Mein letztes Wochenende habe ich mal etwas anders verbracht. Da Lili mich besucht hatte und als Reisende die „Lonley planet“ Tipps besser kennt als ich, folgte ich ihrem Vorschlag, zum nordöstlichsten Zipfel Argentiniens zu reisen.
Donnerstagabend machten wir uns also auf zum Busbahnhof; ein modernes Gebäude, das uns mit seinen endlos zu sein scheinende Fluren voller Schalter von Busunternehmen beeindruckt hat. Man konnte an einem Ende des Ganges wirklich kein Ende sehen! Hier gibt es eine viel ausgeprägtere Busfahrkultur als in Deutschland. Das liegt wohl auch daran, dass die Busse hier sehr komfortabel und bequem sind, wie wir auf unserer 20 stündigen Fahrt dann herausfinden durften.
Es gibt verschiedene Klassen. Die billigsten Busse sind wohl so wie bei uns und für lange Reisen sicher nicht zu empfehlen. Die zweite Klasse ist „semi cama“ halb-bett, die haben wir genommen. Die Sitze sind sehr breit und man kann sie fast bis zur Waagerechten runterstel-len. Die 20stuendige Fahr hat uns 114 Pesos gekostet, sprich ca. 30€. Wie im Flugzeug wird einem einmal warmes Essen und einmal ein Sandwich o.ae. serviert und natürlich Cafe und Getränke. Den Sekt umsonst bekommt man dann bei der etwas besseren Klasse (coche cama) und wie das noch bei der Luxusklasse überboten wird, kann ich mir gar nicht vorstellen. Wird es aber sicherlich!
Die Fahrt allein war schon sehr interessant. Ich konnte viel von dem Landleben sehen. Meis-tens ging es durch den Wald, der um so nördlicher wir kamen, immer mehr nach Dschungel aussah. Orangen und Mangobaume wechselten sich ab. Aber auch viele Wiesen, die sich über sanfte Hügel erstreckten. Ab und zu grasten Rinder und immer wieder (aber natürlich lang nicht so oft wie in Deutschaland) kamen wir an kleinen Dörfern vorbei, die besonders interessant waren. Teilweise bestanden sie nur aus ein paar unkoordiniert zusammengewür-felten Wellblechhütten, die eine kleine Gruppe von Häusern bildeten. Vor den Hütten wiegte sich die aufgehängte Wäsche im Wind, Kinder spielten miteinander auf der roten Erde... das Leben scheint an solchen Orten so gut wie nur draußen statt zu finden.
Zwei Bilder sind mir besonders in Erinnerung geblieben: Einmal zwei Schulkinder in ihren dünnen weißen Mänteln (die Schuluniform für die ärmeren Schulen), die auf einem kaum erkennbaren kleinen Pfad durch die endlos scheinenden, Papasgras bewachsenen Wiesen ihre Bücher trugen. Man fragt sich, wie lange sie jeden Morgen laufen müssen, um zu ihrer Schule zu kommen.
Und das andere war ein kleiner Junge, der, nur mit einer zerrissenen Hose bekleidet, über die rote Erde rannte und mit ihm ein hellbrauner Hund. Er rannte, als wäre er nicht auf dem Weg irgendwo hin, er rannte, als wäre allein das Rennen sein Spiel.
Die langen Perioden von nur Wald, Wiesen und die kleinen Hütten hatten mich stark an meine damalige Zugfahrt von Moskau nach Saratov erinnert, nur das es diesmal die Land-schaft der Tropen und die Bewohner Nordargentiniens waren.
Nach dem wir die ganze Nacht und den halben Tag gefahren waren, kamen wir in Puerto Iguazu an. Es regnete in Strömen, so dass wie keine Lust hatten, uns lange ein Hostel zu su-chen und das billigste, im Reisführer empfohlene, nahmen. Wie wir aber später bemerkten, war das verhältnismäßig ganz schön teuer; ca. 9$ pro Nacht. Das Hostel war an sich ganz nett. Großer Pool umsäumt von Palmen, eine große Halle mir Sofas, Sesseln, Billard, Tisch-fussball, Tischtennis, Schach und Internet... sehr touristisch halt.
Am Samstag sind Lili und ich dann in den Nationalpark von Iguazu, um uns die Wasserfälle anzuschauen. Der Park ist voller exotischer Tiere: Tucans, Tapire, Krokodile, Papageien, Puma, Schildkröten, Jaguare, Schlangen, Nasenbären, Affen, Wildkatzen, Geier und unzähl-bar viele schöne und große Schmetterlinge! Bis auf die Raubtiere und das Tapir hab ich auch alle Tiere gesehen! Und noch wilde Meerschweinchen (sehr gefährlich!). Auch die Flora war sehr beeindruckend: riesige Bambushaine, Eukalyptus, Orangen-, Zitronen-, Mango-, Papaya und Guavenbäume, neben leuchtenden Orchideen und natürlich immer wieder Palmen.
Aber die Hauptattraktion waren ohne Frage die Wasserfälle! Man konnte immer wieder ver-schiedene Pfade gehen, die zu einem anderen Wasserfall führten. Auch mit einem kleinen Boot sind wir gefahren, um auf eine Insel zu gelangen, die einem noch eine andere Sicht auf den größten Wasserfall („Teufelsrachen“) bot. Am besten war die Sicht auf der Höhe des Flusses: der Fluss ist sehr breit und stürzt dann aus 70 m Höhe in die hufeisenförmige Schlucht. Die Front der Fälle, von zahllosen Inseln unterbrochen, misst 2,7 km. Die gewalti-gen Gischtmassen erlaubten uns nicht, den Grund des Flusses am Fuß des Wasserfalls zu sehen und ließen bei Sonnenschein kleine Regenbögen entstehen. Außerdem machten sie uns zusätzlich nass. Zusätzlich, weil es eigentlich fast die ganze Zeit geregnet hatte, was aber sehr angenehm war, denn ohne Regen flirrt die Luft nur so von Hitze.
Die schwüle Hitze, die vielen Gesaenge der tropischen Vögel und die dichten, saftig-grünen Pflanzen erweckten unweigerlich bei mir das Bild eines überdimensional großen Affenhau-ses. Es gibt auch einen kleinen Zug, der einem ein Stück durch den Dschungel mitnimmt. Aus Lautsprechern plätscherten Aufzugmelodien mit künstlichen Vogelgezwitscher (sehr unnötig) die einen nicht vergessen lassen, dass man sich auf einer Touristenexkursion befin-det. Da kam mir der kleine Plausch mit den Argentiniern aus Mendoza, die uns gegenüber saßen, sehr gelegen und ich schlurfte auch dankbar mit ihnen aus dem Matebächer.
Nachdem wir also stundenlang alle möglichen Wege abgelaufen waren, fuhren wir durch-nässt und erschöpft zurück zum Hostel.
Am nächsten Tag fuhren wir nach Brasilien! Mit einem Stempel mehr im Pass kamen wir dann im Nationalpark von Brasilien an. Dort gab es Doppeldeckerbusse die einen durch den Dschungel (der hier noch tropischer zu sein schien) zu den Wegen fuhr. Hier konnte man nicht so viel laufen, es gab nur zwei unterschiedliche Wege, aber man bekommt eine besse-ren Überblick über die Dimension der Wasserfälle, weil man die komplette Kette der Was-serfälle überschauen kann.
Danach fuhren wir zu dem kleinen Ort Foz de Iguacu, um noch mehr von Brasilien zu sehen. Hier liefen wir ein bisschen herum, aßen ein Sandwich in einem etwas größeren Kiosk und ich kaufte mir eine Flasche Guaraná. Dann begaben wir uns wieder zum Busbahnhof und suchten die Bushaltestelle für den Bus nach Argentinien. Wir wurden auf eine kleine Stelle hinter dem Bahnhof verwiesen. Nur ein schräghängendes Schild mit der Aufschrift „Argen-tinien“ stellte die Bushaltestelle dar.
Ein Auto hatte die Heckklappe geöffnet und beschallte alle Wartenden mit einheimischer Popmusik. Es war nett, es unterstützte das Flair der brasilianische Stimmung. Ein junger Mann, der auch wartete, sang leise die Liebeslieder mit und schaute dabei treuherzig seine Freundin an.
Angeblich sollte der Bus alle 40 min kommen. Wir warteten aber mindestens 1 1/2 Stunden.
Deshalb bekamen wir auch nicht, wie eigentlich geplant, in Puerto Igauzu einen Bus zurück nach Buenos Aires. Wir waren also gezwungen noch eine Nacht zu bleiben. Diesmal wollten wir uns aber was billigeres suchen und klapperten die Hostels im Dorf ab. Wir nahmen das billigste: ca. 4€ pro Person für ein Einzelzimmer mit Bad und Doppelbett. Hier war es total anders als in unserem Hostel zuvor. Viel originaler. Es kam mir mehr wie ein Familienhaus mit ein paar zusätzlichen Zimmern vor. Alles war natürlich schmuddeliger und dunkler. Wie kochten uns Nudeln in der kleinen Küche, die mehr einer Rumpelkammer mit Gasofen ähnelte. Wie setzten uns in das „Esszimmer“ und aßen gemütlich unsere Nudeln. Der Venti-lator summte im Takt mit den Fliegen, von denen mehrer ihren Tod in meinem Nudeln such-ten. Die beiden Hunde Daisy und Chuan (o. ä.) glotzten uns bettelnd von der Seite an und Pedro, der Enkel des Hausbesitzers, gerade Drei geworden, rannte im Zimmer rum. Seine Mutter kam und wir boten ihr an, Pedro Nudeln von uns zu geben. Sie nahm es auch gleich an, was ich irgendwie richtig nett fand. Pedro versuchte immer wieder uns erfolglos nach-zumachen und die Nudeln auf seinen Löffel zu drehen. Später kam der Hausbesitzer und sein Neffe. Er bot uns Wein an und nachdem er bemerkte, dass der Wein mir schmeckte, schickte er gleich seinen Neffen los noch eine Flasche zu kaufen. Wie saßen lange am Tisch und redeten, tranken Wein mit Sprudel und aßen Brot. Der Neffe saß den ganzen Abend vor dem alten Computer um uns seine verschiedene Musik zu präsentieren. Der Hausbesitzer, so um die 60, lebte schon sein ganzes Leben in seinem Dorf und war noch nie wirklich verreist, im Gegensatz zu seinem Neffen, der uns stolz berichtete, dass er schon mal im Süden Argentiniens war.
Am nächsten Morgen nahmen wir den Bus heim und kamen Dienstagmorgen an, ich hatte gerade noch Zeit etwas zu essen und zu duschen, bevor ich dann zu meinem Kurs ging und Lili sich schlafen legte.