Zypern 2005
„Your room number?“ Sie sind ja so nett, die jungen Mädchen Anfang zwanzig, wie sie so vor mir stehen, im schwarzen Rock mit schwarzen Halbschuhen und schwarzen Socken bei diesen tropischen Temperaturen. Die dunklen Haare manchmal gelockt und dann hinten zusammengebunden, manche richtig nett geschminkt, aber ganz dezent.
Wenn Du nicht aufpasst, ist Dein Teller weg, ehe Du ganz aufgegessen hast. Der Tisch wird blitzschnell abgeräumt, wenn sie den Eindruck haben, dass Du fertig sein könntest mit dem Essen.
Ganz anders als in Deutschland. Da wirst Du begrüßt: „Guten Tag, was möchten Sie trinken?“ Du wirst angeschaut und meist auch angelächelt. „Kann ich das abräumen? Vielen Dank.“
Hier stehen sie vor Dir mit ernster Miene mit ihrem kleinen Block in der Hand, sehen Dich kaum an und wollen nur Deine Zimmernummer.
Wir sind in Zypern.
Ich habe diesen Umgang des Personals mit den Gästen moniert und mit Anne darüber gesprochen. Ich könnte dieses Verhalten doch auch bei der Hotelleitung geltend machen wie der „Nörgler“ (auf den komme ich noch später). Anne hat mich aber darauf hingewiesen, dass das uns gewohnte Benehmen aus den USA importiert sei, diese aufgetragene Freundlichkeit und schon deshalb nicht zur Nachahmung empfohlen. Außerdem entspreche dieses Verhalten eben eher englischen Vorgaben, bei denen das Personal sich im Hintergrund zu halten habe und möglichst nicht bemerkt werden dürfe. Schade, wieder keine Möglichkeit für eine Beschwerde bei der Hotelleitung.
Wieso Zypern?
Ganz einfach: wir hatten uns kurzfristig entschlossen, noch ans Meer zu fahren. Ohne die Kinder und ohne den Hund. Genau eine Woche. Von Sonntag zu Sonntag. Richard ist nach Frankreich an die Atlantikküste, Eva mit dem Hund ebenso, Lukas in Südspanien; Ingi weilt immer noch in San Diego.
Also gehen wir ins Reisebüro. Zuerst in Edingen. Die Beraterin ist sehr bemüht, sie hat uns aber mit ihrer langwierigen Genauigkeit und ihren untauglichen Versuchen, es uns besonders recht zu machen, ziemlich erschöpft. Der kleine Simon war auch dabei und hat uns die Zeit dadurch erheitert, dass er Tischfußballkugeln in ihrer Schreibtischlandschaft verschwinden ließ. „Ich hasse, es, wenn ich das Foto von einem Hotel nicht finden kann“. Wir saßen vor ihrem modernen Mobiliar und wollten das Foto von dem Hotel schon gar nicht mehr sehen. Sie verschwindet aber im Hinterzimmer, holt dicke Aktenordner, auf die jeder Grundbuchbeamte neidisch wäre, und findet das Foto von dem Hotel nicht. Zwischendurch kommt ein anderer Kunde und will etwas bezahlen. Ihre Eingaben werden vom Computer nicht akzeptiert; sie ruft ihrer Kollegin an und irgendwie und irgendwann ist dann der andere Kunde sein Geld los. Ich will sie vorsichtig auf unseren abschlusslosen Abschied vorbereiten und meine, ihr Vorschlag Südspanien sei nicht schlecht. „Dort sind die Betten bekanntlich ja immer voller Flöhe, das ist gut für eine eventuelle Mängelrüge. Wieviel bekämen wir denn dann von unserem Geld zurück?“. Sie versucht, das raus zu finden. Sie sollte wirklich lieber für eine kirchliche Einrichtung arbeiten.
Die Beraterin in Heidelberg ist cleverer. Es ist schon fast Geschäftsschluss und sie hat noch immer gute Laune. Ihre Kolleginnen sind vielleicht hübscher, aber sie scheint wirklich kompetent zu sein und schon viele Reiseziele selbst besucht zu haben. Sie nickt immer zustimmend. Ich will´s wissen: Türkei wäre jetzt noch zu dem gewünschten Termin möglich und preislich innerhalb meiner Vorstellungen: „da können wir nicht hin, wegen der Russen“. Sie nickt zustimmend. Ägypten. Ägypten wäre preislich vergleichbar und auch sehr schön. „Ich will in meinem Alter nicht mehr sächsisch lernen“. Sie nickt zustimmend. Südspanien? „Die Flöhe“. Sie lacht - und hat gewonnen. Sie zeigt uns das Hotel „Melissa“ in Zypern. Mehrere ovale und runde Pools, miteinander verbunden und durch kleine Holzstege überbrückt, direkt am Meer. Deutlich teurer, als ich mir vorgestellt habe. Aber sie hat ja gewonnen.
Sonntag, der 28. August 2005
Gott sei Dank ist Lukas da (noch oder wieder, wie auch immer). Und er ist gnädig. Er will den Jaguar, um uns zum Bahnhof nach Mannheim zu fahren. „Mir ist es aber viel lieber, wenn Du den Golf nimmst.“ „Na ja, Du hast mir ja schon den Beamer ausgeliehen. Nehmen wir halt den alten Golf“. Wirklich sehr gnädig. Er fährt wie ein südamerikanischer Taxifahrer. Ich sitze hinten und weise ihn bedacht darauf hin, dass ich in Edingen immer höchstens 40 km/h fahre. Er fährt 80 km/h. Aber er ignoriert auch diese Bitte nicht und reduziert die Geschwindigkeit.
Wir kommen dennoch zeitgerecht am Bahnhof an, ein kurzer, herzlicher Abschied von unserem Tüchtigen und dann beginnt es, das Kofferschleppen. Wir zerren die Gepäckstücke zum ersten Fahrkartenautomaten. Der steht vor mir, eine Säule mit vielen Schriftzeichen. Es gibt auch mehrere Schlitze, um was reinzustecken. So muss sich der Ägyptenforscher vor seiner ersten Hieroglyphensäule gefühlt haben. Nur der musste nicht zum Zug.
Ich versuche es mit der Eingabe. Meine Finger zögern über den Tasten. Schließlich scheint er unseren Wusch akzeptiert zu haben. Ich stecke die EC-Karte in einen der Schlitze. Er antwortet: „die Geldkarte verfügt nicht über das erforderliche Guthaben“. „Du Idiot, das weiß ich doch. Du sollst einfach vom Konto abbuchen“. Er schweigt. Steht vor mir. Ist größer als ich. Hat viele Schriftzeichen. Und kein Mitleid.
Wir zerren unsere Koffer weiter. Vom Untergeschoss ins Erdgeschoss. Da stehen weitere Fahrkartenautomaten. Die haben einen Bildschirm. Man kann direkt auf dem Bildschirm den Abfahrtsbahnhof (wir sind doch in Mannheim, Du Idiot!), den Zielort, die Zugart, den nächsten gewünschten Reisetermin, die Zugklasse, die Zahl der Passagiere, einfache Fahrt oder auch Rückfahrt, einen eventuellen Reservierungswunsch, Nichtraucher oder Raucher, Großwagen oder Abteilwagen eingeben. Die Sonne scheint. Sie scheint auch auf den Bildschirm. Die Zeit wird knapp. Ich erkenne kaum etwas. Ich belade Anne knurrend mit allen Gegenständen, die ich in Händen halte. Computer sind Männersache. Ich werd´s Dir geben. Erbarmungslos wird auf dem Bildschirm herumgedrückt. Die EC-Karte wird ihm reingeschoben. Und irgendwann antwortet er mir: „Zwei Belege werden ausgedruckt“.
Wir zerren unsere Koffer weiter. „Zu den Zügen“. Die sind nicht dort, wo sie der gesunde Menschenverstand erwartet. Der geniale Architekt, der für den Umbau des Mannheimer Bahnhofes verantwortlich ist, hat den Zugang zu den Zügen nicht gegenüber dem Haupteingang vorgesehen, wie jeder normale Mensch vermuten würde. Nein, wir schleppen unsere Koffer nach links, wieder nach unten. Gleis drei ist wenigstens bald erreicht.
Bald kommt auch der Zug. Unsere Zeitplanung ist eben sehr optimiert. Keine längeren Wartezeiten.
„Iss nur soviel von den Karotten und dem anderen Gemüse, bis Du satt bist. Wenn Du zuviel davon isst, wird Dir nämlich schlecht“. Der kleine Junge neben mir baumelt mit seinen Füßen. Er hat Kopfhörer auf und vor sich einen Teller mit rohem Gemüse. Er nickt. Und kaut vorsichtig auf einer Karotte.
Die Karotte ähnelt seiner Mutter. Rötlich und nach unten dicklich. Die sitzt uns gegenüber und erzählt, dass sie heute noch direkt nach Hannover fahren will und sie alleine dann sofort wieder zurück. Wir haben sie nicht gefragt. Die füllige Dame neben ihr erzählt uns, dass sie bei längeren Zugreisen immer wieder von den Schaffnern geweckt werde. Das sei sehr lästig. Wenn sie doch schlafen wolle. Auch sie haben wir nicht gefragt.
Ich vermute mal: die besorgte Mutter ist geschieden. Sie liefert ihren Sohn in Hannover bei ihrem Ehemaligen ab und fährt gleich wieder zurück, um ihn – und vor allem sich – nicht in Versuchung geraten zu lassen. Die Füllige wurde von ihrem Mann auf Reisen geschickt, damit der mal daheim seine Ruhe hat. Er hat sie sogar mit einer neuen „Bahncard“ ausgestattet. Aber das hat sie nicht gewusst.
Bis die Zugbegleiterin kam. Vorher hat mich die Karotte gefragt: „Wissen Sie, was es kostet, wenn man seine „Bahncard“ vergessen hat? Ich habe nämlich meine Bahncard vergessen. Gerade heute“. Für mich der Bewies, dass rohes Gemüse kaum als Gehirnnahrung tauglich ist. „Ich weiß nicht, aber wahrscheinlich ist das ziemlich teuer; der Mehldorn, Sie wissen schon“. Die Füllige erschrickt. Sie kramt in ihren Papieren und stellt fest, dass sie zwar eine „Bahncard“ dabei hat; die ist aber abgelaufen.
Die Zugbegleiterin beginnt für die Füllige auszurechen, was die Fahrt nun ohne „Bahncard“ kostet. Ich versuche, sie zu beruhigen: „Geld ist doch nicht alles. Es ist doch bloß Geld“. „Wie meinen Sie das? Was gibt es denn sonst noch?“ Die Füllige kramt in ihren Papieren. Und hat plötzlich, während die Zugbegleiterin noch in ihren mobilen Computer eingibt, eine weitere „Bahncard“ in der Hand. Eine gültige. „Mein Mann macht so etwas immer für mich. Er hat sie wohl für mich bestellt und ich habe es nicht mehr gewusst“. Ich verstehe gut, weshalb ihr Mann sie auf Reisen schickt.
Ich würde gerne eine rauchen. Aber ich sollte schon warten, bis wir am Flughafen sind. Alles andere wäre doch „Schwäche“. Und eigentlich ging es dann ganz schnell. Der Flughafen taucht auf und wir nehmen unsere Siebensachen. Mein weißer Hut aus Kuba, den Notebook-Rucksack mit den vielen eingebauten Täschlein und den alten Samsonite-Koffer, der schon ein bisschen angefleddert ist. In den Täschlein vom Rucksack habe ich überall meine Utensilien verstaut; die Papiere, den Geldbeutel, Zigaretten, die Brillen, die Digitalkameras (sowohl Video als auch Foto), Bücher zum Lesen (einen Roman und zwei Reiseführer über Zypern), eine Zeitschrift und natürlich das gute alte Notebook mit Netzteil und dem Zubehör. Sehr praktisch, die vielen Täschlein; manchmal eigentlich etwas zu praktisch. Wenn ich was suche, muss ich suchen. Und ich suche doch nicht so gerne. Immer dann, wenn es eilig ist, finde ich das richtige Täschlein nicht. Bei der Passkontrolle fällt mir ein, dass wir ja die Pässe brauchen. Anne sagt: „Hast Du mal schnell die Pässe?“ Natürlich habe ich die Pässe. Ich setze den Koffer ab, lege den Hut darauf und fange an, in meinem Rucksack mit den vielen praktischen Täschlein zu kramen. Hinten. Vorne. An der Seite. Ach so, Du musst ihn drehen, sozusagen aufrecht hinstellen und dann ist es das Längstäschlein vorne rechts. Und das nächste Mal ist es eben das Längs-täschlein hinten links. Sehr praktisch.
Wir zerren also unsere Utensilien aus dem Zug, sagen den beiden Damen ade und sind auf dem Bahnsteig. Wohin jetzt? Es geht eigentlich nur in eine Richtung, zum Glück. Wenn man die Rolltreppe hoch ist, kommt das Laufband, auf das man sich draufstellen kann und nicht selber zu laufen braucht. Ich find´s gut, die Anne läuft lieber neben her.
Wir müssen ins Terminal 2, weil da unsere Reisepapiere hinterlegt sind. Ich würde gerne noch schnell eine rauchen, aber zuerst holen wir unsere Reisepapiere, klar.
Also zerren wir unsere Utensilien und uns durch den Flughafen zum „Skytrain“, der uns vom Terminal 1, in dem wir schon sind, zum Terminal 2 bringt. Es ist alles ziemlich voll und unheimlich viel Betrieb, aber die Stimmung ist gut. Ich weiß auch gleich, wo wir hin müssen: als ich Eva letzte Woche bei ihrer Rückkehr aus Russland abgeholt habe, habe ich´s mir gemerkt. Der Schalter ist auch besetzt, es gibt keine Riesenschlange und das nette Mädchen hat auch unsere Papiere. Sie sagt, wir sollten uns aber ein bisschen beeilen, weil die Eincheckzeit schon begonnen hat. Wo müssen wir hin? Wieder zurück ins Terminal 1.
Also nehmen wir wieder unsere Ausrüstung und schleppen alles zum Skytrain. Sie hat uns drei Mal gesagt, welche Schalternummer unserer Luftlinie hat. Als wir endlich wieder im Terminal 1 sind, hab ich´s vergessen. Ich würde jetzt gerne eine rauchen.
Wir fragen uns also durch und finden auch recht schnell den Schalter, bei dem wir unser Gepäck loswerden können (nicht den Notebook-Rucksack natürlich, den nehme ich als Handgepäck mit in den Flieger). Es dauert ein bisschen, aber wir kommen recht zügig voran. Die freundliche Dame, die uns „abfertigt“, meint, wir könnten jetzt auch gleich zum „Gate“; seit 10 Minuten seien wir mit unserem Flieger schon dran. Also ziehen wir los, suchen „Gate 34“ und da ist auch schon die Passkontrolle! Ich arbeite an meinem Notebook-Rucksack, während Anne ganz geduldig wartet. Und dann doch vorgeht. Inzwischen bin ich schon ziemlich verschwitzt und wünsche mir meinen Koffer zurück, um das Sweatshirt wechseln zu können. Aber das geht halt jetzt nicht mehr. Ich schleife mich also mit den Papieren in der Hand hinterher und dann geht es weiter ewig lange Wege.
Der Frankfurter Flughafen ist einfach riesig. Eigentlich zu groß. Du läufst und läufst und läufst. Korridore, Gänge, Kurven, Treppen. Ewig. Ich weiß nicht, wie das Leute schaffen, die weniger gut zu Fuß sind. Ich meine, ich laufe schon mal nach Ladenburg und zurück, ich jogge eineinhalb Stunden und Anne ist auch sehr sportlich und hat eine beneidenswerte gute Kondition. Aber wie schaffen das Leute, die normal sind? Ist der Frankfurter Flughafen nur für Menschen angelegt, denen das Goldene Sportabzeichen zusteht? Dürfen nur erfahrene Jogger und Marathonläufer hier wegfliegen? Ist das die Lösung für die Rentner, die besser zu Hause bleiben und sich auf Kaffeefahrten beschränken sollen? Wäre natürlich eine Lösung; der Frankfurter Flughafen ist nur für Junge, Gesunde, Reich und Schöne. Und die Alten hüten ihr Heim.
Wir sind am „Gate 34“angekommen; die Leute gehen schon rein. Als wir auch drin sind, stelle ich entsetzt fest: hier darf man nicht rauchen! Jeder „richtige“ Raucher kennt dieses beklemmende Gefühl, das sich dann auf Deinen Brustkorb legt. Es ist, als habe jemand Dir ein Seil umgebunden. Und das wird langsam zugezogen. Ich versuche, Fassung zu bewahren und setze mich „locker“ hin. Da habe ich ja noch ein Brötchen im Rucksack. Als das Brötchen aufgegessen ist, haben sie das Seil noch ein Stück weiter zugezogen. Ich gehe aufs Klo, vielleicht kann man da rauchen. Aber da ist es so sauber, so septisch, mit Rauchmeldern an der Decke. Geht nicht. Ich könne vielleicht unter einem Vorwand fragen, ob ich wieder raus darf. Aber da wird unser Flug aufgerufen.
Es gibt noch eine Möglichkeit, wenn Du aus dem Gebäude auskommst, bevor sie in den Bus steigen, der Dich zum Flugzeug bringt, da bist Du kurz an der frischen Luft. Dann gehst Du ein bisschen auf die Seite, so kurz um die Ecke, und ziehst ganz schnell eine durch.
Also, die Menge zieht los, wir verlassen das Gebäude und ich versuche, mich seitlich zu verdrücken. Aber da stehen diese blöden Typen. In Uniform, mit Sonnenbrillen und Funktelefon. Wahrscheinlich sind sie auch noch bewaffnet. Ich mache trotzdem einige Schritte seitwärts. Die glotzen Dich an. Überall getrocknete Ölpfützen auf dem Boden. Brandgefahr. Wenn Du jetzt Deine Kippe rausziehst und das Feuerzeug anmachst, wirst Du verhaftet. Oder zumindest bekommst Du einen Anschiss von diesen kleinen Gorillas. Das hast Du nicht nötig. Nicht in Deiner Position. Mit Abitur und abgeschlossenem Hochschulstudium. Nicht mit Dir. Also wird nicht geraucht. Hilfsarbeiter, Du hast es besser!
Wir werden zu unserem Flieger gefahren. Die Maschine der „Cyprus Airlines“ ist kleiner, als ich erwartet habe. Aber es ist ein echter Airbus. Vor dem Start kommt das Lieblings-Video von Anne. Sie schaut es sich an, wie das Karnickel die Schlange. Es ist der übliche Film über die Sauerstoffmasken und die Schwimmwesten.
Der Flug verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Wir haben viel Platz. Anne macht es sich auf einem Dreier-Sitz bequem und schläft. Ab und zu müssen wir uns anschnallen und der Flieger rüttelt dann durch die Lüfte. Ich lese. Endlich bekommen wir Essen. Das ist dann von einer Qualität wie in meinen besten Studentenzeiten. Ein Brei mit total durchgekochten Nudeln. Als wir in Frankreich im Auto auf einem Acker übernachtet haben, gab es zum Frühstück eine Dose Nudeln, die auf dem kleinen Gaskocher erwärmt wurde. Die Franzosen waren damals in der Gegend offenbar auf der Jagd und haben auch ein bisschen in unsere Richtung geschossen. Diese Dose Nudeln hat auch so geschmeckt.
Der Grieche raucht bekanntlich. Jeder Grieche. Also schaue ich die Stewardess freundlich an und überlege mir, ob sie mich ins Cockpit lassen würde. Dann könnte ich den Piloten fragen, ob ich eine bei ihm rauchen kann. Die Stewardess lächelt berufsmäßig zurück. Wahrscheinlich denkt sie, ich hätte Flugangst und grinse deshalb so blöde. Der feuchte Film auf meiner Stirn hat aber einen ganz anderen Grund. Ich winke sie her und erkundige mich, ob ich mein Laptop benutzen darf. Sie lächelt wieder: „Yes, of course“. „Du blöder Kerl, du Feigling, hättest du sie doch gefragt, ob du rauchen kannst. Es wäre bloß peinlich gewesen. Sonst nichts“. Bloß peinlich. Eben.
Wir rütteln also weiter durch die Lüfte. Abwechslung kommt auf, als wir durch die kleinen Fenster im blauen Meer Inseln sehen. Das sieht wirklich sehr schön aus. Braune Flecken in der blauen See. Ich weiß nicht, welche Inseln wir sehen. Wahrscheinlich die Griechischen Inseln. Kreta, Lesbos, Helios und so. Ich habe unseren Weltatlas daheim vergessen. Er steht im Schrank im mittleren Zimmer. Der gute, alte, unförmige Diercke. Vielleicht ist es auch besser, dass ich ihn nicht mitgenommen habe.
Nach etwa vier Stunden Flug scheint die Reise zum Ende zu kommen. Die Bildschirme an der Decke, die unseren Reiseverlauf zeigen, werden hochgeklappt. Die Stewardessen gehen mit wichtiger Miene durch den Gang, um zu kontrollieren, ob wir unserer Anschnallpflicht nachgekommen sind. Sind wir. Es gibt irgendwelche Durchsagen, während der Flieger sich zur Seite neigt. Dann geht es offenbar wirklich abwärts. Wir sehen seitlich Gebäude, es rumpelt und wir sind wieder auf der Erde. Die Passagiere klatschen. Das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen. Schließlich haben wir einen Linienflug und keinen Charterflug. Und bei einem Linienflug klatscht man bekanntlich nicht.
Also schieben wir uns aus dem Flieger. Anne will schnell raus. Ich nicht. Ich kann mich beherrschen. Ich bin ganz locker. Wo ist denn mein weißer Hut aus Kuba? Soll ich mein Buch jetzt wieder in die Tasche stopfen? Die Fluggäste schieben zum Ausgang. Nach der Relativitätstheorie ist es ziemlich egal, ob wir weiter vorne oder weiter hinten sind. Wir werden sowieso als Paket mit dem Bus zum Ausgang gefahren. Aber Anne will schnell raus.
Wir stehen dann also auch wieder gemeinsam am Laufband bei der Gepäckausgabe. Die Koffer fahren auf verschlungenen Wegen an uns vorbei. Sie bewegen sich in einem abwechslungsreichen Reigen. Ob das den Koffern wohl Spaß macht? Manche sind ja ganz hübsch, aber die meisten sehen schon ziemlich ähnlich aus. Wie die Reisenden, denen sie gehören. Vielleicht wäre es eine gute Idee, unsere Koffer ganz eindeutig und bunt zu kennzeichnen. Der könnte meiner sein. Es ist auch dunkelgrau. Aber zu neu. Herein fahren die Koffer und wieder hinaus fahren sie. Manche stehen, die meisten liegen. Es geht zu wie im richtigen Leben. Da! Einer der Reisenden beugt sich schnell vor und schnappt zu. Er lächelt gar nicht. Ich würde mich freuen, wenn mein Koffer auftauchen würde. Ich würde lächeln. Vielleicht würde ich auch der Anne zurufen: „Guck mal, da ist mein Koffer!“ Und ich wäre natürlich auch froh, wenn Anne ihren Koffer bekommen würde. Ich würde rufen: „Anne, guck mal, da kommt Dein Koffer!“ Herein fahren sie und hinaus fahren sie; auf verschlungenen Wegen. Wo bleiben bloß unsere verdammten Koffer!
Schließlich sind sie natürlich dann doch gekommen. Wir haben schnell zugepackt und sind los zum Ausgang. Und ich habe es vergessen. Ich habe vergessen zu lächeln, als mein lieber Koffer kam.
Wir zerren und ziehen also zur nächsten Halle. Ich habe schon vergessen, wie unwillig mein Köfferchen eigentlich ist. Manchmal glaube ich fast, er will nicht so recht mit. „Ja wärst Du denn lieber in Edingen geblieben?“ „Im dunklen Keller bei den anderen Koffern und Taschen?“ Ich glaube, er nickt.
In der nächsten Halle steht rechts eine lange Theke. Da gibt es aber nichts zu trinken. Eine ganze Reihe junger Damen haben sich da aufgestellt. Ich betrachte den Damenreigen mit Interesse. Und schalte schnell. Da bin ich stolz drauf. Die Damen sind nämlich Vertreterinnen der Reisebüros und sie sind hier, um die ankommenden Gäste in ihr Quartier zu bugsieren. Ganz richtig! Gleich die erste junge Dame ganz rechts hat ein Fähnchen in der Hand mit den Farben unseres Reiseveranstalters. Ich bin noch mal stolz. Unser Reiseveranstalter hat in der Ankunftshalle den ersten Platz! Ja, es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben! Sie spricht auch Deutsch und teilt uns mit, wo unser Bus draußen wartet. Und dass wir mit einer Fahrtzeit von etwa 45 Minuten bis zum Hotel rechnen sollten. Wegen des Feierabendverkehrs. Das ist nun eine Perfektion, wie ich sie mag. In Ägypten dauerte die Busfahrt zum Hotel fast genau so lange wie der gesamte Flug von Deutschland aus. Und kein Mensch hatte einen gewarnt. Und hier gibt es klare Auskünfte, die, wie sich später heraus stellt, auch zutreffen. Sehr angenehm.
Unsere Köfferchen und wir ziehen also weiter. Wir kommen endlich nach draußen und sind jetzt in Zypern! Gleich neben dem Ausgang steht ein Aschenbecher. Oh herrliches Zypern! Was wir vor uns sehen, ist nun eigentlich nichts Besonderes. Es ist einfach ein großer Parkplatz. Mit vielen Autos. Aber die Luft. Die Luft ist ganz warm und relativ feucht. Ein bisschen wie in den Tropen. Wie Kuba. Kein Wunder, der Libanon ist ja auch nicht weit. Wir sind wirklich im Osten. Im „nahen“ Osten zwar, aber eben im Osten. Ich war immer ein bisschen befremdet, wenn die Berichterstattung im Fernsehen die Regierungsmitglieder zum Beispiel von Israel zeigte. Die hatten halt kurzärmlige Hemden an und trugen oft keine Krawatten. Während es bei uns kalt und nass war. Jetzt verstehe ich gut, warum. Die Ecke hier hat was.
Wir ziehen uns und die Koffer also weiter und kommen zum Busparkplatz. Die Busse sind alle nummeriert. Unserer steht weiter hinten, so ziemlich in der Mitte der Busherde. Der Fahrer steht schon da - und raucht! Wie nett!
Er packt sie (die Koffer) in das Gepäckfach und wir warten auf weitere Mitfahrer. Ich kann mir noch eine Zigarette gönnen. Die junge Dame, die uns den Bus genannt hat, kommt auch. Sie hat ihr Fähnchen nicht mehr. Wir unterhalten uns ein bisschen. Ich sage, das muss doch ein netter Job sein, hier in Zypern die Leute einzuweisen auf dieser schönen Insel. Sie sagt, sie macht das schon lange und nennt eine Zahl, die sie älter macht, als sie aussieht. Das merkt sie wohl selbst; sie ist dann ganz in sich gekehrt. Es kommt noch ein Pärchen und dann ist die Fahrtgruppe wohl schon komplett. Der Bus hat vielleicht 25 Plätze, wir sind aber nur zu sechst. Haben also viel Platz. Kein Problem, Anne darf ganz vorne sitzen. Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.
„Ja, wir sind gut angekommen. Ja, es wird schon dunkel. Ja, wir mussten unsere Uhren umstellen, hier ist es jetzt eine Stunde später.“ Anne ist sehr konsterniert. Das Pärchen hinter uns hat das Handy rausgezogen und telefoniert mit den Lieben zu Hause. „Ja, das Wetter ist gut. Ja, wir vermissen Euch auch.“ Anne fängt an zu grollen und kann es sich nicht verkneifen, einige bissige Bemerkungen zu machen. Mir ist dabei nicht so besonders wohl. Die Beiden fahren doch ins selbe Hotel wie wir. Nachher sieht man sich und die haben vielleicht das Zimmer nebenan. Wer weiß, vielleicht klauen sie unser Badetuch von der Sonnenliege an den Pools. Aus Rache. Ich bemühe mich wie ein Pfarrer. „Du hast ja Recht. Aber.“ „Was aber?“ Heimlich denke ich, ich hätte auch gerne telefoniert. Oder wenigstens gewusst, ob mein Handy hier auch funktioniert. Sie hat ja wirklich Recht, aber wie bringe ich ihr bei, dass das Recht haben nicht immer die Leitspur für das Handeln im wirklichen Leben sein kann? Im wirklichen Leben hast Du oft Recht, liebe Anne, aber das nützt Dir nichts. Jedenfalls nicht immer. Im Gegenteil. Das Leben ist sogar manchmal richtig ungerecht. Und im Umgang mit anderen Menschen kannst Du 1000 Mal Recht haben, da geht es um etwas anderes. Frag mal einen Pfarrer. Während ich das Alles vor mich hin denke, hat sie sich offenbar beruhigt. Oder sie hat sich das auch gedacht. Man kann halt nicht immer so kategorisch sein. Jedenfalls flüstert sie jetzt nur noch ihren Unmut. Na ja. Bei der Beichte wird ja manchmal auch nur geflüstert. Habe ich gehört.
Interessanter ist für mich der Busfahrer. Hier herrscht nämlich Rechtsverkehr. Die Straßen sind gut ausgebaut. Die haben richtig schöne Autobahnen hier in Zypern. Großzügig dimensioniert und gut beschildert. Ich schaue ihm über die Schultern und überlege, wie ich fahren würde. Das ist ein bisschen verwirrend. Vor allem im Kreisverkehr würde ich anders fahren. Manchmal wählt er offenbar auch die falsche Richtung. Aber es können ja nicht alle so gut Autofahren wie ich. Ich muss mir einige Bemerkungen sehr verkneifen. Da kann er doch nicht …. Ich versuche bei Anne zu erkennen, ob sie diesen unmöglichen Fahrfehler auch bemerkt hat. Aber Anne scheint das nicht zu interessieren. Das geht doch nicht. Das kann man ja nicht mit ansehen. Wo ich Recht habe, habe ich Recht.
Schließlich landen wir dann doch vor dem Hotel. Vorher sind wir durch Agya Naga gefahren. Unserem Heimatdorf für die nächste Woche. Ein kleines Städtchen. Zuvor hatte ich in einem Reiseprospekt gelesen, dass die Stadt für ihr tolles Nachtleben besonders berühmt sei. Unglaublich, was hier abgehe. Aber als wir mit unserem kleinen Bus durchfahren, sieht alles recht ruhig aus. Einige Leute sitzen in den Restaurants draußen auf den Terrassen im Freien. Sie essen und unterhalten sich. Die Lokale sind nicht besonders voll. Von Heidelberg kenne ich da andere Menschenansammlungen. Da strömt es in der Hauptstraße. Hier scheint alles doch relativ ruhig zu sein. Macht nichts; ist schon in Ordnung, wir wollen ja keinen Donnerurlaub.
Der Empfangsraum im Hotel ist so, wie er eben zu erwarten ist in diesen Hotels der gehobenen Kategorie. Es stehen ein paar Sitzgruppen rum, elegante Sofas und Sessel, alles räumlich sehr großzügig und „elegant“ gemacht; rechts hinten ist die Bar, die jeden Abend „happy hour“ zum halben Preis anbietet.
Wir erhalten unsere Zimmerschlüssel und ab geht es mit dem Aufzug hoch zu den Betten. Das Hotelzimmer ist schöner, als ich es erwartet habe. Sehr geschmackvoll gestaltete Betten und Tische, modern, aber nicht moderinistisch, das Beste, und da fällt mir ein Stein vom Herzen: ein Balkon. Also ein sicherer Ort, um abends noch einen Wein zu trinken und eine zu rauchen, ohne meine Reisegefährtin zu sehr zu stören. Ich will gerade gemütlich auspacken und ein wenig mit meinen Spielsachen spielen und auch noch vielleicht duschen, da sagt mir Anne, dass wir uns vielleicht ein bisschen beeilen sollten. Warum? Es gibt nur bis 9:30 Uhr Abendessen und es ist schon fast soweit.
Da ist er wieder, der Stress. Ich hab´s doch gewusst! Zum Glück müssen wir unsere Koffer nicht mitnehmen. Also geht´s runter vom 4. Stock ins Erdgeschoss. Im Aufzug stehen noch zwei andere Gäste.
Jeder kennt das, wenn man im Aufzug steht und aneinander vorbei schaut. Man weiß nicht so recht, ob man etwas sagen soll. Viele empfinden das als unangenehm. Jedenfalls mir geht es so. Wie wenn sich einer über Dich beugt, während Du auf dem Boden liegst. Der Distanzkreis, den jeder um sich haben will, wird unterschritten. Jemand berührt Deinen virtuellen Bauch. Manchmal versuche ich es mit dem glasigen Blick. Das gelingt mir leicht, schließlich bin ich ja im öffentlichen Dienst. Aber das ist nicht besonders originell. In der Schule hast Du vielleicht gelernt zu verschwinden, obwohl Du eigentlich körperlich noch in der Klasse warst. In Mathematik war diese Fähigkeit angesagt oder im Fremdsprachenunterricht, wenn Grammatik abgefragt wurde. „Bilden Sie diesen Satz im Plusquamperfekt“. Oder „wo ist in diesem Satz das Adverb?“. Schrecklich. Ich war nicht so gut im virtuellen Verschwinden, ich habe mich in meiner Bank geduckt und wurde dann oft erst recht aufgerufen. Je nach Lehrer. Aber es gab andere, die waren darin meisterhaft. Man konnte die Methode auch umdrehen und versuchen, besonders aufzufallen. Ich hatte mit meinem Schulnachbarn eine Zweier-Bank, deren Tisch mit den Stühlen fest verbunden war. Man konnte sich ein bisschen erheben, seitlich Schwung holen und seinen Banknachbarn rammen. Der flog dann auf den Mittelgang. Die Methode war allerdings nicht ganz risikoarm, manchmal kam man gerade deshalb erst recht dran. Auf die Fahrt im Aufzug übertragen, wäre es vielleicht eine Idee, auf die Mitfahrer körperlich aktiv zuzugehen. Du stubbst sie fast mit Deinem richtigen Bauch und teilst ihnen laut mit, dass wir jetzt im dritten Stock sind. „He, sehen Sie die Anzeige, wir sind jetzt im Dritten Stock. Jetzt kommt gleich der Zweite“. Dabei kannst Du mit dem Zeigefinger gerne nachhelfen. Die Methode eignet sich besonders für Aufzüge, in denen regelmäßig die gleichen Leute fahren. Wenn die Tür aufgeht und sie sehen Dich, steigen sie gar nicht erst ein. Dann hast Du Deinen Fahrstuhl für Dich alleine.
Die beiden anderen Fahrgäste in unseren Hotelaufzug fielen mir dadurch auf, dass sie recht fein gekleidet waren. Keine T-Shirts und Boxer-Shorts. Die Dame war perfekt geschminkt und mit Schmuck dekoriert. Der Herr frisch rasiert und gekämmt. Als wir unten ausstiegen, sah ich des Rätsels Lösung auf einer großen bunten Tafel gegenüber. Die Hoteldirektion bat in drei Sprachen darum, dass die werten Gäste zum Abendessen in angemessener Kleidung erscheinen mögen. Durch Zufall hatte ich noch meine lange Hosen von der Reise an.
Ins Hotelrestaurant durften wir nicht rein. Wir mussten warten. Am Eingang stand eines dieser netten jungen Mädchen in ihrem schwarzen Rock mit der schwarzen Bluse und den schwarzen Halbschuhen und fragte uns, ob wir drin oder draußen sitzen wollten. Ich fand, dass schwarze Halbschuhe in diesem fast tropischen Klima schon eine besondere Anforderung an das Durchhaltevermögen eines jungen Mädchens darstellen. Aber so ist das im Leben, wenn man Geld verdienen will, muss man gelegentlich auch Unannehmlichkeiten hinnehmen. Wir sagten „draußen“ (auf Englisch, natürlich) und nach einer angemessenen Pause kam dann auch ein ernster Kellner, auch ganz in Schwarz, und führte uns mit der Speisekarte in der Hand an einen freien Tisch.
Wir bestellten Wasser und sahen uns um. Die Pools waren, soweit wir sie sehen konnten, kleiner, als ich sie mir vorgestellt hatte. Es plätscherte ganz nett im Dunkeln, aber mich beschlich das Gefühl, ein wenig getäuscht worden zu sein. Fast jeder kennt das: Du hast eine Reise gebucht, im Prospekt ist alles schön bunt und Du hast dennoch schon vorher dieses skeptische Gefühl mit der Frage, ob das alles in Wirklichkeit so gut ist, wie es aussieht. Und dann bist Du endlich da, etwas erschöpft von den unwilligen Koffern, und Deine Skepsis scheint sich zu bewahrheiten. Die Pools sind also doch ziemlich klein. Und ziemlich alt auch noch. Na ja, jetzt sind wir hier, machen wir das Beste daraus. Wir holen unser Essen.
Die Auswahl am Buffet ist in Ordnung. Ich meine damit, es gibt vier oder fünf verschiedene Salate, drei verschiedene Arten Fleisch, Hühnchen und Fisch. Das ist schon in Ordnung. Dazu verschiedene Beilagen und eine ganze Palette an Nachspeisen. Man könnte satt werden. Ich habe kalte, öltriefende Weinblätter erwartet, die mit einer weißlichen, unbekannten, matschigen Substanz gefüllt sind. Das hätte ich gerne gegessen. Ich bin halt ein ganz Abenteuerdurstiger. Aber vielleicht gibt´s das später mal.
Wir unterhalten uns gut, Anne und ich. Der bisherige Reiseverlauf wird durchgesprochen und wir sind uns darin einig, dass wir hier auch einige Ausflüge machen wollen. Also nicht bloß Strand und Fressen. Wir hören den Nörgler.
Der Nögler ist ein gepflegter, schlanker Herr mit grauen Haaren in unserem Alter. Er macht einen sportlichen Eindruck und sähe also eigentlich ganz gut aus. Wäre da nicht sein Gesichtsausdruck. Die Mimik ist richtig schief, ganz verzogen. Er flüstert laut mit seiner Frau: „Wieso müssen die Bedienungen sich in diesem Tonfall miteinander unterhalten? Das ist doch unerträglich. Sie sind so unfreundlich untereinander. Hast Du gehört, wie sie sich angezischt haben? Und dann bewegen sie sich auch noch so hastig. Und dabei nicht einmal effizient. Es könnte hier alles viel schneller gehen, wenn sie sich nicht dauernd in die Haare geraten würden. Wo bleibt bloß mein Wasser. Ich glaube, sie wollen uns nicht bedienen. Oder sie sind völlig überfordert.“ Und weiter in diesem Tonfall.
Wir sind ziemlich verdutzt. Wir finden, dass die Bedienungen zügig und reibungslos arbeiten. Natürlich sind sie ernst. Sie wollen eben ihren Job gut machen. Das kann man ihnen wohl kaum so richtig verübeln. Außerdem: lauf Du mal bei dieser Wärme dunkel gekleidet in schnellem Tempo mit Ballast durch die Gegend. Und dann beachten sie offenbar eine Etikette, die bei uns nicht so üblich ist: wer bei uns in einem Lokal Platz genommen hat, wird von der Bedienung erst mal freundlich begrüßt. Sie lächelt Dich an. Manchmal auch schon wie ein Honigkuchenpferd. Und dann fragt sie nach Deinen Wünschen. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen?“ Wenn das Essen vorüber ist, bleiben die Teller erst mal stehen und man unterhält sich gemütlich noch ein bisschen. Hier ist das anders: die fragen Dich mit ernster Mine nach Deiner Zimmernummer und gleich nach dem Getränkewunsch. Nachdem der Teller leer ist, wird er flugs weggeräumt. Vielleicht auch schon dann, wenn er noch nicht so ganz leer ist, Du aber vergessen hast, das Besteck bei Deiner kleinen Pause überkreuzt darauf abzulegen. Bei uns ist die Bedienung präsent. In unserem Hotel dezent. Ihre ernste Mine sagt uns, sie nehmen uns ernst. Wir sind wichtig. Wir sind ja auch nicht ihre besten Freunde. Warum sollten sie uns dauernd anlächeln? Andere Länder, andere Sitten. Vor allem die Mädchen sind vielleicht auch nur schüchtern bei den Fremden mit dem vielen Geld. Bei Anne und mir haben sie übrigens später doch immer wieder gelächelt. Als sie uns ein bisschen kannten. Der Nörgler hatte zwei Tage später noch einen größeren Auftritt. Doch dazu später.
Anne und ich sind uns darüber einig, dass wir nach dem Essen noch ein wenig spazieren gehen. Wir gehen die kleine Straße vom Hotel in Richtung Stadtmitte. Wir kommen vorbei an einigen Restaurants, „Supermärkten“ und den üblichen kleinen Touristenläden, in denen all das angeboten wird, was man sich zu Hause nie kaufen würde. Staubfänger aus Glas, Fähnchen, Badetücher mit merkwürdigem Design, teure Strandsandalen. Anne hat Schwierigkeiten mit dem Rechtsverkehr. Ich habe noch nie jemanden in Strandschlappen so schnell über die Straße flitzen sehen. Sie guckt immer wieder in die falsche Richtung, wenn sie die Straße überqueren will. Da kommt dann schon wieder einer daher gerast und sie entwickelt ungeahnte Geschwindigkeiten.
Meine Erfahrungen als Erwachsener mit längeren Aufenthalten in Urlaubshotels sind sehr gering. Eigentlich gleich Null. Dennoch stellt sich quasi instinktiv sofort ein bestimmtes Verhalten ein. Wir brauchen eine Zimmerversorgung, die unabhängig ist von der Hotelbar und dem „teuren“ Hotelrestaurant. Also zieht es uns in einen der „Supermärkte“; da gibt es Wasser und Wein. Ich finde genau den Wein, den ich will. Es sind dieses Kartons, wie sie auch für haltbare Milch benutzt werden. Keine Flaschen mit preistreibenden Etiketten. Das Billigste vom Billigen. Diese Tafelweine sind nämlich meistens nicht schlecht. Die Flaschenweine für Touristen enthalten nicht selten Zusätze, die meiner Meinung nach den Geschmack nicht verbessern, sondern nur „überladen“. Als ich einige Tage später einmal zufällig in den Lagerraum unserer Hotelbar schauen kann, sehe ich, dass dort auch die Kartonweine stehen. Na also. Ich hab´s ja gewusst. Damit ist unsere Grundversorgung fürs Hotelzimmer gesichert.
Noch eine wichtige Mitteilung über Zypern. Ich hätte gerne meine Zigaretten. Die gibt es aber nicht. In ganz Zypern ist es verboten, Zigaretten ohne Filter zu verkaufen! Dies gilt auch für den türkischen Teil. Da sind sie sich anscheinend einig, die Griechen und Türken auf Zypern. Zu meinem Nachteil. Wahrscheinlich war dies auch der einzige Punkt, bei dem sie sich einigen konnten. Dass dies nicht ganz ausreichte, um gemeinsam der EU beizutreten, erscheint mir nachvollziehbar. Zumal dieser einzige Punkt mich so sehr diskriminiert.
Der Syrer hatte mal welche ohne Filter. Der Syrer. Wir haben ihn so genannt, weil er so aussieht. Er hat eine lange, gebogene Nase, ein schmales Gesicht und einen Backenbart. Er betreibt eine kleine Wechselstube und ein kleines Reisebüro, das Touren auf der Insel vermittelt. Wir haben auch mal bei ihm gebucht. Doch auch davon später. Der Syrer hatte filterlose Zigaretten, die hießen auch noch „Mercedes“. Sein Rat, es in einem der großen Tabakgeschäfte zu versuchen, war höflich, aber furchtlos. Dort wurde ich bedauert und unverrichteter Dinge fortgeschickt. In den anderen Tabakgeschäften erging es mir ebenso. Die griechischen Zyprioten benehmen sich da wohl so ähnlich wie die Japaner. Sie sagen nicht, „das gibt´s nicht“. Wie den Japanern fällt es ihnen offenbar schwer, eine Frage einfach zu verneinen. Man wird vertröstet. Auf einen anderen Tag verwiesen. An dem sich die zart gehegte Hoffung dann auch nicht erfüllt. Erst bei einem unserer Ausflüge im türkischen Teil habe ich dann die ganze, schreckliche Wahrheit erfahren. Keine filterlosen Zigaretten in ganz Zypern. Die Filter wurden dann eben abgebrochen.
Noch ein Wort zu den Preisen in Zypern. Gleich bei unserem ersten Spaziergang fielen sie uns auf. Die zyprische Währung ist das Pfund. Das ist sicher noch eine Nachwirkung aus der Zeit der englischen Kolonisation. Die Zahlen auf den Preislisten entsprachen denen, wie wir sie auch hier kennen. Ein Bier in der Bar kostet also 1,60 Pfund. Nur mit den Unterschied, dass ein Pfund ungefähr zwei Euro entspricht. Ein zyprisches Bier kostet also 3,20 Euro. Oder in der Währung, die wir (immer) noch gewohnt sind und die wir zu Grunde legen, wenn wir eine „richtige“ Preisvorstellung haben wollen: für ein Glas Bier zahlst Du 6,40 DM! Mit anderen Worten: in Zypern ist fast alles doppelt so teuer wie in Deutschland. Das sind eben Inselpreise. Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.
Bei unserem Spaziergang durch das kleine Städtchen haben wir auch das schöne Kloster mitten im Zentrum kurz gesehen. Doch auch davon später.
Wir waren nicht allzu lange unterwegs, schließlich hatten wir ja eine lange Reise hinter uns. Also ging es mit den erworbenen „Supermarkt“-Gütern bald wieder zurück ins Hotelzimmer. Dort verschwinde ich auf dem Balkon, mit Wein und Laptop, während Anne es sich auf dem Bett mit Büchern (vor allem den beiden Reiseführern) gemütlich macht. Und dann wird geschlafen.
Montag, der 29. August 2005
Also, wir haben ganz gut geschlafen. Ganz gut, nicht ganz toll. Unser Zimmer zeigt zur Straße, wenn ich auf dem Balkon ums Eck schaue, kann ich allerdings das Meer sehen. Die Geräusche sind eben anders. Du hörst nicht wie in Edingen von Ferne die Autobahn ganz leise aber auch deutlich, und von der Nähe die Vögel und die Kröten in dem Tümpel, den unser Nachbar angelegt hat. Hier hörst Du Mopeds und Busse und Autos von der Straße, die unten vorbei führt. Dabei haben wir es noch ganz gut. Wir sind im vierten Stock und deshalb hier oben doch noch ziemlich weit weg von der Straße. Aber es ist eben anders als zu Hause und deshalb schläfst Du nur ganz gut und nicht ganz toll.
Nach dem Duschen gehen wir runter, wir nehmen den Aufzug. Diesmal erwartet uns niemand am Eingang des Restaurants, wir gehen rein und suchen uns einen Platz auf der Terrasse. Es kommt auch niemand und fragt uns nach unserer „Room-Number“. Das wäre vielleicht ein Tipp für Lukas und seine Gang. In den guten Hotels gehst Du einfach rein und siehst aus wie ein Gast. Dann besorgst Du Dir Dein Frühstück. So frech waren sie auf ihrer 20.000-Kilometer-Reise durch die Ukraine, Sibirien und Russland nicht, glaube ich wenigstens. Die Jungs waren schon froh, wenn sie ihre beiden 2CVs auf den Hotelparkplätzen abstellen und darin übernachten konnten, ohne weggescheucht zu werden.
Die Bedienungen in ihrer schwarzen Kleidung und mit ihren schwarzen Halbschuhen laufen eifrig hin und her und wir zum Buffet. Das Angebot ist ganz gut, aber nicht ganz toll. Entschuldige Anne, ich weiß, Du fandest es ganz großartig. Viel Obst, frischer Kaffee, verschiedene Säfte und Tees, kleine und große Brötchen, alle möglichen Brotsorten. Ich hätte auch begeisterter sein können wegen der Rühreier, den Würstchen, den gekochten Eiern und dem Kuchen. Und außerdem gab es ja auch Müsli, Joghurt, Corn Flakes und Milch. Aber es gab zum Beispiel keine Perlhuhn-galantine mit Stopfleber. Es fehlten die Austern auf gestoßenem Eis. Ein wenig Suppe, wie etwa Hirschkraftbrühe mit Trüffelklößchen hätte sich sicher auch gut gemacht. Oder wenigstens eine kleine Portion Wildlachs (gebeizt, schottisch). Dem kann nicht entgegen gehalten werden, das wäre verfressen. Jeder weiß, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages sein sollte. „Frühstücke wie ein Kaiser, und esse zu Abend wie ein Bettler“. Oder so ähnlich. Und außerdem hatten wir doch nur Halbpension. Da musst Du durchhalten bis zum Abend. Aber wir sind schließlich auch so satt geworden. Ehrlich.
Dann also rauf ins Zimmer und die gelben Badetücher geholt. Die stellt das Hotel den Gästen zur Verfügung. Nett. Und dann hatten wir doch unser erstes „Highlight“ in unserem Urlaub. Wir gehen also durch die Bar und dann ins Freie und stehen vor den Pools. Den richtigen. Nicht die kleinen Becken von gestern Abend. Nein, richtig schöne, recht große ovale und runde Pools, die miteinander verbunden sind und die von kleinen geschwungenen Holzbrücken überquert werden. Dazwischen Palmen und weiße Liegestühle mit vielen gelben großen Sonnenschirmen und Tischchen mit Aschenbechern. Eine richtige kleine Seenlandschaft mit blauen Gewässern und warmer, seidiger Luft. Ich atme tief ein. Wir sind angekommen. Wir haben Urlaub! Und es ist richtig schön!
Ich fasse Anne am Arm und bin sehr zufrieden. Ich rücke meinen weißen Hut zurecht und wir suchen uns ein Plätzchen. Jetzt kann entspannt werden. Heraus die Bücher und Romane, für die Du nie Zeit hast. Ausstrecken und Abschalten. Zypern ist doch ganz gut.
Wir können natürlich nicht lange so bleiben. Dafür sind wir zu neugierig. Wir wollen wissen, wie das Meer ist. Also werden die Siebensachen zusammen gekramt, der Hut aufgesetzt und weiter geht es, Richtung Strand und Meer. Und da erleben wir unsere nächste positive Überraschung: es sind nur wenige Meter zum Strand und das Meer ist wirklich bemerkenswert:
Es ist ganz seidig. Dunkelblau und sehr klar. Es fühlt sich an wie der Ozean in Kuba. Ich weiß nicht, woran das liegt. Es kann nicht nur daher kommen, dass das Wasser hier so schön warm ist. Vielleicht ist die Zusammensetzung des Meersalzes anders als an der italienischen oder französischen Küste. Das Wasser ist ganz weich. Es streichelt Dich sanft. Immerhin, wir sind ja nicht weit weg vom Libanon, von Beirut, vom Nahen Osten. Wir sind schon in einer Ecke der Welt, die sich von unserer mitteleuropäischen unterscheiden darf. Ich verstehe jetzt, weshalb die Engländer diese Insel so lange bei ihren Kolonien hatten. Bei dem Meer. Zypern war für sie vielleicht so etwas wie ein kleines Indien. Ein bisschen Goa. Nur nicht so weit weg. Jedenfalls genießen wir das Meerwasser und auch den feinen Strand.
Etwas fehlt allerdings. „Cocoo, Cocoo“: niemand versucht, uns Kokosnuss-Stückchen zu verkaufen. Niemand ist da, um uns Sonnenbrillen und billige Uhren anzubieten. Niemand versucht am Strand, Taschen, Badetücher, Schals, Sommerkleider, Hüte, T-Shirts, Massagen, Tatoos, Sandalen, Mützen, bunte große Seitentücher, CD-Raubkopien oder Hosen zu verhökern. Keine Diskussionen mit fliegenden Händlern. Keine Touristendame, die eine Sonnenbrille auf ihrer Nase balanciert, in den Spiegel schaut und sagt, „scho bello, aber i brauch se net“. Es ist direkt ein bisschen einsam.
Wir räkeln uns also in der Sonne und es kommt, wie es kommen musste: ich habe Hunger. Sicher, es gab ein Frühstück. Ich habe auch ein wenig zu mir genommen, siehe oben. Aber jetzt ist es fast ein Uhr und noch lange bis zum Abend. Ich halte das nicht durch. Schließlich bin ich nicht zum Hungern hier. Ich schaue Anne an. Sie hat keinen Hunger. Also klappe ich mein Buch zu und mache mich alleine auf, etwas zu essen zu suchen.
Mein Orientierungssinn führt mich zunächst nach links. Dort steht ein Kiosk. Das habe ich sofort gespürt, als wir diesen schönen Strand betreten haben. Ich tigere los. Mit meinen alten Strandsandalen geht das gut. Der Sand ist zwar sehr heiß, aber es geht mit der richtigen Besohlung ohne weiteres. Der Kiosk hat nur Hot-Dogs. Ich umkreise die Einrichtung und schieße ein paar Fotos mit meiner Kamera. Der Strand, die Palmen und die Hütte, in der ein wuchtiger menschlicher Hüne die Hot-Dogs verkauft. Ich mag jetzt aber keine heißen Würstchen. Nicht bei der Wärme. Also ziehe ich in der anderen Richtung weiter.
Jeder, der den Strand entlang läuft kennt sie: die Sandbauer. Meistens handelt es sich um Herren im mittleren Alter, so zwischen dreißig und vierzig Jahren, mit Hütchen auf dem Kopf und Eimerchen und Schäufelchen in den Händen. Mit großem Ernst widmen sie sich ihrer Aufgabe. Nicht selten auch im Team. Sie bauen nicht bloß einfache Burgen, ihre Konstruktionen sind viel komplexer. Zwischen Hügeln und Tälern werden Wasserläufe umgeleitet, Staudämme errichtet, auf denen Fernstraßen verlaufen, dazwischen Brücken und Tunnels. Dabei ist es keinesfalls so, dass ihre Buben weggescheucht werden, weil sie in ihrer Ungeschicklichkeit auf die soeben errichtete Staumauer getreten sind und diese schwer beschädigt haben. Die kleinen Buben merken instinktiv von selbst, dass sie hier nicht erwünscht sind und die schwere, schweißtreibende, schwierige Arbeit ihrer Väter nicht stören dürfen. Sie halten Abstand und spielen und bauen an anderen Stellen. Inzwischen die Väter: mit großartiger Geduld wird Sand glatt gestrichen und werden Steinchen gesucht, die Zinnen und andere Eckpunkte der Bauwerke darstellen. Bei meinem Strandgang kommt es mir so vor, als sei diese männliche Spezies gerade hier in Zypern besonders zahlreich anzutreffen. Ein Prunkstück der Sandbauerkunst hat mich auf meinem Gang besonders beeindruckt: ein Formel-1-Bolide in Originalgröße. Für das Lenkrad wurde was eingebaut? Natürlich ein Sandeimerchen.
Endlich sieht es so aus, als hätte ich eine Möglichkeit gefunden, meinen inzwischen schon sehr drastisch gewachsenen Hunger zu stillen: „Take Aways“ tun sich auf. Das sind Imbisskiosks, die mit uns „Halbpensionären“ offenbar sehr gute Geschäfte machen können. Die schönsten Sandwichs werden angeboten. Mit Hühnchen oder Schinken oder Salami oder natürlich Käse und Schinken. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. 1,6 Pfund, also 3,2 EURO oder 6,20 DM für ein belegtes Brötchen sind mir bei meinem Hunger inzwischen schon lange nicht mehr zu viel. Ich erhalte ein Schinke-Käse-Sandwich, das dauert ein bisschen, weil es erst belegt und dann noch getoastet wird (vorher holen sie offenbar die Zutaten noch woanders her), aber es schmeckt dann um so besser.
Dann treffe ich mich mit Anne zum Kaffee. Das wird eine Tradition bei uns. Nachmittags setzen wir uns an die Bar bei den Pools, trinken Kaffee, essen Eis (ich) und reden. Keine besonderen Themen, nur so über dies und das, was uns hier auffällt, was uns erfreut und welche Unternehmungen sich für uns anbieten. Vor allem, welche Touren auf der Insel für uns reizvoll sein könnten.
Auf unserem Abendspaziergang fand Anne natürlich die Künstler am Besten. Nicht den im Elvis Presley Kostüm, der lautstark und schräg in einem Restaurant unter freiem Himmel trällerte. „Jail house rock“. Anne war von den Portraitmalern fasziniert. Und die waren auch wirklich nicht schlecht. Einer beschäftigte sich gerade mit einem jungen, vielleicht zwölf Jahre alten blonden Mädchen. Die Kleine war nicht unschön, aber ein bisschen pummelig. Es war leicht zu sehen, dass Fast-Food gelegentlich auf ihrem Speiseplan stehen muss. Unser Künstler brachte es fertig, die Kleine sehr ähnlich abzubilden, aber viel netter. Sie hatte ein schmaleres Gesichtchen und etwas größere Augen. Ich lief auf dem Platz herum und machte Fotos.
Ach so, der Platz. Überall auf dem Platz vor dem Kloster werden wir angereizt, Geld auszugeben. An der Nordseite sind die Lokale und die Leuchtreklamen. Der übliche Touristenkram wird uns angeboten. Es gibt diese Verkaufsstände mit Kettchen und Krimskrams. Allerdings wird nichts aufgedrängt, das kann man nicht behaupten. Nicht wie in Ägypten im Bazar, wo Du nicht stehen bleiben kannst, ohne bedrängelt zu werden. Aber die Leute sind halt doch darauf angewiesen, ihr Geld zu verdienen. Und dazu dienen wir Touristen. Die Geschäfte müssen laufen. Dafür sind wir hier und dafür werden wir hier freundlich empfangen. Nicht wegen unserer netten Gesichter und nicht wegen unserer guten Manieren.
„Oh, how beautifull“, den japanischen Touristinnen gefällt es. Sie haben sich gleich zusammen hingestellt in einer kleinen Dreier-Gruppe und sich fotografiert. Es besteht aus mehreren Gebäuden, das Kloster. Die Bauten sind so angeordnet, dass ein Innenhof entstanden ist. In der Mitte steht das Brunnenhaus. In einer Steinrinne fließt Wasser an der Mauer des Haupthauses durch den Innenhof. Es ist sehr still hier. Wir setzen uns. Wir atmen tief ein. Wir spüren aber auch, dass die Mönche das Kloster verlassen haben. Sie haben es aufgegeben. Aber die geistige Kraft, die sie hier ausgeübt haben, die scheint noch da zu sein. Wir sind wie auf einer Insel. Außerhalb der Klostermauern wirbelt das Konsumleben der Touristen und der Erlebnishungrigen eilig und hastig durch die Gassen. Dort wird gegessen, getrunken, getanzt, vielleicht auch gegrölt und geraucht. Und hier, kaum durch das Tor gegangen, ist diese Welt ausgeschlossen. Sie scheint ganz fern. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich hier rauchen kann. Eine meiner letzten Filterlosen wird in einer dunklen Ecke mit schlechtem Gewissen zerdrückt.
Wir gehen zurück zum Hotel. Anne springt noch ein paar Mal im Eiltempo über die Straße, weil sie die Autos nicht rechtzeitig sieht, wenn sie von der „falschen“ Seite kommen. Gut macht sie das.
Dienstag, den 30. August 2005
Heute bekommen wir unseren Frühstücksempfangs-Cocktail. Dazu hat unser Reisebüro eingeladen. Vielleicht ein Wort zu unserem Reiseveranstalter: Es war die Frosch Touristik GmbH aus München. Die waren perfekt. Offenbar einer der Veranstalter, die sehr darauf achten, dass die Angaben in den Prospekten auch wirklich zutreffen. Du darfst keine echten Überraschungen erwarten. Sowohl negative wie positive bleiben aus. Wir finden uns also in einem der Nebenräume des Hotels ein und warten. Wahrscheinlich gibt es irgendwo verbandsinterne Regeln, wonach sich Reiseveranstalter zu halten haben. Und wahrscheinlich hat die Frosch Touristik GmbH daran mitgearbeitet und bietet die Gewähr dafür, dass die Regeln auch eingehalten werden. Das vielleicht ein bisschen langweilig. Aber wer auf eine möglichst gute Erholung an den wenigen freien Tagen im Jahr angewiesen ist, der profitiert davon. Zumal der Reiseführer über Zypern, den wir geschenkt bekommen haben, wirklich nicht schlecht ist. Ein bisschen geschichtslastig vielleicht und auf diesem Gebiet etwas zu detailverliebt. Aber eine nette Geste war es, kein Zweifel. Der Flug war in Ordnung, das Hotel ist in Ordnung, das Wetter ist in Ordnung, der Reiseveranstalter ist in Ordnung. Wir sind jetzt gespannt auf seine Vertreterin.
Das Pärchen, das im Flughafen-Bus gleich mit dem Handy nach Hause telefonieren musste, ist auch da. Und der Nörgler. Ich weiß ja nicht, ob ich es gut finden soll, gleich am Vormittag Alkohol zu trinken. Aber wenn´s nichts kostet, will man ja nicht so sein.
Die Tür geht auf und unsere dunkel gekleideten Mädchen vom Hotelpersonal kommen herein. Sie tragen große Tabletts mit hohen Gläsern. Orangensaft. Kein Sekt. Wie gesund und ordentlich. Noch jemand kommt herein. Es ist unsere Vertreterin des Reiseunternehmens. Sie zerrt einen dieser Trollis hinter sich her. Das Ding muss recht schwer sein. Es macht den Eindruck, als hätte jemand nicht nur alle Reiseprospekte des Unternehmens reingestopft, sondern auch eine repräsentative Auswahl der Telefonbücher Zyperns und auch Europas. Unserer Vertreterin scheint das jedoch anscheinend nichts auszumachen. Auf den ersten Blick ist das auch nicht so verwunderlich. Sie ist klein, kräftig und hat insgesamt einen Körperbau, der gemeinhin als „gedrungen“ bezeichnet werden kann. Sie baut sich vor uns auf und belehrt uns über Zypern mit gutturaler Stimme und bayrischem Akzent. Sie spricht sehr langsam und deutlich als wären wir bekloppt. Wir stehen bzw. sitzen mit unseren Orangensaftgläsern in den Händen und lassen uns belehren. Wir wissen eigentlich schon, dass die Währungseinheit hier als Pfund bezeichnet wird. Wir wissen eigentlich auch schon, dass ein Pfund den Wert von zwei Euro hat. Es ist uns nicht entgangen, dass die Einwohner dieser Insel die englische Sprache verwenden, wenn sie mit uns Touristen kommunizieren wollen. Wir haben auch schon eine gewisse Vorstellung von dieser Insel und müssen nicht unbedingt mit ihr die Landkarte durchgehen, die sie bei sich hat. Ich bin froh, dass ich nicht an die Tafel muss, um ihr und der Klasse zu zeigen, wo die Hauptstadt liegt. Vielleicht wollte sie tatsächlich mal Lehrerin in einer bayrischen Volksschule werden und bayrischen Bauernbuben das ABC beibringen. Sie hätte das bestimmt auch gut gekonnt. Bei bayrischen Bauernbuben.
Immerhin, es geht ihr nicht ganz so wie der netten, arglosen Blondine in Ägypten, als die ganze Touristengruppe über das arme Mädchen hergefallen ist wie eine Meute, weil das Kreuzfahrtschiff angeblich nicht vollständig der Kategorie entsprach, die gebucht war. Die Kleine war damals ziemlich fertig. Damit hatte sie offenbar nicht gerechnet.
Aber so ganz ungeschoren kommt unsere bayrische Repräsentantin hier bei uns auch nicht davon. Eine Mutter beanstandet in ziemlich scharfem Tonfall die Unterbringung. Anscheinend war vereinbart, das das Töchterchen zwar ein eigenes Zimmer erhalten soll, aber mit einem Zugang zum Zimmer der Eltern. Jetzt ist das Töchterchen woanders. Und ganz furchtbar traurig. Und so einsam. Sie fürchtet sich in dem fremden Hotel. Und das nach der langen Anreise und dem verpassten Abendessen (das kann ich verstehen!). Unsere Repräsentantin verspricht, sich mit dem Hotelmanagement in Verbindung zu setzen und Abhilfe zu versuchen. Zusagen kann sie aber nichts.
Ich versuche es auch, wenigstens ein bisschen: „Unser Balkon geht in der Hauptrichtung zur Straße; das Meer sehen wir nur, wenn wir uns auf dem Balkon seitlich nach rechts wenden“. Da kontert sie ganz gut: sie könne gern beim Hotelmanagement nachfragen, ob noch Zimmer frei seien, die mit der Hauptrichtung zum Meer ausgerichtet seien. Ich müsse dann entscheiden, ob ich den Aufpreis zahlen wolle. Aufpreis, aha. Ich stelle keine weiteren Fragen.
Ich bekomme den Eindruck, dass sie eigentlich ein wenig frustriert sein müsste über ihren Job. Immer die Gäste, die nörgeln. Diese Termine sind für die, die ein Haar in der Suppe gesucht und gefunden haben. Es scheint ihr nicht viel auszumachen. Sie scheint ein dickes Fell zu haben. Sie wird getroffen, fällt um, steht auf und macht weiter. Ich überlege, ob sie das als ihr Schicksal nimmt oder ob sie einmal aufbegehren und den Laden hinschmeißen wird. Vielleicht ließ ihre Vita ihr keine andere Wahl. Sie musste von ihrem geliebten München hier her kommen und sich gereizten Hotelgästen aussetzen. Das war ihr vielleicht so bestimmt, nachdem sie in ihrem Heimatland keine andere Stelle mehr bekommen konnte. Das Leben ist nicht immer fair. Aber es gibt schlimmere Jobs. Dennoch: ein wenig tut sie mit leid. Es muss ja nicht unbedingt sein, dass gut ernährte Menschen, denen es an sich an nichts Wesentlichem mangelt, anderen giftig das Leben schwer machen.
Zuvor hat sie versucht, uns noch die Zusatzangebote des Reiseveranstalters schmackhaft zu machen. Es gibt Ausflüge, die auf der Insel unternommen werden können. Wir haben auch gebucht. Einen Bootsausflug. Für Morgen. Doch mehr darüber später. Ich habe Anne auch vorgeschlagen, gleich die Busfahrt in den türkischen Teil der Insel ebenfalls zu buchen. Aber sie wollte nicht. Sie fand, dass es unfair war, wie unsere Reisemanagerin die Angebote der anderen Firmen so schlecht redete. Das war ein Argument. Die Busreise haben wir dann beim Syrer gebucht. Das war ein bisschen ein Flop. Und ich war froh, diese Idee nicht selbst gehabt und gegen den Willen von Anne durchgesetzt zu haben (was ohnehin nahezu unmöglich ist, wie jeder weiß). Doch auch davon später.
Zuletzt war noch der Nörgler dran. Er setzt sich zu ihr an den Tisch und redete mit leiser, gereizter Stimme: „Sie wissen, dass diese Reise hierher nicht gerade billig war. Unsere Repräsentantin nickte mit ernster Miene. „Aber was ich hier erlebe, spottet jeder Beschreibung.“ Unsere Repräsentantin schaut ihn ernst an. „Die Bedienung ist unfreundlich. Das Essen nicht akzeptabel. Das Hotel entspricht bei weitem nicht meinen Vorstellungen“. „Was genau haben Sie denn zu beanstanden? Welche Mängel gibt es denn konkret?“ Ich beuge mich über die auf einem Nebentisch ausgelegte Zypernkarte und studiere die Straßenverbindungen nach Nikosia. Ich versuche, mein linkes Ohr möglichst weit zu öffnen. „Ich finde unsere Unterbringung einfach nicht angemessen. Wir haben eine lange Reise hinter uns gebracht und dafür habe ich mehr erwartet. Es ist die Atmosphäre, wissen Sie, die Atmosphäre!“ Langsam kommt mir der Verdacht, dass der gute Mann auch in einem anderen Hotel nicht zufrieden wäre. Wahrscheinlich wäre auch in einem anderen Land nichts zu machen. Oder auf einem anderen Kontinent. Es gibt diese amerikanischen Spielfilme, die eigentlich dadurch unterhalten, dass Spannung aufgebaut wird und möglichst eindrucksvoll Blut fließt. „Action“ ist angesagt. Unterhaltung und sonst möglichst wenig. Manchmal haben die Drehbuchautoren dann aber doch den Ehrgeiz, ihr Publikum mit noch etwas anderem zu bedenken, als bloßem Haudrauf. Das sind dann die Szenen, bei denen die junge Polizistin mit dem alten Polizisten Weisheiten fürs Leben austauscht. Die Handschellen des gerade Festgenommenen schwenkt sie dabei noch in der Hand. Oder die Western, wenn das Lagerfeuer knistert (die Nachtaufnahmen werden auch bei Tag gemacht, die Kamera bekommt einfach einen entsprechenden Filter). Dann schiebt der Cowboy seinen Hut etwas in den Nacken sagt: „Egal, wo Du hingehst, Du nimmst dich überall mit hin. Du hast Dich immer dabei. Verstehst Du, Sam Peckinpah?“ Und Sam Peckinpah nickt.
Ich denke, unser Nörgler ist so ein Cowboy. Er hat Zypern ausgewählt, weil er dachte, „das ist es; das Größte und Beste!“ „Es kostet zwar mehr, als Du eigentlich ausgeben wolltest, aber es wird bestimmt ganz toll!“ „Das Hotel hat sogar einen Fitnessraum und Sauna und Massagen auf Wunsch!“ Er sieht eigentlich gar nicht so aus, als könne er sich so einen Urlaub nicht leisten. Seine Frau ist mitgekommen und seine beiden Töchter, aber er hat den Fehler begangen, sich auch mitzunehmen. So, wie er ist. Ich nehme die Karte hoch und will sie auf den anderen Tisch legen. Auf den Tisch, der näher an den beiden dran ist, damit ich besser hören kann, wie es weiter geht. „Was machst Du denn, da? Komm, lass uns gehen“. Anne. Ich sage, ich will auf der Karte etwas nachschauen. „Und warum geht das nicht auf dem Tisch, auf dem sie war?“. Oh, Anne. „Komm, lass uns endlich gehen!“ Ich glaube, er führt das noch aus, mit der Atmosphäre; der Frust, der sich dann einstellt. Die Balkons sind eigentlich auch zu klein. Und dann die anderen Hotelgäste. Stimmt, es gibt noch andere Hotelgäste. Und was für welche. Wir gehen. Wir werden ihn aber weiter beobachten.
Dann hatten wir einen dieser Hoteltage, wie sie zu einem richtigen Urlaub gehören. Du lässt Dich mit Büchern und Sonnenhut auf der Liege am Pool nieder und streckst Dich aus. Nach einer gewissen Zeit gehst Du ein bisschen ins Wasser der Pools. Dann sagst Du: „Anne, eigentlich könnten wir ja zum Strand gehen“. „Aber wir müssen ja gar nicht“. Du liegst auf der Liege wie ein Käfer, der sich voll gefressen hat und sein Käferleben genießt. Oder wie eine dieser großen dicken Fliegen, wenn sie genug von Deinem Kuchen oder dem fettigen Hamburger gehabt haben. Du streckst alle Viere von Dir. Und ab und zu räkelst Du Dich in eine andere Lage.
Du kannst natürlich auch den Russen zusehen. Den Russen? Richtig, in unserem Hotel gibt es Russen! Aber sie sind ganz anders, als man vielleicht denken könnte. Mit anderen Worten: viel besser als ihr Ruf.
Sicher, es kam vor dass einer im Pool stand und sein Bier am Rand aufgestellt hatte. Damit er vom Wasser aus weiter trinken konnte. Das gehört sich ja eigentlich nicht. Das machen wir Deutschen höchstens in Kuba. Wenn die Bar gleich im Pool eingebaut ist. Dann sitzt man auf dem Barhocker im Wasser und trinkt. „All inclusive“.
Die Russen hier waren in der ganz großen Mehrheit denn auch ganz anders. Zunächst ein ungewöhnliches Merkmal: sie waren durch die Bank jung. Junge Mädchen im Alter von vielleicht fünfundzwanzig Jahren mit Freunden oder mit ihren Freundinnen. Hauptsächlich mit Freundinnen. Das heißt, der weibliche Anteil der russischen Bevölkerung hier in Zypern war überdurchschnittlich hoch und weit überdurchschnittlich jung. Und sie waren stets angenehm; sehr gute Manieren bei Tisch, eine gerade, gepflegte Haltung und schick angezogen. Letzteres nach ihrem Geschmack eben. Ich habe mich einmal über eines dieser rosaroten viereckigen Täschchen amüsiert, das sich eine der jungen Russinnen unter den Arm geklemmt hatte. „Typisch russischer Geschmack, leicht schräg“, habe ich zu Anne gesagt. Sie hat mich dann aber eines Besseren belehrt. „Das ist zur Zeit Mode, mein Lieber; diese Täschchen gibt´s jetzt bei Gucci“. Na ja. Jedenfalls kann festgehalten werden, dass die Leute eher eine Bereicherung der Hotelgäste darstellten und das Spektrum der Gäste interessant erweitert haben. Ich jedenfalls hatte nichts dagegen, wenn sich in der Nähe meiner Liege zwei oder drei junge Russinnen nieder ließen. Im Gegenteil, ich habe sogar überlegt, was „Hallo“ auf Russisch heißt. Aber ich habe mich natürlich nicht getraut Anne zu fragen. Wir wollen ja keine unnötigen Irritationen hervorrufen.
Wieso diese junge russische Generation gerade in Zypern so überproportional häufig auftrat, ist mir ein Rätsel geblieben. Was ist hier so Besonderes? Mir kamen sie nicht so vor, als wären sie hierher gekommen, um die Spuren der griechischen und römischen Geschichte nach zu verfolgen. So sahen sie mir nicht aus, bei aller Liebe. Auch das Nachtleben kann doch nicht den Ausschlag bilden, vor allem, wenn die Mädchen ohnehin die Mehrheit bilden. Und dann das Geld. Woher haben die das Geld? Ich habe auch mal am Empfang danach gefragt, bekam aber eine ausweichende Antwort. Viel später, ich glaube, wir saßen mit anderen Deutschen am Tisch beim Abendessen, wurde mir gesagt, „die bekommen Sonderkonditionen“. „Es gibt ein Sonderkontingent für diese Leute“. „Aber wieso denn, das Hotel ist doch ganz gut besucht? Mit Zypern geht´s doch aufwärts? Es geht doch gerade wegen der Russen niemand, der es sich leisten kann, noch nach Ägypten oder in die Türkei?“ Schulter-zucken.
Wir haben es dann doch noch gepackt und sind an den Strand gegangen. Das Meer war noch da und so warm und seidig wie am ersten Tag. Diesmal gab es Hühnchen-Sandwich beim „Take-Away“. Das habe ich bestellt, weil am Tag vorher eine recht vornehm aussehende wahrscheinlich wirklich echte englische Dame sich auch einHühnchen-Sandwich bestellt hatte. Das Schinken-Käse-Sandwich war aber besser. Ich habe versucht, mit diesen Saucen nachzuhelfen, die in vielen Flaschen an der Bar standen. Aussichtslos. Den englischen Geschmack werde ich nie verstehen.
Noch ein Wort zur Wassernutzung: es gibt natürlich die üblichen Möglichkeiten. Man kann auf diesem motorgetriebenen, langen Gummiboot, der „Banane“, etwa zu Siebt reiten. Man kann sich mit einem Fallschirm vom Motorboot hoch- und dann übers Wasser ziehen lassen. Windsurfer oder Wellenreiter habe ich nicht gesehen. Fürs Wassersurfen verstehe ich das, es gibt eben keine richtigen Brecher hier an unserem Strandabschnitt. Das fehlende Interesse am Windsurfen kann ich mir nur damit erklären, dass diese Sportart ohnehin viele Anhänger verloren hat und dass es vielleicht etwas umständlich ist, ein Surfbrett mit auf die Flugreise zu nehmen.
Anne und ich waren einfach schwimmen. Draußen sind Bojen angebracht. Wohl als Hinweis auf den empfohlenen Schwimmbereich. Dahinter fuhren nämlich die Boote. Zum Schwimmen war das eine ganz kommode Entfernung. Ich brauchte so dreißig Minuten.
Das Abendessen wird jetzt als „Themenabend“ angeboten. Das Essensangebot steht also unter einem bestimmten Motto. Zum Beispiel, wenn ich abends Käsebrot esse, könnte das als „Schweizer Abend“ bezeichnet werden. Oder wenn ich morgens mein Müsli zu mir nehme, wäre das ein „Isländisches Buffet“ (weil natürlich alle Isländer bekanntermaßen zum Frühstück nur Müsli essen). Ich glaube, wir hatten mal einen „spanischen“ Abend, da gab es natürlich Paella. Und es gab auch mal ein „griechisches“ Buffet. Zu meinem Bedauern waren allerdings die berühmten öltriefenden Weintraubenblätter mit kalter Reisfüllung nicht dabei. Egal, wir waren immer sehr zufrieden bzw. angetan. Unsere einzige Sorge war, bei der Fülle nicht selbst zu füllig zu werden. Deshalb haben wir uns zuerst immer ganz brav viel Salat genommen, damit der Magen erst mal gefüllt ist und das Kalorienreiche dann mehr oder weniger nur als Ergänzung oben drauf kommt. Das hat natürlich zur Folge, dass nur ein kleiner Teil des Angebots wahrgenommen werden kann. Aber man muss halt auch im Urlaub ganz hart zu sich selbst sein.
Mittwoch, den 31. August 2005
Heute geht´s zur Bootsfahrt. Ein Kollege zu Hause hat sie mir empfohlen. Es wäre sehr schön und gemütlich. Gemütlich kann ich bestätigen, eigentlich zu gemütlich, fast ein wenig langweilig. Mein Kollege mag eben keinen Stress. Was ihm gemütlich ist, ist mir eher schon eintönig. Möge der geneigte Leser sich jedoch hiervon selbst ein Bild machen.
Wir wurden mit dem Bus beim Hotel abgeholt. Ein wirklich netter Bus. Ein antikes Gefährt mit vielen kleinen Fenstern, die sich aufklappen ließen. Keine Klimaanlage. Die Sitze mit dunkelrotem Kunstleder bespannt ohne Kopfstützen, dafür verchromte Bügel zum Festhalten. Das Gefährt stammte bestimmt aus den 40er Jahren und hatte genau den Charme der Fahrzeuge aus jener Zeit für uns. Ich fand es wirklich eine nette Idee, uns mit diesem alten Bus abzuholen.
Für das Boot gilt das Entsprechende. Es gab etliche Boote am Hafen von Ayia Napa, weiße Yachten, weiße Ausflugsboote mit gläsernem Boden zur Betrachtung der „wunderbaren Meereswelt“ und weiße „Disko-Dampfer“, die mit lautstarkem „Bum, Bum, Bum“ durch die Wellen schipperten, als wollten sie einem getunten Opel Corsa oder aufgemotzten Golf GTi auf Brautschau Konkurrenz machen. Unser Boot war aber einfach braun.
Wir kletterten also über den Steg hinein und suchten uns einen Tisch. Das Boot war wohl schon älteren Datums. Nicht ganz so antik wie der Bus, aber auf keinen Fall vergleichbar mit den neuen weißen Schiffen um uns herum. Mir gefiel es. Die Tische mit den einfachen Holzbänken waren direkt an der Reling angebracht und den anschließenden Mittelgang zierte eine Bretterwand, die bemalt war. Mit Fischchen, die fröhliche Lieder sangen, Meerpferdchen mit großen Augen und Quallen mit dick geschminkten Lippen. Darüber saß der Papagei. Ein echter im Käfig.
Unser Reiseführer sprach deutsch und englisch und hatte einen besonderen Humor. Man musste eigentlich schon mindestens vier Bier intus haben, um ihn witzig zu finden. Aber wir waren ja eine heitere Gesellschaft und deshalb späßchenbereit.
Zuerst wies er uns darauf hin, dass an Bord keine Toiletten zur Verfügung stünden. Dann zeigte er uns, wie das natürliche Bedürfnis dennoch erfüllt werden könne. Dazu hatte er eine Flasche mit einem kleinen Schlauch. Damit kletterte er auf die Reling und zeigte uns, wie die männlichen Mitglieder des menschlichen Geschlechts sich erleichtern können. Dazu spritzte er mit dem Schlauch in das Wasser. Er wies dabei darauf hin, dass es tunlich ratsam sei, hierbei auf den Wind zu achten, damit man nicht selbst bei dieser Aktion nass werde. Dann zeigte er, wie die Damen sich über die Reling erleichtern könnten. Er drehte sich dazu um, hielt seinen Hintern über das Meer und hantierte wieder mit dem kleinen Schlauch und der Wasserflasche. Anschließend führte er uns noch vor, wie wir uns anstellen sollten, wenn wir seekrank würden. Dazu hatte er eine Tüte. Ich erspare dem geschätzten Leser die Beschreibung der näheren Einzelheiten.
Aber damit noch nicht genug. Er wies weiter darauf hin, dass auch Getränke an Bord zu erhalten seien. Wein, Bier und Wasser. Wer Wasser haben wollte, der solle „a bottle of water“ sagen, nicht einfach „water“. Dann ging er durch die Reihen und nahm die Getränkebestellungen auf. Wer seine Anweisungen vergessen hatte und einfach „water“ sagte, dem spritzte er mit seinem Schlauch Wasser ins Gesicht.
Ich weiß nicht genau, was unseren Reiseführer veranlasst hatte, diese Späßchen sich auszudenken und uns damit zu beglücken. Vielleicht saß er eines Tages zu Hause und war ganz traurig. Vielleicht drohte ihm der Verlust seines Arbeitsplatzes. Und da hat ihm vielleicht seine Frau geraten, er müsse seinen Gästen eben etwas bieten. Die bloße Wissensvermittlung über Zypern, das Meer und die Besonderheiten dieser Ecke Europas sei viel zu wenig. Das langweile die Gäste sogar. Also hat sich unser Reiseführer eben diese Unterhaltsamkeiten einfallen lassen. Nehmen wir es ihm also nicht zu Übel.
Eine Idee, die er zu unserer Unterhaltung dann noch brachte, fand ich aber doch gut. Er holte nämlich den Papagei aus dem Käfig und ging mit dem großen Vogel von Tisch zu Tisch. Ich respektiere Papageien. Sie haben einen großen Schnabel, mit dem sie kräftig zubeißen können. Sehr kräftig. Sie haben auch große Krallen, mit denen sie kräftig kratzen können. Und wie kräftig! Außerdem können Papageien ganz schrecklich krächzen; so, dass es einem durch Mark und Bein geht.
Er ging also mit „Coco“ von Tisch zu Tisch und der Papagei nahm – meist - den Damen immer etwas ab. Die Sonnenbrille, den Sonnenhut oder was er sonst noch mit seinem kräftigen Schnabel nehmen konnte. Und das machte er wirklich geschickt. Er tat niemandem weh und behandelte die erlangten Gegenstände auch sehr geschickt und vorsichtig. Ein schlauer Papagei. Als er an unseren Tisch kam, musste Anne ihm etwas abgeben, es war ihre Sonnenbrille glaube ich; mich hat er aber verschont. Wahrscheinlich war es mein strenger Blick, der auch unseren Reiseführer davon abhielt, die Kunststücke des Papageis an mir auszuprobieren. Man strahlt halt auch unbewusst Autorität aus.
Egal, wir sind dann aufgestanden und gingen zum Bug, um uns das Meer anzuschauen. Das Wasser hier ist tiefblau. Die Wellen sind von hellweißen Streifen gekrönt, die im Sonnenlicht strahlend glitzern und glänzen. Die Luft ist klar wie an einem Wintertag in den Bergen. Wenn Du auf einem sonnigen Schneegipfel stehst, siehst Du eigentlich nur Blau und Weiß. Klare, leuchtende Farben. Großflächig lassen sie den Blick ausruhen. Die Farben bekommen Tiefe und eine ganz besondere Klarheit. Diese perspektivische Sicht gibt Dir auch dieses Meer. Und dann raschelt etwas und bewegt sich über den Wellen, huscht über die Gischt und taucht wieder ein, verschwindet, flattert wieder hoch und huscht weiter – Fliegende Fische!
Das war schon faszinierend. Ich habe mich umgedreht und unsere Mitfahrer angeschaut. Einige saßen da oben, tranken ihr Bier und streckten die geröteten Bäche in die Sonne. Ich will mal annehmen, dass sie auch so beeindruckt waren von dieser herrlichen Natur und diesem herrlichen Naturschauspiel. Zu ihren Gunsten. Andernfalls müsste ich ja vielleicht ein wenig abfällig über sie denken, wenn sie etwa nur hierher gekommen wären, um zu essen und zu trinken. Und das wollen wir ja nicht, abfällig über unsere Mitfahrer denken. Oder?
Unser Reiseführer ergriff wieder das Wort und teilte uns mit, dass ein recht starker Wind aufgekommen sei. Deshalb könnten wir vielleicht nicht so weit ran an die Geisterstadt, wie erhofft. Der Wellengang werde stärker und er wolle kein unnötiges Risiko eingehen. Wir haben sie dennoch gesehen, die Geisterstadt.
Famagusta mussten die Griechen räumen, als Nordzypern von der Türkei besetzt wurde. „Das sieht aus wie Manhattan“. Anne hat den Anblick völlig richtig beschrieben. Eine Wucht aus Steinen aufgetürmt am Meer wie eine riesige Burg, aus der Ferne grau und dadurch noch geheimnisvoller. Hotelhochbauten, die nun komplett verlassen waren; riesige graue, menschenleere Steingebilde. Sie schauten uns düster an. Wie steinerne Riesenwesen aus der Vorzeit, die ein mächtiger Herrscher chloroformiert hatte. Ich war dann eigentlich doch ganz froh, dass sie so weit entfernt waren. Man weiß ja nicht, was geschieht, wenn sie aufwachen, ihre Steinskelette räkeln, aufstehen und in einer riesigen Meeres- und Steinwoge auf uns zu wanken. Da bleib ich lieber ein bisschen weg.
Unser Boot begann den Rückweg. Es drehte langsam bei und bewegte sich näher an der Küste. Wir konnten die Hotels am Ufer besser sehen. Dabei war für mich bemerkenswert, dass etliche offenbar nicht über einen Sandstrand verfügen. Oben auf den Felsklippen standen die Liegestühle und Sonnenschirme. Unten war das Meer. Mir ist bis heute nicht klar, wie die Gäste dort vom Hotelgestühl zum Wasservergnügen kommen können. Es ist natürlich denkbar, dass die Gäste dieser Hotels besonders gute Kletterkünstler sind und sich deshalb an dieser Art des Aufenthalts besonders erfreuen. Weil sie so Gelegenheit haben, ihre sportlichen Fähigkeiten zu nutzen. Es sei jedoch gestattet, an diesem Gedankengang gewisse Zweifel zu hegen. Mir ist unser Hotel jedenfalls lieber.
Es war ja noch der Besuch in den berühmten Felsgrotten angesagt. Ich habe mir dazu vorgestellt, dass wir in Felshöhlen eindringen, Tropfsteine von oben uns bedrohen und unheimliche Wassergeister uns in der Dunkelheit der Höhlen umgeben. Dazu vielleicht unheimlich leuchtendes Gewässer und merkwürdiges Getier in der Finsternis der Felsengewölbe.
Tatsächlich ankerten wir in einiger Entfernung vom Ufer, weil ein anderes Boot näher dran war und uns den Zugang zu den Uferfelsen versperrte. Es roch außerdem nach Essen. Das kam vom Heck. Dort rotierten Fleischstücke über einem Holzkohlengrill, der wie ein Tisch aus dem Heck über das Wasser ragte. Mir war überhaupt nicht unheimlich, eher hungrig.
Unser Führer gab das Kommando zum Baden. Und die Gäste sprangen vom Schiff ins Wasser. Also paddelte die Reisegesellschaft um das Boot herum wie eine Schar Spatzen um die Tische eines Cafés streunt, wenn Kuchenkrümel aufzupicken sind. Anne winkte mir fröhlich aus dem Wasser zu. Ich sprang dann auch rein und ich muss zugeben, es hat doch Spaß gemacht, sich nach der relativ langen Fahrt auf dem Boot wieder ein wenig mehr bewegen zu können. Anne hatte mir dann sogar noch den Grottenbesuch voraus. Sie schwamm hinein, weil sie mehr Zeit hatte (ich musste nämlich zwischendurch das Alles auch noch Filmen und Fotografieren) und diese Zeit auch gleich mit diesem Ziel ausnutzte. Es war aber nicht besonders eindrucksvoll, wie sie mir später berichtete. Kein Wunder, die Höhleneingänge waren relativ groß und zur Zeit unseres Besuchs von der Sonne beleuchtet. Vielleicht war das auch Absicht unseres Veranstalters, damit keinem der Gäste auch nur ein bisschen unheimlich werden konnte. Dabei hätte ich mich ganz gern ein bisschen gegruselt.
Viel Zeit ließ er uns nicht, unser Reiseführer. Bald hatte er das Megaphon in der Hand und bat uns, zurück zu kommen. Als wir nicht reagierten, versuchte er, uns zu drohen: „das Schiff fährt gleich ab“. Das nützte auch nicht viel, es war einfach zu schön im Wasser. Da hatte er eine bessere Idee: „es gibt Essen“. Das wirkte.
Die Gäste krabbelten also wieder an Bord und es roch inzwischen richtig gut nach Gegrilltem. Ich war nass und wollte mich umziehen. Ich rannte runter aufs Klo. Natürlich gab es Klos an Bord, es waren drei kleine Kabinen unter Deck; eine nicht abschließbar, die andere stand immer unter Wasser und die dritte war immer besetzt. Der Umzugsvorgang gelang, allerdings hatte ich mir dadurch einen spürbaren Zeitnachteil eingehandelt. Die anderen Gäste waren schon dabei, sich zum Essenfassen anzustellen, als ich endlich hochkam, nachdem ich meine nasse Badehose abgelegt hatte. Da hatte sich schon eine längere Schlange gebildet. Ich bin ja bekannt für meine Geduld. Ich kann ewige Zeiten in wartenden Schlangen stehen. Mir macht es gar nichts aus, wenn die Dame an der Kasse vor mir erst mal in den Behältnissen, die sie mit sich führt, ihren Geldbeutel sucht, weil sie ja gar nicht gewusst hat, dass sie die Ware, die sie sich ausgesucht hat, auch bezahlen sollte. Und mir macht es gar nichts aus, wenn dieses Dame dann in ihrem Geldbeutel längere Zeit nach passendem Kleingeld sucht, um dann doch mit Scheinen bezahlen zu müssen, weil noch fünf Cent fehlen. Das hat sie der Kassiererin erst nicht glauben wollen. Die beiden Damen haben zwei Mal nachgezählt. Mir macht es auch überhaupt nichts aus, wenn ich an der Tankstelle im Auto darauf warte, dass die Zapfsäule vor mir endlich frei wird, und die junge Frau zwar das Auto besteigt, aber nicht wegfährt. Sie muss ja erst noch den Sicherheitsgurt anlegen. Dann muss sie natürlich noch eintragen, wie viel sie getankt hat. Dann muss sie noch den Kilometerzähler auf Null stellen. Klar. Dann hat sie den Zündschlüssel im Kassenhäuschen vergessen. Also noch mal raus aus dem Auto. Und außerdem liegt der Tankdeckel noch bei der Zapfsäule. Das sage ich ihr aber nicht, als sie endlich wegfährt.
Der geneigte Leser wird es kaum glauben, aber ich bin nicht verhungert.
Es gab gegrilltes Schweinefleisch und Salat. Wer wollte, konnte auch Wein dazu haben oder eben „Wasser“; mit den bereits beschriebenen Scherzchen unseres Reiseführers.
Nach unserer Rückkehr haben wir auch nicht auf unsere übliche Kaffeerunde verzichtet. Diesmal aber nicht an der Bar der Hotelpools, sondern in einem Café am Hafen von Agya Napa. Wie haben Filterkaffee bestellt und wir bekamen tatsächlich jeder eine Tasse mit einem Filter. Das Wasser dazu war eher lauwarm. Dies hatte den Vorteil, dass sich das Koffein aus dem Kaffeepulver nicht so sehr löste. Das Getränk, das wir deshalb zu uns nahmen, war daher in seiner anregenden Wirkung einem dünnen Tee vergleichbar. Ich würde sagen, typisch englisch eben. Der Engländer trinkt seinen Kaffee, wenn überhaupt, total dünn. Der schmeckt ihm dann nicht. Kein Wunder. Darum trinkt der Engländer lieber Tee. Wieder etwas gelernt.
Der Hafen hier ist recht klein, beschaulich und pittoresk. Mir haben besonders die vielen unterschiedlichen kleinen Boote gefallen, die hier ankerten. Darunter waren auch einige Fischerboote, die anscheinend auch noch wirklich benutzt wurden und nicht nur als Fotomotiv für die Touristen dienen sollten. Also, in Agya Napa lohnt der Besuch des kleinen Hafens. Kamera nicht vergessen.
Nach dem Abendessen hatten wir dann noch ein Erlebnis der besonderen Art. Es wurde uns klar, weshalb die kleine Stadt einen besonderen Ruf hat und warum die vielen jungen Russinnen und Russen so gerne hierher kommen. Wie spazierten wieder wie immer zum Marktplatz mit dem Kloster, entschlossen uns dann aber, ein wenig weiter zu gehen. Es gibt da noch einige kleine Sträßchen bergauf. Und das war´s dann: Uns blieb die Spucke weg. So etwas habe ich noch nie erlebt. Heidelberg im Hochsommer abends ist ein lautloses, einsames Städtchen dagegen.
Nachbildungen von Geisterbahnen, Burgen, verfallenen Schlössern und römischen Amphitheatern standen plötzlich vor uns; dazu von überall her lautstarke Musik in den Sträßchen, als würden 400 Opel Astra auf einmal zeigen wollen, wie druckvoll die im Kofferraum neu eingebauten Basslautsprecher sind. Es wummerte und blubberte, es dröhnte und rummste; eine Kakophonie von lautstarken Phonstürmen, eine Flut von Druck- und Schallwellen aus den Gebäuden an den Straßen überflutete uns. Stell Dir eine amerikanische Großstadt vor, Las Vegas oder die Fifth Avenue in New York, mit ihren glitzernden, zuckenden, blendenden Lichtreklamen. So war das hier. Aber es gab weniger Lichtblitze, die Dich stroboskopartig blendeten; es war vielmehr ein akustischer Überfall, der Dich lähmte.
Dazu die Leute. Sie standen in den irrwitzigsten Kostümen auf den Gassen und machten Dich an. Der Eine hatte eine elektrische Fackel in der Hand, der Andere ein Schwert. Es gab auch Geister. Die forderten Dich auf, ihre düsteren Etablissements zu betreten und mit zu machen bei dem akustischen Wahnsinn. Ich bin schnell weiter gegangen. Als sorgenvoller Vater hatte ich ein sehr ungutes Gefühl, wenn ich zusehen musste, wie diese netten jungen Mädchen arglos den Aufforderungen der monströsen Gestalten der Straße folgten. Sie waren noch so jung und so nett, die Mädchen. Sie lachten und folgten arglos den Rattenfängern von Agya in deren Höhlen. In diese akustischen Unterwelten, in diese Orte der Verdammnis, in diese Vorzimmer für Hörgeschädigte. Um die Jungs machte ich mir weniger Sorgen, die sollten ihre Abenteuerlust befriedigen können, die waren bestimmt schon 18 Jahre alt und damit dazu legitimiert, als Soldaten in den Krieg zu ziehen und zu töten. Aber die Mädchen. Ich wurde ein zittriges Väterchen. Ich dachte an Karin und Ingrid und Eva. Nie, nie würde ich mir vorstellen wollen, meine goldigen Töchterchen in diesen düsteren Gassen mit diesen brutalen Drohungen und Gefahren zu sehen.
„Komm, wir gehen“. Merkwürdigerweise schien Anne das Ganze nicht so viel auszumachen wie mir. Sie trabte neben mit her und schien sich eher zu amüsieren. Aber ich wollte zurück in mein sicheres Hotel, zu meiner Bar und meinem Tisch im Freien mit dem Glas zyprischen Bier, das mir der nette Kellner bringen würde. Und zu der friedvollen Stille des Hotels, die nur untermalt wurde von den Wassergeräuschen der Pools. Keine Gefahren für junge, arglose Mädchen mit ansehen müssen. Lieber ältere Damen, die am Nachbartisch Scrabble spielen.
Mit der Rückkehr zum Hotel ergab sich aber ein Problem. Wir wussten den Heimweg nicht mehr. In den engen Sträßchen und Gassen in der Dunkelheit, die sich kurvig durch den Ort schlängelten, war es unmöglich, sich zu orientieren. Wir schafften es irgendwie, aus den so heftig beschallten Bereichen heraus zu finden. Aber der Rest war auch wie ein Irrgarten. Du denkst, Du läufst in südlicher Richtung zum Meer und dann geht es wieder bergauf. Was ja nicht sein kann, wenn Du zum Meer willst. Nicht gerade erleichternd waren dabei die Diskussionen mit Anne. Du läufst ziemlich unsicher eine Gasse entlang und willst dann nach links abbiegen. „Wo willst Du denn hin?“ „Richtung Hotel, natürlich“. „Bist Du sicher, dass es da lang geht?“ Natürlich bin ich nicht sicher, woher auch, ich bin doch nicht der lebende Stadtplan von Agya.
Irgendwann glaube ich, eine Bar zu sehen, die mir bekannt vorkommt. Jedenfalls scheint sie mir bekannt zu sein. Ich müsste sie eigentlich schon mal gesehen haben. Und zwar in diesem Leben. Gerade will ich sagen: „ich glaube, jetzt sind wir richtig“. Da höre ich: „Hier waren wir noch nie! Wo läufst Du denn jetzt wieder hin!“
Das ist dann der Moment, in dem Du Dich als Führungskraft beweisen musst. Du hast eigentlich keine Ahnung, aber Du darfst Dir das nicht anmerken lassen. Wenn Du falsch liegst, hast Du es Dir als Führungskraft natürlich versiebt. Jedenfalls bis zur nächsten Probe. Aber wenn Du Glück hast, kannst Du gut punkten und Deine Stellung ist gesichert. Jedenfalls bis zum nächsten Mal. Auf diesem Sektor. Natürlich nicht beim Kochen. Oder der Frage, wo in diesem Satz der Ablativ zu finden ist.
Ich sage also: „ich bin mir ziemlich sicher, das Restaurant kenne ich und den Laden da drüben auch. Erinnerst Du Dich wirklich nicht mehr?“ Anne schaut angestrengt auf den Laden und versucht wirklich, sich zu erinnern. Die Arme. Was bin ich fies. Ich habe nämlich auch keine Ahnung. Aber es muss sein, ich weiß es. Irgendwie haben wir dann tatsächlich wieder unsere Straße gefunden, die zum Hotel führt. Ich weiß bis heute nicht, wie. Anne glaubt, es sei mein unglaublich guter Orientierungssinn. War es nicht. Es war Glück und Zufall. Wahrscheinlich lag es einfach daran, dass Agya eben kein besonders großes Städtchen ist, so dass jeder Idiot irgendwann sein Hotel irgendwie wieder findet. Deshalb ist das Städtchen vielleicht auch so beliebt und bekannt geworden. Die Touristen finden hier relativ sicher ihre Hütte wieder. Auch ein nicht zu unterschätzender Vorteil für die Polizei und die Stadtverwaltung. Wir kamen also nach einem längeren Marsch wieder wohlbehalten nach Hause und ich hatte meine Position als Führungskraft gesichert. Auf diesem Sektor. Für dieses Mal.
Donnerstag, der 01. September 2005
Heute haben wir wieder unseren „Ruhetag“. Also keine Ausflüge. Statt dessen: Strand, Pools und Hotel. Vielleicht der richtige Zeitpunkt, einmal einige Fakten über Zypern darzulegen. Zumal wir morgen unsere Tour durch das Land vorhaben.
Makarios. Das ist vielleicht das Erste, was einem einfällt, wenn man sich mit der Geschichte Zyperns beschäftigen will. Der unvergessene und hier immer noch sehr verehrte Erzbischof Zyperns. Ich erinnere mich an einen Herrn in einer schwarzen Robe mit einem weißen Kragen. Ein weißer Bart. Im schwarz-weiß Fernseher. Immer wieder hat die Insel das Aufsehen der Weltöffentlichkeit für sich gewonnen. Warum? Sie ist zwar mit 9240 km² nicht gerade klein, hat aber mit gerade mal 750.000 Einwohnern allenfalls die Größe einer mittleren mitteleuropäischen Hauptstadt. Die Insel hat auch einen richtigen Berg, den „Olympos“ (Höhe 1.952 m), auf dem im Winter das Skifahren möglich ist. Aber so hoch ist der Berg nun auch wieder nicht, dass die Insel deshalb immer wieder in den Mittelpunkt der internationalen Medienberichterstattung gelangen musste.
Weshalb sich die UNO und die Europäisch Union immer wieder mit der Insel beschäftigen mussten und auch heute noch damit befassen muss, erklärt sich demjenigen, der sich ein wenig mit der Geschichte der Insel befasst:
„Weise ist, wer ein naturgemäßes Leben führt. Besitz und Ehre sind nicht wichtig. Weise ist auch, wer den Zustand der Leidenschaftslosigkeit erreicht hat, zugleich aber gerecht ist und ein Menschenfreund“.
Diese Regeln für eine richtige Lebenseinstellung könnten aus dem Buddhismus stammen, vielleicht mit einem Schuss reinen kommunistischen Gedankenguts gewürzt. Ein moderner Eklektiker unserer Zeit könnte sie sich ausgedacht haben. Die Gedanken sind aber viel älter. Sie stammen von Zenon, einem Sohn Zyperns, der im alten Athen ca. 300 v. Chr. die Schule der Stoiker begründete. Angestrebt wird ein Zustand der Leidenschaftslosigkeit mit dem Ziel, die richtigen Handlungen frei von Gemütsverwirrungen zu ergreifen. Dieser Maßstab wäre sicherlich auch heute für viele unserer Entscheidungsträger zu empfehlen. Allerdings haben es die Jünger der Stoika dann auch ein wenig übertrieben: nicht wenige Anhänger der Lehre nahmen sich selbst das Leben. Der erstrebenswerte Endzustand des Seelenlebens dieser Philosophie wird heute mit Apathie bezeichnet. Man sollte eben nichts übertreiben. Es aber hat sicher seinen Grund, weshalb ausgerechnet ein Mann aus Zypern sich diese Weltanschauung erdachte:
Die Geschichte Zyperns ist nämlich sehr wechselhaft. In ihrer über 9000-jährigen Geschichte war die Insel immer wieder Spielball verschiedenster macht- und handelspolitischer Interessen. Schon der Name der Insel belegt dies: Aus „cuprus“, Kupfer, wurde „zypros“ und dann eben „Zypern“. Diese Namensentwicklung beruht auf den Kupfervorkommen, die bereits 2500 v.Chr. hier entdeckt und genutzt wurden. Damit war Zypern bereits sehr früh erheblichen Begehrlichkeiten ausgesetzt. Und dann die strategische Lage im Mittelmeer, die zum Beispiel Ende des 19. Jahrhunderts die Engländer dazu veranlasste, sich hier festzusetzen. Die Bevölkerung musste also viel ertragen.
In ihren Anfängen war die Insel besonders stark von den hellenistischen Einflüssen geprägt. Der prägende Einfluss der griechischen Kultur überdauerte auch die Zugehörigkeit zum römischen Weltreich. In dieser Zeit kam es übrigens zu einem – aus unserer heutigen Sicht - bemerkenswerten geschichtlichen Ereignis: 116 nach Chr. gab es einen Aufstand gegen die römische Herrschaft, bei dem in Salamis sämtlich nicht-jüdischen Einwohner ihr Leben verloren.
Die griechischen Grundlagen der Inselbewohner überdauerten dann auch die byzantinische Herrschaft unter Karl dem Großen sowie die Regentschaft von Richard Löwenherz, der hier heiratete. Ein wichtiger Abschnitt in der Geschichte darf aber nicht vergessen werden, um die heutige Lage des Landes zu verstehen: Über 300 Jahre, bis zu ihrer Zugehörigkeit zum britischen Empire im Jahre 1878, war die Insel unter türkischer Herrschaft. Dies war eine der wichtigsten historischen Grundlagen für die Türkei, sich auf der Insel zu etablieren. Damit wurde aber auch die Basis für eine Zwietracht geschaffen, die bis heute die Inselbevölkerung spaltet. Es ging nicht gut mit den beiden Völkern auf der Insel. Unterschiedliche Konfessionalität. Vielleicht nicht besonders große, aber doch deutliche Unterschiede in der Mentalität. Historische Reibereien, deren Folgen und Wirkungen sich bis in die Gegenwart auswirken.
Die griechischen Einwohner Zyperns waren dem Gedanken der Angliederung an Griechenland verfallen – unter der Parole „Enosis“. Bei der Gründung des selbstständigen Staates im Jahre 1960 wurde diese Idee mit einer komplizierten Verfassung vergraben, die vor allem auch den Schutz der türkischen Minderheit im Auge hatte. Eigentlich konnte es nicht gut gehen; was zu kompliziert ist, ist nicht auf Dauer haltbar. Unserem Fernseherhelden Makarios ist es dennoch gelungen, dieses Staatengebilde immerhin 14 Jahre zu bewahren. Aber die Entwicklung im Griechenland überrollte auch Zypern. Die griechische Militärjunta wollte bei der griechischen Bevölkerung Zyperns Punkte machen und schürte ständig die innerinsularen Konflikte. Im Juli 1974 schließlich stürmte die griechische Nationalgarde den Präsidentenpalast, der dabei in Schutt und Asche ging. Dem Vernehmen nach galt dieser Anschlag auch dem Staatspräsidenten Makarios, der den griechischen Bestrebungen der Enosis nicht nachgeben wollte.
Diesem Überfall sah die Türkei nicht tatenlos zu: ihre Truppen besetzten den Nordteil der Insel. 145.000 Menschen flohen daraufhin in den Süden, 60.000 sahen sich gezwungen, in den Norden zu ziehen. Fast ein Drittel der Einwohnerschaft wurde also entwurzelt und verlor ihre Heimat, ihr Hab und Gut, und viele auch ihr Leben. Das wirkt bis heute nach. Politisch und faktisch ist das Land geteilt, die griechische Republik ist internatonal akzeptiert, die türkische Republik Zypern wurde von der UNO nicht anerkannt und unter ein Handelsembargo gestellt; das heißt, die türkischen Zyprioten hängen am Tropf eines Landes, dem es wirtschaftlich auch besser gehen könnte. Das erklärt den Eindruck des wirtschaftlichen Rückstands in diesem Teil der Insel, wie er uns später bei unserer Tour besonders aufgefallen ist.
Trotz dieser widrigen wirtschaftlichen und politischen Umstände: die „Insel der Götter“ wird Zypern genannt, nicht nur, weil Aphrodite hier geboren ist, sondern sicher auch wegen des herrlichen Klimas und der vielen Sonnentage: in den Monaten März bis Oktober regnet es höchstens drei Tage im Monat, in den Monaten Juni bis August durchschnittlich überhaupt nicht. Vielleicht sollten sich diese Götter einmal besinnen und sich ein wenig dafür einsetzen, dass die Menschen der Insel zusammen finden. Nikosia ist noch die einzige geteilte Stadt der Welt, nachdem Berlin dieses Schicksal überwinden konnte. Vielleicht geben sie sich ein bisschen mehr Mühe, die Götter, und schaffen es, die zwiespältigen Strömungen der Insel zu vereinen. Die Menschen, wie wir sie persönlich kennen gelernt haben, hätten es auf jeden Fall verdient. Wirklich.
Wir hatten also einen gemütlichen Tag mit Süß- und Salzwasser, der zuverlässigen Sonne und unseren Büchern. Beim Abendessen wurde es dann etwas peinlich. Nicht für uns. Oder doch? Meistens hatten wir einen Tisch für uns alleine. Wir hatten aber auch nichts dagegen, wenn gelegentlich andere Gäste bei uns waren. Dann wurden eben die üblichen Floskeln ausgetauscht. Diesmal erlebten wir aber etwas Besonderes: wir wurden zu einem Tisch geführt, an dem bereits ein Ehepaar mit zwei Kindern saß. Die Tochter war vielleicht 12 Jahre alt, der dickliche Bub so um die acht Jahre. Der Mama war gleich anzusehen, dass ihr gutes Essen wichtig war. Der Vater hatte einen Schnauzer unter der Nase und einen rundlichen Kopf. Bayern.
„Dös is doch nix!“ Der Junge streckte beide Arme aus und wackelte und strampelte mit den Beinen. „Dös is doch nix!“ schrie er noch einmal und zupfte seiner Mutter am Ärmel. „Schschsschsch“. Der Vater zischte ihm lächelnd zu. „Jetzt schau doch erst a mal wos es gibt! Da werdn wia scho was finden für Dia“. „Naa, des is olles nix!“ Der Junge hüpfte nun auf seinem Stuhl auf und nieder. „Schschschsch“. Die Mutter hatte einen der „üblichen“ Teller vor sich stehen, beladen mit mehreren Sorten Fleisch, Kartoffeln und Nudeln, Gemüse und viel Soße. „Do schau her, was i hab, mogst des net, des is doch guat!“
„Naa, dös will i net, dös is doch nix!“ Der Vater: „Jetze komm mir ganga zum Buffet, do schaust amol“. „Naa, do gibt´s nix. I will net“! Der kleine Kerl strampelte und hampelte auf seinem Stuhl. Die Mutter: „Jo, mogst an Hamburger? An Hamburger wär scho recht – oder?“ Inzwischen war einer der Kellner an unseren Tisch geeilt. Er stand da in seinem schwarzen Anzug mit seinem Blöckchen in der Hand, ganz dienstfertig, mit leicht nach vorne geneigtem Oberkörper, um ja auf keinen Fall eine Bemerkung der wertvollen Gäste zu überhören. Anne und ich schauten uns an. Anne hatte diesen durchdringenden, strengen Blick. „Bringens dem Bub einen Hamburger, bitte“. „With Pommes Frites?“ „Ja klar, mit Pommes Frites, s hot halt Hunger, des Kind, gell“. Es gibt so die Momente, da fehlen einem die Worte. Später weißt Du dann, wie Du hättest reagieren können. Hinterher ist man immer klüger. Anne und ich waren in dem Moment aber wie paralysiert. Vielleicht hätten wir uns einmischen sollen. Wir hätten uns den Bub vorknöpfen können. Ihm deutlich mitteilen, was wir von seinem unmöglichen Verhalten denken. Den Eltern raten, den ungezogenen und frechen Bengel einfach ohne Essen ins Bett zu schicken.
Stattdessen unterhielten wir uns über Dies und Das und taten so, als ob uns das ungeschorene Verhalten dieses verzogenen Bürschchens nichts anginge. „Dös schmeckt Dir jetzt, gell!“ Inzwischen hatte der kleine Kerl eine riesige Portion Pommes Frites mit einem Hamburger und Ketchup erhalten und schlang das Ganze fußwedelnd in sich hinein. Dabei griff er immer wieder mit der linken Hand auf den Teller seiner Mutter und bediente sich dort auch noch. Von dem Essen, welches „nix is.“
Freitag, der 02. September
Heute machen wir unseren Ausflug in den türkischen Teil Zyperns. Man benötigt dafür ein Visum. Wer es verpasst, am selben Tag wieder in den griechischen Teil zurück zu kehren, muss über die Türkei, über Ankara, zurück. Das ist natürlich ein Weinig umständlich. Unsere Reiseführerin spricht nur englisch mit uns. Unsere Mitfahrer sind vielleicht echte Engländer, ich weiß es nicht, man sieht es ihnen eigentlich nicht an. Sie sind nicht besonders weiß, haben vor allem keine durchscheinende weiße Haut wie Porzellan und sie sehen eigentlich auch nicht so aus, als würden sie sich nur von Tee und Steaks mir Pfefferminzsoße ernähren. Aber jeder kann sich ja irren.
Wie fahren also los und ich wundere mich, wie groß Agya eigentlich ist. Die Vororte sind schon beachtlich. Was auffällt, sind kleine Ortsteile mit immer gleich aussehenden Häuschen, sie haben vor allem einen überproportional großen Schornstein. Sie erinnern ein wenig an diese Krabben mit der einen riesigen Schere. Ich weiß auch nicht recht, was das soll. Vielleicht steckt dahinter englischer Humor, der sich dem normalen Sterblichen ja auch nicht so ohne weiteres erschließt. Jedenfalls ist unschwer zu erkennen, dass es dem griechischen Teil Zyperns dem Grunde nach recht gut zu gehen scheint. Hier wird noch investiert. Es wird gebaut. Wo das Geld allerdings herkommt, ist mir schleierhaft. Aber es gibt bekanntlich auch reiche Griechen. Wer erinnert sich nicht an Onassis.
Unsere Fahrt ist recht lang, die Landschaft reißt einen weniger vom Hocker bzw. vom Bussessel. Vielleicht, ja wahrscheinlich, liegt es an der Jahreszeit, dass die Aussichten sich farblich auf ein helles Braun reduzieren. Keine bunten Wälder, keine farbigen Pflanzungen, keine Orangenhaine oder Zitronenplantagen sichtbar. Nur eine ausgedehnte, einförmige Gegend.
Wir umrunden die Hauptstadt und sind bald an der Grenze. Vorher werden wir auf die UNO-Stationen hingewiesen. Viel ist da aber auch nicht zu sehen. Ein paar Bretter in der leeren Landschaft und gelegentlich ein kleines Wachhaus. Unsere Führerin weist uns noch auf einen Zaun hin, der die landwirtschaftlich genutzten Flächen durchschneide. Ich sehe keinen Zaun.
Der Grenzübergang erweist sich auch als weit weniger unterhaltsam, als angenommen. Keine bewaffneten Kontrolleure mit wildem Blick, die Kalaschnikow quer vor sich hängend, entern unseren Bus. Unser Fahrer geht halt in das Grenzerhäuschen, gibt unsere Papiere ab und etwa zehn bis fünfzehn Minuten später fahren wir weiter.
Man merkt dann aber sofort, dass wir in der „Türkei“ sind. Ein kleiner Paradigmenwechsel. Es ist alles ein bisschen zerfallen und ärmlich. Nicht wie der säuberliche griechische Teil der Insel (soweit wir ihn gesehen haben). Schon die Autowerkstätten. Das sind einfach größere Garagen, in denen die Öltonnen stehen und dunkel verschmierte Männer ihrer Arbeit nachgehen. Keine glänzende Werbung und kein Kachelboden, der so sauber ist, dass man von ihm essen kann, wie in manchen deutschen Autokliniken der Premium-Marken.
Ich hatte den Eindruck, als sie hier die kriegerische Auseinandersetzung bei der Trennung der beiden Nationen noch lange nicht verarbeitet.
Und so hingen die Kabel für die Straßenbeleuchtung fröhlich runter wie Girlanden, die jemand für eine Straßenfeier aufgehängt und sie dann vergessen hatte. Die Gebäude hatten schon Dächer, die waren allerdings mit viel Fantasie und Flickschusterei repariert. Nicht so schlimm, hier regnet es ja kaum. Etliche der Gebäude hatten auch Anbauten, die freilich eher provisorisch ausgeführt schienen. Aber nichts ist eben für ewig. Vielleicht hat man hier auch andere Prioritäten. Wenn ich an den Zustand meines Zimmers denke, das seit zwanzig Jahren nicht mehr renoviert wurde, kann ich das irgendwo gut nachvollziehen. Wenn es aber wirklich die Armut und die Mittelknappheit sind, die zu diesen Ergebnissen geführt haben, muss der Bevölkerung hier aller Respekt gezollt werden. Dann ist es nur zu bewundern, wie sie sich in ihrer schwierigen Situation zu helfen weiß.
Erste Etappe unserer Reise führte uns wieder nach Famagusta, diesmal aber vom Land aus und dann in die Altstadt. Die toten Hotelburgen waren nicht zu sehen, Famagusta hat noch christliche Kirchen. Anne hatte sich vorher bei unserem „Syrer“ erkundigt, ob bestimmte Bekleidungsbestimmungen zu beachten seien, wenn wir die Kirchen und Klöster besichtigen wollten. „Machen Sie sich keine Sorgen. Das sind doch Mohammedaner. Denen ist es wirklich völlig egal, wie sie angezogen sind, wenn sie diese Gebäude betreten.“ Er hatte Recht.
Die „Hauptkirche“, Sankt Nikolaus, im gotischen Baustil liegt im Zentrum an einem kleinen Platz, der gesäumt ist von einstöckigen Cafés und kleinen Restaurants. Damit ist sie immer noch ein dominierendes Bauwerk. Das war aber auch schon alles. Der Einfallsreichtum der mohammedanischen Einwohner des Dorfes hat auch vor dieser Kirche nicht halt gemacht. Die Kirche hat zwei Türme. An dem einen Turm war das Megaphon des Imam angebracht. So konnte von hier aus über den Platz und einen großen Teil des Städtchens zum Gebet gerufen werden. Ein Kirchturm als Minarett. In den Nischen fehlten alle Steinfiguren. Alle Apostel, Heilige, Päpste, Schutzgeister, Dämonen, Gruselfiguren und alles sonst, was die Steinmetze üblicherweise an diesen Stellen an einer Kirche untergebracht haben, ist von den Mohammedanern weggenommen worden.
Ich habe mich gerächt. In der Kirche waren Klos untergebracht. Recht rustikal, Plumpsklos. Irgendwo hing ein Pappschild, dem zu entnehmen war, dass die Benutzung nicht umsonst sei. Es war niemand zu sehen, dem ich einen Obolus hätte entrichten können. Wirklich nicht. Also bin ich einfach rein und habe das erledigt, was sich dort als Tätigkeit anbietet. Wie ich dann wieder raus kam, stellte ich fest, dass ich die Örtlichkeit benutzt hatte, die für das weibliche Geschlecht vorgesehen war. Da war´s auch sauberer. Jetzt waren einige Herren aufgetaucht und glotzten mich irritiert über ihren hübschen Schnauzbärtchen an. Ich schwenkte meine Kameras, setzte meinen Fotografenblick auf, tat geschäftig künstlerisch und verschwand.
Obwohl die Kirche ihres Zierrats und der wichtigen christlichen Symbolik beraubt war, hatte sie doch etwas behalten: ihr Baukörper, ihre Architektur und ihre Dimension vermittelten Größe und Schönheit. Sie hatte eine charismatische Ausstrahlung für mich. Vielleicht gerade wegen ihrer Beschädigungen und Verletzungen wirkte sie um so sympathischer. Ein Haus Gottes, das sich nicht unterkriegen lässt.
Wir sind dann noch ein bisschen auf dem Bau herumgeklettert und konnten über eine verfallene Steintreppe auch eine Stelle oben erreichen, von der aus der Platz und das kleine Dorf sich unter uns darboten. Hübsch, hier oben. Wenn nur die leeren Bierflaschen nicht gewesen wären. Vielleicht sind verlassene christliche Kirchen der einzige Ort auf der Welt, an dem es Mohammed seinen Gläubigern gestattet, Alkohol zu trinken. Immerhin, das wäre für mich ein anderes nachvollziehbares Motiv für den „Heiligen Krieg“.
Wir haben uns dann noch eine weiteres Gottesgebäude angesehen. Diese Kirche war aber nur noch ein besserer Steinhaufen. Die Mauerbögen standen noch, aber sonst war das Ganze schon sehr Ruine. Dennoch: auch dieses Bauwerk strahlte einen gewissen Glanz und eine gewisse Eigenart aus, die ihren besonderen Reiz hatte. Vielleicht lag es an der besonderen Situation und Lage hier. In Deutschland sind wir halt unsere christlichen Trutzburgen gewohnt, die auch bei kalten Tagen, bei Regen und Schnee, geistige Zuflucht anbieten sollen. Dabei sind unsere Kirchen manchmal auf eigenartige Weise ein bisschen unnahbar.
Und nun stehst Du hier in dieser feucht-warmen, fast tropischen Luft und durch die offenen Mauerbögen siehst Du Palmen. Die Sonne gibt den steinernen Zeugen der hiesigen christlichen Vergangenheit helle, freundliche Farben. In der Umgebung wird im Freien gearbeitet und gelebt. Niemand scheint sich so abzuschotten wie bei uns, bei unserem mitteleuropäischen Klima. Da wirken auch die steinernen Bauten auf eigenartige Weise weniger schwer und weniger bedeutungsschwanger.
Wir wollten uns noch einen Kaffee gönnen, das war aber mit Stress verbunden. Unsere Reiseführerin hatte uns nämlich nur 45 Minuten Zeit gelassen für unsere Besichtigungen. Und als wir in dem kleinen Café am Busparkplatz gerade bestellt hatten, sahen wir, wie unsere Reisegesellschaft schon geschlossen zum Bus strebte. Der junge Kellner war sehr freundlich und hat uns schnell bedient. Dennoch setzte es verbrannte Lippen und verbrannte Zungen.
Die nächste Station auf unserer Tour durch Zypern war etwas für Studenten, die gerne neidisch werden wollen. Wir besuchten eine ehemalige griechische Universität. Für die Immatrikulierten standen unter anderem mehrere Bäder zur Verfügung. Zwei Bassins mit kaltem Wasser und ein großer Raum mit einem Warmwasserbecken. Der hatte Fußbodenheizung, damit die nackten Fußsohlen der jugendlichen Studenten nicht leiden mussten, falls es hier einmal nicht ganz so gemütlich warm wäre. Das Studium hatte seinen Schwerpunkt bei den sportlichen Fächern, deshalb waren an die Bauten verschiedene Sportplätze und auch eine größere Sportarena angegliedert. Aber auch Philosophie und andere Geisteswissenschaften zählten zum Angebot. Besonders hervorzuheben ist, dass auch die Unterhaltung auf keinen Fall zu kurz kam. Im Gegenteil: die Universität verfügte über ein großes Theater, das über 15.000 Zuschauer fassen konnte. Groß genug, um alle Einwohner der gesamten Stadt unterzubringen. Unsere Politiker brüsten sich immer damit, wie wichtig Bildung sei. Es ist auch durchaus anzuerkennen, dass für die Universitäten und Forschungseinrichtungen bei uns viel Geld ausgeben wird. Im Vergleich zu dem, was die viel kleineren Völkergemeinschaften vor über 3000 Jahren geleistet haben, erscheint unsere heutige Leistung dann aber doch in einem anderen Licht. Ich glaube nicht, dass wir heute für unsere Studenten in Heidelberg ein Freilufttheater bauen würde, das auch nur 60.000 Zuschauer und damit die Hälfte der Einwohner unserer Universitätsstadt fasst. Wie das Theater, das die Einwohner Zyperns in der damaligen Zeit geschaffen haben. Kurzum, die Besichtigung des Amphitheaters und der baulichen Einrichtungen der sagenhaften Stadt Salami an der Ostküste Zyperns lohnen auf jeden Fall.
Die Zeit wurde wieder knapp. Unsere Führerin hatte uns die Baulichkeiten erklärt und anschaulich geschildert und ich wollte gerade loslegen, um ein paar „unvergessliche“ Fotos zu schießen. Von der Art, wie sie dann nach Deiner Vorstellung in Hochglanzfotomagazinen abgebildet werden. Mit einer ungewöhnlichen, ganz außerordentlichen Perspektive, die in einzigartiger Art und Weise diese Stimmung mit den herrlichen Rundbögen wiedergibt. Dazu das Farbenspiel einfangen, welches sich über die Rundbögen ergießt und darunter verschämt wieder zum Vorschein kommt wie eine griechische Jungfrau am Brunnen, wenn sie sich schüchtern zum ersten Mal ihrem Liebsten nähert. Der sie nackt und barfüßig im Schatten einer Steinbrücke erwartet und nur in eine leichte Toga gehüllt ist. „You can shoot your photos now. You have five minutes“. So viel zur künstlerischen Freiheit auf Bustouren.
Wir fuhren an Nikosia vorbei und dann Richtung Norden. Unser Bus wurde langsamer und langsamer; es ging steil aufwärts in die Berge. Diese Gebirgskette trennt Zypern in der Mitte – ähnlich wie die Alpen Südeuropa von Mitteleuropa trennen, allerdings natürlich in einem viel kleineren Maßstab. Weiter nach Westen ist das Gebirge auch deutlich größer, es bedeckt einen wesentlichen Teil der Insel; sogar Wintersport ist hier gelegentlich möglich. Der Berg „Olympos“ hat einen eigenen Skilift. Mir war aber ohnehin nicht nach Skifahren oder Eislaufen; ich war froh, dass es derzeit so mollig warm war.
Das letzte Zeugnis christlicher Baukunst, das wir besichtigten, war eine Kirchenanlage in Keryneia an der Nordküste. Ich denke, dass auch ich – nicht bloß die kunstgeschichtlich versierte und erfahrene Anne - schon auf eine gewisse „Kirchenhof –Erfahrung“ verweisen kann. Schließlich waren wir in Italien und Frankreich und auch sonst schon in etlichen Kirchenanlagen und konnten also recht oft an besonderen Bauformen erfreuen. Aber die Anlage dieser Kirche gehört zum Schönsten, was ich je erlebt und gesehen habe.
Auch hier hatte der Zahn der Zeit die Bauten ziemlich zerstört. Dadurch war sie aber vielleicht noch schöner. Es schien mir, als ob gerade dadurch die Steinbögen und die architektonischen Strukturen noch besser zur Geltung kommen. Die Anlage war deshalb „durchschaubarer“; die Sichtpunkte konnten besser in ihrem Gegeneinander identifiziert werden. Ein Baum mit vielen grünen Blättern ist ja ganz nett. Aber wenn Du die Struktur der Äste und Zweige und ihre feinen Verästelungen erkennen willst, ist es vielleicht besser, Du schaust ihn Dir im Winter an, wenn die Blätter gefallen sind.
Das Beste waren jedoch die Blumen. Überall in der Anlage wuchsen sie. Gelb und orange blühende kleine Meisterwerke der Natur. Nicht in einzelnen Exemplaren, nein, großflächig wucherten sie fast, überall, an den Steinen, Mauern, Gewölben. Als hätte jemand den verlassenen Bauten ein Abschiedsgeschenk machen wollen.
Ich zückte die Kamera und krümmte und wand mich in den ungemütlichsten Positionen, um dieses einzigartige Schauspiel möglichst nahe der Wirklichkeit abbilden zu können. Das warme Gestein in der Sonne mit dem typischen Schattenwurf, der nur im Süden so plastisch und vielschichtig vorzukommen scheint und die Zeugnisse der lebenden Natur, die sich an diese Steinblöcke anschmiegten, als wären sie eins.
Einen Raum darf ich nicht vergessen, um meiner Chronistenpflicht zu genügen: die Kirche war noch teilweise baulich intakt. Das Kirchenschiff jedenfalls war noch erhalten. Dessen Inneres ist sehr dunkel und auch noch mit dunklem Holz ausgekleidet. Nach dem hellen, sonnigen Tageslicht herrscht hier eine stille Dämmerung. An der Rückseite gegenüber dem Eingang hängen vergoldete Ikonen aus dem Mittelalter. Ihr ruhiger Glanz verstärkt die Dunkelheit dieses Raums eher noch. Einige von Ihnen sind einzigartig und äußerst wertvoll. Sie gehören zu den wohl letzten Schätzen des Christentums, die hier im türkischen Teil Zyperns erhalten geblieben sind.
Wir müssen weiter. Eigentlich hätte ich gerne noch etwas gegessen, da war schon ein nettes Lokal in Sicht, aber unsere „Guide“ verlangt, dass wir wieder uns zum Bus begeben. Zum Glück ist es nicht mehr weit zu unserer nächsten und damit letzten Station der Rundreise. Das eben besichtigte Kloster lag nämlich oben am Berg und unser Zielort ist einfach unten; wir konnten ihn eigentlich schon sehen. Der Bus fährt also ins Dorf Keryneia hinein und wir bekommen mitgeteilt, dass wir nun zwei Stunden „zur freien Verfügung“ hätten. Unsere Reiseführerin gibt uns noch einen wichtigen Hinweis: wenn wir nach links gehen, kommen wir zu einer Einkaufsstraße, in der wir Souvenirs und anderes Konsumgut erstehen können; wenn wir nach rechts gehen, führt der Weg zu den Restaurants der Stadt. Alle gehen nach rechts.
Anne und ich gehen durch die Gassen und erreichen nach etwa zehn Minuten Abstieg den kleinen Fischerhafen. Allerdings: nicht ganz ohne Unterbrechung. Wir wollen gerade einbiegen und sind etwas unschlüssig über die richtige Richtung, da werden wir von einem freundlichen Herrn vor einem Lokal angesprochen: „Hier können Sie die beste Aussicht der Stadt genießen. Kommen Sie zu mir, wir haben die besten Orangen und Salate für Sie “. Wir nicken freundlich und gehen weiter. Er nickt auch und scheint sich nicht darüber aufzuregen, dass wir sein Angebot nicht annehmen wollen.
Wir steigen einen steilen Steg hinunter. Am Rand stehen einige kleine Tische und Stühle. Ein Kellner spricht uns an: „Versuchen Sie unsere frischen Fische; wir haben auch Muscheln, die sind heute früh aus dem Meer zu uns gekommen. Wir haben die frischesten und besten Orangen für Sie“. Er sagt das so, als ob ihm klar sei, dass wir sein Angebot nicht sofort annehmen werden. Da irrt er sich nicht, wir gehen weiter.
Der kleine Hafen bildet einen Halbkreis, der von Lokalen gesäumt ist wir Perlen an einer Kette. Die Stühle und Tische stehen unter vielen Sonnenschirmen, jedes Lokal hat seine eigenen Farben. Eine bunte, lebhafte Vielfalt im Sonnenlicht. Die Restaurants sind nur wenig belegt. Liegt das an der Jahreszeit? Immerhin haben wir schon Anfang September. Oder spüren die Leute hier auch schon eine allgemeine Flaute, wie sie in Deutschland zum Konsumrückgang geführt hat? Jedenfalls: wer zu dieser Zeit nach Zypern fährt und essen gehen will, muss nicht befürchten, in übervollen Lokalen keinen Platz finden. Im Gegenteil, der Service ist besonders freundlich und den wenigen Gästen sehr zugetan, wie wir gleich erfahren sollten:
Wir waren am Ende des Lokalhalbkreises angelangt und ich war noch unschlüssig, wo wir einkehren sollten. Ich wollte umdrehen. „Wo willst Du denn hin?“ „Ich weiß auch nicht, da vorne war vielleicht was Nettes“. „Die sind doch alle ähnlich, eigentlich ist es doch gleichgültig, wo wir jetzt essen. Wenn wir noch lange suchen, wirst Du nur ungeduldig und dann unleidlich“. Eigentlich hatte sie ja Recht. Nicht nur eigentlich, bestimmt. Während wir also so dastanden und uns beratschlagten, wurden wir wieder angesprochen: „Was wollen Sie denn essen? Wir haben Alles. Schauen Sie nur, hier, auf unserer Speisekarte. Salat? Natürlich haben wir Salat, mit Putenfleisch oder Kalbfleisch, wie Sie wollen. Ganz köstlichen Salat. Und dazu gibt es frisch gepressten Orangensaft, sehen Sie, da sind ganz frische Orangen und da steht die Orangenpresse“.
Der junge Kellner, der uns diesmal angesprochen hatte, sprach mit leiser, fast diskreter Stimme, wie jemand, der einen besonders seltenen Wein anbietet und dazu als Geheimtipp gegrillte Trüffel an Pfefferleber von der Goldenen Ganz. Wir ließen uns überreden und wurden an einen Tisch direkt am Wasser geführt. Zwei Kellner sprangen heran und schoben uns die Stühle zurecht. Zwei andere standen bereit, um eventuelle weitere Wünsche von uns aufzunehmen. Wir ließen uns nieder und bestellten erstmal Wasser. Das Studium der Speisekarte fiel auch recht kurz aus: es wurde Salat mit gegrilltem Fleisch und frisch gebackenem Pizzabrot geordert.
Immer zwei oder drei Kellner standen in unserer Nähe und beobachteten uns, wie wir uns unterhielten oder wie ich mit der Kamera versuchte, den Hafen mit den kleinen Schiffen bildnerisch fest zu halten. „Which country?“ Einer hatte sich vorgewagt. „Germany.“ „Oh, Germany! …. Achmed!“ Und schon kam Achmed.
Achmed war etliche Jahre in Berlin gewesen, sein Bruder lebt heute noch dort; seit 17 Jahren. Es war ihm sichtlich anzumerken, wie mühsam es ihm fiel, wieder Deutsch zu sprechen; mit gerunzelter Stirn stand er da und versuchte sich. Wir wechselten ein paar freundliche und höfliche Bemerkungen über Deutschland und diesen Teil Zyperns und das Wetter und er war sichtlich erleichtert, als wir unsere Konversation dann doch auf Englisch fortsetzten. „Do you see the fish in the water?“ Ich sah keine Fische im Hafenwasser. „If you throw bread into the water, they will come and eat it“. Ah ja; ich hatte keine Lust, an irgendwelche, wahrscheinlich ohnehin überfütterten Fische mein Brot abzugeben. Das ließ Achmed aber völlig unbeeindruckt. Plötzlich stand er da, mit einem Brotkörbchen von einem der Tische neben an, und begann, Brotstückchen ins Wasser zu werfen. Meine Vermutung war richtig: die Fische schien das wenig zu interessieren. Jedenfalls dauerte es ziemlich lange, bis einige von ihnen sich dazu bequemten, Achmed´s Angebot anzunehmen. Dennoch zeigten wir uns beeindruckt und gratulierten Achmed zu seinen tierischen Fähigkeiten.
Das Essen war dann ganz gut, die Salate absolut frisch und eigentlich nicht zu beanstanden; aber es war so, wie wir es in Zypern eigentlich immer wieder erlebt haben: Geschmack und Qualität im „normalen“ Bereich. Wer nach Zypern fährt, darf nach meinem unmaßgeblichen Eindruck keine sagenhaften, unvergesslichen oder gar besonders originelle kulinarische Überraschungen erwarten. Zugegeben, die Geheimtipps unter den Restaurationen haben wir ja auch nicht gekannt.
Anne wollte sich noch frisch machen und fragte nach der Toilette. Das wurde dann Spießrutenlaufen. Einer der freundlichen jungen Kellner erklärte ihr den Weg: über die Straße und dann ins Lokal und dann durch den großen Raum links hinten. Ein anderer hatte die mündliche Wegweisung mit verfolgt und ließ es sich nicht nehmen, Anne über die Straße zu geleiten. Was eigentlich wenig gefährlich war, da wir hier ohnehin eine Fußgängerzone hatten. Und es war ja nicht besonders weit, sie mussten vielleicht dreißig Meter zurücklegen. Der junge Mann blieb dann ganz diskret vor dem Lokal draußen stehen und unterhielt sich mit einem Freund, der gerade aufgetaucht war. Auf ihrem Weg zurück sah Anne in dem Raum einen jungen Mann auf einer Liege. Wie Anne eben so ist, fragte sie ihn gleich besorgt, ob alles in Ordnung sei. Die Antwort beruhigte sie: „Ja, Danke, ich mache hier Urlaub“. „Hier, auf der Liege?“ „Ja, es ist sehr schön hier.“ Ein Lebenskünstler aus Zypern.
Als meine Gattin dann wieder ins Licht der zyprischen Sonne kam, zögerte unser junger Kellner nicht, sie wieder zu unserem Tisch zu begleiten. Da war ich ihm doch sehr dankbar. Immerhin waren inzwischen ja noch drei Tische besetzt; wer weiß, ob sie unseren wieder gefunden hätte. Es hätte gerade noch gefehlt, dass er sie über Einzelheiten ihres Gelingens auf dem Klo befragte und ihr dann Komplimente über die gelungen Verrichtungen machte. Das ist eben zyprische Gastfreundschaft (im türkischen Teil).
Jetzt mussten wir aber los. Die Festung wartete. Dies vorweg: es ist wirklich ein gewaltiges Bauwerk. Ein Felsenkoloss. Sie liegt wie ein Riesenwal am Eingang des kleinen Hafens. Ein Gulliver aus Stein. Sie wurde unter der Fuchtel der Kreuzritter errichtet und sollte die Insel als Trutzburg vor den feindlichen mohammedanischen Streitkräften schützen. Die ganze Stadt konnte hier Unterschlupf finden und monatelang versorgt werden. Dieses Mammutkonzept ging aber genauso wenig auf, wie viele ähnliche kriegerische Schlachtenpläne. Bis heute scheinen viele Strategen nicht begriffen zu haben, dass Materialschlachten, die nur mit Masse den Feind erschlagen sollen, nur in den selteneren Fällen erfolgreich sind. Es gibt vielleicht schnelle Anfangserfolge, aber nachhaltig ist diese Form der kriegerischen Konfliktbewältigung nicht. Es sei denn, man setzt Atombomben ein und vernichtet seinen Feind und die Erde, auf der er lebt, gleich mit. Der Zweite Weltkrieg ist da auch keine Ausnahme. Er wurde zwar mit massivem Materialeinsatz der Alliierten gewonnen. Aber der wahre Grund für ihren Sieg ist sicher auch, dass die Deutschen einfach erschöpft waren und viele nicht mehr ihrer despotischen Führung vertrauten. Die anderen Materialschlachten, vor allem der Amerikaner, gingen bekanntlich so ziemlich alle in die Hose. Siehe Korea, siehe Vietnam, und nicht zuletzt, siehe Irak.
Nicht anders erging es also dem Konzept, das unserer Riesenburg zu Grunde lag. Es scheiterte. Die Leute hielten die Belagerungen nicht lange genug aus. Das Bollwerk wurde zwar mehrfach vergrößert und „verbessert“, es wurde aber genauso regelmäßig immer wieder erobert. Masseneinsatz zu kriegerischen Zwecken hat daher wohl nur den Sinn, den ihm die Marxisten zubilligen: er dient zur Vernichtung des Mehrwerts, die erforderlich ist, um weiteren Mehrwert durch Ausbeutung schaffen zu können. Die Menschheit hat anscheinend noch immer nicht gut genug gelernt, dass nur intelligente Lösungen zur Konfliktbewältigung auf Dauer tauglich sind. Vielleicht will sie es auch nicht lernen. Aus den dargelegten Gründen. Vielleicht sind wir in Wahrheit gerne Masochisten und wollen ausgebeutet werden und in sinnlosen kriegerischen Massenschlachten sterben. Vielleicht brauchen wir das, weil wir glauben, nur so das Jenseits dann besser genießen zu können. Vielleicht sind wir so blöde.
Anne und ich sind jedenfalls mit großem Interesse auf der Burg herumgeklettert. Ein Tipp: es ist vielleicht gar nicht nötig, das Geld für die Eintrittskarten zu berappen. Immerhin wollten die 9 Pfund, also 18.- € oder 36.- DM; für jeden! Wir haben zwar brav bezahlt, eine Kontrolle am Eingang gab es aber nicht. Wir hätten das Kassenhäuschen deshalb vielleicht auch gut übersehen können. Die Damen da drin erweckten ohnehin den Eindruck, als hätten sie Besseres zu tun, als sich bei ihrem Plausch durch gewöhnliche, kartenbegehrende Touristen stören zu lassen.
Die Burg ist also eine riesige Anlage. Sie besteht an drei Seiten aus Gebäuden, die vierte Seite ist eine meterdicke Mauer. Der Innenhof hat ungefähr die Größe von vier Fußballfeldern. Hier waren zu „Lebzeiten“ der Burg Holzhäuser, in denen die belagerte Bevölkerung ausharren sollte, bis der Angriff der Andersgläubigen vorbei war. Die riesigen Gebäude dienten den tapferen Soldaten als Unterkunft und waren zugleich Lagerhallen, die genug Lebensmittel, Waffen und Munition für monatelange Angriffe aufnehmen sollten. Wie gesagt, es ging schief.
Wir sind dann auf den Mauerbergen herumgeklettert und auf den Festungsdächern. Wir haben den steinernen Giganten auf uns wirken lassen und die Sonne genossen. Und die Ausblicke aufs Meer und den kleinen Hafen.
Es gab natürlich auch Kerker in der Festung. Wie wäre gedeihliches menschliches Zusammenleben möglich, wenn keine Möglichkeit bestünde, sich gegenseitig ein wenig zu quälen? Strafe muss sein. Vor allem in einer Situation wie der einer Belagerung, wenn Menschen dicht zusammen gedrängt und besonders aufeinander angewiesen sind. Sie haben in dem Kerker Puppen in Menschengröße aufgestellt, um zu zeigen, wie schlecht sie sich behandelt haben. Es gab auch eine Folterkammer. Da wurde den neugierigen Touristen noch deutlicher gezeigt, wie schauerlich sie mit einander umgegangen sind. Die Darstellung zeigte das Übliche: viel rote Farbe und bleiche Gesichter. In einer düsteren Umgebung. Wir haben uns nicht sehr damit aufgehalten. Interessanter war da ein Trupp von Touristen, die mit dem Reiseveranstalter „Studiosus“ gekommen waren. Ihre berufliche Herkunft war ihnen aus 500 Metern anzumerken. Lehrer. Und zwar Humanisten. Die Herren lichte Grauköpfe, die Damen mit weiten Röcken. Was soll ich sie näher beschreiben: der geneigte Leser möge sich selbst eine Gruppe Lehrer vorstellen, die am Gymnasium Latein, Griechisch, Geschichte und vielleicht noch Ethik unterrichten. So sahen sie aus.
Einer von ihnen versuchte dauernd, mit der jungen Reiseführerin griechisch zu reden, was nicht recht gelang. Es sprach offenbar Altgriechisch. Versuch Du mal, Walther von der Vogelheide zu verstehen, wenn er Dich plötzlich anquatscht. Jedenfalls machte die junge Reiseführerin schon einen ziemlich gequälten Eindruck. Aber auch die Sudiosus-Reisenden hatten das gleiche Problem wie unsere Gruppe: den Zeitdruck. Eine der dicklichen Damen mit einem querstehenden Sonnenhut lehnte erschöpft an der Mauer, als die junge Reiseführerin sie aufforderte, sich zu beeilen. „Sie haben nicht mehr viel Zeit, wir müssen sofort zurück zum Bus!“ Die Dame schüttelte erschöpft ihren Kopf mit Hut. Ansonsten: Die Idee war gut. Sogar sehr gut. Ich schaute auf die Uhr. Wir mussten zurück. Und zwar schnell!
Da war er wieder, mein Orientierungssinn. Nach der letzten erfolgreichen Demonstration hatte ich noch einen positiven Status bei Anne und durfte sie ohne heftigen Widerspruch durch die Gassen zurück geleiten. Ich war natürlich wieder ziemlich unsicher über meine angeblichen Fähigkeiten, aber mit überirdischer Hilfe ist es uns doch gelungen, den Parkplatz mit unserem Bus wieder zu finden. Die anderen warteten schon. Danke.
Die Heimfahrt dauerte dann recht lange. Kein Wunder, schließlich mussten wir vom Nordzipfel Zyperns wieder bis ganz in den Süden. Die Fahrt war auch ziemlich langatmig. Unsere Reiseführerin hatte offenbar keine Lust mehr, uns noch etwas über Zypern zu erzählen. Und so saßen wir also in unserem Gefährt, schauten aus dem Fenster oder vor uns hin und warteten etwas erschöpft auf die Ankunft.
Ein Resumeé: wer diese Touren über die Insel bucht, sollte sich darauf einstellen, dass einem die Fahrten lang, die Aufenthalte bei den Sehenswürdigkeiten dafür um so kürzer vorkommen. Eigentlich zu knapp. Eiltempo bei den Besichtigungen hat Vorrang. Wie bei den japanischen Touristen, die vormittags das Heidelberger Schloss, nachmittags Schloss Neuschwanstein und abends München „machen“. Das ist an sich kein Wunder, die Entfernungen zwischen den einzelnen Punkten dürfen halt nicht unterschätzt werden. Weniger ist mehr. Dieser Satz gilt auch, wenn hier Besichtigungstouren geplant werden. Gut merken.
Trotz der langen Rückfahrt kamen wir nicht zu spät zum Abendessen. Gott sei dank. Danach waren wir unverdrossen noch auf ein wenig Bewegung aus. Kein Wunder, wir hatten ja eigentlich ziemlich viel gesessen. Im Bus. Unsere Reisebürovertreterin hatte uns den Tipp gegeben, einen Spazierweg vom Hotel entlang des Strandes zu nehmen. Der sei sehr schön. Sie mag damit durchaus Recht gehabt haben, aber leider war es schon dunkel. Dennoch konnten wir spüren, dass der Weg wirklich recht sein muss. Er war mit großen Steinplatten angelegt und führte an den Hotels vorbei am Meer entlang. Teilweise liefen wir auch auf dem herrlichen Sandstrand und wateten durch kleine Buchten. Teilweise ging es etwas bergauf zu den felsigen Stellen und den Hotels, die wir vom Boot aus gesehen hatten und bei denen wir uns noch immer fragten, wie deren Gäste eigentlich an den Meerstrand kommen.
Der nächtliche Spaziergang mit Anne hatte für mich nur ein kleines Handicap: meine Strandschlappen, die ich mir vor acht Jahren auf einem Campingplatz in der Nähe von Venedig käuflich erstanden hatte, waren teilweise gerissen und so hässlich. Also wurden im Hotel schöne neue gekauft. Mit Klettverschluss. Der sich löste, nachdem wir durch das Wasser der kleinen Meeresbucht gewatet waren. Ich versuchte, ihn wieder fest zu drücken. Wir erreichten den Steinweg und nach wenigen Metern Anstieg rutschte der Schlappen mir wieder vom Fuß. Merkwürdigerweise war es immer der Rechte. Der Linke war anständig. Er getraute sich vielleicht bloß nicht. Vielleicht hatte ich ihn besser erzogen. Beim nächsten Wasserkontakt wollte der Schlappen sogar davon schwimmen. Er löste sich ab und tauchte weg. Ich hinterher. Die anderen Spaziergänger beobachteten meine Aktionen mit gewissen Befremden. Ein Herr im mittleren Alter mit einem Bäuchlein und Bart, in gepflegter Kleidung (wir kamen ja vom Abendessen), der sich fluchend ins Meer stürzt und dann triumphierend mit einem Gummischlappen in der hoch erhobenen rechten Faust zurückkehrt. Ein weiterer Trick, den er versuchte, war, sich zu verstecken. Es war ja dunkel. Also huschte er bei der nächsten Gelegenheit von meinem Fuß und rutschte in eine Felsenspalte. Ich habe ihn aber wieder gefangen. Um im keine Gelegenheit zu geben, wieder zu entkommen, musste ich daher sehr langsam gehen. Dabei durfte ich den rechten Fuß möglichst nicht hochheben. Vielmehr musste ich mich so bewegen, als hätte ich ein steifes Bein, vielleicht von einer Kriegsverletzung bei einem meiner letzten Freiheitskämpfe, und den rechten Fuß dann am Boden lang ziehen. Diese Art der gehenden Fortbewegung war ich aber nicht so recht gewohnt. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Um so dankbarer war ich, dass Anne ihre stützende Hilfe anbot. Der Anblick eines sich auf seine Ehefrau aufstützenden und schwankenden Herren mag die anderen Gäste gleichfalls irritiert haben. Wieso geht die arme Frau mit dem Kerl noch spazieren, wenn der schon so besoffen ist?
Wir haben es dann doch ohne weitere Verletzungen und größere Zwischenfälle zurück ins Hotel geschafft. Die Strandschlappen habe ich in Zypern gelassen und die alten wieder mit nach Hause genommen. Da hat sich unser störrischer Widerständler doch durchgesetzt. Alles Gute in Zypern. Mit Deinem Freund.
Ich möchte noch den netten Kellner an der Hotel-Bar erwähnen. Dort, wo ich abends immer mein Bier trank. Anfangs musste ich ihm immer noch sagen, was ich wollte. Nämlich ein zyprisches Bier vom Fass. Das war übrigens recht gut, leicht und bekömmlich. Kann empfohlen werden. Anfangs brauchte er immer ein bisschen lange, bis er meine Bestellung erledigte. Aber dann spielte sich auch das ein. Wir waren dann ein richtig gutes Team. Ich kam rein, ging an der Bar vorbei auf die Terrasse und setzte mich mit meinem Buch. Und er kam sofort mit meinem Glas Bier, lächelte und bediente mich. Falls ich dann ausnahmsweise noch eins wollte, ging ich schweigend an den Tresen der Bar, er unterbrach seine anderweitigen Tätigkeiten und zapfte für mich sofort nach. Gut.
Die Bar war übrigens auch die Örtlichkeit, an der diese sagenhaften Veranstaltungen für die Hotelgäste stattfinden. Wir haben eine gesehen. Lautsprecher waren extra aufgebaut und ein riesiges Mischpult. Soweit ich mich erinnere, war eine „typisch zyprische traditionelle Tanzvorführung“ angekündigt. Wir kamen gerade vom Abendessen zurück, als wir die Umbauten an der Bar und die Ankündigung sahen. Die Veranstaltung war offenbar schon voll im Gange. Ich bekam ein bisschen einen Kloß im Hals. Ich kenne das: irgendwann werden die Zuschauer aufgefordert mitzumachen. Dann darf man verbissen grinsend mithupfen. Man muss sich irgendwie hin und her bewegen und das auch noch rhythmisch. Du wedelst mit den Armen und wackelst mit dem Kopf als hättest Du Genickstarre und Ellbogenrheuma. Dabei musst Du noch lächeln und so tun, als fändest Du das Ganze auch noch höchst amüsant und äußerst vergnüglich. Dabei können Deine ungelenken Bewegungen auch in der dämmrigsten Beleuchtung eigentlich von niemandem übersehen werden. Du versuchst, Deinen Bauch einzuziehen und in dem Moment trittst Du Deiner Partnerin auf die Füße. Und dabei sollst Du Dich nach Möglichkeit auch noch ganz leger unterhalten. Bin ich ein 64-Bit Computer, der bis zu 24 Prozesse gleichzeitig verarbeiten kann? Und gerade wenn Du glaubst, zu der blöden Musik den richtigen Bezug gefunden zu haben, wird die Platte gewechselt. Du wünschst Dich zurück an Deinen Schreibtisch. Wie gerne würdest Du jetzt einen Aktenvermerk über das Jagdverhalten der Mopsfledermaus im Nördlichen Hardtwald schreiben. Viel lieber als diese erzwungenen Bewegungen wäre Dir auch die Aufgabe, eine Rede für den Herrn Minister anlässlich der Einweihung des Projekts „Badische Binnendünen“ zu entwerfen. Und außerdem bekommst Du ganz schreckliche Knieschmerzen.
Zu meinem Glück fand erst mal eine Vorführung statt. Dabei müssen wir wohl den „traditionellen“ Teil verpasst haben. Die Darbietung bestand nämlich darin, dass ein Turm aus Gläsern balanciert wurde. Eine in Schwarz gekleidete Dame und ein ebenso angezogener Herr waren gerade dabei, einen dicklichen jüngeren Hotelgast mit einem Gläserturm auf der Stirn durch die Schar der Bargäste zu steuern. Dem jungen Mann gelang das ganz gut. Der Gläserturm blieb jedenfalls fast bis zum Ende seines Rundganges wohlbehalten auf seiner schweißglänzenden Stirn stehen. Anschließend zeigten die Beiden, dass sie es noch etwas besser können. Mit einem höheren Turm. Ich wollte mein Bier und bekam es. Da will man nicht zu kritisch sein, was den künstlerischen oder akrobatischen Wert dieser Darbietung betraf. Danach trat die Aerobic-Gruppe auf. Es handelte sich dabei um die Animateure, die sich den ganzen Tag um die Kinder und die Gäste kümmern müssen, denen körperliche Bewegung angeboten werden muss. Eine Vortänzerin zeigte uns mit drei anderen, wie man sich zu bassgeprägter Musik bewegen kann. Die Arme in die Luft und so hin und her wackeln. Ich bestellte noch ein Bier. Und dann kam sie doch, die gefürchtete Einbeziehung der Gäste. Eine Polonaise. Wir fassten uns an den Händen und liefen in der Bar und im Empfangsraum des Hotels herum. Das erinnert mich immer wieder an meinen ersten Auftritt als Schauspieler. Ich hatte eine tragende Rolle übernommen. Den Pfarrer in der Geschichte von der „Goldenen Gans“. Dabei war mein Anteil weniger auf die philosophischen Aspekte dieser Rolle angelegt. Das hätte sich ja angeboten, bei dieser Erzählung. Die Habgier und die Vergänglichkeit und Unwichtigkeit des Materiellen. Das geistige, ideelle Element im Lebensschicksal des Menschen gerade in der Phase des Erwachsenwerdens. Und dazu die Rolle der geistigen Führerschaft durch die Kirche. Ich hätte die Rolle auch kritisch ausfüllen können. Etwa in der Art, dass ich die Stellung der Kirche in unserer heutigen Zeit als Institution bei der geistigen Auseinandersetzung mit der Form meiner schauspielerischen Darstellung hinterfrage. Ich hätte einen zerrütteten, in sich gebrochenen, vergeblich fragenden Pfarrer darstellen können. Nichts weniger als das. Es war eine Aufführung der ersten Klasse der Grundschule für die neuen Erstklässler. Einer der Schüler ging voran mit der Gans unterm Arm. Jeder sagte sein Sprüchlein und blieb dann an ihm kleben. Ich sagte als Pfarrer auch mein Sprüchlein und blieb vorschriftsmäßig kleben. Und dann kam doch etwas, das der Aufführung ein gewisses surreales und damit irgendwie auch aufständisches, rebellisches Moment verlieh. Der Gansträger lief los mit der Polonaise der Angeklebten hinter sich - und er lief immer schneller. Die Angeklebten konnten kaum folgen. In immer schnellerem Tempo raste er über die Bühne. Die milde und freundlich gespannten Eltern und Lehrer in den Zuschauerrängen verfolgten das Geschehen mit größter Faszination. Aus den Augenwinkeln sah ich meine Mutter, bevor ich hinfiel. Der Träger der Gans hatte sich hinter die Kulissen gerettet. So war er. Der Rest lag auf der Bühne. Bis jemand den Vorhang schloss.
Zum Glück lief unsere Polonaise nicht so dramatisch ab. Wir waren ja auch viel älter. Meine „Partnerin“ war der Typ der „rüstigen Rentnerin“. Dieser Typ, der einen irgendwie unverwüstlichen Eindruck macht. Als könnten Katastrophen und andere Unbilden des Lebens ihr nichts mehr anhaben. Deshalb hat sie wohl auch die Polonaise mit mir klaglos überstanden.
Samstag, der 03. September
Heute ist unser letzter Tag an den Pools und am Strand. Wir machen es uns noch einmal richtig gemütlich. Die dicken Romane werden ausgepackt und wir räkeln uns in der Sonne. Am Strand gönnen wir uns sogar eine Strandliege und einen Sonnenschirm für fünf Pfund. Die Bedienungen an der Poolbar und im Restaurant kennen uns schon und lächeln uns freundlich an, wenn wir auftauchen. Die „Room-Number“ scheint nicht mehr so wichtig zu sein. Ich weiß auch schon, wo ich mich nach dem Wasser am Besten umziehen kann. Man geht dazu in das Untergeschoss des Hotels, dahin, wo die Fitness-Räume sind. Manchmal sieht man einen Hotelgast an den Geräten. Es ist da sehr einsam. Fast unheimlich, wenn einer dort heimlich, still und leise trainiert. Und dort gibt es dann ganz gemütliche Umkleidekabinen. Ich fühle mich schon wie ein Stammgast. Die gibt es übrigens auch. Anne hat von einem älteren Ehepaar erzählt, das schon seit über elf Jahren hierher kommt. Sie waren schon in etlichen anderen Ländern des Mittelmeers, aber hier gefällt es ihnen am Besten. Nur noch Zypern.
Eines der Mädchen ist für die sportliche Unterhaltung der Gäste zuständig. Sie ist dunkelhäutig und ein bisschen mollig. Ich vermute mal, sie kommt aus den Niederlanden. Warum ich das glaube? Das ist eben meine unglaubliche Menschenkenntnis. Als ich gerade vom Meer komme, und mich umziehen will, fragt sie mich, ob ich Lust hätte, mit Basketball zu spielen. Bei dieser Hitze, in der Glutsonne. Als ich später auf einer der Liegen am Pool bin, fragt sie mich, ob ich Lust hätte, Tennis zu spielen. Die Wetterverhältnisse haben sich nicht geändert. Ich winke mit meinem Buch und lehne dankend ab. So ist das Leben hier. Auch am letzten Tag.
Vielleicht noch eine Anmerkung zum Wetter: ja, es ist richtig, dass immer wieder mal Wolken auftauchten. Sie kamen vom Festland und türmten sich dann hinter dem Hotel auf. Manchmal waren es richtige Wolkengebirge. Hinter dem Hotel. Nur dort. Wir hatten immer Sonne. Dennoch war dieses Naturereignis für mich immer wieder Anlass, auf meinem Strandstuhl mein Buch nieder sinken zu lassen, mich umzudrehen und mit sorgenvoller Mine und gerunzelter Stirn gen Himmel zu schauen. Ich sagte zu Anne: „Wie gut, dass wir unsere Regenschirme dabei haben, es regnet nämlich jetzt gleich.“
Sie lächelte mir zu. Dieses berühmte, nachsichtige Lächeln, wenn Du behauptest, die Beziehungen der Merowinger zu Karl dem Großen analysieren zu können. Oder Alles über jedes Adverb der Welt zu wissen. Dabei war es ganz einfach. Anne hatte die Reiseführer gelesen. In Zypern regnet es an etwa 20 Tagen im Jahr. Im Winter. In den Sommermonaten regnet es gar nicht. Und wir hatten bekanntlich Sommer.
Sonntag, der 04. September 2005
Es ist kaum zu glauben, aber unsere Zeit in Zypern neigt sich schon ihrem Ende zu. Ich sitze hier und habe gefrorene Füße. Ich habe mir eine Wärmflasche geholt und versuche, vor allem die Zehen wieder aufzutauen. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs. Zwei Stunden. Über Mannheim-Friedrichsfeld, Ladenburg, Heddesheim, Leutershausen, Schriesheim, Dossenheim, Heidelberg und zurück. Es war schönes Wetter, nach langer Zeit wieder mal Sonne, aber halt saukalt. Ich habe Fahrradschuhe aus Leder, die gelocht sind, damit die Füße bei den heißen Fahrten schön kühl bleiben. Nicht die idealen Schuhe, wenn es fast Frost hat. Jedenfalls sind mir die Zehen fast abgefroren.
In Wirklichkeit schreibe ich diese Zeilen natürlich nicht am 04. September, nein, nein, heute ist der dritte Advent, so schnell vergeht die Zeit, dennoch; nun denn:
Heute ist der Tag unserer Abreise. Erfreulicher Weise müssen wir nicht in aller Herrgottsfrühe aus den Federn. Der Abflugtermin ist für etwa 10:00 Uhr vorgesehen, so dass wir noch in aller Ruhe frühstücken und unsere Koffer fertig packen können. Meiner entwickelt eine Eigenschaft, die sich schon zum Beginn unserer Reise abgedeutet hatte: er wird immer unwilliger. Ich habe den Eindruck, dass er keine Lust mehr zum Reisen hat. Er lässt sich nicht mehr richtig schließen, der Tragegriff wackelt verdächtig in seiner Befestigung und die vier Rollen, auf denen er zu ziehen ist, bewegen sich nur noch recht zögerlich.
Da kommt unser kleiner Bus, der uns zum Flughafen bringen wird und wer steigt mit ein? Das Ehepaar, das uns schon bei unserer Ankunft mit dem Handy unterhalten hat. Ich schaue Anne angstvoll an: wird sie wieder loslegen? Wird sie wieder ihre Auffassung übers mobile Telefonieren lautstark kundtun? Zum Glück schweigt sie. Die beiden telefonieren auch nicht.
Ich beobachte den jungen Mann mit dem Rucksack und der Gitarre. Er hat lange Haare und sieht so aus, als ob er sich Zypern zu Fuß erschlossen hätte. Ein bisschen ungepflegt, wie Wandersleut eben aussehen. Er steht in der Reihe neben uns, weiter hinten. Wir warten darauf, dass wir unser Gepäck abgeben können. Vor uns ist eine Gruppe gepflegt gekleideter junger Frauen und Männer, die mit der etwas verstimmt aussehenden Dame hinter dem Schalter intensiv diskutieren. Der junge Mann mit der Gitarre rückt neben mir vor. Die Gruppe löst sich etwas auf, einige verlassen sie, andere kommen dazu. Die verstimmt aussehende Dame an unserem Schalter telefoniert. Lange und ausgiebig. Der junger Mann mit der Gitarre ist nun deutlich vor uns. Er ist gleich beim Schalter. Ich frage Anne, ob ich kurz rausgehen könne, eine rauchen. Sie stimmt zu und bewacht unser Gepäck. Als ich zurückkomme, ist der junge Mann verschwunden. Die Gruppe vor uns hat sich schon wieder verändert. Wie eine Amöbe, die eigentlich immer gleich ist, aber dennoch in ihrer Gestalt fließend ständig mutiert. Schließlich ist nur noch eine dickliche Mutter mit zwei hübschen Töchtern vor uns, die recht arabisch und recht wohlhabend aussehen. Die werden von der verdrossenen Dame hinter dem Tresen ohne größeren Widerstand akzeptiert und wir werden dann unser Gepäck auch schnell los.
Wir gehen noch einmal vor das Flughafengebäude. Es ist tropisch warm. Der Ausblick allerdings nicht besonders überwältigend: ein großer Parkplatz und im Hintergrund einige Berghügel. Wer also bei Tag in Zypern ankommt, sollte nicht enttäuscht sein; Zypern ist schöner. Ein junger Mann kommt mit seinem Super-Luxus-Gelände-wagen und verabschiedet einen anderen. Mir wird noch einmal der Unterschied zwischen den beiden Teilen Zyperns bewusst. Zwischen reich und arm.
Der Flug war diesmal nicht so lange wie der Herflug. Sicher deshalb, weil ich vor dem Start noch in Ruhe rauchen konnte. Bei uns sitzt eine junge Iranerin. Sie war mit ihrer Familie über den Sommer in ihrem Heimatland. Der Flug über Zypern sei weitaus preisgünstiger als der direkte Flug von Frankfurt nach Bagdad. Sie ist – wie auch ihre Mutter und ihre Schwestern (den Vater sehe ich nicht) – sehr gepflegt und schick gekleidet. Sie sehen gar nicht so aus, als müssten sie sparen. Die junge Dame unterhält sich mit uns in hervorragendem Deutsch. Eine aufgeweckte, sympathische junge Frau, die auch arabisch beherrscht und jetzt überlegt, was sie nach ihrem Abitur in Deutschland beruflich anfangen will. Ich glaube nicht, dass sie bei der Ortspolizeibehörde von Bad Rippoldsau-Schapbach glücklich werden würde. Wohl auch nicht im Friedhofsamt der Gemeinde Friolzheim. Deshalb unterlasse ich es, ihr wohlgemeinte Ratschläge zu geben.
Wie gesagt, der Flug verlief reibungslos; Frankfurt hatte uns bald wieder. Auch unsere Koffer ließen sich nach nicht allzu langer Zeit finden und wir konnten den Weg nach Hause antreten. Ich habe die langen Laufstrecken im Frankfurter Flughafen erwähnt. Mein Köfferchen wollte nun definitiv nicht mehr. Es weigerte sich mitzukommen. Zuerst warf es seinen Griff ab. Das war schon in unserem Ankunftsterminal, als wir versuchten, den „Sky-Train“ zu erreichen, um wiederum zum Terminal 1 und damit zum Bahnhof zu gelangen. Ich musste ihn deshalb sozusagen an den Ohren nehmen. Das gefiel ihm gar nicht. Er fing an zu quieken. Drei der Röllchen riefen: „Ich will nicht mit, ich will nicht mit, ich will nicht mit.“ Das vierte Röllchen hatte einen etwas tieferen Klang und meine begütigend: „Jetzt kommt halt schon, jetzt kommt halt schon“.
Ich zerrte den Kerl also durch die Halle und zum Aufzug und wieder durch die Hallen und über die Rolltreppen und immer wieder versuchte er, sich aus meinem Ohrengriff zu befreien. „Ich will nicht mit, ich will nicht mit, ich will nicht mit.“ Anne bot sich an, mir zu helfen, aber bei ihr war er genauso störrisch. Schließlich hatten wir das Café beim Flughafenbahnhof erreicht und er durfte ausruhen. Er hockte mürrisch neben mir auf dem Boden, während wir den auf deutschem Boden unvermeidlichen „Latte machiato“ zu uns nahmen. Im Zug war er dann etwas friedlicher, weil er in unserem Abteil einen schönen Platz bekam und aus dem Fenster schauen durfte.
Aber als wir in Mannheim angekommen waren, ging es wieder los: Er spreizte seine vier Röllchen von sich und wurde immer lauter. Seine Öhrchen waren nass geworden und er ließ sich nicht mehr richtig packen. Er wusste wohl, dass wir nicht mit dem Auto nach Hause fahren würden. Er musste mit uns auf die OEG warten.
In der Straßenbahn stand er dann etwas von uns entfernt in der Nähe des Ausgangs und beobachtete uns, während wir uns mit einem Mitpassagier unterhielten, der Bauarbeiter gewesen war und wegen seiner langen Erkrankung seine Arbeit verloren hatte. Der Mann hatte eine offene Flasche Bier in der Hand und eindrucksvoll tätowierte Oberarme. Die kräftigen Armmuskeln kamen vielleicht auch daher, dass er Krücken benutzte. Er sprach mit uns, als seien wir gute alte Bekannte. Er legte uns in Kurzform seinen Werdegang dar und schilderte seine derzeitige persönliche Situation. Nicht, dass wir danach gefragt hätten. Seine Redseligkeit fiel ihm dann wohl selbst auf; er fragte uns, ob er uns zuquatschen würde. Wir verneinten. Mein Köfferchen war ganz still. Es mag es nicht, wenn man lügt.
Schließlich erreichten wir den berühmten OEG-Bahnhof in Edingen. Die Sonne schien. Wir hatten Sommer. Tolles Wetter in Edingen. Mein Köfferchen war beleidigt. Es ließ sich zwar mürrisch zerren, das Geschrei ging aber genauso weiter. Wir zogen durch die Bahnhofstraße und ich war froh, dass die toleranten Einwohner von Edingen dieses „ich will nicht mit, ich will nicht mit, ich will nicht mit“ überhörten. Schließlich hatte ich so kurz vor unserer endgültigen Ankunft keine Lust, wegen Koffermisshandlung verhaftet zu werden.
Unser geliebtes rotes Gartentor tat sich auf und ich nahm ihn zum Schluss auf die Arme.
Wir sind wieder daheim. Es war eine tolle Woche in Zypern.
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