usa

USA 2000

Seit Samstag sind wir bei Karin. Heute ist Montag, der 13. Mai. Was war bisher das spannendste Erlebnis für uns ? Außer unserem schweren Unfall auf der Autobahn: Anne kam mit der Klo/Badezimmertür nicht zurecht. Sie hat sie verschlossen, fuhr mit Karin zum Einkaufen und die Tür war nicht mehr aufzukriegen. Es musste der Sicherheitsdienst des Campus gerufen werden. Der erste Helfer, der kam, war auch ratlos. Er musste seinen Chef holen. Man stelle sich vor: in einem fremden, fernen Land - und man kann nichts aufs Klo. Der Chef des Sicherheitsdienstes (sie sind in schicke schwarze Uniformen gekleidet und fahren schwarze Jeeps) hat dann die Tür mit einem Messer doch aufgebracht (nachdem der Trick aus den Krimis mit den Scheckkarten nicht klappte). Das war unser bisher spannendstes Erlebnis. Wer jetzt noch weiter lesen will, der langweilt sich auf eigene Verantwortung.


Mittwoch, 10.Mai 2000

Heute sind wir in den USA angekommen. Richard hat uns zum Bahnhof nach Mannheim eskortiert, um mein Auto dann zurückzufahren. Wir waren - wie könnte es auch anders sein - ziemlich spät dran. Als wir mit unseren schweren Koffern und Taschen beladen keuchend den Bahnsteig erreichten, kam gerade der Zug rein. Karten haben wir während der Fahrt gelöst; Aufschlag wurde keiner verlangt, vielleicht, weil der Schaffner meine Geschichte mit dem Irrgarten beim Umbau des Mannheimer Bahnhofes glaubte (sie haben m.W. einen Ermessensspielraum beim Zuschlag). Nur kurz kamen mir Bedenken, ob ich im Internet die richtige Fahrt rausgesucht habe (zum Flughafen von Frankfurt, nicht zum Hauptbahnhof).

Der Frankfurter Fernbahnhof beim Flughafen ist ein Neubau, der noch nicht fertig gestellt ist. Es gibt sogar ein Laufband für diejenigen, die nicht gehen wollen. Sieht witzig aus. 

Unseren Abfertigungsschalter hatten wir bald gefunden. Was beim Frankfurter Flughafen allerdings lästig sein kann, sind die langen Wege, bis man von einem Zielort zum nächsten kommt. An sich müssten die Gäste Wanderschuhe am Eingang ausgehändigt bekommen. Bevor wir in den Flieger eingestiegen sind, habe ich noch alle Möglichkeiten gesucht, schnell die „letzte“ Zigarette vor dem Abflug zu rauchen. Eva und Anne waren noch im Duty-free-Shop für die letzten Mitbringsel, die sie vergessen hatten.

Dann ging´s ins Flugzeug. Zum Flug selbst gibt´s nicht viel zu erzählen. Beim Start habe ich angestrengt aus dem Fenster geschaut, weil mir sonst schlecht wird, wenn ich keine Orientierung habe. Und dann guckt man natürlich ganz cool, obwohl einem die ganze Geschichte schlicht nicht ganz geheuer ist. Ansonsten war der Flug halt lang. Man fängt an, sich auf dem Sitz hin- und her zu krängeln, das Kreuz fängt an zu schmerzen, man möchte sich ausstrecken, das geht aber nicht richtig, das linke Bein wird in die eine Richtung gestreckt, dann in die andere, man steht auf, reckt sich und setzt sich wieder. Ein Blick auf die Uhr, es ist erst eine halbe Stunde vergangen.

Dafür freut jede Abwechslung um so mehr. Nach langer, langer Zeit bekamen wir Getränke angeboten und ein kleines Tütchen Erdnüsse. Ich hatte sehr viel Hunger und war froh über den Apfel, den Anne noch eingepackt hatte. Wir haben überlegt, ob die Gäste in der Economy Class kein Essen bekommen, wie die Mitflieger in der Business Class. Es roch nämlich schon sehr nach Essen, aber serviert wurde offenbar nur vorne hinter einem Vorhang. Die Zeit strich dahin, ich habe versucht, mich mit Lesen abzulenken, aber das ging nicht, ich hatte Hunger. Rauchen ging ja auch nicht, mir war die Warnung vor dem Abflug noch gegenwärtig: danach war es verboten, die Rauchsensoren im Klo zu verstopfen, um dort unentdeckt zu rauchen (auf was für Ideen meine Mitsüchtigen kommen ....).

Schließlich hat uns das Personal doch Essen serviert. Es war überraschend gut: ich nahm ein Steak mit Kartoffeln in der Folie, dazu Salat und süße Nachspeise. Zum Personal: ich fand es ziemlich blöd und eigentlich auch arrogant: mich hat einer der Stewarts angemault, als ich mich zur Vorführung ihres blöden Videos über Notfälle nicht gleich setzen wollte (ich hab mir dann auch Zeit gelassen). Anne wurde von demselben Idioten gefragt, ob sie Polin sei, weil ihr Englisch einen entsprechenden Akzent hätte.

Es waren aber immer noch fünf oder sechs Stunden zu fliegen. Was macht man, wenn man in einem Sessel hockt und nichts zu tun hat und nicht rauchen kann ? Das Buch, das ich begonnen hatte, war ein Fehlgriff. Blöder Krimi. Also nehme ich mir die Bedienungsanleitung meiner neuen Videokamera vor und lese die von vorne bis hinten und wieder zurück. Das unterhält eine Zeit lang, aber ist wenig sinnvoll, wenn das Gelesene nicht gleich geübt werden kann. Und ich kann doch jetzt nicht noch dreieinhalb Stunden lang die Rückseite von meinem Vordersitz filmen. Mit verschiedenen Einstellungen.

Wir bekamen dann aber noch Pizza und dann war der lange Flug doch bald zu Ende; die letzte halbe Stunde kam einem nur noch vor wie 90 Minuten.

Vor der Landung wurde uns noch ein Video über den Flughafen von NY gezeigt. Das sollte helfen, uns die Orientierung bei der Einwanderung und dem Finden unseres Gepäcks zu erleichtern. Wir hatten unsere grünen Formularkarten bereits im Flugzeug ausgefüllt (die übliche Fragen: „haben Sie vor, in den USA mit Drogen zu handeln ? Sind Sie Mitglied einer terroristischen Vereinigung ?“ o.ä.)

Der Einwanderungsbeamte war der typische „Abschrecker“: er sah aus wie ein Gefängniswärter in St. Quentin oder ein ehemaliger „Marine“ mit kurz geschorenen Haaren, kantigem Gesicht und blödem Blick. Und natürlich hatte er etwas auszusetzen: ich hatte die in deutscher Sprache gestellte Frage nach dem Herkunftsland mit „Deutschland“ beantwortet; er bestand aber auf „Germany“. Also musste ich alle Stellen auf allen drei Formularen  
auf „Germany“ ändern; ein „G“ akzeptierte er auch nicht. Merkwürdigerweise beließ er es aber bei den Geschlechtsangaben bei „weiblich“ und „männlich“ statt „male“ und „female“. Deshalb habe ich seine Forderung ohne längere (ein bisschen diskutiert habe ich schon) Diskussion befolgt; auch deswegen, weil Anne und Eva hierfür wohl keine Verständnis gehabt hätten. Nachvollziehbar und logisch war sein Änderungswunsch aber nicht.

Am Ausgang eine angenehme Überraschung: Mike war schon da und wartete auch am richtigen Terminal. Er hat uns gleich unter seine Fittiche genommen. Durch seine Anwesenheit hatten wir überhaupt keine Probleme mit dem großen Flughafen in New York. Er hatte eine originelle Art gewählt zu parken: sein Fahrzeug war an einer Stelle abgestellt, die nur zum Be- und Entladen benutzt werden durfte. Deshalb hatte er den Kofferraum offen gelassen. Damit das Auto so nicht geklaut wird, war er gezwungen, ständig zwischen dem Ankunftsterminal und seiner Parkstelle hin und her zu pendeln - und das bereits über eine Stunde lang, da unser Flieger entsprechend Verspätung hatte. Ich fand das schon recht mutig, immerhin hatte unser Abholauto einen Wert von etwa 170.000.- DM (Mercedes der neuen S-Klasse).

Der erste Eindruck von New York: chaotisch. Lange, breite Straßenbänder, die wie Nudeln auf dem Teller über-, unter- und durcheinander gelegt sind; immer wieder Staus, riesige Lastkraftwagen (Trucks), ständig rote Ampeln, Lärm, Gestank, mehrere Unfälle, alles schiebt und drängt sich auf nicht nachvollziehbare Weise irgendwie weiter.  

Mike wohnt mit Ann-Marie und Mathias im Staat New Jersey. N.J. grenzt unmittelbar an die Stadt New York an. Östlich des Hudson ist die Stadt, westlich beginnt bereits der Staat N.J. Der Staat N.J. hat mich überrascht. Es ist eine weitläufige, grüne Gegend mit vielen Bäumen und sehr pittoresken Häusern. Die sehen eigentlich alle aus wie bei „Micky Maus“. Sie haben meist nur ein Erdgeschoss und Giebeldächer. Sie sind relativ klein, für Familien mit zwei bis drei Kindern konzipiert. Die Garagen wirken dagegen massig und überproportioniert. Mir haben die Häuser recht gut gefallen, ich fand die unterschiedlichen Bauformen sehr reizvoll. Manche der Häuser haben kleine Türmchen, andere Vorbauten und Erker. Es wirkt alles etwas verspielt; nicht wie in Deutschland mit seinen Zweckbauten und seiner nüchternen, mehr funktionellen Architektur. Die ganze Gegend erweckt eher den Eindruck einer Feriensiedlung, wie wir sie in Frankreich am Atlantik gesehen haben, weniger wie ein Gebiet, in dem ständig gelebt und gearbeitet wird. Dazu ist alles sehr weitläufig, die Häuser stehen meist in großen Gärten; Schulen und andere allgemeine Einrichtungen sind in ausgedehnten Grünanlagen errichtet. Das ist dem Grunde nach auch nicht sehr überraschend: wie Mike erzählt, ist N.J. die Gegend, in der gewohnt wird, während N.Y. als Arbeitsstätte herhalten muss.

Mike wohnt mit seiner Familie in einem dieser Häuschen. Es ist sehr nett eingerichtet, hat Teppichboden, eine Feueralarm-Anlage, die alle paar Minuten piepst und zwei Fernseher, von denen einer ständig an ist. Im Garten hat er ein Gummi-Schwimmbecken, Mathews ganzer Stolz: er lädt mich gleich ein, darin mit ihm zu baden. M. ist ein sehr lebhafter Junge; originell ist seine Sprache mit uns: er mischt deutsch und englisch: „gib mir my shoes“. Er geht mittags von 13:00 bis 15:30 in eine Art Vorschule, in der sie ihm mit seinen 4 ½ Jahren schon die Buchstaben beibringen. Die Eltern bekommen laufend schriftliche Berichte über ihn. Bei auffälligem Verhalten - positiv oder negativ - bekommt er einen entsprechenden Stempel auf den Handrücken.

Es ist früher Abend Ortszeit, als wir bei Mike zu Hause ankommen. Für uns ist es vielleicht 01:00 Uhr nachts. Mike fährt mit mir zu einem Imbiss und wir holen riesige gegrillte Hähnchen zu denen es eine Unmenge von Zutaten gibt (Reis, Kartoffelbrei, Gemüse u.a.m.). Es ist so viel, dass wir alle nur die Hälfte der erworbenen Menge verdrücken können. Gegen 03:00 oder 4:00 Uhr unserer Zeit gehen wir nach einem überaus freundlichen Empfang durch unsere Gastgeber zu Bett. Anne und ich haben ein eigenes Zimmer, Eva schläft in einem Stockbett in Mathew´s Raum.

Die Nacht haben wir gut verbracht; ich dachte, ich würde gegen 04:00 Uhr Ortszeit aufwachen und nicht mehr einschlafen können. Dem war aber nicht so, wir sind zwar immer wieder aufgewacht, konnten aber dann doch bis etwa 8:00 Uhr schlafen.


Donnerstag, 11. Mai 2000

Mike war schon weg, als wir aus dem Bett gekrochen sind. Er steht recht früh auf und beginnt anscheinend bereits gegen 7:00 Uhr mit der Arbeit. Anne-Marie und Mathew haben uns dafür sehr gut unterhalten. Es ist überhaupt kaum zu beschreiben, mit welch großer Herzlichkeit und Freundschaftlichkeit wir bei Mike aufgenommen wurden. Alle haben sich fast ein Bein ausgerissen, um uns den Aufenthalt so angenehm und interessant wie möglich zu machen. Anne war ganz überrascht und sehr beeindruckt und hat dies mir gegenüber unter vier Augen immer wieder erwähnt.

Nach unserer Planung war vorgesehen, dass Anne mit Eva die Schicks besucht, während ich mir New York an diesem Tag alleine vornehmen wollte.

Und so kam es auch: Anne-Marie fuhr mich mit ihrem Van (einem weißen Achtsitzer mit allem Komfort) zum Bahnhof von Westwood. Ein Bahnhof, wie ich ihn nunmehr auch nicht mehr anders erwartet hatte: ein hübsches Wartehaus, das aussah, als wäre es im 19. Jahrhundert gebaut worden (sah aber neu aus) und nur zwei Schienen: eine für den Zug in Richtung N.Y., die andere für die Gegenrichtung. Der Zug kam mit lautem Hupen (oder Heulen) im Zuckeltempo nach 10 Minuten eingefahren.

Es handelt sich um einen typischen Pendlerzug. Große, bequeme Sitzbänke mit Kunstleder bezogen, an den Lehnen oben kleine Schlaufen für die Fahrkarte, so dass einen der Schaffner nicht wecken muss, wenn er die Fahrscheine kontrolliert. Die Gäste im Zug waren typische Pendler, Herren in Anzügen oder Damen im Kostüm; einige hatten ihren Pappbecher mit Kaffee dabei, andere schliefen. Die Fahrt mit dem Zug war nicht weiter bemerkenswert: es ging eben durch die grüne Landschaft; zu sehen war gelegentlich ein kleines Gewerbegebiet, ein Autohandel und die Ortsränder der kleinen Städte, an denen wir vorbei fuhren. Sie dauerte etwa 40 Minuten. Die Schaffnerin hatte auch keine Schwierigkeiten mit meinem Reiseziel „Holbrooke“, da es zugleich die Endstation war.

In Holbrooke angekommen ein ähnliches Bild: wieder ein Bahnhof, der aus dem 19. Jahrhundert gerade frisch importiert schien, nur hatte Holbrooke bereits zehn Gleise. Von dort ging´s auf die Fähre (wobei ich nicht gleich mitfahren durfte, da mir nicht bekannt war, dass das Ticket vor Fahrtantritt gekauft wird, aber der Junge an der Fähre war sehr freundlich und sagte gleich, ich könnte mir Zeit lassen, „we´re waiting a couple of minutes“ - nicht wegen mir, nehme ich an).

Die Fahrt mit der Fähre kann ich jedem empfehlen, der zum ersten Mal nach New York kommt. Sie führt über den Hudson direkt auf das World Trade Center zu mit den beiden höchsten Hochhäusern der Stadt und einer entsprechenden Skyline drum herum. Außerdem macht es auch Spaß, mit der schwankenden Fähre auf dem breiten Fluss zu fahren und vom Oberdeck aus ist die Sicht wirklich prächtig.

Also war ich kräftig am Fotografieren und Filmen, als wir uns N.Y näherten, nach dem Motto: später zu Hause kann ich es mir ja dann in Ruhe anschauen.

Der erste Eindruck am Ufer: alles sehr sauber, sehr modern, sehr „clean“. Alles Beton. Einige Jogger und Inline-Skater an der Uferpromenade. Einige Jachten in einer kleinen Hafenbucht. Eine hat einen Hubschrauber mit an Bord.

Der Weg führt mich durch eines der „kleineren“ Hochhäuser auf einen Platz, in dessen Mitte eine ca. vier Meter hohe, golden schimmernde Kugel der erste Blickfang ist. Diese Kugel sitzt in einem Becken und wird an Sommertagen mit Wasser überspielt. Was auffällt: vor jedem Haus steht eine Gruppe von Menschen offenbar unterschiedlichster Herkunft (Savety Guards, Pförtner, Bankangestellte u.a.m.), die sich lautstark unterhalten. Bei genauerem Hinsehen wird klar, weshalb sie da stehen: sie rauchen. In den Gebäuden selbst ist offenbar überall Rauchverbot, also trifft sich die Horde der diskriminierten Süchtigen vor den Eingängen. Auch eine Gelegenheit, mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch zu kommen. Es liegt aber auf der Hand, dass die Arbeitgeber von „ihren“ Rauchern nicht viel halten können, wenn diese immer wieder die Arbeit unterbrechen müssen, um mit dem Fahrstuhl nach unten zu fahren und sich dann vor der Tür aufhalten.

Der Blick nach oben in diesem Innenhof ist schon sehr eindrucksvoll: die beiden nahezu identisch aussehenden Tower erheben sich weit über mir. Das Hochhaus daneben wirkt dagegen fast schon „normal“. Das Design der Gebäude ist entsprechend abgestimmt: klare Formen und Glasspiegelfronten, die Farben nur dunkel und hell. Ich gehe also in den Aussichtstower. An der Kasse - 14 Dollar Eintritt - (noch) keine Schlange. Der Fahrstuhl wird bedient von einem jungen Schwarzen, der während der Fahrt in einem besonderen Singsang mir wenig verständliche, aber wohl witzig gemeinte Bemerkungen macht. Dazu kommen Sicherheitshinweise und natürlich die lästige Erinnerung an das absolute Rauchverbot. 

Die Aussicht ist dann so richtig etwas für mich: ständig wird zwischen Foto- und Filmkamera gewechselt. Es ist schon eindrucksvoll, wenn man auf Hochhäuser hinunterschauen kann. Dazu die Aussicht auf den Hudson und die Halbinsel von New Jersey, die auch nicht von schlechten Eltern ist. Was mir besonders gefällt, ist die Vielfalt in der Einheitlichkeit. Will meinen: eigentlich handelt es sich doch immer wieder nur um Hochhäuser, auf die ich da hinunterschaue. Und dennoch sind die Formen und die Realisierungsarten immer wieder unterschiedlich. Sicher, wenn man ein Tulpenfeld anschaut, haben die Blüten auch unterschiedliche Formen. Aber Hochhäuser sind eben doch etwas anderes. Ein Ameisengebirge ist nichts dagegen. Und dann die Vorstellung, dass in all den massigen Bauten Menschen leben und arbeiten. Wie viele Menschen müssen das sein, die ich mit einem Blick erfassen könnte, wenn die Häuser durchsichtig wären. Und was machen sie jetzt. Sie sitzen in ihren Büros und schreiben, sie verhandeln, einige haben vielleicht Wohnungen in den Häusern und essen oder schlafen noch. Natürlich gibt es auf dem Aussichtsraum auch ein Imbisslokal und Souvenirshops. Ich habe den Eindruck, dass etliche der amerikanischen Gäste hierfür fast mehr Interesse haben, als für die Aussicht.

Nach etwa einer halben Stunde fahre ich wieder hinunter zum Erdgeschoss und mache mich auf, New York jetzt zu Fuß zu erkunden. Ich habe vorher einen Stadtplan bei einer etwas unkundigen Verkäuferin gekauft (8 Dollar), der den Vorteil hat, dass er sich gut falten lässt, so dass immer der Teil im handlichen Format zur Verfügung steht, der gerade gebraucht wird. Ich habe mich kaum 150 Meter aus dem Hof zwischen den Towern entfernt, schon weiß ich nicht mehr, wo ich bin. Überall um mich herum lauter hohe Hochhäuser und Menschen, die zielstrebig um mich herum weiter gehen. Also setze ich mich erst mal hin und versuche die Straße im Plan zu finden, die vor mir ist. Sie ist nicht da. Also gehe ich ein Stück weiter, in der Hoffnung, die nächste Straße im Plan zu entdecken. Wieder um mich herum lauter Hochhäuser. Die Straße gibt es auch nicht. Also gehe ich wieder zurück zu der Stelle, bei der ich schon die erste Straße nicht gefunden habe. Nach längerem Suchen entdecke ich die Straße im Plan an einer Stelle, an der sie gar nicht sein dürfte. Aber die vorsichtige Orientierung hat einen Vorteil: dadurch bekomme ich ein Gefühl dafür, wie man sich zwischen den hohen Hochhäusern zurecht finden könnte. Also geht´s jetzt richtig los: geplant sind die Wall Street mit Umgebung, China Town, Little Italy und vielleicht noch ein bisschen weiter nach Norden Richtung Empire State Building.

Der erste Eindruck beim Gehen: chaotisch. Vor allem der Lärm. Die Straßen sind ständig überfüllt mit Fahrzeugen; die größten Trucks fahren mitten durch New York. Auf den Gehwegen bewegen sich die Leute sehr schnell. Ständig wird gehupt. Das Sirenengeheul aus den Filmen ist tatsächlich immer präsent. Vor lauter Lärm und Gedränge und Gewusel auf den Gehwegen bekomme ich sicher Vieles von dem nicht mit, was bei einer kundigen Führung gezeigt würde. Die Läden in den Häusern fallen eigentlich gar nicht auf. Manchmal bleibe ich stehen und sehe eine Boutique, die so aussieht, als würden darin besonders exklusive und teure Handtaschen verkauft oder Schals oder Unterhosen. Aber wer den Laden nicht kennt oder darauf achtet, läuft ahnungslos vorbei. Kein Horten oder Kaufhof, bei dem auch der Blödeste merkt, dass es darin etwas zu kaufen gibt. Dafür eine Unzahl von kleineren Läden, die leicht zu übersehen sind. Natürlich lenken auch die Menschen ab, die auf der Straße beobachtet werden können. Es ist nicht so verrückt und ausgefallen wie als worst case angenommen. Dennoch ist die Vielfältigkeit der Figuren bei diesem Straßenstück schon sehr unterhaltend. Es begegnet einem mehrfach der allseits bekannte weibliche oder männliche Penner, der sein gesamtes Hab und Gut bei sich hat. Und die hochgewachsen Schwarzen mit Rastalocken und Ballonmützen. Und natürlich die weißen Banker. Und die deutschen Touristen (die ersten ganzen Sätze, die ich in N.Y. nach meiner Ankunft mit der Fähre gehört habe, waren: „Jonathan, spring da nicht runter, das ist zu gefährlich“ - eine deutsche Mutter zu ihrem Söhnchen an der Treppe in einem der Hochhäuser im Eingangsbereich des Financial Center). Und alte Chinesen, die so gekrümmt gehen, dass sie auf einer Schulterhöhe sind mit dem deutschen Schäferhund, den zwei typisch amerikanische Blondinen (natürlich mit Sonnenbrille) ausführen.

Wall Street ist im Fernsehen größer. Es ist halt (eine weitere) Straße, die von Hochhäusern geprägt wird; vielleicht etwas sauberer und gepflegter, als die anderen Straßen im weiteren Umfeld. Es fällt auch auf, dass der Verkehr hier wohl abgelenkt wurde und besonders viel Security aufpasst. Die Börse von New York ist ein relativ kleines Gebäude (verglichen mit all den Hochhäusern in der Umgebung) mit runden Säulen vor dem eigentlichen Eingang (erinnert an das - verunglimpfende - Abbild eines griechischen Tempels).

Irgendwann taucht man dann aber ein in diesen Lärm und das Chaos und das Gewusel und die vielen Leute. Ich kaufe mir an einem Stand eine heiße Brezel. Und so langsam macht es mir richtig Spaß in diesen Straßen mit ihrer Lebhaftigkeit und ihrer Lautstärke. Natürlich ist Italien „schöner“ mit seinem Temperament. New York ist da irgendwie mechanischer. Dennoch gibt es viel Abwechslung in den Straßen. Supermoderne, riesige Hochhäuser wechseln sich im selben Viertel ab mit kleineren Gebäuden, die Vorgärten haben und in der Heidelberger Weststadt stehen könnten. Dazwischen wieder Gebäude, die fast zerfallen sind und hässliche Lagerhallen oder Lieferantengebäude für die riesigen Lastkraftwagen. Aber es hat einen unvergleichlichen Reiz, hier entlang zu gehen und alles zu betrachten und in sich aufzunehmen. Das entschädigt auch dafür, dass die Videokamera plötzlich weg ist  - und erst nach der entsprechenden „Herzattacke“ wieder wohl verstaut in der Tasche gefunden wird, die extra zu diesem Zweck auch über der Schulter hängt.

Nach etwa drei weiteren Stunden habe ich wieder Hunger. Ich gehe in eines der Imbisslokale, nachdem die Restaurants mir zu aufwendig und umständlich vorkommen. Ich studiere die große Tafel hinter der Theke und kann mich nicht so richtig für eine bestimmte Bestellung entscheiden - zumal mir die Bezeichnungen nichts sagen. Schließlich bestellt eine New Yorkerin vor mir ein Sandwich mit Truthahn und Morzarella. Und als die Bedienung mich fragt, was ich haben möchte, sage ich einfach: „the same“. Selten hat mir ein Sandwich so gut geschmeckt.

So geht es gestärkt weiter und ich finde tatsächlich auch „Chinatown“. Dabei handelt es sich eigentlich nur um drei oder vier Straßen, die an den Gehwegen unzählige kleine Läden haben, in denen viel Ramsch verkauft wird. Also Kettchen, Anhänger, billige Krawatten, Plastikfrösche, die in Plastikwannen schwimmen und sich bewegen, Hüte, T-Shirts, aber auch Bedarf für die chinesische Küche, also Gewürze, Reis oder ganze gegrillte Enten. 

Also, lange hat mich Chinatown nicht aufgehalten und es ging weiter in Richtung „Little Italy“. Und zwar so lange, bis ich merkte, dass ich aufs Versehen wieder zurück ging. Soviel zur „sicheren Orientierung“ in New York.

Schließlich fand ich aber auch „Little Italy“ da, wo es nach dem Stadtplan sein sollte. Es gab einige Lokale mit italienischer Aufschrift, aber (immer noch) auch chinesische. Da kaum Italiener zu sehen, noch weniger ein besonderes „italienisches Ambiente“ für mich spürbar war, machte ich mich auf Richtung Empire Building. Ein Blick auf den Stadtplan und die Uhr ließ aber schnell die Erkenntnis zu, dass dieses Vorhaben abgebrochen werden musste. Ich hatte für den Hinweg bereits vier Stunden verbraucht und für den Rückweg nur noch etwa 40 Minuten Zeit, um die Fähre und den Zug rechtzeitig zu erreichen. Also Stadtplan raus und los ging´s Richtung Word Trade Center - und die Videokamera ? Ja, sie war noch da.

Der Rückweg führte mich durch einige besonders reizvolle, pittoreske Viertel; „kleinere“, liebevoll restaurierte Wohnhäuser mit viel Grün, die Straßen schmal und nur wenig Verkehr. Sah aus, wie ein Studentenviertel. Später habe ich erfahren, dass ich zufällig durch Greenwich Village gewandert bin, also einem der berühmtesten Stadtteile von New York.

Der Rückweg war ansonsten nicht besonders schwierig zu finden: ich entdeckte zwei Herren, die bei der Hitze in dunklen Anzügen im Schnelltempo vor mir her gingen und das Abbild typischer Banker oder Automanager waren. Die beiden unterhielten sich (natürlich) in deutscher Sprache und meine Vermutung, dass ihr Ziel das Trade Center war, traf zu. So kam ich rechtzeitig zur Fähre und auch zu meinem Zug. Wobei ich nur noch ein Problem zu lösen hatte: von welchem Gleis fährt „mein“ Zug wann ab ? Ich frage also am Ticketschalter und habe auch prompt das „typische“ Erlebnis des Ausländers, der den landläufigen Idiom nicht versteht. Der schwarze Schalterbeamte hinter dem Schutzglas gibt mir zwar eine Antwort auf meine Frage, aber ich verstehe sie nicht. Also frage ich nochmal, aber ich verstehe seine Antwort wieder nicht. Also teile ich ihm mit, dass ich ihn nicht verstehe und bitte ihn wieder um Auskunft (ich muss hartnäckig bleiben, weil ich ja zurück will). Er antwortet mir wieder mit genau denselben Worten, aber nun ganz langsam, als wäre ich schwachsinnig. Schließlich dämmert´s mir, was er die ganze Zeit mit „rot“ meint: auf dem Monitor, der neben seinem Schalter aufgehängt ist, sind die Abfahrtszeiten der Züge abzulesen. Und die Zeit und das Abfahrtsgleis für den Zug, mit dem ich fahren will, ist mit roter Schrift abgebildet. Also eigentlich ein narrensicheres System. Nur gibt´s halt noch ganz besondere Narren.

Die Rückfahrt im Zug sollte dann eigentlich problemlos verlaufen. Ich lehne mich ganz locker zurück und stecke mein Ticket souverän - als würde ich immer mit diesem Zug fahren - in die dafür vorgesehen Lasche auf der Vorderlehne. Bis mir einfällt, dass ich eigentlich nicht weiß, nach der wievielten Station ich aussteigen muss. Glücklicherweise ist der Zugführer so freundlich, die nächste Haltestelle jeweils anzusagen. Allerdings scheinen in dieser Beziehung alle Straßenbahn- und Omnibusfahrer auf der Welt gleich zu sein. In Deutschland hört man meist nur „Dröfffglstraße“ oder „Mfhfhglchhof“ oder „Schkuschlekschlatz“ und kann als Fremdling mit diesen Ortsbezeichnungen, die in keinem Führer verzeichnet sind, in der Regel nur wenig oder gar nichts anfangen. So ging es mir im Zug: „Orientoo“ oder „Veruecorner“ oder „Dreiflicken“ sagten mir eigentlich erst dann was, wenn der Zug weiter fuhr und ich die Schilder an den Haltestellen zu lesen bekam. Zum Glück hörte ich dann doch „estutt“ rechtzeitig als „Westwood“ raus und kam an der richtigen Stelle aus dem Zug.

Der weitere Rückweg machte dann aber wirklich keine Probleme: Durch „intelligentes“ Rumprobieren fand ich relativ schnell raus, wie das Handy zu bedienen war, das mir Anne-Marie gegeben hatte und welche Nummer (mit welcher Vorwahl usw.) gewählt werden musste, und sie holte mich mit ihrem Luxus-Van auch gleich ab.

Anschließend fuhr ich mit Mike, Anne-Marie und Mathias zu einer Einrichtung, wie ich sie  fortan während unserer ganzen Reise immer wieder sehen und besuchen wollte: nämlich zu einem Outlet-Center. Dort trafen wir Anne und Eva wieder, die von Hans gleichfalls dorthin gebracht worden war - ein Treffpunkt, der in der ganzen Gegend offensichtlich wohlbekannt und beliebt ist. Mit Hans habe ich nur kurz gesprochen; er ist in seiner Art so sympathisch und nett, dass ich es schon bereut habe, ihm nur so kurz begegnet zu sein. Hans wollte mit seiner Tochter gleich weiter, eigene Vorhaben verfolgen.

Das Outlet-Center, bei dem wir waren, ist eigentlich ein kleines Dorf, es besteht aus vielen kleinen Häusern, in denen jeweils die Markenware einer bekannten und begehrten Textil-Firma („GAP, Nike, Calvin Klein oder Tommy Hilfinger“) angeboten wird. Das Besondere: es handelt sich dabei um Auslaufmodelle, die - angeblich - weit unter dem üblichen Preis angeboten werden. Die Textilien hatten für die Damen einen solchen Reiz, dass Mike und ich viel Geduld brauchten, als wir in den „Straßen“ des „Dorfes“ auf sie warten mussten.

Und weshalb war das dann für mich so interessant ? Nein, nicht wegen der jungen Damen, die hierher kamen, um sich mit Mode der am meisten begehrten Weltmarken der Modewelt zu versorgen. Nein, nein: es gab nämlich noch ganz etwas anderes, nämlich  einen Outlet-Laden von Sony ! Dort ließ es sich aushalten ! Video-Kameras, MD-Player (ein wunderschöner für nur 300.- Mark, Ingrid !), Video-Spiele (ziemlich dämlich, ich habe gegen Mathias gespielt und wahrscheinlich nur deshalb einmal gewonnen, weil der Zufallsgenerator die Spieler eben abwechselnd gewinnen lässt) - und vor allem: Großbildfernseher ! Zum halben Preis wie in Deutschland ! Es war faszinierend. Von da an war mein Vorschlag, wohin man bei einer Zeitlücke gehen könnte, immer: ein Outlet-Center (in der Hoffnung auf Sony).

Wir haben dann noch dort gegessen (ich habe den Verdacht, dass Mike´s Frau - sicherlich unberechtigte - Zweifel an ihren eigenen Kochkünsten hat und meint, wir würden besonders anspruchsvoll sein und gleich schmecken, wenn die Kartoffel, die sie serviert, kein glückliches Landleben hatte und nicht liebevoll genug geerntet wurde). Das Essen war sehr gut und sehr reichlich - wie überhaupt in den USA die Lokale offenbar aus Konkurrenzgründen Portionen zu servieren scheinen, die bei uns in Europa jeweils für zwei ausreichen würden (inzwischen habe ich mich gut an diese Riesenportionen gewöhnt und esse immer alles fröhlich auf; das einzige Kleidungsstück, das mir noch passt, ohne am Bauch zu zwicken, ist demgemäß nur noch Richard´s übergroßer Pullover).

Anschließend ging´s „heim“ zu „Mike´s“ und zufrieden und satt ins Bett.




Freitag, den 12. Mai 2000

Heute ging´s zusammen mit Mike und seiner Familie nach N.Y. Wir nahmen zusammen den Van. Die Fahrt in die Stadt ist wirklich wohl nur etwas für Amerikaner, die das lange Sitzen und Fahren im Auto gewohnt sind: es zieht sich „ewig“ hin bis zur Ankunft. Dabei ist Mathews Geduld bemerkenswert. Er sitzt neben mir auf dem Kindersitz und singt oder plappert vor sich hin, ohne zu fragen, wann wir endlich ankommen. Er hat einen kleinen Plastikfisch („the shark“), in dessen Maul er verschiedene Gegenstände stopft, darunter auch Geld. Manchmal streitet er sich ein bisschen mit seinen Eltern, um die Langeweile der langen Fahrt zu vermindern. Dann bezieht er seinen Nebensitzer mit ein und stellt ihm verschiedene Aufgaben, wie das Wiederaufheben verschiedener Gegenstände, die er fallen lässt oder er fordert ihn auf, sich schlafend zu stellen, damit er ihn  mit einem lauten Schrei „wecken“ kann. Was die Mitfahrer natürlich jedes Mal zusammenzucken lässt.

Bemerkenswert ist auch Mike´s Fahrweise: ich hatte erwartet, dass die New Yorker phlegmatisch und langsam auf ihren dreispurigen Highways dahinschleichen und vorsichtig mit dem Hütchen im Nacken in ihren großen Chevrolets ihr Ziel ansteuern, aber dem war nicht so: sie drängeln, wechseln ständig die Spuren, Hupen dauernd, die riesigen LKWs rasen mit 110 km/h auf der mittleren Spur und jeder versucht, in dem Gedrängel vergeblich, als Erster da zu sein. An den Zahlstationen auf der Autobahn werden 75 Cents in einen Korb geworfen, Mike wartet nicht, bis die Ampel dann auf Grün schaltet, sondern fährt gleich bei Rot weiter. Es ist auch ein Irrtum zu glauben, man sei bald angekommen, wenn die Straßen zahlreicher werden und die Bebauung mit den Hochhäusern beginnt. Dann staut sich erst mal der Verkehr und es dauert noch einige Zeit, bis wir nach verschiedenen Kehren und Wendungen unter Überwindung einiger Straßenbaustellen das Parkhaus erreichen.

Im Aufzug des Parkhauses sehen wir einen dieser typischen New Yorker: einen hochgewachsenen Schwarzen im Alter von vielleicht fünfzig Jahren im schwarzen, recht teuer aussehenden Anzug, aber mit Rucksack und grünem deutschen Jägerhut.

Dann geht es durch einen kleinen Park zur Anlegestelle der Touristen-Schiffe. Ganze Ströme von Menschen aus Bussen sind unterwegs. Schwarze haben schwarze Koffer dabei, die sie uns aufgeklappt hinhalten, um uns allerlei Schnickschnack anzubieten. Mike erklärt uns, dass dies eigentlich verboten ist. Wenn die Gewerbepolizei kommt, würden die Schwarzen einfach ihre Koffer zuklappen und weiter gehen, um den Eindruck von „normalen“ New Yorker Geschäftsleuten zu erwecken.

Das Besichtigungsschiff fährt so, wie es sich der eilige Tourist wünscht: Es geht gleich mit schnellem Tempo zur Freiheitsstatue, dort wird das Schiff langsamer, damit die Passagiere ausreichend Gelegenheit haben, zu photographieren und zu filmen. Die Freiheitsstatue ist kleiner und eigentlich weniger eindrucksvoll, als ich sie mir erwartet habe. Aus den Filmen erwartet man ein eindrucksvolles Bauwerk von gewaltigen Dimensionen; aber es handelt sich eben um nichts anderes als das Abbild einer Dame, die eine Fackel in der Hand hält und sie in die Höhe streckt. Wahrscheinlich wirkt sie auch deshalb kleiner als gedacht, weil die Skyline von New York in der Umgebung eben so gewaltig ist. Nach der Umrundung der state of liberty fahren wir noch zu Ellis Island, dem Ort, an dem die Einwanderer ursprünglich ihren ersten Aufenthalt in der „Freien Welt“ hatten. Die Insel ist mit mehreren Gebäuden bebaut, die eigentlich sehr hübsch sind: sie haben Walm- und Giebeldächer und sind aus Ziegelsteinen mit verschiedenen Farben in einer großen Parkanlage errichtet. Wir erinnern uns an den Spielfilm über eine österreichische Familie, die mit ihren goldigen Kindern hierher kommt und sich mit Chorgesang ihren Unterhalt in Amerika verdienen wollte: sie erlebte traurige Tage in diesen Gebäuden, weil sie - mittellos und ohne Aussicht auf ein sicheres Leben - zunächst keine Erlaubnis zur Einreise erhielt (später hat´s dann doch geklappt und sie wurden berühmt und erfolgreich). Anne erinnert Eva daran, das in der Zeit des Dritten Reiches in Deutschland auch die Juden damals nicht ohne weiteres eine Einreiseerlaubnis erhalten haben, sondern von hier wieder zurück geschickt wurden.

Nach der Besichtigung dieser beiden typischen Anlaufpunkte für NY-Touristen (nur vom Schiff aus) fahren wir wieder zurück zu unserem Ausgangspunkt.

Von dort aus führt uns ein kurzer Gang durch den Financial District mit all seinem Gelärme und Gewusel und Touristen, die sich mit dem Bullen vor der Börse fotografieren lassen und dem Besuch des Postamtes, das innen aussieht wie eine Kirche (Malereien an den Wänden und an der Decke bis zur Kuppel); dann erreichen wir wieder das World Trade Center. Anne-Marie hat sich inzwischen verabschiedet, sie will in einem Kaufhaus ein bisschen herumschnuppern. Mike, Michael, Anne und Eva fahren den Tower hoch, während ich mir im Untergeschoss des Center die Subway-Station ansehe und einen dieser Kaffees im Pappbecher mit Deckel hole (auf den angebotenen Trinkhalm verzichte ich).

Während ich im Hof auf die anderen warte, wieder eine dieser (für mich) „typischen“ New Yorker Szenen: zwei junger Schwarze (zwischen 20 und 25 Jahre alt) setzen sich zu Frühstück auf eine Bank in meine Nähe. Das Mädchen trägt ein graues Kostüm, er einen schwarzen Anzug. Sie müssen also in einer der nahegelegenen Banken beschäftigt sein. Kaum haben sie ihre Sandwichs und den Pappbecher-Kaffee vor sich stehen, setzen sie sich Kopfhörer auf und hören aus dem mitgebrachten, mobilen CD-Spielern jeder für sich ihre Musik. So sitzen sie also da, zwei elegant gekleidete junge Schwarze, mit Kopfhörern kauend und dem Kopf nickend und genießen ihre Frühstückspause mit einem Stapel CDs.

Inzwischen sind auch Mike und Anne mit den Kindern wieder vom Turm zurück und auch Anne-Marie ist wieder aufgetaucht. Mike hat einen gelben Riesenkutscher in der Hand, den Mathew nicht mehr mag.

Unser zaghaft vorgebrachter Vorschlag, bis Little Italy nun zu gehen, wir mit überzeugenden Gründen abgelehnt (die Hitze, der kleine Mathew, die Entfernung usw. ). Also wandern wir wieder zum Parkhaus, wobei wir mit Mike´s Führung und dessen Erklärungen erfreulicherweise mehr von N.Y. wahrnehmen, als wenn wir alleine losgezogen wären. 

Und wieder geht´s in den Van und durch das quirlige New York (Gebühr fürs Parkhaus: 50.-DM). Nachdem wir den Brooklyn Tunnel (er unterquert den Hudson) aufs Versehen zweimal durchfahren haben, fährt Mike zielsicher nach Little Italy und findet auch bald eine Parkgelegenheit. Dies ist eigentlich nichts anderes als ein Hof zwischen den Gebäuden. Das Auto wird beim Parkwächter abgegeben, der es in eine der Boxen stellt, die wie ein Fahrstuhl für Autos aussehen und in denen mehrere Fahrzeuge übereinander geparkt werden können.

Dann wollen wir los, um mal so richtig spazieren zu gehen. Wir sind aber erst wenige Meter unterwegs, als Mike vorschlägt, dass wir doch in einem der italienischen Restaurants jetzt essen könnten. Sie sehen wirklich reizvoll aus, die bunten Restaurants an den Straßen mit ihren italienischen Namen und den Tischen und Stühlen auf den Gehwegen. Es wirkt alles sehr südlich, zumal es inzwischen auch recht warm geworden ist. Nach kurzer Diskussion können wir Mike und seine Familie davon überzeugen, dass uns jetzt eigentlich eher die Abenteuerlust bewegt, als die Essenslust. Also wird vereinbart, dass wir uns trennen und am Parkplatz wieder treffen. Mathew macht inzwischen auch einen wirklich müden Eindruck.

Anne, Eva und ich gehen also los, um N.Y. ein bisschen auf eigene Faust zu erkunden. Wir sind allerdings nicht weit gekommen (Eva hat sich sehr lange an einem Laden aufgehalten, um Postkarten auszusuchen), als unser Töchterchen ebenfalls Hunger anmeldet. Wir finden ein Imbisslokal, das ein Angebot hat, das so ganz Eva´s bevorzugter Diät entspricht: im hinteren Teil gibt es verschieden Arten von Nudeln, Lasange, Tortellini, die man sich auf eine Plastikschale schaufeln kann, an der Kasse wiegen lässt, um sie dann zu bezahlen. Einer der Mitarbeiter in dem Laden sieht sehr asiatisch aus, spricht aber nur englisch und spanisch. Überhaupt ist es bemerkenswert, dass auf den offiziellen Hinweisschildern als zweite Sprache immer Spanien gewählt wird. Na ja, New York ist schließlich auch ungefähr auf demselben Breitengrad wie Madrid.

Das Essen wird in einer Seitenstraße auf der Treppe vor einem verlassenen Lagerhaus eingenommen. Wie ich Eva mampfen sehe, bekomme ich natürlich Futterneid und esse ihr die Hälfte ihrer Nudel weg (im Laden hatte ich überhaupt keinen Hunger). Neben uns, ein paar Meter weiter, telefoniert eine langgliedrige, hochgewachsene weiße Prostituierte wahrscheinlich mit ihrem Zuhälter per Handy.

Wir haben uns nun etwas gestärkt und stellen fest, dass es bald Zeit ist, zu unserem Treffpunkt zurückzukehren. Also geht´s los, wobei es mir gelingt, Anne und Eva wenigstens noch ein bisschen vom dem Teil des Broadways zu zeigen, den ich bereits gestern abgewandert bin.

Zur Kriminalität: es ist m.E. kein Problem, in New York - jedenfalls bei Tag, jedenfalls in den Stadtteilen, in denen ich unterwegs war, mit Fotoausrüstung und Videokamera unterwegs zu sein. Mike erwähnt immer wieder den neuen Bürgermeister von N.Y., dem es gelungen sei, Ordnung in die Stadt zu bringen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen habe er 17.000 (!) Polizisten eingestellt. An vielen Straßenecken und an allen öffentlichen Parkanlagen sind auch Polizeifahrzeuge zu sehen, die dort - wohl auch zur Abschreckung - parken. Als wir eine der Unterführungen befahren, weist er darauf hin, dass hier früher immer die Penner und Kleinkriminellen sich aufgehalten hatten - es ist wirklich eine triste, leicht unheimliche Gegend mit zerfallenen Mauern, herumliegenden Abfällen, relativ enger Straße, bei der man sich tatsächlich gut vorstellen kann, dass es früher unangenehm werden konnte, hier nachts durchzufahren und dann womöglich eine Panne zu haben.

Also haben wir uns wie vereinbart wieder am Parkplatz getroffen und nach Entrichtung der Parkgebühr (weitere 50.- DM (!)) ging´s zum Empire State Building erneut durch den sich ständig stauenden Verkehr New Yorks. Mike nahm ein Parkhaus auf meine Empfehlung, weil ich nicht länger durch N.Y. im Auto gondeln und „günstigere“ Parkmöglichkeiten suchen wollte. Das Parkhaus war in unmittelbarer Nähe des Empire State und so waren wir auch gleich nach kurzem Spaziergang vor Ort (wir mussten nur darauf achten, dass Mathew nicht den Spielzeugladen an der Straßenecke entdeckte).

Das Gebäude selbst scheint noch im Originalzustand seiner Bauzeit zu sein. Anscheinend wurde nur die Technik hinter den Fassaden erneuert und auf den Stand der Technik gebracht. Es ist also innen in einer Art Stil der Jahrhundertwende dekoriert, ein wenig Jugendstil, ein wenig Art Dekor. Es sieht recht nett aus, die Gänge und der Eingangsbereich sind kleiner, schmaler und weniger wuchtig, als im Tower des neuen World Trade Center, dennoch eindrucksvoll. Und dann, nach der Benutzung zweier Aufzüge, die Aussicht:

Hier sieht New York so aus, wie es ich mir immer vorgestellt habe. Die Aussicht entspricht dem, was von den Postkarten und Postern bekannt ist. Die Hochhäuser haben den Stil, wie ich sie aus den Abbildungen kenne: oben meist Türmchen mit einem gelegentlichen Anflug von Gotik, unten vielleicht Renaissance. Hinzu kam die Stimmung, die während unseres Aufenthaltes auf dem Empire State entstand: es war inzwischen Abend geworden und die Sonne ging langsam unter. Nach und nach schalteten die Hochhäuser ihre Lichter an und begannen zu leuchten. Eva sagte, sie hätte noch nie so viele Lichter gesehen, wie an diesem Abend. Mir ging´s genauso. Eva hat vorgeschlagen, folgenden Text von ihr hier einzufügen:

„Es glitzerte wie die Sonne beim Untergehen ins Meer, es sah sehr faszinierend aus, dieses unendlich goldenen Glitzern und Funkeln der abertausend Lichter New Yorks. Wenn ich New York in drei Wörtern beschreiben sollte, würde ich sagen, New York ist laut, bunt und belebt.“

Wir blieben bald eine Stunde auf der Aussichtsplattform, bis wir uns losreißen konnten, um den Weg nach unten anzutreten und Mike mit seiner Familie wie vereinbart in dem Café zu treffen, das wir hierfür ausgesucht hatten. Als wir dort ankamen, mussten wir feststellen, dass das Café geschlossen hatte. Aber Mike war da. Wie sich dann ergab, hatten die drei nahezu eine Stunde praktisch auf der Straße auf uns gewartet, weil sie auch nicht daran gedacht hatten, dass der vereinbarte Treffpunkt bei ihrem Eintreten sofort schließen würde. Wirklich lieb von Ihnen. 

Also ging´s wieder zum Auto, das Parken bezahlt (und wieder: 50 .- DM (!)) und den Heimweg angetreten. Wir waren inzwischen doch recht erschöpft, Anne fror, die Klimaanlage im Van war zwar ausgeschaltet, dennoch meinte das Auto wohl, uns trotzdem mit einem klaren kalten Frischluftstrom versorgen zu müssen. Ich war auch recht müde und ließ mich nicht mehr so gerne darauf ein, mich von Mathew „wecken“ zu lassen. Vor unserer endgültigen Fahrt Richtung Westwood ließ es sich Mike aber nicht nehmen, uns noch den „richtigen“ Broadway zu zeigen. Und allein dieses Erlebnis wäre für mich Anreiz genug, noch einmal nach New York zu kommen. Der Broadway ist an dieser Stelle sehr elegant, richtig „broad“, die Lichtreklamen sind eigentlich eher Lightshows. Man kann sich kaum satt sehen an diesem Anblick in der Nacht mit den Kinos, den Shows der Fernsehstars und den „Operas“, in denen sie bekannte („Cats“) und (noch) unbekannte Musicals aufführen.

Wir gingen an diesem Abend nicht mehr essen; ich habe mich mit einem dieser Brötchen begnügt, von denen eines soviel „Masse“ enthält, wie vier deutsche.

Als ich mich so langsam unserem Bett in unserem komfortablen Zimmer nähern will, hat Mike noch eine Überraschung bereit: den ganzen Tag hat er uns mit seiner Digitalkamera verfolgt und ab und zu fotografiert. Und jetzt legt er richtig los: die Kamera wird an sein Laptop angeschlossen und die darin gespeicherten Bilder auf den Computer übertragen. Dann wird die Bildbearbeitungssoftware gestartet und es werden die Bilder noch etwas „verbessert“ (wobei das eigentlich nicht nötig ist, weil sie ohnehin bereits „aus der Hand“ sehr gut gelungen sind). Und dann suchen wir das Druckerkabel. Es ist so gut vor Mathew versteckt, dass nicht nur Mathew, sondern auch der Vater seine liebe Mühe hatte, das wichtige Teil zu finden. Anne-Marie gab die entscheidenden Tipps. Und dann wird gedruckt. Und die Ergebnisse können sich wirklich sehen lassen: die Bildqualität ist sehr gut, aus dem Fotolabor kommen die Bilder nicht selten deutlich schlechter, die Ausschnitte sind sehr gut gestaltet mit geschickt gewähltem Hintergrund und - natürlich - die Motive sind einmalig (Anne, Eva und ich). So kann uns Mike am Abend vor unserer Abreise gleich besonders nette Urlaubserinnerungen mit der Familie Hoffmann vor der Freiheitsstatue mitgeben.


Samstag, den 13. Mai

Heute hat Mike vor unserem Abflug für uns noch eine Überraschung parat: wir frühstücken nicht zu Hause, sondern fahren zum Frühstück ! Also wieder ab in den Van und los geht´s zu einer der typischen Kleinstädte von New Jersey, die wir nach etwa 40 Minuten Fahrzeit erreichen: eine Hauptstraße und viele Einfamilienhäuser mit großen Rasenflächen. Die Hauptstraße ist gesäumt mit einstöckigen Gebäuden, in denen findet sich der Friseur, der Laden für Haushaltswaren, die Autoreparaturwerkstatt u.v.m., was der auf dem Land lebende Amerikaner eben so braucht ( einschl. religiöser Artikel wie einem Anhänger in einer bombastischen Schachtel, der eine goldene Träne mit einer eingravierten Rose darstellen und an einen besonders leibenswerten Menschen erinnern soll, der uns verlassen hat).

Das Frühstückslokal, das Mike für uns angesteuert hat, ist eine kleine Wirtschaft, deren Schaufenster mit Kopien von Zeitungsartikeln überklebt sind, die von den darin angebotenen Köstlichkeiten berichten (das „French Toast“ wird besonders empfohlen, der Apple-Pancake hätte etwas mehr Konsistenz haben können). Ich wundere mich über die Leute, die vor dem Lokal auf der Straße stehen, die Erklärung ist leicht gegeben: sie warten alle auf einen freien Tisch. Also meldet uns Mike auch an und wir verbringen die Zeit mit der Beobachtung der anderen, die auch frühstücken wollen. Gelegentlich blicke ich heimlich auf die Uhr, weil ich nicht genau weiß, ob wir genug Zeit haben, um unser Flugzeug in Newark noch zu erreichen; immerhin ist es bereits 11:30 Uhr und unser Flieger startet schon um 14:40 Uhr. Und wir sind weiß Gott wo, jedenfalls nicht in der Nähe vom Flughafen Newark.

Endlich werden wir eingelassen und an unseren Tisch geführt. Die Speisekarte enthält mindestens 43 verschiedene Pfannkuchen, dazu alle möglichen Arten von Sandwiches, Omeletts, Waffeln; man kann sich aber natürlich auch „echte Landsteaks“ oder saftige Würste zum Frühstück bestellen. Das Lokal ist gerammelt voll; ich wundere mich über zwei recht schlanke, gut aussehende junge amerikanische Mütter, die hier alleine frühstücken und frage mich, wie es wohl um deren Figur in fünf Jahren bestellt ist.

Wir bestellen Pfannkuchen mit Speck (für mich), mit Äpfeln und Ahornsirup (für Eva), Waffeln mit Erdbeeren (für Anne) und noch einiges mehr (ich weiß nicht mehr, was Mike und Anne-Marie hatten, Mike´s Essen sieht nach meiner Erinnerung aus wie Erbeerpfannkuchenpastetenwaffeln mit Schlagsahne; jedenfalls war es mindestens ebenso nahrhaft wie unser Essen). Dazu gab es Kaffee und frisch gepressten Orangensaft. Die Portionen waren so groß, dass keinerlei Aussicht bestand, sie auch nur annähernd mit Würde verdrücken zu können. Anne-Marie meinte anschließend sehr richtig dazu, es waren Portionen für Leute, die seit dem Morgen im Wald gearbeitet haben (oder seit fünf Uhr früh Angeln waren). Die Gäste im Lokal sahen aber nicht so aus, als hätten sie nach langer, entbehrungsvoller Knochenarbeit halb ausgehungert hierher gefunden. Eher im Gegenteil.

Wir kämpften also mit unseren Portionen und gaben noch vor der halben Strecke auf. Erfreulicherweise war das Lokal hierauf eingestellt: wir bekamen Plastikschalen, in denen wir unser Essen mitnehmen konnten.

Und dann ging´s schnell zurück zum Haus von Mike, die Koffer gepackt, und ab zum Flughafen. Selten habe ich so oft heimlich auf die Uhr geschaut. Anne-Marie und Mathew entschieden sich, auch hier noch mit zu fahren, obwohl wir ihnen diesen Aufwand ersparen wollten; sie sprachen aber davon, anschließend noch ein Einkaufszentrum „in der Nähe“ des Flughafens besuchen zu wollen. Ich war froh, dass Mike zuvor beim Flughafen für uns angerufen hatte, um unser Mitfliegen noch zu bestätigen.

Als wir dann ankamen, gab´s dann doch eine unangenehme Überraschung: unser Flugzeug war nicht mehr zu erreichen, das „Boarding“ war bereits abgeschlossen. Mike war über die Absperrung geklettert, während wir mit unseren Koffern warteten und hatte mit dem Personal zu verhandeln begonnen. Unser Flieger war etwa 20 Minuten früher zum Abflug frei gegeben worden, als unsere Unterlagen und der gestrige Anruf bei der Airline ausgesagt hatten. Irgendwo musste sich ein Missverständnis eingeschlichen haben. Nun standen wir da und wussten nicht recht, wie wir weiter kommen sollten. Der gebuchte Flieger nach Chicago war jedenfalls weg.

Den Verhandlungskünsten von Mike war es dann aber zu verdanken, dass die Luftverkehrsgesellschaft uns auf den nächsten Flug nach Chicago buchte und der ging bereits 50 Minuten später !

Also war doch alles nicht so schlimm. Wir hielten uns noch etwas auf dem Flughafen von Newark auf, einem richtig „heimischen“ Flugplatz im Vergleich zu Frankfurt (man ist ganz schnell draußen und kann dort rauchen). Anne hatte noch die Idee, bei der Fluggesellschaft dafür zu sorgen, dass Anfragende in Chicago über die Änderung unterrichtet würden, immerhin wussten wir ja, das Karin dort auf uns wartete, um uns abzuholen !

Der Flug nach Chicago verlief einigermaßen ereignislos (wir waren ja inzwischen schon „Profifluggäste“), Anne unterhielt sich mit einem jungen Mann vor uns, der eine Japanerin geheiratet hatte, mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern unterwegs war und nahezu akzentfreies Deutsch sprach. Der Flug dauerte länger als vorgesehen, da wir wegen eines Unwetters über Boston (?) einen Umweg nehmen musste; die Landung war sehr wackelig (als sei ein Anfänger am Steuer gesessen).

Bleichgesichtig, mit blutunterlaufenen Augen und laufender Nase kam uns Karin schwankend entgegen. Der Schreck saß ihr noch in den Gliedern (letzteres: Originalton Eva). Nun, ganz so war es nicht; aber Karin hatte sich schon große Sorgen gemacht über uns, weil wir nicht wie angekündigt angekommen waren. Sie wusste ja nicht einmal, ob wir überhaupt nach Amerika gekommen waren. Sie hatte nämlich im Hinblick auf ihre Abreise und Rückkehr nach Deutschland ihr Telefon ganz ordnungsgemäß abgemeldet. Und wir hatten sie nicht mehr erreicht . Sie war rechtzeitig am Flughafen gewesen und wer nicht aus dem Flugzeug gestiegen war, waren wir. Der Mann am Schalter hatte sich geweigert, ihr Auskunft über die Passagiere des nächsten Fluges zu geben ! Also war sie in die Gepäckausgabe gegangen und hatte sich alle Koffer angesehen, ob unsere dabei waren. Aber das war eben auch nicht der Fall. Schließlich ist sie zur Auskunft der ersten Klasse gewandert, hat dort ein wenig gejammert und ihre Sorgen überdeutlich dargestellt (sie wusste ja nicht, ob wir überhaupt nach Amerika gekommen waren, weil ihr Telefon inzwischen abgestellt worden und sie nicht mehr erreichbar war). Erst dort hatte sie die zutreffende Auskunft über unseren Flug erhalten. Es war ihr schon noch anzumerken, dass sie sich große Sorgen gemacht hatte. Aber nun waren wir ja da.

Karin half uns dann, die Gepäckausgabe auf dem großen Flughafen zu finden und dann ging´s ins Parkhaus zu ihrem Auto. Das ist ein „Chevy Sprint“. Der Chevy ist ein typischer amerikanischer Kleinwagen. Er ist blau und 13 Jahre alt. Aber er fährt prima. Vor allem ist innen mehr Platz, als erwartet wird. Karin hat eine - zurückhaltend ausgedrückt - zügige Fahrweise. D.h., sie braust nur so durch die Stadt und über die Highways. Der Chevy hat einen kleinen Fehler: wenn der Rücksitz belegt ist, knallt es jedes Mal laut, wenn wir über eine Bodenwelle fahren. Irgendein Teil schlägt an, vielleicht sind es die Stoßdämpfer, vielleicht ist es der Auspuff. Das gibt Karin´s Fahrstil zusätzlichen Pep.

Die Fahrt nach Kenosha dauerte etwas über eine Stunde. Beeindruckend fand ich auf dem Highway die vielen, riesigen Trucks, die teilweise nebeneinander von hinten auf Dich zurasen.

Und dann erreichen wir den Campus des Carthage College; Karin´s Aufenthaltsort seit nahezu zwei Jahren. Das parkartig angelegte Universitätsgelände liegt direkt am See. Es gibt vier oder fünf große Gebäude, die dem eigentlichen Studium dienen. Jedes dieser Gebäude hat einen Namen, wie „Lentz Hall“ (das ist die Bücherei) oder „David Straß jr. Center“ (dieses Gebäude enthält Klassenzimmer). Es sind moderne Gebäude, die Außenfront besteht aus getöntem Glas. Sie sind so angelegt, dass sie bereits bei der Ankunft möglich repräsentativ wirken sollen und diesen Zweck erfüllen sie auch. Daneben gibt es mehrere Wohnblocks, in denen die Studenten ihre Zimmer haben. Überall sind großzügig Parkplätze angelegt.

Karin hat - zu unserer Überraschung - mit ihrer Kollegin eine eigenes kleines Häuschen mit drei Schlafzimmern, einem Wohnzimmer, Küche und Bad. Eines der Zimmer ist leer, weil eine Mitbewohnerin ausgezogen ist; es steht jetzt Anne und mir zur Verfügung. Eva schläft bei Karin im Zimmer; sie hat bereits ihren Schlafplatz eingerichtet bekommen. Dafür hat Karin ihren Schreibtisch und ihren Computer ins Wohnzimmer geschafft. Später am Abend kommen schnaufend zwei Kollegen von Karin und bringen eine riesige Matratze für Anne und mich.

Karin´s Mitbewohnerin ist eine Japanerin, Miho, die uns immer mit einem besonders lauten und hellen „Haaaiii“ begrüßt. Sie hat einen Freund, dessen Vater Millionär ist. Der hat sich aber bisher noch nicht getraut, seinem Vater die Liaison mit Miho zu eröffnen, weil er sich eigentlich „standesgemäß“ verbinden soll. Dafür lässt er sich um so ungenierter von Mihi bekochen und sonst versorgen.

Bevor wir uns zur Ruhe nach dem langen Tag begeben, steht (natürlich) noch eine Autofahrt an: es geht in den nächsten größeren Supermarkt. Dort kaufen wir Lebensmittel (z.B. Wein für mich), um für den Abend und den nächsten Morgen versorgt zu sein. Der Supermarkt ähnelt unserem Real in Edingen; er ist vielleicht ein bisschen größer und besser aufgeräumt, aber ansonsten keine besondere Überraschung gegenüber deutschen Supermärkten. Müsli musste keines gekauft werden, das hatte Karin schon vorausschauend für mich besorgt - und zwar beim Aldi - den gibt es auch in Wisconsin. An der Kasse wird das Gekaufte von der Kassiererin oder einem jungen Mann eingepackt - insoweit wurden meine Erwartungen an das „Andere“ in den USA erfüllt.

Die Höflichkeit der Kassiererinnen ist - inzwischen - auch nicht deutlich besser als bei uns in Deutschland. Allerdings ist der Umgangston manchmal schon höflicher zwischen Fremden. Mir ist noch ein Hinweisschild in Erinnerung, das in einem der Gebäude beim World Trade Center in New York aufgestellt worden war. Dort stand: „Bitte entschuldigen Sie vielmals unsere Anwesenheit, aber wir müssen hier kurz den Fußboden reparieren“.

Was manchen Amerikaner auch wundern dürfte, wenn er nach Deutschland kommt, sind die unterschiedlichen Gepflogenheiten in den deutschen Gaststätten. In Amerika ist es offensichtlich auch in einfacheren Lokalen üblich, dass man am Eingang darauf wartet, an einen Tisch geführt zu werden. Karin hat uns die Sinnhaftigkeit dieses Brauches damit erklärt, dass damit die Beschäftigung der Kellnerinnen und Kellner gleichmäßig verteilt werden kann. Für die Bedienungen in den Lokalen ist das sehr wichtig, da ihr Einkommen wesentlich vom Trinkgeld bestimmt wird. Daher kommen sie auch immer wieder an den Tisch und fragen aufmerksam nach, ob alles recht sei und ob noch etwas gewünscht wird. Nur ein reicher Kellner würde es sich leisten, sich mit seinen amerikanischen Gästen anzulegen.

Sogar in der Mensa von Karin´s College, lassen es sich die Essensausgeber nicht nehmen, einige freundliche Worte an ihre Gäste zu richten. Mindestens fragen sie, wie heute der Tag war und wünschen einem alles Gute für den Nachmittag. Und nun stelle man sich eine amerikanische Familie vor, die zum ersten Mal in ein deutsches Lokal kommt: sie werden es betreten und am Eingang warten, aber niemand wird sich um sie kümmern. Nach einiger Zeit werden sie sich vielleicht etwas weiter in den Eingangsbereich des Lokales vorwagen, aber außer einigen abschätzenden Blicken der anderen Gäste wird ihnen wieder keinerlei Aufmerksamkeit zuteil. Höchstens, dass ganz hinten ein Kellner kurz aufblickt, um dann seiner Arbeit weiter nach zu gehen. Also gehen sie ganz vorsichtig los und steuern einen freien Tisch an, warten ein wenig, schauen sich um, aber es passiert wieder nichts. Hinten lacht jemand. Das ist alles. Also fassen sie Mut und setzen sich - und siehe da, es geschieht wieder nichts. Erst nach einiger Zeit, die in der Fremde sehr lang werden kann, wird sich eine Bedienung endlich nähern und nach den Wünschen fragen. In Amerika hat bereits das Mädchen, das die Gäste zum Tisch führt, die Speisekarten in der Hand. In Deutschland muss man sie nicht selten erst mal bestellen. Und dann verschwindet die Bedienung wieder und es kann wiederum seine Zeit dauern, bis sie sich herablässt, erneut an den Tisch zu kommen, um die Bestellung aufzunehmen. In Deutschland musste ich in einem durchschnittlichen Lokal schon mal fast eine Stunde auf das Essen warten (z.B. in der Tennisklub-Gaststätte in Heilbronn-Biberach). In den USA scheinen sie - aus welchen Gründen auch immer - darauf vorbereitet zu sein, dass die Gäste eine der auf der Speisekarte angebotenen Mahlzeiten auch bestellen und essen  wollen. Jedenfalls kam das Essen immer spätestens nach 10 bis 15 Minuten. Das sind so die Unterschiede.

Später gingen wir noch spazieren. Das heißt, erst setzten wir uns (natürlich) ins Auto und fuhren ein Stück. Dann erreichten wir eine Stelle am See, die mit breiter Promenadenstraße und breiten Gehwegen zum Promenieren einlud. Unser Weg führte uns an einem alten historischen Leuchtturm vorbei, einem der wenigen Gebäude in der Stadt, das aus Stein errichtet wurde. Die Wohnhäuser werden mit Pressspanplatten gebaut und allenfalls von außen verklinkert. Anscheinend ist die Isolierung dennoch recht ordentlich. Denn Wisconsin kann sehr kalte Winter haben und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Amerikaner in Pullover und Mäntel gehüllt mit drei Paar Socken an den Füßen ihre Winterabende zu Hause verbringen. Die Heizungen scheinen auch recht wirksam zu sein, ich denke es sind Gasheizungen, die zudem ein Gebläse haben, das an der Zimmerwand die warme Luft reinbläst.

Die Gegend, in der wir uns aufhalten, ist jedenfalls sehr; der See, die breite Uferpromenade, die (neueren) Leuchttürme auf dem See, sogar das Wasserwerk ist ein modernes, ansehnliches Gebäude mit großen Glasfronten. Die Wohnhäuser sind von der eigentlichen Uferpromenadenstraße durch einen breiten Grüngürtel (Rasen) abgetrennt und haben (wiederum) große Gärten. Überall wurden Mülltonnen aufgestellt, damit kein Abfall rumliegt (es handelt sich um alte Fässer, die mit Smileys u.a. bemalt wurden). Alle paar hundert Meter gibt es kleine Häuser, die zum Umziehen für Badegäste gedacht sind oder einfach nur zum Ausruhen einladen. Alles ist sorgfältig restauriert und gut gepflegt.

Was mir dann wieder auffällt, ist eine Sitte, die ich eigentlich nur aus Italien kenne: die Amerikaner laufen nicht (wie wir), sie fahren die Uferpromenade in ihren Autos im Schritttempo rauf und runter. Das machen nicht nur die Jungen, bei denen dieses Verhalten ja nicht weiter verwunderlich wäre (neuer Führerschein, neues (altes) Auto, Beeindrucken wollen). Auch die Älteren fahren mit ihren Autos auf der Uferpromenade im Schritttempo einfach nur zum Vergnügen hin und her. Noch merkwürdiger wird das Ganze durch die Autos, die sie benutzen: auch die Rentner bevorzugen Pickups. Das sind Geländewagen mit einer Fahrerkabine, darin höchstens zwei Sitzreihen und einer großen offenen Ladefläche hinten. Diese Ladefläche ist eigentlich gedacht zum Transport sperriger Güter. Aber ich habe keinen dieser Pickups mit Strohballen, Schweinehälften oder alten Ölfässern gesehen. Sie sind - im Gegenteil - sehr gepflegt, meist neu in feurigem Rot und die Ladefläche ist abgedeckt, damit es nicht drauf regnet und sie nicht schmutzig wird.
 
Wir hatten dann jedenfalls ein gutes Abendessen in Karin´s Küche und gingen dann bald in unser gemütliches Bett.


Sonntag, den 14. Mai 2000      

Wir haben sehr gut geschlafen und Karin führte uns nach dem Frühstück ein wenig durch das Universitätsgelände. Die Bücherei ist reichlich mit Computern ausgestattet und wir nutzen auch die Gelegenheit, gleich eine e-mail nach Hause zu schicken. Da Karin kein Telefon mehr hat, ist dies die einzige Möglichkeit, uns einigermaßen zeitnah mit den Daheimgebliebenen in Verbindung zu setzen. Ingrid hat auch immer zuverlässig geantwortet. Danke, Ingrid ! Gott sei Dank ist zu Hause anscheinend alles weitgehend in Ordnung. Jedenfalls keine Anfrage von Richard dahingehend, ob ich die Blechschäden an meinem Mercedes, die er leider verursacht habe, lieber in Mannheim oder in Karlsruhe repariert bekommen möchte. Und auch keine Anfrage von Lukas, wieso mein neuer Videorekorder plötzlich immer Bandsalat produziert, raucht und so merkwürdige Geräusche von sich gibt.

Allerdings sind die Computer in der Uni nicht die Neuesten; wie überhaupt die Innereien der von außen so prächtig aussehenden Gebäude dann doch einigermaßen überraschend nüchtern und zweckdienlich sind.

Karin´s Büro besteht zum Beispiel eigentlich nur aus einem vielleicht 6 qm großen mit Sichtwänden abgeteilten Bereich in einem größeren Kellerraum, im den noch weitere Kolleginnen und Kollegen von ihr arbeiten. Dort hat sie einen (weiteren) Computer, einen Schreibtisch, ein kleines Regal - und das war´s auch schon. Andererseits ist eine großartige Bürofläche ja im Prinzip auch gar nicht nötig, um effektiv zu arbeiten. Und es ist vielleicht gar nicht schlecht, wenn man - gerade als Ausländer - mit anderen, die in einer ähnlichen Situation sind, zusammen sein kann, auch wenn die anderen nicht nur aus Deutschland kommen, sondern auch aus Japan oder Kolumbien. Jedenfalls schien sich Karin an ihrer Arbeitsstätte recht wohl zu fühlen - und das ist ja das Wichtigste.

Die Mensa habe ich schon erwähnt: dort gilt das Prinzip: „iss soviel Du kannst“ - also Nachschlag beliebig. Es ist eine große Salatbar aufgebaut, an der sich Anne und Karin die Teller füllen können. Es gibt verschiedene Ausgabeschalter, die alle verschieden Namen haben und die Gäste mit Pizzas, Truthahn, Makkaroni und - natürlich Hamburgern - versorgen. Bezahlt wird mit einer Karte an der Kasse am Eingang, wobei Karin pro Woche 16 kostenlose Essen zustehen; es war also kein Problem für sie, uns einzuladen. Gleich bei meinem ersten Essen dort begehe ich einen Fehler: den in einem Korb angebotenen von mir bestellten Hamburger nehme ich einfach heraus und lege ihn auf meinen Teller. Erst später klärt Karin mich auf: Hamburger bleiben im Korb, der ganze Korb wird mitgenommen. Später sehe ich, dass dies durchaus auch in anderen Lokalen so üblich ist. Wer einen Korb vor sich stehen hat, von dem weiß man, dass er Hamburger bestellt hat.

Auch Nachspeise wie Kuchen oder Milchreis oder Tüteneis gibt es in Hülle und Fülle zur Selbstbedienung. Die Kuchen sind so süß, dass sie nur ganz langsam gegessen werden können, sonst spalten sie den Zahnschmelz; Anne schmeckt´s. Es gibt auch Kaffee (wahlweise mit Amarettogeschmack) und Obst. Das nehmen wir dann meist mit nach Hause, damit wir nicht verhungern.

Das reichliche Angebot hat durchaus seine Wirkung auf die jugendlichen Gäste. Man sieht ihnen an, dass das Essen reichhaltig ist und beliebig viel genommen werden kann. Ich schaue mich im gefüllten Speisesaal um und denke: „ich weiß gar nicht, was mir immer über die dicken Amerikaner erzählt wird; der da drüben ist doch normal und die dort fast auch.“ Also haben doch immerhin drei bis vier von Hundert kein Übergewicht.

Nachmittags hat Karin für uns eine Planung vorgesehen, die Eva´s und meinen Interessen sehr entgegen kommt. Wir fahren alle zum Minigolfing. Der Platz ist auf mehreren Hügeln angelegt und mit Baulichkeiten aus der Zeit des Wilden Westens dekoriert. Es gibt sogar einen Friedhof und Grabaufschriften wie: „er starb beim vierten Versuch am dritten Loch".

Das Spiel ist nicht sehr schwierig, die Hindernisse relativ einfach zu überwinden - für mich ist nur ungewohnt, dass die Bahnen mit grünem Kunststoffgras ausgelegt sind, deshalb kann ich meine Schläge nicht wie sonst gewohnt ansetzen. Eva gewinnt jedenfalls souverän. Auch Anne und Karin gelingen einige sehr gute Schläge.

Dann kommt noch ein Höhepunkt für Eva: nebenan ist eine Go-Kart Bahn, die so angelegt ist, als würde man Formel 1 fahren. Und Eva macht es wirklich gut: von einer relativ schlechten Position im Startfeld gelingt es ihr, sich mit ihrem „Renner“ bis an die Spitzengruppe von zwei weiteren Fahrzeugen „vorzuarbeiten“. Dort kommt sie allerdings nicht weiter, weil die beiden Ersten mit ihrer Fahrweise das weitere Überholen verhindern. Immerhin ist  Eva so auf das Rennen konzentriert, dass sie gar nicht bemerkt, wie dessen Ende mit einer roten Fahne und einer Sirene angezeigt wird. Mit fast unverminderter Geschwindigkeit knallt sie in den Kerl, der die ganze Zeit das Überholen verhindert hat, als dieser abbremst, um die Rennbahn zu verlassen. Zum Glück ist niemand etwas passiert, Eva hat auf diese Weise sogar noch die Möglichkeit zu einer Ehrenrunde, weil sie auf diese Weise die Ausfahrt verpasst hat. Aber ein bisschen peinlich ist ihr die Sache schon. Später erzählt sie, sie hat mehrmals „sorry“ gesagt. Andererseits fand ich auch die Reaktion des Personals sehr nett: es wurde nicht geschimpft, sondern Eva´s Fehler eigentlich recht freundlich einfach ignoriert.

Preiswert ist das Ganze übrigens nicht: allein die Minigolf-Partie für uns vier kostete 24 Dollar, also über 50.- DM.

Als wir dann heimkommen, haben wir natürlich wieder Hunger. Und so gibt es Kaffee und dazu - als Karin´s besonderes Geschenk für Anne zum Muttertag: einen von ihr selbst extra gebackenen Apfelkuchen. Wobei sie ihn so vorstellt, wie sie es bei ihrer Heidelberger Großmutter gelernt hat: der Kuchen sei nicht recht gelungen und sie verstehe nicht, weshalb die Äpfel verschwunden seien, die sie auf den Kuchen gelegt hätte. Sie wird dann von Anne beruhigt, das sei ganz normal und der Kuchen sei sicher ganz besonders gut.

Dem war leider nicht so. Nach den ersten Bissen schauen wir uns verwundert an und können es eigentlich gar nicht recht glauben: der Kuchen schmeckt ausgesprochen bitter ! Wir essen vorsichtig weiter, aber wir müssen uns gegenseitig bestätigen: etwas stimmt nicht. Wir versuchen das Problem zu analysieren, indem wir nur die (wiedergefundenen) Äpfel und dann nur den Kuchen selbst essen. Aber es lässt sich so keine eindeutige Ursache feststellen. 

Schließlich kommen wir mit Annes scharfem Blick auf des Rätsels Lösung: das Backpulver, das Karin verwendet hat, nennt sich „Baking Soda“, nach dem Wörterbuch durchaus ein zutreffender Ausdruck für Backpulver. Es war besonders preiswert. Aber auf der Packung steht, dass dieses „Soda“ dazu dient, Speisen im Kühlschrank frisch zu halten, wenn man die Packung dort hineinstellt und die beiden Lüftungsöffnungen an den Seiten der Schachtel öffnet. Weiterhin steht da, es wird empfohlen, dieses Pulver nicht zur Herstellung von Speisen zu verwenden - wir wissen jetzt, warum; wahrscheinlich wurde es noch künstlich „gebittert“, damit so Schlaue wie Karin es nicht als billige Backpulver „missbrauchen“.

Jedenfalls hat Anne auf diese Weise die Gelegenheit, Karin wenigstens für den guten Willen zu danken, den sie sich mit ihrer Arbeit gemacht hat. Und wir haben alle dazu gelernt.

Ansonsten verbringe ich den Großteil des Tages auf einem Stuhl hinter Karin´s Häuschen und lese meinen spannenden Krimi.


Montag, den 15. Mai 2000

Gleich heute morgen kamen drei von Karin´s Studenten in ihr Haus. Sie hatten die Aufgabe, ihre Deutschkenntnisse durch einen selbst ausgedachten Sketch vorzuführen. Anne, Eva und ich sollten die Juri sein. Es waren drei großgewachsene Burschen; zwei von ihnen hatten sich extra für dieses Gelegenheit fein angezogen, mit Jacketts und Krawatten. Dies zeigt, wie Karin von ihren Studenten respektiert wird.

Ihr Sketche handelten davon, dass sie in einem Reisebüro eine Reise buchen sollten. Sie erkundigten sich also nach den Preisen für die „Deutsche Bundesbahn“ und den „Ai-si-ih“ (ICE) und versuchten auch ein bisschen, bei den Preisen unterschiedliche Konditionen zu erfahren. Es ging ganz gut. Die beiden „Schicken“ hatten sich gut vorbereitet. Als Karin ihnen sagte, dass sie zufrieden sei, waren sie richtig glücklich, man merkte ihnen an, dass ihnen ein Stein vom Herzen gefallen war. Der Dritte, ein Sohn von einem Pferdehändler, hatte mehr Schwierigkeiten, weil seine Partnerin kurz zuvor krank geworden war. Er musste deshalb viel improvisieren, was mir aber besonders gefallen hat, wie er das machte, weil man im „richtigen Leben“ im Ausland sich ja auch darauf einstellen muss, dass nicht alles so läuft, wie vorher geübt.

Nachmittags war Picknick angesagt. Wir trafen uns in einem großen Park, dem u.a. ein Golfplatz angehörte und der an den verschiedensten Stellen Gelegenheit für sportliche Betätigung bot (Baseball, Volleyball u.a.m.). Es waren Kolleginnen und Kollegen von Karin eingeladen und auch Studenten des College und einer nahe gelegenen Highschool. Alle hatten reichlich zu Essen und zu Trinken mitgebracht, Bemerkenswerterweise aber keinen Alkohol. Sie beachteten entsprechende Hinweisschilder, welche den Konsum und auch den Besitz von alkoholischen Getränken im Park untersagen.

Nach dem Essen ging der „Sport“ los. Wir spielten „little Piggies“ (zwei stehen außen und werfen sich den Ball zu, eins bis drei stehen innen und versuchen, den Ball zu fangen; wer ihn fängt, darf raus). Mir gefiel dabei eine Russin besonders gut („Oxiana“), die eigentlich aus dem Ural stammt, aber aufgrund ihres mittlerweile vierjährigen Aufenthaltes in den Staaten „richtiges Amerikanisch“ spricht. Mit ihrer lebhaften und herzlichen Art erweckte sie den Eindruck, man könne mit ihr auch Pferde stehlen. Sie kümmerte sich auch lieb um Eva und bezog sie in die verschiedenen Aktivitäten mit ein. Natürlich wurde auch Fußball gespielt. Hier war ein Deutscher besonders engagiert, der noch die Highschool besucht und nach seinem Abitur wieder in die USA möchte, weil er sich dadurch bessere Chancen und eine bessere Unterstützung für seine Tenniskarriere erhofft (in Deutschland spielt er in der Regionalliga). Und am Schluss gab´s ein richtiges Volleyball-Match. Hierbei war einer der Mitspieler für mich besonders beeindruckend, ein hochgewachsener Schwarzer, der mit großer Lässigkeit mit dem Ball umging und besonders gut punktete. Er war auch einer der wenigen, welche die Regeln („RRRotation“ nach jedem Aufschlagwechsel) kannten. Ich habe bisher noch nie Volleyball gespielt, aber es hat mir gut gefallen (manchmal habe ich den Ball getroffen).

Jedenfalls waren wir nach der vielen frischen Luft und der Bewegung im Freien recht „ausgetobt“, als wir nach Hause kamen und froh, ins Bett zu kommen.


Dienstag, den 16. Mai 2000

Heute haben wir gleich morgens um acht Uhr an Karin´s Unterricht teilgenommen. Der Inhalt war ähnlich wie am Vortag: die Studenten hatten die Aufgabe gestellt bekommen, ihre Deutschkenntnisse in einem Sketch zu belegen. Der Unterricht war aber diesmal in einem Klassenzimmer und es waren etwa 15 Studenten, die ihr Wissen unter Beweis stellen sollten. Die Aufgabe war vorgegeben: Besuch eines Restaurants in Deutschland. Die erste Hürde meisterten die Teilnehmer alle gut: keiner wartete am Eingang, bis ihn der Kellner an den Tisch führen würde. Die weiteren Hürden wurden mit unterschiedlicher Qualität genommen. Alle waren zunächst irritiert, dass Karin ihnen ihre Spickzettel wegnahm. Damit hatte keiner der Teilnehmer ernsthaft gerechnet. Was mir gefiel, war die zutreffende Anwendung der üblichen Formulierungen, wenn man eine deutsche Gaststätte besucht („was darf ich Ihnen bringen“; „ich hätte gerne einen Leberkäse“). Manchmal hatte ich den Eindruck, die Probanden waren nahe daran, die falsche Formulierung zu nehmen (normalerweise sagt der Kellner nicht: „zahlen, bitte“).

Die Qualität der Sketche war natürlich unterschiedlich, manche waren richtig nett (wenn sich der „Kellner“ immer wieder ungefragt zu seinen „Gästen“ setzte und sich in deren Unterhaltung einmischen wollte), andere stockten, weil eine Teilnehmerin ohne ihren Spickzettel nicht mehr weiter wusste. Im Großen und Ganzen scheint Karin mit den Leistungen aber zufrieden gewesen zu sein (es ist schon fast ein „gut“, wenn man überhaupt regelmäßig am Unterricht teilgenommen hat). Sie wollte sie schon wegschicken, ohne ihre Arbeit zu kommentieren. Da ergriff ich dann doch die Gelegenheit, als deutsches „Jurimitglied“ der Klasse (in schlechtem Englisch) mein Lob auszusprechen und ihr zu bestätigen, dass sie nunmehr ohne Bedenken in ein deutsches Lokal kommen könnten.

Im Übrigen verbringen wir den Nachmittag mit Lesen und Basketball (an der Garage hängt ein Korb; häufiger und beliebter Zeitvertreib für Eva). Karin musste sich auf ihre Klausur vorbereiten, die sie am nächsten Tag noch erwartete. Überhaupt ist bemerkenswert, wieviel Zeit Karin sich für uns von ihren Verpflichtungen abschnitt. Immerhin hatte sie z.B. noch Unterrichtsvorbereitung, Lernen für ihre letzte Klausur (über amerikanische Geschichte, amerikanische Musik und amerikanische Bildende Kunst der letzten fünfzig Jahre) und viele administrative Dinge zu erledigen (am College und privat). Dennoch hat sie ständig überlegt, was sie uns noch bieten könnte; wir merkten, dass sie sich vorher viele Gedanken gemacht hatte. Das war natürlich erstklassig.

Mit Miho ging´s dann am frühen Abend noch in den Supermarkt (ich durfte Karin´s Auto fahren). Dort besorgte ich mir Wein und Miho sich die Zutaten für das japanische Essen, das sie uns abends zubereitete. Es gab dann frische gebackene japanische Frühlingsrollen, Reis, Fleisch und Salat.


Mittwoch, den 17.05.2000

Heute sind Anne, Eva und ich nach Milwaukee gefahren. Karin wollte zu Hause bleiben und sich ganz ihrer Arbeit widmen. Das war nur vernünftig, wenn man bedenkt, was sie alles im Kopf haben musste, um ihren Aufenthalt in den USA abzuschließen (einschl. Annoncen für den Autoverkauf, Auflösung des Bankkontos, Schlussbesprechungen mit anderen Lehrkräften). Anne und Eva haben ihr zwar geholfen, die Arbeiten der Studenten zu korrigieren, die Vergabe der Endnoten und ihre Besprechung verblieb aber dann doch bei Karin. Außerdem stand ja immer noch ihre Abschlussklausur an.

Zuvor hatte ich schon die wichtigste Verkehrsregel in den USA kennen gelernt. Sie ist typisch amerikanisch: wer als Erster an einer Kreuzung ankommt, darf auch als Erster fahren. Erstaunlicherweise klappt´s. Für Deutschland könnte ich mir das nicht vorstellen. Hier gäbe es sicher ständig Streit um die Frage, wer nun wirklich als Erster die Kreuzung erreicht hat. Und es müssten Lichtschranken mit Videoanlagen an den Kreuzungen eingebaut werden, um diese Streitfälle zu klären. Auch die Amerikaner in Wisconsin fahren nicht besonders zurückhaltend. Aber sie halten sich sehr an die Verkehrsregeln. Die Geschwindigkeitsbeschränkungen werden nur wenig überschritten (um vielleicht 5-10 km/h; so, wie wir das in Deutschland auch handhaben). Irritierend für mich ist bloß, dass die Straßen so breit sind. In Deutschland wären auf diesen Strecken durchaus 120 km/h angebracht, während sie in den USA teilweise nur mit Ortsgeschwindigkeit (35 mph) befahren werden dürfen.

Die Fahrt nach Milwaukee verläuft reibungslos. Ich fahre halt wie ein geborener Amerikaner. Anne sitzt neben mir mit den Karten und dirigiert mich durch den Straßennudelsalat. Es hat angefangen zu regen, was unsere Unternehmenslust aber keineswegs dämpft. In der Nacht zuvor hatten wir ein heftiges Gewitter. Es donnerte und blitzte so heftig, dass ich mindestens eine Stunde nicht richtig schlafen konnte. Dieser „Thunderstorm“ hat offenbar einen Wetterwechsel eingeläutet; die sonnigen Tage sind erst mal vorüber und wir müssen Pullover und Anoraks anziehen.

Wir haben uns in Milwaukee kaum verfahren - auch eine Leistung in einer Stadt mit über 640.000 Einwohnern. Unser erstes Ziel ist das Kunstmuseum direkt am See. Es ist - wie nicht anders zu erwarten - in einem Neubau untergebracht, dessen schwarz getönte Glasfront sich zum See öffnet. Im Eingangsbereich darf gerade eine Schulklasse von vielleicht 10-jährigen „Kunstwerke“ aus Holz basteln. In einem anderen Raum sind Arbeiten von Highschool-Schülern ausgestellt. Sie geben einen repräsentativen Einblick in das, was einen amerikanischen Schüler so bewegt (grundsätzlich auch nichts anderes, als in Deutschland; Popstars, Freunde und Freundinnen sind in Collagen abgebildet; ein roter Esel hat mir besonders gut gefallen, da er besonders gut gezeichnet war).

Im Untergeschoss gibt es gerade eine Ausstellung mit Werken von Toulouse-Lautrec. Natürlich kommt die dazu passende Musik (Chansons) aus der damaligen Zeit aus den Lautsprechern. Die Zeichnungen von Toulouse-Lautrec fallen deshalb auf, weil sie den Eindruck von Schnappschüssen erwecken, wie man sie heute mit dem Fotoapparat machen würde. Die Menschen sind häufig schräg von hinten abgebildet, meist in Bewegung, ein Teil ist wie zufällig abgeschnitten. Seine Pferdezeichnungen sind besonders beeindruckend, er wählte Perspektiven (z.B. schräg von oben und von hinten), die für Pferdezeichnungen ungewöhnlich sind und seine großen Fähigkeiten der zeichnerischen Darstellung eindrucksvoll unter Beweis stellen. Merkwürdig finde ich, dass er die Frauen (Sängerinnen und Tänzerinnen aus dem Moulin Rouges usw.) so unvorteilhaft darstellt. Neben den Plakaten, die er für die Veranstaltungen erstellt hat, hängen Fotografien der Damen, die er als Vorbild für seine Plakate gewählt hat. Diese Fotos zeigen die Damen eigentlich viel netter, als sie T-L gezeichnet hat (der Knubbel auf der Nasenspitze ist auf dem Foto beileibe nicht so groß).

In den weiteren Stockwerken des Gebäudes ist moderne und klassische Kunst zu besichtigen; darunter Wharhol´s Suppendosen oder Lichtenstein´s Porzellanportrait. Auch ein Portrait des „Duke of Sachsen“ findet sich. Es ist eigentlich erstaunlich, wie wenig amerikanische Künstler vertreten sind; soweit für mich erkennbar, gibt es dazu nur einige idyllische Familien- oder Genrebilder aus der Jahrhundertwende (spielende Kinder am Strand in der Sonne, u.ä.). Von einem der besten Gemälde hat sich Anne ein Poster gekauft: es stellt einen älteren Mann der, der mit einem Holzbündel auf dem Rücken im Wald steht und den Betrachter direkt anschaut. Neben ihm kniet ein kleines Mädchen und pflückt Blumen. Die Malerei ist so plastisch, dass nicht einmal eine Fotografie diese Realitätsnähe in der malerischen Abbildung erreichen könnte.

Anne kann sich - wie nicht anders zu erwarten war - von dem Museum kaum losreißen, während Eva und ich bald durch sind. Schließlich lässt sie sich dazu überreden, ebenfalls mit der Stadtbesichtigung zu beginnen.

Milwaukee liegt ebenfalls direkt am See; ebenso die Innenstadt. Das heißt, die Hochhäuser beginnen gleich, wenn man das Museum verlässt und über eine Brücke, die mit amerikanischen Flaggen gesäumt ist, die Innenstadt betritt. Eva hat schon während der Herfahrt auf dem Stadtplan eine Besichtigungstour festgelegt - und der folgen wir jetzt. Milwaukee beeindruckt mich vor allem mit - seiner Sauberkeit. Die Schweiz hätte hier Vorbild sein können. Überall finden sich Inschriften, wonach die Stadt sauber zu halten sei. Man traut sich kaum, auf der Straße zu rauchen, weil man nicht weiß, wohin mit dem Zigarettenstummel. Die Gehwege sind an den Übergängen zweifarbig angelegt; dazu wurden rote Backsteine benutzt, die sich so von der grauen Straßenoberfläche deutlich absetzen. Vielleicht soll dies auch ein wenig an Kopfsteinpflaster erinnern.

Auch die Hochhäuser wirken alle neu oder wenigstens frisch herausgeputzt. Möglicherweise liegt dies aber auch daran, dass die Luft durch den nahezu ständigen, teils sehr kräftigen Wind vom See nach meiner Meinung deutlich besser ist, als z.B. in Frankfurt
oder Mannheim. Dadurch sind die Fassaden wahrscheinlich weniger stark den Luftschadstoffen ausgesetzt und verschmutzen deshalb auch weniger.

Manche der Hochhäuser sehen schon merkwürdig aus, neben der „klassischen“ Form ähnlich dem New York State Building gibt es auch Häuser, die stark an Schloss Neuschwanstein erinnern oder an eine Kirche oder ein altes Rathaus in einem schwäbischen Dorf (nur viel größer, natürlich). Viele Banken und Versicherungsgesellschaften haben ihre eigenen Hochhäuser; in Indiz dafür, womit hier das (große) Geld verdient wird.

Wir waren natürlich auch im „deutschen“ Stadtteil von Milwaukee. Viele der Bewohner des Staates Wisconsin sind deutschstämmig. Das war auch bei der Abschlussfeier des College offenkundig, als die Namen der Absolventen vorgelesen wurden - nur die Aussprache der Namen war falsch und verhohnepiepelnd (Karin verstand einmal „Starfucker“ statt „Staufacher“). Da müssen die Ortsansässigen hier noch nachlernen. Der „deutsche“ Ortsteil von Milwaukee besteht - soweit für uns ersichtlich - aus einigen Brauereien (Milwaukee gilt als der Bierproduktionsort Amerikas) und deutschen Gaststätten. Eine haben wir uns genauer angesehen: sogar der Parkplatz hatte kleine Rundtürmchen und ein großes Schild mit „Herzlich Willkommen“ und „Auf Wiedersehen“. Die Bedienung trug ein Dirndl, dazu ertönte Geigenmusik wie in einem Wiener Kaffeehaus. Die Front der Gaststätte war teilweise mit Efeu bewachsen und hatte natürlich auch ein Rundtürmchen. Wie man sieht, wird in Milwaukee nicht deutsch gekleckert, sondern gleich deutsch geklotzt. Es sah so deutsch aus, wie bei uns keine Gastwirtschaft.

Wir waren auch in einer Ladenpassage, die unseren Eindruck von Milwaukee noch bestätigte: sie war auf zwei Stockwerke verteilt in einer Art klassizistischem Stil mit Marmor, kleinen Boutiquen und einem künstlichen Brunnen in der Mitte.

Insgesamt machte Milwaukee also auf mich den Eindruck einer großen, sauberen, „aufgeräumten“ Stadt, die unter einem starken mitteleuropäischen Einfluss entstanden sein musste.

Auf der Rückfahrt regnete es dann recht kräftig. Wie überhaupt das Klima hier dem Wetter des mitteleuropäischen Kontinents sehr zu ähneln scheint. Es war sogar generell etwas kühler als bei uns in Süddeutschland. Die Pflanzen waren noch nicht so weit wie bei uns. Die Blätter an den Bäumen hatten gerade begonnen, sich zu entwickeln. Der Pflanzenbestand ist dem Deutschlands jedenfalls ähnlich, nur der Bestand an Eichen erscheint deutlich größer (bei uns sind sie ja wegen der Luftverschmutzung fast schon eine Seltenheit geworden). Ich kann mir deshalb vorstellen, dass die deutschen Einwanderer sich hier von Anfang an recht wohl gefühlt haben müssen (einschließlich der Polen, von denen hier auch viele abstammen sollen; allerdings waren die Namen der Ehrenmitglieder des College nie polnisch, sondern sehr häufig deutsch).

Auch auf der Rückfahrt haben wir uns dank Anne´s Aufmerksamkeit mit dem Stadtpan nicht verfahren und ich konnte wieder ein wenig den „amerikanischen“ Fahrstil pflegen.

Bei unserer Ankunft treffen wir auf eine empörte Karin. Sie hatte inzwischen ihre letzte Klausur geschrieben und war sehr zornig über die Fragen zur amerikanischen Geschichte. Die anderen Themen hatte sie nach ihren Angaben gut bewältigt; aber bei Geschichte war nicht nach dem Vietnamkrieg gefragt worden oder den amerikanischen Präsidenten oder der Kubakrise oder Watergate oder ähnlichem, was sich ein deutscher Student bei Geschichte vorstellt, sondern nach Haupt- und Nebendarstellern in Spielfilmen, nach Fernsehstars oder nach bestimmten Vorkommnissen in amerikanischen Fernsehserien. Es wurden also Kenntnisse abgefragt, die der durchschnittliche Amerikaner mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Gedächtnis parat hat, die sich aber nicht aus Büchern herleiten lassen. Karin ärgerte sich auch deswegen, weil diese abgefragten Angaben nicht in den Unterlagen enthalten waren, die ihr Professor während des Semesters an seine Studenten ausgegeben hatte. Dabei hatte sie vorher doch so mühsam gepaukt und war sogar mit Anne spazieren gegangen um sich beim Gehen und Reden alle die Namen und Jahreszahlen einzuprägen, die zu ihrem Unterrichtsstoff gehörten (diese Angaben sollten übrigens völlig zusammenhanglos gelernt werden; es ging mehr oder weniger nur darum, Namen und Zahlen auswendig zu lernen). All dies hatte Karin mehr oder weniger mürrisch auf sich genommen - und nun diese merkwürdigen Aufgabenstellungen. Aber Karin wäre nicht Karin, hätte sie nicht gleich einen Termin mit dem Dozenten für den nächsten Tag versucht zu erhalten, bei dem sie ihm ihre Meinung zu der Klausur sagen wollte.

Nach dem wir Karin entsprechend bedauert hatten, machten wir uns übers Abendessen her und gingen irgendwann spät abends ins Bett.


Donnerstag, den 18. Mai 2000

Heute ging´s mit Karin nach Chicago. Und sie ist schon wieder deutlich besser gelaunt. Sie hatte noch einen Nachtermin bei dem blöden Professor bekommen für eine mündliche Prüfung. Und da machte sie sich offenbar prächtig: sie erhielt als Prüfungsergebnis in
amerikanischer Geschichte 19 von 20 möglichen Punkten. Wer sagt´s denn !

Karin´s schneidiger Fahrstil ist wirklich bemerkenswert. Dabei habe ich schon den Eindruck, das sie alles „im Griff“ hat. Dennoch ist es besser, dass ich hinten sitze. Ich hätte mir den einen oder anderen Ratschlag sonst bestimmt nicht verkniffen (obwohl es zum Beispiel auch völlig falsch von mir war zu behaupten, doppelt gestrichene Mittellinien dürften nicht überfahren werden - na ja, ich habe auch keinen amerikanischen Führerschein wie Karin).

Wir haben noch Sebastian dabei, den Jungen, der vielleicht als Austauschschüler für Eva in Betracht kommt. Sebastian ist etwa 11 Jahre alt, dunkelhaarig, schlank (!), hat eine Zahnspange und plappert unaufhörlich. Dabei ist er immer fröhlich und lustig und positiv. Aber er plappert halt immer. Eva wirkt ganz schweigsam in seiner Nähe. S.´s Vater verkauft in New York Violinen und lässt sich nur jedes zweite Wochenende zu Hause sehen. Seine Mutter ist recht hübsch und hat auch ein sehr lebhaftes Wesen. Vielleicht ein wenig zu hektisch. Er hat noch eine kleine Schwester, die uns zum Abschied ein Zeichnung geschenkt hat, bei der ich annehme, dass sie vielleicht mich darstellen soll: das Wesen, das sie gezeichnet hat, sieht aus wie ein bärtiges Gruseltier.

Anne hat die Aufgabe, die Geldstücke zu hüten, die bei den Zahlstellen in den dafür vorgesehenen Korb geworfen werden müssen. Ich beobachte, dass Karin wenigstens wartet, bis es grün ist , bevor sie weiter fährt (es gibt also doch einen kleinen Unterschied im Fahrstil zwischen denen aus New York und denen aus Wisconsin).

Anne sagt, der Anblick von Chicago entspreche genau dem, was sie es sich vorgestellt hätte: es ist grau, wolkenverhangen, die Hochhäuser verschwinden mit ihren oberen Etagen im kalten Dunst.

Wir fahren zu der Gegend, in der die Museen zu finden sind. Natürlich wird hier wiederum nicht gekleckert, sondern geklotzt: Es handelt sich um ein sehr großes Areal am See, in dem mehrere große Gebäude weiträumig verteilt sind. Die Bauten imitieren griechische oder römische Prachtbauten mit Treppen und Säuleneingängen. Das Stuttgarter Zentrum mit dem alten und dem neuen Schloss könnte (einschließlich des Innenministeriums) in diesem Areal sicherlich wohl mehrfach untergebracht werden.

Wir gehen zum „Ozeanum“; angesichts der Ausdehnung der Anlage ein schon beachtlicher Spaziergang von unserem Parkplatz; wobei es typischerweise (Chicago !) auch noch anfängt zu regnen. Das Ozeanum hat Karin ausgewählt, weil sie den Kindern und mir keine Kunsthalle zumuten wollte, ein wenig zu Anne´s Bedauern.

Der Eintritt kostet für uns drei Erwachsene mit zwei Kindern immerhin beachtliche 70 Dollar. Die Aquarien sind recht eindrucksvoll, aber auch nicht so ungewöhnlich, dass sich z.B. der Frankfurter Zoo deshalb verstecken müsste. Karin findet in den Fischen Abbildungen bestimmter Menschengesichter: manche sehen richtig aggressiv aus, andere mehr blöd, wieder andere so aufgedunsen, als sie hätten sie zuviel Schweinefleisch gefressen.

Was das Aquarium von Chicago gegenüber den bekannten Fischschauen in den mir bekannten deutschen Einrichtungen auszeichnet, ist die Delphin-Schau. An einem Ende des Gebäudes wurde eine große Halle mit Schwimmbecken und künstlichem Gestein und künstlichem Fichtenwald so eingerichtet, wie es am Nordpazifik aussehen soll (einschl. Vogelgezwitscher aus Lautsprechern). Dort sind Zuschauerränge errichtet, von denen aus der Blick durch eine hohe Glaswand wieder auf den See führt.

Bevor es aber richtig losgeht, taucht ein Moderator mit Mikrophon auf, um den Gästen Quizfragen zu stellen, mit denen sie beweisen sollen, ob sie genug gebildet sind, um die Schau überhaupt verfolgen zu dürfen. Eine der Fragen an ein Mädchen aus dem Publikum war: „Wie schwer ist ein Delphin Baby, wenn es geboren wird ? 100 Pfund, 10.000 Pfund oder 100.000 Pfund ?“ Nach längerem Zögern (und Einflüstern aus dem Publikum) sagte das Mädchen vorsichtig: „100 Pfund“. Der Moderator: „Du sagst 100 Pfund; bist Du ganz sicher ?“ Das Mädchen: „Ja!“ Der Moderator: „Wirklich, ganz sicher ?“ Das Mädchen wieder: „Ja.“ Der Moderator: „100 Pfund, das ist richtig ! Du hast gewonnen! Was für ein kluges Mädchen!“ Und das Publikum klatscht und jubelt begeistert. Der Preis war dann  - soweit ich es verstanden habe - eine Kleinigkeit, die am Eingang abgeholt werden konnte.

Die eigentliche Schau war dann mehr dazu gedacht, die Fähigkeiten der Delphine vorzustellen, als Kunststücke zu zeigen. Ein junger Mann erklärte, dass die Delphine sehr starke Schwanzflossen hätten und dazu schwammen die Fische rückwärts oder aufwärts stehend durch das Wasser. Und natürlich wurden auch Sprünge gezeigt, aber ohne Bälle und Reifen und andere Besonderheiten. Es ging mehr darum, dem überwiegend jungen Publikum die tierspezifischen Eigenschaften der Delphine zu zeigen.

Anschließend gingen wir einen Stock tiefer; hier konnten die Delphine, aber auch eine Walart und andere Tiere unter Wasser beobachtet werden. Dort haben ich zum ersten Mal im Leben auch blaue Frösche gesehen, die aussahen, als seine sie aus Porzellan hergestellt. An der Wand waren verschiedene Möglichkeiten, auch taptile Erfahrungen zu machen: so gab es eine Metallplatte mit der Möglichkeit zu fühlen, wie kalt das Wasser ist, in dem die Delphine schwimmen und daneben eine Gummiplatte um festzustellen welche Kälte der Neophren-Anzug hat, den die Schwimmer tragen, die mit den Delphinen im Wasser sind, um ihnen die Kommandos bei den verschiedenen Vorführungen zu geben.

Am Ausgang wurden wir dann noch Zeuge einer besonderen Vorführung: im großen Aquarium, in dem die meisten und größten Meerestiere zu besichtigen waren, befand sich eine Taucherin mit einem Korb voll Futter. Die Taucherin war über Mikrophon mit der Außenwelt verbunden und erklärte im Wasser schwimmend und fütternd die Eigenarten und Besonderheiten der verschiedenen Meerestiere, die um sie herum waren. Das fand ich schon interessant und auch ein wenig gefährlich, weil sich eine große Schildkröte dauernd an sie heran drängte, um Futter zu bekommen. Sie war übrigens das einzige Tier, das offenbar begriffen hatte, dass hier ein „Fisch“ war, der etwas zu verteilen hatte. Die anderen schwammen mehr oder weniger blöde einfach weiter. Die Schildkröte war mir deswegen ein bisschen suspekt, weil ihr schnabelartiges Maul schon eine beträchtliche Größe hatte. Ich machte mir ein Wenig Gedanken darüber, was wohl passieren würde, wenn das Tier plötzlich aggressiv wird. Die Taucherin hatte keine Handschuhe. Und die Schläuche, mit denen sie mit Luft versorgt wurde, schienen mir auch nicht besonders widerstandsfähig bei dem großen Schildkrötenmaul. Ich ließ sie dennoch zurück, ohne ihr für den ausgedachten Notfall meine Adresse zu hinterlassen.

Anschließend bewegten wir uns Richtung Chicago City (die Innenstadt nennt sich „the loop“). Chicago war für mich ein bisschen ein Mix aus New York und Milwaukee: Unruhiger und lebhafter, als das aufgeräumte und ordentliche Milwaukee, dennoch nicht so rastlos und hyperaktiv wie New York. Wem also N.Y. zu viel ist und Milwaukee zu wenig, dem empfehle ich als weit gereister und erfahrener USA-Reisender eben Chicago.

Wir waren allerdings kaum 10 Minuten losmarschiert und ich hatte gerade meine Videokamera gezückt, um ein wenig von dem Stadtleben aufzunehmen, da entdeckten die beiden Damen Karin und Anne einen Bücherladen. Also wurde erst mal nach Büchern gesucht. Nun gibt es auch in Deutschland derartige Läden. Auch diese führen vielleicht Ratgeber wie „Fettarm Kochen für Dumme“ oder „Spanisch Lernen für Dumme“ oder „Hausputz für Dumme“ (möglicherweise nicht in diesem Umfang), aber immerhin. Diese Läden haben zudem den Vorteil, dass sie ihre Ware in deutscher Sprache anbieten. Also, was wollten Anne und Karin so lange in diesem Buchladen ? Anne ist eben immer von Büchern fasziniert (sie könnten auch in Suaheli geschrieben sein, sie würde versuchen, sie zu lesen) und Karin wollte noch ein Buch für die Reise. Aber immerhin, nach einem gewissen Drängeln von mir ging es nach einiger Zeit weiter.

Ich hatte - nach weiteren etwa 8 Minuten Gang durch Chicago- gerade überlegt, ob ich diese Kreuzung mit den amerikanischen Flaggen und den großen Bankgebäuden auch von der anderen Straßenseite filmen sollte - quasi der „Gegenschnitt“ - als die beiden Damen schon ein Schuhgeschäft entdeckt hatten. Also verschwanden sie mit Eva im Schuhladen. Ich blieb mit dem kleinen Sebastian vor der Tür und wartete. Und wartete. Und wartete. Schließlich bin ich dann doch rein und gab den beiden Damen den Hinwies, dass es auch in Deutschland die Möglichkeit gibt, sich Schuhwerk käuflich zu erwerben. Es war mir auch nicht ersichtlich, dass das Angebot in diesem amerikanischen Laden sich von dem deutschen Angebot augenfällig unterschied. Es handelte sich eben um Treter, die man sich über die Füße ziehen und bei Erwerbsabsicht an der Kasse bezahlen musste. In dem Geschäft waren Regale aufgebaut, auf denen die Schuhe angeboten wurden und es gab Sitzgelegenheit für Anprobierwillige sowie jüngere Verkäuferinnen. Also auch insoweit keine ersichtliche Differenz zu Deutschland, erst recht nichts typisches amerikanisches. Die beiden Damen hatten aber keinerlei Einsehen und ließen sich überhaupt nicht von meinen Ausführungen überzeugen. Es war vielmehr die deutliche Bereitschaft erkennbar, in diesem Sinne fortfahren und noch weitere Läden aufsuchen zu wollen. Also kam es zur folgenden Einigung: Eva, Sebastian und ich gehen alleine weiter und wir treffen uns in zwei Stunden am Parkhaus.

Also ging´s los mit gezückter Kamera im schon langsam abendlich werdenden Chicago. Wir waren etwa fünf Minuten marschiert, da entdeckte ich einen besonders aufwendig mit Fahnen geschmückten Hochhauseingang: der Blick hinein offenbarte gleich, worum es sich handelte: ein Kaufhaus. Also ließ ich es mir nicht nehmen, mich in diesem Kaufhaus ein wenig umzusehen. Wir fuhren die Rolltreppen hinauf und wieder herunter. Es gab in einem Stockwerk Kinderbekleidung, in einem anderen Damenbekleidung und in einem weiteren Herrenbekleidung. Ganz oben konnten Möbel käuflich erworben werden. Langsam kam mir ein Verdacht: nämlich der, dass sich der Gang durch dieses Kaufhaus meine spezifischen Kenntnisse über Chicago nicht wesentlich ändern würde, zumal die Ähnlichkeit mit einem deutschen Horten oder Kaufhof doch sehr groß war. Eigentlich fast genau das Gleiche. Nur größer und weniger Kunden.

Also ging´s wieder raus auf die Straße. Inzwischen hatte es bereits mehrfach gedonnert und geblitzt und es fing an zu regnen. Die Videokamera musste ich im Anorak unterbringen. Wir waren gerade etwa weitere fünf Minuten marschiert, da meldete Sebastian nun doch recht energisch Hunger und Durst an. Wo sind wir hin ? Natürlich zu Mac Donald´s. Vor lauter Trotz habe ich nichts gegessen, den Kindern hat es aber offenbar gut geschmeckt (Sebastian aß eine etwas merkwürdige Mischung aus Hamburger und Schlag-
sahnen-Marshmellow-Milch).

Und dann ging´s im strömenden, stürmischen Regen zurück zum Parkhaus, das mit einer nassen, aufgeweichten Straßenkarte nicht ganz leicht zu wieder zu finden war. Die Kinder durften im Eingang eines Nobelrestaurants warten, bis ich Anne und Karin gefunden hatte. Das Parken kostete etwa 40.- DM (was Karin zu der Bemerkung veranlasste, sie hätte doch „ihren“ Parkplatz nehmen sollen).   

Im strömendem Regen fuhren wir dann auf den Highway zurück in Richtung Kenosha. Karin plapperte vorne fröhlich mit Anne, während ich mich hinten darüber grämte, dass ich bei Mac Donald nichts gegessen hatte. Karin fuhr wieder schneidig wie immer, als die Wagenkolonne vor uns recht plötzlich zum Stehen kam; Karin bremste stark ab - und schon knallte es von hinten und wir wurden kräftig durchgeschüttelt. Das nachfolgende Fahrzeug hatte nicht mehr rechtzeitig bremsen können und war in Karin´s goldigen kleinen blauen Chevy Sprint reingefahren. Ihr treues Auto, das sie gerade gestern verkauft und das übermorgen abgeholt werden sollte. 

Wir stiegen also aus und sahen im strömenden Regen nach dem Schaden. Und siehe da: Karin hatte sehr großes Glück gehabt. An ihrem alten Chevy Sprint war nichts von dem Aufprall zu sehen. Die schwarze kräftige Stahlblechstoßstange hatte den Stoß gut aufgefangen und Schäden an ihrem Fahrzeug verhindert. Auch der schwarze Van, der auf Karin´s Auto aufgeprallt war, hatte vorne keine sichtbaren Dellen oder Kratzer abbekommen. Anders sah´s bei einem weiteren Unfallbeteiligten aus: der war auf den Van aufgefahren und hatte dabei deutlich die Front eingedrückt bekommen. Der Fahrer dieses Wagens  - ein Japaner - war auch sehr aufgeregt und bat Karin inständig darum, nicht einfach weg zu fahren, damit ihre Aussage vom Unfallhergang von der Polizei aufgenommen werden könne.

Wahrscheinlich hatte er den Hintergedanken, dass Karin der Vorwurf gemacht werden könnte, zu schnell und zu abrupt abgebremst zu haben, weshalb ihm die Vermeidung des Unfalles unmöglich gemacht worden sei.

Karin ließ sich darauf ein und wir blieben am Unfallort. Die Fahrzeuge parkten wir ganz nahe links am Mittelstreifen. Nach mehreren Versuchen gelang es Karin auch, die Polizei mit dem Handy zu verständigen. Sie wurde dabei von Sebastian beraten, der auch gleich seiner Mutter einen sehr klaren und präzisen Unfallbericht durchtelefonierte. Schon nach kurzer Zeit kam der Abschleppdienst und dann auch die Polizei. Wir wurden auf einen Notfallparkplatz gelotst. Der aufgeregt Japaner brachte sein Anliegen erneut vor, während unser unmittelbarer „Unfallgegner“ ganz ruhig und freundlich blieb. Das war übrigens ein Pole, der sogar ein bisschen deutsch konnte. Da erklärte der Polizist, er wolle bald Feierabend machen und wir sollten doch für das Unfallprotokoll morgen bei ihm vorbeikommen.

Karin machte ihm deshalb sehr deutlich und bestimmt klar, dass dies für uns wohl kaum ohne weiteres möglich sei. Wir wollten gleich nach Deutschland zurück fliegen und hätten deshalb keine Zeit mehr für derartige Termine. Der Polizist war durchaus freundlich und fragte uns deshalb, ob wir irgendwelche Schäden erlitten hätten und geltend machen wollten. Die einstimmige Antwort war: nein. In diesem Fall sei auch kein Protokoll für uns erforderlich, meinte er. Und damit konnten wir abfahren, ohne dass unsere Namen, unsere Adressen oder das Kennzeichen von Karin´s Auto notiert worden waren.

Die Rückfahrt verlief dann ohne weitere Besonderheiten, vielleicht mit dem kleinen Unterschied, dass Karin nun etwas vorsichtiger auf den Verkehr vor ihr achtete und Anne sie darin unterstützte.

Mein Magen war in einem tiefen, tiefen Keller, bis wir zu Hause waren, zumal noch einmal unbedingt eingekauft werden musste (!),außerdem hatte ich nasse Hosen und Füße von dem Regen in Chicago und Karin verfuhr sich prompt, als sie Sebastian daheim in Kenosha bei seiner Mutter abliefern wollte. Jedenfalls habe ich mein Abendessen brav verputzt und hatte überhaupt keine Ansprüche auf irgendwelche Besonderheiten bei dessen Zubereitung.

Dabei erfuhren wir noch, dass wir in unserem Haus Glück gehabt hatten: während unserer Abwesenheit hatte es in Kenosha ein Gewitter gegeben und ein Blitz war in eines der Nachbarhäuser eingeschlagen. Gott sei dank hatte es keine Personenschäden gegeben, aber ein Teil der Sachen von Karin´s Kolleginnen und Kollegen war verbrannt. Das Haus konnte jetzt als Feuerruine besichtigt werden und einer der Bewohner durfte Interviews fürs örtliche Fernsehen geben.

Freitag, den 19.05.00

Heute haben wir einen Handel abgeschlossen. Die Damen wollten wieder einkaufen, in einem der Einkaufszentren in der Umgebung. Karin hatte Verständnis für mich. Mein Gequengel nach dem „Sony-Outlet“ in den Ohren brachte sie dazu, mir für diese Zeit des Damen-Einkaufs „Best Buy“ vorzuschlagen. Das ist eine Art amerikanischer Media-Markt mit allem, was das Herz des Elektronikfans begehrt. Also wurde ich am Parkplatz des Einkaufszentrums rausgelassen und verdrückte mich bei „Best Buy“.

Dort bin ich den Verkäufern sicher ein wenig aufgefallen. Das Angebot war gar nicht so faszinierend wie im „Sony-Outlet“. Das Übliche eben, das man auch bei Phora oder im Media-Markt bei uns bekommt. Keine besonders ausgefallenen oder preiswerten Waren (nur die Videorekorder sind sehr günstig; die Computer entsprechen dagegen unseren Preisen, aber in Dollar). Aus Erfahrung war mir bekannt, dass die Damen nicht bereits nach 10 Minuten mit ihren Einkäufen fertig sein würden. Also lief ich ganz langsam durch den Elektronikmarkt und besah alles mit besonderer Sorgfalt. Da der Laden nicht besonders groß war, erreicht ich aber schon nach 20 Minuten wieder den Eingang. Zwischendurch fragten mich die höflichen Verkäufer immer wieder nach meinen Wünschen. Da ich keine hatte, bedankte ich mich ebenso höflich für die angebotene Unterstützung. Dann ging ich auf eine neue Runde durch den Laden. Wieder an den Computern vorbei, den Fernsehern, den Autoradios, den Waschmaschinen und den Staubsaugern. Inzwischen kannte ich schon die verschiedenen Netzteile und begrüßte die Soundkarten wie alte Bekannte. Die freundlich angebotenen Beratungsgespräche lehnte ich eben ebenso freundlich weiterhin ab. Wieder war ich am Eingang. Und dann eben noch mal. So langsam hatte ich das Gefühl, dass ich dem Personal entweder verdächtig oder als ein Besucher aus Hinterpolen erscheinen müsse. Ich sah kurz auf die Uhr und versteckte mich zwischen den Staubsaugerbeuteln. Dann schlich ich vorsichtig zwischen den Regalen mit gesenktem Kopf zu den elektrischen Rührgeräten. Dort pausierte ich kurz, um mich dann scheinbar ganz lässig zu den Telefonapparaten zu bewegen. Das war aber ein Fehler: dort standen gleich drei Verkäufer, die offenbar nichts zu tun hatten (bei uns unterhalten sie sich wenigstens untereinander über ihre letzte Reise oder Autos und man hat als Kunde eher das Gefühl, sie würden in wichtigen Angelegenheiten unterbrochen, wenn sie etwas gefragt werden), aber hier: alle drei wandten sich mir zu und wollten mich über amerikanische Telefonapparate beraten. Mein Rückzug geriet deshalb auch etwas hektisch, fast wäre ich zwischen den elektrischen Bratpfannen hingefallen. Also, nun hatte ich wirklich genug. Ich ging raus und war froh, am Ausgang nicht festgehalten und vom örtlichen Sheriff verhaftet zu werden. Aber wahrscheinlich sind die Amerikaner an merkwürdige oder schrullige Typen eher gewöhnt als wir.

Es war noch viel Zeit, von den Damen weit und breit auch noch nichts zu sehen. Klugerweise hatte Karin nicht das Auto als Treffpunkt vorgeschlagen, sondern eine kleine Gaststätte beim Einkaufszentrum. Also ging ich dorthin, wartete nicht (!) am Eingang, bis ich einen Tisch zugewiesen bekam, sondern setzte mich gleich ganz mutig an die Bar. Dort bestellte ich einen Milchkaffee und kam bald in eine ähnliche Situation wie vorher im Supermarkt: die Bedienung hinter dem Tresen dachte wohl, es wäre freundlich und höflich, wenn sie mit mir die eine oder andere kurze belanglose Bemerkung austauschen würde. Nur - ich verstand sie halt nicht so recht. Ihr Gebrabbel ließ sich für mich nicht in sinnhafte deutsche Sätze übersetzen. Was macht man, wenn man den anderen nicht recht versteht ? Am Besten äußert man sich vorsichtig: also mit „mhm, mhm“. Ich muss ihr schon komisch vorgekommen sein, weil ich jede ihrer Bemerkungen mit einem „mhm,mhm“ beantwortet habe. Ich habe dabei natürlich versucht, meinen „mhm,mhms“ verschiedene Klangfarben zu geben, sie im Ton manchmal ansteigen zu lassen (also mehr fragend) oder sinkend (also mehr bestätigend). Dennoch war mir ganz heiß um die Ohren und sie dachte sicherlich, dass sie selten so einen Rülpel als Gast gehabt hatte. Vielleicht hatte sie auch das Gefühl, endlich ein Mann, mit dem sich eine nette Unterhaltung führen lässt. Zu meiner Erleichterung war bald ihr Feierabend und ein Personalwechsel stand an. Sie ging  - und ich kam vom Regen in die Traufe. Ihr Kollege war offensichtlich ein Typ, der ausgeruht war und es sich ganz besonders zur Aufgabe gemacht hatte, einsam Wartende an der Bar zu unterhalten. Ich starrte verzweifelt auf den Fernseher über mir, in dem ein Golfspiel in voller Länge mit allen Ballschlägen in aller Ausführlichkeit gezeigt wurde, aber es nützte nichts. Ich musste wieder mit „mhm, mhm“ ran. Irgendwann war ich aber dann doch erfolgreich. Er gab auf. Er reagierte nicht mal mehr, als ich die halbvolle Milchkanne, die ich zu meinem Milchkaffee zusätzlich bekommen hatte, auf der Theke umwarf. Ich muss einen sehr merkwürdigen Eindruck in diesem Lokal hinterlassen haben. Also ging ich raus und nach kurzer Zeit sah ich die Damen zu meiner großen Erleichterung (ich wollte auf keinen Fall zurück, auf keinen Fall) beim Auto. Sie waren glücklich über ihre Einkäufe und ich darüber, hier wegzukommen.

Der Nachmittag ging schnell vorüber (ein bisschen Basketball mit Eva; sie ist eigentlich besser im Treffen des Korbes als ich, obwohl ich doch längere Arme und viel mehr „Ballerfahrung“ habe) und dann ging´s zum „President´s Dinner“.

Schon vorher konnte durchs Fenster unseres Häuschens beobachtet werden, wie fein gekleidete Herrschaften sich über den Parkplatz bewegten. Einige wurden gar mit kleinen Elektrowagen über das Gelände des College transportiert, das waren wohl die besonders wichtigen Gäste.

Also gingen wir dann auch los, ein wenig spät, weil insbes. eine der Damen nicht schnell genug fertig wurde (ich will keine Namen nennen). Das „President´s Dinner“ fand in einem großen weißen Festzelt statt. Als wir durch den Eingang gehen wollten, wurden wir aufgehalten: da stand der Präsident der Universität und hatte Karin angesprochen. Sie stellte uns vor als ihre Familie, die aus Deutschland gekommen war, um hier mit ihr zusammen zu feiern und sie dann wieder nach Hause zu begleiten. Neben dem Präsidenten stand seine Frau, so der Typ Hillary Clinton, nur 10 Jahre älter und eine Art Vorstandsmitglied, ein klappriger älterer Herr mit knochigem Händedruck. Der Präsident fand zu unserer Überraschung auch gleich deutsche Worte und erzählte uns auf Deutsch, wo er in Deutschland studiert hatte (in Bochum) und wo er in Deutschland überall gewesen war. Ich fand das gut und hatte auch Respekt vor seiner Fähigkeit, so schnell auf eine andere Sprache „umzuschalten“ und sich darin ganz gut auszudrücken (und seine Gesprächspartner auch zu verstehen, siehe oben).

Dann ging´s, mit dem unvermeidlich dargebotenen Champagner-Glas in der Hand langsam durch das Festzelt, wobei man es sich nicht nehmen ließ, hier und da stehen zu bleiben und einen kleinen Plausch zu halten. Entlang der Wände standen schon die (überwiegend schwarzen) Bedienungen bereit, um uns zu servieren. Wir fanden dann auch Platz an einem Tisch, der mit zwei Pärchen besetzt war. Einem weißen, die beide nach meiner Schätzung Anfang zwanzig waren und einem schwarzen. Die weiße junge Frau erzählte uns zu unserer nicht geringen Überraschung, dass sie schon Mutter von vier Kindern sei. Es wurde auch gleich eine Brieffreundschaft mit einer ihrer Töchter und Eva vereinbart. Mit dem schwarzen jungen Mann habe ich mich über Autos unterhalten. Er hat sich sehr gefreut, als ich seine Kaufentscheidung für einen Volvo sehr lobte und ihm meine gute Erfahrungen über diesen Fahrzeugtyp berichtete. Außerdem habe ich natürlich auch ein wenig geprahlt. Ich habe erzählt, dass es gar kein so großes Vegnügen sei, in Deutschland ohne Tempolimit auf den deutschen Autobahnen. Man könne nur selten 140 mp/h fahren und dann auch nicht besonders lange. Was ich verschwiegen habe: so schnell fahre ich nie, das geht mit meinem Diesel-Benz gar nicht.

Das Essen war recht ordentlich (Braten mit Salat und Beilagen); der Wein sehr gut. Die Reden, die gehalten wurden, habe ich nicht so recht verstanden; da ich mich mit den Rednern nicht unterhalten musste, machte mir das aber auch nichts aus. Diesmal war ich rechtzeitig satt geworden. Und ich hatte wieder das Gefühl, in Amerika immer dicker zu werden.

Samstag, den 20.05.00

Der heutige Tag ist gerprägt von den Vorbereitungen für das Commencement morgen. Die Damen müssen unbedingt noch einmal einkaufen. Karin wird sich die Haare rot tönen. Ich schreibe an diesem Tagebuch, schaue in der Bücherei nach, ob Karin e-mails bekommen hat und überprüfe meine Videoausrüstung für den morgigen Tag.

Später gehe ich noch joggen. Es macht Spaß, durch das Universitätsgelände zu laufen. Es ist schon jetzt Abschiedsstimmung. Es ist warm und sonnig. Viele Studenten, die in diesem Jahr noch keinen Abschluss machen, sind dabei, ihre Sachen zu packen. Überall stehen Autos, die mit Rucksäcken, Kompakt-Stereoanlagen und Stofftieren gefüllt werden. Ich gehe durch einen kleinen Wald und bin dann auf einem Radweg (!), der entlang der Straße zu der Stelle führt, bei der wir bei unserer Ankunft in Kenosha zum ersten Mal mit Karin spazieren gegangen sind. Ich laufe los und spüre schon nach den ersten Metern Schmerzen im linken Knöchel; die werden aber ignoriert, ich will jetzt endlich laufen. Es ist eine schöne Strecke am See entlang (sie wäre noch ein bisschen schöner ohne die Straße). Sie führt in langen Windungen entlang der Rasenflächen und der parkartig angelegten Landschaft mit den Villen am See. Für mich ist auch ein wenig Gelegenheit, Bilanz zu ziehen über meine Eindrücke, die ich vor allem von dem hiesigen Universitäts-leben und dem Umgang der Leute miteinander bekommen habe. Ich denke, mir hat es sehr gut gefallen in Amerika; die Leute sind nicht so merkwürdig, wie ich es mir vorgestellt habe, aber doch schon anders. Sie sind in vieler Hinsicht offener. Manches, was uns Deutsche erst mal zu gründlichem und skeptischem Nachdenken veranlasst, wird von den Amis einfach mal angefangen; nach dem Motto, mal sehen, was passiert. Dabei steht meist Geld verdienen oder erfolgreich sein im Vordergrund. Sie sehen vieles auch einfacher, wobei ihre Interessen maßgeblich sind, dann kommt lange nichts. Es wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Gut ist was gefällt. Sehr gut ist, was gefällt und Geld bringt. Aber sie sind (jedenfalls zu uns) nie verletzend oder abfällig. Anderssein wird toleriert. Mein Eindruck ist allerdings auch sehr oberfächlich und von Vielem geprägt, was ich im Kopf hierher mitgebracht habe. Wir waren bei Weitem nicht lange genug hier, um uns ein einigermaßen belastbares Bild machen zu können. Wir haben auch viel zu wenig Leute kennen gelernt, um uns über die Mentalität besser zu informieren. Es waren ja meist Studenten, noch dazu z.B. aus Japan, mit denen wir zu tun hatten. Aber es war gut.

Inzwischen ist es mir sogar gelungen, eine Studentin zu überholen, die die ganze Zeit ein weites Stück vor mir her gelaufen war, weil sie für Streckübungen pausierte. Nach einiger Zeit habe ich dann auch das Gefühl, jetzt umdrehen zu können und mache auch Pause. Und dann wird´s „heftig“. Die Schmerzen im linken Knöchel, die bisher durchs Laufen unterdrückt wurden, sind plötzlich sehr kräftig da. Anfangs kann ich kaum gehen. Aber das ist mir dann doch zu langsam, ich beginne zu Laufen und weil mir dabei die Luft immer ziemlich wegbleibt, spüre ich den Schmerz weniger. Einige Zeit später erhalte ich die Rechnung: noch heute, am 03.06. und Karin´s Geburtstag brauche ich Mobilat und behaupte, abends nicht mit dem Hund raus gehen zu können.


Sonntag, den 21.05.2000

Heute ist der große Tag, der Tag, weshalb wir hierher gekommen sind, der Tag des Commencements.

Wir hatten zuerst eine Diskussion darüber, ob wir überhaupt in die Kirche gehen sollten. Karin hatte nachgefragt und die Auskunft erhalten, dass dies eigentlich nicht erforderlich sei. Plötzlich ist sie aber dann doch schon vormittags hergerichtet und ich erfahre - noch in kurzen Hosen mit der Kaffeetasse vom Frühstück in der Hand -, dass es jetzt gleich in die Kirche geht.

Das haben wir dann auch nicht bereut. Die Kirche ist ein moderner Beton-Bau mit drei Seitenflügeln, in denen die Zuschauerrränge eingebaut sind. Man schaut also  - ähnlich einem Sportstadion - von erhöhter Position auf die Mitte der Kirche, wo sich die liturgischen Handlungen abspielen. In den Wänden über den Zuschauerrängen sind Glasfenster eingelassen, die in blau oder rot mit abstrakten Motiven durch das Sonnenlicht leuchten.

Als wir eintreffen, frage ich mich, weshalb ich meinen Anzug angezogen habe; die Bekleidung der Gottesdienstbesucher umfasst ein breites Spektrum - vom Anzug bis zum lockeren T-Shirt.

Beim Besteigen der Emporen werden wir von feierlicher Orgelmusik begleitet. Nach einer gewissen Wartezeit stehen alle auf und die Träger des Kreuzes und die Kerzenträger betreten in weißen Gewändern die Kirche und gehen zum Zentrum unter uns. Mir fällt auf, dass es kein Kruzifix in der Kirche gibt, das Kreuz ist eben ein Kreuz, sonst nichts. Keine schlechte Idee, finde ich; irgendwie ist das Kruzifix nämlich auch abschreckend. Auch sonst gibt es keine bildnerischen Darstellung, weder von Maria, noch sonst von blutverschmierten Heiligen.

Den Kreuz- und Kerzenträgern folgen Fahnenträger. Und dann kommt der Moment, auf den alle anwesenden Eltern, Großeltern, Onkels, Tanten, Vettern und Nichten gewartet haben: die Studenten betreten die Kirche. Sie haben wirklich alle den schwarzen Talar an und den viereckigen Hut auf dem Kopf. Gemessen schreiten sie mit der Orgelmusik in die Kirche und werden auf ihre Plätze geleitet. Inzwischen habe ich längst meinen Platz bei Anne und Eva verlassen und stehe mit der Videokamera an einer Rampe, um Karin ohne Hinterköpfe ins Bild zu bekommen. Aber sie kommt nicht.

Dann erscheinen weitere Fahnenträger. Und ihnen folgen die Professoren der Universität mit Roben, die noch zusätzlich mit farbigen Stoffen (meist weiß und blau) geschmückt sind. Diesen zusätzlichen Schmuck tragen sie auf dem Rücken; sie sehen ein wenig aus wie merkwürdige Käfer.

Und da ist auch unsere Karin ! Jetzt wird mir klar: sie gehört ja auch zum Lehrkörper, da sie unterrichtet hat; außerdem sind die Masters-Absolventen ja etwas Besonderes und deshalb darf sie mit den Professoren einmaschieren und in einem anderen Bereich der Kirche mit ihnen Platz nehmen.

Dabei habe ich natürlich (!) nicht vergessen, die Videokamera laufen zu lassen; durch die Entfernung werden allerdings Großaufnahmen von Karin schwierig. Später (in Deutschland) sehe ich, dass sie ziemlich verwackelt sind - aber es geht, Karin ist schon zu erkennen.

Der Prozession folgt - natürlich - eine Ansprache (oder Predigt, wie man will) von einer der Professorinnen (ich glaube, es ist die Dame, die uns Karin einmal auf dem Campus vorgestellt hat; sie ist deutscher Abstammung und hat sich mit ihren Eltern aus unbekannten Gründen überworfen; sie versteht sehr gut deutsch, spricht es aber nicht - man muss also aufpassen, wenn man in ihrer Nähe ist und sich über seine Beobachtungen unbefangen auslässt. Überhaupt war ich darüber erstaunt, wie gut sich der Leute auf dem Campus zu kennen scheinen; jedenfalls der Lehrkörper scheint eine engere Gemeinschaft zu sein, als bei uns; Karin war jedenfalls vielen bekannt).

Und dann erscheint ein junger Schwarzer im roten Smoking und setzt sich an den Flügel. Er bleibt nicht allein, es folgt eine ganze Gruppe von schwarzen und weißen jungen Leuten einschließlich einer schwarzen Vorsängerin (erinnert an Ruby Goldberg)  und sie machen tatsächlich Gospelmusik.  Das bleibt natürlich nicht die einzige Musikdarbietung; es folgt später eine weitere Sängergruppe, die unter Anleitung eines älteren, energisch fuchtelnden Dirigenten (im Talar, natürlich) Choräle wiedergibt, die mehr der mitteleuropäischen kirchlichen Gewohnheit entsprechen. Dazwischen werden auch wir immer wieder um Singen aufgefordert und es gibt weitere Predigten und Ansprachen. Insgesamt also ein Ereignis, bei dem die Absolventen ausführlich gefeiert werden. Auch Karin singt eifrig mit, während ihre japanische Hausgenossin Miho sich eher zurückhält. Das letzte Lied, das wir gemeinsam gesungen haben, kannte sogar ich: „Praise the Lord - lobet den Herren“.

Schließlich ist die Zeremonie zu Ende. Wir werden wieder aufgefordert, uns zu erheben und die Mitglieder des Lehrkörpers, die Masters-Absoventen und zum Schluss die Studenten verlassen - angeführt von ihren jeweiligen Fahnenträgern  - wieder mit Orgelmusik die Kirche.

Draußen versammelt sich alles ein bisschen in der Sonne, man scherzt, schwätzt und genießt alles in allem die gute Stimmung.

Die sich bei mir noch hebt, als ich höre, dass es nun zum Essen geht. 

Wir begeben uns mit Karin (die übrigens ebenfalls so eine merkwürdige bunte Stoffbahn auf dem Rücken hat) zur Mensa. Und dort unterläuft mir ein Fehler, der belegt, dass ich doch noch einige Zeit brauchen würde, um mich in Amerika so zu bewegen, ohne merkwürdig aufzufallen: wir haben einen Tisch zusammen mit einem Kollegen-Freund von Karin (aus Detroit, eine Stadt, auf die er sehr stolz ist) und seinen Eltern. Als ich mit meinem selbst gefüllten Tablett voll wohlschmeckender Speisen meinen Platz erreiche, schaut mich dessen Mutter etwas merkwürdig an. Sie fragt mich ganz freundlich etwas, was ich nicht so ganz verstehe - es muss aber etwas zu tun haben mit der dunklen Suppe, die ich gewählt und mit getoasteten Brotstückchen verziert habe. Jetzt, wo sie etwas gesagt hat, finde ich auch, dass meine Suppe schon etwas merkwürdig aussieht. So dunkel, fast schwarz. Und das fröhliche Lachen der anderen am Tisch scheint auch etwas mit meiner Suppenwahl zu tun zu haben. Schließlich gibt mir Karin Auklärung: es ist Ahornsirup - und die Mutter ihres Freundes hatte nur freundlich gefragt, ob mir Ahornsirup so zusagt, das ich eine solche Menge in einer Suppenschüssel mit Brotstückchen darin verdücken will. Also, es gibt schon noch Etliches zu lernen in Amerika; mindestens das Erkennen von Ahornsirup.

Für 15:00 Uhr ist der Beginn der eigentlichen Abschlussfeier angekündigt. Wir gehen also nochmal zum Häuschen, wo die Damen Gelegenheit haben, sich erneut aufzufrischen. Dann geht es los - wieder waren vom Fenster aus bereits Besucherströme zu beobachten. Diesmal erhalten wir einen besonderen Service, als wir uns zur Commencement-Halle aufmachen. Eines der Elektro-Wägelchen bringt uns hin - wahrscheinlich nur wegen mir und der ansprechenden Krawatte, die ich mir aus Anlass des Festaktes umgebunden habe.

Als wir vor die Festhalle vorgefahren werden, befindet sich schon eine ganze Menge der Gäste vor dem Eingang - obwohl wir (für unsere Verhältnisse) recht früh dran sind; eigentlich beginnt die Feier erst in einer halben Stunde. Die Festhalle ist eigentlich das „Gym“, das Gebäude für die Sportveranstaltungen. An zwei  Wänden sind aufsteigend Bänke für die Zuschauer. In der Mitte sind Stuhlreihen aufgestellt für die Studenten. An der Front wurde die Bühne aufgebaut, auf der später die Honoratioren der Universität Platz nehmen werden. Sie ist auch mit einer Großleinwand bestückt, auf der Fernsehbilder von den Vortragenden übertragen werden. Außerdem hat sich noch eine Musikkappelle im Eingangsbereich platziert.

Als wir dann durch den Eingang gehen, müssen wir feststellen, dass die Zuschauerränge schon weitgehend besetzt sind. Ich schätze die Zahl der Gäste auf etwa 2000 - 3000 Leute. Wir finden aber dann doch noch ein Plätzchen im hinteren Bereich.

Und dann, nach einer halben Stunde Wartezeit in der heißen Halle beginnt die Zeremonie. Sie ähnlich strukturiert wie die Veranstaltung am Vormittag in der Kirche. Die Studenten kommen mit Musikbegleitung (von der Kappelle) in ihren Talaren herein, während die Zuschauer aufstehen. Es handelt sich um etwa 400 Graduierte. Dann begrüßt der Präsident die Menge. Er erwähnt, dass sogar Gäste aus Deutschland gekommen seien, um die Veranstaltung heute mit zu erleben und ihre Tochter abzuholen. Anschließend Gesang und dann ein Festvortrag von Daniel. J. Travanti, der vom Präsidenten als bekannter Theater-, Film- und Fernsehschauspieler vorgestellt wird (a star of stage and screen). Ich habe den älteren Herren nicht gekannt. Aber immerhin soll er zwei „Emmy Awards“ und einen „Golden Globe Award“ erhalten haben. Von seiner Rede verstehe ich nicht viel; sie ist aber recht humorvoll angelegt, mit einem kleinen Schuss Weisheit und ein bisschen erhobenem Zeigefinger. Das Publikum nimmt sie jedenfalls freundlich auf. Das gilt auch für die Rede eines jungen Schwarzen, der als Vertreter der Studentenschaft von seinen Erlebnissen am College erzählt und den klugen Lehren, die er hieraus gezogen habe.

Das Publikum wird auch aufgefordert, bei verschiedenen Gelegenheiten bestimmte Lieder mit zu singen. Der Text und die Noten hierzu wurden vorher an alle verteilt.

Und dann kommt der Moment für die Studenten: jeder einzelne Graduierte wird auf die Bühne gebeten, um namentlich aufgerufen zu werden und vom Präsidenten die Hand geschüttelt zu bekommen. Dazu sammeln sich immer wieder kleine Gruppen von Studenten am Aufgang zur Bühne. Mich hat´s da natürlich nicht mehr an meinem Platz gehalten. Die Eva bekommt meinen Fotoapparat und wir beide rennen vor zur Bühne, betreten den mit Seilen abgesperrten Bereich, um den entscheidenden Moment für unsere Karin auf unser Foto- bzw. Filmmaterial bannen zu können.

Das dauert natürlich. Aber dann ist es soweit: Karin´s Name wird angesagt - „from Germany: Karin Ellen Hoffmann“ und sie steigt auf die Bühne; geht am Sprecher und seinem Rednerpult vorbei und zum Präsidenten. Ja, ja, ich habe die Kamera auf „stand by“ gehabt, ja, ja ich bin ganz vorne an der Bühne; ja ja es klappt mit der Aufnahme. Beim Präsidenten gibt es kurzes Händeschütteln für Karin, einige freundliche Worte und dann wandert sie schon weiter, während der nächste Absolvent aufgerufen wird. Sie lacht dabei und aus der Halle kommt Beifall und auch einige Jubelrufe. Gleichzeitig wird ihr Bild auf der Großleinwand übertragen. Es geht ganz schnell, wie manche Momente, die ein ganzes Leben bestimmen können und auf die man vielleicht jahrelang hingearbeitet und sich darauf gefreut hat, ganz schnell vorbei sein können. Aber ins Gedächtnis haben sie sich dann doch meist unauslöschlich eingeprägt und können immer wieder aufgerufen und so verlängert werden.

Nett ist auch, das Karin den gleichen Fehler macht, wie alle anderen vor ihr: nach der Bühne wartet nämlich ein Fotograf, der von jedem ein Foto schießt. Und wie sie da herunterkommen von der Bühne, sind sie anscheinend halt doch alle ein bisschen durcheinander. Jeden und Jede muss der Fotograf festhalten, damit sie nicht einfach davon springen. Es ist richtig nett zu beobachten, welche Minen die jungen Leute zu diesem Spiel machen. Manche sind richtig stolz und stellen sich mit geschwellter Brust zum Fotografieren hin. Manche sind schüchtern und ziehen auch bei dieser harmlosen und eher ungefährlichen Angelegenheit noch den Kopf ein. Andere sind in Gedanken eigentlich schon weg (bei der Familie, beim Freund), aber fotografieren lassen sich alle. Und sie vergessen fast durchweg ihr Schnürchen. Damit hat es folgende Bewandtnis: an dem viereckigen Hut hängt eine kleine Schur mit einem Troddel (sieht aus, als könnte sie später als kurze Vorhangschnur benutzt werden). Vor dem Händedruck mit dem Präsidenten hat das Schnürchen rechts zu sein, nachher darf es der Absolvent als Graduierter links tragen. Nur ganz wenige haben dies in der Aufregung nach meiner Beobachtung berücksichtigt. Auch unsere goldige Karin nicht. Also stehen die Chancen, dass sie mit korrekter Schnurhaltung fotografiert wurde, 50:50 (in der Aufregung habe ich auch nicht darauf geachtet).

Die Veranstaltung ist noch nicht vorüber; Karin hat uns vorgewarnt: sie wird noch einmal auf die Bühne gerufen werden; dieses Mal als Absolventin des Master Degrees. Eva und ich bleiben also „schussbereit“, hören uns noch einen Gesang an und noch eine Rede.

Irgendwann tritt dann der Präsident wieder ans Rednerpult. Und was dann geschieht rührt mich dann doch etwas an. Er sagt mit seiner sonoren Stimme: „through the authority investigave me by the board of trustees of carthage college I confirm upon You the degree of master in education.“ Dann bittet er die Absolventen aufzustehen, sich aus der Menge zu erheben. Er sagte ihnen, sie hätten große Fähigkeiten erworben und große Fertigkeiten bewiesen. „Congratulations !“.

Das Besondere für mich ? Nun, nach der Bitte aufzustehen, erhoben sich in dem ganzen großen Saal mit seinen Tausenden von Menschen gerade mal fünf Absolventen. Und Karin war mit darunter. Und diese fünf konnten den starken Beifall und das Jubeln (wie in einer Fernsehschau) alleine in Empfang nehmen. Mir hat direkt das Händchen ein wenig gezittert beim Filmen.

Dann der Sekretär und Ansager am Rednerpult: „Mr. President, the master in education class of 2000“. Mit diesen Worten verließ die Schar der Aufrechten ihren Platz und ging unter dem tosenden (ja, wirklich, tosend !) Beifall der Menge zur Bühne.

Und nun ging es wieder ans Filmen. Die Riege der jungen Damen und Herren wanderte über das Podium und bekam vom Präsidenten das Diplom mit einem Händeschütteln
überreicht. Jede und Jeder wurden vorher von einem Sprecher angekündigt. Natürlich ist es mir gelungen, auch Karin zu filmen. Allerdings nicht mit der vollständigen Namensankündigung, da ich es nicht schaffte, die Kamera rechtzeitig in Stellung zu bringen. Aber immerhin, im Bild ist sie vollständig drauf. Die wichtigste Schlüsselszene des Filmes ist im Kasten. Wir waren alle sehr stolz.

Anschließend wurde noch ein wenig gesungen, man setzte und erhob sich bei den verschiedenen Abschnitten der Feier nach Anweisung der Redner, einmal standen die Absolventen auch für die Eltern auf und klatschten ihnen zu, um sich bei ihnen zu bedanken, dann kam die ganze Veranstaltung so langsam zu ihrem Ende.

Die Absolventen marschierten hinaus und anschließend wir hinterher. Draußen war herrliches Wetter. Alles stand herum auf der Wiese des Campus und genoss die Stimmung. Die Studenten in ihren Talaren und die Eltern und Verwandten und Freunde. Ich mache noch ein paar Gruppenfotos und als ich mich im Scherz als Fotograph des „Time Magazine“ ausgebe, glaubt man mir.

Das war aber noch nicht alles Feiern für heute. Jetzt ging es noch zum Empfang. In einem der Gebäude war in einem Saal bereits alles vorbereitet: aus Springbrunnen sprudelte Champagner, es gab süße Stückchen und für die Jüngeren auch Saft. Dort standen wir dann herum und machten „small talk“ auf Amerikanisch mit den Studentinnen und Studenten und den Anderen. Und eifrig wurde gegenseitig gelobt.

Damit nicht genug: wir gingen zurück, zogen uns um und ab zum Bowling. Karin hatte einige Freunde überredet und so fuhren wir zu einer „Disko-Bowling-Bahn“. Der Unterschied zu „normalem“ Bowling ist schnell erklärt: es gibt Flackerlicht und laute Musik, während man die Kugel auf die Bahn schmeißt. Wir hatten viel Spaß. Karin mit ihrer Routine machte locker die meisten Punkte, während Anne und ich eher mit Glückstreffern zufrieden waren. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, mit meiner Kugel rumzublödeln, als Eva mich filmen wollte.


Montag, den 22.05.2000

Heute ist das Spektakel vorüber. Alles ist ruhiger geworden. Der Campus hat sich noch weiter geleert. Wir sind fast einsam auf dem Universitätsgelände. Wir sind aber guter Laune. Das Wetter ist schön.

Wir haben begonnen zu packen und das Haus aufzuräumen.

Ich weiß nicht, in welcher Stimmung Karin war, als sie so ihre Sachen zusammen getragen hat. Vielleicht war ihr doch manchmal ein wenig wehmütig zumute, wenn sie die eine oder andere Karte in der Hand hielt oder das eine oder andere Schriftstück wegsteckte.

Mittags fahren wir noch nach Racine. Das ist eine Stadt ungefähr von der Größe Kenosha´s, aber eigentlich netter. Es gibt ein richtiges kleines Stadtzentrum mit Kirche und einigen städtischen Gebäuden und einigen Läden.

Wir besuchen eine Freundin von Karin. Sie ist Kolumbianerin und hat ein Baby. Das ist natürlich etwas für Eva. Ihr Mann arbeitet, soweit ich mich erinnere, als Computerfachmann. Auch ihre Mutter ist seit einigen Monaten hier. Sie leben in einer kleinen Wohnung in einem Neubau. Wir bekommen „echtes kolumbianisches“ Essen serviert. Mir wird etwas unheimlich beim Anblick der vielen roten Bohnen. Ich fand´s, ehrlich gesagt, nicht so überragend, vielleicht auch deswegen, weil das Fleisch schon etwas abgekühlt war. Die Mutter des Ehemannes ist auch dabei. Sie ist der Typ der vornehmen Amerikanerin aus guter Familie. Sie hat als Klavierlehrerin gearbeitet. Ihr Mann war bei der Post, hatte aber keine besonders hervorgehobene Stellung.

Anschließend wird beschlossen, noch ein wenig spazieren zu gehen. Das sieht so aus, dass alle in die Autos steigen. Dann fahren wir. Nach einer gewissen Zeit erreichen wir einen Parkplatz am See. Wir steigen aus, der Kinderwagen fürs Baby wird auch ausgeladen und bewegen uns ungefähr 20 Minuten in der Sonne am See. Das war´s. Die älteren Damen können halt nicht länger.

Abends wird deutsch gekocht: es gibt Käsespätzle. Karin hat ihren engsten Freundinnen und Freunde und ihren Professor eingeladen, es wurde ein großer Tisch auf dem Rasen vor unserem Häuschen aufgestellt und wir sitzen gemütlich zusammen, ratschen und tratschen und essen alles auf.

Leider hat keiner Zeit für mich, um mich vielleicht nochmal zu einem Sony-Outlet-Center zu bringen.


Donnerstag, den 23. Mai 2000 
 
Der Tag des Abschieds. Karin freut sich, denke ich, dass es jetzt wirklich zurück geht. Sie hat mit der Mutter von Sebastian vereinbart, dass sie uns nach Chicago zum Flughafen fährt. Wir haben bald fertig gepackt. Es ist jetzt sehr warm, fast heiß. Wir warten. Ich filme noch unsere Gepäckstücke vor der Haustür. Schon einiges zu transportieren.

Schließlich kommt sie, kaum zu spät; es gab wohl ein kleines Missverständnis über den Abflugtermin von uns.

Wir versuchen, die Koffer und uns in das Auto einzuladen. Es geht nicht. Wir haben zuviel Gepäck. Ein Freund, der zu Karin´s Verabschiedung gekommen sind, bietet sich an, auch zu fahren. Sebastian´s Mutter erzählt uns, dass wir noch das Auto von Sebastians Oma ausprobieren könnten, das sei größer.

Also fahren wir zu Sebastians Oma. „Nur ein paar Minuten“ dahin, aber für mich doch eine lange Fahrt. Ich schaue immer wieder auf die Uhr.

Wir sehen das Auto von der Oma, die offenbar schon vorgewarnt wurde. Es kommt uns nicht besonders viel größer vor. Karins Freunde, die mitgekommen sind, bieten erneut Ihre Hilfe an. Wir versuchen, das Gepäck in dem anderen Wagen unterzubringen.
 
Schließlich gelingt es uns; Anne, Eva, Karin und ich haben alle noch zusätzliche Gepäckstücke bzw. Koffer auf den Knien; es ist eng, aber es geht.

Die Fahrt nach Chicago erleben wir in guter Stimmung und etwas aufgeregt im Hinblick auf den bevorstehenden Flug. Wir kommen rechtzeitig an. Es fließen auch kaum Tränen beim Abschied von Sebastian´s Mutter, die uns noch kurz beim Einchecken am Flughafeneingang unterstützt.

Der Flughafen von Chicago ist eigentlich recht gemütlich. Er ist überschaubar und hat einen großen Vorteil: er ist auch von den Warteräumen aus in kurzer Zeit leicht zu verlassen und deshalb kann man dort auch gut rauchen. Karin, Anne und Eva machen sich bald auf zu den Duty Free Shops. Ich trinke Kaffee, hüte das Handgepäck und schaue später Eva zu, die an unserem Tisch Postkarten schreibt.

Irgendwann gehen wir dann auch zum Abflugschalter und warten dort. Da kommt eine interessante Durchsage: der Flieger ist überbucht. Wer bereit ist, eine Maschine zu nehmen, die zwei Stunden später fliegt und in Birmingham noch einen Stopp in Kauf nimmt, erhält eine 500 Dollar Gutschrift von American Airlines. Karin ist sofort dafür. Ich zuerst nicht. Ich gehe zu Anne, erkläre ihr das Angebot und sie hält auch viel davon. Eva ist es recht. Also melden wir uns als Interessenten. Es wird dann ein wenig wie bei der Tombola: auch andere Fluggäste haben das Angebot angenommen und warten, während die „regulären“ schon in der Maschine verschwunden sind. Nach und nach werden weitere Passagiere aufgerufen und gehen in den Gang zum Flugzeug, nur unser Name fällt nicht. 

Schließlich wendet sich der Passagiermanager an uns: es hat geklappt ! Wir bekommen die Maschine nach Birmingham. Und gleich werden uns auch die Gutschriften für unsere Freiflüge mit American Airlines ausgestellt. Für 2000 Dollar Freiflüge !

Wir müssen also noch warten. Die Zeit verbringen die Damen wieder in den Läden, während ich mich mit meiner Kamera nach draußen stehle, um zu rauchen. Als ich wieder durch die Sicherheitskontrolle hinein gehen will, werde ich aufgehalten. Der Mann am Schalter interessiert sich sehr für meine Kamera. Ich muss ihm versichern, dass ich die Sicherheitskontrollen nicht gefilmt habe. Und dann muss ich ihm noch zeigen, dass die Kamera wirklich funktioniert, filmt, kurz, eine Kamera und keine Bombe ist.

Schließlich ist es soweit: wir kommen zum Abflug. Ich habe mir beim Warten noch Pappbecher-Orangensaft gekauft und komme mir zum Schluss schon ziemlich amerikanisch vor.

Die Maschine ist zu meiner stillen Beruhigung ganz „normal“. Also ein Flugzeug, wie es auch auf der Route zwischen Frankfurt und New York eingesetzt wird. Natürlich spricht die Besatzung diesmal kein Deutsch. Sie ist freundlicher als die auf dem Herflug von Frankfurt nach New York. Das Video über die Sicherheitsvorkehrungen (dem Anne immer mit besonderer Aufmerksamkeit zuschaut - ich werde wohl nie begreifen, wie das mit den Schwimmwesten geht) ist nicht nur englischer, sondern auch in spanischer Sprache. Anscheinend fliegen besonders viel Südamerikaner von Chicago nach England. Merkwürdig.

Der Flug verläuft ohne Probleme. Er hat sogar den Vorteil, dass er kürzer ist, als wenn wir direkt nach Frankfurt geflogen wären, da muss ich nicht so lange aufs Rauchen verzichten („nur“ sechs Stunden). Das Essen schmeckt gut. Ich sitze im Flieger, denke immer wieder an unserer 2000 Dollar, die wir jetzt bei „AA“ gut haben und freue mich diebisch.

Die Ankunft in Birmingham verläuft planmäßig. Wir finden ziemlich bald den Bereich, in dem wir auf unseren Anschlussflug warten sollen.

Nachdem wir uns so orientiert haben, schauen wir uns ein wenig die Umgebung an. Es ist hier kühler als in Chicago, aber auch sonnig. Was dabei nicht vergessen werden darf: in Birmingham ist es früher Morgen und wir sind schon lange auf den Beinen; für uns wäre es eigentlich längst Schlafenszeit.  

Draußen vor dem Flughafengebäude sehe ich die typischen englischen schwarzen Taxis. Wir müssen bei den an- und abfahrenden Autos darauf achten, dass hier Linksverkehr Vorschrift ist. Gegenüber ist ein Bürogebäude, das wir umrunden. Ich halte unseren Spaziergang eigentlich für Blödsinn - nur Straßen und Gebäude -, aber Anne und Eva meinen, besser als gar nichts. Schließlich gehen wir wieder rein und schauen nach unserem Abflug. Der wird inzwischen auf den Monitoren als „suspended“ gemeldet. Später ist der Flug nach Frankfurt ganz gelöscht. Wir fragen bei dem Personal am Abfertigungsschalter nach, was jetzt los ist. Es wechseln verschiedene Damen ab und telefonieren. Immer freundlich und höflich. Aber die Antworten bleiben im Dunkeln. Das liegt nicht nur an der Sprache, deren Verstehen uns schwerer fällt, als erwartet. Englisch ist halt doch deutlich anders als Amerikanisch. Es liegt vor allem an dem Inhalt der Erklärungen.

Also warten wir eben.

Schließlich kommt ein Aufruf: eine der Damen sagt, nun sei es so weit. Sie zeigt uns den Weg, den wir nehmen müssen. Er führt direkt auf die Rollbahn, nicht in eine der Gangways. Dort steht ein kleines Flugzeug ! Es ist eine dieser Maschinen für vielleicht 30 Passagiere. Eine der Maschinen, die eigentlich für eilige Geschäftsleute oder sonstige, eher prominente Fluggäste vorbehalten sind. Wir gehen rein; die Maschine ist vielleicht nur zu einem Drittel belegt. Eva, Anne, Karin und ich bekommen also alle unsere eigene Sitzgruppe und können unseren Fensterplatz aussuchen. Die Sicherheitsanweisungen werden nicht über Video mitgeteilt, sondern von den rot gekleideten Stewardessen persönlich vorgeführt. Der Startweg der Maschine führt über die Autobahn.

Die Maschine fliegt natürlich nicht so ruhig, wie die großen Flieger. Sie steigt auch nicht so hoch. Aber das ist auch gut: so erhält man einen besseren Blick auf die Gegend und hat auch eher das Gefühl, „richtig zu fliegen“. Leider gibt´s nichts zu essen und die Getränke, die angeboten werden, sind auch nichts Besonderes. Ich will keinen Champanger, nachdem wir jetzt bald 20 Stunden wach sind.

Der Flug verläuft reibungslos, nach gut zwei Stunden sind wir bereits in Frankfurt. Wir werden mit einem Bus über das Fughafengelände zum Terminal gefahren. Das ist noch einmal eine richtige Rundfahrt, die von Besuchern auch gebucht werden kann, dann aber extra bezahlt werden muss.

Bei der Abfertigung freue ich mich, Europäer zu sein: wir dürfen gleich ohne besondere Kontrollen weiter gehen, während diesmal die Amerikaner warten müssen.

Bei der Gepäckausgabe fehlen unsere Koffer.

Karin hatte aber schon zuvor irgendwelche Informationen eingesammelt und wusste schon, was zu unternehmen ist. Wir gehen zu einem besonderen Schalter der Gepäckausgabe, an dem „verlorene“ oder umgeleitete Gepäckstücke verwaltet werden. Wir sind durchaus nicht allein. Es gibt noch etliche Passagiere, die hier ihr Glück versuchen.

Es dauert dann doch einige Zeit, ich habe mir inzwischen eine kostenlose „Hör-Zu“ besorgt, die hier überall als Werbung herumliegt, bis wir unserer Koffer wieder haben.

Dann ist es endlich soweit: wir können aus der Gepäckabfertigung raus und endlich wieder „richtigen“ deutsche Boden betreten.

Das Gewühl in den Hallen des Frankfurter Flughafens kommt einem schon richtig heimatlich vor. Wie oft war ich hier, um einen von uns abzuholen oder abzuliefern ! Die Ingrid, den Richard, den Lukas. Und immer wieder der stille Neid, dass ich mal hier als Fluggast von einem fernen Land komme und mit meinen Koffern und dem Trulli hier rumschiebe. Jetzt ist es soweit. Und es gefällt mir. Wir sind richtig gut aufgelegt.

Noch von der Gepäckabfertigung habe ich mit dem tragbaren Telefon mit Richard telefoniert. Auch Balou ist natürlich auf dem Flughafen. Sie waren etwas irritiert, weil der Flug in einem anderen Terminal angekündigt und dann storniert worden war. Sie haben lange auf uns gewartet und wussten nicht recht, was los war.

Aber jetzt wissen sie, wo wir sind und da tauchen sie auch schon auf ! Es ist schon ein bemerkenswerter Anblick, die beiden langen Kerle ragen richtig aus der Menge heraus, als sie auf uns zukommen. Richard winkt schon von Weitem. Balou hat eine lange rote Rose für Karin dabei.  

Nach den fälligen Umarmungen und den ersten kurzen Erklärungen über unseren geänderten Flugverlauf geht es schon zu Anne´s  Bus. Und bald sind wir wieder auf der deutschen Autobahn. Richard fährt gewohnt souverän. Ich beobachte mit Interesse den deutschen Verkehr und vergleiche mit dem amerikanischen. Schon vom Flugzeug aus konnten wir einen Stau sehen; es ist schon erheblich dichter, als selbst in der Nähe der Großstädte von Amerika. Und vor allem viel aggressiver. Die Deutschen kommen einem in ihren Autos mit ihrer Fahrweise wie ein richtig lebhaftes Völkchen vor; ganz anders, als man sich selbst einschätzt.

Balou lässt Karin nicht mehr los.

Eva filmt mich, die letzten Szenen von unserer Reise. Am Schluss drücke ich ihr ein Kissen aus dem Bus auf das Objektiv.

Unser Haus mit seinem Garten kommt mir - wie immer - ein bisschen anders vor als in meiner Erinnerung. Lukas ist da und Ingrid hat für uns gekocht. Tim hat mich vermisst - bestimmt !

Es war toll und es ist schön - wir sind wieder zu Hause. 
 

 

Copyright Thomas Hoffmann


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