Nichts für schwache Nerven
Das Moor

Der Vollmond tauchte das Moor in ein gespenstisch, helles Licht. Die vereinzelt stehen Bäume streckten ihre blattlosen Äste, wie skelettierte ,schwarze Finger in die noch klare Luft. Aus dem Boden stiegen leichte Nebel auf und krochen langsam auf das kleine Dorf, am Rande des Moores zu. Niemand im Dorf ließ sich auf der einzigen Straße, die mitten durch den Ort ging sehen. Zu beiden Seiten der Straße standen die Häuser, geduckt und niedrig, mit roten Dachziegeln. In keinem der Häuser brannte Licht. Es schien, als sei der Ort ausgestorben.Auf dem kleinen Dorfplatz, da wo auch einmal die Woche die Bauern ihre Waren anboten, stand ein großes weißes Kreuz. Es war verwittert, schmutzig, mit Blutflecken bespritzt.Am Rand des Marktplatzes stand die Kirche, ein schöner gotischer Bau, mit Spitzbögen, ein Haupt -und zwei Seitenschiffen. Die Kirche war viel zu groß für den kleinen Ort.Es war der einzige Ort, in dem sich Leben befand in einer Vollmondnacht, so wie dieser. Alle Menschen aus dem Ort waren in der Kirche versammelt und da blieben sie auch, bis zum Sonnenaufgang, wie in jeder Vollmondnacht. Die Leute beteten leise, ein Kind weinte, andere Kinder schliefen und wieder andere spielten mit Puppen und Autos. Die Türen der Kirche waren verriegelt und verrammelt, niemand würde hinauskommen und niemand hinein. Der Nebel im Moor wurde dichter. Ein einsamer Mann kam durch das Moor und sah aus der Ferne das Licht, dass aus den Fenstern der Kirche fiel."Gott sei Dank, gleich bin ich in Sicherheit," dachte er und beschleunigte seinen Schritt. Ja er rannte fast, denn er fürchtete sich vor den Wesen der Nacht, die im Moor lauerten.Plötzlich erstarrte er. Ein lang gezogenes Heulen drang schaurig durch den Nebel. Die Bäume und Büsche waren nur noch schemenhaft zu erkennen. Das Heulen schien aus allen Richtungen zu kommen. Der Mann bleib starr vor Schreck stehen, drehte sich im Kreis. Mit angst geweiteten Augen versuchte er den Nebel zu durchdringen. Er wusste nicht mehr in welche Richtung er gehen musste, um das Dorf zu erreichen. Er rannte, keuchte, sog durch den offenen Mund Luft in seine Lungen, stolperte, fiel hin, rappelte sich wieder hoch, fiel wieder hin und blieb atemlos liegen. Seine Kleidung war nass, schmutzig und Torfstücke hingen in seinen Haaren. Das Heulen kam näher.Er sah auf und sah das Licht. Er stand mühsam auf und torkelte dem Licht entgegen. Er erreichte das Dorf. Noch einmal alle Kräfte zusammen nehmend lief er auf die Kirche zu, hinter sich hörte er das Heulen, spürte einen heißen Atem im Nacken. Er warf sich herum und ein Schrei durchdrang schaurig die Vollmondnacht.
In der Kirche sangen die Menschen das Ave Maria, für die arme Seele, die in dieser Nacht einen grausamen Tod fand. Sie fassten sich an den Händen, bekundeten ihren Zusammenhalt und schworen wie in jeder Vollmondnacht, niemals darüber zu reden, was alle wussten.
Am anderen Morgen gingen die Menschen nach Hause, durch den Seiteneingang verließen sie die Kirche, damit sie nicht am Hauptportal sehen mussten was in der Nacht geschehen war. Es war nicht viel zu sehen, nur eine große Blutlache. Das Portal war bespritzt und auch das Kreuz hatte wieder ein paar Spritzer abbekommen. Der Küster machte nicht zum ersten mal Blut weg, von den Stufen der Kirche. Alle gingen nach Hause . Sie strichen einfach diese Nacht aus ihrem Gedächtnis, so wie sie alle Vollmondnächte aus den Köpfen gestrichen hatten.Jede erste Vollmondnacht verbrachten sie schon seit Jahren in der Kirche, unfähig dem Grauen auf den Grund zu gehen.Am Vormittag kam ein Mann aus dem Moor, über und über mit Blut beschmiert. Er ging in ein Haus am Rand des Ortes wusch sich, zog sich um und ging in seinen Laden, den einzigen Laden im Dorf, wo man alles kaufen konnte. Auch schon mal in der Nacht, wenn jemand etwas vergessen hatte. Außer................................. in jeder ersten Vollmondnacht!
Das Katzenbuckelhaus

Am Waldrand stand ein kleines weißes Haus, mit grünen Fensterläden, einer grünen Haustüre und rund um das Haus standen Lupinen, in allen Farben. In einer kleinen Ecke des Gartens hinter dem Haus waren Kräuter angepflanzt und den Rest des Gartens, nahmen allerlei Gemüse- und Obstsorten ein. Da waren Rohrrüben, Erbsen, Bohnen, vier Maisstauden, Salat, Kohlrabi, Erdbeeren und auch ein Apfel- und ein Kirschbaum waren in dem Garten. Das Dach war nicht mit Schiefer bedeckt, sondern hatte ein wunderschönes Reeddach. Das Haus hatte sehr lange leer gestanden, bis Familie Gerber an einem schönen Frühlingstag das Haus in Besitz nahmen. Als da waren: Papa Helmut, Mama Luise, die Kinder Mona fünf Jahre , Linda vier Jahre und Ben drei Jahre alt.Das kleine Dorf war nicht weit entfernt, hatte enge Gassen, einen Metzger, einen Bäcker und einen Feinkostladen. Bisher war die Gegend von einem großen Supermarkt verschont geblieben, denn es lohnte wohl nicht so einen riesigen Laden hier zu eröffnen. Ach ja , ein Postamt gab es auch und eine einzige Telefonzelle. Es war ein beschaulicher Ort, rund herum waren sanfte Hügel. Einer dieser Hügel hieß Katzenbuckel, weil er so aussah. Die Tannen darauf, sahen aus als wenn eine Katze ihr Fell sträubte. Gleich am Saum dieses Tannenwaldes stand das kleine Haus. Allgemein wurde es das Katzenbuckelhaus genannt.So kam es, dass die Familie Gerber einzog und das Haus bekam wieder Leben. In Ordnung gehalten hatte das Haus, solange es leer, stand die Frau des Küsters Senta Hellwig. Sie empfing die Familie, vor dem Haus stehend, schien aber nicht sonderlich erbaut zu sein, dass hier eine neue Familie einzog. Trotzdem sie lächelte, konnte man die Ablehnung beinahe körperlich spüren. Die Familie aber merkten das nicht, sie waren viel zu glücklich , dass sie ein Haus gefunden hatten, mit Garten und viel Platz zum spielen für die Kinder.
Frau Hellwig sagte :"Haben sie das Haus überhaupt schon von innen gesehen? Na ja sie haben es ja gekauft, also werden sie auch wissen, das dieses Haus, ein besonderes Haus ist. Die vorherigen Besitzer, sind im vergangenen Jahr, einfach verschwunden, niemand weis wohin. Man sagt, sie hätten sich in Katzen verwandelt". Dabei sah sie Luise lauernd an und wartete auf eine Reaktion. Diese tat ihr den Gefallen aber nicht, denn sie wusste von ihrer Freundin Marlene, dass die Hellwig, die Klatschtante des Dorfes war.
Dafür ging Helmut auf die Aussage der Senta Hellwig ein und sagte:"Frau Hellwig, wir sind ihnen sehr dankbar, dass sie sich um das Haus gesorgt haben, solange es leer stand. Aber nun, sie werden verstehen, möchten wir in aller Ruhe einräumen und auspacken. Sobald alles fertig ist, werden wir sie , ihren Mann und denn Herrn Pastor Jung zum Kaffee einladen. Ich danke ihnen für die Schlüssel und bestimmt haben sie auch noch andere Pflichten zu erledigen." Mit den Worten ließ er sie stehen und ging in das Haus, seiner Frau und den Kindern hinterher, die schon vorausgegangen waren.Senta Hellwig, aber schaute ihm nach und flüsterte:" Du wirst schon sehen, das dir das Haus kein Glück bringt. Es ist verflucht dieses Haus, die Geister gehen dort um, in Gestalt von Katzen." Dann drehte sie sich um und ging den schmalen Pfad entlang der vom Haus weg, ein Stück durch den Wald, bis zum Dorfrand führte. Einige Male drehte sie sich um und schüttelte den Kopf.
Helmut und Luise indessen versorgten erst die Kinder, denn es war doch später geworden als gedacht. Dann begannen sie mit dem Entladen des LKW . Auf einmal standen drei junge Männer am Wagen und der älteste sagte zu Helmut:" Hallo, ihr habt das Katzenbuckelhaus gekauft, können wir euch helfen?"Helmut entgegnete:Gern, wenn es euch nichts ausmacht? Wir wären dann schneller fertig und meine Frau kann dann für uns ein kleines Essen zubereiten."Der ältere der jungen Männer stellte sich und seine Begleiter vor:" Das ist Otto, er ist gelernter Elektriker, der lange da mit den roten Haaren, das ist Dirk, er macht im Dorf die Installationen und ich bin Lasse, ich arbeite beim Förster Gunther Hell, als Forstgehilfe. "
" Schön euch kennen zu lernen," sagte Helmut freundlich. " Ich heiße Helmut, meine Frau Luise. Die Kinder sind schon im Bett, denn die sind noch ziemlich klein. Dann lasst uns mal anfangen mit dem Schleppen der Möbel. Vorsichtig überhebt euch nicht die sind massiv Eiche."Als etwa drei Stunden vergangen waren, war der LKW leer, die Männer müde , aber zufrieden. Sie aßen noch eine Kleinigkeit tranken ihr Bier aus und verabschiedeten sich.Lasse kam noch einmal kurz zurück und sagte:" Helmut, lass dich von den Eigenarten mancher Dörfler nicht verunsichern. Sie erzählen, vor allen die Alten, das Haus sei verhext und die Bewohner würden sich in Katzen verwandeln und dann verschwinden. " Schöne Aussichten," lachte Helmut." Gute Nacht und wenn ihr einmal Langeweile habt, kommt vorbei, die Türe ist für Euch immer offen."Damit ging der erste Tag im Katzenbuckelhaus zu Ende. Helmut und Luise setzten sich auf die verwitterte Bank im Garten und genossen die laue Nacht." Schön ist es hier," sagte Luise und küsste ihren Mann zärtlich auf die Nase.
Am anderen Morgen, die Sonne kam gerade über den Tannen hoch, erwachte das Leben im Katzenbuckelhaus. Luise hatte das Frühstück zubereitet und die Familie aß gemeinsam. Die Kinder Mona und Linda wollten direkt nach draußen laufen, um Tiere zu fangen, wie sie sagten." Nichts da," sagte Linda," kommt nicht in die Tüte, es werden keine Tiere gefangen, ihr wisst was ich davon halte, Tiere zu fangen, um sie ein zu sperren. Komme ich dahinter das ihr so was macht, und sei es auch nur ein Käfer, dann werde ich sehr böse. Nun esst euer Frühstück und dann geht es ab in den Kindergarten und Papa muss in die Stadt zur Arbeit. Hurtig macht voran. Mit Ben werde ich dann hier bleiben und noch die Reste aufräumen, ein paar Kartons ausräume und dann die Sachen in die Schränke räume."Helmut sagte:" Soll ich die Kinder im Kindergarten absetzen? Dann brauchst du nicht extra fahren."" Nein lass nur, ich muss noch einkaufen und da bring ich die Kinder schon selber weg. Machs gut und lass dich nicht ärgern," sagte sie. Nahm die Autoschlüssel von ihrem kleinen Auto, schnallte die Kinder in den Kindersitzen fest, winkte ihrem Mann noch einmal zu und fuhr los.

Der Weg war nicht weit bis in das Dorf, aber die Straße hätte eine Reparatur nötig gehabt. Im Dorf angekommen, parkte sie ihren Wagen auf dem Marktplatz und bemerkte sogleich die neugierigen Blicke der Dörfler. Sie holte die Kinder aus dem Wagen und schlug den Weg zum Kindergarten ein. Dort angekommen kam ihr Gaby die Kindergärtnerin entgegen und lächelte freundlich." Herzlich willkommen ihr drei Kleinen," sagte sie und rief eine Mitarbeiterin, die alle drei Kinder mitnehmen wollte." Nein , nein, sagte Luise," den Ben nehme ich wieder mit, der ist erst drei Jahre alt und macht noch in die Windel."" Ach was," sagte Gaby," den lassen sie ruhig auch hier, Windeln haben wir hier genug und sie können in den ersten Tagen, sicher ein wenig Freiraum gebrauchen. Oder haben sie schon alles fertig?"" Nein noch lange nicht," entgegnete Luise." Vielen Dank auch und ich bring euch einen selbst gebackenen Kuchen zum Einstand mit Morgen früh, einverstanden?"" Gern, nett von Ihnen," lächelte Gaby.Luise ging zurück zu ihrem Wagen , nahm den großen Einkaufskorb aus dem Kofferraum und schlug die Richtung zum Feinkostladen ein.Martha Müller hinter der Ladentheke bediente gerade eine alte Frau und als die Ladenglocke ging und Luise hereinkam, mit einem freundlichen Guten Morgen, stockte das Gespräch der beiden Damen. Mit unverhohlener Neugier betrachteten sie Luise von oben bis unten. Dann wendeten sie ab und sprachen belanglos über das Wetter. Keine der beiden Damen hatte gegrüßt und Luise fühlte sich unwohl.Die alte Dame bezahlte und ging Grußlos aus dem Laden.Martha Müller fragte mit frostiger Stimme:" Was darf es sein?"Luise sah auf ihren Einkaufzettel und las nacheinander ihre Wünsche bezüglich des Einkaufs ab. Martha stellte alles zusammen und nannte den Preis. Luise bezahlte und verließ mit einem unguten Gefühl den Laden.Beim Metzger erging es ihr nicht anders, erst neugierige Blicke, dann offene Ablehnung, ja Luise meinte sogar Feindseligkeit zu spüren. Sie war froh, wieder in ihrem Auto zu sitzen, um nach Hause zu fahren. Nach Hause? Würde es je ein zu Hause werden? Sie musste mit Helmut darüber reden. Unbedingt.Am Mittag holte sie die Kinder aus dem Kindergarten ab und sensibel geworden, lauerte sie auf irgendwelche Anzeichen in der Mimik und Gestik der Kindergärtnerin, darauf schließen ließen, das sie ihr nicht wohlgesonnen sei. Aber nichts deutete darauf hin. Gaby war freundlich und die Kinder schienen sie zu lieben.Vorsichtig fragte Luise was mit den alten Menschen im Dorf los sei, ob sie keine Fremden mochten.Gaby wurde ernst:" Ja so kann man das sehen, die Alten mögen keine Fremden. Sind misstrauisch allem Neuen gegenüber und dann sind sie ja auch noch in das Katzenbuckelhaus gezogen, von dem die Alten des Dorfes sagen, es sei verflucht.Aber machen sie sich nichts daraus, es sind nur ein paar alte Frauen, die schon zu alt sind, als das man sie ändern könnte."
Als Luise am Katzenbuckelhaus angekommen war, sah sie , dass vor dem Haus mindestens ein Dutzend Katzen saßen . Ihr stellten sich die Nackenhaare auf . Die Tiere saßen da und starrten sie an. Sie stieg aus und ging langsam auf das Haus zu , die Katzen wichen zur Seite aus, verfolgten jede ihrer Bewegungen. Luise ging zum Wagen zurück und holte die Kinder. Die Katzen beobachteten weiter. Stumm, mit grünen durchdringenden Augen. Die Kinder empfanden komischerweise gar keine Angst, sondern gingen durch die Reihen der Katzen durch. Ben der Kleinste, setzte sich in die Hocke und streichelte einem Tier über den Kopf. Die Katze fing an zu schnurren.Luise wusste nicht was sie davon halten sollte und weil sie beim Metzger Gehacktes gekauft hatte, stellte sie es den Katzen hin, mit einer Schale frischem Wasser.Die Tiere kamen und nahmen das Futter an. Sie strichen um Luises Beine und schnurrten.Eine alte Katze, saß etwas abseits und beteiligte sich nicht an den allgemeinen Zuneigungsbekundungen. Sie miaute laut, und wusch, waren alle anderen Katzen verschwunden. Sie liefen in allen Richtungen davon.
Die alte Katze richtete sich auf und nahm die Gestalt einer alten Frau an." Du bist würdig in unsere Reihen aufgenommen zu werden und auch deine Kinder sind nicht wie die anderen Kinder. Sie zeigten keine Angst und du hast mit uns geteilt. Willkommen im Dorf..Sie wurde wieder zur Katze und verschwand im Wald.Luise ging nachdenklich in das Haus und wunderte sich nicht, dass drei kleine Katzen auf dem Teppich spielten.Als Luises Mann am Abend nach Hause kam von der Arbeit, suchte er Frau und Kinder vergebens. Nur eine Katze mit drei Jungen saßen auf dem Sofa und sahen ihn an.Das Katzenbuckelhaus hatte seine Bestimmung gefunden und der Kater der dort ein und aus ging, hörte auf den Namen Helmut.
Die Künstlerpuppe

Er hatte sich Stifte, Farben, Pinsel, Leinwand und Papier gekauft, denn er hatte sich vorgenommen zu malen. Ein großer Künstler wollte er werden. In seiner Wohnung hatte er sich einen stillen Platz eingerichtet. wohin er sich zurückzog, wenn ihm danach war. Dann nahm er eine Leinwand, stellte sie auf die neu erworbene Staffelei, suchte einen Pinsel aus. Nahm die Farbpalette zur Hand und drückte aus den Tuben, die Farben, mit denen er ein Bild malen wollte. Nein gelernt hatte er das Malen nicht, aber er war überzeugt davon es auch ohne zu können, denn was Picasso zustande brachte, konnte ja nicht so schwer sein.Auch hatte er sich einen alten grauen Kittel zugelegt, den er voller stolz trug . Dann konnte das Werk beginnen.Den Akt einer schönen Frau, die aus seinen Träumen, wollte er auf die Leinwand zaubern. Es wurde die Figur einer aus den Fugen geratenen sehr adipösen Dame, mit dem leichten Anflug von Ruchlosigkeit. Nein, das war nicht das Mädchen aus seinen Träumen und er dachte darüber nach, ein Modell musste her.Aber eine lebende Person, die seinen Vorstellungen entsprach, war einfach nicht auf zu treiben und die die was gewesen wären, die wollten Geld, welches er nicht hatte. An einem schönen Donnerstag Morgen war er in der Stadt, fand einen Laden mit Künstlerbedarf und da sah er sie. Die Künstlerpuppe, lebensgroß, mit tollen Formen, beweglich, aber leider aus Holz und ohne Gesicht.Nun man konnte nicht alles haben dachte er sich, bezahlte den stolzen Preis von vierhundert Euro, nahm die Dame unter den Arm und stellte fest, dass es gar nicht so einfach war, mit der Holzlady U-Bahn zu fahren. Trotz beweglicher Glieder schien sie sich dagegen zu sperren, von ihm verschleppt zu werden. Endlich zu Hause angekommen suchte er in seinen Taschen nach dem Haustürschlüssel und lehnte Peggy, so hatte er sie getauft zwischen zwei U-Bahnstationen, gegen die hell grün gestrichene Wand des Flures. Drehte sich zur Türe, um diese aufzuschließen und verspürte einen heftigen Stoß zwischen seinen Schulterblättern. Der Stoß ließ ihn nach vorn taumeln , er fiel in seinen Flur und hätte fast die Garderobe umgerissen. Liebe Güte, was war denn das? Er schaute hinter sich und sah nur die Holzpuppe, die unschuldig immer noch an der Wand gelehnt stand.Er nahm sie wieder unter den rechten Arm und brachte sie in seine Mal- und Zeichenecke. Dort setzte er sie auf einen Sessel, den er extra angeschafft hatte, legte ihr ein Tuch um die Schultern. Erst jetzt fiel ihm auf, die Dame hatte kein Gesicht. Das ließ sich ändern, er holte seine Farben und begann ihr Augen, Nase und Mund zu malen. Auch die Ohren vergaß er nicht. Haare, sie hatte auch keine Haare, seltsam, aber die Augen, irgendwas war mit den Augen. Sie sahen ihn an.Ach was das bildete er sich ein, oder doch nicht? Sie verzog den Mund? Sie wackelte mit dem Kopf? Nein, nein ,nein, aber er hatte doch auch kein Dope geraucht, Medikamente nahm er auch nicht, wieso halluzinierte er denn?Sie bewegte die Arme? Nein, nein , nein, vielleicht war er aber auch überarbeitet? Schon zwei Nächte hatte er nicht geschlafen, oder besser, schlecht geschlafen. Immer wieder aufgewacht und immer wieder diese Frau. Die Puppe Peggy hatte etwas gegen ihn, das spürte er genau, aber er wagte nicht das irgendjemandem zu erzählen, denn sicher hätten sie ihn ausgelacht. Das Gesicht, dass er ihr gemalt hatte, wurde mit jedem Tag hässlicher. Die Lippen wurden breiter, dicker und von einem leuchtendem Rot. Rot wie Blut. Ihre Augen , er hatte sie blau gemalt, ein schönes helles Himmelblau, es hatte sich verändert ,hatte einen Stich ins Grüne bekommen. Die Pupillen leuchteten manchmal rot und machten ihm Angst. Aber er hatte ihr eine Perücke besorgt . Lange blonde Haare hatte sie nun und hätte eigentlich zufrieden sein können. Doch was sollte das? Eine Holzpuppe, ohne Gefühle, ohne Leben, konnte nicht zufrieden, oder unzufrieden sein. Er sagte sich, dass er sich das alles nur einbilden würde. Als aber eines Nachts Peggy an seinem Bett stand und ihn mit höhnischem Grinsen ansah, da war es vorbei mit ihm. Er sauste aus dem Bett, rein in die Toilette, schloss sich ein und setzte sich zitternd in eine Ecke.Da wachte er auch am nächsten Morgen auf und wusste nicht, wie und warum er eingeschlossen auf der Toilette die die Nacht verbracht hatte. Verschlafen und mit müden, steifen Gliedern schlich er in die Küche um sich einen Kaffee zu kochen. Als er am Wohnzimmer vorbei kam, traf ihn fast der Schlag. Sein Malzeug lag verstreut im ganzen Raum herum, die Farbtuben lagen auf dem Teppich und die Farbe die darin gewesen war, klebte an den Wänden. Alles war beschmiert mit Farbe. In der Mitte von diesem Chaos saß Peggy mit unschuldigem Gesicht. Die blonden Haare hatten rote Farbspritzer abbekommen, insgesamt war die Holzpuppe ebenso beschmiert, wie der ganze Raum.Nichts hielt ihn mehr in seiner Wohnung. Er rannte im Schlafanzug aus dem Haus, zu seinem Freund, der gegenüber eine Wohnung hatte. Er klingelte Sturm und als sein Freund die Türe öffnete , taumelte ihm ein blasses Nervenbündel entgegen, das ihm stotternd berichtete, wie seine Wohnung nun aussah und das alles habe seine Gliederpuppe Peggy gemacht.Sein freund bat ihn erst einmal herein, gab ihm einen Kaffee und begleitete ihn anschließend in die Wohnung zurück. Er öffnete vorsichtig die Türe. Sein Freund ging mutig rein in die Wohnung, sah sich gründlich um und kam zurück in den Flur. Mitleidig sah er ihn an und verstand nicht warum er so panisch reagiert hatte. Nichts war in der Wohnung beschmiert, oder unordentlich, alles war so wie immer und Peggy saß in ihrem Sessel, mit dem Tuch über den Schultern und schaute aus himmelblauen Augen geradeaus. Er schaute sich ungläubig um, sein Freund redete beruhigend auf ihn ein und machte den Vorschlag, doch vielleicht einmal einen Arzt aufzusuchen, der ihm dann ein paar Beruhigungspillen verschreiben könnte.Eine ganze Woche blieb es ab da ruhig in seiner Wohnung. Peggy benahm sich so, wie sich eine Gliederpuppe zu benehmen hatte, nämlich still, leise, nicht selbständig beweglich. Es wurde Samstag und er hatte sich beruhigt. Schaute aber doch immer einmal wieder misstrauisch zu Peggy, die mit ihrer blonden Langhaarperücke im Sessel saß und anscheinend nichts dagegen hatte, das er sie in Position setzte, um sie zu malen.Gerade hatte er alles vorbereitet, als Peggy aufstand. Ihre blauen Augen verfärbten sich zu einem intensiven grün, mit leuchtend roten Pupillen. Ihre Hände griffen nach ihm. Er konnte nicht entkommen.Es klingelte an der Türe und eine hübsche Frau mit langen blonden Haaren und himmelblauen Augen öffnete die Türe. Der Freund des vorherigen Besitzers der Wohnung gab sich mit der Erklärung zufrieden, dass er verreist sei, um seine Nerven in den Griff zu bekommen. Die blonde Frau lud ihn auf einen Kaffee ein und nichts in der Wohnung ließ darauf schließen das hier einmal ein Mann gewohnt hatte, der unbedingt ein Künstler sein wollte. Nur unscheinbar in einer Vitrine stand eine kleine Gliederpuppe, die verdächtige Ähnlichkeit hatte mit dem Mann, der vorher hier gewohnt hatte.Peggy aber trank mit dessen Freund Kaffee und ließ sich zum Essen einladen. Doch wenn er ihr den Rücken zukehrte, dann wurden ihre Augen grün und die Pupillen leuchteten in einem intensiven rot.
Ende
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