Wie bringt man seinen Tourkameraden bei, dass es für den normalen, langweiligen Bergweg-Hüttenaufstieg auch ne Alternative gibt, die zugegebenermaßen nicht ganz einfach, und auch noch kräftemäßig (Armzug) ziemlich happig ist? Nun, einfach das Wort "Klettersteig" in die Runde geschmissen und sofort haben sich alle drauflosgestürzt und zwar mit einer Begeisterung, die ich nicht erwartet hätte. So fanden sich sechs Freunde mit 15 – 17 kg – Rucksäcken incl. Bergseil, Pickel, Helm und Steigeisen und natürlich Klettersteigset´s im wahrsten Sinne des Wortes "overdressed" an einem Freitag morgen Ende September am Steingletscher (Sustenpass) beim Einstieg des Klettersteiges "Tierbergli" auf 2.100 m wieder. Die sechs Kletterer hatten großes vor: Drei Tage wollten wir alle Berge um die Tierberglihütte (2.794 m) besteigen.
Der Klettersteig ist in zwei Abschnitte geteilt. Unterwegs kreuzt er den Bergweg und wer (Armzug)-kräftemäßig am Ende ist, könnte nach 1,5 Std. auf den Normalweg zur Hütte wechseln. Wir mussten diese Variante nicht wählen, doch der gesamte Steig war mit sogenanntem Wasser-Eis überzogen und machte das Unterfangen nicht gerade einfach. Jeder Schritt wollte wohlüberlegt sein und erforderte 1.000prozentige Konzentration. Nach 3,5 Std. reiner Kletterzeit trafen wir an der Hütte ein und genossen erst mal die wärmenden Sonnenstrahlen.
Am Samstag früh um 7.30 h gingen wir los. Schnell waren wir über den ersten Spalten und zogen unsere Spur über den Eisabbruch. Vor uns tauchte die Matterhorn-ähnliche Gestalt des "Hinter Tierberg" auf, wir waren endlich auf dem Plateau. Wir konzentrierten uns auf unseren Einstieg in die Felsregion des "Gwächtenhorns". Über dem Bergschrund, der dieses Jahr relativ wenig zu Tage trat, kämpften wir uns mühsam ein über 45° steiles Gletscherstück bis zu den Felsen hinauf. Diese waren ziemlich eingeschneit und der Einstieg war wieder einmal "prekär", wie der Schweizer sagt. Wir fanden jedoch bald die ideale Stelle und stiegen nach ein paar beherzten Schritten auf den sonnenbeschienenen Westgrat.
Nun hieß es Steigeisen demontieren und mental Luft holen für einen doch recht ausgesetzten Grat, der zum Glück eisfrei war, jedoch einige Schneereste hatte und durchgängig im 2. Grad geklettert werden musste. Ein paar Stellen hatte es den 3. Grad, die jedoch von allen bravourös gemeistert wurden. Die beiden Türme auf dem Grat konnten wir jeweils links umklettern. Jeder war sicherungstechnisch von seinem Vorder- und auch von seinem Hintermann abhängig. Durch die unzähligen Felszacken und Blöcke um die das Seil gewunden wurde, waren wir ständig mit dem Fels verbunden. Ein herrliches Glücksgefühl durchströmte uns, als wir den Felsgrat hinter uns ließen und auf den verschneiten Gipfel des "Gwächtenhorns" (3.420 m) traten. Die Gipfelrast in völliger Bergeinsamkeit mit einem Rundumpanorama, wir es selten geboten bekommen, war überwältigend. Doch wir mussten diesen Ort auch wieder verlassen, da wir diesen Berg überschreiten wollten, also in Richtung "Sustenhorn" über den Gletscher absteigen, hatten wir noch einige Strecke vor uns. Da die Ost-Flanke ebenfalls frisch verschneit war, zogen wir auch hier die ersten Spuren. In sanften Kehren ging es zu einem Zwischenhügel bergab, auf dem plötzlich neben uns ein Hubschrauber landete und Heli-Touristen zu Fotoaufnahmen ausspuckte. Wir zogen jedoch zu Fuß weiter, durch die Spaltenregion zur Aufstiegsspur zum „Sustenhorn“. Bald waren wir wieder an der Hütte und nun auch im Trubel der mittlerweile eingetroffenen Bergsteiger und Hüttenwanderer.
Am Sonntag früh standen wir schon um 7 Uhr auf dem Gletscher und zogen los in Richtung "Sustenhorn". Es hieß nun "latschen". Die Spur führt zwar durch ein Spaltengebiet, aber der Gletscher ist relativ gutmütig und die Spalten jeweils mit einem großen Schritt gut zu überschreiten. Der Schlussanstieg ist mit 35° zwar relativ steil, aber mit ruhigem, stetem Bergschritt war auch dieses Problem eigentlich keines. In 2 ¾ Stunden standen wir auf dem Gipfel (3.503 m).
Der Abstieg ging noch flotter, wir wollten ja schnell zur Hütte um den Heimweg in Angriff zu nehmen. Das klappte auch prächtig und beim Bergabsteigen auf dem Hütten-Normalweg beglückwünschten wir uns selbst zur Auswahl der Klettersteig-Variante am Freitag, weil der Hüttenweg echt "bescheiden" ist. Doch nun mussten wir diese Strecke noch durchstehen. Um 14 Uhr konnten wir wieder ins Auto steigen und durch die sonnenbeschienenen Alpen heimwärts fahren.
Drei supertolle, sonnenverwöhnte Tage in den Bergen mit einem Klasse-Team auf rassigen Routen und imposanten Gletschern lassen uns noch lange an die Region um die Tierberglihütte mit ihrer freundlichen und überaus hilfsbereiten Hüttenwirtsfamilie zurückdenken.