aegypten

Ägypten

Donnerstag, den 04. November 1999

So, jetzt sitze ich auf dem Nil. Also natürlich nicht direkt auf dem Nil, sondern auf dem Schiff auf dem Nil. Vor mir steht auf einem kleinen runden Tisch eine Flasche ägyptischer Weißwein (Preise: 38 Pfund, also rund 19.- DM) und eine Flasche Tafelwasser (Preis: 3,6 Pfund). Ich sitze auf dem sog. Sonnendeck. Von hinten bläst mir kühler Wind aus der Wüste ins Genick.

Die Reise begann gut. Unsere liebe, hübsche Ingrid hat uns heute morgen um 01:40 in ihrem schicken neuen Ledermantel zum Heidelberger Bahnhof gefahren. Anne war einfach wach geblieben (sie kam abends noch auf die Idee, unsere Pflanzen aus dem Garten reinzuholen, um sie vor dem zu erwartenden Frost zu schützen). Ich war bereits um 19:00 ins Bett gegangen (nachdem endlich die ersehnte Heizöllieferung angekommen war). So konnte ich wenigstens etwa 5:30 Stunden schlafen.

Die Fahrt mit dem Zug ging problemlos und preiswert (25.- DM für uns beide mit der Bahncard). Die Sitzbezüge in unserem D-Zug (bräunliche Textur) fand ich unschön, Anne fand sie praktisch und passend; 60er Jahre Stil.

Dann der Frankfurter Flughafen: um diese Zeit (02:30) doch recht leer (jetzt schreit gerade ein Esel; gegenüber auf der anderen Seite des Decks (Steuerbord ?) diskutieren Wessies und Ossies über die Wiedervereinigung; die Ossies sind sehr zufrieden). Wir fanden gleich den richtigen Schalter unserer Fluglinie (Aerolloyd; nach eigenen Angaben die größte Charterlinie Deutschlands) und konnten problemlos „einchecken“. Nach längerer Wartezeit bei McDonald ging´s dann durch endlose Gänge zum Vorraum, in dem wieder gewartet wurde: auf den Flieger.

Für mich mein erster Linienflug (nein, ich schreibe sie jetzt nicht, die Geschichte, wie ich zum ersten Mal um Stuttgart herum in einem Rundflug geflogen bin; nein, nein). Also, ich muss schon sagen: es war schon ein bisschen unheimlich. Plötzlich sollten sich die Passagiere schnell hinsetzen, weil die Starterlaubnis bereits für die nächsten sieben Minuten erteilt war. Draußen war es noch stockdunkel. Im Flugzeug sehr dämmerig. Die Motoren wurden immer lauter. Die Maschine hoppelte auf der Startbahn, als hätten die Reifen Platten. In den Unterlagen der Fluglinie hatte ich kurz vor dem Start auch noch eine Kotztüte entdeckt, was nicht gerade zu meiner Beruhigung beitrug. Außerdem hatte ich die Sorge, dass mir die Ohren schmerzhaft zufallen bei dem Anstieg auf 10.000 Meter - ich habe nämlich eine sehr schmale Eustachsche Röhre. Es ging dann auch teilweise ein wenig zu wie auf der Achterbahn, allerdings doch weit weniger heftig (aber das weiß man halt nicht vorher - oder ?). Anne war schon vor dem Start eingeschlafen und lehnte in den engen Sitzen an mir. Nach einiger Zeit war dann auch der Geisterbahneindruck des Fluges vorüber, es wurde heller und die Passagiere munterer. Und ich hatte eigentlich überhaupt keine Probleme (weil ich auch immer brav aus dem Fenster schaute, wenn das Flugzeug wackelte).

Und dann ging´s los mit der Bordunterhaltung: es ist schon bemerkenswert, was den Charterpassagieren da alles geboten wird: zunächst das Frühstücksangebot (mit heißen Hörnchen), dann Sekt, dann der Verkauf von zollfreien Waren (mit dem Hinweis, dass beim Rückflug schon einiges ausverkauft sein könnte) einschl. Uhren und Kinderspielzeug, zwischendurch Erklärungen zum Flug („links sehen Sie den Ätna“) und die Möglichkeit der Besichtigung des Cockpits (ja, ja, ich hab´s fotografiert) bei herrlich blauem Himmel mit weißen Wolken wie gemalt.

Ich habe (für mich) die Abwechslung noch erhöht, weil ich nicht auf dem Sitz geblieben bin, sondern mich auf dem Gang rumgedrückt habe und z.B. bei den Rauchern saß.

Der Anflug auf Luxor war wirklich gut: zuerst der Anblick der Wüste mit ihren sehr großen Dünen, dann der Nil von oben und dann die Landung mit schnellem Sinkflug. Der Flughafen sieht aus wie ein Provisorium und alles wirkt gleich sehr arabisch. Die Männer teilweise in Djaballahs, sie zerren die Kofferkarren selbst, Uniformierte und Bewaffnete an allen möglichen Ein- und Ausgängen; Schlangen für die Visa, für das Abstempeln der Pässe, usw., usw. Aber alle sprechen deutsch.

Dann die Busfahrt zum Schiff: weniger toll; der Bus brauchte 3 ½ Stunden, um uns abzuliefern, also fast so lange, wie der Flug (4 ½ Stunden). Das lag daran, dass mehrere Stationen (Hotels, andere Schiffe) anzufahren waren und die Organisation dabei wohl nicht von bester Effektivität geprägt war. Es hieß deshalb immer wieder warten, ohne dass die Passagiere wussten, warum.

Aber immerhin erste Eindrücke von Ägypten: die Eselskarren  werden wirklich benutzt ! Eine komplette Familie mit zwei Kindern auf einem Moped ! Der Verkehr so wie im Fernsehen, wenn er im Hintergrund bei der Berichterstattung der Auslandskorrespondenten zu erkennen ist: ständig wird gehupt (hier: eine freundliche Bitte um etwas Beachtung und Aufmerksamkeit) und es geht chaotisch durcheinander und immer schnell, schnell. Die Männer in ihren Djaballahs und die Frauen in schwarzer Kleidung.

Luxor gilt hier wohl als Luxusstadt. Es gibt eine Uferpromenade am Nil, die mit großen Palmen bewachsen ist. Anschließend  Hotels, darunter ein ehemaliger Präsidentenpalast, heute das Hotel „Winter-Palace“.

Dann endlich unser Schiff; „Verdi“. Und die große Stunde der Neckermann (oder besser: „Meckermann“-) Touristen: einem Paar waren während der Busfahrt bei dem ständigen Ein- und Ausladen die Koffer abhanden gekommen. Die Beschwerden waren dementsprechend heftig. Andere waren entsetzt über ihre Zimmer.

Dazu ist zu sagen: die gemeinsamen Aufenthaltsräume des Schiffes waren wirklich ansprechend gestaltet; im Stil der Kolonialzeit; man kommt sich vor, wie im Orient-Express als Schiff. Der Speiseaal mit weiß gestrichenen Stühlen, das Sonnendeck mit Liegen, runden Tischen und Stühlen aus Rattanholz. Die Bar mit Ledersesseln und -sofas.

Die Zimmer zum Übernachten dagegen waren recht klein (ca. 14 qm) und etwas muffig. Dazu sehr kühl, weil die Klimaanlage des Zimmers auf Hochtouren lief und das Fenster nicht zu öffnen war. Es gab dann Gruppen und Grüppchen, die intensiv die „Mängel“ verbal zusammentrugen und sich für die angekündigte abendliche Besprechung mit der „Reiseleitung“ „munitionierten“.

Zunächst aber gab es Mittagessen: es schmeckte nicht nur deswegen toll, weil wir erst um 15:00 Uhr zum Futtern kamen (im Augenblick, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich etwas irritiert, weil unser Schiff in Edfu angekommen ist und wir von Arabern in kleinen Booten ständig aufgefordert werden Kleider zu kaufen: sie werfen die Kleider an Bord und hoffen auf Geld; „hallo, hallo gute Frau; hallo hallo, willst Du nicht, bitte; hallooo; bitte deutsche Frau, okay bitte deutsche Mark; dreißig Mark, bitte, wieviel Du wollen und inzwischen hat der Muezzin wieder angefangen zu singen, da soll man sich konzentrieren können). Also, das Mittagessen war deshalb sehr gut, weil es ein Buffet gab mit verschiedenen Salaten, dazu Reis und Rindfleisch und Gemüse. Salate und Gemüse sehr frisch und mit überraschenden Geschmacksvarianten.

So waren die Gemüter schon etwas besänftigt, als es zur gemeinsamen Besprechung kam. Zumal das Ehepaar auch seine Koffer wieder hatte. Unsere Reiseleitung ist „Moses“; ein Araber, der nach seinen Angaben Ägyptologie und Germanistik studiert hat und sich recht gut ausdrücken konnte. Er war auch rhetorisch sehr geschickt, in dem er zunächst darauf hinwies, dass man gerade in dieser Zeit in der ganzen Gegend kein Zimmer mehr bekommen und froh sein könne, noch eine Übernachtungsgelegenheit gefunden zu haben. Dann stellte er das Reiseprogramm vor und schilderte es wie ein zu erwartendes Erlebnis aus 1001-Nacht. Und dann wies er darauf hin, dass die Besucher ohnehin nahezu die gesamte Zeit auf dem Sonnendeck verbringen würden oder bei den Besichtigungen der wunderbaren, herrlichen, in der Welt einmaligen Kulturschätze Ägyptens, das Beste und Eindruckvollste, was einem widerfahren könne.

Die Kritiker waren damit „im Griff“, zumal das Abendessen bereits in Aussicht gestellt wurde und es gab nur eine Frage: weshalb das Klopapier nicht ins Klo geworfen werden darf.

Also gab es auch bald das versprochene Abendessen: Scallopine mit Nudeln und wieder viele verschiedene Salate und Gemüse. Und das eingangs beschrieben „Abendritual“.

Freitag, den 05. November 1999

Der Tag begann mit einem Paukenschlag: der Besichtigung des Tempels von Karnak.

Aber zunächst: 6:40 Aufstehen, Duschen dann ab 7:00 Uhr Frühstück (Buffet einschl. Rühreier und Pfannkuchen und beliebig viel Kaffee oder Tee). Dann die Fahrt mit einem kleinen Bus nach Luxor zum Tempel (ca. 20 Minuten).

Der Tempel selbst lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Zum Beispiel: ein Teil des Tempels, an dem über einen Zeitraum von 2000 Jahren gebaut wurde, besteht aus der „Säulenhalle“: 134 Säulen, jede 15 m hoch mit einem Gewicht von 150 Tonnen zu einem einheitlichen Raum angeordnet, sie sind nicht (mehr) überdacht, der Raumeindruck ist gewaltig ( ich finde, in so einem „Gotteshaus“ kann man sich viel wohler fühlen, als in unseren Kirchen; die Tempel sind nicht „depressiv“ angelegt mit Leidenden und Märtyrern; die Darstellungen zeigen freundliche Pharonen mit ihren barbrüstigen Gattinnen (bei Ramses II.), die in Verbindung mit Göttern sind; niemand erleidet Schmerzen); der Obelisk der Hatschepsut, der von ihrem Sohn Thutmosis III. eingemauert wurde, weil sie in einer Inschrift behauptet, er sei in sieben Monaten errichtet worden („reguläre“ Bauzeit: 20 Jahre, da ein Obelisk aus einem Stück Granit bestand, ca. 60 Tonnen wog, aus einer Entfernung von ca. 200 km auf Papyrusflößen transportiert und dann noch aufgestellt werden musste); die „Festhalle“ mit 20 „Zeltstangensäulen“ (sollte an die erfolgreichen Schlachten des Pharao erinnern, nicht an dessen Campingplatz-Erlebnisse), der Blumengarten, dessen steinernes Fußbodenblau so natürlich war, dass Herodot seine Kleidung hochhielt, weil er dachte, er tritt ins Wasser und natürlich die Widdersphinxallee.

Anschließend Besichtigung des Tempels von Luxor. Er ist kleiner als Karnak; steht aber mit diesem in gedanklicher Verbindung. Ramses II. hat auch hier eine Sphinx-allee angelegt, die in die Richtung des Tempels von Karnak weist. Beide Tempel, die etwa 3 km von einander entfernt sind, wurden zu gemeinsamen Feiern mit Prozessionen benutzt. Der Pharao selbst lebte in einem Palast aus Lehmziegeln,         der längst verfallen ist (das Leben ist ja vergänglich) und besuchte den Tempel über eine Brücke, die ein Fenster hatte, von dem aus er und die Pharaonin das Volk grüßen konnte, das zu den Zeremonien gekommen war. Der Pharao ging jeden Tag in den Tempel, um den Göttern Opfergaben (Brot, Gemüse und Fleisch) zu bringen und kultische Handlungen vorzunehmen. Seine religiöse Aufgabe war es, als menschlicher Gott die gute Verbindung der Menschen zu den anderen Göttern zu halten und zu pflegen. Die Ägypter hatten über 1800 Götter.

Ein Wort zu den Ägyptern: sie sind sehr freundlich und legen nach meinem Wissen aber auch großen Wert darauf, entsprechend behandelt zu werden. Ihr Einfallsreichtum, an das Geld der Touristen zu kommen, ist beträchtlich. Dabei muss man wissen, dass wir wie in einem Kokon gehalten werden. Wir haben kaum direkten Kontakt mit der Bevölkerung. Wir werden in Bussen zu den Sehenswürdigkeiten transportiert oder in Pferdekutschen. Ihre Dörfer und Häuser sehen wir vom Schiff aus. Ihre Läden und Teehäuser und ihr Straßenleben durch das Fenster vom Bus. Wenn wir unsere Transportmittel verlassen, sind wir in geschützten Bereichen, die von Bewaffneten bewacht werden. Dennoch gelingt es ihnen natürlich immer wieder, mit uns in direkten Kontakt zu kommen, um etwas Geld zu verdienen oder um ein Geschenk zu bitten. Manchmal lässt sich dieser Kontakt auch kaum vermeiden, etwa wenn der Besucher bei einer Sehenswürdigkeit aus Klo muss: vor dem Toilettenhäuschen steht eine dunkelhäutige Gestalt im blauen Burnus und verkauft einem zwei oder drei Blätter Klopapier, vorher darf man nicht auf die Toilette. Es wird ständig nach Kugelschreibern gefragt. Als wir eine Schleuse nachts passieren, hat der bewaffnete Schleusenwächter nichts Besseres zu tun, als uns zuzurufen und nach Kugelschreibern zu fragen. Anne hat ihm einen runtergeworfen. Als wir abends einen kleinen Spaziergang in Esna entlang des Flusses unternehmen, werden wir ständig bedrängt, man möge doch in den Laden kommen; „alles gratis, nur gucken, nur zwei Mark“, sie rennen auf uns zu, verstellen uns den Weg, „wie heißt Du“, „komm gucken“, Ein Ägypter erzählt uns, er habe zwei Frauen, acht Kinder und zwei Bazars; wir sollten wiederkommen, wir hätten es jetzt versprochen und er bezeichnet Anne als Steffie Graf. Eine Pferdekutsche fährt ständig neben uns her, darauf ein vielleicht 9 Jahre alter Bub und sein etwa 15 Jahre alter großer Bruder: „nur fünf Pfund, armes Pferd, bitte, bitte“; wir sagen, wir haben kein Geld, aber sie geben nicht  auf. Anne schenkt dem Kleinen Bonbons, das scheint ihn aber wenig zu trösten. Wir gehen aufs Schiff, Anne holt Geld, und gibt dem Großen (der Kleine ist inzwischen weg) fünf Pfund. Damit ist er offenbar zufrieden, nachher ist die Kutsche weg; er hat vielleicht sein Tagessoll erreicht.

Im ersten Hof des Tempels von Luxor wurde im Mittelalter eine Moschee errichtet. Als wir den Tempel betreten, findet darin gerade ein Gottesdienst statt (heute ist für die Moslems Sonntag). Die Säulenhalle ist nicht so groß wie die des Tempels von Karnak, aber immer noch gigantisch. Unser Führer „Moses“ erzählt, dass er vor einigen Jahren bei einer Führung mit einer größeren Gruppe dort bei den Säulen stand, plötzlich ein ungutes Gefühl hatte und den Platz wechselte.  Wenige Minuten später kam ein Erdbeben und der Boden brach an der Stelle ein, an der er mit seiner Gruppe gestanden hatte. An dieser Stelle wurden dann Geschenke für die Pharaonen gefunden;  die Bilder davon (mit ihm) gingen um die ganze Welt. Bemerkenswert an diesem Tempel ist auch Historisches: Alexander der Große ließ sich dort als Pharao abbilden, der dem ägyptischen Gott Horus verbunden ist. Hier hat sich also die römische Besatzungsmacht der vorhandenen Religion untergeordnet (und war damit sehr erfolgreich). Untypisches Besatzerverhalten.

Die anschließende Flussfahrt ist wirklich außergewöhnlich: der Nil mit kleinen Ruderbooten und Fischern, die grünen, vielleicht 100 m bis 300 m Uferstreifen, bewachsen mit Palmen, ab und zu etwas Landwirtschaft mit Eseln und mageren schwarzen Kühen; dahinter die Wüste oder braun-rote Gebirge.

Alles fast unwirklich, die Küste gleitet vorbei und man kann sich eigentlich gar nicht sattsehen an der fremdartigen Landschaft und der Bebauung, die immer einen halbzerfallenen Eindruck macht, die Häuser haben nur Flachdächer (wenn überhaupt - es regnet ja fast nie; das ägyptische Wort für Regen ist: „der Nil, der vom Himmel fällt„). Man kommt sich auf unserem Schiff im Kolonialstil schon ein wenig so vor, als wären wir in eine andere Zeit versetzt. Ich renne von Schiffsseite zu Schiffsseite und fotografiere, was das Zeug hält.

Vorher haben wir uns Sonnenliegen ergattert und uns hingefläzt. Es gibt einen kleinen Pool auf dem Schiff, der aber nur dazu dient, sich abzukühlen. Die Sonnenliegen sind heiß begehrt; die Gäste kommen mit ihren Handtüchern und umkreisen die Liegen, die nicht belegt sind in der Hoffnung, sie seien auch nicht besetzt. Wer seine Liege verläßt, ohne deutliche Zeichen seines Besitzanspruches darauf zu hinterlassen, dem wird sie genommen.

Beim Sonnenuntergang verknipse ich schon wieder einen halben Film. Das Abendessen (Buffet mit vielen Salaten und Fleisch mit Beilagen) ist sehr gut. 





Samstag, den 06. November 1999

Heute morgen haben wir den Tempel von Edfu besucht, der dem Gott Horus geweiht ist. Horus ist der Sohn von Isis und Osiris. Isis wird gelegentlich als Mutter dargestellt, die ihren Sohn Horus auf dem Schoß hat und stillt (Vorbild für Mutter Maria). Osiris wurde von seinem Bruder Seth erschlagen (Kain und Abel !) und von Osiris mit Hilfe von Annubis wieder zum Leben erweckt (Wiederauferstehung !). Erst danach haben sie Horus erzeugt (ein hierfür besonders wichtiges Körperteil, das nach der Zerstückelung durch Seth fehlte, wurde nach einer Lesart aus dem Schlamm des Nil hergestellt (Gott erschuf Adam aus Lehm; Amun, der Götter der Götter, spielt hier keine Rolle; Amen).

Horus wird als Falke dargestellt. Sein steinernes Abbild am Eingang des Tempels von Edfu findet sich in jedem Ägyptenbuch. Der Tempel selbst stammt aus der ptolomäischen Zeit ( ja, ich hab´s gewusst, als unser Führer uns abgefragt hat !). Wir wurden mit Pferdekutschen hingebracht. Wir sollten kein Bakschisch geben, der zahnlose alte Fahrer hat dennoch einen Dollar von mir bekommen.

Der Tempel ist deshalb bemerkenswert, weil er noch überdacht ist. Das heißt, die riesigen Säulenhallen tragen noch Steinblöcke. Der Tempel hat einen Mittelteil, einen Rundgang, in dem Szenen mit „weniger wichtigen“ Göttern dargestellt sind und am hinteren Ende das Heiligste (wer vergleicht dies mit der Bauform unsere Kir-
chen ?), das nur der Pharao betreten durfte. Darin war die Barke aufgestellt, mit der Osiris die Unterwelt befährt.

Eines der Bilderbücher in den Rundgängen zeigt, wie Hathor zum Leben wieder erweckt wird: Osiris will Seth mit einem Schwert erschlagen. Seine Schwester Isis geht dazwischen, er trifft sie und schlägt ihr den Kopf ab. Eine Kuh ist, durch das Geschrei neugierig geworden, hinzugelaufen. Ihr wird der Kopf abgetrennt und auf den Leib der Isis aufgesetzt („dumme Kuh“). So wird Isis wiederbelebt. Seth wird in ein Schwein verwandelt und läuft davon („blödes Schwein“). Aufgrund dieser Sage geht man im Orient davon aus, dass im Schwein der Teufel steckt (und isst es vielleicht deshalb nicht).

Apropos Darstellungen: eine der wichtigsten, die sich immer wieder wiederholt, ist Folgende: der Gestorbene kommt zu Osiris, dem Herrscher der Unterwelt. Dort erzählt er Osiris, der auf einem Thron sitzt und nur zuhört, sein Leben. Anubis, der schakalköpfige Gott reißt ihm zuvor das Herz heraus und legt es auf eine Waage mit zwei Waagschalen. Auf der anderen Waagschale liegt eine Feder. Thot, der Gott des Schreibens, führt Protokoll. Wenn sich bei den Erzählungen die Waagschale mit der Feder nach unten neigt, kommt der Verstorbene in den Himmel, wenn nicht, muss er dreißigtausend Jahre in einer Zwischenwelt warten (oder wird von einem Ungeheuer gefressen) - diese Szene erinnert nicht nur an das Jüngste Gericht, sondern auch an die Justizia mit ihren Waagschalen. Bemerkenswert ist auch, dass die Bilder meist eine Dreiheit darstellen, überwiegend Vater, Mutter und Sohn.

In einer Ecke des Tempel ist eine kleine Kammer, in der in Hieroglyphen-Schrift dargestellt ist, wie Farben, aber auch Medizin hergestellt werden. In diesem Zusammenhang die Geschichte vom Aeskulap-Stab der Mediziner: Tatsächlich handelte es sich um eine von einem Arzt zur Pharaonenzeit  entwickelte Nadel mit einer Greifvorrichtung, die in die Adern hineingeschoben wurde, um einen bestimmten Nilwurm aus dem Körper drehend herauszuziehen. Wenn dann die Nadel mit dem Wurm hochgehalten wurde, entsprach das Bild dem, was wir heute als Aeskulap-Stab ansehen. Entsprechend kann auch das „Rp.“ auf unseren Rezepten „ägyptisch“ erklärt werden. In den Mythen der Ägypter wurde dem Gott Horus von Seth das Auge herausgerissen. Wer ein Abbild des Auges des Gottes Horus als Amulett trägt, der ist vor Krankheiten geschützt (diese Amuletts werden heute noch benutzt). In den Darstellungen der Pharaonenzeit ist diese Auge mit einer Träne dargestellt; das Ganze sieht tatsächlich aus wie unser „Rp“. 

Nachmittags Weiterfahrt und Besichtigung des ptolomäisch-römischen Doppeltempels Kom-Ombo. Der Tempel ist unter anderem den Krokodilgott Sobek gewidmet. In einem besonderen Kabinett sind noch drei mumifizierte Krokodile zu besichtigen, die über 2000 Jahre alt sind.

Bemerkenswert ist auch die Darstellung eines „Beichtstuhls“: ein in die Wand graviertes Rechteck, daneben zwei Augen und zwei Ohren, die zusehen und zuhören, darüber die Göttin der Wahrheit, die mit ihren Schwingen den Beichtenden schützt.

Zu diesem Tempel gehört die Geschichte, wie es Isis gelang, Osiris wieder ins Leben zu bringen. Seth hatte ihn getötet und in 19 (oder 64, je nachdem, wieviel ägyptische Provinzen angenommen werden) Teilen über das ganze Land verstreut. Isis verwandelte sich in einen Geier („hol´s der Geier“) und sucht die Teile wieder zusammen. Den Penis findet sie zuerst nicht. Den hat ein Katzenfisch (ein im Nil anscheinend recht häufiger Fisch) verschluckt. Sie verwandelt sich daraufhin auch in einen Katzenfisch und überredet ihren Wasserpartner, das fehlende Körperteil wieder auszuspucken, was dieser auch tut. Dann legt sie die Teile in dem Hof, in dem wir gerade stehen, auf den Boden, um Isis wieder zusammen zu fügen. Aber der Wind bläst die Teile auseinander. Sie erhebt sich, schlägt mit ihren Flügeln, macht mit ihnen auch Wind und die Teile ordnen sich wieder richtig. Aber erneut kommt Wind auf, der Isis zerstreut. Schließlich holt sie Binden und wickelt Isis darin ein. Dann gelingt ihr die Wiederbelebung. Dies ist der Grund, weshalb die Toten in Mumienbinden eingehüllt werden; damit sie der Wind nicht in alle Winde zerstreut.

In dem Tempel ist schließlich im „Allerheiligsten“ auch ein Granitstein, der mystische Kräfte hat. Wer beide Hände auflegt, der wird von allerlei Zipperlein geheilt und bekommt etwas mystische Kraft. Am Tag nach Anne´s Handauflegen war ihr Kopfweh fast völlig weg.


Sonntag, den 07. November 1999

Azwan
Assuan (Azwan) ist bekannt wegen seines trockenen Klimas. Es wird deshalb auch als Heilkurort besucht. Dabei werden rheumatische Beschwerden mit radioaktivem Sand behandelt. Aga Khan - einst der reichste Mann der Welt - hat hier sein Mausoleum; seine Frau, die noch lebt, kommt fast jedes Jahr hierher, um sich behandeln zu lassen.

Morgens fahren wir mit dem Bus zum Azwan-Staudamm. Der Stausee ist 500 km lang und 26 Kilometer breit. Er sichert die zweitwichtigste Einnahmequelle Ägyptens, den Stromexport (die wichtigste: das Erdöl; an dritter Stelle: der Tourismus). Im südlichen Bereich des Sees soll es Krokodile geben. Durch den Bau des Staudammes hat sich das regionale Klima etwas verändert: es kann manchmal regnen. Hierzu erzählt uns unser Führer folgende Geschichte: er hatte vor einigen Jahren eine Besprechung mit Touristen, als besonders dunkle Wolken auftauchten. Er hatte sofort ein ungutes Gefühl, das sich bestätigte: die Wolken öffneten ihre Schleusen und plötzlich waren die Fensterscheiben des Schiffes kaputt - und nicht nur die Fenster am Schiff, auch die Windschutzscheiben der Autos gingen zu Bruch. Die Erklärung: es waren lauter „kleine weiße Steine“ vom Himmel gefallen. Einige der Steine hat er eingesammelt und bewahrt sie noch heute im Gefrierfach seines Kühlschrankes auf.

Die Kinder haben hier eine besonders bemerkenswerte Ferienbeschäftigung: durch den Bau des Staudammes hat die Rattenpopulation erheblich zugenommen. In ihren Ferien erhalten daher die Schulkinder Gelegenheit, Ratten zu fangen. Sie bekommen für jede abgelieferte tote Ratte einen kleinen Obulus und können so ihr Taschengeld aufbessern. Das Rattenfleisch wird z.B. nach China exportiert und dort verspeist.

Der Tempel Philae liegt im See;  wir erreichen ihn mit einem kleinen Motorboot. Er wurde durch den Bau des Staudammes überflutet und mit deutscher (finanzieller) Unterstützung unter Wasser ab- und auf einer höher gelegenen Insel wieder aufgebaut. Er ist u.a. Isis gewidmet. Die Stelle, an welcher der Tempel ursprünglich stand, galt als der Ursprung des Nils.

Deshalb gibt es in dem Tempel auch ein Relief, das Isis weinend zeigt  (über den Verlust ihres Gatten Osiris). Die Tränen fließen nach unten und bilden einen Fluss, den Nil. Deshalb ist der Nil den Ägyptern heilig. Der Fluss wird beschützt von einem Gott in der Gestalt eines Nilpferds, der auf dem Relief in einem Kästchen dargestellt ist. Diesem wurde früher in folgender Weise die Ehre erwiesen: ein besonders schönes Mädchen wurde feierlich gekleidet, zum Nil gebracht und ins Wasser gelassen, um den Nilpferdgott zu verehren und ihn zu „heiraten“. Auf diese Weise kamen viele Mädchen um - entweder, weil sie nicht schwimmen konnten oder weil sie von Krokodilen gefressen wurden. Deshalb ließ man mit der Zeit von diesem Brauch ab. Der Tod der Mädchen aber war niemals die Absicht des Rituals, wie unser Reiseführer versichert. 

Der unvollendete Obelisk liegt in einem Granitsteinbruch inmitten Azwans. Daran ist die Herstellungsmethode gut zu erkennen: der Obelisk wird „einfach“ aus dem Fels herausgeschlagen. Der Transport auf Papyrusflößen über Hunderte von Kilometern ist ebenfalls aufwendig und kompliziert: bereits die Verladung gelingt nur dann, wenn eine Überschwemmung das Floß in die richtige Lage unterhalb des Obelisk bringt, der auf einer eigens zu diesem Zweck gebauten Brücke liegt. Es kann mehrere Jahre dauern, bis sich eine „passende“ Überschwemmung ereignet. Daher auch die lange Herstellungszeit. 

Im Papyrusmuseum haben wir darauf verzichtet, den Ägyptern kunsthandwerkliche Produkte abzukaufen (für meinen Geschmack zu einfallslose Abbildungen). Dafür habe ich mit einem der wartenden Busfahrer eine Wasserpfeife geraucht.

Nachmittags Fahrt auf dem Nil mit Falluken (kleinen Segelbooten). Wir umfahren die Elefantineninsel und sehen unter anderem das Hotel, in dem in dem Agatha Christie ihren berühmten Roman „Tod auf dem Nil“ schrieb. Hervorragende Lage. Die Insel hat ihren Namen vom Handel: sie war früher ein Stützpunkt für den Austausch von Handelswaren, die z.B. aus dem südlich gelegenen Nubien kamen. Hierzu gehörten natürlich auch Elefantenzähne. Außerdem haben die Felsen Formen, die an Elefanten erinnern. Die Nubier sind schwarz, haben aber die Gesichtsform der Nordafrikaner; also nicht „negroid“; sie kommen uns sehr schnell „völlig normal“ vor.

Abends besuchen wir erst eine Moschee (Schuhe ausziehen !; wieder fünf Buchzeichen von Kindern gekauft) und dann noch den Bazar von Aswan. Wer die Straßen lang geht, wird ständig angesprochen und zur Besichtigung der Stände aufgefordert. „Gratis“. Die Inhaber der Läden und Stände haben junge Männer angestellt, die keine andere Aufgabe haben, als die Touristen an ihre Waren zu locken. Sie machen das so aufdringlich in ihrem Universaleuropäisch, dass man sich kaum getraut, die Auslagen auch nur anzublicken (manche haben wirklich erstaunliche Sprachkenntnisse aus dem Umgangsdeutsch; sie verstehen einen dann aber nicht). Unser Führer zeigt uns am Eingang des Bazars einen Gewürzstand, an dem wir Kümmel, Mohn, Datteln u.a. kosten können. Als erstes hat er ein kleines Krokodil in der Hand, das etwa eine Woche alt ist. Diese werden gekauft und etwa eine Woche gefüttert. Dann werden sie getötet, die Eingeweide entfernt und mumifiziert. Ich kaufe eine Mütze, weil die mitgenommene bei der Bootsfahrt in den Nil gefallen ist (sorry, Richard; die schwimmt jetzt Richtung Mittelmeer). Ständig werden wir von Kindern angebettelt. Anne verteilt Kleingeld. Einer der Jungen will nicht von unserer Seite weichen und jammert und jammert und jammert (er hat noch nichts von Anne bekommen, aber von einer anderen Touristin, mit der wir uns gerade unterhalten haben). Irgendwann gibt Anne nach und keine 10 Sekunden später unterhält er sich grinsend mit seinem Freund (oder Bruder oder Cousin). Später sehe ich die ganze Kinderbettelmannschaft fröhlich um ein Fahrzeug herumtoben, von dem aus sie offensichtlich auf die Touristen „losgelassen“ wurden. Zum Abschluss des Rundgangs gibt es noch Tee in einer Straßenteestube und noch einen Zug aus einer Wasserpfeife (der Rauch schmeckt stark parfümiert). Die Teestuben werden tatsächlich nur von Männern besucht; nur in den „Touristenstuben“ sieht man gelegentlich auch ägyptische Frauen.

Unser Führer erklärt auf Nachfragen, weshalb hier auch abends ohne Licht gefahren wird: es sei halt so Sitte. Die Taxis sind meistens Peugeot-Kombis, die ständig hupend und sehr schnell fahren. Rote Ampeln werden nicht beachtet. Die Ägypter haben offenbar großes Geschick darin, auch sehr alte Autos nach am Laufen zu halten. Fast jedes Fahrzeug dient zur Beförderung von mindestens neun Personen (bei den Kombis: drei vorne, drei in der Mitte, drei hinten). Und so werden sie auch genutzt. Ich habe bisher keinen Mercedes gesehen. Es gibt auch Strafzettel. Die Autos müssen alle zwei Jahre zum TÜV. Bei dieser Gelegenheit müssen alle Strafzettel bezahlt werden -  sonst gibt´s keinen Stempel.

Montag, den 08. November 1999

Vormittags: Anne und ich und ein weiterer Mitreisender starten unsere eigene Tour. Nachdem wir Geld bei einer Bank geholt haben, mieten wir uns eine Falukke und fahren zur anderen Seite des Nils. Dort besteigen wir Kamele und reiten zu den Gräbern, die wir bereits von unserem Schiff aus sehen konnten. Erstaunlicherweise gibt es kaum Gefeilsche um die Preise. Man handelt ein bisschen und der ausgehandelte Preis ist dann auch maßgeblich. Es gibt kein „Nachfeilschen“, wie es vorkam, als wir mit der ganzen Touristengruppe unterwegs waren. Durch die Gräber führt uns der Wächter. Sie sind aus einer frühen Dynastie und deshalb etwa 4000 Jahre alt. Es handelt sich um lange Stollen, die in den gewachsenen Fels geschlagen wurden. Zum Teil sind die einzelnen Stellen eines Grabes nur kriechend zu erreichen. Zum Teil ist es auch völlig dunkel und wir müssen Fledermäusen ausweichen. Es handelt sich um Gräber von hohen Generälen des Pharao. Insgesamt besuchen wir fünf Gräber, wobei eines nach dem anderen immer eindrucksvoller wird. Im letzten Grab ist eine Säulenhalle, die aus dem Fels herausgeschlagen wurde. Die Halle ist etwa fünf Meter hoch. Die Hieroglyphen sind sehr plastisch gezeichnet; nicht so abstrakt wie in der Zeit des Neuen Reiches. Vögel, Löwen, Kühe, Fische sind wirklich liebevoll und realistisch gemalt; sie sehen aus wie aus einem Kinderbilderbuch. An einer Stelle zeigt uns unser Führer mumifizierte Grabbestandteile, die nicht in ein Museum abtransportiert wurden: u.a. einen Fischrücken, den Unterkiefer eines Kamelschädels und einen Unterschenkelknochen.

Wir reiten auf unseren Kamelen weiter zu einem Kloster in der Wüste, das etwa 750 Jahre nach Christi errichtet wurde. Bei dem Ritt halte ich mich ziemlich verzweifelt an dem Kamelsattel fest. Die Gurte der Kamera und der Kameratasche erwürgen mich fast. Ans Fotografieren vom Kamel aus ist fast nicht zu denken. Ich bewundere unsere jungen Kamelführer (einer ist vielleicht 11 Jahre alt), die in Sandalen mit uns stundenlang durch die Wüste gehen. Manchmal lassen sie die Kamele los und wir dürfen selbst „steuern“. Mein Kamel ist viel wackeliger als das von der Anne und dem anderen. Besonders schlimm wird es, als es steil bergab geht. Ich sehe das schon voraus: vor uns wird das Kloster in der Wüste sichtbar, aber es liegt auf einer hohen Düne. Und wir sind auch auf einer hohen Düne. Aber dazwischen ist eine verdammt tiefe Senke. Ich wünsche mir eine Brücke.

„Das darf doch nicht wahr sein !!“ Aber wirklich, erbarmungslos ziehen unsere jungen Führer die Kamele steil bergab durch den Sand und durchs Geröll. Also muss man sich ganz weit nach hinten lehnen und gleichzeitig die Beine zusammen pressen und sich ganz, ganz fest am Kamelsattel festhalten und den Foto nach hinten drücken und die Tasche etwas seitlich weghalten und tief und ganz ruhig atmen.

Das Kloster ist teilweise aus Fels, teilweise aus gebranntem Lehm errichtet. Es ist eine beachtlich umfangreiche Anlage. Anne meint, die wenigen, noch sichtbaren bildnerischen Darstellungen seien weit weniger (eigentlich gar nicht) kunstvoll, als das was wir bisher von den Pharaonen gesehen haben. Wir fragen uns, wovon die Mönche in der Wüste gelebt haben, wissen keine Antwort. Es ist sehr still.

Die Rückkehr zum Ufer des Nil (wieder auf den Kamelen !) gestaltet sich ohne Zwischenfälle. Unsere jungen Führer nehmen dankbar den vereinbarten Lohn und ein kleines Bakschisch dazu (der Kleinste, der mein Kamel angetrieben hat, freut sich besonders über ein altes Plastikfeuerzeug, das ich noch übrig habe).

Dann geht´s mit der Falukke, auf der uns noch Tee gekocht wird, zurück zu unserem Schiff. Unsere Tischnachbarn wundern sich, wie schnell ich das Mittagessen verspeise.

Nachmittags haben wir „frei“. Wir sitzen auf dem Sonnendeck, unterhalten uns mit zwei unserer Tischnachbarn (Niederländern), die in Abu Simbl waren und tauschen unsere Eindrücke aus.

Vielleicht an dieser Stelle ein Wort zu unserer Neckermann-Reisegesellschaft: ich habe schon den Eindruck, die Mehrheit will ans Rote Meer und nimmt diese Fahrt bloß als Beigabe mit, bevor man sich nur noch in der Sonne fläzt. Als wir auf unserem Vormittagsausflug waren, gab es anscheinend auf dem Schiff Krach um die Belegung der Sonnenliegen, so dass sogar der Schiffsmanager gerufen werden musste. Das scheint eines der wichtigsten Anliegen unserer Mitfahrer zu sein: besonders braun nach Hause zu kommen. Ein typischer Spruch: „also diese Ägypter, da hamse an jeder Ecke ein Denkmal, aber kein Geld, um die Kinder, die uns dauernd anbetteln, zur Schule zu schicken“.

Apropos Kinder und Schule: die Kinder sind ganz wild auf Kugelschreiber. Auf Nachfrage gab unser Reiseführer an, dass die Kinder die Kugelschreiber für die Schule haben wollten (!). Die ägyptischen Kulis würden nämlich nichts taugen (wer´s glaubt, aber bis zum Beweis des Gegenteils ..).


Dienstag, den 09. November 1999

Heute vormittag haben wir den Tempel in Esna besichtigt. Der Fußweg vom Schiff ging durch eine Ladenstraße, in der wir wieder wie üblich von den Händlern dauernd angesprochen wurden. Hier weiter südlich heißen die deutschen Männer „Ali Baba“; also: „hallo Ali Baba, billig; guten morgen Ali Baba, nur gucken, komm her, he, Ali Baba !“ und „Moustache“ wird gerne benutzt. Die kleine Straße ist überspannt mit großen Tüchern, um Schatten zu geben.

Der Tempel wird auch als „fünf Minuten Tempel“ bezeichnet, weil „nur“ die Säulenhalle zu besichtigen ist. Er ist aus der ptolomäischen Zeit und vor allem dem Gott Chum und einem Froschgott (kein Wunder, wir sind ja direkt am Nil) gewidmet. Der griechische Einfluss ist u.a. daran zu erkennen, dass die Abbildungen auf den Säulen als Hochreliefs ausgeführt sind. Der Tempel liegt in einer Senke inmitten der Stadt. Das kommt daher, dass er in den Jahrhunderten nach seiner Erbauung durch den Nilschlamm zugedeckt wurde. Deshalb liegen die Häuser und die Straßen in seiner der unmittelbaren Umgebung etwa zwanzig Meter höher. Es ist bekannt, dass weitere Bauten des Tempels noch unter den Häusern und den Straßen liegen müssen. Deshalb wurde verboten, die Häuser in seiner Umgebung zu renovieren. Man wartet einfach, bis sie einfallen, um dann die Ausgrabungen fortsetzten zu können. Das kann relativ einfach geschehen, da die Häuser nur aus gebrannten getrockneten Lehmziegeln erstellt sind und bei dem ersten Regen, sollte er mal kommen, zusammenfallen. Eines der Häuser am Rande der Grube hatte auch schon einen beachtlichen vertikalen großen Riss und das Dach war schon zur Hälfte zusammengebrochen. Es ist aber noch bewohnt. Der Tempel selbst hat noch eine Steindecke, auf der die Tierkreiszeichen dargestellt sind. Weiterhin findet sich eine Darstellung der Nut, wobei für die Nacht zwölf Stunden angenommen werden.

Nachmittags Besuch eines Juweliers in Luxor und Besichtigung des Bazars. Dazu die Geschichte unseres kleinen Händlers am Schiff, der außer Postkarten, Zigaretten und Djaballahs auch Schmuck verkauft. Er hat mich - aus welchen Gründen auch immer - in sein Vertrauen gezogen und lässt keine Gelegenheit aus, sich bei mir über die Provisionen zu beschweren, welche die Reiseführer von ihm verlangen, die er ihnen aber nicht geben will. Er erklärt mir, dass seine Preise genauso günstig sind, wie der beste Preis, den man auf dem Bazar erzielen kann. Für Diafilme kann ich jedenfalls bestätigen, dass seine Preis reell und relativ günstig sind. Er ist ganz unglücklich, dass er den Reiseführern Provision geben soll. Wohl auch aus diesem Grunde hat sich Anne entschlossen, evtl. Schmuckkäufe nicht bei dem von Moses empfohlenen Händler in der Stadt, sondern bei ihm abzuschließen.

Aus diesem Grunde haben wir auch nichts bei dem Juwelier gekauft, zu dem uns die Reiseführer mit dem Bus gebracht haben. Immerhin war bemerkenswert, wie sorglos sie mit ihren Schätzen umgehen. Sie werden in Kassetten vor dem Kunden auf dem Ladentisch angeboten und wenn der einen Preis wissen will, geht der Verkäufer mit dem guten Stück erstmal weg. Dann liegt die Kasette mit dem ganzen Schmuck unbeaufsichtigt vor dem Käufer. Der Ohrring oder Anhänger oder was auch immer wird inzwischen gewogen; nach dem Gewicht des Goldes wird in der Hauptsache der Verkaufspreis bestimmt.

Anschließend haben wir noch den Bazar in Luxor besucht. Zuvor wurde ich reingelegt: ein junger Mann kam auf mich zu, hielt mir 50.- DM unter die Nase und bat mich dieses deutsche Geld zu wechseln, er wolle nur 55 Pfund dafür (etwa 30.-DM). Er wolle nicht zur Bank gehen. Vorher hatte unser Reiseführer erzählt, dass die Ägypter ihr Geld nicht gerne zur Bank bringen, sondern es vorziehen, sich dafür Goldschmuck zu kaufen. Anne redet mit gut zu und ich ziehe mein Geldbündel aus der Tasche, in der ehrenvollen Absicht, ihm ohne weiteres sogar 70 Pfund für sein Geld zu geben. Er nimmt mein Geld, lässt es mit den DM teilweise fallen und will plötzlich hundert Pfund für sein deutsches Geld. Das wäre immer noch ein korrekter Wechselkurs. Unser Interesse lässt aber inzwischen nach, da uns schwant, dass er uns vielleicht übers Ohr hauen will. Inzwischen ist unsere Gruppe weitergegangen und wir fürchten, den Anschluss zu verlieren und die Straße mit dem Bazar in Luxor nicht zu finden. Also wollen wir unser Geld wieder haben und weitergehen. Er will  mir aber meine Geld nicht mehr geben und verlangt plötzlich 200 Pfund für die 50.- DM Wir weigern uns, wollen unser Geld zurück, er lässt wieder einen Teil des Geldes fallen; schließlich hat er sein deutsches Geld und wir unser ägyptisches - denke ich. Er ist plötzlich verschwunden und als ich beim Weitergehen mein Geldbündel durchsehe, stelle ich fest, dass 50 Pfund (also 25.- DM) fehlen. Das war also mein „Eintrittsgeld“ für den Bazar.

Der Bazar ist eine tolle Sache. Er ist so, wie ein Bazar aussehen soll. Es werden kaum Touristenartikel angeboten, sondern vor allem Waren für Einheimische.
Also Obst, Gemüse, Gewürze, Haushaltsartikel, lebende Hühner. Ein großer Teil der Waren ist auf Decken auf der Straße ausgebreitet, die Männer sitzen dabei und rauchen Wasserpfeife. Ein sehr farbenprächtiges Bild. Natürlich werden wir Touristen auch hier „angebaggert“ und es gibt die Kinder, die um Kugelschreiber, Geld oder Bonbons betteln. Aber dies geschieht weit weniger aufdringlich, als auf den Touristenbazars und ist viel lockerer. Interessant fand ich auch, das Handwerkliche: Schulranzen werden noch repariert, die man bei uns allenfalls auf dem Sperrmüll finden würde; eine interessante Fahrradwerkstatt, in der Anne´s Uraltrad ein Luxusschlitten wäre. Eine Bügelei und vieles andere mehr. Ich weiß nicht, warum der Friseur so freundlich zu mir war. 

Wir haben uns dann mit einem anderen Ehepaar von unserer Reisegruppe abgesetzt, als diese mit dem Bus zurückfahren wollten. Anne und die andere Dame wollten noch ein wenig auf dem Bazar herum schlendern. Ich habe mir nachher folgende Strafe für Anne ausgedacht: wenn wir wieder zu Hause sind, muss sie mit mir in einen Computerladen. Dort muss sie dann warten, bis ich verschiedene Tastaturen ausprobiert habe; dazu werde ich mir sehr lange Zeit lassen. Dann wird noch nachgeschaut, ob ich mir nicht noch ein bidirektionales Druckerkabel kaufe. Ich lasse mir vom Verkäufer ausführlich die Vor- und Nachteile von bidirektionalen Druckerkabeln erläutern, während Anne wartet. Ich kaufe dann doch keines, aber gerade, als wir zum Ausgang gehen, drehe ich wieder um, um mir noch einen neuen Bildschirmschoner vorführen zu lassen ..... 

Diese Überlegungen entstanden, als wir beiden Männer dreißig Minuten vor einem Laden warten mussten, bis die beiden Damen sich drei Musikcassetten mit ägyptischer Musik ausgesucht und den Endpreis ausgehandelt hatten. Außerdem gingen wir den Bazar nicht einmal runter, sondern dreimal rauf und runter und dazwischen gab es mehrere Tuchhändler und was weiß ich noch alles. Eines hat mir gefallen und mich unterhalten (ab hier darf nur Richard weiterlesen): die ägyptischen jungen Frauen sind zum Teil wirklich sehr hübsch. Bei manchen bleibt einem fast die Spucke weg, wenn sie ihr Kopftuch abgenommen haben: welliges, rötliches Haar und sehr hübsche, teilweise tatsächlich edle Gesichtszüge. Und dann folgendes Phänomen: wenn du sie anlächelst, lächeln sie ganz freundlich und keck zurück ! Es kommt manchmal auch ein Augenaufschlag, der es in sich hat. Deutscher Mann denkt: kein Wunder, dass die ägyptischen Familien auf ihre Töchter aufpassen wie auf ihren Augapfel. Wenn die so unternehmungslustig sind...Das gilt durchaus auch für die verheirateten Damen, die an ihrer schwarzen Kleidung zu erkennen sind. Vielleicht haben deshalb manche blaue Flecken im Gesicht ...

Schließlich haben wir dann noch einen Reisebus erwischt, der uns zurück zu unserem Schiff brachte, den von „Ögertours“, deren Gäste auch hier untergebracht sind.

Mittwoch, den 10.11.1999

Jetzt hat mich Pharao´s Fluch doch erwischt. Aber bis jetzt ist es nicht so schlimm. Jedenfalls muss ich noch nicht nach jedem Tastendruck aus Klo. Ich hoffe, es bleibt bei erträglichen Abständen.

Heute morgen haben wir das Tal der Könige besucht. Zwei Gräber (erstes Grab: Tausret und Setnacht) hat uns unser Reiseführer erklärt. Ein Grab durften wir uns selbst zur Besichtigung aussuchen und alleine ansehen (wir haben uns das Grab von Tutmosis III. ausgesucht, weil es über lange Treppen und Leitern besonders schwer zugänglich ist). Alle Grabstätten liegen in einer imposanten Felsen- und Wüstenlandschaft. Die Fahrt in das Tal mit dem Bus führte auch durch Polizeikontrollen.

Zu den Einzelheiten bei den Gräbern verweise ich auf die einschlägige Literatur. Sie sind in den gewachsenen Fels der Berge gehauen, haben lange Gänge und mehrere Kammern. Erstaunlich ist, wie geräumig die Gänge und Kammern angelegt sind; man muss nicht etwa kriechen; die Gänge sind vielleicht 2 ½ Meter hoch, 2 Meter breit und bis zu 100 Meter lang; die Kammern haben bestimmt 60 bis 100 qm Gurndfläche und sind über fünf Meter hoch. In den Gräbern ist es so warm und stickig, dass einem die Wüstenluft direkt kühl vorkommt.

Die Wände der Gänge sind mit dem Totenbuch und anderen Schriften beschrieben. Diese Hieroglyphen dienen u.a. dazu, dem wieder auferstandenen Pharao zu helfen, die richtigen rituellen Worte zu sprechen, um in der Unterwelt durchzukommen. Wahrscheinlich enthalten die Schriften auch mystische Weisheiten und andere Geheimnisse. Außerdem erzählen ihre bildnerischen Darstellungen von den Gefahren der Unterwelt und wie diese bewältigt werden. Auf einer Zeichnung wird z.B. gezeigt, wie eine gefährliche Schlange der Unterwelt zerhackt wird.

Die Darstellungen wiederholen sich in jedem Grab, das wir besucht haben; nur ihre Ausführung ist unterschiedlich. In manchen Gräbern sind die Zeichen sehr aufwändig gemalt, in anderen nur mehr skizzenhaft angebracht. Das hängt damit zusammen, wieviel Zeit hierfür zur Verfügung stand. Spätestens 70 Tage nach dem Tod des Pharao musste das Grab fertig sein. Starb einer überraschend, blieb keine Zeit mehr für eine umfangreiche Dekoration.

Die Farben der Hieroglyphen und der Bilder sind sehr eindrucksvoll und unglaublich gut erhalten. Sie wirken so, als wären sie gestern erst angebracht worden. Die Decken der Kammern sind dunkelblau gehalten und haben goldene Sterne. Am Ende des Grabes im Innersten steht dann der Sakrophag; meist ein großer Steinsarg aus Rosenquarzstein. Die Särge sind von Grabräubern geleert worden; nur der von Tut’enchanum nicht. In dieses Grab wagt sich unser Reiseführer nicht mehr hinein. Tut’enchanum starb sehr früh, bereits mit 18 Jahren. Deshalb konnte der Sakrophag nicht mit den üblichen Mitteln (Falltüren usw.) geschützt werden. Das Grab ist auch sehr klein, nur ein Gang und eine Kammer. Die Ägypter haben das Grab deshalb mit schwarzer Magie geschützt. Nachweislich sind daran 25 Menschen gestorben, die das Grab beschädigt haben. Unser Reiseführer deutet noch weitere unheimliche Vorkommnisse an, will aber nicht mehr dazu sagen. Er geht jedenfalls nicht mehr rein.

Tut’enchanum’ s Totenmaske zeigt ein freundliches, leicht molliges Gesicht eines jungen Mannes. Er sieht aus wie die Sänger auf den Musikcassetten der hiesigen Schlagerstars.

Ungeklärt ist die Frage, wie die Ägypter in jener Zeit Licht in die tief in den Felsen gelegenen Kammern bringen konnten, um ihre Arbeiten durchzuführen. Die damals üblichen Fackeln konnten nicht benutzt werden, denn dann wären die Decken schwarz vor Ruß gewesen. Eine Theorie besagt, dass mit Spiegeln gearbeitet wurde; eine andere, dass Lampen mit Rizinusöl zum Einsatz kamen. Aber auch bei der Verbrennung von Rizinusöl entsteht Ruß. Die interessanteste Theorie verweist darauf, dass Geräte gefunden wurden, die so aufgebaut waren, dass mit ihnen Strom erzeugt werden konnte.

Anschließend besichtigen wir eines der bekanntesten Bauwerke der Pharaonenzeit, den Totentempel der Pharaonin Hatschepsut. Dies ist eine mehrstöckige, riesige Anlage, die in einer Gebirgsbucht angelegt wurde. Die Berühmtheit dieses Tempels wird gleich bei der Ankunft daran ersichtlich, dass uns Scharen von japanischen Reisegruppen begegnen, die sich an allen möglichen und unmöglichen Stellen gegenseitig fotografieren.

Ganz links beginnt der Tempel mit einer Kappelle, die der Göttin Hathor gewidmet ist. Die Säulenenden sollen nach den Angaben eines Führers die Form von Kuhglocken haben. Die angrenzende Pfeilerhalle stellt eine erfolgreiche Expedition der Pharaonin nach dem sagenumwobenen Land Put dar, das am Horn von Afrika vermutet wird. Schließlich enthält der Tempel noch eine Darstellung der guten Beziehungen der Pharaonin zum örtlichen höchsten Gott der Gegend, Amun: Danach hatte ihre Mutter eine Beziehung mit Amun und sie selbst wurde vom Schöpfergott Chum auf einer Töpferscheibe erschaffen. Ein großer Teil der Darstellungen wurde von ihrem unmittelbaren Nachfolger, Thutmosis III. zerstört. Der hielt nicht viel davon, wie seine Tante und Stiefmutter sich verewigen lassen wollte.

Ringsrum um den Tempel sind auf einem sehr großen Gebiet in der Wüste noch Ausgrabungsarbeiten im Gange. Natürlich gehört dazu auch der zahnlose alte Ägypter, der gleich am Touristenweg sitzt, mit einer alten Säge einen Stein zerschneidet und sich mit Touristinnen für fünf Pfund fotografieren lässt.

Nach der Rückfahrt gibt es ein „italienisches“ Mittagessen: Pizza, Nudeln, Kalbfleisch, Fisch usw. Ich bin schon mit der Nachspeise fertig, als Anne erst ein Drittel ihres Tellers geschafft hat.

Der Nachmittag besteht aus Faulenzen auf dem Sonnendeck. Die Sonnenliegen sind (natürlich) alle wieder belegt. Ich nehme mir also zwei der Rattansessel und einen Tisch, lese und schreibe dieses Tagebuch.

Später gibt es noch eine improvisierte Abendunterhaltung: die Vertreterin des Reisebüros ist gekommen, um den Gästen die Modalitäten ihres weiteren Urlaubsaufenthaltes zu erklären und den Rückreisenden (Minderheit) die Termine für die Rückreise mitzuteilen. Sie macht das ganz geschäftsmäßig und kurz angebunden und erklärt dann noch, sie habe natürlich auch etwas Zeit, falls jemand noch ein besonderes Anliegen wegen des Aufenthaltes auf dem Schiff vorbringen wolle. Sie würde dann entsprechende Einzelgespräche führen.

Da hat sie sich aber mit unserer Gruppe verrechnet. Als der erste Gast sich vorwagt und bei ihr Platz nimmt und vorsichtig seine Enttäuschung über die Unterbringung formuliert, rückt die ganze Gruppe nach und fällt verbal über die Vertreterin des Reisebüros her. Wie eine Möwenschar, die ein Opfer entdeckt hat, wird sie nicht mehr losgelassen. Dem ersten Gast, der seine zaghafte Kritik anbringen wollte, wird noch mehr „Beschwerdematerial“ zugerufen, so dass der Beschwerdebogen, den die Reiseleiterin ausfüllt, immer voller und ihr Gesicht immer länger wird. Entsprechendes setzt sich fort, als die nächsten Gäste an die Reihe kommen. Einer der Teilnehmer erklärt, Schiffskenner zu sein („ich war früher Kapitän“)und behauptet, die „Verdi“ sei nicht mit der Kategorie vergleichbar, die im Prospekt des Reisebüros angeboten und Grundlage des Vertragsabschlusses wurde. Andere bemäkeln die Schalter der Klimaanlage (stimmt, das Umschalten war etwas mühsam, weil der Schalter immer abging), das fehlende Bordtelefon auf dem Zimmer (mit wem auf dem Schiff hätte ich telefonieren sollen ?), keine Musik im Zimmer (worüber Anne wahrscheinlich dankbar war), fehlender Fernseher (wir hatten einen, aber kein Interesse am Empfang des unverständlichen ägyptischen Programmes), Alter des Schiffes, nicht 1998 renoviert (das Schiff wurde 1987 gebaut), Größe des Klos beim Speisesaal (1 qm) und nicht abschließbar (ich).

Also, ich geb´s zu: von der Aussicht aufgestachelt, von Neckermann noch Geld zurückzubekommen, habe ich auch eine Beschwerde protokollieren lassen. Mir tat nur Moses leid, der dabei saß und den diese Gemeinschaftsaktion doch ziemlich unangenehm überraschte. Alle haben aber ihm gegenüber gleich erklärt, dass diese Angriffe nicht gegen ihn gerichtet seien, sondern gegen das Buchungsverhalten des Reisebüros. Ich habe auf meinem Beschwerdebogen noch zusätzlich selbst eingetragen, dass der persönliche Service an Bord sehr gut  und die Reiseführung hervorragend war. Natürlich bleibt ein schaler Geschmack, aber ich denke, dass auch Annes Verhalten gegenüber dem Personal die Sache soweit klar gestellt hat, wie dies möglich war.

Jedenfalls geschah etwas völlig Überraschendes, als mir am nächsten Morgen die Zigaretten ausgegangen waren: einer der Kellner ließ einen Mitarbeiter welche holen (von der Uferstraße) und als ich ihm neben dem Kaufpreis noch zusätzlich das übliche Bakschisch geben wollte, lehnte er beides ab und hat mir die Zigaretten geschenkt.

Abends geht´s nochmal zum Karnak-Tempel. Dort  ist heute eine Licht- und Tonschau. Das heißt, die Säulen und die Gebäude werden abwechselnd in Scheinwerferlicht getaucht und aus verschiedenen Richtungen hören wir Musik oder Sprecherstimmen, die zu dem Tempel und seiner Geschichte was sagen. Dabei gehen wir langsam durch die Tempelanlagen. Das Ganze soll wohl erhebend sein; jedenfalls ist der Sprachstil der Sprechenden so angelegt, wenn sie mit getragener Stimmen von den Geheimnissen dieses oder jenes Obelisken reden.

Die Idee ist gut, das Anliegen nicht schlecht, nur verfehlen beide ihr Ziel: wir sind nämlich eine Masse von über 1000 Deutschen, die sich durch Karnak bewegen, dabei gibt es bestimmt Hunderte, die mit ihren kleinen Kompaktkameras im Dunkeln versuchen zu fotografieren. Ein völlig idiotisches Unterfangen, weil diese Kameras mit ihren winzigen Blitzlichtern vielleicht eine Reichweite von zwei bis höchstens vier Metern haben. Das heißt, die Leute bekommen allenfalls die Hinterköpfe ihrer Vordermänner auf den Film. Aber durch die blöde Blitzerei geht natürlich der Effekt verloren, der mit der Schau bezweckt war. Das wird nicht auch nicht besser, als wir uns auf Bänken beim „Heiligen See“ niederlassen. Dort geht die Schau weiter und es wird wirklich ernsthaft versucht, uns noch etwas über die Geschichte von Karnak beizubringen. Aber das ständige Geblitze stört so, dass die Botschaft kaum Chancen hat, ihre Empfänger zu erreichen. Dafür ist der Rückweg durch das abendliche Luxor ganz nett.

Donnerstag, den 11. November 1999

Tag des Rückfluges. Ich bin so aufgeregt, dass ich nicht mehr einschlafen kann, als uns die ägyptischen Diener eine Stunde zu früh durch Klopfen an der Tür wecken (sie verhalten sich teilweise wirklich wie Diener; einer der Zimmerputzer, die aus unseren Handtüchern und Bettdecken Schlangen oder andere Fabeltiere formen, ruht sich zum Beispiel an der Treppe auf einem Stuhl aus und ist nicht davon abzubringen, jedesmal aufzustehen und Haltung anzunehmen, wenn ich an ihm vorbei gehe). Außerdem jagt mich auch der Fluch des Pharao aus dem Bett.

Es wird also gefrühstückt und gepackt und dann gibt es noch Kaffee auf dem Sonnendeck. Diesmal kein Kampf um die Sonnenliegen, da das Gros der Gäste um 9:00 Uhr das Schiff bereits mit anderen Reisezielen (Kairo, Hurghada usw.) verlassen hat.

Anne findet ein halbes Brötchen, das noch von unserem Hinflug übrig ist. Wir verfüttern es an drei Spatzen.

Dann kommt der Bus und wir werden, nachdem noch etliche andere Gäste aus anderen Hotels und Schiffen eingesammelt wurden, zum Flieger gebracht. Ich frage den Reisleiter, wie alt die Peugotkombis sind, die als Taxis eingesetzt werden, älter als 10 Jahre ? Er sagt „viel älter“, lässt sich aber nicht auf eine konkrete Aussage ein (für Richard: es gibt viel Verkehr in den Städten; während unseres gesamten Aufenthaltes habe ich aber nur vier Mercedes gesehen, davon nur einer der aktuellen E-Klasse, die anderen waren alle älter). Während der Fahrt kommt Anne auf die Idee, bei den „Einsammelstops“ einkaufen zu wollen. Das macht mich nervös. Ich habe keine Lust, die Anne zu suchen, während der ganze Bus auf die Weiterfahrt zum Flughafen und den dort stehenden Flieger wartet. Sie lässt es dann Gott sei dank, weil sie keine passenden Läden mehr sieht (später setzt sie das Spiel aber auf den Flughäfen fort, während ich in der Wartehalle hocke und auf den Aufruf unseres Fluges warte; ich habe kaum Zeit, aufs Klo zu gehen - übrigens auch eines der Klos, bei denen einem das Toilettenpapier beim Eintritt verkauft wird).

Schließlich fliegen wir los: erst nach Hurghada, um weiter Touristen einzusammeln, (der Flughafen von Hurghada ist ein Touristenflughafen, wie ich ihn mir z.B. auch für Mallorca vorstelle) und dann Richtung Frankfurt. Das Flugzeug ist nicht voll belegt, Anne und ich haben je einen Dreiersitz. Das Mittagessen bekommen wir erst gegen 15:30 (bis dahin habe ich nicht nur Darm-, sondern auch Magenkrämpfe). Die Aussicht ist aber wirklich toll, als wir losfliegen; die Wüste, das Wüstengebirge, das Rote Meer und das Mittelmeer.

Der Blick auf Frankfurt bei der Landung ist sehr beeindruckend: es war mir gar nicht mehr bewusst, wieviel Verkehr wir in Deutschland auf den Autobahnen haben: ein Auto nach dem anderen; sie leuchten wie Glühwürmchen und bilden eine Lichterkette.

Bei der Gepäckausgabe rufe ich mit dem Handy unsere Ingrid an, um ihr mitzuteilen, dass wir jetzt einen Zug suchen wollen und sie zu fragen, ob sie bereit ist, uns vom Heidelberger Hauptbahnhof abzuholen. Sie ist aber sehr schwer zu verstehen, mit der Verbindung aus den Tiefen des Frankfurter Flughafens stimmt was nicht. Also probiere ich es bei Richards Mobilfunktelefon und da geht es viel besser. Er sichert uns zu, dass wir vom Bahnhof abgeholt werden.

Während Anne noch die Fahrpläne der Züge und Busse studiert, kann ich (wieder mal) nicht warten und schiebe unseren Gepäckwagen schon mal raus in die Wartehalle (ein komisches Gefühl, früher stand ich immer dort mit Anne und habe gekuckt, ob Ingrid hinter den Türen auftaucht oder Lukas oder Richard).

Und da die große Überraschung: am Empfang stehen Richard und Eva, sie sind nach Frankfurt gekommen um uns abzuholen !!!

Das hat uns natürlich riesig gefreut. Und es blieb so toll: als wir nach Hause kommen, hat uns Ingrid gekocht; es gibt Reis mit Gemüse und Fleisch und einen wunderbaren Puddingnachtisch. Das Haus ist auch ganz prima aufgeräumt und geputzt; auch mein Zimmer ist richtig nett hergerichtet.

Am nächsten Tag hat´s Anne erwischt: Pharaos Fluch schlug recht heftig zu, so dass sie bleich war wie eine Mumie. Die Kinder wollten sie gleich fotografieren.

Ende

Als Nachtrag noch eine außerordentlich wichtige Klarstellung: beim Bauchtanzwettbewerb auf dem Schiff habe ich nicht, ich wiederhole: nicht „fast“ den ersten Platz erreicht, wie Anne immer wieder sagt. Außerdem bekam ich auch mehr Beifall als der Schiffsmanager. Vielmehr wurden allen vier Teilnehmer und Teilnehmerinnen einschließlich meiner Wenigkeit der Sieg zugesprochen.

Der Autor
 

 

 

 


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