Am 16.06.2007 um 18:09 schrieb Eva Hoffmann:
Hallo lieber PApa!
wie gehts euch denn? seit ihr noch in china???
mir gehts gut, bin am rumreisen. gerade bin ich in einem kleinen dorf mitten in der wueste im norden chiles..
also, melde dich doch mal wieder! hab ja schon ewig nichts mehr von dir gehört!
LG
Eva
Hallo liebe Eva,
das hört sich ja sehr interessant an: eine Wüste in Chile (?!). Ich habe Dir bis jetzt nicht geschrieben, weil ich dachte, dass Du sowieso nicht erreichbar bist. Aber wenn es sogar in der Wüste von Chile Internet-Verbindungen gibt, ist das natürlich etwas anderes.
Richtig, wir sind seit einer Woche aus China zurück. Als Beleg für unsere Reise habe ich Dir vier typische Bilder beigefügt: das eine zeigt uns auf einer unserer Fahrradtouren; das ande-re ist auf einem Markt aufgenommen worden (es gab wirklich (fast) alles, rohes Fleisch, le-bende Kücken und lebende Fische usw.), das dritte während unserer Tour in Guillin und das letzte entstand auf den Bergen, die wegen ihrer Reisfelder berühmt sind.
Ich habe in den zwei Wochen ca. 900 Bilder aufgenommen; 700 davon wurden als gut ge-nug befunden, um aufbewahrt zu werden; Du kannst schon daran ermessen, wie interessant ich die Reise fand.
Man kann gar nicht alles schreiben, sonst würden ich vielleicht 300 Seiten füllen. Nur soviel: Peking habe ich als sehr vielseitig erlebt. Unser Hotel, das uns Richard besorgt hat, war in einem Viertel mit vielen kleinen Gassen. Die Leute leben dort auf der Strasse wie in Südita-lien. Man wäscht sich im Freien die Haare, putzt sich die Zähne usw. Die Häuschen haben keine eigenen Klos, wenn man ein Bedürfnis verspürt, geht man ein paar Häuser weiter zum Gemeinschaftsklo. Es gibt viele kleine Läden und Handwerksbetriebe (Fahrradwerkstätten, Wäschereien, Fensterbauer, Friseure: die erkannt man an der lauten Musik), die in Räumen untergebracht sind so wie unsere Garage. Und dann entstehen an anderen Stellen Pekings nicht nur einzelne Hochhäuser, sondern ganze Hochhauskomplexe. Richard arbeitet auch in so einem Prachtbau aus Stahl, Glas und Beton. Der Aufzug besteht innen aus Spiegeln und edlem Wurzelholz. Es rutscht einem das Herz in die Hose, wenn man vor so einem Gebäude steht und hochschaut. Dann gibt es in Peking wieder Einkaufsviertel, die könnten in jeder beliebigen Großstadt des Westens liegen: da findest Du dann Läden und Produkte, die wären sogar zu fein und zu edel für Mannheim (z.B. Vacheron Constantin Uhrenladen). Nicht zu vergessen zum Beispiel Einkaufszentren wie den "Silk-Market", in dem Du die ganzen ge-fälschten Markenwaren bekommst (ja, auch ich habe in China vier T-Shirts, ein Sporthemd, ein Seidenhemd, ein Jackett, zwei Krawatten, ein Paar Schuhe und eine Uhr gekauft). Schließlich ist Peking aber auch die Stadt der großen Tempel und hat schöne, große Parks.
Am Besten hätte Dir vielleicht das Künstlerviertel gefallen. In einem ehemaligen Industreige-lände haben sich unzählige Galerien eingerichtet. Neben kleinen Lädchen, die Kunst für den Hausgebrauch verkaufen (ich habe mir dort zum Beispiel ein schönes "altes" Mao-Poster gekauft, natürlich gefälscht), gibt es auch sehr reiche und große Galerien. Als wir gerade Kaffee trinken waren (europäische Preise!), kamen drei schwarze Limousinen vorgefahren. Zwei dienten als Begleitung der S-Klasse mit dem dicken chinesischen Chauffeur. Der ent-stieg eine Langnase mit Zigarre und Maßanzug, die später wandgroße Bilder in einer super-modernen Galerie in der Nähe erwarb. Europäische Künstler haben sich hier auch schon nie-dergelassen. Du könntest hier sicherlich Tage verbringen!
Und natürlich besteht ein ständiges Verkehrschaos in Peking; gegen Nachmittags wird es "dunstig": dann verschwinden die Hochhäuser im Smog! Anne fand die Fahrräder gut, die hinten zwei Räder haben und wie ein kleiner Lastwagen gebaut sind. Sie sagte, das wäre genau das richtige für sie im Alter.
Wir waren auch in Guillin. Das ist etwa drei Flugstunden im Südwesten. Ich muss sagen: ein kleines Paradies auf Erden! Das Gebiet liegt etwa auf einem Breitengrad mit Mittelafrika. Es ist feucht-warm, tropisch. Berühmt ist die Gegend wegen seiner Berge, die aussehen, als habe ein Riese eine ganze Wagenladung grüner Zipfelmützen aufgestellt. Die außergewöhn-lichen Formen kommen von dem Kalkluffgestein. Dazwischen fließt der Fluss Li mit seinen Seitenarmen. Zusammen mit den grünen Reisfeldern und den kleinen Dörfern ergibt das Ganze eine äußerst reizvolle, pittoreske Landschaft. Wir waren Fahrradfahren, Schwimmen in den Flüssen und Bootfahren (u.a. Rafting auf Bambusflössen). Da kannst Dir sicher vor-stellen, wie wir das Alles genossen haben; die frische Luft, die tolle Landschaft und das her-vorragende Essen.
Richard und Liisi geht es gut. Sie haben eine sehr nette Wohnung in Peking und leben materiell wie die Maden im Speck. Vieles kostet nur ein Zehntel von dem, was wir in Deutschland bezahlen müssten. Ich konnte es manchmal gar nicht glauben, wenn wir zum Beispiel für ein Mittagessen im Lokal zu Viert mit Getränken nur 4,5 EURO bezahlt haben. Gemüse, Obst, Reis, alle in China gängigen Waren sind für unsere Verhältnisse unglaublich billig; sogar noch preiswerter als Buenos Aires! Du kannst Dir deshalb sicher vorstellen, dass die beiden es sich gut gehen lassen können, bei Richards Einkommen (er wird ja nach westlichen Maßstäben bezahlt). Richard ist sehr engagiert bei seiner Arbeit; auch in den vier Tagen Urlaub, die er extra für uns genommen hat, bekam er immer wieder Anrufe oder SMSs auf sein Handy. Er ist für das Unternehmen so wichtig, weil er der Einzige in Peking ist, der die Kontakte zu den Kunden aufbaut, verfestigt und hält. Das heißt, der ganze Apparat (der Juristen, Steuerberater und Betriebswirtschaftler usw.) im Hintergrund ist davon abhängig, dass er als "Frontmann" gute Arbeit leistet. Das erklärt auch, weshalb sie ihn überdurchschnittlich bezahlen. Aber natürlich hat er deshalb auch viel Stress.
Es gibt in Peking - anders als nach Richards Erzählungen offenbar in Shanghai - auch einen guten Zusammenhalt zwischen den Westlern. In einem Stadtteil - bei den Botschaften - gibt es auch europäische Lokale wie ein griechisches Restaurant oder ein italienisches Eiscafé. Dort trifft man sich. Oder auf einem der Ausflüge des "Beijing Culture Club": dort können die Mütter aus Deutschland, Österreich und Holland sich auf einer Bootsfahrt erholen und ausmachen, wer den Obstsalat für die Party heute Abend bringt, während ihre Männer sich den Rücken für BMW krumm machen. Peking hat übrigens auch eine deutsche Schule mit 450 Schülern. Es gibt also auch eine westliche Gemeinschaft und Kultur, bei der man "unter sich" sein kann. Der Westler in China ist nicht einsam.
Was mir am Besten gefallen hat? Ich kann mich nicht recht entscheiden: sicher weniger die Seen in den Parks von Peking, in denen die Fische mit dem Bauch nach oben schwammen. Sehr gut gefallen und beeindruckt haben mich aber die Tempelanlagen; erstaunt war ich darüber, wie die Religion dort (wieder) lebt. Im Tempel des Buddhas vom Dalai Lama waren die Innenhöfe verräuchert von den vielen Räucherstäbchen, die dort von vielen verbrannt wurden. Unvergessen bleibt sicher auch die Landschaft um Guillin. Weniger überraschend aber schon beeindruckend war die Chinesische Mauer.
Was mich überrascht hat? Das war die Freundlichkeit der Chinesen, mit denen wir zu tun hatten. Ich dachte, sie wären irgendwie "strenger". Richard sagte aber, sie mögen die Langnasen. Bei unseren Fahrradfahrten durch die Dörfer kam es immer wieder vor, dass die Mütter ihre Kleinen ans Hoftor brachten. Sie sollten uns dann zuwinken und "Hallo" rufen. Oder "Bye bye". Auch wenn wir mit ihnen kommunizierten (Englisch, Zeichensprache; Richard und Liisi natürlich fließend chinesisch),lachten sie immer und waren freundlich und hilfsbereit. Vielleicht liegt es daran, dass wir ein wenig "das neue Zeitalter" für China repräsentieren als Vertreter der (westlichen) Zukunft. Und so sind wir denjenigen, die das anstreben, vielleicht schon deshalb sympathisch. Vielleicht lag es auch daran, dass wir die Geldsäcke waren. Da kann man was holen. Sei´s drum; wir fanden die freundliche Behandlung angenehm.
Hier ist alles in Ordnung, aber nicht unverändert. Ich habe des Haus in Heilbronn verkauft. Die neuen Käufer sind ein nettes Paar mit einer Tochter. Die Garage bekommt wieder einen SLK. Die Frau erinnerte mich an Ello (auch dunkelhaarig und gepflegt, dabei sehr lieb); deshalb hat´s gepasst. Sie haben für uns den Inhalt der Schränke, die Bücher und die Bilder in Kartons gepackt. Gestern waren wir dort und haben alles abgeholt. Es ist schon merkwürdig, wenn Du in das Haus Deiner Eltern kommst und dort wird schon eifrig umgebaut und es ist Dir Einiges noch sehr vertraut und Einiges schon ganz fremd. Vor allem ging es am Schluss so sang- und klanglos. Ich habe auch einen recht guten Preis erzielt. Nicht so viel, wie ich anfangs erhofft hatte. Aber die Nachfrage bestimmt eben den Preis. Und die war in Heilbronn-Biberach leider gering. Zudem war im Keller Wassereinbruch (eines der Fallrohre vom Bad ist anscheinend undicht geworden), das Garagendach ist (wieder) undicht und andere Schäden traten vermehrt auf. So ist es eben, wenn man nicht ständig vor Ort ist und Geld reinsteckt. Ich denke, so war es die beste Lösung. Wenn Du noch etwas aus Heilbronn haben möchtest, solltest Du Dich schnell melden. Ich denke aber, dass Du keinen Bedarf an den Möbeln hast. Den Inhalt der Schränke und die Bilder haben wir ja jetzt - wohl verwahrt und versorgt durch Anne - bei uns.
So viel für Heute aus Edingen. Ich hoffe, ich konnte Deinen Informationsbedarf ein bisschen stillen. Jetzt bin ich gespannt auf Deine Berichte.
Viele Grüsse
T.