kuba

Kuba oder

 

“der vorhandene Wille der Zeit erscheinen im rechten minderwertigen Teil des Bildschirmes“

 

oder

 

wie ein Schwuler auf einer kubanischen Modenschau von einem der hübschen Models den Tombola - Preis bekommt

 

 

1. Tag

 

 

Unsere Reise begann eigentlich schon einen Tag vorher. Anne kam abends zu mir und fragte mich, wo ich denn die Einreisepapiere für Kuba hätte. Ich sagte, ich hätte sie nicht. Sie sagte, ganz sicher hätte sie mir die Einreisepapiere gegeben. Ich sagte, ich hätte sie nicht. Anne meinte: „dann hast Du sie sicher weggeschmissen“.

 

Also erhebe ich mich vom Sofa und durchsuche meinen Papierkorb. Da sind aber keine Einreisepapiere für Kuba. Auch nicht in meinen Steuerunterlagen. Und auch nicht in meiner Aktentasche vom Büro (wieso auch?). Und auch nicht in dem Ordner mit dem Papierkram „Alles Mögliche“.

 

Anne sucht inzwischen selber. Es ist 23:30 Uhr. Sie sucht auf ihrem Schreibtisch, auf dem es aussieht,  wie nach einem Sturm im kubanischen Regenwald. Sie durchsucht ebenfalls ihre runden Ablagen. Sie hat mehrere Papierkörbe. Anne hat noch nicht gepackt. Ich gehe ins Bett.

 

Nachts schlafen wir immer bei geöffnetem Fenster, wenn es mild ist. Heute ist es recht mild. Im Halbschlaf höre ich ein Rumpeln, das aus unserem Hof kommen könnte. Ach ja, da stehen noch weitere Mülleimer, in denen man suchen kann.

 

Am Morgen, dem Tag unserer geplanten Abreise, sieht Anne etwas übermüdet aus. Ich frage sie nicht nach den Einreisepapieren für Kuba. Ich frage sie zuerst, ob sie gepackt hat. Sie erzählt mir, sie hätte die Einreisepapiere nicht gefunden. Ich hätte sie bestimmt weggeschmissen.

 

Wir ziehen trotzdem los. Bei unserem Reisevermittler in Berlin ist um diese Zeit noch niemand erreichbar. Richard fährt uns zum Bahnhof nach Mannheim. Wir sind - völlig untypisch - recht gut in der Zeit. Ich hole die Fahrkarten für den Zug aus dem Automaten. Anne hängt am Münztelefon - wegen der Einreisepapiere.

 

Unser Reisevermittler hatte uns in den Tagen zuvor telefonisch sehr gut und liebenswürdig beraten. Immerhin musste er unsere Unterlagen im Blitztempo zusammenstellen, weil wir uns erst vor drei Tagen zu der Kuba - Reise entschlossen hatten. Ich hatte nämlich keine rechte Lust, mit Anne und Eva so weit zu reisen. Also hatte ich alle möglichen Verzögerungstaktiken angewandt, die man in der Verwaltung halt so lernt, wenn eine Entscheidung ansteht, die Mühe bereitet und womöglich ungewohnte Folgen hat. Ich hätte mir die Taktiererei aber sparen können; ich hätte mir denken können, dass ich damit bei den beiden Damen nicht durchkomme. Die beiden haben die Reise kurzer Hand über das Internet gebucht und Anne hat sich dann um den Papierkram gekümmert.

 

Unser Reisevermittler hat mehrmals mit uns telefoniert und uns über die Reise unterrichtet - was uns erwartet, ob man beklaut wird und welche Unterlagen wir brauchen und welche nicht. Und es ist ihm gelungen, in kürzester Zeit die notwendigen Dokumente für unsere Fahrt zusammen zu stellen und uns zu schicken bzw. zu faxen. Wir fühlten uns wirklich gut und individuell betreut. 

 

Anne hat inzwischen während der Zugfahrt mit meinem Handy das kubanische Fremdenverkehrsamt in Berlin erreicht. Dort erhält sie die Auskunft, dass die Papiere auch in einem Reisebüro in Frankfurt am Hauptbahnhof gekauft werden könnten. Sie ruft dort an und erhält die erhoffte Bestätigung.

 

Sie ist sehr erleichtert. Bis sie von mir erfährt, dass unser Zug direkt zum Flughafen fährt. Zum Hauptbahnhof mit dem Taxi sind es dann noch etwa dreißig Minuten. Also zusätzlich etwa eine Stunde zuzüglich der Zeit, die für den Kauf der Einreisedokumente voraussichtlich benötigt wird. Diese Zeit haben wir nicht mehr vor dem Abflug.

 

Endlich erreicht Anne auch unseren freundlichen Reisevermittler, der uns beruhigen will und uns sagt, dass die Papiere auch noch in Kuba bei der Einreise gekauft werden könnten. Das beruhigt mich nun aber gar nicht. Die Vorstellung, im Flugzeug zu sitzen und dauernd an die blöden Papiere zu denken, die man „bestimmt“ auch noch in Kuba erhält, finde ich unerträglich.

 

Ich schlage vor, dass wir am Flughafen nach einem Reisebüro suchen, das uns die Papiere geben kann. An einem Schalter für Fluglinien erfahren wir, dass bestimmte Airlines die Papiere auch verkaufen. Anne muss sowieso noch zum Postschalter. Dort sind nämlich noch unsere Tickets und lange Warteschlangen.

 

Ich latsche also los. Und tatsächlich, ich finde den Schalter einer Fluglinie, deren Angestellter mir die Papiere verkaufen könnte. Er will aber unsere Pässe sehen und 75 Euro  - in bar. Ich habe aber bloß noch 23 Euro.

 

Also gehe ich wieder weg und suche Anne am Postschalter  - vor allem wegen ihres Passes und des Passes für Eva. Sie hat inzwischen den Brief von unserem Reisevermittler tatsächlich ausgehändigt erhalten. Sie hat ihn geöffnet, um den Inhalt zu kontrollieren - es ist nur ihr Ticket drin.

 

Wir haben also jeder noch unsere Aufgabe: Anne muss zurück zum Postschalter, um festzustellen, wo die Tickets für Eva und mich geblieben sind und ich brauche Bargeld und muss die Fluglinie wieder finden, die mir die Papiere verkaufen wollte.

 

Und wir haben beide unsere Aufgabe gelöst: am Postschalter waren noch zwei weitere Briefe hinterlegt: je einer mit den Tickets für Eva und mich. Eva zeigt mir einen Geldautomaten, an dem ich Bargeld bekomme und die Fluglinie gibt es auch noch, als ich sie wieder finde. Ich kaufe die verdammten Einreisepapiere und bin verdammt erleichtert. Anne gibt mir einen Kuss und lobt mich. Später, bei unserem Landeanflug in Kuba werden die Einreisepapiere den vergesslichen Mitreisenden von den Stewardessen angeboten. Dass wir sie falsch ausgefüllt haben, ist uns dann auch egal. 

 

Der Flug nach Madrid mit Iberia verläuft reibungslos. Es gibt sehr gutes Essen - wir haben die Wahl zwischen Hühnchen und Pasta. Ich brauche sechs Nikotinkaugummis.

 

Der Madrider Flughafen versucht wohl, Frankfurt Konkurrenz zu machen. Er ist sehr groß, jedenfalls sind lange Wege zu gehen, um von einem Bestimmungsort zum nächsten zu kommen. Wir haben gut Zeit. Eva und ich gönnen uns ein Sandwich und ich zahle erstmals außerhalb Deutschlands mit Euro.

 

Der Flughafen hat den großen Vorteil, dass man praktisch überall rauchen kann - kein Spanier kümmert sich um die „offiziellen“ Raucherecken. Ich entdecke einen Automaten, der Internet-Zugang anbietet. Ich überlege, ob ich den Daheimgebliebe-nen jetzt schon ein e-mail schicken soll. Die Bedienungsanleitung ist mir aber zu kyrillisch: „der vorhandene Wille der Zeit erscheinen im rechten minderwertigen Teil des Bildschirmes“. Trotzdem: ich finde, das ist auf jeden Fall ein gutes Motto für unsere Reise.

 

Der Flieger nach Kuba ist eine dieser großen Maschinen mit jeweils drei Sitzen an jeder Fensterreihe und vier Sitzen in der Mitte. Wir bekommen drei Sitze zusammen. Eva darf ans Fenster, Anne sitzt in der Mitte und ich am Gang, wo ich meine Beine ausstrecken kann.

 

In der Mittelreihe neben uns hat sich eine nette Familie platziert. Zwei dunkelhäutige Frauen, mit vielen Ketten geschmückt, eine davon sehr hübsch, mit zwei schwarzen Babys und einem jungen Mann, einem Weißen. Ich überlege mir, ob er der Vater von beiden Babys ist. Die beiden Frauen haben eine sehr nette Art, mit ihren Kindern umzugehen; nicht zu tütelig, aber dennoch sehr liebevoll.

 

Beim Start starre ich aus dem Fenster, damit mir nicht unwohl wird. Anne und Eva haben Reisetabletten genommen. Das ist nicht schlecht bei diesen langen Flügen, weil man davon ganz dösig wird und besser schlafen kann. Die Zeit geht dann besser rum.

 

Nicht lange nach unserem Abflug bekommen wir schon wieder Essen. Diesmal wird Lasange angeboten. Es schmeckt uns.

 

Irgendwann wird dann das Licht im Flieger gelöscht und die Fenster müssen abgedunkelt werden. Das Flugpersonal erklärt das damit, dass man dann die Filme besser sehen kann. Mir ist’s ziemlich langweilig; es gelingt mir aber, wenigstens ein bisschen zu dösen, während die beiden Damen wieder vor sich hin schnarchen.

 

Dann wird die „Bar“ des Fliegers wird geöffnet. Unsere Mitflieger sind fast alle Spanier. Sie machen gerne Gebrauch von dem kostenlosen Angebot an Cola mit Rum, Whiskey und was es sonst noch alles an alkoholischen Getränken gibt. Bald geht es zu wie auf einem spanischen Marktplatz. Fast alle sind aufgestanden und haben kleine Gruppen im Flugzeug gebildet. Man geht von Gruppe zu Gruppe oder steht herum und schwätzt und geht gelegentlich zur „Bar“, um sich Nachschub zu holen. Es entsteht eine feuchtfröhliche Stimmung an Bord. Witzig.

 

Nach einiger Zeit wird aber wieder abgedunkelt und alles setzt sich wieder, um zu dösen oder zu schlafen.

 

Wir erreichen Kuba mit etwa 1 ½ Stunden Verspätung, weil sich unser Abflug verzögert hat. An Flughafen geht es dann zur Einreisekontrolle. Ein Niederländer, der Hinter mir in der Schlange steht, erzählt mir, dass diese Kontrollen noch vor einigen Jahren das reinste „Martyrium“ gewesen seien. Inzwischen sei es viel besser. Er rät mir dazu, möglichst wenig zu sagen und Alles mit „Ja“ zu beantworten.

 

Wir dürfen nicht zusammen zum Schalter, obwohl wir ja eine Familie sind. Plötzlich sind Anne und Eva durch und ich werde zu einem anderen Schalter geschickt.

 

Dort sitzt ein junger Schwarzer, der sich eine Zeitlang mit meinem Reisepass und meinem falsch ausgefüllten Einreisepapier beschäftigt (ich habe u.a. als Abflugort Havanna angegeben, statt Frankfurt).

 

Hinter mir ist ein Spiegel und über dem Kontrolleur ist eine Videokamera angebracht, die auf mich gerichtet ist. Der Niederländer hat mir dazu erklärt, dass diese Einrichtungen auch dazu dienen, die gesamte Körperhaltung des Einreisewilligen zu kontrollieren und seine Bewegungen beim Warten zu beobachten.

 

Der Kontrolleur fragt mich etwas, das ich nicht verstehe. Ich sage: „what“ ? Und er wiederholt das Wort nochmals. Ich bringe mein Ohr ganz dicht an das runde Loch in der Glasscheibe und er fragt nochmals. Ich verstehe wieder nicht. Er sagt nochmal: „Iberia?“ Und endlich fällt bei mir der Groschen. „Yes !“ Er lächelt und winkt mich durch.

 

Ich gehe durch die Tür und Anne und Eva haben auf mich gewartet. Der Flughafen von Kuba sieht sehr modern aus. Er könnte in einem x-beliebigen europäischen Land stehen: dieselben Läden mit Edelware; dieselbe moderne Ausstattung.

 

Als wir unser Gepäck haben und zum Ausgang gehen, werden wir schon erwartet: Ein Mann fragt uns nach unserem Reiseveranstalter und nennt uns dann die Nummer eines Busses, der draußen auf uns wartet.

 

In Kuba ist es längst Nacht. Es ist schwülwarm. Wir gehen zu dem Reisebus und nach etwa 20 Minuten fahren wir los. Vorne sitzt eine blonde Frau in unserem Alter, welche die Fahrgäste auf Spanisch begrüßt und uns während der Fahrt nach Havanna einen Überblick über Land und Leute gibt - auf Spanisch. Ich verstehe eigentlich nur Bahnhof. Das erinnert mich daran, dass ich früher besser spanisch sprechen konnte, als heute italienisch. Und das sagt ja eigentlich alles. Anne hofft, dass unsere Reiseleitung während der Rundreise auch Deutsch kann und nicht alles nur auf Spanisch erklärt wird.

 

Endlich erreichen wir unser Hotel. Viel davon ist bei Nacht nicht zu sehen, aber es sieht recht edel aus und macht den Eindruck, als habe es die vier Sterne zu Recht erhalten.

 

Eva freut sich riesig, dass sie ihr eigenes Luxus - Zimmer hat.

 

 

 

 

 

2. Tag

 

Wir stehen auf, wir haben gut geschlafen. Ich habe aber immer noch ein bisschen jetlag. An dem Blick aus dem Fenster des Hotels auf die benachbarten, teilweise verfallenen Gebäude der Umgebung im Kolonialstil kann ich mich einfach nicht satt-sehen.

 

Eigentlich sieht man nur durch die Schlitze der geschlossenen Fensterläden. Auch die Fenster lassen sich nicht öffnen. Wahrscheinlich wegen der Klimaanlage. Dafür ist ein Schild angebracht: es wird darum gebeten, keine Zigaretten aus dem Fenster zu werfen. Dennoch: auch durch die Schlitze der Fensterläden sieht alles sehr toll und interessant aus.

 

Apropos satt: es wird uns ein tolles Frühstücksbüffet mit spanischen Tortillas, Rühreiern, Würsten, Müsli (!), Säften, Brötchen und natürlich beliebig viel Kaffee angeboten.

 

Dann lernen wir unsere Reisegruppe kennen. Wir sind mit unserem Führer Louis und unserem Fahrer Felix nur zu neunt. Die „zu führenden“ sind: ein Ehepaar, etwas älter als wir, aus Brandenburg. Und zwei junge Männer, Ron und Torsten. Ron erzählt später, dass er aus den Niederlanden kommt und bei einer privaten Arbeitsvermittlung in Bochum arbeitet. Torsten ist bei einer Sparkasse angestellt. Die beiden benehmen sich zueinander während der Reise wie ein älteres Ehepaar. Dieses Verhalten und der Umstand, dass die beiden in keiner Weise Interesse an den (teilweise sehr hübschen) Kubanerinnen zeigen, begründet bei uns die Vermutung, dass Torsten und Ron schwul sind. Es sind zwei richtig nette Kerls; im Laufe der Reise haben wir zusammen viel Spaß. Ihr trockener Humor ist eine echte Bereicherung und Belebung für unsere Gruppe. Der Mann aus Brandenburg ist Agraringenieur, ein sehr ruhiger Typ, der eigentlich nur selten etwas sagt; ganz im Gegensatz zu seiner Gattin, die als Zahnarzthelferin beschäftigt ist und alles, was sie sieht, mehr oder weniger dämlich kommentiert.

 

Wir sind also nur sieben Touristen.

 

Unser Reiseführer erklärt uns, dass wir nun eine Woche zusammen verbringen werden. Er ist vielleicht Mitte dreißig und macht einen sehr ernsten Eindruck, seine Kleidung ist auch nicht „touristisch“: er trägt Hemd und Krawatte.

 

Erfreulicherweise kann Louis sehr gut deutsch. Er hat Germanistik studiert und war sogar schon mehrmals in Deutschland. Er macht einen sehr gebildeten Eindruck (den Eindruck, den manche deutschen Touristen auf ihn machen, will ich mir lieber nicht näher vorstellen). Annes Befürchtungen, dass wir eine Tour in spanischer Sprache erhalten werden, sind also Gott sei Dank nicht eingetroffen.

 

Im Laufe der Reise wird Louis bald immer lockerer werden. Er wird schnell merken, dass er mit uns eine Gruppe hat, die sich gut führen lässt und bei der auch der Humor nicht zu kurz kommt. Er wird uns immer öfter zuzwinkern und immer öfter fröhliche Bemerkungen  über Land und Leute und seine Erfahrungen in Deutschland machen. Er wird uns auch erzählen, dass er einen 15-jährigen Sohn hat. Und irgendwann im Laufe unserer kleinen Reise wird er ganz stolz davon berichten, dass sein Sohn die schwierige Aufnahmeprüfung in eine Schule bestanden hat, in der Informatik unterrichtet wird. Er wird Vertrauen zu uns fassen und auch zu erkennen geben, dass er nicht mit allem einverstanden ist, was die kubanische Regierung unternimmt und - vor allem - nicht unternimmt. Vielleicht liegt das daran, dass er merkt, dass unsere Gruppe einfach offen ist für Kuba und vieles akzeptiert, sogar gut findet und nicht überheblich als reiche Deutsche auftritt. Insbesondere Anne macht aus ihrer kritischen Einstellung zu den USA ja keinen Hehl und die beiden Brandenburger sehen zwar die Vorteile des westlichen kapitalistischen Wirtschaftssystems, aber auch seine Nachteile. Der schweigsame Agraringenieur erzählt mir zum Beispiel, dass der Zusammenhalt untereinander in der ehemaligen DDR besser war, als heute. So wurde eine „Garagengenossenschaft“ gegründet, als der Bau einer kleinen Garagenanlage für ihre Siedlung anstand. Und jeder hat dann - im Rahmen seiner Möglichkeiten - beim Bau der Anlage mitgemacht. Am Schluss wurden dann die einzelnen Garagen an die Mitglieder der Genossenschaft verlost, damit es keine Diskussionen über die einzelnen Garagen gibt und jeder sich für jede Garage gleichviel Mühe gab. So Etwas wäre nach seinen Erfahrungen jetzt nicht mehr möglich. Ich stimme ihm zu: Mangel kann auch vereinen.

 

Dann machen wir unsere erste Besichtigung: das Zentrum von Havanna (oder Haba-na). Es beginnt an einer Meeresbucht. Havanna hat vier Festungen am Meeresufer. Wir sehen eine Christusstatue - ähnlich der von Rio de Janeiro. Sie sollte ursprünglich größer werden, als ihr brasilianisches Pendant - die Künstlerin hat das jedoch abgelehnt, weil sie der Auffassung war, dass das nicht zu dem Eingangsbereich von Havanna an Meer passt.

 

Louis erzählt uns die Geschichte von einer weiteren Statue, die auf einer Kuppel als Windanzeige für die Schiffe errichtet wurde. Sie ist aus Bronze und stellt eine Frau dar, die aufs Meer hinaus schaut. Es ist die übliche Geschichte von der treuen Ehefrau, die auf die Rückkehr ihres seefahrenden Gatten wartet.

 

Am Beginn unseres Rundganges erwartet uns ein Flohmarkt - mit alten Büchern. Ich habe so meine Zweifel, ob das ein großes Geschäft ist. Zwar kommen viele Spanier nach Kuba. Es ist für mich aber fraglich, ob die wirklich alte Bücher kaufen wollen. Ich habe ein klein wenig den Verdacht, dass dieser Flohmarkt staatlich gesteuert ist, um den ahnungslosen Touristen etwas „kulturelles“ als Flohmarkt anzubieten, um zu zeigen, dass das sozialistische Kuba etwas anderes ist, als beliebige andere Staaten der Karibik. Aber vielleicht sind das auch nur haltlose Vermutungen.

 

Das Zentrum von Kuba besteht aus großen Häusern mit sechs bis acht Stockwerken im Kolonialstil der Jahrhundertwende. Es wurde überwiegend in der Zeit erbaut, in der die Spanier hier das Sagen hatten. Viele Häuser haben Elemente des Jugendstils in ihren Fassaden. Es sieht alles recht prächtig aus. Etwa wie in den alten südspanischen Städten wie z.B. in Barcelona oder - noch eher - in Alicante. Oder wie die Villen in der Heidelberger Weststadt, wenn sie ans Meer versetzt würden.

 

Die Steine, die man benutzt hat, wurden aus dem Meer gewonnen. Sie sind aus Kalk und enthalten noch Versteinerungen von allem möglichen Meeresgetier. Sieht interessant aus. Der - ehemalige - Regierungspalast ist besonders eindrucksvoll. Es ist ein quaderförmiger, großer Bau mit einem großen Tor aus Teakholz und ähnelt einem italienischen Palazzo.

 

Er hat - m.W. - auch etwas weltweit Einzigartiges. Die Querstraße vor dem Haupteingang ist nicht aus Kopfsteinpflaster, obwohl es so aussieht - sondern aus Holz. Einem dieser Hölzer aus dem Regenwald, das unglaublich hart und stabil ist. Später werde ich es noch näher kennen lernen.

 

Es gibt auch Kirchen in einem Barockstil, den uns Louis als „kubanischen Barock“ darstellt. Er ist gröber und es sieht auch ein wenig nach Stilmix (mit romanischen Elementen) aus. Neben einer der Kirche steht eine Bronzestatue: sie stellt einen älteren, hageren Herrn mit Spitzbart und -hut und langem Mantel dar. Louis erzählt, dass dieser Mann eine Art Penner war. Er kam aus Spanien, lief überall in Havanna herum und erzählte allen, dass er aus New York komme und in Wirklichkeit sehr reich sei. Also eine Art kubanischer Blumen-Peter. Als Castro an die Macht kam, wurde angeordnet, dass der Mann in allen Gaststätten umsonst essen darf. Also haben die sozialistischen Kubaner einem Streuner ein Denkmal gesetzt.

 

Was mich auch freut, ist, dass dieses Zentrum vom Autoverkehr weit gehend freigehalten wird, so dass man wirklich ungestört flanieren kann. Was mich erstaunt: mit welcher Intensität hier renoviert wird. An allen Ecken und Enden wir gebaut. Dadurch wird die ganze Stadt unglaublich unterschiedlich. Neben völlig runter gekommenen Häusern und Palästen wird sehr aufwändig renoviert. Ich frage mich, woher die Mittel für die immensen Ausgaben stammen. Louis erklärt uns, dass ein bestimmter Teil der Einnahmen aus dem Tourismus in Havanna ausschließlich für diese Renovierungen vorbehalten ist.

 

Louis schlägt eine Pause vor. Wir haben nichts dagegen, gar nichts. Es ist ja heiß. Wir setzen uns in ein Café an einem Platz, dessen Brunnen vergittert ist. Auf dem Platz findet eine Schulstunde statt. Ein Lehrer macht mit seinen Schülern Sport. Sie dürfen Ball spielen. Die Kinder haben alle Uniformen; an den Farben erkennt man die Klassenstufe. Der Brunnen wurde vergittert, weil die Kinder ihn sonst immer als Planschbecken benutzt haben. Wie gesagt, es ist ja heiß.

 

Kaum sitzen wir, tauchen aus dem Hintergrund vier Musiker auf und beginnen für uns zu spielen. Dieser Ritus wird uns unsere ganze Reise begleiten. Kein Mittagessen, kein Abendessen, kein Café ohne Live-Musik. „Guantalamera .....“, „il Comandante Che Guevara .... „ usw., usw. Nur zum Frühstück haben sie uns verschont. Natürlich erwarten die Musiker eine monetäre Gegenleistung für ihre Bemühungen. Es ist uns freigestellt, wieviel wir geben. Meistens zahle ich für Anne, Eva und mich zusammen einen Dollar.

 

Der Dollar ist übrigens neben dem kubanischen Peso das Hauptzahlungsmittel - auch für die Kubaner selbst. Gegenstände des täglichen Bedarfs - also Reis, Gemüse, Brot usw. können mit Pesos bezahlt werden. Alles was darüber hinausgeht, also z.B. Fernseher, Waschmaschinen oder die bei dem Klima notwendigen Kühlschränke und das Benzin gibt’s nur für den amerikanischen Dollar. Dabei sind die Preise durchaus nicht von Pappe: das Benzin kostet soviel wie bei uns, die Geräte sind teurer. 

 

Was den Kubanern so einfällt, um uns Touristen zu beeindrucken (und anzulocken), sehen wir, als wir weitergehen: wir kommen an einem Hotel vorbei, das in einem Gebäude eines ehemaligen Klosters errichtet wurde. Es hat - wie alle Hotels in Havanna - einen wunderschönen Innenhof und überall stehen Pflanzen. Die Besonderheit bei diesem Hotel ist die Bekleidung des Personals: alle sind nämlich als Mönche verkleidet  - vom Zimmermädchen bis zum Hotelmanager.

 

Vor dem Eingang läuft ein vielleicht 15-jähriges Mädchen hin- und her, das aufgedonnert ist wie zu seiner eigenen Hochzeit. Es trägt ein langes Kleid mit vielen Rüschen, hat einen Blumenstrauß in der Hand und ist auch nicht zu knapp geschminkt. Es macht nichts Besonderes - es bewegt ich nur so vor dem Hoteleingang, dreht sich und wird dauernd fotografiert. Ich überlege mir, ob ich es wagen kann, auch ein Foto von ihr zu schießen. Ich weiß, dass das als aufdringlich angesehen werden kann; vielleicht verstoße ich damit sogar gegen eine mir unbekannte Spielregel. Uns würde es ja in vielen Fällen nicht anders gehen, wenn dunkelhäutige Menschen uns Besuchen und von uns Fotos machen, als wären wir Tiere im Zoo.

 

Als ich dann doch ein Foto mache, bleibt das Mädchen aber sogar stehen und stellt sich geradezu in Positur. Und die anderen Kubaner, die das mitbekommen, werden nicht etwa zornig über diesen aufdringlichen Touristen, nein, sie fordern die Kleine regelrecht auf, für meine Kamera zu posieren.

 

Die Erklärung gibt uns Louis dann später: in Kuba ist es Brauch, dass die Mädchen an ihrem 15. Geburtstag besonders schick (bis übertrieben elegant) ausstaffiert werden und sich dann an öffentlichen Plätzen zeigen. Das ist wohl noch auf die Zeiten zurückzuführen, als die Kinder in diesem Alter auch verheiratet wurden. Es kommt wahrscheinlich außerdem einem typischen Bedarf entgegen: viele Kinder wollen am Beginn ihrer Pubertät einmal ganz besonders „schön“ sein und nicht zuletzt die Eltern möchten ebenfalls stolz auf sie sein und sie vorführen. Dabei ist es für mich schon erstaunlich, woher die Leute das Geld haben, um ihre kleinen Töchter so ausstatten zu können. Louis erzählt uns, dass eben die ganze Verwandtschaft mithilft.      

 

Natürlich werden die Touristen in Havanna auch „angemacht“. Einer der Kubaner läuft als Clown verkleidet mit einem Pappkarton auf dem Kopf herum. Der Karton sieht aus wie ein riesiger Fotoapparat. Er will sich mit den weiß - rosa Touristen fotografieren lassen - gegen Entgelt natürlich. Es klappt aber nicht so recht. Die Touris, die hier in Scharen unterwegs sind, haben kein rechtes Interesse. Ein anderer älterer Herr hat mehr Erfolg: er ist mit einem großen Strohhut ausgestattet und einer kubanischen Fahne. Er steht in militärischer Haltung mit der rechten Hand an der Schläfe da und hält sein Fähnchen hoch. Manche der Touristen lassen sich mit ihm ablichten. Dafür bekommt er einen Dollar. Alles kostet einen Dollar. Manche der Kubaner Wollen aber auch nur „Moneta“: also ein bisschen Kleingeld.

 

Mir ist diese Anmache anfangs ziemlich lästig, weil ungewohnt. Andererseits muss man sagen, dass die Kubaner sich nicht aggressiv oder wirklich aufdringlich verhallten. Sie versuchen´s halt, meist sehr freundlich, oft mit einem kleinen Spaß. Also schon anders als in unseren deutschen Großstädten, in denen häufig wirklich widerliche Typen auf der Straße rumhängen und Geld wollen.

 

Später (in Trinidad) werden wir feststellen, dass diese Anmache für die Kubaner, die sie ausführen, fast schon eine Art selbstverständliche Gewohnheit geworden ist. So wie wir „Guten Tag“ oder „Hallo“ sagen, unterbrechen sie kurz ihr Gespräch mit ihrem Nachbarn, wenn ein Tourist vorbeikommt und rufen „Stift?“ oder „T-Shirt?“ oder „Si-gar ?“ und setzten ihr Gespräch einfach und lässig fort, wenn der Tourist nicht reagiert.

 

Anschließend sehen wir Havannas „Capitol“. Natürlich laufen wir nicht dorthin (obwohl es nicht weit ist, wie wir später feststellen), sondern werden mit dem Bus gefahren. Deutsche Touristen laufen nicht.

 

Der Platz an dem das „Capitol“ errichtet wurde, ist wohl so eine Art Zentrum Havannas. Quer zum „Capitol“ verläuft eine sechsspurige Straße. Es herrscht richtiges Verkehrsgewühl. In der Mitte der Straße stehen die „Oldtimer“ bereit. Es sind diese bekannten riesigen amerikanischen Limousinen. Sie werden immer wieder wiederhergerichtet. Da Fidel es den Kubanern verboten hat, sich ein Auto zu kaufen (es sei denn, ein Auto wird weiter „verliehen“), bleibt ihnen auch nichts anderes übrig. Die Limousinen befinden sich in einem völlig unterschiedlichen Zustand. Manche sind wirklich heruntergekommen, man sieht ihnen ihr Alter von 30 - 40 Jahren gleich an. Andere wurden - mit welchen Mitteln auch immer - richtig aufgepeppt. Sie haben ferngesteuerte Türöffner, eine eindrucksvolle Stereoanlage eingebaut und sehen aus wie frisch vom Fließband. Die Autos werden als Sammeltaxis genutzt; sie fahren immer die gleiche Route mit bis zu sechs Fahrgästen. Wer Glück hat, kommt mit wenigen Pesos damit ganz schön weit rum.

 

Dazwischen natürlich Fahrräder, Kutschen mit Pferden, „normale“ PKWs, die Moped-Taxis und die „Känguruh - Busse“. Die wurden aus zwei auseinandergeschnitten normalen Bussen zusammengeschweißt und haben einen Sattelschlepper als Zugmaschine. Es passen bis zu 300 Passagiere in so einen Känguruh-Bus, wobei die meisten stehen müssen. Manchmal drängen sich auch noch mehr Leute drin.

 

Das „Capitol“ sieht wirklich aus wie sein Namensvetter aus Washington. Als es fast fertig war, wurde festgestellt, dass es ein wenig kleiner ist, als sein Vorbild. Der damalige Präsident Kubas hat daraufhin angeordnet, es abzureißen und neu aufzubauen, wenn den Architekten keine Lösung für dieses Problem einfällt. Das Problem wurde dann mit einer entsprechend hohen Balustrade auf dem Dach gelöst. 

 

Zum Schluss besuchen wir noch einen Markt für Touristen. Dort gibt es all das, was das Touristenherz begehrt: Holzstatuen, T-Shirts, sogar Gemälde. Wir schauen uns ein wenig um. Es ist bloß irritierend, dass man von den Verkäufern immer angesprochen wird. Die Kubaner würden sich sehr wundern, wenn sie einen der unseren Weihnachtsmärkte sehen könnten. Dort stehen die Verkäufer bekanntlich schweigend hinter ihrem Angebot und man hat fast das Gefühl, sie werden gestört, wenn sie nach ihrer Ware gefragt werden. So verhalten sich übrigens auch die Verkäufer auf dem kubanischen Flughafen in den Edelboutiquen.  Aber hier wird man halt angequatscht. Was den typischen deutschen Touristen eher daran hindert, sich die Auslagen genauer anzusehen.

 

Wir fahren zurück ins Hotel. Das Abendessen können wir aus einem sehr reichhaltigen Buffet auswählen. Ich bestelle mir Wein zum Abendessen. „Vino rosso“. Der junge Kellner, ein Schwarzer schaut mich unsicher an und verschwindet. Es dauert sehr lange. Daran werden wir uns später gewöhnen. Die Bedienungen im Hotel sind nicht selten etwas langsam. Man lässt sich Zeit. Sie haben hübsche Uniformen an und sind adrett und sauber herausgeputzt, aber nicht die Schnellsten. Und außerdem auch nicht gerade Profis. Ich habe öfters den Eindruck, dass in den Hotels Studenten oder Schüler arbeiten, weil vieles etwas langsam und umständlich von statten geht. Das stimmt so natürlich nicht: die Schüler sind in den Schulen und die Studenten in der Universität. Wahrscheinlich fehlt´s in Kuba einfach an genügend Hotelfachschulen. Aber die Bedienungen sind immer sehr freundlich und sehr bemüht.

 

Schließlich bekomme ich meinen Wein: es ist Weißwein. Anne klärt mich dann auf: wir sprechen hier nicht italienisch, sondern spanisch: Rotwein heißt. „Vino tinto“. Die Korrektur meiner Bestellung wird anstandslos akzeptiert. Ein kleines Glas kostet zwei Dollar.

 

Zurück in unserem Hotelzimmer wollen wir gerade zu Bett gehen, als Anne noch eines meiner letzten Geheimnisse entdeckt: Ich will den Wecker stellen, damit wir nicht verschlafen. Dabei öffnet sich das Batteriefach. Und da sieht sie es, das Klopapier, das ich für den allerletzten Notfall hier anscheinend versteckt habe. Sie glaubt mir nicht. Sie glaubt mir nicht, dass das Klopapier nur dazu dienen soll, die Batterien im Wecker fest zu halten. So wird man verkannt.

 

Wir schlafen sehr gut in unserer zweiten Nacht in Kuba in unserem Luxushotel.

 

 

3. Tag

 

Wir sind rechtzeitig aus dem Bett gekommen, haben gefrühstückt (wieder ein tolles Buffet, aber das Müsli war alle) und unser  Bus wartet schon. Es ist ein Kleinbus für vielleicht 15 Fahrgäste, ein Mitsubishi, vielleicht 15 Jahre alt, also fast ganz neu. Der Bus ist gut ausgestattet, mit Klimaanlage, Radio und einem Mikrophon für den Reiseführer (das wird auch dauernd benutzt, obwohl wir Louis auch so verstehen würden, wir sind ja nur sieben). Unser Fahrer ist ein älterer Schwarzer, er heißt Felix und ist sehr freundlich.

 

Die Koffer werden durch das hintere Seitenfenster auf der Rücksitzbank verstaut, dann geht’s los.

 

Louis zeigt uns auf der Fahrt zunächst noch ein bisschen Havanna: es weist auf ein modernes Gebäude, das überwiegend aus Glas und Stahl errichtet wurde. Darin befindet sich die Yacht, mit der Castro und seine Mannschaft von Bolivien aus nach Kuba kamen, um die Revolution zu beginnen.

 

 

Wir sehen auch „the Fifth Avenue“. Sie heißt so, weil New York eben die berühmte „Fifth Avenue“ hat.  Aber es ist gleich der Unterschied erkennbar zu einem Land, in dem die Platzverhältnisse eben anders sind, anders als vor allem in Europa, insbesondere in Deutschland: die kubanische „Fifth Avenue“ ist eine ausgedehnte vierspurige Prachtstraße mit einem breiten Mittelstreifen, der von Palmen beschattet wird. Die umgebende Bebauung besteht aus Villen in großen Gärten. Irgendwo soll hier auch Fidel wohnen. Wo genau, weiß niemand so recht. Aus Sicherheitsgründen. Immerhin hat der CIA auf ihn mehrere Anschläge organisiert.

 

Wir erreichen schließlich die Autobahn. 

 

Die wird vielfältig genutzt. Wir sehen nicht nur PKWs und LKWs. Wir sehen auch Fahrradfahrer, Traktoren mit ihren Anhängern, Pferdewagen und Fußgänger. Auch die Aasgeier freuen sich. Sie finden dort eine gute Nahrungsstelle und sitzen nicht selten in kleinen Gruppen auf der linken Fahrbahn und schmausen.

 

Die Autobahn dient auch der unmittelbaren landwirtschaftlichen Produktion: an den Seitenstreifen breiten die Bauern ihren Reis aus, um ihn zu trocknen. Die Autobahn dient auch als Haltestelle: an den Brücken, die wir unterqueren und an den Ein- und Ausfahrten warten immer ganze Scharen von Leuten auf eine Mitfahrgelegenheit. Dabei wird nicht nur auf den regulären Bus gewartet, der hier auch hält, es wird auch sonst gerne jede Mitfahrgelegenheit angenommen. So sehen wir immer wieder LKWs mit offener Ladenfläche, auf denen sich eine bunt gemischte Gemeinschaft von Arbeitern, Müttern mit Kindern, aber auch gut gekleideten Herren, wahrscheinlich Angestellte des Staates, tummeln.

 

Dieser Anhalter-Brauch hat sich besonders stark entwickelt, als es Kuba wirtschaftlich schlecht ging. Das war in der Zeit, als die sozialistischen Systeme in Osteuropa aufgelöst wurden. Russland war der wichtigste Abnehmer von Zucker für Kuba. Die Russen zahlten über dem Weltmarktpreis, um Kuba zu unterstützen. Als diese und andere Hilfen der ehemaligen sozialistischen Staaten wegfielen, ging´s in Kuba bergab. Die Busse wurden auseinandergeschnitten und zu den „Känguruh-Bussen“ zusammen geschweißt, die mit den noch vorhandenen Sattelschleppern gezogen werden konnten. Aus China wurden zigtausenden Fahrräder importiert, um die notwendige Mobilität der Bevölkerung einigermaßen zu gewährleisten. Schließlich mussten die Leute an ihre Arbeitsplätze kommen und die Produkte, insbesondere die aus der landwirtschaftlichen Produktion, zu den Verbrauchern. Die Versorgung mit Strom war sehr eingeschränkt. Das ist für dieses Land deshalb auch nicht einfach, weil die Leute bei dem schwül-warmen Klima auf ihre Kühlschränke angewiesen sind. Es war für die Kubaner anscheinend eine harte Zeit. So kann’s eben gehen: was dein einen freut, ist des anderen Leid.

 

Inzwischen haben sie sich aber wieder aufgerappelt. Kuba ist mittlerweile der weltgrößte Exporteur für Langusten. Europa gehört zu den wichtigsten Abnehmern des Alkohols, der in Kuba produziert und bei uns weiter verarbeitet wird. Die Touristen stellen eine der wichtigsten Einnahmequellen dar, wenn auch der Zustrom nach dem 11. September auch hier zunächst deutlich nachgelassen hat.

 

Dennoch war ich doch ziemlich erstaunt über die große Zahl der Wartenden und Herumstehenden an allen möglichen Stellen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass durch die eingeschränkte Mobilität mindestens 3 - 5 % des volkswirtschaftlichen Potentials verloren gehen.

 

Aber das ist natürlich auch irgendwie eine Mentalitätsfrage. Es ist eben schwül und heiß. Der europäische Leistungsgedanke ist nicht so fest verankert. Man lebt ja schließlich auch noch. Da ist es ja vielleicht auch mal ganz nett, irgendwo im Schatten ein bisschen zu warten und ein kleines Schwätzchen halten zu können.

 

Wir sehen auf der Fahrt also Reisfelder, viele Palmen und weitere landwirtschaftlich genutzte Flächen. Es ist gut zu erkennen, dass Kuba eigentlich eine fruchtbare Vegetation hat. Louis weist uns allerdings darauf hin, dass hier alles noch vor wenigen Wochen karg und trocken war. Erst jetzt, mit dem Beginn des Sommers und der Regenzeit und dem regelmäßigen nachmittäglichen Regen, sei das Land schlagartig grün geworden. Die Nachwirkungen der Trockenperiode ist noch gut an den Kühen zu erkennen, die zu einem großen Teil aus Indien stammen: die sind noch ganz mager und können sich an dem frischen Grün gar nicht satt fressen.   

 

Schließlich erreichen wir unser erstes Ziel: eine kleine Stadt mit einer „Zigarrenfabrik“. Das Städtchen besteht nur aus einstöckigen Häusern, es ist ja Platz in Kuba. Die Häuser sind bunt, meist blau oder rot angemalt. Viele haben eine Veranda vor dem eigentlichen Hauseingang mit einer Bank oder einem Stuhl. Von hier lässt sich die Welt betrachten.

 

In der „Zigarrenfabrik“ besteht zu meinem Leidwesen Fotografier- und Filmverbot. Macht nichts, dann filme und fotografiere ich halt die Straßenkreuzung davor.

 

Die „Fabrik“ selbst besteht eigentlich nur aus einem mittelgroßen Klassenzimmer. Darin sitzen die überwiegend dunkelhäutigen Arbeiterinnen und bearbeiten die Tabakblätter. Was sie genau machen, ist mir nicht so ganz ersichtlich. Einige ziehen anscheinend die Adern aus den großen Blättern, andere wickeln daran herum, am Schluss und am Ende des Raumes haben sie jedenfalls plötzlich Zigarren vor sich liegen, die in einem anderen Raum mit Banderolen versehen und verpackt werden.

 

Die Arbeiterinnen schwatzen fröhlich miteinander, ein lebhaftes Geplapper erfüllt den Raum und immer wieder werden wir angesprochen: die Arbeiterinnen wollen Kleingeld von uns geschenkt bekommen oder wenigstens Münzen mit einem Bild von Ché verkaufen. Ein junger Mann spricht mich an: er hätte Zigarren für mich, die weit preisgünstiger seien, als die im „offiziellen“ Laden der Fabrik. Ich verzichte.

 

Nicht verzichtet wird nebenan: dort gibt es einen Laden, der sich auf Rumverkauf spezialisiert hat. Es kann auch kostenlos probiert werden. Anne lässt sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Keiner von uns beiden trinkt eigentlich Rum. Wir kaufen trotzdem drei Flaschen - für zu Hause.

 

Schließlich gelangen wir zurück zu unserem Bus. Unsere Mitreisenden sitzen schon drin. Die beiden Brandenburger mit vorwurfsvollem Gesicht, weil wir 90 Sekunden zu spät dran sind. Dabei sagt uns Louis immer, dass wir Zeit hätten. Aber manche leben ihren Urlaub eben so minutengenau, wie sei wahrscheinlich zu Hause auch ihre Arbeit verrichten (müssen und/oder sollen).

 

Das wird später ein Spiel für uns. Anne oder ich werden öfter ein bisschen zu spät zu den vereinbarten Abfahrtsterminen kommen. Nicht viel zu spät, höchstens drei bis allenfalls vielleicht fast fünf Minuten. Und die Brandenburger werden immer schon im Bus sitzen und er wird immer mit diesem bestimmten Blick auf die Uhr gucken. Aber was soll’s. Wir sind schließlich im Urlaub. Und noch dazu in Kuba! Nur einmal, ein einziges Mal, wird seine Frau es nicht schaffen, rechtzeitig am Bus zu sein. Bei einer Raststätte einige Tage später, an der die typischen Touristen - Souvenirs verkauft wurden. Dachten wir, weil wir schon drin waren. Aber sie war doch pünktlich, die vereinbarte Abfahrtszeit war nämlich noch gar nicht erreicht. So ist das, wenn man Mitreisende mit anderen Gewohnheiten und Prioritäten dabei hat. Aber ansonsten waren es sehr angenehme und umgängliche Reisepartner.

 

 

Wir fahren also weiter. Auf der Landstraße wird deutlicher, dass wir in der Dritten Welt unterwegs sind. Es sind viele Pferdefuhrwerke unterwegs, die Bauernhäuser nur einstöckig. Zuerst dachte ich, es handelt sich um Ställe. Erst bei genauerem Hinschauen wird erkennbar, dass sie einen Wohntrakt haben und nur ein Teil des Hauses der Landwirtschaft dient. Die Häuschen sind immer von einem Garten umgeben, in dem Gemüse und Obst angebaut wird und in dem die Hühner und Ziegen und Esel herum laufen. Auch die Küche ist teilweise im Freien vor dem „Wohnzimmer“, dort stehen verrußte Kochgeräte rum, Feuer wird mit Holz erzeugt. Trotz dieser einfachen Einrichtung habe ich nicht den Eindruck, dass es diesen Kubanern schlecht geht. Sie haben ihre eigene Grundversorgung, die Eier von den eigenen Hühnern zum Frühstück und eigentlich ist es doch ganz gemütlich in diesen Anwesen. Diese Vorstellung wird natürlich auch dadurch verstärkt, dass die Gärten mit Palmen, Blumen und Großen Zierpflanzen geschmückt sind und in der hellen Sonne einfach wunderschön aussehen. Dabei wächst alles durcheinander und sieht - nach europäischen Maßstäben - auch etwas ungepflegt aus. Ich kenne in Deutschland eigentlich nur ein Anwesen, das hier - bei schönem Wetter im Sommer mithalten kann. Es liegt in Edingen - Neckarhausen am Neckar und hat ein rotes, frisch gestrichenes Gartentor.

 

Wir erreichen unser nächstes Reiseziel: es ist für die Kubaner wohl etwas Besonderes, für uns jedoch weniger: eine Tropfsteinhöhle. Die Gegend, in der sie sich befindet, hat jedoch für mich eine einmalige Faszination: wir nähern uns nämlich den Regenwäldern von Kuba. Das ist ein gebirgiges Land, das von einer unglaublich üppigen Vegetation überwachsen ist. Die Stelle an, der wir parken, liegt in einem Tal. An allen Seiten steigen die Berge (oder Hügel, je nach Betrachtungsweise) an. Ich habe nicht die Worte, dieses herrliche Bild zu beschreiben. Oben kreisen die Aasgeier. In der Luft eine Kakophonie der unterschiedlichsten Vogel- und (wahrscheinlich auch) Insektenstimmen. Alles in einem undurchdringlichen, vielfarbigen Grün. Die unterschiedlichsten Palmen- und Baumarten. Eine unglaubliche Lebhaftigkeit scheint in diesen Wäldern zu sein, gleichzeitig liegen sie still vor uns in der Sonne.

 

Der Zugang zur Tropfsteinhöhle ist ziemlich versteckt, sie wurde auch vor noch nicht allzu langer Zeit entdeckt. Es geht einige Steinstufen hinauf, die tatsächlich auch von den Pflanzen umrankt sind, die wir aus Film und Fernsehen kennen: den berühmten Lianen.

 

Die Tropfsteinhöhle ist so, wie wir sie erwartet haben, recht groß und es gibt auch die Stalaktiten und die Stalagmiten (den Unterschied hat mir Anne einige Tage später erklärt, als wir uns über die gute Allgemeinbildung von Louis unterhalten haben; fragt sie selber). Das Besondere an dieser Tropfsteinhöhle ist ihr unterirdischer See. Nach einer kurzen Wanderung durch die Höhle erwartet uns ein Boot, mit dem wir den Rest durchqueren. Natürlich kann man in den Formen des Kalkgesteines alle möglichen Figuren entdecken, Affen, Schlangen, was man will.

 

Wir verlassen die Tropfsteinhöhle und fahren (schon wieder) weiter. Im nächsten Tal (ich verzichte auf eine wiederholende Beschreibung der wahnsinnig eindrucksvollen landschaftlichen Umgebung des Regenwaldes) gibt es ein Kunstwerk zu betrachten: eine kubanischer Künstler hat ein Felsmassiv bemalt. Als Grundfarbe ist ein sehr intensives Blau gewählt worden, auf dem die Entwicklung der Schöpfung vom Pantoffeltierchen über die Wasserkrebse und die Wasserschnecken bis zum homo sapiens dargestellt ist. Die Menschheit wird von einer vierköpfigen Familie vertreten, Vater, Mutter und zwei Kinder. Das intensive Blau entstand dadurch, dass sehr viele feine schwarze waagrechte Linien eingearbeitet wurden. Das Gemälde wird ständig restauriert, um die Farben intensiv zu erhalten. Dazu sind an der Felswand Strickleitern angebracht. Eine davon an dem - evolutionär - biologisch gesehen - wichtigsten Teil des Mannes.   

 

Schließlich geht’s zum Mittagessen. Wir sollen schließlich nicht verhungern, bei all der Anstrengung. Das ist überhaupt ein sehr angenehmer Teil unserer Reise. Louis erklärt uns morgens vor dem Losfahren immer den vorgesehenen Tagesablauf und erwähnt dabei auch immer, wann’s wo und was im Laufe des Tages zu essen gibt. Er weiß, wie wichtig das für uns Touristen ist (Ausnahme: Anne).

 

Das Lokal, zu dem wir (wieder) hingefahren werden, sieht aus wie bei uns die typischen Freizeitgaststätten mit Biergartenanbau. Der Platz für die Gäste ist im Freien und überdacht, wohl weniger wegen der Sonne, sondern wegen des nachmittäglichen Regens, der in dieser Jahreszeit nun regelmäßig ansteht. Die Stühle sind aber nicht aus Plastik, sondern aus Holz und sehen aus wie spanische Antiquitäten. Es ist auch vornehm gedeckt, mit Tischtuch und Servietten. Kaum sitzen wir, geht wieder die Musik los. Die Musiker erscheinen sozusagen aus dem Nichts und legen los. Sie fragen auch nach unseren Musikwünschen. Ich warne Ron, er soll bloß nicht schon wieder „Guantalamera“ bestellen. Natürlich bestellt er „Guantalamera“ und es wird inbrünstig geschmettert. Das mit der Musik ist ja ganz nett, nur die Tischgespräche leiden etwas darunter.

 

Zum Essen gibt’s Fleisch und „Mauren und Christen“. Das sind rote Bohnen und Reis. Das Essen ist immer sehr reichlich. Louis erklärt mir, was Orangensaft auf Spanisch heißt, „jugo de naranja“. Zwei Tage später hab ich’s dann endlich intus und kann auch selbständig bestellen. Bis dahin macht das Louis für mich. Louis erzählt später, dass auch die Kubaner immer reichlich essen. Es gibt in der Regel zwei warme Mahlzeiten am Tag, nur das Frühstück fällt kurz und knapp aus. Erstaunlich, für ein „Dritte-Welt-Land“. Wahrscheinlich kann sich auch nicht jeder Kubaner diesen bauchfördernden Brauch leisten.

 

Endlich kaufe ich auch mal Zigarren. Louis hat mir diesen Tipp gegeben. In dem Lokal hat ein alter Kubaner an der Seite einen kleinen Tisch aufgestellt mit einer kleinen Glasvitrine. Da gibt es Zigarren - ohne Banderolen und ohne Holzkistchen -, einfach so zum Kaufen und Rauchen. Louis verhandelt mit mir den Preis und zuletzt bin ich stolzer Besitzer von sieben Zigarren für sechs Dollar. Sie kommen in eine kleine Plastiktüte und bei uns zu Hause in den Kühlschrank. Da liegen sie noch immer. Immerhin - als ich später um das Restaurant herumlaufe, um die goldigen kleinen Hühnchen mit ihrer Mutter zu fotografieren - ja, ja, es wird alles fotografiert, was sich bewegt oder auch nicht bewegt - finde ich hinter dem Lokal eine veritable Scheune, die voll gehängt ist mit Tabakblättern. Anscheinend habe ich „direkt vom Erzeuger“ erworben und wahrscheinlich sind die Zigarren auch nicht schlechter, als die in den klimatisierten Läden für die Touristen.

 

Wir fahren also (wieder) weiter. Ich kann mich gar nicht satt sehen an dieser pittoresken Landschaft. Wir befahren eine recht kurvenreiche und hügelige Landstraße. Immer wieder geht es durch kleine Dörfer und an kleinen Gehöften vorbei. Schließlich halte ich es nicht mehr aus: ich bitte Louis anzuhalten. Ich steige aus, ich muss einfach fotografieren! Wir sind an einer Stelle unserer kleinen Landstraße, an der links und rechts je ein kleiner Bauernhof errichtet wurde. In dieser typischen Bauweise, die dem geneigten Leser schon beschrieben wurde. Ich lege also los; dabei bin ich gar nicht der Einzige; Ron und Torsten sind auch ausgestiegen um zu knipsen, anscheinend fanden die beiden meine Idee auch ganz gut.

 

Ich muss einmal etwas anmerken zu meiner Abbildungswut. Wenn wir unterwegs sind, habe ich auf der rechten Seite meine Nikon F 4 hängen; einen Fotoapparat mit Motorantrieb und einem 20 cm langen Objektiv mit einem Gewicht von vielleicht 2,5 Kilo. Mit dieser Kamera kann ich bis zu sechs Bilder in der Sekunde aufnehmen. Der übliche Kleinbildfilm mit 36 Bildern wäre also in sechs Sekunden abfotografiert. Das Objektiv hat eine veränderliche Brennweite vom Weitwinkel für Innen- oder Architekturaufnahmen bis zum starken Tele mit einer Brennweite von 300 mm für Detailaufnahmen aus der Ferne. Außerdem ist vorne noch eine große Sonnenblende aufgeschraubt. Der Apparat hängt über einem Rucksack, den ich mir von Eva ausgeliehen habe. Es wird die letzte Reise dieses Rucksacks sein (bis auf die mit der Müllabfuhr). Darin habe ich meist ein Buch und Zeugs, von dem ich gar nicht weiß, wieso ich es dauernd mit mir rumschleppe. An der linken Seite hängt meine Video-Kamera. Deren Objektivdeckel ist meist ab, baumelt rum und schlägt mir gegen die Kniekehle. Ich bin also behängt wie ein Weihnachtsbaum. So fühle ich mich auch. Dazu Shorts, Sandalen vom Aldi und ein deutlich sichtbarer Bauch unter dem T-Shirt. Ich weiß schon, dass ich das typische Bild eines deutschen Touristen abgebe. Nicht zu Vergessen die rote Nase; Sonnenbrand. Ich könnte mir natürlich auch ein weites Sommerhemd anziehen, unter dem man meinen Bauch nicht so sieht. Und lange leichte Sommerhosen, dazu elegante Slippers aus geflochtenem Leder. Ohne Socken. Ein großer Hut würde mir vielleicht auch gut stehen, dazu eine schicke Sonnenbrille und in der Hand die Zigarre. Und keine Abbildungsgerätschaften. Und dann würde ich mir die Sehenswürdigkeiten der Reise eben nur ansehen. So nebenbei, während ich ansonsten ein gutes Buch lese, über Kuba vielleicht.

 

Aber ich bin eben nicht nach Kuba gereist, um mir alles nur anzuschauen. Ich will möglichst viel mitnehmen von dieser Reise. Der lange Weg hierher soll sich doch lohnen. Außerdem, wozu hat man sich diese teure Ausrüstung im Laufe der Jahre zusammen gekauft. Ich geb’s allerdings zu: es ist auch ein bisschen viel Sammelwut dabei. So, wie die Kinder früher im Wald Stöckchen und Blättchen gesammelt haben und später in Italien Muscheln (Wotans Sammlung steht in einem Marmeladenglas immer noch bei uns im Keller), so muss ich halt Bilder sammeln. Sie sind dann zwar nicht in einem Marmeladenglas, aber eigentlich auch nicht besser untergebracht: in Plastiktüten in Pappkartons in meinem Zimmer. Aber ich kann’s halt nicht lassen.

 

Schließlich erreichen wir unser heutiges Reiseziel, ein Hotel in Vinales. Ich muss wohl nicht (weiter) erwähnen, wie mich die Palmenwälder auf der Weiterfahrt noch beeindruckt haben. Das Hotel ist eine Bungalow-Anlage. Um ein zentrales, großes Schwimmbecken (in Nierenform mit einer kleinen Brücke) sind kleine Häuschen gruppiert. Das Hotel war ursprünglich (vor der großen Touristenzeit) für junge Ehepaare gebaut worden, die hier ihre Flitterwochen (oder besser: Flittertage) verbringen konnten. Und genau diesen Eindruck macht es; sehr heimelig und nett. Wir beziehen also unser Häuschen, Eva hat ihr eigenes. Der Vordereingang ist zum Pool hin orientiert; das Häuschen hat aber auf der Rückseite auch eine Glastür und eine kleine Terrasse.

 

Und als ich da rausgehe, bleibt mir doch die Spucke weg. Unmittelbar hinter unserem Bungalow beginnt ein kleines Tal, das überwuchert ist mit Vegetation und durchzogen wird von einem kleinen Fluss. Gleich anschließend dahinter erhebt sich ein Bergrücken. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Alle Fernsehsendungen über den Regenwald kannst Du vergessen. Alle Filme, die im Dschungel spielen, kannst Du vergessen. Es ist einfach wunder-, wunderschön. Oder superstark. Oder der absolute Kick. In der Abenddämmerung leuchtet dieses vielfältige Grün förmlich. Durchzogen von großen rot, lila, gelb und blau blühenden Pflanzen. In der Abendstille hörst Du bestimmt -zigtausend Tierstimmen aus dem Wald. Es ist einfach unglaublich. Ich stehe da und atme diese Atmosphäre ein und bin seelisch mindestens dreißig Zentimeter über dem gewachsenen Boden. Es haut Dich einfach um.

 

Natürlich bin ich kurz darauf mit meinem ganzen Apparatepark unterwegs. Ich fotografiere sogar die Kühe, die in dem Tälchen angepflockt sind, obwohl deren Abbildung sicher niemand umhaut. Aber es ist halt alles so wunder-, wunderschön. Gott sei Dank wird es mit der Zeit zu dämmerig zum Fotografieren und Filmen, sonst hätte ich an diesem Tag wohl nie aufgehört.           

 

Ich gehe also dann zum Pool und schwimme 40 Minuten. Man muss sich ja sein Abendessen verdienen. Louis hat mit der Küche ausgemacht, dass es Fisch gibt. Er hat uns das voller Stolz erzählt, ob uns das recht wäre. Ich bin halt höflich, sage nichts von meiner Fischfeindlichkeit (in Bezug aufs Essen) und bestätige seine Annahme.

 

Der Fisch - und was es sonst noch dazu gibt, natürlich auch Reis und Bohnen -, ist dann aber eine gelungene Überraschung. Er schmeckt!  Es hat richtig festes Fleisch und richtig Geschmack! Ich fühle mich in meinem Vorurteil gegenüber Fisch als Essen nur bestätigt. Diese Fische, die man in Süddeutschland als Massenware nach einem langen Transport bekommt, sind einfach unmöglich. Das einzige Land, in dem Du Fisch essen kannst, ist - z.B. Kuba!

 

Beim Abendessen stellen wir uns auf die Bitte von Louis dann endlich alle förmlich vor. Wie wir heißen, was wir so machen, usw.. Evas Besuch in der Waldorfschule findet Torstens reges Interesse. Es ergibt sich eine kleine Diskussion über Bildung und Erziehung mit ihm. Wie ich überhaupt finde, dass Torsten an vielen Dingen Interesse hat, die bei dem „üblichen“ Mitzwanziger oder Anfangdreißigern nicht immer die volle Aufmerksamkeit haben. Ich habe den Eindruck, dass er aus einer positiven Grundeinstellung heraus wirklich an der Welt interessiert ist.

 

Später erzählt er uns einmal von seiner Arbeit bei der Sparkasse. Er hat nicht vor, die „große Karriere“ zu machen. Er arbeitet an einer kleinen Filiale in Paderborn am Schalter und das sei gut so. Um 15:30 Uhr sei Feierabend und das reiche. In Wirklichkeit ginge es bei dem Bankenjob doch nur darum, dafür zu sorgen, dass die Leute, die viel Geld verdienen, noch mehr dazu bekommen. Und das sei nicht sein Ding. Und dann ginge es darum, dass die Bank bei den Krediten einen guten Schnitt mache. Er erzählt, dass er sich hierbei manchmal vorkomme, wie der Erzieher der Jugendlichen seines Stadtteiles. Uns sei das wohl nicht so bewusst, aber die Handys hätten wirklich zu beachtlichen Problemen bei den Jugendlichen geführt. Immer wieder stünden sie an seinem Schalter, weil sie die immensen Telefonrechnungen nicht bezahlen könnten. Und er müsse dann auf sie einreden und sie fragen, wie sie sich denn ihr Fortkommen vorstellten. Und wie sie diese Schulden abbauen wollten. Und was sie sonst noch unternehmen wollten, um ihre Situation in den Griff zu bekommen. Er sprach, als sei er ein halber Seelsorger. Ich fand, dass er eine gute Grundeinstellung hat. Die Ausländer seine dagegen weniger problematisch. Bei ihnen sie die Einschätzung der Kreditwürdigkeit einfacher. Das entliehene Geld käme praktisch immer wieder zurück. Irgendwo gäbe es immer wieder Verwandtschaft, die im allerletzten Notfall noch einspringt.  

 

Wie bereits erwähnt, arbeitet unser männlicher Brandenburger, er heißt Horst, als Agraringenieur. Seine etwas überhasteten Erläuterungen zu seiner beruflichen Tätigkeit im Einzelnen habe ich nicht so recht verstanden. Er ist wohl so stolz auf seinen Job, dass er vor lauter Freude, ihn zu erklären, seine Zuhörer überfordert. Jedenfalls arbeitet er auf einem Versuchsgut, auf dem es wohl u.a. darum geht, die richtige Streubreite bei der Aussaat zu ermitteln und dabei festzustellen, welche Gerätschaften hierbei am Wirtschaftlichsten eingesetzt werden sollten.

 

Seine Frau ist Zahnarzthelferin. Sie erzählt eine typische Episode aus der Zeit der DDR, die ihr die Möglichkeit des Studiums entzogen hat. Es ging um die Jugendweihe ihrer Tochter. Sie ist katholisch und wollte nicht, dass ihre Tochter die Jugendweihe erhält, um später bei den Jungen Pionieren usw. mit zu machen. Als das bekannt wurde, musste sie in ihrem Betrieb vor einer Kommission erscheinen. Sie sagte, so etwas müsse man sich einmal vorstellen. Vor ihr saßen zehn Leute (sie nannte die einzelnen Positionen) und redeten ihr ins Gewissen. Es sei eine mehrstündige Befragung gewesen. Sie blieb aber standfest. Sie sagte, sie hänge ihren Mantel eben nicht nach dem Wind. Sie stammt aus einer katholischen Familie mit bestimmten Prinzipien. Die seien unvereinbar mit der Jugendweihe der DDR und deren Folgen.

 

Ich fand das ziemlich beeindruckend. So eine kleine Person, die vielleicht die Weisheit nicht mit besonders großen Löffeln zu sich genommen hat (jedenfalls machte sie nicht diesen Eindruck); so eine junge Frau trotzt standhaft dem Staatsregime, das sich ihr gegenüber verkörpert. Diese Haltung sei später der Grund dafür gewesen, dass sie nicht hätte studieren können. Es sei für ihren Betrieb nur ein Studienplatz für Zahnmedizin frei gewesen. Den hätte dann ihre Konkurrentin bekommen, eine blöde Kuh, mit der sie später dann auch noch ihre Schwierigkeiten gehabt habe.  So ging´s auch zu, im Arbeiter- und Bauernstaat. Abweichler hatten dort anscheinend kein leichtes Los.

 

 

4. Tag

 

Wir haben gut in unserem Dschungel Hotel geschlafen und hatten ein gemeinsames Frühstück (diesmal kein Buffet, weil wir mit einer anderen dreiköpfigen Familie die einzigen Gäste sind).

 

Die Anderen sind schon voraus zum Bus und ich nehme Abschied von unserem Zimmer. Ich gehe nochmal auf die Terrasse und bewundere den Dschungel. Und da sind sie tatsächlich, die Kolibris, von denen mir Louis erzählt hat. Sie sehen hier aus wie die große Nachtfalter bei uns, sie fliegen sehr schnell, sind kaum zu entdecken. Es ist schön zu sehen, wie sie die großen Blüten an unserem Zimmer anfliegen, die Wilhelma in der freien Wildbahn. Ich würde am Liebsten noch einige Tage hier bleiben.

 

Schließlich schnappe ich mir doch meinen schweren Koffer und zerre ihn durch die Bungalow-Anlage zum Bus. Natürlich sitzt die ganze Reisegesellschaft schon abfahrtsbereit drin und Horst guckt ganz besonders vorwurfsvoll auf die Uhr. Ich nicke ihm zu: „ja, ja, ich bin zehn Minuten zu spät, aber nachdem das Frühstück sieben Minuten später begonnen hat als ausgemacht, beträgt meine Verspätung eigentlich nur drei Minuten“.  

 

Wir fahren in ein Naturschutzgebiet (besser: Reservat). Es wird von der UNESCO unterstützt. Es gibt hier eine Froschart, die nur hier vorkommt. Ebenso bestimmte Pflanzen. Entstanden ist es durch Aufforstungen, nachdem die Gegend zuvor von Franzosen zum Kaffeeanbau abgeholzt worden war. Die Aufforstung soll die Erosion verhindern. Der Eintritt kostet Eintritt! D.h., der Eingang zum Reservat hat eine Schranke und ein kleines Wärterhäuschen. Da stehen zwei Kubaner in einer netten Uniform (ein paar weitere Kubaner ohne Uniform stehen auch da, wohl zur Unterhaltung) und kassieren von Louis irgendwelche Gebühren fürs Reinfahren.

 

Wer nun daran gedacht hat, dass wir eine größere Wanderung unternehmen würden, hat sich getäuscht. Es ist keineswegs vorgesehen, uns schweißüberströmt durch den Dschungel zu hetzen, mit Tropenhelm, Moskitonetzen und Macheten.

 

Wir fahren mit dem Bus weiter und landen an einer Bar. Dort gibt es erstmal Kaffee oder kalte Getränke. Und natürlich die übliche Musikkapelle. Dann kommt unser Na-turschutzgebiets-Führer. Er macht nichts anderes, als Touristen durch das Reservat zu führen, erklärt Louis. Ich freue mich auf eine interessante Wanderung.

 

Wir steigen aber in den Bus. Unsere Fahrt führt an einem Naturschutz - Institut vorbei, das die Aufgabe hat, das Naturschutzgebiet zu erforschen (und wahrscheinlich von der UNESCO finanziert wird). Es geht zu einer ehemaligen Kaffeeplantage.  

 

Die Herrschaften wohnten in einem sehr schönen Herrenhaus mit Dachziegeln Marke deutscher Biberschwanz (kein Dach aus Palmenblättern, wie sonst üblich). Die Örtlichkeit, an welcher der Kaffee hergestellt wurde, besteht eigentlich nur aus mehreren Steinterrassen, auf denen die Kaffeekirschen getrocknet wurden. Oben ist eine Steinmühle, um die Kirschen zu schälen und auszupressen. Seitlich an den Terrassen sehen wir kleine Kammern, die Wohnungen der Sklaven. Es gab einmal am Tag Suppe; gearbeitet wurde den ganzen Tag von morgens bis abends, sieben Tage die Woche. Dennoch hatten diese Sklaven ein besseres Leben als die Arbeiter in den Zuckerrohrplantagen; sie konnten immerhin 70 Jahre alt werde, die in der Zu-ckerrohr-Produktion vielleicht fünfzig.

 

Wir fahren (wieder) weiter (Louis sagt uns jetzt wenigstens schon, wie lange wir jetzt wieder fahren werden); diesmal zu einem Vorzeigeprojekt: eine Wohnsiedlung an einem See bzw. Fluss für Bauern, die inzwischen allerdings nahezu alle für den Tourismus arbeiten. Oben, oberhalb des Tales, ein Hotel, das so gebaut wurde, dass ein Teil der vorhandenen Bäume in das Gebäude integriert ist. Es ist ein Hotel für Öko-Touristen. Kuba hat sich also schnell auf die neuesten europäischen Trends eingestellt.

 

Die Wohnsiedlung ist recht nett, an einem hübschen See gelegen. Sie besteht aus  aneinander und übereinander gebauten kleinen Häusern, in denen die (ehemaligen, wegen der Aufforstungen jetzt arbeitslosen Bauern) kostenlos wohnen und eine kostenlose Verpflegung erhalten. Es gibt eine Schule und die ärztliche Versorgung ist vor Ort.

 

Apropos ärztliche Versorgung:  jedes kleine Dorf hat einen Arzt; meist ein Anfänger, der sich um die Leute in allen Fragen kümmert. Ihre Häuser erkennt man daran, dass sie meist zweistöckig sind, also ein Stockwerk mehr haben, als die übliche Bauweise.  Die jungen Ärzte sind für alles zuständig, für die Prophylaxe bei den Älteren und die Heilbehandlung bei den Jüngeren. Wir haben keine Leute mit Zahnlücken gesehen, wie dies sonst bei den Länden der Dritten Welt zu erwarten ist. Die Lebenserwartung der Kubaner entspricht der europäischen Norm. Das ist schon eine bemerkenswerte Leistung. Man merkt, dass Fidel Arzt gewesen ist. Die pharmazeutische Versorgung stammt übrigens neuerdings weitgehend aus Deutschland. Louis erzählt uns, dass er manchmal gefragt wird, was auf den Beipackzetteln der Medikamente steht. Die sind natürlich auf Deutsch. Und vor allem die alten Frauen wollen natürlich wissen, was ihnen der Arzt verschrieben hat.

 

In der Wohnsiedlung besuchen wir Maria, die uns kubanischen Kaffee serviert.

 

Anschließend geht die Fahrt (!) zum Fluss. Der ist ein beliebtes Ausflugsziel für die Kubaner. Man kann dort baden und grillen. Wir sehen ein Fernsehinterview mit dem „berühmtesten“ kubanischen Sänger, der seine zweite CD vorstellt. Ein älterer Herr, natürlich mit dem unvermeidlichen großen weißen Strohhut, der das Ganze recht locker nimmt, zwischendurch von seinem Bier trinkt und in den Pausen raucht. Anne hat gebadet; ich bin schweißüberströmt dem Fluss gefolgt, um ein paar Fotos zu machen.

 

Anschließend geht es zum Mittagessen. Das Lokal wird als typische ländliche Gaststätte bezeichnet. Natürlich sitzt ein Papagei am Eingang. Der Weg zu den Plätzen führt durch die Küche (Holzfeuer). Es gibt Hühnchen, Reis mit roten Bohnen, Chips aus Bananen, während ein Hühnchen und eine schwarze Katze um unsere Füße streichen und von uns gefüttert werden. Und natürlich gibt es wieder Musik; diesmal zwei ältere Herren. Es ist eine besondere Darbietung. Nicht das Übliche „Guantalamera“. Der eine spielt auf einer kleinen Gitarre. Der andere trägt dazu einen mehr oder weniger melodiösen Gesang vor. Louis erklärt uns, dass er eine Geschichte erzählt, die er (relativ) frei reimt. Die Kunst dabei ist die Improvisation. Als er fertig ist, erhält er viel Beifall von den kubanischen Gästen im Lokal. Und sie verlangen kein Trinkgeld für ihren Vortrag!

 

Während des Essens beginnt ein Gewitter und es regnet in Strömen (in Kübeln). Auf der Rückfahrt nehmen wir zwei junge Kubaner in unserem Bus mit, die völlig durch-nässt sind (eigentlich ist das nicht gestattet).

 

Wir fahren nach zurück nach Havanna. Die Autobahn kommt uns jetzt schon richtig vertraut vor. Ebenso unser 4-Sterne Hotel, das wir abends erreichen. Es gibt wieder ein opulentes Abendessen und dann einen bemerkenswerten abendlichen Stadtausflug mit Anne und Eva. Die Mädchen wollen noch einen Abendspaziergang in Havanna. Es ist Samstagabend.

 

Anne ruft vor unserem Hotel ein dort wartendes Moped-Taxi. Das sind kleine gelbe Mopeds mit einem Plastikdach in Form einer Halbmuschel - sozusagen motorisierte Rischkas. Vorne sitzt der Fahrer und hinten sind zwei Plätze, auf denen wir uns zu Dritt zusammendrängen. Anne hat mit dem jungen Kubaner den Fahrpreis zum historischen Zentrum ausgehandelt und los geht’s durch Havanna bei Nacht. 

 

Natürlich fährt unser Fahrer mit gehörigem Tempo, so dass einem der Fahrtwind am Meer gehörig durch das Hemd bläst und die Video-Kamera davon zu fliegen droht. Es macht Spaß, in dem offenen Taxi zu fahren. Er setzt uns aber vereinbarungsgemäß an unserem Ziel ab und hält sich auch an den vereinbarten Preis.

 

In Havanna ist es kühler geworden und „unbeständig“.

 

Wir erreichen also tatsächlich die Stelle, von der aus wir unseren Abendspaziergang beginnen wollen. Es ist da, wo Louis mit uns seinen Stadtrundgang begann. Der Teil der Stadt ist jedoch recht verlassen. Irgendwie merkwürdig. Wir gehen weiter, ungefähr den Weg, den Louis mit uns gegangen ist.

 

Der Spaziergang wird wieder etwas eigenartig. Wir haben - typischerweise - unterschiedliche Vorstellungen über den Weg und die Art und Weise, wie wir unseren Abendspaziergang gestalten wollen. Ich will’s gemütlich haben und einfach die Sightseeing - Tour vom Tag wiederholen. Eva will’s spannend.

 

Also geht bald die Diskussion über den Weg los. Jetzt nach rechts oder nach links ? Da vorne jetzt weiter geradeaus oder in diese Richtung zu dem Haus da drüben ?  Wir landen vor dem ehemaligen Regierungspalast. Dem mit der Holzstraße vor dem Eingang. Es ist ziemlich dunkel. Und prompt knallt´s mich hin. Ich knalle auf die Straße aus Holz. An den Seiten der Straße sind Ketten als Absperrungen in etwa 30 cm Höhe gespannt, die ich in der Dunkelheit übersehen habe. Die Videokamera knallt mit mir auf den Boden.

 

Zum Glück ist uns nichts passiert. Ein Lob für Sony´s Produkte. Es kommen auch gleich zwei kubanische Jungs und fragen, ob alles in Ordnung ist, was ich erfreuli-cherweise bestätigen kann.

 

In der Folge versuchen Anne und Eva mir den Vorrang einzuräumen bei den Vorschlägen für den Spaziergang. Ein etwas mühsamer Weg, das Sagen zu bekommen.

 

Und die beiden Damen halten das natürlich auch nicht lange so durch. Es geht wieder nach ihrer Nase. Na ja, es war ja ihre Idee mit Kuba. Ich sollte mich nicht so blöde anstellen. Wir kommen in ein Viertel, in dem es immer dunkler wird. Die Figuren, die hier rumstehen und rumschlendern, sind mir unheimlich. Irgendwie unsympathisch, jedenfalls. Eva hält ostentativ Abstand von uns, als gehöre sie nicht dazu. Diese Kubaner glotzen hinter ihr her. Manchmal pfeifen sie, als wollten sie unser Töchterchen anlocken. Und die bleibt immer weiter von uns weg. Mir gefällt´s nun gar nicht mehr. Ich habe auch keine Lust mehr, mit der Video-Kamera zu filmen. Ich komme mir so richtig vor, wie der dämliche deutsche Tourist nachts in einer fremden Großstadt in der Karibik. Gleich wird uns irgendwas Saublödes passieren. Dann wird Eva doch wirklich von so einem Kubaner auch noch nachdrücklich angequatscht. Er sieht aus wie 35, ist aber bestimmt schon 45. Mir reicht´s. Ich ziehe Eva mehr oder weniger mit uns von ihm weg. Sie sträubt sich und ich will hier raus.

 

Schließlich führt uns unser Glück in beleuchtetere Regionen. Und hier ist wirklich wie Heidelberg am Samstagabend. Nur dunkler und viel lauter. Aus allen möglichen Bars kommt Live-Musik (Salsa usw.). Mir ist nicht recht wohl bei dem Getümmel, aber Anne und Eva finden’s toll.

 

Plötzlich spricht uns ein junger Kubaner an, er ist vielleicht Anfang 20, so in Richards Alter. Er trägt einen schicken Anzug und hat einen schwarzen Regenschirm. Er erzählt was von Henri Maske, dass er früher auch Boxer war und damit sehr erfolgreich (oder so ähnlich, richtig verstanden habe ich ihn nicht) und dann will er uns Zigarren verkaufen.

 

Wir wollen keine Zigarren. Er läuft aber neben uns her und weicht nicht von unserer Seite. Er drückt mir eine Zigarre in die Hand und meint, ich solle nur probieren. Ich sage ihm, dass ich keine Zigarren rauche, nur Zigaretten und keine Zigarren will. Er lässt sich davon nicht stören und läuft weiter neben uns her und quatscht auf uns ein. Er hat eine Alkoholfahne. Ich drücke ihm seine Zigarre in die Hand und versuche ihm klar zu machen, dass wir seine Gegenwart eigentlich nicht mehr brauchen. Das stört ihn überhaupt nicht, er lässt sich nicht abschütteln. Ich halte meine Hand am Geldbeutel und überlege mir, ob jetzt noch ein Trick kommt, um uns richtig reinzulegen. Schließlich werden wir ihn mit Anne´s Hilfe los: sie bleibt stehen und erklärt ihm laut und deutlich, dass wir hier seien „for holidays, not for business“, das wiederholt sie ein paar Mal und der Junge lacht, sagt „o.k., o.k.,“ und  wir sind ihn los.

 

Die Gassen hier sind inzwischen richtig voll mit Leuten und aus den Bars kommt die Musik, live und aus der Dose. Da drin scheint gute Stimmung zu sein. In eine würde ich gerne rein, da gibt es wieder die Diskussion, dass wir doch nur einen Spaziergang machen wollten und über einen Barbesuch nichts vereinbart war. Wir wollten uns doch die Stadt ansehen usw. usw. Also gehen wir weiter.

 

Schließlich wird meine nonverbale Mimik doch registriert und es wird eine kleine Bar in Aussicht gestellt. Wir finden eine, zu der uns ein älterer Schwarzer durch Zeichensprache einlädt. Er winkt uns zu, wedelt mit einem Handtuch einen Tisch ab, der vor der Bar steht, und holt aus dem Hintergrund auch noch einen Stuhl, damit wir alle Platz haben. Das ist wohl eine der Bars, die privat betrieben werden dürfen. Louis hat uns nämlich erklärt, dass private Bars bis zu acht Tischen zulässig sind. Er hat zwar gerade mehr Tische, aber es ist ja Samstag Nacht und soviel los.

 

Wir sitzen also auf dem Gehweg vor der Bar und betrachten das Treiben. Es geht sehr lebhaft zu, die Gestalten, die sich hier vergnügen, sind schon bemerkenswert. Alle scheinen in Partystimmung zu sein. Ein älterer Weißer (also noch älter als ich, mindestens sechzig), hat ein Tiger-T-Shirt an und weiße Hosen. Dazu Goldringe und eine dicke Golduhr. Ich beobachte ihn, um rauszukriegen, ob er schwul ist. Dann fällt mir eine junge Kubanerin auf. Sie ist vielleicht Mitte Zwanzig, sehr schlank, mit grazilen Bewegungen unterhält sie sich an unserem Nachbartisch. Irgendwie wirkt sie auch ein bisschen „verdorben“. Der alte Weiße und die junge Kubanerin verschwinden zusammen.

 

Mir reicht´s wir zahlen und gehen weiter. Eva will unbedingt eine Straße finden, die sie schön fand und auf der wir zurückgehen könnten. Ich will nur noch zurück. Aber wir suchen die Straße. Wir sind in der Nähe des Capitols. Hier ist wirklich die Hölle los. Wir kommen kaum durch, bei den vielen Menschen und den vielen Autos. Es stinkt nach Autoabgasen, die kubanischen Autos haben ja keine Kats. Es ist wirklich drangvoll. Das liegt daran, dass hier auch ein großes Kino ist, außerdem sind hier die zentralen Bushaltestellen. Wir kommen kaum durch die Leute. Anne redet mit Eva, ob wir die Straßensuche nicht aufgeben sollen, sie müsse doch sehen, ich hätte die Nase voll. Sie stimmt schließlich zu, ein bisschen eingeschnappt ist sie aber trotzdem.

 

Wir finden schnell ein Taxi, es ist diesmal ein „Normales“, also ein PKW, eine Art Fiat, ich bin zu schlapp, um den genauen Typ zu identifizieren. Eva meint, dass wir auch eines der Oldtimer-Taxis hätten nehmen können. Anne stimmt ihr zu, aber jetzt sitzen wir halt hier. Der Preis zum Hotel entspricht dem Vereinbarten, Anne gibt kein Trinkgeld, weil sie meint, dass die Leute, die mit Touristen unmittelbar zu tun hätten, ohnehin genug verdienen. Eigentlich hat sie ja Recht, aber ich halte mich nur kurz an diese „Trinkgeldregel“. Die müssen nämlich dafür vielleicht umso mehr andere versorgen.   

 

Ich bin froh, wieder in unserem Hotel zu sein. Am Nachmittag waren wir in einem kubanischen „Supermarkt“. Das war einer der wenigen Neubauten in Havanna, nicht weit von unserem Hotel, am Meer, in einer sonst wenig reizvollen Gegend mit abgenutzten, teilweise zerstörten (oder kaputt gegangenen) Häusern. Der Supermarkt ist vollklimatisiert.

 

Im Erdgeschoss sind - aus kubanischer Sicht - Edelkarossen ausgestellt. Ein Opel der Mittelklasse und ein Audi A 80. Die Fahrzeuge sind etwa ein Drittel teurer als in Deutschland. Kaufen darf sie der „normale“ Kubaner sowieso nicht, das hat Fidel verboten. Nur Prominente bekommen eine Ausnahmegenehmigung. In Kuba behilft man sich damit, dass die Autos dann eben „verliehen“ werden. 

 

Im ersten Stock, zu dem eine geschwungen Treppe führt, ist der Supermarkt. Die Preise sind in Dollars ausgezeichnet. Wir kaufen Wasser und ich mir eine Flasche Rotwein. Der Wein im Hotel ist mir nämlich zu teuer.

 

Der Rückweg von diesem Supermarkt führt wieder durch Straßen, in denen viele reparaturbedürftige Häuser stehen. Es ist schon erkennbar, das den Leuten die Mittel fehlen, um sich dem üblichen wohlhabenden europäischen Standard zu nähern. Andererseits ist das vielleicht auch nicht so notwendig in dem karibischen Klima.

 

Jedenfalls setze ich mich mit meinem Einkauf vom Nachmittag auf die Hotelterasse. Ich habe ihn in einer Plastiktüte versteckt. An der Bar hole ich mir ein Glas Wein und fülle dann heimlich nach, wenn niemand herschaut. So ist’s gemütlich und preiswert. 

 

 

5.Tag

 

Heute fahren wir nach Trinidad. Wir fahren früh vom Hotel los und nehmen Abschied von Havanna und unserem schönen Luxushotel. Es ist wieder schönstes Wetter. Wir haben diesmal eine lange Fahrt vor uns: 400 km.

 

Also geht’s wieder auf die kubanische „Autobahn“, die uns schon richtig vertraut ist, wie sie von allen möglichen Fahrzeugen benutzt wird: Fahrrädern, Pferdefuhrwerken, Traktoren. Ich versuch die LKWs mit den vielen Leuten auf der offenen Ladefläche zu fotografieren, aber aus unserem Kleinbus auf der holperigen Strecke ist das kaum möglich. Eva hat wohl genauso wenig Erfolg damit, die aufmunternden Plakate mit Che und Fidel, die zum solidarischen Kampf gegen Terror und Krieg aufrufen, aufs Bild zu bekommen. Ab und zu fährt der Bus sehr langsam, dann wird vorsichtig eine Bahnlinie überquert. Bahnschranken gibt’s keine. Anne und Eva sitzen vor mir direkt hinter dem Fahrer und unterhalten sich angelegentlich. Sie reden viel zusammen, die beiden.

 

Endlich, als ich gerade wegen des Nikotinabusus nach einer Pause frage, kommen wir zu einer Raststätte. Sie ist so richtig typisch für Touristen hergerichtet: eine sehr hübsche Anlage mit Steinwegen, auf der kleine Käfige mit allerhand Getier verteilt sind - und natürlich auch einem Krokodil. Außerdem gibt es fünf oder sechs Kioske zum Konsumieren. Am Eingang hat ein älterer Herr ein Meerschweinchen-Dorf aufgebaut und man soll raten, in welches der nummerierten Häuschen das Meerschweinchen in der Mitte gleich flüchten wird. Bei einem Einsatz von einem Dollar kann man eine Flasche Rum gewinnen. Keiner will wetten. Ich will einen Cappuccino und muss aber warten, bis die entsprechende Dame, die für den Kiosk zuständig ist, auch kommt und sich für mich Zeit nimmt. Sie ist dann aber sehr freundlich.

 

Als ich wieder zum Bus komme, sitzen unsere Brandenburger schon wieder drin und schauen ostentativ auf die Uhr.   

 

Weiterfahrt nach Cienfuegos. Einer kleinen Stadt in der Mitte Kubas. Es ist sehr heiß und sonnig. Die Stadt hat eine kleine Fußgängerzone. Es ist sehr leer. Wir gehen zu einem Platz, der eingerahmt ist von Häusern, von denen eines pittoresker ist als das andere. Ein Gebäude im typischen Kolonialstil ist ein Theater, in dem Caruso gesungen hat. Es wurde von einem der reichen Zuckerrohr- Produzenten Anfang des Jahrhunderts spendiert und trägt deshalb auch seinen Namen. Daneben steht die Schule, die er gleichfalls in seinem Vermächtnis gestiftet hat. Ich fotografiere die Umgebung, was das Zeug hält. Ich gehe auch durch die angrenzenden Straßen. Alle Häuser sind nur einstöckig - man hat ja Platz. Die Sonne gibt den Gebäuden ein sehr eindrucksvolles Licht. Es sieht phantastisch aus. Ein älterer Kubaner hält mit dem Fahrrad an und fragt, ob ich Feuer habe. Seine Zigarre ist ausgegangen. Und er will mir NICHTS verkaufen und auch KEINEN Dollar für das Gespräch. Er ist einfach nett.

 

Ankunft in Trinidad. Unser Hotel ist oberhalb der Stadt, es sind wieder Bungalows; diesmal mit Blick über die Stadt aufs Meer. Eva hat ihren eigenen Bungalow; sie freut sich sehr darüber.

 

Damit wir nicht verhungern, gibt es auch bald Abendessen. Der Speisesaal ist gut gefüllt mit vielen Touristen. Natürlich gibt es wieder Live-Musik zum Abendessen. Und eine besondere Einlage: ein junger Mann läuft herum und porträtiert die Gäste. Es sind wenig schmeichelhafte Karikaturen. Die von Anne sieht wirklich unmöglich aus. Völlig daneben. Anne wehrt sich geschickt; sie macht eine Zeichnung von dem Zeichner und schenkt sie ihm. So muss sie guten Gewissens den Dollar nicht bezahlen, der sonst erwartet wird. Unsere ganze Gruppe ist der Ansicht, dass seine Zeichnungen zu boshaft sind. Bei uns verdient er nichts.

 

Draußen hat es zu regnen begonnen. Wieder einer dieser heftigen Regenfälle der Regenzeit in der Karibik. Plötzlich sitzt ein Frosch im Speisesaal. Dem war’s wohl draußen zu nass. Ein Kellner schnappt ihn und wirft ihn mit hohem Bogen hinaus.

 

Als wir zu unseren Bungalows zurückkommen, ist Eva ganz entsetzt. Irgendwie hat sie wohl vergessen, eines der Fenster oder eine der Türen richtig zu schließen. Jedenfalls hat sich eine ganze Menge „voll ekliger“ Käfer in ihrem Zimmer zu einem Stelldichein zusammen gefunden. Außerdem tropft es von der Decke, genau neben ihrem Bett. Nachdem sie fertig gemault hat, ist Eva aber wieder ganz die Alte: sie holt sich in aller Ruhe ein Glasgefäß, um die Käfer zu fangen. Und auf die Wasserpfütze am Bett werden einfach ein paar Handtücher aus dem Bad geschmissen.

 

Ich setze mich noch mit einem Glas Wein auf die Terrasse und schaue hinunter auf das abendliche Trinidad.

 

 

6. Tag

 

Heute ist die Stadtbesichtigung in Trinidad angesagt. Trinidad wurde 1514 gegründet und von der UNESCO wegen seiner einmaligen baulichen Stadtstruktur zum Welt-kulturerbe erklärt. Alexander von Humboldt, der Kuba um 1800 besucht und eingehend beschrieben hat (er wird geehrt als der „zweite Entdecker Kubas“), hat sich von Trinidad außerordentlich beeindruckt gezeigt. „Nach Louis“ wäre er fast hier geblieben.

 

Das Zentrum von Trinidad hat Kopfsteinpflaster. Die Steine stammen aus den Schiffen, die sie auf ihrer Rückfahrt (vom Kaffeetransport) als Ballast mitgenommen haben. Die Häuser sind sehr schön im klassizistischen Stil, meist sandsteinfarben. Die Gebäude, die wir sonst im Inland gesehen haben, hatten meist eine Balustrade vor dem Eingang, mit Säulen und einem Vordach. Da kann man gemütlich sitzen und alles beobachten. Hier in Trinidad fehlen diese Säulen und Vordächer. Dafür kann man in die Wohnungen hinein schauen. Sie sind zum Teil unheimlich schön eingerichtet. Das Mobiliar aus der Jahrhundertwende wird noch benutzt. Die Kolonialzeit lebt noch in den alten Häusern Trinidads. Auch ein Vorteil, wenn kein Geld da ist, um sich alle paar Jahre mit neuen Billigmöbeln auszurüsten.

 

Louis zeigt uns also Trinidad, ich nutze die Gelegenheit, um mir einen großen Strohhut zu kaufen, gegen den Regen. Er kostet nur zwei Dollar. Ich habe ihn erfreuli-cherweise nie als Regenschutz benötigt. Das war auch der Zweck der Übung.

 

Trinidad gefällt mir sehr gut. Die kleinen, sonnenbeleuchteten Straßen. Die Leute stehen lässig herum. Vorher haben wir einen gesehen, der seinen Vogel im Käfig spazieren trägt. Das ist so üblich in Trinidad: man trägt seinen Vogel offen spazieren.

 

Natürlich gibt es einen Markt. Und natürlich werden wir wieder angemacht. Junge Frauen wollen von uns ein bisschen „Moneta“. Ich kann sie teilweise damit loswerden, dass ich ihnen von meinen Zigaretten abgebe. Bei einer jungen Schwangeren, die mir ihren nackten Bauch entgegenstreckt, habe ich aber gewisse Bedenken. Und ein älterer Mann will partout keine Zigaretten. Er sagt, er raucht nicht. Der bekommt also auch „Moneta“.

 

Lange müssen wir übrigens nicht gehen. Louis führt uns in ein Café. Vorher mache ich einige Bilder von einer Kubanerin. Eine der 15-jährigen, die fotografiert werden wollen. Sie hat ein sehr aufwendig hergestelltes gelbes Kleid an und wird in allen möglichen Posen von einem anscheinend eigens für diesen Zweck engagierten Fotografen abgelichtet. Ihre Mutter ist sehr damit beschäftigt, ihr Kleid immer wieder in eine vorteilhafte Position zu bringen.

 

Im Café gibt’s auch gleich Musik. Ein dicklicher, groß gewachsener Schwarzer kommt an unseren Tisch und singt aus voller Kehle den kubanischen Standard. Dann fordert er die Damen zum Tanzen auf. Anne will nicht, aber unsere Begleiterin aus Brandenburg macht mit.

 

Wir gehen noch in einen kleinen Laden oberhalb des Cafés und ich kaufe mir zwei CDs.

 

Dabei mache ich eine interessante Entdeckung: die bettelnden Damen folgen einem nicht in die Läden. Sie warten draußen. Wenn man sie also eine Zeit lang loswerden will, kann man in einen Laden gehen. Nur da drin gibt es natürlich das Personal, das erwartet, dass etwas gekauft wird.

 

Wir müssen uns nicht länger sehr „anstrengen“. Auf uns wartet wieder der Bus. Diesmal fahren wir zu einer Töpferei. Es ist ein kleiner Handwerksbetrieb mit dem Meister und vier Angestellten. In der Küche steht ein Oldtimer aus den zwanziger Jahren. Im Garten sind zwei Brennöfen. Das Angebot ist nicht besonders ausgefallen: Aschenbecher, Vasen und Kerzenlampen. Langsam wirkt sich dennoch aus, dass wir spüren, wie unsere Reise langsam zu Ende geht: wir fangen an, vermehrt einzukaufen. Ich will plötzlich einen Aschenbecher und Anne erwirbt sich eine dieser Kerzenlampen. Auch die Anderen füllen ihre Taschen und leeren ihre Geldbeutel.

 

Eva darf töpfern. Unter der Aufsicht einer der jungen Männer setzt sie sich an eine Töpferscheibe und fängt an, eine kleine Vase zu drehen. Sie stellt sich ganz geschickt an; ich habe den Eindruck, dass sie das nicht das erste Mal versucht. Natürlich muss ihr der junge Mann helfen; es kommt darauf an, die Scheibe ganz gleichmäßig mit der richtigen Geschwindigkeit zu drehen, die Hände schön nass zu halten und mit einem gleichmäßigem Druck auf die Tonmasse zu formen. Das gelingt nicht auf Anhieb. So lernt man aber die berühmte „handwerkliche Geschicklichkeit“. Trotzdem: mit ein bisschen mehr Übung würde aus Eva schon nach wenigen Tagen beistimmt eine recht ordentliche Töpferin.       

 

Wir fahren weiter. Durch Trinidad mit den Leuten auf der Straße, die lässig herum stehen und schwatzen, den Vogelliebhabern, dem Gewühl aus Fahrrädern, Pferdewagen, Traktoren, LKWs mit vollbesetzten offenen Ladeflächen, hinaus aufs Land.

 

Die Fahrt bereitet mir wieder fast Schmerzen. Dieses Land ist jetzt in der Regenzeit so unglaublich grün. Die Palmen, die Gärten, die Plantagen - ein sehr intensives Grün, durchsetzt mit blühenden Bäumen und bunten Blumen. Wenn’s nach mir ginge, würden wir alle drei Minuten anhalten, um noch mehr zu sehen und genauer hinschauen zu können.

 

Zwischendurch hat Louis ein Einsehen. Mitten auf unserer Strecke halten wir an, damit ich meiner Fotografier- und Filmsucht nachkommen kann. Torsten und Ron steigen auch gleich aus. Die Stelle ist eigentlich nichts Besonderes: hier gibt es links und rechts der Straße drei Bauernhöfe. Also diese typischen kubanischen einstöckigen Häuschen, von denen ich zuerst gedacht hatte, es handele sich um Tierställe. Sie sind teilweise blau oder grün angestrichen, haben einen großen Garten und die Küche ist im Freien. Unter dem Hauseingang steht der Hahn und bewacht das Anwesen. Am Gartentor steht ein kleiner nackter brauner Bub und guckt uns an. Das (unvermeidliche) Foto von ihm wird sich später als etwas unscharf heraus stellen. Ich winke einer jungen Mutter mit einer älteren Dame zu und sie lächeln freundlich Zurück, als ich sie knipse (vorher habe ich durch entsprechende Gesten dazu die Erlaubnis erhalten). Die Familie des Jungen kommt aus dem Haus und auch in den Garten und sie tauschen einige Bemerkungen mit Louis aus. Durchaus fröhlich. Es kann auch sein, dass sie auf kubanisch über die blöden Touristen herziehen. Wäre ihr gutes Recht. Alles ist so ruhig und idyllisch. Ich kann mir schon vorstellen, dass es sich vielleicht durchaus auch so leben lässt. Im Garten gibt es fast alles, was der tägliche Bedarf deckt; Gemüse, Obst, Eier von den Hühnchen und diese selbst.

 

Unsere Begleiterin aus dem Osten hat inzwischen in ihrer Handtasche gekramt und Kaugummis gefunden. Die schenkt sie dem Jungen, der damit schnell ins Haus rennt. Ich habe den Verdacht, dass er noch nie Kaugummis bekommen hat. Dieser Verdacht ist - erstens - wahrscheinlich - unberechtigt und - zweitens - wäre letzteres vielleicht gar nicht so schlecht, bei allem, was Kuba an gesunden Früchten und Produkten seinen Leuten zu bieten hat. Ich fand z.B. das Zuckerrohr ganz prima. Es wird manchmal zum Kaffee oder Cappuccino auf Pfefferminzblättern gereicht, nur gekaut und nicht geschluckt und hat was.

 

Wer sich anstrengt, kann nach Louis Erklärungen auch durchaus mehr erreichen. Auf eine der Fahrten hat er uns auf ein Bauernhaus hingewiesen, das frisch renoviert war und richtig proper aussah. Die Grundversorgung ist durch Lebensmittelkarten fast gesichert. Jeder erhält mit diesen Karten gerade so viel, dass es nicht ganz reicht. Wer also auskommen will, muss sich etwas dazu verdienen. Dabei sind die Grundlebensmittel sehr preiswert. Wer also so ein Häuschen mit Garten hat und darin etwas arbeitet, für den ist gut gesorgt. Dabei sollte die Arbeit aber auch nicht übertrieben werden; es ist ja so heiß.

 

„Luxusgüter“ wie Fernseher oder Videorecorder, aber auch die in Kuba inzwischen fast unverzichtbaren Kühlschränke und Kühltruhen, sind dagegen mindestens so teuer wie bei uns, meist noch teurer. Wer sich also in der Dritten Welt dem Standard der Ersten Welt nähren will, muss Verwandte in den USA haben, die einen unterstützen oder in mehreren Jobs arbeiten, was viele tun.

 

Wir erreichen unser nächstes touristisches Reiseziel (vorher geht’s noch an einem wunderschönen grünen Tal vorbei; Louis verspricht uns, dass wir nachher ganz bestimmt noch einmal anhalten werden, um es von oben besser anschauen zu können):              

 

Es ist eine ehemalige Zuckerrohrplantage. Sie hat einen ähnlichen Aufbau wie hier wohl alle Plantagen der Kolonialzeit: im Zentrum steht das prächtige Herrenhaus in einem besonders schön angelegten Garten; die Peripherie bilden einfache Häuschen mit kleinen Gärten für die Arbeiter und Angestellten. Hier hat sich der Plantagenbesitzer noch einen Turm bauen lassen, um seine Ländereien überblicken zu können. Natürlich steigen alle hinauf und genießen die herrliche Aussicht.

 

Es ist auch immer wieder interessant, was den Kubanern so einfällt, um den Touristen die Möglichkeit zu geben, ihr Geld nicht bei sich behalten zu müssen: kaum steigen wir aus dem Bus, werden wir von Frauen bestürmt, die uns Wäschestücke vor die Nasen halten. Der Garten der ehemaligen Residenz ist vollgestellt mit Wäscheständern, an denen die gestickten Produkte kubanischer Handwerks-Wäschekunst hängen. Einige der Frauen sitzen auch da und machen uns vor, wie ihr Angebot (angeblich) hergestellt wird. Wir fragen uns, wo die Fabrik wohl steht, in der die Wäsche produziert wird. Ron meint, vielleicht in Hongkong.

 

Ich laufe herum und mache einige Bilder von den Häuschen der Umgebung. Die waren für die Arbeiter. Mit Garten und Kochstelle im Freien. Die Leute sind nett, sie haben nichts dagegen. Sie nehmen es auch freundlich hin, dass ich ihre Angebote, günstig Zigarren zu kaufen, freundlich, aber bestimmt ablehne. Man versucht´s halt.   

 

Schließlich fahren wir zurück nach Trinidad. Unser Hotel steht noch. Vor dem Mittagessen gehe ich noch in den Pool. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich das viele Essen (großes Frühstück, mittags und abends immer warm) abarbeiten muss. Zu Hause stellt sich dann heraus, dass es mir wirklich zu gut geschmeckt hat: Anne stellt sich auf die Waage und stellt erfreut fest, dass sie nicht zugenommen hat. Ich kann dergleichen nicht behaupten. Um stattliche zwei Kilo hat sich mein stattlicher Bauch verfestigt. Normalerweise nimmt man im Frühjahr und im Sommer ja ab, behält im Herbst sein Gewicht und nimmt im Winter ein wenig zu. Mir ist es gelungen, in allen vier Jahreszeiten zuzulegen - wie auch immer.       

 

Nachmittags wird herumgefläzt. Wir gönnen uns eine Pause. Keine Besichtigungstour. Nur Faulenzen. Anne und Eva sitzen vor unseren Bungalows und malen. Ich lese und spiele mit meinen Sachen (Foto, Videokamera, Notebook).

 

Die Zeit geht rum und es gibt dann auch Abendessen. Wieder der Zeichner. Diesmal versucht er gar nicht erst, von uns beleidigende Portraits zu fertigen. Er erinnert sich an Annes Replik. Die Brandenburger erzählen von den Berlinern. Als Süddeutscher denkt man natürlich, sie seien ein Herz und eine Seele. Aber - wie eigentlich nicht anders zu erwarten - weit gefehlt. Die Brandenburger können die Berliner nicht ausstehen. Wie es sich für gute Nachbarn gehört. Die Berliner haben den Beinamen „Pfannkuchen“. Die „Pfannkuchen“ ärgern die Brandenburger, weil sie immer ihre schönsten Seen besetzen. Will der „Brandenburger“ mal sonntags einen Ausflug machen und ein nettes Lokal am See besuchen, sind sie schon da, die Pfannkuchen. Alles haben sie besetzt. Und die letzten Manieren. Sie sind laut und unflätig. Und sie lassen nur Abfall und Unrat zurück.

 

Die beiden Damen haben für abends bzw. nachts noch einen Stadtspaziergang in Trinidad geplant. Ich nehme mir vor, mich nicht so dämlich anzustellen wie in Havanna. Also ruhig bleiben, nicht wegen des „richtigen“ Weges rumzumosern und nicht hinzufallen. Anfangs geht es dann auch richtig gut. Wir wissen den Weg vom Hotel in die Innenstadt. Das ist auch nicht schwierig. Wir gehen die Gassen lang. Es ist relativ ruhig. Nicht diese Hektik und der Trubel wie in Havanna. Vielleicht liegt das auch daran, dass es nicht Samstag Abend ist. Die Gassen sind recht still. Aus den offenen Fenstern und Türen können wir das laufende Fernsehprogramm verfolgen. Man verpasst nichts beim Weitergehen, weil anscheinend überall derselbe Sender eingeschaltet ist.

 

Überall können wir in die Wohnungen hinein sehen. Vorhänge werden nicht benutzt. So soll es auch in Amsterdam sein, erzählen Ron und Torsten später. Wir nehmen also mit Interesse zur Kenntnis, wie die Kubaner ihren Abend gestalten. Nicht viel anders, als in anderen Ländern: der Fernseher bestimmt die Abendunterhaltung. Die Wohnungen sind nach meinem Eindruck relativ klein. Das kommt vielleicht daher, dass sie aus der Kolonialzeit stammen und einen anderen Zuschnitt erhalten haben, um mehr Leute unterzubringen. Ein bisschen wie bei uns teilweise in der Weststadt oder in den alten Villen in Neuenheim: hohe Zimmer mit eingezogenen Zwischenwänden. 

 

Wir erreichen das Zentrum mit dem Platz vor der Kirche, an dem gestern das Mädchen posiert hat. Jetzt turnen fünf Jungs herum und zeigen uns Purzelbäume und andere Kunststücke. Anne und Eva sprechen von irgendeiner Sportart, die da vielleicht geübt werde. Ich verstehe nur Bahnhof, finde es aber ganz nett, wie die Jungs eine Vorstellung für Eva geben, um sie (vielleicht) zu beeindrucken. Dann wird diese Illusion dann doch etwas beeinträchtigt. Sie hören auf, und fragen uns nach „Moneta“. Na ja, wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Nein, ich brauche auch keine Zigarren.

 

Wir gehen also weiter. Und dann geht’s doch wieder los: ich sehe das Café, in dem wir am Vortag waren und schlage eine kleine Pause vor. Damit sind Anne und Eva nun gar nicht einverstanden. Sie wollen lieber da drüben weiter gehen, da wo es so dunkel ist. Ich sage, dass das keinen Zweck hat, da sehen wir nichts, außerdem wüssten wir dann den Rückweg ins Hotel nicht.  Anne meint, den würden wir schon finden, es wäre doch so einfach. Eva habe einen sehr guten Orientierungssinn, ich solle mir keine unnötigen Sorgen machen. Das wird von Eva bestätigt, sie wisse genau, wie wir laufen müssten. Ich gehe also grummelnd mit. Nach einiger Zeit, in der ich nun gar kein Interesse an den offenen Fenstern und Türen mehr finden kann, fange ich wieder mit dem „richtigen“ Rückweg an. Ich sage zu Anne, sie solle sich mal vorstellen, was geschieht, wenn wir nicht zurück finden. Dann würde irgendwann hier - vielleicht an der Kirche - ein kleines Bronzeschild angebracht. Auf dem sind die dämlichen drei Touristen abgebildet, die sich in Trinidad verirrt und nicht in ihr Hotel zurückgefunden haben. Als Hinweis für Alle, die nach Trinidad kommen und sich nicht so dümmlich verhalten sollten. Endlich hat mein Genörgel Erfolg. Eva findet nun wohl auch, dass wir genug gesehen haben und es wird ein Rückweg eingeschlagen.  Merkwürdigerweise sind wir  - Evas Angaben folgend - nach ganz kurzer Zeit plötzlich wieder an einer bekannten Stelle, es war ganz einfach und gar nicht weit.

 

Evas Bungalow im Hotel ist trocken - es hat ja auch nicht mehr geregnet. Und die Käfer sind auch fort geblieben. 

 

 

7. Tag 

 

Heute fahren wir nach Santa Clara, der Stadt, in der Fidel Castros Mausoleum steht. Wir verlassen also Trinidad; eine letzte Fahrt über die berühmten Kopfsteinpflaster, ein letzter Blick auf die einstöckigen Häuser, die zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurden und auf die Männer, die ihre Vögel in Käfigen spazieren tragen. Der Verkehr bei der Ausfahrt ist wie so oft in Kuba eine bunte Mischung aus LKWs mit überfüllten Ladeflächen, dicht gedrängt voll von Passagieren, aus Traktoren, die in Deutschland mancher Antiquitätensammlung zur Ehre gereicht hätten, aus Fahrrädern und aus Pferdewagen. 

 

Wir kommen diesmal durch eine sehr kultivierte Landschaft; hier scheint das Zentrum der Obstplantagen zu sein. Lange Reihen von Obstbäumen begleiten uns an der Straße, dazwischen immer wieder die kleinen Bauernhäuschen mit ihren bunten Gärten und dem Schwein oder der Ziege bei der Gartenbank. Louis zeigt uns einige größere, moderne mehrstöckige Gebäude; sie sehen aus wie Bürohäuser. Darin sind Schüler in den Ferien untergebracht. Sie helfen bei der Pflege der Plantagen und bei der Ernte. Unnötig zu erwähnen, dass auch ausländische Schülerinnen und Schüler bei dieser Arbeit hoch willkommen sind. Eva schaut angelegentlich aus dem Busfenster.

 

Wir erreichen die Stadt der Fahrräder. Wirklich, an ihrem Eingang ist ein übergroßes Fahrrad aufgestellt. Aber nicht nur Fahrräder werden hier besonders viel genutzt, sondern auch Pferdekutschen. Sie fahren in großer Zahl herum und sind günstig. Die Fahrt kostet nur ein oder zwei Pesos. Wer zum Zahnarzt muss, nimmt die Kutsch ...

 

Wir halten kurz an und können ein bisschen fotografieren (wahrscheinlich sind wir nach Louis‘ Zeitplan zu früh dran für die nächste Station). Ich knipse einen Jungen, der stolz sein frisch gewaschenes Bayern-München Trikot spazieren trägt. Und ein junges Pärchen, das mit ernster Miene auf einem Fahrrad unterwegs ist.

 

Unser nächster Halt wird etwas Besonderes: wir kommen zu einem Markt, an dem Feldfrüchte, Salat, Gemüse, Obst, Hühner, Nähmaschinen und Ventilatoren angeboten werden. Das Besondere: als wir Touristen dort rumlaufen, werden wir nicht, ich wiederhole, NICHT angebettelt. Die Leute verhalten sich so, als wären wir halt auch nur da, um ihr Angebot vielleicht anzunehmen. Es gibt kleine, innen sehr dunkle Bars, man steht herum, schwätzt, lässt sich Zeit; es ist ja so heiß ...

 

Anscheinend ist es nach Louis´ Zeitrechnung jetzt auch Zeit für Che Guevara. Also geht es jetzt nach Santa Clara. Die Stadt wurde von Truppen, die Che Guevara geführt hat, erobert (Louis sagt „befreit“). General Batistas Armee ist hier eine bedeutende Niederlage zugefügt worden. Che´s Truppen wurden der herrschenden Lesart nach von den Einheimischen hier ganz besonders unterstützt (und nach ihrem Sieg entsprechend gefeiert).

 

Das Denkmal besteht zunächst aus einer 16 Meter hohen Statue aus Eisen oder Bronze. Che reckt siegreich den Arm in die Höhe. Vor dem hellblauen Himmel ist nicht viel von ihm zu sehen. Die Statue steht auf dem Mausoleum, in dem die „sterblichen Überreste“ (was für ein Begriff!) von ihm und seinen Mitkämpfern untergebracht sind. Eine Deutsche ist auch darunter. Sie hat mit Che in Bolivien gekämpft und ist dort auch gefallen.  

 

Der Raum mit den „sterblichen Überresten“ ist wie eine Art Gewölbe errichtet worden. Gedämpftes Licht. An den Wänden Kupfertafeln mit den Namen und Darstellungen der Gefallenen. In dem Raum dürfen wir nicht reden. Man geht schweigend von Bronzetafel zu Bronzetafel und schaut sich die Abbildungen der Gesichter der Helden an und liest ihre Namen. Die Ossies sind gleich draußen.

 

An diese Gedenkstätte angeschlossen ist ein kleines Museum. Es stellt Che´s Lebensweg dar. Louis erinnert daran, dass Che als Finanzminister immer mehrere Stunden auf dem Feld arbeitete, um den Kontakt zur Situation seiner Leute nicht aus den Augen zu verlieren. Die Exponate sind teilweise etwas albern, wie die Ausstellung von Che´s Schulheften und teilweise eher typisch, wie die Gewehre und Pistolen, die Che getragen und sicher auch benutzt hat. Che scheint bei seinen Leuten sehr beliebt gewesen zu sein. Aber er war sicher auch ein bedingungsloser Idealist. Eines der Bilder zeigt im Posterformat einen älteren Herren mit Halbglatze und dicker Hornbrille. Es ist Che, wie er sich ausgestattet hat, als er nach Afrika ging, um die Revolution dorthin zu bringen. Bekanntlich ging das schief. Ebenso wie die Revolution in Bolivien, wo er erschossen wurde.

 

Wir fahren nach Sankta Clara rein. Es gibt im Zentrum einen kleinen Platz, um den die Gebäude im Kolonialstil gruppiert sind. Eines der Gebäude ist neuer. Es stammt aus den 50er Jahren, also aus der Zeit der „amerikanischen Besetzung“. An der Außenwand sind Löcher. Es sind Einschusslöcher aus der Zeit der Revolution, die man zur Erinnerung belassen hat.

 

Ich versuche Geld zu holen. Vor der Bank stehen viele Leute Schlange. Es werden immer nur einzelne kleine Grüppchen hinein gelassen. Louis hat uns erklärt, dass wir uns als Touristen vordrängen können. Wir müssten nur mit unserer Kreditkarte win-ken.

 

Anne und ich haben gewisse Hemmungen, uns so zu verhalten; aber als wir einige Zeit gewartet haben, halte ich dem Herrn am Eingang doch meine Kreditkarte unter die Nase und - tatsächlich, er lässt uns vor der Schlange rein.

 

Mit Geld wird’s aber dann doch nichts. Sie wollen nämlich meinen Reisepass sehen, den ich im Bus im Koffer habe. Personalausweis genügt nicht. Komisch, bei Torsten hat es geklappt. Vielleicht, will er bei einer Bank arbeitet. Das müssen die irgendwie gerochen haben. Oder weil er es bei einer anderen Bank versucht hat.

 

Wir verlassen also das Gebäude wieder unverrichteter Dinge. Macht nichts, ganz pleite sind wir ja nicht. Das weiß auch Anne, deshalb geht es jetzt in die Fußgängerzone des kleinen Städtchens. Dort wird immer gekehrt. Die Einwohner legen großen Wert darauf, dass es ganz sauber bei ihnen ist. Deshalb kehren sie ihre Fußgängerzone selbst immer ganz schön sauber.

 

Die Einkaufsmeile gibt mir Gelegenheit, Wein zu besorgen, um nicht den teueren Wein im Hotel nehmen zu müssen. Anne und Eva finden einen Laden, in dem alle möglichen Klamotten und auch Gürtel verkauft werden. Diese kubanischen Läden für die Kubaner haben schon ihre Eigenart für uns „Westler“. Es gibt keine Reklame, die Verkaufsartikel werden angeboten, als handele es sich um gebrauchte Ware. Ich dachte zuerst, wir sind in einer Art Penny-Markt, wie er in Heidelberg zu Wohltätigkeitszwecken veranstaltet wird. Aber Anne weist mich darauf hin, dass die Kleider, Schuhe usw. ganz neu sind.

 

Die beiden bleiben vor den Gürteln stehen. Der Preis der Ledergürtel scheint akzeptabel zu sein, so um die fünf Dollar. Es wird lange ausprobiert. Einige der Gürtel Tragen Aufschriften von berühmten europäischen Marken. Man kennt sich also aus in Kuba. Man lebt nicht hinter dem Mond.

 

Während die beiden sich nicht entscheiden können, werde ich von einem älteren Herrn angesprochen. Er erzählt mir (auf Deutsch), dass er immer einen deutschen Radiosender höre und ein deutsches Buch hat. Damit bringe er sich selbst Deutsch bei. Wenn das stimmt, muss ich meinen Hut vor den Kubanern ziehen. Er drückt sich nämlich recht gut aus, vor allem die Grammatik hat er schön drauf.

 

Unser Bus wartet, die Damen haben ihre Gürtel, ein passendes T-Shirt (natürlich mit Che) wird (in einem anderen Laden) leider nicht gefunden. Wir fahren ins nächste Hotel.

 

Es ist eine Anlage mit Gruppenhäuschen mit spitzen Strohdächern. Zwischen den Häuschen laufen Hühner herum. In der Mitte der Anlage ist ein Pool, an dem sich schon viele Gäste niedergelassen haben. Eva freut sich über ihr eigenes schönes Zimmer. Wir bekommen ein gutes Mittagessen im Hotelrestaurant vom Buffet.

 

Während wir essen, kommt ein sehr hübsches Mädchen auf uns zu. Sie erzählt uns, dass sie heute Abend im Hotel eine Modenschau aufführen. Sie sieht wirklich aus wie ein Model. Sie würden Kleidung vorführen, die sie sich selbst ausgedacht und hergestellt hätten. Für einen Dollar könne man an einer Tombola teilnehmen und schöne Sachen gewinnen. Wir geben einen Dollar.

 

Habe ich die Musik erwähnt? „Guantalamera“ zum Mittagessen.

 

Inzwischen scheint sich am Horizont eine Lösung für unser Geldproblem abzuzeichnen. Ich habe Louis davon erzählt. Er sagte, dass Felix, unser Fahrer ohnehin nochmals in die Stadt muss, um zu tanken. Er könne mich gerne mitnehmen. Ich erzähle den Damen von meinem Plan und natürlich wollen sie auch wieder mit (sie haben ja noch kein T-Shirt).

 

Wir fahren also mit Louis erneut in das Städtchen und vereinbaren einen Abholtermin. Ich schiebe alleine los (ich habe ein T-Shirt mit Che) und fotografiere die Häuser und die Leute. Wieder werde ich angesprochen (die Kubaner sind wirklich leutselig). Diesmal ist es ein junger Kerl, etwa so alt wie Richard und mindestens ebenso hochgewachsen, dabei ganz dunkel. Er erzählt mir, dass er auch schon in Deutschland war, in Hamburg. Er habe dort ein bisschen studiert (?) und dort auch ein bisschen gearbeitet (??). Ich lobe sein Land und seine Landsleute. Er äußert sich positiv über die Deutschland. Ich lasse ihn durch meinen Fotoapparat gucken; er zeigt sich beeindruckt.

 

Gegen Ende unseres Gespräches fragt er dann doch: ob ich Zigarren brauche oder Rum? Ich erkläre ihm, keinen Bedarf zu haben. Er entschuldigt sich fast, ich müsse verstehen, man müsse einfach fragen.

 

Also, ich glaube ihm. Der Tourist ist dazu da, gefragt zu werden. Er läuft da mit teueren Geräten behängt, rotgesichtig und dickbauchig herum und hat einen dicken Geldbeutel mit vielen Dollars. Man lässt auch keine Bananenpalme einfach stehen und die Früchte daran verfaulen.  Was soll er denn machen, der Tourist, er muss doch sein Geld ausgeben. Deshalb ist er doch hier. Eigentlich wäre es eine Sünde, sicher aber mindestens eine Schande, wenn diese Kuh mit ihren prallen Eutern nicht gemolken wird. Sie wird sich doch sicher gleich viel wohler fühlen, wenn wir ihr etwas Erleichterung verschaffen. Was soll er denn mit dem vielen Geld - etwa wieder mit nach Hause nehmen? Dann wäre er sicher enttäuscht. Eine Reise ohne Geld auszugeben ist doch nichts. Wir sollten den Kubanern also dankbar sein, wenn sie uns helfen, wenigstens an dieser Stelle etwas abzunehmen.

 

Ich habe die beiden Damen wieder gefunden, sie haben inzwischen ein T-Shirt. Und Felix mit dem Bus ist auch schon da; also zurück ins Hotel. 

 

Dort geht’s dann gleich zum Pool. Er ist nierenförmig und das Wasser total trüb. Macht nichts, ich habe eine Schwimmbrille. Ich lege also gleich los, zwischen den planschenden Kubanern und den Touristen auf ihren Liegestühlen rund um das Becken ziehe ich in dem warmen Wasser unverdrossen meine Runden. So nach vierzig Minuten habe ich dann genug getan, um das Abendessen aufnehmen zu können, denke ich.

 

Wir gehen also ins Restaurant unseres Strohhut-Hotels und bekommen wieder eine sehr reichliche Mahlzeit mit Fleisch und Reis und Salat und Musik.

 

Anschließend setzt sich die ganze Gruppe mit Louis an den Pool und es wird ein wenig Bilanz gezogen über unsere Reise. Schließlich war dies der letzte Tag der Rundreise. Morgen werden wir eigentlich nur noch transportiert: zu den bereits gebuchten Hotels am Strand.

 

Ich kann nicht genau erklären warum, aber in unserer Gruppe entsteht plötzlich eine sehr gelöste, entspannte Stimmung. Louis lobt uns, wir seien eine sehr angenehme Gruppe gewesen. Er lobt insbesondere unsere Pünktlichkeit (!!!) und bringt seine Freude darüber zum Ausdruck, dass wir so großes Interesse an seinem Land und seinen Landsleuten gezeigt hätten. Natürlich werden auch Adressen ausgetauscht; Louis will irgendwann mit seinem Sohn nach Deutschland kommen - was mich betrifft, ich würde ihn gerne hier wieder sehen und ihm ein wenig von Deutschland zeigen. Beim Rückblick wird natürlich auch geblödelt, sogar unser immer etwas ernsthafteres Ehepaar aus dem Osten macht mit. Er hat einen - auf seine Art - durchaus trockenen und unterhaltsamen Humor und auch einige nette Witze und Anekdoten auf Lager. Horst und Torsten sind da natürlich unschlagbar - und so wird viel gelacht. Eva habe ich selten so gesehen; sie findet’s richtig lustig, kichert mit und ihre Augen glänzen - schön!

 

Dann ist es natürlich Zeit für die Modenschau der jungen Leute. Wir setzen uns also in die Bar des Hotels, dort wurden Stühle aufgestellt und Platz gemacht für die Vorführung der Models. Eva wird mit der Videokamera bewaffnet und ich habe meine Nikon parat.

 

Die Vorstellung beginnt für mich gleich mit einer Überraschung; ich bin deshalb froh, pünktlich gleich von Anfang an dabei zu sein: ich habe immer gedacht, die Models fangen mit den „ernsten“ Klamotten an und ziehen sich dann immer mehr aus (so wie beim Striptease). Aber hier geht’s genau anders rum: Bikinis, Badeanzüge und Badehosen werden am Anfang gezeigt. Badehosen deshalb, weil auch „Boys“ mitmachen. Mit entsprechenden Muskeln, versteht sich. Und die Mädchen haben natürlich auch eine Figur, wie sie erwartet wird. Eine ist zwar ein bisschen dicklich, finde ich; aber sie sieht vielleicht gerade deshalb sehr nett aus. Es ist ein lustiges Spektakel; Eva filmt die Mädchen und Jungen in ihren bunten Kleidern und Stoffen und ich Mache Bilder. Irgendwann ist der Film zu Ende, ich knipse dennoch weiter; sie sollen den Eindruck bekommen, dass ihre Vorstellung ganz toll ist. Am Schluss wird mit großem Tamtam der glückliche Gewinner verkündet: es ist Torsten; er bekommt einen Seidenschal, der ihm zu seinem weißen Strohhut sehr gut steht; er sieht sehr originell aus. 

 

 

8. Tag

 

Heute fahren wir an die Küste zu den Touristen - Hotels. Wir sind relativ rechtzeitig an unserem Bus und wieder (und zum letzten Mal) geht es durch die einzigartige Landschaft Kubas. Es ist alles so grün, wir überqueren wieder die unbeschrankten Bahnübergänge und machen dann doch noch einen ungeplanten Halt: die Straße ist plötzlich übersät mit Krebsen. Die sind auf dem Rückweg ans Meer (wie wir), nachdem sie sich das Innenland angesehen haben (wie wir). Ein seltsames Naturschauspiel: eine einsame Straße, die fast bedeckt ist mit Hunderten von Krebsen; alten und jungen, großen und kleinen. Louis nimmt einen in die Hand, wenn sie am Genick genommen werden, können sie mit ihren Scheren nichts ausrichten. Es ist ein hübscher Krebs. Eva erzählt, wie sich ein Kleiner aufgerichtet hat, als der Bus gekommen ist; es hat sich in Angriffsstellung auf der Straße mit seinen kleinen Scheren hoch erhoben aufgestellt, um dann bei passender Gelegenheit aber schnell wegzurennen. 

 

Nachdem wir einsehen, dass wir die Krebse nicht retten können, fahren wir doch weiter, an Havanna vorbei zu unserem Zielgebiet. Und das ist kaum zu unterscheiden von den großen Touristenzentren, wie sie wohl überall auf der Welt zu finden sind.

 

Es ist alles aufgeräumt und sauber. Große, neue Hotelkomplexe sind weiträumig verteilt. So stelle ich mir Djerba aus Muttis Schilderungen vor. Breite Straßen. Ein Bimmelbähnchen karrt die Touristen herum. Die Anpflanzungen haben offenbar nur dekorative Funktionen. Das Grün muss mit hohem Aufwand gepflegt werden.

 

Wir gehen ein letztes Mal zusammen essen. Es ist ein Lokal, das aussieht, wie ein Antiquitätenladen. Sogar an der Decke haben sie alte Möbel aufgehängt. Die Stühle sehen richtig edel aus - es ist gedeckt wie bei einer spanischen Familie von altem Adel (jedenfalls kann man sich das so einbilden).

 

Das Essen ist - für kubanische Verhältnisse - auch mit besonderem Aufwand zubereitet. Es gibt wieder Reis und rote Bohnen und viel Fleisch. Dazu eine Musikgruppe ohne „Guantalamera“! Sie spielen mit ihren kubanischen Instrumenten alte Beatles-Hits. Ich sitze da, bin etwas aufgeregt, und überlege, was ich als kleine Rede für alle - vor allem für Louis und Felix - sagen könnte. Beim Kaffee holt Torsten aber plötzlich einen roten Zettel raus - und beginnt ein Gedicht vorzutragen. Es handelt von unserer Reise, davon, was wir alles gesehen haben und von uns  - und natürlich von Louis und Felix. Sie werden beide gründlich gelobt - Felix wegen seiner umsichtigen Fahrweise und Louis wegen seiner umfassenden und kundigen Führung und seiner liebenswürdigen Art, uns Land und Leute zu vermitteln. Es ist kein besonders langes und künstlerisch umwerfendes Gedicht; aber es ist sehr nett und gibt ein zutreffendes Bild von unserer Reise - vor allem gibt es ein gutes Resümee für uns. Torsten hat es in den letzten Stunden unserer Herfahrt geschrieben. Deshalb wollte er von Ron immer wieder den Reiseführer und die Karte. Da bleibt mir nur, die Krawatte von Felix zu loben - es sind lauter Tachometer für Autos darauf abgebildet.

 

Nach dem Essen stellen wir uns nochmal alle vor „unserem“ Bus auf - für die Abschiedsfotos. Als wir gerade überlegen, wer uns knipsen könnte, sehen wir einen jungen Mann im Nachbarhaus; dort ist eine Art Botschaft untergebracht. Wahrscheinlich ist er vom kubanischen Geheimdienst. Deswegen sind die Fotos auch sehr gut geworden. Er war sehr nett. Ich freue mich später, dass Louis vergessen hat, seinen Bauch unter seinem gelben T-Shirt einzuziehen. So sieht er sogar dicker aus als ich.

 

Felix fährt uns jetzt zu unseren verschiedenen Hotels. Ron und Torsten steigen in einem riesigen Schuppen ab. Ein Monster von Hotel. Auch die beiden Ossies aus Brandenburg haben sich eine Prachtunterkunft ausgewählt. Als wir dann auf das nächste zufahren, will ich’s zuerst kaum glauben; ich hatte es vorher schon gesehen, auch so ein riesiges Monument der touristischen Überwelt. Und tatsächlich, der Bus hält an und wir sollen aussteigen. Es ist die Übernachtungsstätte, die Anne für uns gebucht hat.  

 

Der Empfangsraum ist kein Empfangsraum, sondern eine riesige Empfangshalle mit hohen Palmen und einer Glaskuppel. Auf der einen Seite eine Bar mit einer langen Theke, in der Mitte eine Menge rotes Ledergestühl und auf der anderen Seite die Rezeption - auch mit einer langen Theke. Dazwischen fläzen sich vereinzelte Gäste, lesen Zeitung oder unterhalten sich - eine Szenerie fast wie in diesen Filmen mit Ja-mes Bond, in denen die Überflussgesellschaft in ihrem Überfluss fast wie in einer Karikatur dargestellt wird. So kam´s mir auch ein wenig vor: wie eine Karikatur der Konsumwelt in Kuba. Doch es ist alles geldharte Wirklichkeit.

 

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: die Buchung von Anne liegt dem Mann an er Rezeption vor, wir sind bekannt und existieren auch im Computer. Also gibt es uns wirklich. Er nennt uns unsere Zimmernummern und wir bekommen unsere rosa Plas-tikarmbändchen, mit denen wir als Gäste des Hotels ausgewiesen sind und deshalb überall und immer in der Hotelarena soviel essen und trinken können, wie wir wollen (und können).

 

Wir latschen also los und suchen unsere Zimmer. Die sind natürlich nicht in dem Gebäude untergebracht, in dem wir angekommen sind. Nein, wir haben einen kleinen Marsch über das Areal vor uns, vorbei an verschiedenen kleinen Läden, Lokalen und Restaurants, hinaus ins Freie, an einem künstlichen Bach entlang (mit echten Enten) und mehreren weiteren Gebäuden finden wir eines mit der „richtigen“ Nummer. Im dessen erstem Stock ist unser Zimmer; das heißt, eigentlich ist es ein Appartement mit einem riesigen Schlafzimmer für uns drei, einem großen Bad und einem großen Wohnzimmer, dazu der Balkon mit Blick an den Palmen vorbei auf den Pool. Und ohne Strom. 

 

Und ohne unsere Koffer. Der Mann am Empfang hatte uns gesagt, dass die Koffer „sofort“ gebracht würden. Wir wollen uns umziehen und ans Meer, nach der langen Fahrt endlich ins Wasser. Aber unsere Koffer kommen und kommen nicht.

 

Wir warten. Das Appartement haben wir längst durchsucht. Wir wissen, wie der merkwürdige Gardinenschrank im Wohnzimmer auf- und zugeht. Ich habe im dem dunklen Badezimmer das Klo gefunden. Wir haben auch schon Bekanntschaft mit der Putzfrau geschlossen. Dann ist plötzlich Strom da.

 

Aber keine Koffer. Wir bitten Eva, an der Rezeption unser Gepäck anzumahnen. Sie geht los. Ich stehe auf dem Balkon und sehe einen Wagen mit ganz vielen Koffern. Er fährt vorbei. Inzwischen sind schon über 40 Minuten vergangen und Anne ist ganz schön sauer. Dafür bezahlt man nicht gerne über 200 Euro pro Nacht. Das kann auch die hübsche Stehlampe auf der Kommode nicht wettmachen. Eva kommt Zurück; die Koffer seien unterwegs.

 

Ich überlege, ob wir nicht einfach so, wie wir sind zum Strand gehen sollen. Essen können wir jetzt noch nicht; wir sind noch völlig satt vom Mittagessen. Aber wir könnten zum Strand und uns einfach ausziehen und nackend ins Wasser. Wir könnten so die Freikörperkultur in Kuba begründen. Dafür gäbe es bestimmt auch Interesse in unserer Touristenbranche. FKK in Kuba. Mit jungen Kubanerinnen, die am Strand den fetten weißen deutsche Touristen bedienen. Und jungen Kubanern für die dicklichen weiblichen Touristinnen. Das wär’s doch!

 

Da klappert´s vor unserer Tür. Zwei Herren schleppen ostentativ schweißüberströmt unser Gepäck ins Zimmer. Anne fragt sie zornig, wo sie so lange geblieben seien. Sie sagen uns, sie wären schon dagewesen, aber wir noch nicht. Eine schlechte Lüge, wie sich herausstellt. Der Mann am Empfang hat nämlich später die lange Wartezeit mit dem großen Andrang zur Zeit unserer Ankunft entschuldigt. Was auch gelogen war. Wahrscheinlich hatten die beiden Kofferträger eben gerade Pause und das Hotel keine Lust, mehr Personal einzustellen. Auf jeden Fall: eine ausgesprochen schlechte Visitenkarte für ein sehr teures Hotel, das für Touristen attraktiv sein will.

 

Aber was soll’s; jetzt geht’s ans Meer! Wir ziehen uns also um und gehen an dem Pool vor unserem Appartement vorbei zum Strand.

 

Der ist relativ klein. Und ziemlich leer. Bei weitem nicht so überlaufen wie in Italien. Ich frage mich, wo all die vielen Hotelgäste sind. Wahrscheinlich in den Pools des Hotels oder an den Bars, um kostenlos zu trinken (es ist ja alles „all-inclusive“). Für die Gäste stehen Liegestühle bereit. Eine kleine Bar gibt’s auch (natürlich). Ein Strohhäuschen, an dem man sich auch mit Essen versorgen kann, falls man den Weg vom Strand bis zum Hotel nicht schafft, ohne zu verhungern.

 

Und dann sehen wir das Meer. Es ist wirklich unglaublich. Das Wasser ist intensiv und zugleich hell türkis-grünblau. Als hätte man unseren Bus reingeschmissen. Es spiegelt im Sonnenlicht zwischen den Palmen in den feinsten Schattierungen. Dabei ist es völlig klar. Nur leichte Wellen. Anne und Eva gehen gleich rein, während ich mich auf einer Liege niederlasse. Ich sehe ein wenig zu, wie sie im Wasser sind.

 

Dann gehe ich auch. Das Meer ist warm. Es lässt sich gut und gemütlich schwimmen. Und während ich das tue, mache ich eine bemerkenswerte Entdeckung - ich fühle mich unglaublich erholt. Da sind wir sechs Tage durch Kuba gefahren, haben über 1500 km zurückgelegt, waren ständig mit neuen Eindrücken und Erlebnissen konfrontiert, wurden von morgens bis abends durch die Gegend gekarrt und gescheucht, mussten immer pünktlich wieder am Bus sein (!) - und ich fühle mich total erholt! Wenn das nicht ein wunderschöner Urlaub ist! An dieser Stelle sei’s gesagt: ich bin Anne und Eva wirklich dankbar, dass sie meinen phlegmatischen Charakter ignoriert und mich mitgeschleppt haben. Mir war Kuba so suspekt und jetzt ist es ein tolles Land für mich und eine ganz tolle Reise gewesen. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass man vielleicht wieder etwas essen könnte.

 

 

Also geht’s wieder zurück zum Zimmer, am Pool vorbei. In dem haben sie übrigens eine Bar eingebaut. Das heißt, die Leute schwimmen nicht im Schwimmbecken wie in Heidelberg oder Ladenburg, sie stehen im Wasser an der Theke, reden, trinken und essen.

 

Wir gehen in das große Restaurant des Hotels (es gibt ja auch mehrere kleine) und versorgen uns an dem riesigen Buffet. Es gibt so viel, dass man gar nicht alles ausprobieren kann. So groß sind unsere Teller gar nicht. Aber immerhin so groß, dass ich mir eine einigermaßen repräsentative Auswahl aufschaufeln kann. Außerdem besteht ja die Möglichkeit, mehrmals zu gehen. Was ich auch tue. Wein wird dagegen nicht in Flaschen, sondern nur in Gläsern ausgegeben. Wahrscheinlich hat das Management entsprechende Erfahrungen gemacht.  Aber man kann ja nachbestellen.

 

Nach dem Essen gehen wir noch ein bisschen im Hotel herum. Ich zeige Anne und Eva die Internet-Kabine. Dort können wir unsere e-mails abfragen. Nichts Neues für mich. Nichts Besonderes für Eva (glaube ich).

 

Ich gehe noch zu dem Kerl an der Rezeption. Irgendetwas muss doch dabei herauskommen, dafür, dass wir so lange auf unsere Koffer warten mussten. Ich fange mit dem Preis für die Zimmer an. Und teile ihm mit, dass wir erst nachmittags am nächsten Tag los müssen. Da wäre es doch nur fair und billig, wenn wir unser Zimmer bis 17:00 Uhr haben könnten und nicht schon um zehn raus müssten. Er schüttelt bedenklich den Kopf. Die Zimmer müssen bis 10:00 Uhr geräumt sein. Ich werde sauer und habe schon einen dicken Kloß in der Kehle. Überlege mir verschiedene Drohungen. Er meint, eine Verlängerung koste 25 Dollar. Die Zimmermädchen müssten schließlich in die Appartements. Er muss meinen Gesichtsausdruck wohl richtig gedeutet haben. Schließlich bietet er mir an, die Zimmer bis 15:00 Uhr ohne Aufpreis behalten zu können. Na, wer sagt’s denn. Wenigstens ein kleiner Triumph.

 

Abends gehe ich noch in eine der kleinen Läden des Hotels. Ich will mir eine Flasche Wasser kaufen für die Nacht. An den Bars gibt es ja nur Gläser und ich habe so meine Zweifel, ob das Leitungswasser trinkbar ist. Schließlich soll mich „Montezumas Rache“ nicht noch in den letzten Tagen erreichen. Das wäre keine gute Aussicht für den langen Heimflug. Ich finde kein Wasser. Also frage ich die Verkäuferin nach Flaschenwasser ohne Kohlensäure. Sie zeigt mir, wo es ist und will’s mir holen. Ich sage, das kann ich schon selber; ich hätte es eben nicht gesehen. Dann wird bezahlt und plötzlich fragt sie mich, wo ich herkomme und wie lange ich schon in Kuba sei. Ich sage, ich sei Deutscher und schon eine Woche in Kuba. Da fragt sie mich, wo ich so gut spanisch gelernt hätte. Das geht runter wie Erdöl. Ich sage, dass mir eine Woche genügt hätte, um das bisschen Spanisch zu lernen; es sei schließlich keine schwierige Sprache. Sie bringt ihr ungläubiges Erstaunen und ihre Bewunderung zum Ausdruck und ich bekomme nasse Hände vor Stolz. Schnell verlasse ich den Laden, um den guten Eindruck nicht wieder zu vermiesen. Lange hätte ich ihn nicht halten können.

 

Anschließend geht’s in die Hotel - Lobby, um zu lesen. An der Bar ist viel los. Die Gäste nutzen ihr „all-inclusive“. Ein junger Mann mit geröteten Backen holt sich einen Rum nach dem andern. Seinen Zustand möchte ich morgen lieber nicht sehen.

 

 

 

 

9. Tag

 

Dafür ist unser Zustand am anderen Morgen bestens. Wir haben auch schon wieder genügend Platz im Bauch für ein reichhaltiges Frühstück vom Buffet. Heute ist unser letzter Tag in Kuba. Anne und Eva wollen nochmal schwimmen und ich will ich um die Organisation unserer Abreise kümmern. Wir wissen noch so nicht recht, wie wir zum Flugplatz kommen. Das ist nämlich noch ein ganzes Stück. Ungefähr wie von Edingen nach Frankfurt. Gestern haben wir an der Reiseinformation erfahren, dass es Touristentransporte zum Flughafen gibt, aber wie und wann genau, war nicht ganz klar.

 

Also latsche ich zu der Reiseinformation und bekomme heraus, dass ein passender Transport wahrscheinlich zur Verfügung steht. Für 75 Dollar. Mir ist der Preis egal, hauptsächlich es klappt und wir bekommen unseren gebuchten Flieger. So schön Kuba ist, eigentlich hatte ich schon geplant, wieder nach Hause zu kommen. Der Transport soll am späten Nachmittag stattfinden, also rechtzeitig, um unseren Flug am frühen Abend zu erreichen.    

 

Beim Mittagessen informiere ich Anne und bitte sie, rechtzeitig mit Eva an der Rezeption zu sein. Später gehen wir nochmal in unser Zimmer und sorgen für den Abtransport unserer Koffer in einen Raum bei der Rezeption, damit wir sie gleich zur Verfügung haben, wenn es losgeht.

 

Wenn es losgeht, habe ich natürlich keine Nerven mehr. Ich will nicht mehr ans Wasser wie Anne und Eva. Ich setze mich in die Lobby und warte lieber auf unseren Transport. Ich will sicher sein, dass alles auch wirklich klappt. Falls Rückfragen kommen, sollten wir bereit sein. Ich schaue auf die Uhr; es sind bestimmt noch drei Stunden, bis es soweit ist. Ich hole also mein Buch raus. Es ist eines der Bücher, die mir Richard freundlicherweise mitgegeben hat. Der letzte Grisham. Ein Autor, den ich wegen der Darstellung der juristischen Welt Amerikas immer sehr faszinierend fand. Wegen eines Hühnerauges eine Schadensersatzklage gegen den Schuhhersteller in Millionenhöhe. So etwas in der Art. G. bevorzugt allerdings die Darstellung von Strafprozessen, bei denen mit allen Mitteln in letzter Minute versucht wird, noch eine Prozesswende herbei zu führen und das Gute gewinnt. Irgendwann ist aber jede Masche ausgelutscht. Deshalb war der Roman nicht gerade das Gelbe vom Ei. Ich schaue auf die Uhr; es sind immer noch drei Stunden. Wie kann die Zeit nur so langsam vergehen. Ich hole mir schon zum vierten Mal ein (kostenloses) Wasser an der Theke. Die Bedienung schaut mich schon etwas merkwürdig an. Wahrscheinlich denkt sie, ich hätte einen gewaltigen Kater. So sehe ich vielleicht auch aus in meiner Aufregung. Ich studiere die Leute in der Lobby. Sie sehen alle so entspannt aus. Die haben auch fest gebuchte Transporte, wenn sie Kuba verlassen. Ich verstehe nicht, wie man dieses Land besuchen kann und nur das Meer sehen will. Diese Hoteltouristen. Dämliches Volk. Es sind schon fünf Minuten vergangen, seit ich warte.

 

Schließlich ist es dann doch irgendwie soweit. Wie beim Zahnarzt im Wartezimmer, ist die Uhr doch weiter gekrochen und der Bohrer kommt jetzt. Oder besser der Bus für unseren Transport müsste jetzt gleich kommen. Und Anne und Eva sollten jetzt längst da sein. Sollten. Sie sollten jetzt wirklich da sein. Ich stehe auf und laufe um die Sofas der Lobby rum. Nichts zu sehen von den beiden. Ich will kein Wasser mehr trinken. Auch das hübsche Hotel-Klo erfreut mich nicht mehr. Wo sind sie bloß?

 

Eine Schar Touristen sammelt sich in der Halle. Sie haben ihr Gepäck und drängeln zum Ausgang. Das ist zwar nicht unser Transport, aber so langsam wird es höchste Zeit. Oder, genauer gesagt, so langsam war es allerhöchste Zeit. Ich gehe zur Rezeption und frage, ob ich unsere Koffer haben kann. Die nette Dame erklärt mir, das ginge gerade nicht, der Raum sei abgeschlossen und der Herr mit dem Schlüssel nicht da. Er komme aber bestimmt gleich.

 

Ich latsche wieder zu den Sofas von der Lobby. Die Zeit ist eigentlich längst rum. Da - endlich tauchen Anne und Eva auf. Meine leicht vorwurfsvollen Bemerkungen - von wegen zu lange am Strand - werden natürlich locker wie immer gekontert. Und da ist doch tatsächlich auch schon unser Busfahrer. Ein Kleinbus, wie wir ihn während unserer Rundreise hatten; nur etwas neuer und eleganter. Anne und ich laufen los und suchen unsere Koffer. Sie müssen dahinten sein. Wir finden den Notausgang des Hotels und andere interessante Einrichtungen hinter der Lobby, aber nicht den Raum mit unseren Koffern, jedenfalls nicht den, in dem unsere Koffer stehen; ein anderes Zimmer mit Koffern finden wir schon. Da sind unsere aber nicht drin. Wir wenden uns wieder an das Mädchen an der Rezeption, das anfängt zu telefonieren. Der Busfahrer hat die anderen, die anscheinend mit uns fahren wollen, schon verladen. Ich weiß nicht, ob er wartet. Die anderen wollen ja auch weg und haben einen Zeitplan einzuhalten. Das Mädchen telefoniert nochmal. Schließlich tauchen dieselben Typen auf, die uns schon einmal mit unserem Gepäck ewig warten ließen. Wieder schweißüberströmt und ostentativ überlastet. Dieses Hotel hat bei der Ankunft und der Abfahrt eine scheußliche Organisation. Dabei sind das beidemal die Visitenkarten. Das bleibt in der Erinnerung. Den Luxuskasten, der so etwas nicht im Griff hat, kannst Du vergessen. Die beiden bekommen wieder kein Trinkgeld. Rache von den beiden war’s bestimmt nicht. Dazu erschienen sie mir nicht gewieft genug.

 

Jedenfalls sitzen wir endlich mit unseren Koffern in dem Bus und ich bin gottfroh. Mit uns fährt unter anderem ein französisches Ehepaar, das sich während der Fahrt auf ihrer Digitalkamera die Urlaubsfotos anguckt. So weit ich sehen kann, sind es immer wieder Bilder von ihr, wie sie in verschiedenen Kleidern (meist roten) vor etwas steht. Vor einer Treppe, einem Eingang oder einem Ausgang. Interessant. Ansonsten hat der Bus außer uns nur noch drei Fahrgäste. Wie erwähnt, der 11. September hat sich eben auch in Kuba ausgewirkt.

 

Die Fahrt zum Flughafen wird recht lang. Das liegt vielleicht daran, dass wir jetzt doch das Ende der Reise vor Augen und keine mehr für die Landschaft Kubas haben. Die im Übrigen auf dieser Strecke auch nicht besonders umwerfend ist. Abgesehen von den pittoresken Häuschen. Jedenfalls, es zieht sich und zieht sich. Immer dann, wenn ich denke, jetzt biegt er um die nächste Kurve und da ist dann der Flughafen, taucht dort bloß das nächste, etwas runtergekommene Fabrikgebäude auf. So langsam habe ich meine Zweifel, ob er wirklich den kürzesten Weg genommen hat.

 

Aber dann ist es doch so weit. Der  Bus fährt zwar anscheinend nicht in der Richtung, die nach der Beschilderung angezeigt ist. Aber wer kümmert sich schon darum, wenn’s letztlich klappt. Der Airport von Havanna ist da.

 

Und jetzt gibt es das übliche Spiel mit der Bürokratie. Wir brauchen noch irgendeine Bescheinigung. Es ist die Quittung für die bezahlte Flughafensteuer oder so ähnlich. Anne weiß Bescheid. Wir wandern also in ihrem Schlepptau von Schalter zu Schalter, warten hier ein bisschen, schauen dort ein wenig zu und irgendwann will sie 75 Dollar von mir. Gut, dass ich noch soviel Geld bei mir habe; irgendwie habe ich es mir gedacht.

 

Mit der glücklich erstandenen Bescheinigung geht’s dann endlich zur Ausreiseabfertigung. Wir müssen wieder einzeln anstehen bis wir vor den Offizier in seinem Kaphäuschen treten dürfen. Ich erinnere mich an die Situation unserer Einreise, dass dabei die Körperhaltung und alles mit Spiegeln und Video-Kameras genau beobachtet und überwacht werden. Der Kalfaktor in meinem Häuschen ist aber nett. Er schaut sich meinen Pass an und fragt mich, wie ich heiße. Diese Frage kann ich mit Leichtigkeit beantworten. Er fragt dann noch, ob es mir in Kuba gefallen hat. Inzwischen kann ich mich ja ein bisschen ausdrücken. Also lobe ich Land und Leute. Vor allem die Leute seien alle so freundlich. Was ja wirklich stimmt. Er lächelt, winkt mich durch und wünscht mir noch eine gute Reise.       

 

Jetzt sind wir wieder in dem Teil des Flughafens, bei dem man glauben könnte, schon in Europa zu sein. Oder in den USA. Schicke Geschäfte mit allem möglichen Krimskrams. Die Verkäufer sprechen einen nicht an. Sie stehen gelangweilt bis distinguiert herum und beachten uns gar nicht. So ist’s recht. Schon halb zu Hause.

 

Wir gönnen uns noch einen Kaffee und ich ein Sandwich. Der Verkäufer, ein etwas älterer, dicklicher Herr, findet meine Kamera ganz toll. Er will durchgucken. Ich gebe sie ihm und er ruft gleich einem Freund an einer anderen Bar, er soll mal herschauen. Ich bedeute ihm, er soll doch mal knipsen (damit er die tolle automatische Scharfeinstellung und den Motorantrieb erlebt). Aber er traut sich nicht. Wahrscheinlich will er nichts von dem teuren Film verschwenden. Wenn der wüsste ..

 

Wir lassen uns also noch ein bisschen nieder. Lange warten müssen wir nicht mehr, bald wird unser Flug aufgerufen.

 

Im Flieger habe ich dann ein Erlebnis, das noch lange an mir nagen wird. Unsere Mitpassagiere sind diesmal keine Spanier, sondern - aus mir unerklärlichen Gründen, was die hier wollten - Franzosen. Der Flieger ist nicht ausgebucht. Genau neben uns ist noch eine freie Dreierbank! Ich lasse mich darauf nieder in der Hoffnung, dass sie auch frei bleibt. Ganz sicher ist man ja nie. Um unseren eventuellen Besitzanspruch zu gewährleisten, lege ich mein Kissen und meine Decken sowie die Tüte mit den Iberia-Socken auf die Sitzreihe. Einen Augenblick bin ich abgelenkt. Nur einen winzigen Augenblick. Und schon hat sich so eine dämliche Französin auf der schönen Sitzreihe breit gemacht. Dabei ist die noch kleiner als ich! Und älter! Da hat sie sich einfach quer hingelegt. Und hat meine Kissen (und ihr „eigenes“) unter ihrem Schädel. Und hat sich auch noch mit meiner Decke (und ihrer „eigenen“) richtig gemütlich zugedeckt. Und gleich die Augen geschlossen. Wahrscheinlich denkt sie, ältere Französinnen mit geschlossenen Augen werden von mir nicht ermordet. Leider hat sie Recht.   

 

Ich krieche also auf meinen Sitzplatz und nehme mir das letzte Buch vor, das mir Richard mit gegeben hat. Es ist ein nettes Buch. Es handelt von einem Typ in Deutschland aus den 70er Jahren, der in der Vergangenheit den Sinn und Zweck seines Seins in der Gegenwart sucht. Und dabei einige frühere Freundinnen abwandert. Es ist gut geschrieben. Fast kann ich ihn verstehen. Wer wuhlt nicht gerne manchmal in der ach so süßen Vergangenheit. Anne und Eva schlafen. Mir gelingt das nicht. Auch dann nicht, als das Licht gelöscht wird, um wieder einen dämlichen Spielfilm zeigen zu können. Schade, dass der Flieger nicht mit Spaniern besetzt war. Die waren auf dem Hinflug so unterhaltsam und lustig. Aber diese Gruppe ist schlicht öde und langweilig. Schließlich gibt’s noch etwas zu essen und endlich erreichen wir Madrid. Die Französin hat offenbar gut geschlafen.

 

Wir sind wieder in Europa. Keine ausgedehnten persönlichen Kontrollen bei der Einreise. Ich bin jetzt so ungefähr 24 Stunden wach und fühle mich entsprechend. Dann erfahren wir, dass unser Flug nach Frankfurt noch einige Zeit auf sich warten lassen wird. Unser Flieger war zu langsam, deshalb ist der Anschlussflieger schon weg. Wenn Du auf einem Flughafen warten musst und müde bist, empfehle ich Dir die Dreierbänke. Die Zweierbänke sind zu klein und zu kurz. Aber die Dreierbänke sind besser. Ich haue mich also hin und komme mir vor wie ein Penner. Richtiger Schlaf ist so allerdings auch nicht möglich. Dazu habe ich zu wenig Übung mit Bänken. Es muss aber gut ausgesehen haben. Eva und Anne sind dagegen besser ausgeruht. Sie haben beim Flug ihre Reisetabletten genommen und konnten dabei ganz gut schlafen. Ich dämmere also ein bisschen vor mich hin.

 

Schließlich ist es dann endlich soweit. Nach gut vier Stunden Wartezeit können wir endlich weiter. Vom Flug bekomme ich schon gar nicht mehr viel mit. Langsam haben wir wirklich Routine. Vergessen die Aufregung bei unseren ersten Flügen. Wir wundern uns höchstens, wieso der Pilot solange auf den Rollfeldern des Madrider Flugplatzes rumfährt, ohne zu starten. Wir bekommen wieder irgendwas zu essen; langsam ist für mich der Flugzeugfraß auch schon Routine. Ganz anders als damals, als wir das erste Mal nach New York geflogen sind. Da war die heiße Kartoffel in

Alufolie mit einem Steak für mich wirklich lecker. Aber nach dem Essen in Kuba .... Ich erinnere mich nicht einmal mehr, was es denn überhaupt zu essen gab. Wahrscheinlich ein pappiges Hähnchenbein mit einem pappigen Brötchen und einem pappigen Kuchen als Nachspeise.

 

Wir sind dann wahrscheinlich auch in Frankfurt gelandet. Auch daran erinnere ich mich nicht mehr so recht. Jetzt bin ich rund 32 Stunden praktisch ununterbrochen wach. Ich weiß noch, dass Lukas uns abholen wollte. Er war um 22:30 Uhr am Flughafen und hat dann mitbekommen, dass wir etwa vier bis sechs Stunden später ankommen werden. Da ist er vernünftigerweise wieder nach Hause. War eh unheimlich nett von ihm, uns abholen zu wollen.

 

Es gibt ja Züge. Darin sitzen wir später; wie wir da reingekommen sind, weiß ich auch nicht mehr so recht. Anne und Eva sind guter Dinge und haben ein unglaubliches Durchhaltevermögen. Ich bin auch guter Dinge, weil wir vor ewigen Zeiten unsere Einreisepapiere für Kuba bekommen haben.

 

Nach ein paar Minuten (oder Momenten?) sitzen wir in einem Taxi. Es fährt uns nach Edingen. Der Fahrer hört klassische Musik. Die E-Klasse von Mercedes ist erstaunlich laufruhig. Eva findet, dass es ein richtiges Edel-Auto ist. Dabei ist’s doch bloß die E-Klasse.

 

Irgendwann sind wir auf dem Dachboden in unserem Schlafzimmer. Unser Edingen mit unserem Garten und unserem Haus ist im Sommer ein bisschen wie Kuba. So wollen wir es uns erhalten.

 

Was noch? Bei der Abiturfeier von Lukas halte ich mit Wolfgang Müller eine der beiden Abschiedsreden. Alle finden meine Rede sehr rührend. Sie endet mit „vamos“; gehen wir!

 

Vielleicht eines Tages noch einmal in Kuba.

 

Ach was; bestimmt!

 

 

Copyright Thomas Hoffmann

powered by Beepworld