein.... Mit einem Worte: er bedarf einer moralischen Intelligenz, um für den Zweck, wozu er existirt, ein Wesen zu haben, welches diesem gemäß von ihm und der Welt die Ursache sei. ..." (Immanuel Kant, suhrkamp tb, hrsg. v. W. Weischedl, Bd. 10, S. 407)

 

Kant schrieb drei große Kritiken, in welchen er die drei Grundfragen "Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen?" beantwortet werden, wobei alle drei Fragen insofern in Gott münden, als er demonstriert, wie sehr alle drei, die menschliche Vernunft, die Ethik und Ästhetik, sowie der Mensch schlechthin, Gottes bedürfen. Aber wenn der Mensch Gott braucht, warum lehnt denn dann Kant die Beweisbarkeit Gottes ab? Weil "dessen Begriff von keinem andern Begriffe abgeleitet werden kann, weil aus dessen Begriff alle andern Begriffe von Dingen abgeleitet werden müssen."(Immanuel Kant, Akademie-Ausgabe Bd. 28, 2, 2, S.1014)

Nun zurück zu Brecht. So gesehen kann also der Hintergrund der Aussage des Dichters, die er hier dem Herrn Keuner in den Mund legt, so verstanden werden, dass der Mensch (eigentlich doch) Gott braucht, insbesondere um sein Leben zu ändern, weil es offenbar Menschen gibt, die dies bezeugen. Herr K. macht ferner deutlich: Wenn jemand hingegen glaubt, dass er Gott nicht brauche, dann kann er auch die Frage nach Gott nicht sinnvoll stellen und wird dieses Problem eher beiseite schieben. Wer dagegen sagt, er wisse, dass er Gott braucht, der hat wohl letztlich auch die Frage, ob Gott existiert, schon positiv beantwortet, bevor er sie stellt. Diesen Gedanken finden wir in besonders deutlicher Form bei Immanuel Kant ausgedrückt, wie gezeigt werden soll. Eigentlich leuchtet dies auch dem Allgemeinverstand ein, auch wenn Herr Keuner in unserem Beispiel nicht selbst diese Erkenntnis zum Ausdruck bringt, was daran liegen mag, dass selbst Herr Brecht, der ja der Autor des Gedankenspiels ist, die Tragweite seiner Erkenntnis nicht ganz erfassen konnte. An sich spielt wie gesagt auch die Hoffnung auf ein größeres Glück durch den Glauben hier hinein, welche Brecht leider nicht erwähnt. Wahr ist freilich auch, dass, wenn jemand an dieExistenz Gottes noch so gewiss glaubt, sein Denken an ihn oft nicht viel mehr als ein unbeholfenes, aber doch drängendes Fragen nach ihm ist und nicht für alle Menschen Gottes Existenz wirklich evident ist. Aber wenn das Denken an ihn nicht auch ein Streben nach Veränderung der eigenen unvollkommenen Lebenspraxis wäre, so hätte die Frage nach seiner Existenz

für den Menschen nicht viel Sinn. Allerdings müssen wir dabei bedenken, dass die Philosophie ja gerade nach dem Sinn sucht und strebt und mit Ansichten und Denkstufen, welche keinen Sinn machen, nicht zufrieden sein kann. Dazu können wir uns von Immanuel Kant belehren lassen, welcher seinen praktischen Gottesbeweis gerade auf jenem hier besprochenen Zusammenhang zwischen Glaube an Gott und Lebenspraxis aufbaut, übrigens durchaus auch in Verbindung mit dem Streben nach Glückseligkeit. Dabei urteilt er, wenn auch kulturkreisabhängig, aber doch mit klaren philosophischen Argumenten recht konsequent über die bewusste, in voller Absicht ausgesprochene Leugnung Gottes, in Hinblick auf die Konsequenz dieser Ansicht für die Lebensführung:

 

"Der Atheismus (Ohngötterei, Gottesverläugnung) wird eingetheilt, in den skeptischen und dogmatischen. Jener bestreitet nur die Beweise für das Daseyn eines Gottes, insonderheit die apodiktische Gewißheit derselben, nicht aber das Daseyn Gottes selbst,

wenigstens nicht die Möglichkeit desselben. ... Ganz etwas anders ist es mit dem dogmatischen Atheisten, welcher geradezu das Daseyn eines Gottes abläugnet, und es überhaupt für unmöglich erkläret, daß ein Gott sey. Solche dogmatische Atheisten hat es entweder nie gegeben, oder sie sind die boshaftesten Menschen gewesen. Bei ihnen fallen alle Triebfedern zur Moralität weg; und diesen Atheisten ist entgegen gesetzet der moralische Theismus" (Immanuel Kant, Akademie-Ausgabe  Bd. 28, 2, 2, S. 1010)

 

An anderer Stelle lesen wir ähnlich, wobei hier abermals ein moralisches Argument vorgebracht wird, diesmal schon gegen die Ansicht, Gottes Existent für fraglich halten zu können:

 

"Der Atheismus ist zweifach: der dogmatische und der skeptische. Der dogmatische beweiset, es sey kein Gott; der skeptische negirt es nicht schlechtweg, er //PM297// nimmt aber auch nicht das Gegentheil an, sondern betrachtet es nur als ein Problem. ...

Das Daseyn Gottes ist ... wider den dogmatischen Atheismus gesichert. Mit dem skeptischen ist es schon schwerer, .... Allein  ich darf dem Skeptiker nur beweisen, dass die Frage: Ob ein Gott sey oder nicht? nicht problematisch, sondern kategorisch kann tractirt werden; ich muß gewiß wissen, ob keiner oder einer ist. Problematisch kann ich also diesen Beweis nicht behandeln; denn sonst weiß ich nicht, wie ich mich zu verhalten habe." (Immanuel Kant, Vorlesungen über Metaphysik - von Pölitz, 1821, nach CD-ROM "Kant im Kontext", Wiss. Buchges. Darmstadt)

 

Wenn also Herr Keuner bei Brecht anrät, "...nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage (ob Gott existiert) sich ändern würde.", so postuliert Kant mit "logischer Präzision", nach seiner Darlegung des moralischen Gottesbeweises (in der Kritik der Urteilskraft), trotz bestehender Meinungsunterschiede letztlich sogar in strikter, Verbindlichkeit beanspruchender Form:

 

"Es ist eben so notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen, als die Gültigkeit des moralischen Gesetzes anzuerkennen ..." (Immanuel Kant, suhrkamp tb, hrsg. v. W. Weischedl, Bd. 10, S. 413)

 

Nun ist Kant aber bekanntlich auch so tolerant, daß er jemanden, der nicht die von ihm erreichte Einsicht teilen würde und der in der Philosophie doch bei einer größeren Skepsis verbleiben möchte, seinen Anspruch, sich Philosoph zu nennen, keineswegs bestreitet; allerdings demjenigen tritt er scharf entgegen, der im Namen vorgeblicher philosophischer Gründe dem Gottesglauben die Berechtigung absprechen möchte:

 

"Daher kann ein skeptischer Atheist immer Religion haben, weil er aufrichtig gestehet, daß es weit unmöglicher sey, zu beweisen, daß kein Gott sey, als daß einer sey. Er läugnet nur, dssß die menschliche Vernunft durch Speculation je die Gewissheit des Daseyns Gottes beweisen könne; aber er siehet auch auf der andern Seite, dass sie eben so gewiss nie werde darthun können, dass Gott nicht sey. ... Ganz etwas anders ist es mit dem dogmatischen Atheisten, welcher geradezu das Daseyn eines Gottes abläugnet, und es überhaupt für unmöglich erkläret, dass ein Gott sey. Solche dogmatische Atheisten hat es entweder nie gegeben, oder sie sind die boshaftesten Menschen gewesen." (Immanuel Kant, Akademie-Ausgabe  Bd. 28, 2, 2, S. 1010)

 

Wie wir gesehen haben, trifft ein solcher dogmatischen Atheismus auch nicht für den Kommunisten Bertold Brecht wirklich zu, obwohl der offizielle Kommunismus den

dogmatischen Atheismus sogar gewaltsam propagierte. In seinem bekannten Denkspiel, das Brecht dem Herrn Keuner in den Mund legt, ist sein Denken, trotz der Anlehnung an atheistische Denkmuster, dem von Immanuel Kant strukturell durchaus ähnlich, wenngleich die bisher übliche Interpretation hartnäckig ein falsches Bild verbreitet, welches in diesem Denkanstoß zurückgewiesen werden sollte. Weiterführend sollte man wohl auch das "hagiographische Argument" in diesem Sinne mit berücksichtigen, also die Tatsache, das bei sittlich besonders vorbildlichen Menschen, etwa Mutter Theresa, sehr häufig ein persönliches Zeugnis vorliegt, sie haben die Liebe, die sie anderen Menschen geschenkt haben, selber von Gott erhalten, also für dieses besondere Leben Gottes Liebe gebraucht. Der Weg von der bekannten Denkfigur des Herrn Keuner bei Brecht führte also über textkritische Bemerkungen hin zur Aufdeckung einiger Parallelen bei Immanuel Kant und legt folgenden Schlus nahe: Auf autonome Weise, also beim mutigen, eigenständigen Gebrauch seines "aufgeklärten" Verstandes kann der Mensch durch einiges Nachdenken durchaus zu einer Erkenntnis kommen, die ähnlich dem Satz des Herrn Keuner ist: "Du brauchst Gott(es Hilfe)."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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