Hier die unglaubliche Geschichte von Sugar, einer dreijährigen American Staffie-Dame, die ich selbst kennengelernt habe. Sugar geriet völlig unverschuldet in die Mühlen von Boulevardmedien und Politik...
Sugar

von Claudia Goldner
Eine Medienkampagne nachgerade unfassbarer Art durchzog das ganze Jahr 2005: es ging, wieder einmal, um das Reizthema "Kampfhunde".
Eine gänzlich harmlose Staffordshire-Hündin namens "Sugar" wurde zur "gefährlichsten Kampfbestie Deutschlands" stilisiert, um ein politisches Exempel statuieren zu können: Nicht nur Sugar, vielmehr alle Hunde, die ihrer Rasse nach Kampfhunde seien, müssten sofort eingeschläfert werden.
Wir erinnern uns: die dreijährige Sugar war 15 Monate lang in einem Hamburger Tierheim in einem Einzelkäfig eingesperrt gewesen. Weshalb, ist völlig ungeklärt: angeblich sei sie von ihrem Halter nicht angemeldet gewesen und habe vorschriftswidrig auf der Straße keinen Maulkorb getragen. Jedenfalls wurde sie behördlich beschlagnahmt und in besagtes Tierheim verbracht. Der Halter der Hündin klagte gegen die Beschlagnahmung, woraufhin ein interner "Wesenstest" durchgeführt wurde: Man legte in einen Kinderwagen ein Tonbandgerät mit Babygeschrei. Sugar, mit Maulkorb herangeführt, sprang an der Seite des Kinderwagens hoch, woraufhin dieser umfiel. Folgerung: wäre da ein Kind drin gewesen, hätte Sugar es zerfleischt. Dass Sugar noch nie jemanden bedroht oder gar gebissen hatte, fiel nicht ins Gewicht. Kurze Zeit darauf wurde der gleiche "Test" vor laufenden SternTV-Kameras wiederholt. Nach Ausstrahlung eines entsprechend tendenziösen Beitrages entspann sich bundesweit besagte Kampagne. BILD hetzte mit Begriffen wie "Kampfbestie" und "Horrorhündin", beschwor deren "stechenden Blick" und die bedrohten Kleinkinder der Republik. Die Welt sprach von einer blindwütigen "Beißmaschine" und das Hamburger Abendblatt forderte kategorisch: "Weg damit, sofort einschläfern!" Nicht nur Lokalpolitiker jeder Coleur mischten sich mit Getöse ein, laut Spiegel mußte gar Innenminister Schily im Kanzleramt Rapport erstatten: "Wir müssen sofort handeln, das Thema regt die Leute auf". Kanzler Schröder daraufhin in BILD: "Diese Kampfmaschinen müssen von der Straße", sekundiert von Gattin Doris: "Freiheit für die Kinder oder Freiheit für Kampfhunde - Deutschland muss sich jetzt entscheiden." TV-Berichte in Brisant, FAKT und ähnlichen "Magazinen" bliesen ins selbe Horn. Immer wieder berief man sich auf den Leiter besagten Tierheimes, Wolfgang Poggendorf, der jedem Journalisten in den Block diktierte, Sugar müsse sofort getötet werden, denn: "die Hündin ist eine tickende Bombe. Wer sich ihr ungeschützt nähert, ist in Lebensgefahr". Einen weiteren Wesenstest unter objektiven Bedingungen lehnte er ab.
Und warum das Ganze? Nachdem im Jahre 2000 ein kleiner Junge in Hamburg von zwei Hunden angefallen und getötet worden war, wollten die Behörden reagieren und erließen eine mit heißer Nadel gestrickte "Kampfhunde"-Verordnung. Diese wurde inzwischen höchstrichterlich gekippt. Die Hamburger Behörden brauchten insofern "Beweise" für das Vorhandensein "gefährlicher Rassen". Poggendorf und Sugar kamen da gerade recht, ungeachtet der wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnis, dass aggressives Verhalten bei Hunden prinzipiell nicht an der Rasse festgemacht werden kann: Es gibt keine Kampfhunderassen, sondern nur von Menschen "scharf" gemachte Hunde, die jeder beliebigen Rasse angehören können.
Bevor Sugar nun eingeschläfert wurde, holte die Allgäuer Tierasylbetreiberin Christiane Rohn nach langwieriger Auseinandersetzung mit den Behörden die Hündin auf ihren Argenhof, auf dem über 300 teils schwer mißhandelte Tiere Zuflucht gefunden haben. Die Behauptung, es handle sich um eine "hochaggressive Kampf- und Beißmaschine", laut Poggendorf das mit Abstand "gefährlichste Tier", das er je gesehen habe, löste sich in Luft auf. Sugar hat ein außerordentlich freundliches und gänzlich unaggressives Wesen. Ein freier Mitarbeiter von RTL drehte einen Film, in dem eine völlig harmlose Sugar zu sehen war: SternTV indes wollte den Beitrag nicht haben. Frau Rohn hierzu: "Es ist wohl die Sensationslust unserer Gesellschaft, dass eine Beißmaschine mehr Interesse auf sich zieht, als ein Hund, wie er wirklich ist." SternTV schickte ein weiteres Team auf den Argenhof, das erneut den selbsterfundenen "Kinderwagen-Test" durchführte. Und siehe da: außer ganz normalem Interesse an dem ungewohnten Objekt zeigte der Hund keinerlei Angriffslust. Dennoch aber ließ die Redaktion um Günther Jauch von zwei Verhaltensexperten bestätigen, dass der Hund "aggressives Jagdverhalten" gezeigt habe: er habe eindeutig "die Stirn in Falten gelegt".
Der Artikel erschien im Lehrerinnen&Lehrerkalender 2006 (Anabas-Verlag, Frankfurt/Main)
Nachtrag: Die Rettung von Sugar ist unabhängig zu sehen von der Kritik, die ab Ende 2005 an den Zuständen auf dem Argenhof laut wurde: die Hundehaltung auf dem Hof, so einer der Vorwürfe, entspreche nicht den Vorschriften und Erfordernissen der Tierschutzgesetzgebung. Die Vorwürfe schienen in der Tat zuzutreffen, hinter der Heile-Welt-Fassade des Argenhofes lag und liegt offenkundig vieles im Argen. Sugars Unterbringung auf dem Hof war und ist bedingt durch den Umstand, dass sie als "Medienstar" im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht, gegenüber der Verwahrung der Mehrzahl der bis zu 120 anderen Hunde auf dem Hof privilegiert - zumindest wenn und solange sie in eben diesem Blickpunkt steht. Ansonsten ergeht es ihr nicht anders als den anderen Tieren: aufgrund einer Strafanzeige u.a. wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz wurde der Hof im September 2005 von der Staatsanwaltschaft Ravensburg durchsucht. Sechs Monate später wurde das gegen Frau Rohn eingeleitete Ermittlungsverfahren gegen Zahlung einer erheblichen Geldbuße eingestellt: es gilt nunmehr als erwiesen, dass Rohn in der Tat gegen das Tierschutzgesetz und die Hundehaltungsverodnung verstoßen hat - Tiere haben laut Mitteilung der Staatsanwaltschaft teils "erheblich gelitten" -, und dass private und betriebliche Einkünfte nicht korrekt voneinander getrennt worden waren. Näheres findet Ihr hier.
Ein ständig aktualisierter Pressespiegel zum "Fall Sugar" findet sich auf hundegesetze.de, sehr lesenswert sind auch die Zusammenfassungen auf maulkorbzwang.de sowie im Hundeforum.
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