Hexenverfolgung


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Ingeborg Möller (Vortrag bei der Atheistischen Gruppe Kiel am 23. April 2006)

 

»Die Fabrikation des Wahnsinns« Hexenverfolgung in Europa ‑ Hergang, Ursachen, Erklärungen

 

Wie bereits in der Einladung zum heutigen Abend stand, ist das Thema „Hexenverfolgung“ in Europa u. a. dadurch wieder aktuell, dass an der Spitze der katholischen Kirche ein Papst Benedikt XVI. steht, der als jahrelanger Chef der Glaubenskongregation, der Nachfolgebehörde der Inquisition, in einem Interview des bayrischen Rundfunks äußerte, „man muss doch sagen, dass Inquisition ein Fortschritt war, dass nichts mehr ohne „Inquisitio“ verurteilt werden durfte, das heißt, dass Untersuchungen stattfinden mussten. Ein Rechtbewusstsein steckt dahinter.“

Um diese „Untersuchungen“ der Inquisition, um deren verbrecherische Rechtsbewusstsein geht es heute Abend.

 

In Europa sind vom 15. bis 18. Jahrhundert unzählige Frauen, dazu einige Männer und sogar Kinder verbrannt worden. (Über die Zahl der Getöteten streiten sich die Fachleute. Da viele Akten vernichtet wurden, gibt es nur Schätzungen, die von einhunderttausend bis zu neun Millionen reichen.) Die meisten Hexen wurden in Deutschland, Frankreich und Spanien verbrannt. An den Rändern Europas war die Verfolgung kürzer und weniger intensiv. Im Bereich der griechisch‑orthodoxen Kirche gab es keine Hexenverfolgung. Dazu Erika Wisselinck: »300 Jahre lang brannten in Europa die Scheiterhaufen, und das geschah nicht etwa, weil - wie es so oft heißt ‑ eine durch unverständigen Aberglauben hervorgerufene Volkswut sich in Gewalttaten entladen hätte: Irgendwie sei dieser Wahn plötzlich aufgelebt, habe schreckliche Höhepunkte erreicht und sei wieder vergangen, einfach so. In Wirklichkeit waren es die geistliche und weltliche Obrigkeit, die den Hexen ganz legal den Prozess machten, gestützt auf eine päpstliche Bulle sowie auf eine zunächst theologisch, später weltlich formulierte Theorie und auf entsprechende Strafgesetze.« (59, Seite 7.)

 

Weiter hält sich die irrtümliche Meinung, dass die Hexenverfolgung im »finsteren Mittelalter« stattgefunden habe. Der Höhepunkt der Hexenverfolgung war zwischen 1560 und 1630. »Amerika war längst entdeckt, die kopernikanische Wende hatte schon stattgefunden. Zeitgenossen der Hexenverfolgung waren Francis Bacon, Galileo Galilei und Johannes Kepler, dessen Mutter in einer württembergischen Kleinstadt beinahe als Hexe verbrannt worden wäre. Die Wissenschaftsrevolution fand genau im Zeitalter der Hexenprozesse statt.« (6, Seite 8.)

 

 

Die Frauen im Mittelalter

 

Trotz ihrer unsicheren rechtlichen Position hatten die Frauen sich im »finsteren Mittelalter« noch eigene Räume erhalten, die vor allem manchen Kirchenvertretern ein Dorn im Auge waren. Seit den Zeiten des Matriarchats, als Frauen wegen ihrer Möglichkeit, Leben zu gebären, verehrt wurden und das Amt der Priesterin und Heilerin in Frauenhänden lag, war das Wissen um die Kräfte der Natur und das Benutzen dieser Kräfte zum Wohle des Menschen Frauensache geblieben. Wegen Krankheiten wandte man sich häufig an die weisen Frauen, die ihr Wissen über die Heilkraft vieler Pflanzen mündlich an die nächste Generation weitergaben. Jules Michelet sagt dazu: »Tausend Jahre hindurch war die Hexe der einzige Arzt des Volkes. Die Kaiser, Könige, Päpste, die reicheren Barone hatten einige Doktoren aus Salerno, Mauren und Juden, aber die Masse jeden Standes, ja man könnte sagen in der Welt, fragte nur die Saga oder kluge Frau um Rat.« (41, Seite 20). Ihr Berufsethos verlangte, niemals zu schaden, was im Vorwurf des Schadenszaubers furchtbar verkehrt wurde. So geschah es auch mit anderen Symbolen,  die in alten Zeiten heilig waren. Sie wurden später verpönt (zum Beispiel die heiligen Tiere Schlange und Schwein und die Zahl 13 wegen der 13 Mondmonate).

 

Die weisen Frauen und Hebammen waren in der Lage, die Geburt zu erleichtern, Schwangerschaften zu verhüten oder zu ermöglichen. Sie kannten allein zweihundert verschiedene Kräuter, die unerwünschte Schwangerschaften abbrachen. Sie verstanden es, Salben zu mischen, die beim Auftragen auf die Haut die Frau diese Welt vergessen ließen und mit ihrer stark halluzinatorischen Wirkung Flüge durch die Luft, Feste und sexuelle Erlebnisse vorgaukelten. In dieser sinnenfreudigen Zeit feierten die Frauen eine Geburt mit einem rauschenden Fest, zu dem Männer keinen Zutritt hatten, ebenso wenig wie zu den Spinnstuben. In den Städten waren die Frauen im ausgehenden Mittelalter erstaunlich selbständig. Es gab reine Frauenzünfte, wie die der Seidenspinnerinnen, Goldspinnerinnen und Garnmacherinnen. In anderen Zünften kam es vor, dass Witwen nach dem Tod ihres Mannes einen Betrieb alleine weiterführten. Apothekerinnen, Ärztinnen, Unternehmerinnen und Künstlerinnen waren keine Seltenheit. All das wurde mit der Hexenverfolgung beendet (vergleiche 2 und 3 1).

 

Die Rolle der Kirche

 

Zur Rolle der Kirche während der Hexenverfolgung äußert Sigmund von Riezler:  »Aus der Sphäre, die vielleicht den meisten Menschen die teuerste und erhabenste bedeutet, aus dem Heiligtume der Religion, grinst dem Beschauer ein Medusenhaupt entgegen und hemmt ihm das Blut in den Adern. Unter christlichen Völkern, im Schoße einer tausend Jahre alten Kultur ist vom 15. bis ins 18. Jahrhundert hinein der Justizmord zur stehenden Einrichtung geworden.« (zitiert nach 59, Seite 10.)

 

In Nordeuropa hielt die christliche Religion verhältnismäßig spät Einzug und hatte einen schweren Stand. Viele vorchristliche Bräuche, vor allem Fruchtbarkeitsriten, wurden weiter praktiziert. Auf der anderen Seite begannen im zwölften Jahrhundert innerhalb des Christentums Bewegungen, wie zum Beispiel die Katharer, das Papsttum und Missstände in der Kirche  anzugreifen. Sie bezeichneten sich als »Die Reinen« und führten ein einfaches Leben in Armut, das viele Menschen überzeugte und ihnen großen Zulauf brachte, bis sie von Kirche und Staat mit großer Brutalität vernichtet wurden.

Wie ein Zeitgenosse, Jakob von Moneta schrieb: „waren unter den Armen viele, die vor Hunger starben und die naturgemäß die unermesslichen Reichtümer der Kirche in Schrecken und Empörung versetzten. Mit angestrengter Aufmerksamkeit und innerer Bewegung vernahmen sie das Wort Gottes, das aus dem Munde der Häretiker kam, die die Absage der Kirche an weltliche Genüsse und die Rückkehr zu jenen Zeiten forderte, da die Armut als die größte Tugend galt. Was ist Verwunderliches daran, dass die Stadtarmut zur Sekte der Katharer und zu anderen ketzerischen Sekten überging und deren Reihen mit frischen Kräften füllte?“

Auch der Adel unterstützte die Katharer, der Macht, Einfluss und Steuern nicht an die Kirche abtreten wollte.

Friedrich II. führte 1224 den Feuertod für Ketzer ein, der von Papst Gregor VII. übernommen wurde. Papst Innozenz IV. erlaubte 1252 die Folter zur Erpressung von Geständnissen. Der Dominikanerorden wurde mit dem Ziel der Vernichtung der Ketzer gegründet, und Inquisitoren erhielten die Aufgabe alle Gegner und Zweifler auszurotten. Die Institution Kirche wollte unumschränkt herrschen und Konkurrenten beseitigen.

Zugleich war die Inquisition ein Mittel sich mit einer eigenen kirchlichen Gerichtsbarkeit einen Teil weltlicher Macht anzueignen. Im gesamten Mittelalter bis zur Neuzeit gab es einen beständigen Kampf zwischen Kirche und weltlichen Fürsten um Macht und Einfluss. Mit der Inquisition schaffte die Kirche einen Staat im Staate.

 

Jakob Spengler und Heinrich Institoris, Inquisitoren im Rheinland, entsprachen diesem Machtinteresse der Kirche, als sie über die Ketzerverfolgung hinaus begannen, Frauen in großer Zahl der Zauberei anzuklagen. Dabei stießen sie auf starken Widerstand der Bevölkerung und der weltlichen Gerichtsbarkeit, die ihnen manches Opfer wieder abjagte. Sie wandten sich nun mit der Bitte um Hilfe an Papst Innozenz VIII., der sie 1484 mit seiner Bulle »Summi Desiderantes« unterstützte. Darin bekundete er seine Besorgnis um das Anwachsen der Zauberei, gegen die entschieden vorgegangen werden müsse.

 

Zu dem Glauben an Zauberei und Nachtfahrten mit Dämonen hatte die Kirche zunächst einen entgegengesetzten Standpunkt: Der Kanon Episcopi (entstanden 906) machte es den Bischöfen zur Pflicht, »den Glauben an die Möglichkeit von Nachtfahrten zu und mit Dämonen als bare Einbildung in den Diözesen zu bekämpfen und die ihm Ergebenen als Frevler am Glauben aus der Kirchengemeinschaft auszuschließen«... (zitiert nach 59, Seite 19.) Dämonenglaube und Zauberei hatten als Äußerungen heidnischen Aberglaubens keinen Platz in der kirchlichen Lehre.

 

Schon Thomas von Aquin wich von dieser Auffassung im dreizehnten Jahrhundert mit seiner Dämonenlehre ab. Darin war die Rede von Incubi und Succubi, Dämonen männlichen und weiblichen Geschlechts, die seiner Meinung nach mit Menschen körperlichen Verkehr hatten. Der Teufel wurde zum mächtigen Herrscher einer Gegenwelt, die Gottes Schöpfung bekämpft, der Teufelspakt zu einem todeswürdigen Verbrechen, zu einer Majestätsbeleidigung Gottes (59, Seite 19). Trotz der kirchlichen Kehrtwende und der päpstlichen Unterstützung hatten Spengler und Institoris immer noch kein Glück mit ihren Prozessen. In Tirol erhob sich 1485 ein Sturm der Entrüstung, die Landstände wehrten sich gegen Einkerkerungen und Folterungen »Was doch merklich wider Gott und Sr. Fürstl. Gnaden Seelen Seligkeit und wider den Glauben ist«... (zitiert nach 59, Seite 22.) Daraufhin schrieben sie den »Malleus maleficarum« (später »Hexenhammer« genannt), dem sie die päpstliche Bulle und ein gefälschtes Gutachten der Unversität Köln beifügten, um ihm Autorität zu verleihen. (vergleiche 7, 10, 59.)

 

 

Der »Hexenhammer«

 

Sprach der Papst in seiner Bulle noch von Zauberern und Zauberinnen, so machten die beiden Inquisitoren und fanatischen Marienverehrer in diesem furchtbaren Buch keinen Hehl aus ihrem Hass gegen das weibliche Geschlecht. Von Frauen droht den Männern alles Böse. Es wird immer wieder die Anfälligkeit des weiblichen Geschlechts für Ketzerei, Hexerei und eine Unzahl übler Auswüchse betont: »Schließen wir: Alles geschieht aus fleischlicher Begierde, die bei ihnen unersättlich ist ... Darum haben sie ziemlich mit den Dämonen zu schaffen, um ihre Begierden zu stillen. ‑ Hier könnte noch mehr ausgeführt werden; aber den Verständigen ist hinreichende Klarheit geworden, dass es kein Wunder, wenn von der Ketzerei der Hexer mehr Weiber als Männer besudelt gefunden werden. Daher ist auch folgerichtig die Ketzerei nicht zu nennen die der Hexer, sondern der Hexen… und gepriesen sei der Höchste, der das männliche Geschlecht vor solcher Schändlichkeit bis heute so wohl bewahrte: Da er in demselben für uns geboren werden und leiden wollte, hat er es deshalb auch so bevorzugt.« (52, Seite 106, 107.)

 

Woher kommt dieser große Hass gegen die Frauen? Ist es die Angst vor der Rückkehr der »Weiberherrschaft«?

 

Neben solchen Beschimpfungen enthielt der »Hexenhammer« die theoretische Grundlage und praktische Anleitung zur Hexenverfolgung und zum Aufspüren von Hexen. Durch die Erfindung der Buchdruckerkunst wurden er und andere Pamphlete von der Kirche schnell und weit verbreitet. Er wurde nach seinem Erscheinen 1487 zu einem der meistgedruckten Bücher und erlebte bis zum siebzehnten Jahrhundert 29 Auflagen. Er gehörte bis zur Aufklärung zur Grundausstattung eines jeden Juristen und Klerikers. Mit dem »Hexenhammer«, dem Inquisitionsprozess und der Folter waren die Voraussetzungen für die systematische Hexenverfolgung geschaffen.

 

 

Der Prozess

 

Unter Papst Innozenz III. und Gregor dem IX. wurde die Inquisition direkt dem Papst unterstellt. An die Stelle des Akkusationsprozesses, der gerichtlichen Reaktion auf eine Privatklage, trat der Inquisitionsprozess. Die Inquisitoren kamen mit einem Beglaubigungsschreiben des Papstes in einen Ort und forderten die Gerichte auf, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Dann wurde die Gemeinde versammelt und zur Selbstbezichtigung oder Denunziation aufgefordert. Gestanden die Angeklagten nicht, wurden sie gefoltert. Der Hexenprozess war gewissermaßen eine Weiterentwicklung des Inquisitionsprozesses: Er betraf fast ausschließlich Frauen und die Angeklagten hatten fast keine Chance zu entkommen. Der Frau wurde erstens ein Pakt mit dem Teufel, der ihr in der Gestalt eines Mannes erschienen war, vorgeworfen. Zweitens sollte der Geschlechtsverkehr mit dem Teufel vollzogen worden sein, und drittens sollte die Frau am Hexensabbat, dem orgiastischen Zusammentreffen des Teufels mit vielen Hexen, teilgenommen haben. Die Angeklagte wurde so lange gefoltert, bis sie die Vorwürfe eingestand und Komplizinnen nannte, die sie ja vom Hexensabbat her kennen musste. Diese so genannten Besagungen waren folgenschwer, weil sie zu immer neuen Anklagen führten. Widerrief das Opfer, wurde es erneut gefoltert.

Hier ein Beispiel dafür:

--- Diethard verliest Protokoll…

 

Die Hexen wurden öffentlich verbrannt, wobei ihre Geständnisse und die Besagungen verlesen wurden. Die Hinterbliebenen mussten die Prozesskosten, die Folterungen und das Gelage der Folterknechte und Henker nach der Urteilsvollstreckung bezahlen. Bei als Hexen hingerichteten Alleinstehenden fiel der Obrigkeit deren gesamter Besitz zu, ein Grund dafür, dass allein stehende, wohlhabende Witwen besonders verfolgt wurden.

 

Die Hexenverfolgung verlief in Wellen, in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts ebbte sie ab, weil die katholische Kirche sich auf die Auseinandersetzung mit dem Protestantismus konzentrierte. Danach wüteten aber Katholiken und Protestanten in ihren jeweiligen Herrschaftsbereichen umso heftiger gegen die Hexen. Die weltliche Gerichtsbarkeit, die zunächst oft die Prozesse behindert hatte, setzte erst nach der Carolina von 1532 voll mit der Verfolgung ein, die im ersten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts schreckliche Höhepunkte erreichte. Der Dreißigjährige Krieg hatte ebenfalls einen Einfluss auf die Hexenverfolgung, weil die Schweden in den von ihnen eroberten Gebieten die Prozesse verboten und die Inquisitoren vor ihnen fliehen mussten.

 

Die Schweden wie auch manche Landesfürsten hatten das 1631 anonym herausgebrachte Werk »Cautio Criminalis« des Jesuitenpaters Friedrich von Spee zur Einsicht gebracht. Spee war von der Unschuld der Angeklagten überzeugt und forderte die Abschaffung der Folter und der Hexenprozesse. Er schrieb: »Und es ist sehr wahr, was neulich der Inquisitor eines großen Fürsten zu prahlen wagte, dass, wenn unter seine Hände und Torturen der Papst fallen sollte, ganz gewiss auch er sich als Zauberer bekennen würde.« (Cautio Criminalis, zitiert nach 59, Seite 28‑29.) Mit der Abschaffung der Folter zur Zeit der Aufklärung hörten die Hexenprozesse auf, ohne dass jemals ein Verantwortlicher zur Rechenschaft gezogen worden wäre. Doch gab es bis in unsere Zeit Diskriminierung von Frauen, denen man  z. B wegen ihrer roten Haare Zauberei unterstellte.

 

Dazu Jacob Burckhardt: »Mit der berüchtigten Bulle Innocenz' VIII. (1484) wird dann bekanntlich das Hexenwesen und dessen Verfolgung zu einem großen und scheußlichen System. Beiläufig glaube ich mich zu der Bemerkung veranlasst, dass hier bei längerer Betrachtung jeder Gedanke an einen ursprünglichen objektiven Tatbestand, an Reste heidnischen Glaubens usw. verschwindet. Wer sich überzeugen will, wie die Phantasie der Bettelmönche die einzige Quelle dieses ganzen Wahns ist, verfolge in den Memoiren von Jaques du Clerc den so genannten Waldenserprozess von Arras im Jahr 1459. Erst durch hundertjähriges Hineinverhören brachte man die Phantasie des Volkes auf den Punkt, wo sich das ganze scheußliche Wesen von selbst verstand und sich vermeintlich neu erzeugte.« (8, Seite 502.)

 

Der Arzt Johann Weyer, ein Zeitgenosse, der sich 1663 in seinem Werk »De praestigiis daemonum er incantationibus ac veneficiis« gegen die Hexenverfolgung wandte, tat dies mit dem Argument, dass dies doch arme, unglückliche Geisteskranke seien. Die Vorstellung von der Hexe als psychisch Kranker übernahm auch Siegmund Freud. »Ich träume also von einer urältesten Teufelsreligion, deren Ritus sich im geheimen fortsetzt und begreife die strenge Therapie der Hexenrichter.« (Jeffrey Masson, »Briefe an Wilhelm Fließ 1887‑1904, Frankfurt 1986, S. 127, zitiert nach 59, Seite 117.).

 

Dieser Gedanke wird auch von einzelnen heutigen Medizinern weiter vertreten: »Für uns steht außer Zweifel, dass die Millionen von Hexen, Zauberern, Besessenen eine enorme Masse von schweren Neurotikern und  Psychotikern .....  waren. Fast widerstrebt es manchmal, vor sich selbst die unumstößliche Tatsache zuzugeben, dass die Welt viele Jahre lang wie ein wahres Irrenhaus aussah, in dem es keine angemessene psychiatrische Versorgung gab.« (Der Psychiater Gregory Zilboorg in »The Medical Man and the Witch«, zitiert nach 59, Seite 116.) Der Gedanke, die Hexen seien psychisch krank gewesen, und weiter, Frauen seien immer noch psychisch labiler als Männer, hält sich bis heute noch, obwohl er überzeugend widerlegt wurde, unter anderem von Thomas S. Szasz »Die Fabrikation des Wahnsinns« (53), Phyllis Chesler »Frauen ‑ das verrückte Geschlecht?« (9) und Claudia Honegger »Hexen der Neuzeit« (30). So verwundert es nicht, dass nach dem Ende der Hexenprozesse Irrenanstalten entstanden, wo verhaltensauffällige Frauen »angemessen« behandelt wurden.

 

Die beiden Bevölkerungswissenschaftler Gunnar Heinsohn und Otto Steiger (22) gehen davon aus, dass mit der Hexenverfolgung das Wissen der weisen Frauen um die Empfängnisverhütung und Abtreibung vernichtet werden sollte, um die Geburtenrate hochzutreiben. Viel spricht für ihre These des »langandauernden Massenmordes aus bevölkerungspolitischem Kalkül«. Tatsächlich war vor der Hexenverfolgung die Geburtenrate sehr niedrig und stieg danach an. Die weisen Frauen und Hebammen waren auch die ersten Opfer der Verfolgung. Doch ein Massenmord, der sich über drei Jahrhunderte hinzieht, lässt sich nicht nur aus diesem einen Motiv erklären.

Das Motiv der Kirche war,

-    ihre Macht gegenüber der weltlichen Macht zu stärken,

-    konkurrierende Strömungen auszuschalten,

-    sich an den eingezogenen Vermögen zu bereichern

-    und die Frauen zugunsten des uneingeschränkten Partriarchats zu unterwerfen.

 

Auch wenn die Kirche keine Hexen mehr verbrennen kann, fördert sie weiterhin diese reaktionären, verbrecherischen Anschauungen. Denn auch heute noch kann man mit Unwissenheit, Aberglauben und Terror Macht ausüben.

Nicht nur dass Papst Benedikt-Ratzinger die Inquisition als Fortschritt verklärt. Bis heute gibt es in der katholischen Kirche offiziell Teufelsaustreibungen, den Exorzismus. Wo immer die Kirche die Möglichkeit hat, alte Machtstellungen zu halten, tut sie das. Nur dort, wo sie durch die gesellschaftliche Entwicklung gezwungen wird, passt sie sich widerwillig an.

1972 verkündete Papst Paul VI.:

„Wir haben den Eindruck, dass der Rauch des Satans durch irgendeinen Riss in den Tempel Gottes eingedrungen ist. Es ist der Zweifel, die Unsicherheit, das Infragestellen, die Unruhe, die Unzufriedenheit, die Auseinandersetzung. Man hat kein Vertrauen mehr zur Kirche. Man vertraut dem erstbesten weltlichen Propheten.“

Er sagt damit klar, was die Kirche will:

-    keine Zweifel

-    keine Unsicherheit

-    kein Infragestellen

-    keine Unruhe

-    keine Unzufriedenheit

-    keine Auseinandersetzung

Besser kann man den diktatorischen Machtanspruch, dem viele Millionen Menschen auch bei Inquisition und Hexenverfolgung zum Opfer fielen, nicht zum Ausdruck bringen.

Und von der Kirche lernen, heißt siegen lernen – für alle, die Menschen unterdrücken wollen. So hat beispielsweise der CIA 1965 eine Spezialbibliothek von 1.400 Bänden über die mittelalterliche Strafjustiz wie Inquisition und Folter aufgekauft. Nach einem Bericht der Agentur Reuter, dienten diese den US-Folterspezialisten des CIA als „wertvolles“ Hilfsmittel.

 

 

 

 

1 Aubin, Nicolas: Geschichte der Teufel von Loudun. Berlin: Zerling. 2. Aufl. 1973. 296 S.

 

2 Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Hrsg. von Gabriele Becker ... Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977, 452 S. 18,‑ (1)

 

3 Baroja, Julio C.: Die Hexen und ihre Welt. Stuttgart: Klett, 1967. 363 S.

 

4 Bavent, Madeleine: Bekenntnisse der Madeleine Bavent. Berlin: Zerling, 1980.188 S.

 

5 Bechstein, Ludwig: Hexen‑Geschichten. Hildesheim: Olms, 1994. 271 S. 39,80 (2)

 

6 Behringer, Wolfgang: Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der Frühen Neuzeit. München: Oldenbourg, 1987. IX, 533 S. 98,‑(3)

 

7 Borst, Arno: Barbaren, Ketzer und Artisten. Welten des Mittelalters. München: Piper, 1990. 683 S. 26,80 (3)

 

8 Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Stuttgart: Kröner, 11. Aufl. 1988. 519 S. 25,‑ (1)

 

9 Chesler, Phyllis: Frauen ‑ das verrückte Geschlecht? Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1979. XXV, 355S.

 

10 DeRosa, Peter: Gottes erste Diener. Die dunkle Seite des Papsttums. München: Droemersche Verl.Anst. Th. Knaur Nach£, 1991. 560 S. 16,90 (2)

 

11 Dinzelbacher, Peter: Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen in Mittelalter und Frühneuzeit. München: Arternis & Winkler, 1995. 350 S. 78,‑ (3)

 

12 Fuhrmann, Marliese: Hexenringe. Dialog mit dem Vater. Kiel: Neuer Malik‑Verl., 1987. 156 S. 36,‑(2)

 

13 Ginzburg, Carlo: Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte. Berlin: Wagenbach, 1989. 39,80 (3)

 

14 Ginzburg, Carlo: Der Käse und die Würmer. Die Weit eines Müllers um 1600. Berlin: Wagenbach, 1990. 204 S. 17,50 (3)

 

15 Glaubensprozesse ‑ Prozesse des Glaubens? Religiöse Minderheiten zwischen Toleranz und Inquisition. Tübingen: Stauffenburg Verl., 1989. 338 S. 86,(3)

 

16 Golowin, Sergius: Die weisen Frauen. Die Hexen und ihr Heilwissen. München: Goldmann, 1989. 347 S. 14,80 (3)

 

17 Grigulevic, Josif.R.: Ketzer ‑ Hexen ‑ Inquisition. Hrsg. und eingel. von Fritz e. Hoevels. Freiburg: Ahriman‑Verl., 1995. 515 S. 52,‑ ( 3)

 

18 Hansen, Joseph: Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns und der Hexenverfolgung im Mittelalter. Hildesheim: Olms, 1963. 703 S.

 

19 Harrnening, Dieter: Zauberei im Abendland. Vom Anteil der Gelehrten am Wahn der Leute. Würzburg: Könighausen & Neumann, 1991. 141 S. 29,80 (3)

 

20 Hasler Eveline: Anna Göldin, letzte Hexe. München: DTV, 1992.238 S. 12,80 (1)

 

21 Hauschild, Thomas: Die alten und die neuen Hexen. Die Geschichte der Frauen auf der Grenze. München: Heyne, 1987. 283 S. 19,80 (1 S)

 

22 Heinsohn, Gunnar: Die Vernichtung der weisen Frauen. Beiträge zur Theorie und Geschichte von Bevölkerung und Kindheit. München: Heyne, 1989. 453 S.10,80 (2)

 

23 Hexen. Katalog zur Ausstellung. Hrsg. Thomas Hauschild ... Berlin: Zerling, 15. unveränd. Aufl., 1994. 94 S. 32,‑ (2 S)

 

24 Hexen und Hexenprozesse in Deutschland. Hrsg. von Wolfgang Behringer. München: Deutscher Taschenbuch Verl., 2. Aufl. 1993. 523 S. 22,90 (3)

 

25 Hexen und Hexenwahn. Amsterdam: Time‑Life Bücher, 1993. 144 S. 48,50 (2 S)

 

26 Der Hexenstreit. Frauen in der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung. Freiburg: Herder, 1995. 279 S. 39,80 (3)

 

27 Hexenverfolgung im Mittelalter. Hildesheim: Olms, 1963. 703 S.

 

28 Hexenwelten. Magie und Imagination vom 16.20. Jahrhundert. Hrsg. Richard van Dülmen. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verl., 1987. 24,80 (2 S)

 

29 Holt, Victoria: In einer dunklen Zeit. München: Heyne, erscheint wieder Okt. 1995. 301 S. 12,90 (1)

 

30 Honegger, Claudia: Die Hexen der Neuzeit. Frankfurt a.M: Suhrkamp, 4. Aufl. 1985. 393 S. (1 S)

 

31 Ketsch, Peter: Frauen im Mittelalter. Bd. 2. Frauenbild und Frauenrechte in Kirche und Gesellschaft. Düsseldorf: Schwann, 1984. 436 S.

 

32 Ketzer, Zauberer, Hexen. Die Anfänge der europäischen Hexenverfolgungen. Hrsg. von Andreas Blauert, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990. 284 S. 16,‑ (3)

 

33 King, Francis X.: Hexen und Dämonen. Hamburg: Interbook, 1988. 157 S. 29,80 (2)

 

34 Kölner Hexenprotokolle aus dem 17. Jahrhundert. Weimar: Böhlau‑Verl., 1992. 248 S. 22,‑ (3)

 

35 König, B.E.: Geschichte der Hexenprozesse. Ausgeburten des Menschenwahns. Eltville am Rhein: Bechtermünz, 1989. 19,80 (3)

 

36 Krämer‑Badoni, Rudolf: Judenmord, Frauenmord, Heilige Kirche. München: Knesebeck u. Schuler, 1988. 295 S. 34,‑ (3)

 

37 Kunze, Michael: Straße ins Feuer. Vom Leben und Sterben in der Zeit des Hexen‑Wahns. München:

 

Kindler, 1982. 39,80 (1 S)                          >

 

38 Kuper, Michael: Agrippa von Nettesheim. Ein echter Faust. Berlin: Zerling, 1994. 164 S.

 

39 Labouvie, Eva: Zauberei und Hexenwerk. Ländlicher Hexenglaube in der frühen Neuzeit. Frankfurt a.M.: Fischer­Taschenbuch‑Verl., 1991.302S. 19,80 (3)

 

40 Lohmeyer, Wolfgang: Die Hexe. Berlin: Ullstein. 18,90 (2)

 

41 Michelet, Jules: Die Hexe. Wien: Promedia, 1988. 252 S. 28,‑ (2)

 

42 Pintschovius, Joska: Zur Hölle mit den Hexen. Abschied von den weisen Frauen. Berlin: Ullstein, 1991. 285 S. 34,‑ (2)

 

43 Rice, Anne: Hexenstunde. München: Goldmann, erscheint wieder Nov. 1995

 

44 Riezler, Siegmund von: Geschichte der Hexenprozesse in Bayern. Essen: Magnus Verl., 1983. (3)

 

45 Riley, Judith M.: Die Hexe von Paris. Bastei: Lübbe. 533 S. (2)

 

46 Robards, Karen: Feuer für die Hexe. München: Heyne, 1992.10,‑ (2)

 

47 Sallmann, Jean‑Michel: Hexensabbat. Ravensburg: Maier, 1991. 223 S. 19,80 (2)

 

48 Schmölzer, Hilde: Phänomen Hexe. Wahn und Wirklichkeit im Lauf der Jahrhunderte. Wien, München: Herold Verl., 2. Aufl. 1987. 38,‑ (1)

 

49 Schormann, Gerhard: Der Krieg gegen die Hexen. Das Ausrottungsprogramm des Kurfürsten von Köln. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1991. 204 s. 36,‑(2)

 

50 Sebald, Hans: Hexen damals ‑ und heute? Frankfurt/M.: Ullstein, 1993. 276 S. 14,80 (2)

 

51 Soldan, Wilhelm. Heppe, Heinrich: Geschichte der Hexenprozesse. Bd. 1.2. Essen: Phaidon, 2. Aufl. 1990. 780 S. 24,80 (3)

 

52 Sprenger, Jakob. Institoris, Heinrich: Der Hexenhammer (Malleus rnaleficarum). München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 7. Aufl. 1987. 216, 273, 247 S. 24,90 (3)

 

53 Szasz, Thomas: Die Fabrikation des Wahnsinns. Frankfurt a.M.: Fischer‑Taschenbuch‑Verl., 1976.490 S.

 

54 Taylor, Bemard: Die Hexe von Whitefell. Bergisch Gladbach: Lübbe, 1993. 8,90 (2)

 

55 Teufelsglaube und Hexenprozesse. Hrsg. von Georg Schwaiger. München: Beck, 1987. 203 S. 19,80 (3)

 

56 Updike, John: Die Hexen von Eastwick. Reinbek b. Hamburg: Rororo, 1992. 348 S. 12,‑ (1)

 

57 Vassili, Sebastiano: Die Hexen aus Novara. München: Heyne, 1994. 410 S. 14,80 (2)

 

58 Weber, Hartwig: Kinderhexenprozesse. Frankfurt am Main: Insel‑Verl., 1991. 253 S. 38,‑ (2)

 

59 Wisselinck, Erika: Hexen. Warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was davon auch noch falsch ist. Analyse einer Verdrängung. München: Frauenoffensive, 3. Aufl. 1989.130 S. (1 S)

 

60 Wolf, Hans‑Jürgen: Hexenwahn. Hexen in Geschichte und Gegenwart. Bindlach: Gondrom, 1994. 629 S. 19,80 (3)

 

Die neuen Hexen Hexenglaube in der Gegenwart

 

61 Auhofer, Herbert: Aberglaube und Hexenwahn. Aus der Unterwelt unserer Zivilisation. Freiburg: Herder, 1960.185 S.

 

62 Bog, Rosemarie: Die Hexe ‑ schön wie der Mond häßlich wie die Nacht. Kreuz‑Verl., 1987.176 S. 1980 (2)

 

63 Bourne, Lois: Autobiographie einer Hexe. München: Knaur, 1987.267 S. 8,80 (2)

 

64 Collard, Andrée. Contrucci, Joyce: Die Mörder der Göttin leben noch. München: Frauenoffensive, 222 S. 26,80 (2)

 

65 Daly, Mary: Gyn/Ökologie. Eine Methaethik des radikalen Feminismus. München: Frauenoffensive, 5. Aufl. 1991. 490 S. 58,‑ (3)

 

66 Ehrenreich, Barbara. English, Deidre: Hexen, Hebammen und Krankenschwestern. München: Frauenoffensive, 8. Aufl. 1988. 83 S. 7,50 (2)

 

67 Feminismus: Inspektion der Herrenkultur. Ein Handbuch. Hrsg. von Luise F. Pusch. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2. Aufl. 1985. 552 S. 20,‑ (3)

 

68 Francia, Luisa: Zaubergarn. München: Frauenoffensive, 3. Aufl. 1993. 99 S. 19,80 (3)

 

68a Francia, Luisa: Mond. Tanz. Magie. München: Frauenoffensive, 138 S. 26,80 (3)

 

69 Gardner, Gerald B.: Ursprung und Wirklichkeit der Hexen. Weillheim: Barth‑Verl., 1965, 163 S.

 

70 Graichen, Gisela: Die neuen Hexen. Gespräche mit Hexen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2. Aufl. 1986. 316 S. 29,80 (1)

 

71 Hege, Marianne: Die steinerne Fee. Idealisierung und Dämonisierung weiblicher Kraft. Weinheim, Berlin: Quadriga, 2. Aufl. 1987.143 S. 24,‑ (3)

 

72 Hexen heute. Magische Tradition und neue Zutaten. Hrsg. Dieter Harmening. Würzburg: Königshausen und Neurnann, 1991. 163 S. 34,‑ (2)

 

73 Kruse, Johann: Hexen unter uns. Magie und Zauberglauben in unserer Zeit. Leer: Schuster, 1978. 211 S.34,80 (2)

 

74 Sandra: Ich, die Hexe. Bekenntnisse und Rituale aus einem magischen Leben. München: Goldmann, 1991.151 S. 12,80. (2)

 

75 Sebald, Hans: Hexen damals ‑ und heute? Frankfurt/M. Berlin: Ullstein, 1993. 276 S. 14,80 (2)

 

76 Sporhan‑Krempel, Lore: Die Hexe von Nördlingen. Nördlingen: Greno

 

77 Starhawk: Der Hexenkult als Ur‑Religion der Grossen Göttin. Magische Übungen, Rituale und Anrufungen. München: Goldmann, 1992. 319 S. 14,80 (2)

 

78 Starhawk: Mit Hexenmacht die Welt verändern. Freiburg: Brauer, 1991. 435 S. 48,‑ (3)

 

79 Weed, Susun S.: HeilWeise. München: Frauenoffensive, 2. Aufl. 1993. 120 S. 19,80 (3)

 

 

 

 

 

 

 

 

Arbeit-Zukunft, Februar 2006

 

Inquisition ein Fortschritt?

von Diethard Möller

 

In einem Interview mit BR-alpha am 16.4.98 sagte Kardinal Ratzinger, der jetzige Papst Benedikt XVI, „man muss doch sagen, dass Inquisition ein Fortschritt war, dass nichts mehr ohne „Inquisitio“ verurteilt werden durfte, das heißt, dass Untersuchungen stattfinden mussten. Ein Rechtsbewusstsein steckt dahinter.“ Für wie dumm will uns Ratzinger verkaufen? Er selber weiß bestimmt, dass der Inquisitionsprozess ein Rückschritt war, verglichen mit dem vorher üblichen Akkusationsprozess, der gerichtlichen Reaktion auf eine Privatklage. Zur Rolle der Kirche während der Inquisition und der Hexenverfolgung schreibt Sigmund von Rietzler „Aus der Sphäre, die vielleicht den meisten Menschen die teuerste und erhabenste bedeutet, aus dem Heiligtume der Religion, grinst dem Beschauer ein Medusenhaupt entgegen und hemmt ihm das Blut in den Adern. Unter christlichen Völkern, im Schoße einer tausend Jahre alten Kultur ist vom 15. bis ins 18. Jahrhundert hinein der Justizmord zur stehenden Einrichtung geworden.“ (zitiert nach Erika Wisselinck: Hexen.)

 

In Nordeuropa hielt die christliche Religion verhältnismäßig spät Einzug und hatte einen schweren Stand. Viele vorchristliche Bräuche, vor allem Fruchtbarkeitsriten, wurden weiter praktiziert. Auf der anderen Seite begannen im 12. Jahrhundert innerhalb des Christentums Bewegungen, wie zum Beispiel die Katharer, Missstände in der Kirche und das Papsttum anzugreifen. Sie bezeichneten sich als „die Reinen“ und führten ein einfaches Leben in Armut, das viele Menschen überzeugte und ihnen großen Zulauf brachte, bis sie von Kirche und Staat gemeinsam mit großer Brutalität vernichtet wurden. Friedrich II. führte 1224 den Feuertod für Ketzer ein, der von Papst Gregor VII. übernommen wurde. Papst Innozenz IV. erlaubte 1252 die Folter zur Erpressung von Geständnissen. Der Dominikanerorden wurde mit dem Ziel der Vernichtung der Ketzer gegründet, und Inquisitoren, deren Aufgabe es ursprünglich war, Zweifler zum wahren Glauben zurückzuführen, hatten nur noch deren Ausrottung im Sinn. Die Institution Kirche wollte unumschränkt herrschen und Konkurrenten beseitigen. Jacob Burckhardt sagt dazu: „Mit der berüchtigten Bulle Innocenz` des VIII. wird dann bekanntlich das Hexenwesen und dessen Verfolgung zu einem großen und scheußlichen System. Beiläufig glaube ich mich zu der Bemerkung veranlasst, dass hier bei längerer Betrachtung jeder Gedanke an einen ursprünglichen objektiven Tatbestand, an Reste heidnischen Glaubens usw. verschwindet. Wer sich überzeugen will, wie die Phantasie der Bettelmönche die einzige Quelle dieses ganzen Wahns ist, verfolge in den Memoiren von Jaques du Clerc den so genannten Waldenserprozess von Arras im Jahre 1459. Erst durch hundertjähriges Hineinverhören brachte man die Phantasie des Volkes auf den Punkt, wo sich das ganze scheußliche Wesen von selbst verstand und sich vermeintlich neu erzeugte.“ (in: Die Kultur der Renaissance in Italien.)

 

Dass die Inquisitoren selber nicht an die Schuld ihrer Opfer, sondern nur an ihre Fähigkeiten als Folterer glaubten, zeigt ein Zitat aus der „Cautio Criminalis“ des Jesuitenpater Friedrich von Spee, das 1631 anonym herausgebracht wurde: „Und es ist sehr wahr, was neulich der Inquisitor eines großen Fürsten zu prahlen wagte, dass, wenn unter seine Hände und Torturen der Papst selber fallen sollte, ganz gewiss auch er sich als Zauberer bekennen würde.“ (Cautio Criminalis, zitiert nach Erika Wisselinck: Hexen).

 

Quellenangaben nach „Buch und Bibliothek“, Oktober 95: „Fabrikation des Wahnsinns, Hexenverfolgung in Europa“ von Ingeborg Neidhardt-Möller.

 

 

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