richardsnewyork2


jetzt wird’s ernst...



Es ist jetzt Halbzeit, d.h., die Hälfte meines Aufenthaltes hier ist vorbei. Meine Englischkenntnisse sind inzwischen ziemlich gut. Es gibt in New York viele Menschen, die schlechter als ich englisch sprechen, hier aber schon jahrzehntelang wohnen. Trotzdem erkennt man sofort, dass ich neu hier bin. Das liegt an dem mangelnden „curse,“ also fluchen.

Der New Yorker flucht gerne und zu jeder Gelegenheit. Häufiges Fluchen ist ein Art Status Symbol. Ich habe deshalb einen Fluchkurs besucht, Level 1 erfolgreich beendet und bin jetzt im Level 2.

Hier einige Tipps:

Um als New Yorker durchgehen zu können, ist insbesondere die häufige Aussprache des Wortes FUCK unumgänglich. Ein normaler Tag sollte folgende Ausdrücke enthalten:

Beim Anziehen:
Who the fuck? Fuck! I can’t find my fucking shoes!
Frühstück:
Man, this coffee is fucking good!!
Beim Zeitungslesen äußert man sich über interessante Personen wie folgt:
Look at this son of a bitch!

Wenn man es gerne etwas ruhiger hätte:
Shut the fuck up!
Shut up! Son of a bitch!!
Es gibt natürlich auch eine etwas höflichere Variante:
Shut up! Son of a ....! (man verschluckt also das letzte Bitch)

Wenn einem etwas missfällt, wird häufig gesagt:
What the fuck....?
That’s a pain in the ass!

Beim Promenieren und Passieren von anderen Personen sollte man Wörter wie:
Bitch, Fuck, Shit, Hure, Asshole,
konstant vor sich hinmurmeln, um nicht als Ausländer erkannt zu werden.


Abends sollte man seinen Willen zu nächtigen mit

I’m fucking tired

ausdrücken. Sein Missfallen gegenüber einer anderen Person kann man auch ausdrücken mit:

Fuck off and die!


Aus humoristischen Gründen ist das hier ein bisschen übertrieben dargestellt. Wer nach NYC kommt, wird aber sicherlich den großen Kern der Wahrheit in meiner Aussage erkennen.


13. Juni – Dienstag

Nachmittags war ich mit meinem Auto in die Catskill-Berge gefahren. Dort war ich ca. 45 Minuten Joggen. Habe ein Reh gesehen. 

16. Juni -  Freitag

Habe den ganzen Tag Steve und Howard geholfen, Sheetrock an die Decke des Hauses zu schrauben. Die Schietrock Platten sind weiß, ca. 5 Meter lang und 1,5 Meter Breit. Sie werden mit kleinen Schrauben an der Decke befestigt. Es ist eine unangenehme Tätigkeit. Die Platten sind schwer und ständig rieselt einem das Material der Platten in die Augen. Es juckt und kratzt am ganzen Körper.


17. Juni -  Samstag

Morgens habe ich Steve geholfen, Müll von den Renovierungsarbeiten auf den Truck zu laden und zur Müllkippe zu fahren. Die Entsorgung des Mülls kostet ca. 50 $, Steve fährt ca. ein Mal pro Woche zur Müllkippe.

Abends bin ich mit Steves Partner Tim Havas und zwei weiteren Typen zum Mets Spiel gefahren. Die Mets sind die zweite große Baseballmannschaft hier in New York, neben den Yankees. Im Unterschied zu den Yankees gewinnen sie nicht so oft.

Tim Havas ist ein begeisterter Mets Fan. Deshalb hasst er die Yankees. Er hat eine interessante Taktik entwickelt, um die Yankees verlieren zu lassen: er wettet auf sie.  Beim Wetten verliert er nämlich immer und das ist ihm ein Sieg über die Yankees wert. 

Wir hatten alle Mets Fan Kleidung an, ich eine Mets Weste. Das Mets Spiel war im Shea Stadium, New York City. Auf den Weg passiert man das Yankee Stadium, was bei meinen Begleitern zu abfälligen Bemerkungen über den Geruch der Yankees führte.

Im Mets Stadium hatten wir sehr gute Plätze reserviert. Sowohl das Spiel als auch die Skyline von dem New York Stadtteil Queens hatten wir im Blick. Es hat mir sehr gefallen, die Lichter von Queens zu sehen.

18. Juni -  Sonntag

Abends bin ich zur Familie Schick nach Fishkill gefahren. Mit Kevin, Maggin und Robby habe ich mir den Film „Office Space“ angeschaut. Office Space ist eine Komödie über eine typisch amerikanische Firma. Besonders gefallen hat mir der Boss der Firma. Er schleicht durch das Büro, ständig eine Kaffeetasse in der Hand, und findet alles „terrific“ – also hervorragend.  Er erinnert an Heiko Walkenhorst. Sehr empfehlenswert...

19. Juni – Montag

Nach einer Nacht in Fishkill, Erin hat mir ihr Zimmer gegeben, hat mich Patricia zum Bahnhof gefahren. Mit dem Zug bin ich entlang des Hudson-River nach New York City gefahren, um mir alles Mal in aller Ruhe anzusehen. Gestartet bin ich am Grand Central Station. Zu Fuß ging’s zum Rockefeller Center, zur St. Patricks Kirche, und zum Central Park. Mittags aß ich mit Robby und inspizierte seinen Arbeitsplatz.

Abends ging ich mit Kevin und Robby Sushi essen.


20. Juni – Dienstag

Ich machte einen zweiten, alleinigen Ausflug nach Manhattan. Diesmal besuchte ich zunächst China Town. China Town ist ein Stadtviertel in New York, das sehr an eine chinesische Stadt erinnert. Hier wohnen und arbeiten die Chinesen. Die Geschäfte sind durch chinesische Schriftzeichen bezeichnet und es wird chinesisch gesprochen. Die Chinesen laufen an sonnigen Tagen mit Regenschirmen durch die Gegend, weil sie nicht braun werden wollen. Die Chinesen haben ein anderes Schönheitsideal. Schön ist wer weiß ist. Braune Hautfarbe gefällt ihnen nicht. Wenn man einen Chinesen ärgern oder beleidigen will, muss man also nur sagen „du bist aber schön braun.“

In China Town werden gefälschte Produkte angeboten. Markenuhren von Rolex, Breitling und Gucci liegen verkaufsbereit da. Nachgemachte Parfums von Dior, Armani und Betty Barclay sind zu erwerben.

Ich ziehe weiter in Richtung Little Italy. Little Italy ist das kleine bisschen Italien in Manhattan. Hier stehen italienische Restaurants, italienische Cafes und italienische Eisdielen. Little Italy wird zunehmend von China Town verdrängt, deshalb sieht man kaum noch Italiener auf der Straße.

Ich setze mich um 10 Uhr morgens in und an eine Bar, um mir das Fußballspiel Deutschland gegen Ecuador im Rahmen der WM 2006 anzugucken. Ich schlürfe Kaffee, die drei bis vier anderen dunkelhäutigen Gäste Bier. Alle verfolgen wir das Fußballspiel und zu meiner Freude sind wir alle für Deutschland, obwohl ich der einzige Deutsche bin. Wir applaudieren lautstark als die deutsche Mannschaft die Tore schießt und auch der Barkeeper freut sich. Wir quatschen über Fußball.

Ich spaziere weiter und mache Photos. Auf meinem Weg sehe ich wie 4-6 schwarze Jugendliche Mitte zwanzig, mit kurzen Hosen und teilweise nackten Oberkörpern einen Mercedes Benz Cabriolet SLK von der Straße ziehen. Ich fotografiere sie. Das gefällt ihnen gar nicht. Sie kommen mit bedrohlichen Gesten auf mich zugerannt und fragen mich, ob ich soeben ein Photo von ihnen gemacht habe. Ich lüge und verneine es. Ich mache mich schleunigst aus dem Staub...

Ich flaniere weiter zum US Court und besichtige ihn – muss man ja als Jurist. Wer einen gratis Überblick über New York haben will, ist hier richtig. Man kann mit dem Aufzug nach ganz oben fahren und hat eine tolle Aussicht über die Stadt.


21. Juni -  Mittwoch und 22. Juni - Donnerstag

Ich habe den Tag wieder in Monticello im Büro verbracht. Nebenbei habe ich ein  bisschen Chinesisch lernen und geholfen, neu gelieferte Tische zu installieren. Abends ging ich joggen.


23 Juni-  Freitag

Den Tag über half ich wieder Steve und Howard Sheetrock an die Decke des Hauses zu schrauben. Am Nachmittag brach ich nach Fishkill auf. Auf einmal machte ich eine interessante Entdeckung: Die Hasidics sind da! Jeder hat mich darauf hingewiesen, dass sie zu Tausenden nach Woodridge (nahe Grahamsville) kommen werden, jetzt sind sie da. Die Straßen sind verstopft mit Autos und schwarzen Gestalten.

Die Hasidics
 

Die Hasidics sind streng gläubige Juden. Die Männer sind schwarz gekleidet mit Ausnahmen von weißen Hemden. Am Shabbat tragen sie lange, schwarze Gewänder aus Seide oder Satin, die so genannte „Bekishe“ - auch bei heißen Temperaturen. Die Hasidics haben lange Kotletten, die so genannten „pajoth“, weil ihnen aus religiösen Gründen das schneiden der seitlichen Haare verboten ist.

Feierlich bekommen die Jungs ihre Haare das erste Mal im Alter von 3 Jahren geschnitten, bis dahin tragen sie langes Haar.  Hasidics tragen außerdem schwarze Hüte.

Die Frauen sind nicht so auffällig gekleidet. Sie tragen lange Röcke und Hemden, deren Ärmel über die Ellbogen gehen müssen. Vor der Heirat ist ihnen erlaubt, ihre Haare unbedeckt zu zeigen. Nach der Heirat müssen sie ihr natürliches Haar verdecken, durch Perücken, Kopftücher sog. „tichels“, oder Netze, sog. „snoods.“

 

Ehen werden durch Ehevermittler organisiert, der sog. „shidduch“. Sowohl das Paar als auch die Eltern müssen der Heirat zustimmen.

Nach einer alten (falschen) Legende ist dem Ehepaar der Beischlaf nur durch ein Tuch mit einem Loch erlaubt. Die Legende stammt daher, dass nicht Hasidics auf deren Wäscheleine schwarze, große Tücher mit einem Loch in der Mitte gefunden hatten und die Hasidics für ihre extreme Zurückhaltung in sexuellen Angelegenheiten bekannt sind. Tatsächlich dient das Loch der Ankleidung. Das Tuch ist ein Kleidungsstück und wird angezogen, indem der Kopf durch das Loch gesteckt wird. Das Sexualleben der Hasidics ist streng reglementiert: So ist den allermeisten Hasidics der Beischlaf vor der Ehe verboten und nur bestimmte Positionen sind erlaubt.

Sprechen tun die Hasidics oft Yiddish, was ja dem deutschen ähnelt. Sie haben Zeitungen auf Yiddish und sogar Filme.

Die Hasidics sind hier nicht besonders beliebt. Es sind so viele, dass die Straßen voller werden. Der Amerikaner fühlt sich in seiner Fahrfreude gemindert.

Ich habe nur eine Erfahrung mit einem Hasidic gemacht und die war positiv: In einer Schlange im Supermarkt wartend wurde ich gefragt, ob ich nicht vorgehen will, was ich dann auch tat. 


24. Juni Samstag

Im Fußball gewinnt Deutschland gewinnt gegen Schweden 2 / 0. Es ist ein sehr gutes Spiel. Der Sprecher kommentiert den Spielverlauf mit Worten wie: burry, 6-feet-under, kill. Ich kann inzwischen alle Fußbalausdrücke, wie: Ecke =corner, Nachspielzeit = Stopppage time, Angriff = attack, first, second halftime, Goal Keeper, foul, pass, great chance, upside, offshore.


Abends fahre ich nach Fishkill. Ich gehe mit Kevin, Robby, Maggin, Laura und Erin ins „Torches“. Das Torches ist ein schönes Restaurant direkt bei dem Hudson-River und einem riesigen Aquarium.






25. Juni – Sonntag

Ich bin von Fishkill zurück nach Monticello über Poughkeppsy und die Berge gefahren. Obwohl es die ganze Zeit regnete, war es sehr schön. Ich fuhr in eine Wolke hinein und wieder raus. Der Regen ist hier anders als in Deutschland. Er ist auf irgendeine Art klarer und sauberer. Zum Beispiel kann man Autofahren, ohne den Scheibenwischer anzustellen. Man sieht genug. Trotzdem stelle ich ihn an, weil ich mich dann sicherer fühle.


26. Juni – Montag

Ich habe an einem Mandantengespräch teilgenommen. Bei einer 26 jährigen wurde Kokain und eine Kokainpfeife im Auto gefunden. Sie ist offensichtlich süchtig und jetzt auf Entzug. Das ganze Gespräch über zappelt sie.

 
27. Juni  -  Dienstag

Ich bin zum Gericht in Liberty mit Tim Havas gefahren und bin immer mit Tim Havas ans Pult nach vorne zum Richter getretenen und habe so alles gut verfolgen können. Der Richter war sehr nett.

Es war ein kleiner Gerichtsaal, der gerammelt voll war mit einem Teppichboden mit Blumenmuster. Abends bin ich ins Krafttraining. Der Fitnessclub ist in Liberty. Er ist etwas anders als die Fitness Clubs die ich aus Deutschland kenne. Die Leute schlappen hier oft mit ihren Straßenschuhen rein, tragen teilweise Jeans, trainieren und schlappen mit der gleichen, verschwitzten Kleidung und ungeduscht wieder raus. Es gibt nur eine einzige, dreckige Dusche für alle Männer, keiner benutzt sie.


28. Juni – Mittwoch

Abends fuhren Steve, Donna und ich zu einem juristischen Verein, der örtlichen Anwälte, Staatsanwälte und Richter. Steve wurde unter lautem Applaus zum Vizepräsident gewählt.


29. Juni – Donnerstag

Ich habe heute geholfen, die Haustür in Steves Haus einzubauen. Später bin ich ins Krafttraining gegangen und habe chinesisch gelernt.

30. Juni – Freitag

Nachdem ich mal wieder Fußball geguckt und chinesisch gelernt habe, bin ich nach Fishkill gefahren. Ich habe mit Robby, Maggin und Laurie Minigolf gespielt, was sehr witzig war. Es war schon dunkel und die Minigolfanlage war beleuchtet. Die Schläger waren aus Hartgummi, die Bälle dopsten wie Dopsbälle. Das Minigolffeld selber war aus Kunstgras und übersäht von Unebenheiten. Taktisch musste man hier den Ball ganz schwach schlagen, zielen brachte, wegen der vielen Unebenheiten, nicht viel. Wir alle hatten aber einen haufen Spaß. Vielleicht lag es daran, dass es wegen der seltsamen Spielsituation viel weniger auf können als viel mehr auf Glück ankam.  

Copyright: Richard Hoffmann



powered by Beepworld