Bericht im Südkurier (Ausgabe 204/W) vom 4. Sept.10 von Ursula Freudig
Die Sehnsucht nach der Bühne
Michael Kreutzpointner schlüpft in seiner Freizeit in viele Rollen
Rechtsanwalt ist Vorsitzender des Theatervereins Dogerner Kom(m)ödle
Wer träumt nicht davon, ab und zu dem Alltag zu entfliehen und die gewohnten Rollen wie Kleidungsstücke abzulegen? Wer wünscht sich nicht, einmal eine ganz andere Person zu sein, als die, die wir zur Schau tragen und die wir in den Augen der anderen sind? Die Bühne ist der Ort, an dem solche Sehnsüchte ungestraft gestillt werden können. Aus einem treuen Ehemann darf ein Casanova werden, aus einem unbescholtenen Staatsbürger ein Verbrecher. Und aus einem seriösen Rechtsanwalt ein bayrischer Gemütsmensch, der den Tod betrügt – wie jüngst im „Dogerner Kom(m)ödle“ geschehen. Michael Kreutzpointner, seit über 35 Jahren als Rechtsanwalt in Waldshut tätig, spielte den Brandner Kaspar, der mit hochprozentigen Hilfsmitteln dem Tod einige Lebensjahre abluchst. Wie Kreutzpointner, werden eine Vielzahl von Menschen von den „Brettern, die die Welt bedeuten“ (Friedrich Schiller), magisch angezogen. Auch in unserer Region bereichert eine lebendige Amateurtheaterszene das kulturelle Angebot. In vielen Orten wird zumindest einmal im Jahr Theater von Laien gespielt. Wen es einmal gepackt hat, der sucht immer wieder die Herausforderung der Verwandlung auf der Bühne. Wenn Michael Kreutzpointner als Vorsitzender des Dogerner Theatervereins „Kom- (m)ödle“ auf die Bühne tritt und das Publikum begrüßt, ist der Doktor der Rechtswissenschaften „ad acta“ gelegt. Und „danach“, erzählt der gebürtige Salzburger, „schlüpfe ich in Bruchteilen von Sekunden in meine Rolle und bleibe bis zum Schluss des Stücks darin.“ Dieses bedingungslose „Sichhineinversetzen“ der Darsteller in ihre jeweilige Rolle ist Markenzeichen des „Dogerner Kom(m)ödle“. Weit über die Ortsgrenzen Dogerns hinaus hat sich das Laientheater in den elf Jahren seines Bestehens mit seinem engagierten Spiel einen Namen gemacht. Für Kreutzpointner, der in vielen Hauptrollen glänzte, hauptsächlich ein Verdienst der Regisseurin Christa Kapfer: „Sie achtet darauf, dass jeder seine Rolle ohne Zwischenspalt verkörpert.“ Mit dem Freilichttheater „Der Kaiser kommt“ in der Dogerner Hauptstraße wurde 1996 der Grundstein für das „Kom(m)ödle“ gelegt. Michael Kreutzpointner, Lisa Jehle und Horst Wieland waren die Darsteller, Christa Kapfer die Regisseurin. Nach dem durchschlagenden Erfolg ließ die vier das Theater nicht mehr los. 1999 gründeten sie zusammen mit Jenny und Robert Lohrer den Theaterverein „s’Dogerner Kom(m)ödle“ im Stile des Bayrischen Komödienstadl. Für Kreutzpointner ging mit der Gründung ein lang gehegter Wunschtraum in Erfüllung. Seitdem stehen die Darsteller des „Kom(m)ödle“ jedes Jahr in acht bis zehn Aufführungen im Dogerner Gasthaus Hirschen auf der Bühne. „Unterhaltung und herzhaftes Lachen war unsere Zielsetzung“, begründet Kreutzpointner die bis heute durchgezogene Konzentration auf Lustspiele. Mit den Wirtsleuten Renate und Hans-Peter Albiez und der kleinen Besetzung des Dogerner Musikvereins hat das „Kom(m)ödle“ treue Weggefährten gefunden. Gespielt wird im Hinterhof vom Hirschen und bei schlechtem Wetter in der Scheune des Gasthauses. Fliegende Wechsel zwischen beiden Spielorten bei einsetzendem Regen sind an einem Aufführungsabend kein Problem – das Bühnenbild ist immer doppelt und immer eine Augenweide. Mit der gleichen Sorgfalt und Leidenschaft wie auf der Bühne, wird beim „Kom(m)ödle“ auch hinter der Bühne gearbeitet. Kulissen, Dekoration, Ton, Licht und technische Effekte werden von Jenny, Robert und Felix Lohrer professionell in Szene gesetzt. Wer einen guten Einfall hat, wird unterstützt. Einige Wochen vor der Aufführung des „Brandner Kaspars“ wurde zum Beispiel als Hintergrund für eine Szene bei den Kiesenbacher Wasserfällen ein Film gedreht. Auf und hinter der Bühne ist der Zusammenhalt groß: „Wir sind ein wunderbares Team, Neid kennen wir nicht, jeder freut sich über den gemeinsamen Erfolg“, beschreibt Kreutzpointner die Atmosphäre. Dass dennoch nicht immer alles glatt gegangen ist und die Dienste der Souffleuse – seit 10 Jahren ist es seine Frau Pia – unentbehrlich sind, gehört einfach dazu. Ebenso Improvisationskunst. Noch gut erinnert sich Kreutzpointner an die erste Aufführung im Hirschen: „In einer Szene kam nach dem vereinbarten Stichwort der Pfarrer (Othmar Drost) nicht auf die Bühne, wir haben dann unseren Kram samt Stichwort mehrmals gesprochen, ohne dass das Publikum etwas gemerkt hätte, bis er dann endlich gekommen ist.“ Wer Theater spielt, weiß meistens auch, was Lampenfieber bedeutet. Kreutzpointner kennt dieses Gefühl vor Beginn der Aufführung. Danach auf der Bühne sei es sofort weg. Welchen Stellenwert das Theater spielen im Leben des Rechtsanwaltes hat, macht er mit diesen Worten deutlich: „Ich lebe auf der Bühne einen Teil von mir aus. Theater spielen ist für mich mehr als eine Freizeitbeschäftigung oder ein Ausgleich zur Arbeit. Es ist neben der Familie und dem Beruf ein eigener Bereich in meinem Leben, in dem viel Leidenschaft steckt.“ Schon als Kind hat Kreutzpointer diese Leidenschaft gespürt. Bei einem Krippenspiel in der Bad Reichenhaller Volksschule stand er erstmals in der Rolle des Ersten Hirten auf der Bühne. In seiner Gymnasialzeit war die Begeisterung für das Theater auf einem Höhepunkt: „Mein bester Schulfreund Horst Schily und ich spielten in vorderster Front in der Theatergruppe mit.“ Horst Schily ist nach dem Abitur Berufsschauspieler geworden und heute noch erfolgreich im Geschäft. „Ich habe mich gefreut, dass er unseren gemeinsamen Traum in die Tat umgesetzt hat“, meint Michael Kreutzpointner. Auch er wäre gern den Weg seines Freundes gegangen, aber sein Vater stellte mit der Begründung „das ist eine brotlose Kunst“ die Weichen für sein Leben anders. Der junge Kreutzpointner zog daraufhin ein Jura-Studium durch und hat nach eigenen Worten „diesen Weg nie bereut.“ Von 1965 (Abitur) bis 1995 spielte er in der Öffentlichkeit kein Theater, nur im Kreise der Familie bei besonderen Anlässen ab und zu einen Sketch. Dann kam 1996 das „Kaiserspiel“ in Dogern, das die alte Leidenschaft neu entfachte.
Zur Person:
Michael Kreutzpointner lebt seit 1974 in Dogern. Seit dieser Zeit ist der Doktor beider Rechte (weltliches und kirchliches) in Waldshut als Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Familienrecht tätig, ab 1982 mit eigener Kanzlei. Von 1983 bis 2010 war er Vorsitzender des Anwaltsvereins Waldshut. Geboren wurde er 1944 in Salzburg, aufgewachsen ist er in Bad Reichenhall. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. In Dogern stand der Anwalt erstmals 1996 in der Rolle des Kaisers Josef II. auf der Bühne. Zusammen mit Lisa Jehle, Horst Wieland, Jenny und Robert Lohrer sowie Christa Kapfer gründete er 1999 den Theaterverein „s’Dogerner Kom(m)ödle“.
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