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Phaidra: Hast du jemals gemeint, dir würde das Herz brechen? Dir gewünscht, du könntest deine Brust aufschlitzen, es herausreißen damit der Schmerz aufhört?

Sarah Kane  

                                          

 

 

                                                    Zwanzig Jahre April

                                                              Roman 

 

                      Vom Leben, Schreiben und Scheitern.

                      Von mir, über Nora, andere - und über mich ...    

 

 

 

  vier Jahre nach 2tausend

 

Seit vier Jahren leben wir getrennt, und genau am Trennungstag rief Nora mich früh morgens an.

„Frohes neues Jahr!“

„Dir auch ...“

„Geht’s gut?“

„Ja, - dir auch?“

„Ja!“

Pause.

„Sag mal ...“ und dabei zog sie wie immer das Anschlusswort in die Länge, dehnte die entstandene Stille so unerträglich, schmerzhaft fast, bis ich davon überfordert nörgelte: „na mach schon, sag, - was ist ...?“

„Kannst du den Hund nehmen? Ich habe mir den Fuß verstaucht.“

„Den Fuß, - beim Sylvesterumtrunk?“

Danach erneut Stillstand. Ich war wohl zu deutlich in meiner Weißsagung.

Dann, ins lange Schweigen hinein sagte ich, zur Versöhnung bereit wie immer: „ ... ist schon o.k., kein Problem; ich nehme den Hund!“

Seit zwanzig Jahren, und noch die vier drauf, die wir getrennt leben, antwortete ich in solche Pausen hinein: ’kein Problem’;

obwohl, Probleme waren massig da. Die ganze Welt lebte schließlich täglich Probleme; nicht nur ich, nicht nur sie, nicht wir, - ja, verdammte Scheiße, man brauchte nur die Zeitung aufschlagen, den Fernseher ...

 

„Klar“, sagte ich in meine Gedanken hinein, „kein Problem; es ist ja auch mein Hund!“

Und da fiel es mir wieder ein, denn ursprünglich und schon zig Male wollte ich ihr sagen, dass es sowieso nur mein Hund wäre, und ich ihn ihr auch nur wegen der Vermutung ihrer Einsamkeit gelassen hatte, und auch, weil ich damals den Hund nicht mitnehmen wollte nach Berlin, wohin ich unmittelbar nach der Trennung gezogen war; doch jetzt war ich ja wieder hier.

 

„Und -, wann holst du ihn?“

„Gleich.“

Stummes Atmen, dann die Frage aller Fragen: „Bist du alleine?“

„Ja.“

„Wo ist denn deine Freundin?“

„Die feiert bei ihrer Familie.“

„Und du warst Sylvester alleine?“

„Ja.“

„Vor dem Fernseher?“

„Auch.“

„Wie auch?“

„Ich habe ferngesehen und zwischendurch ein paar Notizen aufgeschrieben.“

„Du schreibst wieder?“

„Ja.“

„Was denn?“

„So dies und das.“

„So, so; - sag mal: kannst du denn überhaupt fahren?“

„Ja klar, warum denn nicht?“

„Hast du nicht getrunken?“

„Nein - seit Jahren nicht!“

„Was? Ist das schon so lange her?“

„Ja!“

„Hast du denn endlich den Führerschein wieder?“

„Hör mal, hast du nichts anderes zu tun als mich auszufragen, - ich denke, du hast den Fuß verstaucht und Schmerzen.“

„Ja, habe ich auch!“

„Na siehst du; also, ich bin in zwanzig Minuten da.“

„Gut, bis gleich.“

 

Auf dem Weg zu ihr lag der Ursprung der Trennung plötzlich wieder vor mir. Ungewollt. Und als ich nun daran denken musste, an das Leben mit ihr, die Enttäuschungen, die wir uns damals und immer noch wechselseitig zugefügt, fing ich an zu schwitzen, - und wusste aus Erfahrung, es würde eine Weile dauern, bis ich abgeschwitzt und mich beruhigt hatte.

Um die Entspannung schneller zu erreichen, lenkte ich den Wagen rechts ran, in einen Feldweg, schob die Kassette der Gipsy Kings ein und entkrampfte meine Seele satte drei Minuten bei einem Gitarrensoli.

Bei früheren mich belastenden Situationen hatte ich die Taschenflasche Jägermeister aus dem Handschuhfach geholt (wiederwillig bemerkt wie warm sie war – immer!), und mit einem Zug ausgetrunken, egal wie warm sie war. Manchmal musste ich danach erbrechen. Oft nicht. Wenn nicht, brauchte ich nicht sofort die zweite zu trinken.

 

Als ich eine viertel Stunde später auf den Hof fuhr, vorsichtig, wegen der Feldsteine, und um nicht eines der frei laufenden Hühner oder Enten zu überfahren, kam wie immer die Furie von Haus- und Hofköter um die Ecke des Stallgebäudes, sprang an der Fahrertür des Wagens hoch und zerkratzte mit seinen Krallen den Lack, wie ich beim Aussteigen sah.

„Scheiß Köter!“ fuhr ich das Tier deswegen an.

Als der sich auch noch in meinem Hosenbein verbeißen wollte, trat ich nach ihm, so sauer war ich. Auf ihn – und sowieso. Und dann, statt weiter zu versuchen mich zu beißen, rannte der Köter zum Hinterrad meines Karren und pinkelte dagegen. 

 

„Hau ja ab!“

Ich hob einen Stein auf und warf ihn der Töle hinterher; doch andererseits musste ich über dieses freche Vieh auch lachen ...

Als ich schräg nach oben blickte, hin zu ihrer Wohnung im ersten Stock, sah ich Bewegung hinter der Gardine. Auf die schwindenden Silhouette hinter der Scheibe folgte sonores Bellen, die persönliche Begrüßung von ’Diva’, unserem Hund.

 

Den Namen ’Diva’ hatte ich dem Hund ausgesucht, und das freute mich immer noch. Am Meisten dann, wenn Nora Besitz ergreifend zu irgendjemanden den ich nicht kannte ’von ihrem Hund’ sprach.

 

Als sie aus der Haustür trat, der Hund jaulend vor Freude vorn weg, nahm ich die Veränderung in ihrem Gesicht war.

Schminke, Liedschatten, Lippenstift, die sie immer geschickt aufgetragen hatte, waren verschmiert. Unter den Augen grauschwarze Tränensäcke. Und im ganzen sah sie angestrengt, übernächtigt, und irgendwie um Haltung bemüht aus.

 

„Frohes neues Jahr!“ war ich bestrebt locker zu bleiben, und küsste sie auf die Wange.

„Dir auch, Alexander ...“

 

Ich wusste, was sie dachte: dass ich ihr den gestrigen Abend und die Nacht ansah. Doch auf ein Gespräch deswegen wollte ich mich nicht einlassen, denn ich ahnte und ich wusste, dass sie geweint hatte - und getrunken.

Die Situation war mir mehr als unangenehm, auch weil sich meine Schuld an der Misere als brennendes Magengeschwür in mir aufbaute; und mir war gleich wie früher, nach der dritten Taschenflasche Jägermeister. Auch deshalb kam ich rasch auf den Punkt.

 

„Divas Sachen schon unten?“

„Ja.“

„Und -, wie lange?“

„Ich weiß nicht ...“

 

Wie immer, dachte ich. Letztes Mal waren es über vier Wochen; dann hatte ich die Nerven verloren und angerufen. An die anschließende Auseinandersetzung wollte ich jetzt nicht denken. Nein, jetzt nicht!

 

„Ist schon o.k., ich habe sowieso nichts vor.“

„Schön.“

 

Als ich den Sack Futter und den Korb eingeladen hatte, der Hund hechelnd auf dem Rücksitz saß, fiel mir im letzten Moment das Wichtigste ein.

„Sag mal, wo ist der Tri Tronic?“

„Ach, den habe ich Kai geliehen, der hat sich einen Hund gekauft und will den damit erziehen.“

Irgendwas ist immer, dachte ich, und war sauer. Wütend.

„Gut, lass ihn dir von Kai umgehend vorbeibringen; du weißt, dass ich bei mir in der Gegend viel Wild habe und das Teil dringend brauche.“

„Ja, ja -, ich rufe ihn gleich an, und wenn ich ihn habe, bringe ich ihn dir vorbei.“

 

Beim Einbiegen auf die Straße hupte ich einmal kurz. Und wie immer wunderte ich mich gleich darauf über diese Sentimentalität.

 

Am nächsten Vormittag, als sie wahrhaftig das Teil vorbeibrachte, sah sie erholter aus.

Ich war ihr auf dem Parkplatz entgegen gegangen und war überrascht, dass sie lange nicht mehr so stark humpelte wie gestern.

 

„Geht’s besser?“ fragte ich von Weitem.

„Es geht so ...“

 

Entgegen sonst küsste ich sie nicht, als sie vor mir stand. Warum, wusste ich nicht. Darauf gab sie mir stumm das Halsband mit Sender, ging die drei Schritte zum Wagen zurück, stieg ein, und krachte die Tür zu. Ein schwaches Winken hinter dem Seitenfenster, als sie abfuhr.

 

Ein deja vue.

Und ich dachte beim Rückweg zu meiner Wohnung an einen Freund, den ich, Tage bevor er starb, im Krankenhaus besucht hatte.

Ich hatte mit ihm in der Cafeteria Kaffee getrunken, und er mich dann zum Wagen begleitet. Beim Abschied, auf dem Parkplatz, winkte er, ich sah es im Rückspiegel und ich winkte zurück, bis zur Straßenecke - und ahnte und wusste. Genau so war der Abschied jetzt: ich glaubte sie das letzte Mal gesehen zu haben.

 

„Wie lange, meinst du,“ fragte ich meinen Freund Herbert, „braucht eine Verstauchung?“

„Vierzehn Tage; oder?“

„Es sind jetzt vier Wochen ...“

„Bei manchen heilt es eben langsamer.“

„Bei manchen heilt manches nie, ich weiß.“

Und was ich aus eigenem Erleben noch wusste war: die Erfahrungen aus dem Gestern waren die Fehler von Morgen. Doch das sagte ich Herbert nicht, es gab keinen Grund dazu.

 

In einem Mai lernten Nora und ich uns kennen.

Es war in Bad B., einem verschlafenen Nest im Sauerland, in dem wir beide kurten. Sie Kassenpatient; ich privat.

Keiner von uns beiden war sich später sicher ob es das war. Jedoch war uns Bad B. eine Gegenwelt, die wir nötig hatten.

Sie kämpfte gegen die Reste eines Krebses, der sie umbringen wollte. Ich war verheiratet.

 

Wen es schlimmer getroffen hatte, versuchten wir jahrelang in oberflächlichen Gesprächen zu ergründen. Wie alles andere bis heute ohne Erfolg, - oder mit, wer weiß.

 

Unsere Zankereien zerfielen jedoch deutlich in zwei Teile.

Der eine war vordringlich an sie gebunden, der andere an den Tod unserer Liebe, der schleichend und früh begann, - nämlich in dem Augenblick, als wir uns unsere Vorleben enträtselt hatten. Und das war früh in unserer Zeit.

 

Anfangs geschah diese Art Aufarbeitung leise, so dass es kaum zu hören war. Dann, mit der Angst nach Verlust des anderen, wurde es lauter. Schließlich so laut, dass die ganze Welt es hören konnte. Und sie hörte, in Gestalt der Nachbarn, Freunde, usw.

 

Und dann war da noch der verrückte Glaube, die Ungeheuerlichkeit unserer Entfremdung verkleinere sich über die Entfernung der jeweiligen Sichtweisen. Auch dass nach dem Vogel Strauß-Prinzip; worüber ich heute manchmal grinsen muss. Warum? Weil es so blöd ist, irgendwie ...

 

Tatsache war, es blieben jene kleinlichen Augenblicke von Wegducken, von Leugnen eigener Schuld und anderer  Sühne. Und zusätzlich vergiftete unser Leben das Wissen, nie wieder zu einer anderen intensiven Partnerschaft fähig zu sein, sollten wir miteinander scheitern und uns trennen. Auch das ein Irrtum; aber wer weiß das schon vorher.

Also blieben wir zusammen. Verschlossen uns in dieser kompakten Zeit, bis die uns letztlich wie ein derbes Kleidungsstück umschloss.

Dort drinnen, dicht am Ersticken, beatmeten wir uns über die Jahre in perverser Lust und quälten uns mit Schweiß und Tränen, bis wir später, einem April, nach taub kalten Nächten endlich wach wurden.

Doch da war es längst egal, ob wir was taten oder nicht, denn die in uns den Trübsinn verursachenden Gespenster ruhten schon lange nicht mehr.

 

 

 

≈ Jahr 2000

 

Nach langen Jahren Distanz von Berlin, lebte ich nun ohne Nora in der Metropole.

Ja, alleine.

Doch in mir begründet war die Hoffnung Frauen kennen zu lernen, Abenteuer zu erleben, und Lebendigkeit zu finden.

Ich suchte, wollte haben, und dachte die Stadt wäre der richtige Platz dazu, es wäre wie früher, als ich hier lebte und sonstwas spielte.


Doch dann ...

Drei Tage Sauwetter ohne Unterbrechung.

Keinen Fuß konnte ich vor die Tür setzen. Und nebenan ein Unrast, der seine Wohnung renovierte.

Ein Patschen, Klatschen und Klopfen, wie prasselnde Regentropfen an Fenster. Das nervte. Ich musste raus. Und es passte, denn heute war Straßenfest in der Müllerstraße und die Sonne schien ab und an durch die Wolken. Also los.

 

Die Müllerstraße ist der rasende Puls im Berliner Wedding, gleich hinterm Schillerpark und nicht weit von mir.

Ich konnte zu Fuß hin, meinen in drei Regentagen versifften Schädel auslüften, das Ballern, Kreischen und Wummern von nebenan, und Hans das versprochene Manuskript mitbringen.

Wir wollten uns auf dem Straßenfest treffen, hatten uns Jahre nicht gesehen.

U-Bahnausgang Rehberge, schlug er vor.

Ja, genau da, pünktlich um fünf.

 

Vor vierzehn Tagen war ich gegen meinen eigentlichen Willen in die Stadt zurückgekehrt - und ich freute mich auf das Wiedersehen mit Hans.

 

Vorher noch einen Becher randvoll mit Klarem und etwas Cola. Das sollte bis zum Straßenfest reichen.

Ich schluckte und steckte dann den breit gedrückten Becher mit dem Rest darin in die rechte Seitentasche meiner Lederjacke. Das Manuskript in die linke. Die Zigarette in den Mund. Hände in die Hosentasche, jedenfalls bis zum nächsten Schluck.

Unwillkürlich machte sich ein Lächeln auf meinem Gesicht breit, merkte ich. Es musste die Wiedersehensfreude sein, das zu erwartende Bad in der Menge, die Wirkung des tiefen Zuges aus dem Becher.

 

Kaum war ich aus dem Haus, musste ich pinkeln. Auch spürte ich wieder dieses beleidigte Ziehen in der Harnröhre, diese Entzündung - oder was. Jedoch hinter einem Gebüsch und mit Geduld sollte sich die Sache unproblematisch erledigen lassen, hoffte ich, denn in letzter Zeit hatte ich beim Wasserlassen jedes Mal unter Schmerzen gelitten und der Strahl tröpfelte lasch, anstatt flott zu sprudeln. Und deswegen befürchtete ich auf die Hose zu seechen.

Ich holte tief Luft und öffnete mich. Der Urinlauf, der diesmal ziemlich kräftig gegen die Blätter des Gebüsches schoss, erfüllte mich mit Freude und Erleichterung; Auch der Druck im Anusbereich ließ nach. Ich schüttelte ab, beugte die Knie, wie alte Männer es tun um den letzten Tropfen unverkrampft fallen zu lassen, und sah mit kurzem Blick an meiner Hose herunter: alles o.k.

 

Ich grabbelte in der Jackeninnentasche um mich zu belohnen.

Hinein damit; ja, den Schluck danach hatte ich mir redlich verdient. Den leeren Becher versenkte ich in einem Abfallkorb.

Vom Festplatz herüber zitterten sich Schallwellen Musik durch Bäume und Büsche. Reggae erfüllte den Park.

Ich wiegte mich im Takt, und je näher ich den Rhythmen kam, desto heftiger schlugen die  Basstöne in mir zu. Ich empfinde nicht täglich so, wie man sich denken kann; denn wer tanzt schon im Park so lala vor sich hin - doch heute war es genau der richtige Ort dazu.

Erinnerungen.

 

Früher hatte ich unter diesen alten Bäumen erste Freundinnen getroffen. Nicht weit von hier ging ich in die Schule.

Ja, auch jetzt ist mir, als wäre meinen Schritten eine alte Liebe nachgefolgt. Es wäre Zeit, und es ist zeit, denn noch immer kannte ich jede Stimme des Parks, - so, als lebte ich noch in solch einem Schülerleben.

Dem entgegen hatte mein jetziges Dasein zu wenig Bewegung; auch deshalb war alles so blass und farblos in mir. Vielleicht auch aus anderen Gründen, wegen der Trennung von Nora, oder der stinkigen Stadt, meiner Einzimmerwohnung - was weiß ich.

Ich weiß es deshalb nicht, weil ich mir darüber wenig Gedanken mache. Ich sehe nicht in fremde Fenster, rede nicht in unbekannte Ohren, - ich schreibe, seit fünf Jahren. Das war alles an Kommunikation.

Und dieses einsame Schreiben kostete auch meine Ehe; es verleitete mich, dass ich mich in meiner Einsamkeit wohl fühlte und irgendwie wollte ich das auch nicht anders. Ich genoss es.  Und dann war, plötzlich oder auch nicht, die Zeit der gemeinsamen Langeweile vorüber, einfach so. Seit dem lebe ich alleine vor mich hin.

 

Ja, ja, es ist wahr: ich mag halbseidene Gemeinschaften nicht. Mein Standpunkt, vollzogene innerliche Trennungen müssen auch realisiert werden. Denn wenn man trotzdem beieinander bleibt und aufmerksam und liebevoll miteinander tut, als wäre ein Riss nicht geschehen, dann kotzt mich das aufs Äußerste an. Denn es war ja immer etwas geschehen. Im schlimmsten Fall ist eine Liebe gestorben. Ob nun zum Zeitpunkt als man sich trennte, oder als man heiratete schon, als man sich kennen lernte, evtl., oder irgendwo dazwischen, dass bleibt die Frage. Mir nicht; denn ich will die gar nicht beantworten, dass muss schon jeder für sich tun. Und was ich noch weniger glaube, dass Mann und Frau nach einer Trennung ’gute’ Freunde bleiben können. Wenn man Glück hat kann man ’gute’ Erinnerungen bewahren, das ist aber schon alles.

Denn eine Trennung ist ein Abschied, ein Abschied eine Trennung, es sei, die findet auf dem Flughafen oder Bahnhof statt, wo eine Wiederkehr nicht ausgeschlossen ist. Jedenfalls, vor dem Richter eigenen Gewissens ist eine Trennung grundsätzlich endgültig, das hatte ich gelernt; oder man belügt sich, aus mir unerfindlichen Gründen, weiter in alter Manier. Jedenfalls sehe ich das so.


Ich musste schon wieder pinkeln. Ein Glück, dass ich noch ein paar Hauseingänge bis zur Vergnügungsmeile vor mir hatte.

In eines der schmuddeligen Hausportale stelle ich mich unbemerkt, dachte ich, und löse dort meine Pein ...

Plötzlich schoss kläffend ein Hund von hinten an mich heran, und ich musste beim Pinkeln lachen, las ich doch vorhin noch einen satirischen Artikel eines Schreibbruders, dessen Protagonist bei einer solchen Handlung von einem Dackel der Sack malträtiert worden war.

„Pfui!“ rief ich im Vorgefühl des Schmerzes.

„Du alte Sau!“ hörte ich als Antwort, „kannste nicht woanders hinpissen?“

„Wenn das so einfach wäre, gute Frau.“ Und dann war es passiert, beim raschen Einpacken des Geräts hatten zwei-drei Tropfen meine Jeans dunkel eingefärbt.

„Scheiße!“

„Nicht das noch. Ich hole meinen Mann, du Bettnässer, wenn du nicht augenblicklich hier verschwindest ...“

Nicht, dass ich diese paranoide Sphäre genoss, die ich notgedrungen hatte errichten müssen um meiner Notdurft nachzukommen; lieber hätte ich mein Intimleben anders geschützt. Doch diese Kuh, die mit Hund und ihrer Mutter spazieren ging, ihre Mutter war wohl eine verhinderte Wahrsagerin, denn die weissagte in sichtlicher Vorfreude: „der wird uns bestimmt noch seinen Schwanz zeigen!“ - der steckte ich die Zunge heraus, „nicht mal meinen Arsch, ihr blöden Weiber!“ und machte, dass ich wegkam.


Wenn überhaupt, würde ich die beiden Hetären als unheilige Familie in einer meiner Kurzgeschichten wiedersehen.

Darin würden die mich, den Helden, anklagen: „Der hat uns alles kaputt gemacht, hat unsere Seele beschmutzt“, würde die Alte sagen. Ein schwarzer Rahmen wäre ihre Fratze, darin ein verschachteltes grellstilles Bild, und sprachlose Worte am Ende, als ich mich nicht zu ihren Vorwürfen äußere.

 

Nach ein paar schnellen Schritten weg von ihnen, hörte ich sie hinter mir empört auflachen. Ja, ich werde den immer noch hinter mir her erbost pöbelnd Zanken ihre Anklage wegen Unsittlichkeit zurückschicken, dachte ich, denn ich musste weiter, was trinken, sonst ginge der Streit um meine Person noch bis über den Tod hinaus.

 

Der nahe, krachende Beat zog mich wie ein Staubsauger auf die Festmeile und schon stand ich mit einer Dose Bier in der Hand vor dem Podium der Rocker.

Einen sechzigjährigen Barden in engen Jeans, lässig die Gitarre umgehängt, mit einem Griff in die Seiten, mit dem anderen seine Hoden bespielend sah ich. Und ich wollte schon rufen, na Bruder, auch Pinkelprobleme wegen der Prostata?, als mir jemand von hinten irgendetwas in die Kniekehlen rammte.

„Menschenskind!“

Ich knickte nach hinten ein, und aus der Bierdose schäumte es über meine Hose und das T-Shirt. Immerhin konnte ich jetzt sagen, dass die Pinkelspritzer auf meiner Hose von daher stammten.

„He, Marschall!“ brüllte Wolle, ein Freund aus Jugendtagen, den Krach des Beats übertönend, in mein Ohr.

„Wolle, du Sack!“ Und ich strich mir die Bierreste aus dem Bart.

„Lange nicht gesehen, Alter.“ Und er steckte mir ein frisches Bierchen in die Hand.

„Warm wie Pferdepisse“ kommentierte ich sein Geschenk.

„Ich bin Selbstversorger; bei den Preisen hier ...“ und Wolle deutete auf einen winzigen Rucksack, in dem fröhlich Glas auf Blech klingelte.

„Ich hab auch nen Kurzen?!“ kam die Bestätigung. Feuchte Augen bekam er dabei, dem Schluck und meiner Retourkutsche gewiss.

„Ich weiß das du nen Kurzen hast, Wolle. Kurze Dinger wachsen auch im Alter nicht mehr.“ Wobei wir beide in brüllendes Lachen ausbrachen.

„Komm, Alter“ er wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln, drängte mir die Pulle Korn an die Lippen, „schlucken!“

„Halt bloß den Sack verschlossen, sonst klauen se dir noch dit Bier,“ verfiel ich in den lange nicht gesprochenen Berliner Slang.

Er zog am Rundumreißverschluss des Sacks das es knirschte und bemerkte: „Recht haste, die Raben sind überall.“

 

Erst jetzt sah ich Wolles Veilchen.

„Du hast dich nicht verändert.“

„Wieso?“

„Wegen dem da,“ und ich deutete auf sein rechtes Auge.

„Ja, immer rechts, ist mir auch schon aufgefallen!“ Und er brüllte wieder vor Lachen.

„Wer war’s?“ wurde ich meiner alten Sheriffrolle gerecht.

„Mensch, Marschall – uninteressant ...“

„Lass mich raten, - der ’Gepeickerte’, stimmts?“

„Hmm,“ grummelte Wolle, zwinkerte mit dem gesunden Auge - und blickte sekundenlang starr in die von weither aufziehende Abendwolken, als könne er dort den Freiflug des Adlers beobachten, der er wohl sein wollte.

„Soll ich mal ...?“ kam meine kleine Anfrage.

„Mensch, Marschall, du bist doch auch nicht mehr der Jüngsten Einer,“ versuchte er die Situation zu entschärfen.

„Ach weißt du, Wolle, was man bei der Legion gelernt hat, vergisst man so schnell nicht wieder...“ Und ich schlug zwei schnelle Jabs, wie Cassius,  als er schon Ali hieß, und sich für ’Rumbel in the Jungel’ und auf Foreman vorbereitete.

 

Doch Wolle hatte nicht ganz unrecht mit seiner Warnung, denn der ’Gepeickerte’, mit richtigem Namen Dieter, war eine nicht ungefährliche Nummer.

Seinen Spitznamen hatte er, weil er auf dem Penis den Namen seiner Freundin tätowiert trug. Und wenn er kein Geld zum Saufen hatte, zog er durch die Kiezkneipen und haute ungefragt sein gepeickertes Ding auf den Tresen. Einer war immer dabei, der gezwungenermaßen dafür einen ausgab.

Einmal geriet Dieter an den Falschen. Bei der folgenden Rangelei zog er ein Messer und rammte das seinem Widersacher in den Leib. Der Kerl verblutete in der Kneipe.

 

Als Dieter aus dem Knast entlassen wurde, “nach diesem verdammt ungerechten Urteil!“, beschwerte er sich bei jedem, den er kannte oder nicht, nachdem er also vier Jahre hinter Gittern verbrachte, und dort den Verlust mehrerer Zähne, die Absonderungszelle und unzählige Schläge ertragen hatte, war er natürlich auch seinen Job los. Das, und das Gefängnis, hatte ihn vollends um den Verstand gebracht.

Er fing an Wolle zu erpressen.

Beide waren Soziahilfeempfänger - bloß, dass Wolle noch einen Notgroschen besaß, den er bei seiner Fernfahrerei mit dem Verticken von sogenannten Transportschäden erwirtschaftet hatte, und dieses kleine Vermögen von ihm  auf dem Amt nicht angegeben wurde, von dem aber Dieter wusste.

 

Wolle zahlte also an Dieter.

Zahlte er mal nicht, schlug Dieter ihm auf die Fresse.

Also zahlte Wolle.

Vorgestern war es wieder so weit.

 

„Komm, Kumpel, lass dir doch helfen!“

Ne - Ne, du, das mach ich alleine,“ und Wolle ließ durch Jackenfutter und Stoff hindurch eine blinkende Springmesserklinge Zentimeter lang ins Freie schnellen, „... das hab ich seit gestern ...“

Auwei, es war ihm also ernst, sonst hätte er, der mit seinen Klamotten sonst so penible nicht seine ’gute’ Jacke ramponiert.

„Mann, Wolle!“ konnte ich noch sagen.

Doch der sagte nichts mehr, drehte sich um und ging.

Über die Schulter rief er fröhlich: „Man sieht sich,“ und winkte beidarmig. Mehr war vorerst nicht.

 

Mich erinnerte die Szene an den Film ’Verdammt in alle Ewigkeit’.

Dieter als sadistischer Quäler Fettsau, nur, dass er hier kein Gefängniswärter war, sondern Erpresser, dafür aber aussah wie Fettsau, und Wolle, dünn und bleich, wie weiland Frankieboy Sinatra auf Koks, der hier aber keinen malträtierten Soldaten gab, sondern einen geknechteten Sozialhilfeempfänger der Stadt Berlin, - und das Messer, Herkunft nur Wolle bekannt, und Dieter nicht davon wusste.

Das Alles frei nach Zille: ein Königsdrama im Trinker-  und Asozialenmiljöh.

 

Es war Zeit, Hans würde warten.

Bis zum Treffpunkt am U-Bahnhof waren es nur wenige Meter.

Ein Gang über Geröll, Gegröle, mit Musik, die mir plötzlich nur Krach war, mit Gedanken, die mich zum Arschloch stempelten - weil ich mich vor meinem alten Kumpel Wolle groß getan hatte. Und doch fühlte ich in mir drin ein großes Behagen, so unbequem auch die Gedanken waren. Ich war einfach zufrieden an nichts beteiligt zu sein. Ich musste nicht kämpfen, so wie früher. Ich konnte gleichgültig sein, denn ich gehörte nicht mehr wirklich dazu, und das tat wohl. Irgendwie war ich aus der Szene raus. Und ich hoffte, es würde so bleiben.


Ich stand dann zehn Minuten wartend am Treffpunkt. Hans war nicht zu sehen.

Ich ging die Treppen hinunter, auf den Bahnsteig.

Zwei Züge wollte ich abwarten.

Die kamen, wirbelten Staub auf, rauschten wieder aus dem Bahnhof - und nichts. Keine Spur von Hans. Ich wendete mich wieder der in naher Ferne tobenden Oberwelt zu und stieg mit dem Sturm der auf dem Gegengleis einfahrenden Bahn die Treppen empor.

 

Hinter dem U-Bahnhofeinstieg zog sich die Festmeile noch ein Stück gegen Norden. Eine irische Band spielte. Volkstänze wurden vorgeführt. Würstchen, Bier, irischer Whisky, ein Hund, der sich im Kreise drehte, um in seinen Schwanz zu beißen. Ich wünschte, ich wäre so gelenkig.
An einem Bierstand hatte ich mich ein paar Minuten lang mit einem flüchtigen Bekannten unterhalten, Frankie, und immer hatte ich den kreiselnden Hund im Blick.


Frankie war vor einigen Tagen von Schlägern verprügelt worden. Der Grund, er wollte seinen Würstchenstand Müller Ecke Seestraße nicht verkaufen. Eine exponierte Lage.

Ausländische Interessenten hatten ihm ein Angebot gemacht.

Ein lächerliches Angebot, meinte er - und lehnte ab.

Jetzt hatte er es sich überlegt. Er hatte Frau und Kinder, die Angst bekamen. Nächtliche Drohanrufe, die Autoreifen zerstochen, das Wohnungstürschloss verklebt, Scheiße im Hausbriefkasten, so war die Einschüchterung für die Familie tagtäglich buchstäblich mit Händen zu greifen, und auch darin, wie seine Freunde und Nachbarn mit ihm umgingen, als sie davon wussten, und ihn im Stich ließen.

Und so wollte er lieber gesund zum Arbeitsamt gehen.
„Ja, so ist das jetzt in Berlin, Marschall!“
„Scheiße, Frankie. Kauf dir ne Knarre,“ war mein Tipp.

Hinterher wusste ich, es war ein scheiß Rat, einer, um mich selber zu erhöhen. Es ist eine traurige Tatsache, dass ich mich nach alle der gelebten Zeit immer noch nicht selber kannte.

 

Die Unkenntnis über mich erstreckte sich nicht bloß auf mein Seelenleben, sondern auch auf eine tiefe Blindheit für andere. Und ich wusste, ich würde im Suff, der mir Betäubung brachte, endgültig verloren gehen, wenn ich meine Einstellung zum Leben nicht änderte, nicht die ganze komplizierte Wahrheit über Vergangenheit und Gegenwart aufarbeitete, den Robinson Crusoe endlich von der Insel brachte, und dieses eindimensionale Märchen ICH abschloss.

Die Gasse dahin war schmal, - aber ich musste hindurch.

Und weil die Gasse schmal war, musste der Pilot meiner selbst sich Zentimeterweise vorarbeiten, wobei er, wie ich fand, große Anfangsfähigkeiten erbrachte.

Es würde schon werden, war ich voller Hoffnung, schließlich hatte ich mir auch schon erfolgreich acht mal das Rauchen abgewöhnt.

Als ich, nun ohne Ziel, über die Feststraße spazierte, kam es urplötzlich zu einem wahnsinnigen Tumult.

Jemand hämmerte mit der Faust gegen die Seitenwand eines Bierwagens, trat in die herumstehenden Fässer, dass es schepperte, und brüllte dazu wie am Spieß, bis seine Freunde ihn wegzogen und dem danebenstehenden Budiker mit einer entschuldigenden Geste bedeuteten, sich nicht zu kümmern.

„Wir machen das schon, Alter, sorry!“

„Na, dann macht mal!“, war des Budikers gelassener Kommentar.

Zuvor hatte der Randalierer die Schankhilfe bedroht und angebrüllt, weil die ihm ein bestelltes Bier verweigerte.

„Der hat schon das letzte Bier nicht bezahlt!“ erklärte die Blonde Sie mit Schürze und rot dämlichem Schiffchen auf den Locken ihrem Chef.

„Soweit kommt’s noch, hier auf lau zu saufen,“ empörte der sich beinahe sprachlos, „wir sollten in Zukunft Vorkasse nehmen, Rita.“

Und Rita nickte so heftig mit dem Kopf, dass ihr extremer Busen wackelte wie der grüne Pudding, den der Fernsehrechtsanwalt Liebling mochte. Nach dem sinnlosen Wackeln atmete Rita tief durch, beruhigte im regelmäßigen Atmen so sich und ihren Busen, und schenkte dann weiter aus - wie zuvor.

 

Das ist es, dachte ich, Vertrauen musste man haben, darin bestand die große Leistung im Leben, - auf dem Vertrauensvorschuss.

Früher hatten wir uns im Spiel rücklings in die Arme unserer Mitspieler fallen lassen, reihum und einfach so, die Gruppe würde den Umfaller schon auffangen.

Wir sprangen hoch, so oft und hoch wir konnten, von irgendwo runter, in Arme und Hände, die einen hielten. Wir waren jung, mit uraltem ererbtem Vertrauen.

Waren dürre Hände weit über unseren hohlwangigen Köpfen, in zerlumpten Kleidern, die Füße in Schuhen mit kaputten Sohlen, die wir untereinander wechselnd für eine Weile anbehalten durften und die manchmal vor Alter und Schwäche auseinander fielen und zerbröselten wie alter Keks, dort oben, am Schillerdenkmal, unter den Kastanien, zu denen wir täglich gelaufen sind um vor den Erwachsenenblicken geschützt zu sein.

Dahin, in den Sommermonaten, im Frühling, Herbst und Winter. Und im Vertrauen darauf, dass uns dort nichts Böses passieren könnte, was uns woanders passieren konnte.

 

Inzwischen hatte ich mich an die Theke eines Ausschanks mit harten Getränken gestellt, und lutschte, dort an ein rostiges Stahlrohr gelehnt, zwischen Daumen und Zeigefinger Salz, Zitrone und Pfeffer.

„Sie wollten den Tequila mit Salz, Zitrone !und Pfeffer?“ fragte die Bedienung.

„Genau so, Lady,“ entgegnete ich vergnügt. Und wie ich dann mit vor Wonne tränenden Augen den Schnaps kippte, stand sie vor mir.

Eine Berolina, würde meine Mutter sagen. Eine Dame - bemerkte ich.

Sie war groß und sehr kräftig gebaut und hatte einen riesigen rosa Hut auf, durch den sich die sinkende Sonne so behutsam bewegte, als ob nie mehr von irgendwas Gefahr drohte, so beruhigend.

Sie trug ein blassgrünes Kleid, und sah, solchermaßen gestylt, insgesamt verboten aus, was die Kleidung für einen ’Rummelplatz’ wie den hier betraf - sie sah aus, als wenn ’Madame’ beim Pferderennen wäre.

Als sie meinen staunenden Blick bemerkte, glänzten in ihrem sanftbreiten Lächeln volle rote Lippen um hellweiße Zahnkronen.

Wie in Hollywood, dachte ich.

Ihre runde Figur, das trotz Alters glatte Gesicht, ohne jegliche Spur verantwortungslos gelebten Lebens, das unsere Kultur bei manch einem hinterlässt.

Einen frischen Teint, eine mit erektive Nase, hervorstehenden Wangenknochen, und eine intelligent wirkende Stirn besaß sie. Ihre rote Lockenpracht glich der dieser immer frisch frisierten Sängerin, Milva heißt die, glaube ich.

Und ihre Stimme raschelte bei der Bestellung eines Grappas, wie ein Strauß getrockneter Blumen, und sie sah mir, als sie bestellte, mit dunklen Augen direkt ins Gesicht.
Je länger ich sie beobachtete, desto mehr gefiel sie mir, ohne dass ich genau gewusst hätte warum, denn eigentlich war sie mir in allem zu gewaltig.

Eventuell war es ihre Unwirklichkeit - hier, oder der zweite und dritte Tequila.

 

Ich begriff nicht gleich, was sie wollte, als sie mich ansprach. Denn was ich lediglich wollte war, das ich ihr meinerseits gefiel, und ich wollte andererseits, dass mir an ihr etwas nicht gefiel, das ihr gefiel, - auch wenn es Nichts wäre, so widersprüchlich.

„Kann ich Sie zu etwas einladen?“ fragte sie zum zweiten Male.

„Ja, Zuckerwatte!“ stürzte es aus mir hervor.

Und ich blickte mit der Antwort durch ein Gitter, weit vor dieser Zeit, als ich Kind war und Zuckerwatte mochte.

„Zuckerwatte?“

Und ich sagte das Wort „ ja!“, das mit seiner signalisierenden Zustimmung unsere Welt verkleinerte, egal wo immer wir waren.

In diesem Moment hätte es gereicht auf diesem Platz neben der Bude zu liegen und in den Himmel zu sehen auf dem in letzten Strahlen der Sonne eben diese Zuckerwatte tanzte, rosa und weißer Bonbon, und wir uns mit spitzen Fingern davon Teile abzwackten.

 

In der Innentasche meiner Jacke knisterte das Manuskript für Hans, und da der nicht da war, ich es loswerden wollte, gab ich es ihr.

„Möchten Sie es lesen?“

„Was ist das?“

„Ein Romanmanuskript.“

„Sind Sie Schriftsteller?“

„Nein, ich schreibe nur Geschichten auf.“

 

Über uns zog ein Flugzeug seine Bahn, mit seinen Qualmwolken, dem unaufdringlichen Motorengeräusch hoch fliegender Maschinen - in Spuren, die mir ein ewig unsichtbarer Himmel vorgab.

 

Ich rollte die Finger meiner Rechten zu einem hohlen Rohr und blickte durch den  entstandenen Tunnel auf meine neue Rezensentin. Und sie spielte das Spiel mit und schaute ihrerseits - und wie es mir vorkam standen wir endlos so beieinander, uns betrachtend, auch wenn dieses Blicken nur einen Ausschnitt unserer Körperlichkeiten zeigte und nichts von unseren Seelen, - egal wie wir es halten und drehen würden, und ich fing darüber und aus Unsicherheit an zu lachen, und vor mir wurde es einen Moment schwarz.

 

„Bringen Sie mich noch bis zur U-Bahn?“

„Ja, gerne! Haben Sie’s weit zu fahren?“

„Bis Plänterwald!“

Und ich wusste nicht wo das lag ...

Sie hakte sich bei mir unter - und ich verspürte den Drang zum Pinkeln, eventuell wäre ich sonst noch ein Stück mit ihr gefahren.

 

„Ich höre doch von Ihnen?“

„Selbstverständlich.“

„Bis wann? Ich habe nämlich demnächst eine Lesung - und würde gerne wissen wie Sie meinen Text beurteilen.“

„Legen Sie darauf wirklich so viel wert?“

Und ich sagte wieder einmal „ja“.

Ich sagte dieses ’ja’ so unbedarft, wie ich kurz zuvor träumend in das Urvertrauen meiner Jugend eingetaucht war, wo wir nichts weiter hatten als das, und von dem mir mein Dasein in diesem Augenblick jetzt einen Ausschnitt zeigte.

 

„Ja, es würde mich freuen von Ihnen zu hören; meine Telefonnummer steht übrigens auf der Rückseite.“

Als die Bahn einfuhr wirbelten Zeitungsseiten vor ihr her, und die Unbekannte stieg, ihren Hut festhaltend, in den Waggon, und setzte sich so auf eine Bank, dass sie mich sehen konnte.

Ich winkte ihr zu. Neonlicht fiel schräg auf das Fenster hinter dem sie saß, blendete mich - und vor meinen Augen tanzten graubleiche Staubkörnchen Walzer.

Trotz des Drecks sah ich wie sich im Kernschatten ihres Hutes ihr Mund bewegte, und ich war sicher sie sagte ihren Namen. „Renate!“ formten ihre Lippen tonlos, „Renate ...!“

 

Zum zweiten Mal heute und wieder leidlich deprimiert stieg ich aus der Tiefe ins Helle.

Der Lärmpegel auf der Meile hatte erheblich zugenommen, es war dunkel geworden und im huschenden Scheinwerfergewusel steckten schattige Finger. Ich verspürte Durst und wusste, dass ich dringend pinkeln musste. Und wiedereinmal war ich für die tausenden von Eckkneipen dankbar; die gab es eben nur in Berlin ...

 

Als ich ein Bier, einen Korn bestellt hatte, ging ich aufs Klo.

’Spanische Gitarren’, klang es aus der Box in der Ecke und aus dem Lautsprecher auf dem Örtchen schallte hohl das dazugehörige ’Ole!’

Als ich von der Toilette kam war der Schnaps ganz, das Bier zur Hälfte getrunken.

Am Tresen rekelte mit schief grinsender Visage ein auf dem Unteram mit einer Schlange tätowierter Goldzahn. In der Rechten fingerte er mit sanften Klicken eine Endloskette aus Perlen oder Kernen durch. Auf dem Kopf hatte er eine mit orientalischen Motiven bestickte Strickkappe. Erwartungsvoll sah er mich an.

Heute nicht, dachte ich, zahlte und ging.

’Griechischer Wein’, dudelte es hinter mir her, und ich summte den Refrain mit: „... und wirst ewig ein Fremder sein ...“

„Das war ja ein Arschloch ...!“ hörte ich noch, als sich die Tür hinter mir schloss.

 

Noch vor wenigen Wochen wäre ich zurück gegangen und hätte ...

Scheiße dachte ich jetzt nur: Scheiße!

Obwohl, in mir steckte eigentlich nie eine Verweigerung gegen das Wiedererkennen meiner Selbst, gegen Gewalttätigkeit, die ich wie Luft zum Atmen brauchte und die ich früher immer auch rausließ.

Ein Himmelflug, diese Gewalt gegen mich, gegen Leute und Sachen die in meinem Leben wichtig waren, die das Denken und Erinnern bestimmter Begebenheiten in mir auslösten.

Und während ich in diesem Moment frei davon und offen im Geist über die Promenade voll fröhlich trunkener Menschen stolperte, immer bemüht Unebenheiten auszuweichen, die mich zu Fall bringen könnten, begegneten mir manche dieser abstrusen Vergangenheiten.

Mal eine Frau, mit der ich geschlafen hatte, mal ein Kumpan der Schulzeit, mal einer, dem ich meine Überzeugung aufs Maul gehauen hatte.

Manche von denen biederten sich ekelhaft an, die tat ich ab wie lästige Fliegen, wischte ihre Floskeln: „weißt du noch?“ in die Pfützen schalen Biers, die sie bestellten, um vertraute Vergangenheit herzustellen.

Doch manchmal, aus einer Laune heraus, stellte ich mich zu ihnen, und genoss trotz innerem Wiederwillen den aufkochenden Sud verflossener Tage, die damaligen Aufregungen und Leidenschaften, die Leiden ohne Schaften, und ihre Stimmen und gesagten Sätze waren Töne an einer abrollbaren Hundeleine.

Dazu ihre knorpeligen Ohren, die traurig hängenden Nasen, die schmal wulstigen Lippen, diese voll Schweinebraten fetten Bäuche, die schwer tropfigen Titts unter aufgerissenen Hawaihemden, die abmalochten Gerippe, um die heimgezüchtete Kleidermotten des letzten Sommers Polka tanzten.

Und dann noch diese pfundschweren Wasserhoden in ausgebeulten Jeans, diese ausgeleierten Pinkelrohre, die unablässig in Ecken neben den Trinkbuden pissten; und in Gesamtheit dieses absolute Kaleidoskop siechgichtiger ’Morbus Croner’, die schon längst auf den Schrottplatz des Herrn gehörten und nur aus Faulheit und Sauflust hier noch rumstanden.

Pfui Deibel.

Ja doch!, ich roch ihr sterbende Altertümer, die Kadaver zwischen Plüschdecken und hundertjährigen Handtüchern, die schwitzigen Leiber in Makounterwäsche. Und ich hörte die platschenden Töne ihrer Tränen über Mord und Totschlag am Sein, ihr klagend, blökendes verkommenes Unmenschsein in jedem Wort, - das sich an Weihnachten mit einem Los für ’BrotfürdieWelt’ freikauft.

Ach, was für eine Welt - diese Kirmes. Und mich kotzte dies zum Sterben geborene lustige Leben an, - dies ihre, wie meines.

 

„Eine Runde doppelten Schnaps - aber schnell - schnell!“

„Ja, sofort, Meister!“

„Los Leute. Augen zu, und runter den Scheiß!“

Und dann sah ich wieder in Augen, roch Atem, las Gedanken.

Und ich besichtigte, witterte, wusste: nur wenige der Erinnernden sind irgendwann aufmüpfig geworden. Die meisten hatten sich in ihr unaufhaltbares Schicksal, wie sie meinten, fallen gelassen. Einige waren überhaupt nicht mehr vorhanden, die hatten sich am Leben kaputt gespart und waren erstaunt über die, die sich nicht damit abgefunden hatten - nur dazusein um zu funktionieren. Die wunderten sich, dass der oder jener immer wieder aus der Reihe tanzte.

Genau die reklamierten auch nicht zu Gunsten derer, die deswegen auf der öffentlichen Anklagebank saßen: Nein, von denen ist auch mir keiner vor Gericht erschienen. Den Einzigen, den es aber deswegen für mich abzustrafen galt, dass war ich selber, und das im Rückblick auf längst Gewesenes. Gut, es machte es zwar nicht besser, aber es reichte mir ab und zu.

Nicht, dass ich mich deswegen Stolz in den Zimmern meines Hauses umschaute. Nein, das Haus war meist kalt und leer und nur in bestimmten Momenten so bewohnbar wie ich es mir vorstellte. Mein Besitztum daran war lediglich das Aufschreiben von Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukunft - diese unnütze Arbeit, und auch einen Menschen mit weniger Fantasie und Realitätssinn als ich, konnte diese Arbeit binnen Sekunden in tiefe Depression versetzen.

Auch deshalb trank ich, um nicht verrückt zu werden. Deshalb schrieb ich, um trinken zu müssen, um nicht verrückt zu werden.

Deshalb - um mich ertragen und bekämpfen zu können. Und ich war bei Weitem nicht alleine.

Doch leider, die beim Trinken entstehenden Lücken in den Gedanken, die abgesperrten Ideen, durch die mir das Aufschreiben unbeobachtet gelingen konnte, die fand ich betrunken nicht, und ich hatte mir deswegen angewöhnt dann nicht zu trinken, nicht, wenn ich an einem Projekt schrieb, ich trank davor und danach - doch meine Angst blieb und wuchs, dass ich das davor und danach irgendwann nicht mehr rechtzeitig erkennen könnte, und verblöden müsste.

Doch damit musste ich leben, wie jeder; und dass war nicht das Schlimmste - was einem passieren konnte, doch schlimm genug.

 

Obwohl mich niemand zur Eile drängte, wurde es Zeit.

Nicht schlecht gelaunt über das hier erlebte, bewegte ich mich auf das Ende des Teils der abgesperrten Strecke zu. Von weitem sah ich hinter den rotweißen Absperrbändern schon die ganz Abstrakten lungern.

Und während hier noch das hundertfache Vergnügen tobte, starben dort drüben die ewig Missmutigen, die, die nicht mal ein solches Fest aufmuntern konnte.

Zu einem Scheidebecher, direkt am Ausgang, an einem Kiosk wie einem Bierpilz, versammelten sich die immer noch Durstigen, und die schon wieder traurig Lachenden.

Ich stellte mich kleinmäulig dazu.

Und wie ich den Schnaps kippte, sah ich einen Feuerwehrwagen mit blinkenden Lichtern und jaulendem Ton davonstieben.

Auf der gegenüberliegende Straßenseite trieben drei Polizisten einen gebückt laufenden Menschen zu einem mit laufendem Motor wartenden grünen Kastenwagen.

„Mensch, ihr Scheißbullen, nicht so fest ... !“ quengelte eine Stimme - die ich einwandfrei als die Wolles erkannte.

„Beugt das Arschloch weiter!“ hörte ich den Befehl des hinter dem Rudel laufenden Polizisten. Die hatten dem Menschen -Wolle- die Hände auf den Rücken geschlossen und durch das Armjoch in den Abführgriff genommen.

Sonst war Ruhe. Nur der Zapfhahn zischte seinen Speichel im ewigen Spiel.

„Was ist passiert?“ fragte ich den links neben mir Stehenden.

„Was weiß ich, Alter ...“ und der drehte sich weg und blickte stier einer jungen Blonden mit superkurzem Rock hinterher.

„Da hat jemand sonem Dicken ein Messer in die Wanne gestochen,“ meldete sich ein rosiges Trinkergesicht rechts von mir ungefragt.

„Aha, und - ist der tot?“

Nee, noch nich ..., der japste noch!“ empörte der sich.

 

     Ich hatte genug intus. Immer diese wirren Gedanken, wenn ich genug hatte.

Links herum, die Barfußstraße Richtung nach Hause nahm ich unter die Sohlen. Und im defilieren wollte ich gleich mal sehen, ob sich in Gretas Kneipe in den Jahren etwas verändert hatte.

Außerdem brauchte ich dringend ein Klo.

Einer solch peinlichen Situation wie der vorhin, mit den beiden Weibern und dem brünstigen Hund, der wollte ich mich nicht noch einmal ausgesetzt wissen.

Inzwischen war es stockdunkel. Die Straßenbeleuchtung schwächelte gelblich und ein früher Mond kroch spitz aus leeren Fensterhöhlen.

Die sonst um die Zeit lebhafte Straße war wie ausgestorben, die Gehwegsplatten fast durchgehend in Geröllfelder verwandelt, - als ob ein Panzer darüber gefahren wäre. Und entfernt waren Schüsse zu hören.

Wie das möglich war, fragte ich mich: Panzer, Schüsse. Krieg?

 

Eine Haustür stand halb schräg offen; und die war in Kniehöhe fußballgroß eingetreten.

Ich konnte einen Blick in den Flur tun.

Ein schiefes Regal aus Kiefernholz, zersplitterte Bretter einstiger Schrankeinlagen und anderes liederlich zertrümmerte Mobiliar lagen dort. Jede Menge alter Zeitungen und leere Schnapsflaschen, umspielt von Staubflusen. In Scherben schmutziges Geschirr, wie von einem vergangenen Polterabend, das verstärkte die Vergänglichkeitsstimmung in mir. Und am Boden - vor dem allen, eingewickelt in einen speckig glänzenden Teppich, lag eine alte Frau und weinte.

„Kann ich ihnen helfen?“

Die Frau greinte mit hoher Tonlage, sonst nichts.

„!Kann-!ich-!helfen?“ fragte ich nochmals und deutlich, - als ich plötzlich eine gesichtslose Stimme wüten hörte, die anscheinend aus dem Kellersack zu kommen schien: „Hau bloß ab, du Penner, sonst polier ich dir die Fresse.“

Komisch, es war mir heute schon das dritte Mal passiert, so angepöbelt zu werden, und ich wusste nichts dazu zu sagen; ich war irgendwie nur erschüttert über die Verkommenheit, die sich in der relativ kurzen Zeit meiner Abwesendheit wie ein asiatischer Grippevirus vermehrt hatte. Wodurch eigentlich?

Weshalb war der sonst friedliche Wolle mit einem Messer unterwegs, und hatte das auch skrupellos eingesetzt, um einen Widersacher töten zu wollen.

Vielleicht lag es am Namen: ’Wolle’ wollen immer, dies Spiel spielten wir früher ..., weshalb hatte er sich heute nicht von mir helfen lassen, wieso diese alte Frau nicht? Diese Fragen, und keine Antworten.

 

Ich zog, so weit es ging, die Tür zu und ging weiter, Richtung Gretas Pinte. Ich freute mich auf ein frisches Bier und ersehnte das Klo.

Die Kneipe war leer, nur Greta hinter dem Tresen. Die putzte Gläser.

Sie sah nicht auf, als ich eintrat.

„Wie immer, einen für'n Fünfer?“ fragte sie blicklos.

„Ja, wie immer, Greta, und ein Bier,“ antwortete ich einigermaßen fassungslos und ging gleich nach hinten durch, direkt auf die Toilette.

Mit einem kurzen Blick stellte ich erleichtert fest, es hatte sich hier nichts Wesentliches verändert; na bitte, wenigstens hier nicht. Hier roch es immer noch streng nach frischen Pinkelsteinen, und auf dem Fliesenboden lag wie immer ein Haufen Rollen unbenutzten Klopapiers, die im Luftzug hin und her kollerten.

Die Schublade des Kondomautomaten stand offen, und an der Wand hing das ehemalige Zierstück der Wirtsstube: der abgeschlagene Sandsteinkopf einer Götterstatue.

 

     Ein antikes Stück, mahnte uns Greta früher zur Erfurcht, wenn wir 'dem Kopp' eine Zigarette anpappen wollten.

Hier war der 'Kopp' neu, und anscheinend hatte er sich das Rauchen abgewöhnt, denn er trug statt Zigarette ein gebrauchtes Kondom hinterm Ohr.

Als ich die Tür zum Kabuff aufklinkte lagen dort, auf dem Klodeckel und wie unberührt in den Jahren, die eingedunkelten halbzerfetzten Aktfotografien, die früher manchem als Onanievorlagen herhielten.

Mich hatte immer gewundert, wie man es fertig brachte zu scheißen und gleichzeitig zu wichsen.

Ich ging wieder nach vorn, in die Schankstube.

Greta putze immer noch Gläser. Doch wenigstens mein Bier und das große Glas Schnaps standen am Platz, als mir auffiel, dass der Kachelofen fehlte.

„Mensch, Greta, der Brocken ist ja weg.“

„Der ist schon über ein Jahr verkauft.“ Den Blick hob sie dabei immer noch nicht.

„Verkauft?“

„Ja, verkauft. Harri, du kennst ihn doch, - das ist der, der sich beim Wettweitsprung vom Ofen das Bein gebrochen hatte damals, der hat den gekauft!“

„Harri?“ Ich war wie blöde.

„Ja der! Und vorgestern isser gestorben.“ Ihr Blick blieb bei den Gläsern vor ihr, und ich glaubte sie leise weinen zu hören.

„Harri?“

„Ja!“

„Dann gib mal noch einen für'n Fünfer!“

Und ich erinnerte mich, wie wir seinerzeit, an Greta war noch nicht zu denken, einer nach dem anderen zwischen Wand und Ofen, und von den anderen Gästen ungesehen, 'Mücke' bumsten.

Erst am Kicker, dann am neu eingestellten Flipper spielten wir 'Mücke' aus, die begeistert mitspielte und bestimmen durfte, wer ihn ihr zuerst rein steckte. Was für ein Gejuchze, was ein Spaß.

Dann wurde sie schwanger und bald darauf auch achtzehn Jahre alt, beides kein Wunder - eigentlich.

Harri hatte 'Mücke' schleunigst geheiratet, der Egoist. Und nun besaß er auch noch den Ofen - und war tot, wie 'Mücke', die schon vor fünf Jahren starb. Lungenkrebs.

Sie hatte schon immer schlecht Luft bekommen, im Stehen, in dem Stauraum zwischen Kacheln und Wand - besonders im Winter.

Ich hatte längst den Gedanken gefasst, nach Hause zu gehen, denn Greta hing ihrem eigenen Rückblick nach, und diese schweigende Kommunikation, dieses unablässige Gläserputzen nervte mehr als es erheiterte.

„Zahlen, Greta!“

Beim Griff nach der Börse, die in meiner Gesäßtasche steckte, einer Unsitte, die mich schon mal alles an Papieren und mitgeführten Geld kostete, drehte ich mich um und sah beim Blick über die Schulter aus dem Fenster - genau in das Gesicht von ’Mückes’ Tochter, die einen jungen Mann mit sich führte, so achtlos, wie eine ungern getragene Handtasche.

 

Angie hieß die mittlerweilen junge Frau. Ich kannte sie noch als Kind.

Sie war ein besonders hübsches Kind, und jedes Mal wenn ich sie sah, suchte ich in ihrem Gesicht nach Ähnlichkeiten, die eventuell mich als ihren Vater verraten würden.

’Mücke’ hatte in einem mittelschweren Vollrausch einmal eine derartige Andeutung getan.

Wie ich später hörte, tat sie diese Anspielung jedem von uns Dutzend; so konnte sie manche Nacht ohne zu zahlen durchsaufen.

Als sie in die Jahre gekommen war, wurde sie nur noch betrunken gemacht, gefickt nicht; nur von Harri noch, aber der musste ja, und der jedem deswegen erklärte: „Meine ’Mücke’ ist immer noch der beste Ficker, der mir je vor die Rute gekommen ist.“

Was sollte er auch anderes sagen.

„Sag mal Greta, hat Angie einen neuen Freund? Die war doch eine Zeitlang mit Dieters Sohn zusammen.“

„Mann, du weißt Tatsache auch gar nichts! Dieter hat ihm die doch weggebumst ...“

„Wirklich?“

„Jawoll; das Verhältnis zwischen den beiden hielt sogar über ein Jahr.“

„Und der Sohn?“

„Harald hat sich in die Legion gemeldet, danach war dunkel. Sein Alter trauerte ihm sowieso nicht nach; du weißt ja, wie er in den Knast musste, danach war er sowieso ziemlich malle.“

 

Greta hatte sich allerhand rausgepresst. Doch kein Wunder, Dieter war immer ein Thema für sie.

Man erzählte sich eine Zeitlang, dass sie mit ihm ein Verhältnis hätte, bis es ihrem Alten zuviel geworden war, und er Dieter für die Kneipe Hausverbot gab.

Irgendwo anders gab es dann ein ’Showdown’ zwischen beiden. Einer landete in der Ausnüchterung, der andere im Krankenhaus. Wer es besser getroffen hatte blieb offen.

Ich jedenfalls packte meine Gedanken an früher ein und konzentrierte mich, halb betrunken wie ich war, auf den Weg durch den Park. Und da der Mond leidlich Licht gab, war mein Weg erkennbar, auch ein günstig stehendes Gebüsch, - denn ich musste schon wieder.

Es kann durchaus gemütlich sein in freier Natur vor sich hin zu strullen; ein Gefühl von Freiheit und vergessener Evolution.

In das Geräusch meines Abstrahlens hörte ich das Maunzen einer Katze, so schien mir.

Den Pisser fest in der Hand haltend, tauchte ich tiefer in das Gebüsch ein und sah, an eine Birke gestützt, ein Paar beim Ficken.

Von ihm sah ich den breiten Rücken, die runden Arschbacken, die herunter gelassene Hose über den Schuhen. Sie hatte ein Bein um seine Hüfte. Einer ihrer Schuh lag auf der Erde, der andere stak in seinem Hintern. Ihre Arme um seinen Hals, die Hände zum Knoten verschränkt. Ihr Gesicht, die umflorten Augen, an seinem Kopf vorbei, sahen mich an. Ihr Mund zuckte vor neuer Lust, als sie sah, wie ich in kleinen vorsichtigen Schritten näher kam, mein inzwischen erigiertes Glied in der Hand.

Ich muss sagen, ich habe ein wirklich gutes Ding, ein blank geöltes Prachtexemplar, an dem ich täglich mit einer speziellen Creme Hand anlege. Man weiß doch längst, dass Haut im Alter unter Feuchtigkeitsverlust leidet und intensive Pflege benötigt wird um diese möglichst lange jung und geschmeidig zu erhalten. So glänzte meiner, dunkel wie eine reife Kastanie und vielversprechend die in Erregung aufgesperrte Eichel, - der beeindruckende Hauer eines alten Ebers.

Und Angie sah mich - und ihn in Aktion.

Als es mir kam, es dauerte nicht lange, schoss ich dem Macker das Ejakulat auf die an der Erde liegende Hose; der wird sich wundern. Angie streckte ich die Zunge heraus und wedelte damit wie ein liebeskranker Köter. Als Antwort hörte ich laut „ja-ja-ja-jaaa ...!“ Und stöhnen, als ich mich davonmachte.

 

Es sind diese Tage, die das Leben lebenswert machen, diese Nächte, wo man meint noch einmal etwas erlebt zu haben, wo man ein Zipfel jenen Glücks zugeteilt bekam, dass man meinte die Welt retten zu können.

Es war wie früher. Zufrieden über diesen Tag, über das was ich getan hatte, und schreibend noch machen würde, ging ich ins Bett.

Bald sollte die große Stunde kommen: die erste Lesung meines Romans, und darauf freute ich mich - und träumte davon.


Vom Leben, vom Essen, Trinken, vom Lieben wird die Rede sein, wie immer; und ich erinnere mich genau: mein erster Roman zum Thema war fast fertig. Aber eben nur fast: es fehlte ein guter Anfang, ein spannendes Mittelteil, ein ergreifender Schluss.


Geschrieben hatte ich das Konstrukt an der Elbe, in einem Dorf im Landkreis in Lüchow-Dannenberg, wohin ich, aus Berlin geflohen, gezogen war. Es war so, dass ich diese laute stinkende Stadt von einem Tag auf den anderen einfach nicht mehr aushielt, also packte ich meine Klamotten, fand ein Haus, dieses Haus und fühlte mich erst mal Zeit besser als in der Stadt. Und dort, im Dorf Landsatz, unter dem Dach meines Traumhauses, einer alten Schule aus Backstein mit Schatten spendenden Bäumen drum her um, hatte ich den schon erwähnten Plot erträumt.

Alles geträumte währt nur kurz, wie immer eben. In ’Landsatz’ währte die Konfusion zwei Jahre. Und Persönliche Umstände trieben mich von dort weg, erneut hin zum Moloch Berlin.

Wir schreiben das Jahr 2000; würde der Chronist sagen. Mir war wichtig, das ich den halbfertigen Roman aus dem mich letztlich umgebenden Chaos nach Berlin gerettet hatte. Ich zog in eine kleine Wohnung, im Kiez, den ich von Jugend ab kannte, und schrieb am Roman weiter. Nach kurzer Zeit stellte ich fest, es war wieder nicht wie ich dachte. Es war betreutes Wohnen im Schreiben, verursacht durch die von den erwachsenen Kindern meiner früheren Freunde erwarteten Anbiederungsversuche ins Seniorenheim an der Ecke, in dem schon ein paar Kumpel von früher eingezogen waren und dahin vegetierten.

Diese alten Kameraden waren eine Handvoll mir gut bekannter Haschraucher und Sauftalente, die vor dreißig Jahren schon so vergreist aussahen wie heute und dennoch ungebrochen versuchten diese schon immer altgelebte Jugend idealtypisch darzustellen. Auch deswegen hatte bei uns Spotten über jedwede Po- oder Impotenz lange Tradition. Die, und deren Kinder erwarteten nun von mir Betreuung in Form seichter Unterhaltung, - also Suff, Sex, und Rock’n Roll.

Doch das gab deren und meine Konstitution längst nicht mehr her. Nicht die der Kinder, noch die der Alten. Eher eine Runde wie im Plenum des Bundestages waren wir. Ich stand denen vor, und die Kinder der ehemaligen Rabauken waren zufrieden, denn ich gab den jungtuenden Senioren Ratschläge was zu tun und zu lassen war. Zu lassen war eigentlich nichts, und zu tun gab’s auch nichts. Es blieb also wie es war, alle waren zufrieden und machten weiter wie bisher, taten nichts, wo hinten positiv was rauskommen würde. Ich machte mit. Tat ich das nicht, nahm mir Zeit für mich, - ich hauste zwischen unausgepackten Umzugskisten und das würde immer so bleiben, bloß dass wusste ich noch nicht!, -  schrieb ich, und las ab und an ein Buch, u.a. ’Der Notbehelf’, von Wolfgang H.

Den Autor rief ich daraufhin begeistert an, der lebte auch in Berlin, und irgendwie fühlte ich mich durch die von ihm geschilderten vollen Umzugskisten, die in seiner Bude aufs Auspacken warteten, bestätigt. Seine geschilderte Lebensliebesleidenskotze, die meiner verdammt nahe kam, machte uns augenblicklich zu Spezis - meinte ich. Und so traf ich also meinen Bruder im Geiste in seiner Stammkneipe in Prenzelberg.


Zwei Seiten meines Romans las er, schnippte Zigarettenasche darüber, absichtlich oder nicht, dazu ein halbvolles Schnapsglas zum Ablöschen eines mittelmäßigen Brandes an den Ecken des Manuskripts, und versprach das Gesamtkunstwerk an seinen ’alles’ verstehenden Lektor zu senden.

Meinem Hinweis, dass das unmöglich ginge, dass das Manuskript äußerlich schließlich total versaut wäre - und die inhaltlichen Werte darunter litten, war mit dem Bemerken des ’Allesverstehendenlektors’ und der Bestellung einer Lage Bier und Korn außer Kraft gesetzt.

Darauf gingen wir endgültig zu diesem wichtigeren Teil über, rauchten, tranken und wehrten andere Trunkenbolde ab, die sich an unserem Tisch niederlassen wollten um auf das Manuskript zu kotzen, wie H. vermutete.

Der musste es wissen, war er doch hier Stammgast. Trotzdem: ein sympathischer Mensch, dieser H., der wusste eben worauf es ankam, fand ich auch am nächsten Morgen noch, und entdeckte zwei Kopfschmerztabletten in meiner Hosentasche, einen Bierfilz, mit Gruß von ihm, was mich in meiner positiven Annahme bestätigte.

Gehört hatte ich von ihm seit dem allerdings nichts mehr; nie etwas von seinem Lektor, vom Verlag. Monate später las ich, er hat den Bücherpreis erhalten.

Nicht schlecht für jemanden aus der ehemaligen DDR und der aus einem Ort Namens Meuchelfilz kommt (nat. heißt der Ort nicht so - aber so ähnlich. Muss man denn alles immer beim richtigen Namen nennen?); und evtl. erhielt er den Preis genau deswegen ...


Unwichtig. Alles war so unwichtig. Ich hatte Geld und konnte leben. Halt! Das Letzte stimmte ja so nicht ganz. Ich hatte ja neben den jungen Senioren und H. noch jemanden Anderen kennen gelernt, und das begrenzte meine eben gewonnene Freiheit schon.

 

Das mit dem Kennen lernen kam so: In DIE ZEIT gab ich, kaum in Berlin und schnell ernüchtert von meiner Einsamkeit, eine Annonce auf.

Text: Viriler Mann sucht ...

Es meldeten sich zig fast virile Frauen mit Bild, Kindern und Hunden. Und ich hatte Wochen zu tun, die ohne Kinder zu treffen, denn die mit Kindern, die wollte ich absolut nicht, ich hatte genug mit mir zu tun. Dann, nach vier Wochen suchen und probieren hatte ich weites gehend die durch, die ich sehen wollte, und lernte dann, also fast zum Schluss, Giselle kennen.


Giselle stand da, am Treffpunkt, um von mir mitgenommen zu werden, wohin auch immer.

Sie war sehr weiblich, ich roch es gleich, hatte keine im Haushalt lebenden Kinder, keinen Hund, nur einen Wellensittich, der mir bei späteren Essen in ihrer Wohnküche auf die Spagetti schiss.

 

Wir verliebten uns gleich beim ersten Treff, hielten Händchen (die Präsexualität des Alters, meine ich heute). Und, beim zweiten Treffen, zwischen den Umzugskisten in meiner Bude, wollte sie meine Virilität testen.

Allerdings ging das in die Hose.

Ich markierte einen Krampf in der Wade; eine in letzter Zeit erfolgreiche und deswegen immer wieder geprobte Nummer; sozusagen ein Nichtakt im besten Schauspielsinn; denn bei Weitem hatte ich in letzter Zeit zu viel Alk, zu viele Schmerztabletten, und zu wenig gevögelt - und das waren auch schon die erwähnten persönlichen Umstände.

Und hier gleich noch ein zusätzlicher Hinweis für Vojeure: nur mit kräftiger Handmassage brachte ich noch was auf den Weg, und die Massage tat ich mir selber; ich war es eben über Jahre so gewöhnt und ich finde absolut nichts Schlimmes dabei. Doch das ist eine andere Geschichte. Also, zurück.


Mein erster Roman war fast fertig. Titel: Drinnen ist wie draußen, - was nichts mit der Vögelei und so weiter zu tun hatte, und ich war ähnlich fertig, wie schon erwähnt. Kaputt durchs Schreiben, Alk., Tabletten und hatte eben ’Sie’ kennen gelernt. Giselle.

Die machte mich ab nun und später noch fertiger. Doch das ist eine andere..., denn ich will doch über meine erste Lesung berichten. Grund: weil jetzt erneut ein Angebot in dieser Richtung vorliegt. Also Berlin. Erste Lesung.


Die Lesung sollte in einem Sozialprojekt in Berlin-Mitte stattfinden. Und die Eintrittsgelder an die Stiftung - auf welche Weise auch immer - gefährdeter Jugendlicher gehen.

Das war mir recht, denn ich war mein Leben lang, zumindest bis heute, ein wie auch immer gefährdeter Jugendlicher.
Vermittelt wurde die Lesung von einem befreundeten Altknacki, der zu Gott gefunden hatte - und das auch, wie auch immer - über die Kirchengemeinde in Berlin Wedding, in deren Chor er mitbrummte.

Ich bemerkte, als ich ihn das erste mal singen hörte, im Knast hatten wir in einer Mannschaft Handball gespielt, dass er sang wie er Handball spielte. Er gab einen mäßigen Bassbariton, und lediglich die Kirchenfenster gaben zitternd Applaus, wie damals die Zellengitter, und das vor Angst, einen Sprung zu bekommen.


Ich war völlig unaufgeregt, als ich am vorbereiteten Tisch Platz nahm, das Manuskript in der Hand.

Ein Rotweinfleck war darauf, denn ich hatte in einer Pinte noch einmal den Text durchgesehen, als ob noch was zu ändern wäre - wie der Wein. Ich muss sagen, der Wein war mir eh wichtiger.

Fremde und Freunde waren zur Lesung gekommen. Auch Kollegen von Giselle. Alle Stühle besetzt. Es roch unangenehm nach kaltem Rauch und Urin. Dem Gestank von Matratzen, die an einer Wandseite lehnten und auf denen des Nachts Obdachlose poften.

Jeder der Anwesenden hatte den zu lesenden Text vor sich, der schon nach kurze Zeit Geruch und Farbe des Vortragsortes angenommen hatte.

Giselle hatte mir Tage zuvor aufgeregt berichtet, dass sie Flyer (ich hasse diesen neumodischen Ausdruck) an ihrem Arbeitsplatz, der Universität, ausgelegt hatte - und deswegen war es so voll von ihren Kollegen, die wohl alle neugierig auf mich waren. Und sicher wollte sie auf mich stolz sein, - auf mich, der sich in diesem versammelten Gestank verschleimte Borke aus müden Manuskriptseiten kratzen wollte; schon da kamen mir erste Zweifel woher die Qualität und die Wahrheit des Wortes kommen sollte. Ich hatte wohl lediglich geträumt -wiedereinmal - , dass mein geschriebenes Wort etwas galt.

Doch es war eher so, dass jedes Bild, jeder Satz, nur für sich selber Kontur hatte, und sogar der Tod nur von allgemeiner Flüchtigkeit war. Und das bedeutete: ich las nur für mich, den eigenen Augenblick, für meinen verlorenen Traum des mitleidlosen Sterbens. Und dann, als ich las, las ich eben -für- mich. Und Sie hörten und verstanden in diesem Moment -nur- mich; - was für eine Macht.

Es ging im Text nicht um das schöne neue Leben im vereinten Deutschland, nicht um Essen und Trinken, ums Lieben, wie ich geplant hatte, als ich noch nicht in Berlin lebte. Jetzt und hier ging es um die Stadt. Um Gewalt. Um Saufen und Ficken. Um den allgegenwärtigen Knast. Nur das, wenn man nicht dazwischen hörte. Doch sie hörten dazwischen. Und Giselle - die hörte, dass ich problematisch bin. Das ich sogar in ihrer Gesellschaft immer für mich bleiben werde. Ein Wolf, der einsam jagt, und auch alleine stirbt.

„Lupo!“ weinte sie - nur mir hörbar. Und Bestätigung erhielt sie von ihren Kollegen, die mich genau so sahen.

Ja, dass die mich alle unter Zuhilfenahme meines Textes durchschaut hatten. Mich; die Persönlichkeit hinter heruntergelassener Jalousie. Die Seele ein Leben lang frierend unter einer Wolldecke versteckt; ... einen Tatsachenbericht las ich nämlich, - mein Leben. Das schreckte ab. Und ich konnte ihr nicht sagen, dass ich auch mich abschreckte, das ich deswegen trank, mich betäubte, mich in obskuren Kneipen schlug. Also schwieg ich darüber, las, - schreibe am Stoff neu, und höre nie auf.

Nach der Lesung lud ich meine Gäste zu einem Umtrunk in eine Destille ein. Und endlich, als ich genug intus hatte, wärmte eine babyhafte Zufriedenheit mein Herz. Darauf hatte ich sehnsüchtig den ganzen Abend gewartet. Und dann wurde es eine lustige Fete - ohne Giselle.

Irgendwann sank der Mond in einen nicht vorhandenen Horizont, die grauen Häuserberge traten in den Mittelpunkt der Dunkelheit, die Flaschengebirge hinter der Theke blinkten unternehmungslustig, und wie auf Befehl stand mein Leben vor mir auf. Doch unerwartet fühlte ich mich missvergnügt und müde, und andererseits wusste ich wieder was ich wollte: in diesem Moment nach Hause gehen, und in mir die Gespräche der letzten Zeit Revue passieren lassen - alles aufschreiben.

Ja, so schreibt man, machte ich mir Mut. Also, dann, - ich erhob mich und begab mich auf den Weg.

Auf einer Bank, gegenüber der Destille, saß Giselle.

Zwischen ihrer Silhouette und der toten Stadt spielte das Morgenrot. Vielleicht dachte sie, ich würde sie einladen bei mir zu übernachten. Doch es war gleich Tag und ich hatte keine Lust. Sie sagte aber nichts von dem, sie sagte mir, dass es zwischen uns aus sei. Der Wind trug mir von dem was sie sagte zwar nur einzelne Wortfetzen zu - doch das es aus sei hörte ich ganz deutlich.

Mit wem sprichst du, fragte mich irgendwer.

Ich spreche zu niemandem, antwortete ich, oder siehst du hier jemand?

 

Manchmal denke ich, ich kann alles besser empfinden, tun und lassen als andere, obwohl ich alleine bin, oder gerade deswegen, ganz einfach, weil es nur im Alleinsein möglich ist. Denn alles empfinden, tun und lassen, braucht dann gar nicht gut oder sinnvoll zu sein. Und damit kann ich mich sehr gut abfinden, dachte ich.

Wie zur Bestätigung empfand ich diese altbekannte wohlige Wärme, dann diese angstmachende Kälte, den einsamen Krampf in der Kaldaune, und nirgends ein Klo. Nur dieses fast blattlose Gebüsch. Und, als ich mich mutig dahinter bückte, schiss ich meine eben erst getanen Behauptungen, die Angebereien eines Nichtlings, in die schwarze Realität.

Das war’s, - meine Lektion.

Doch ich wusste nicht, was es an diesem Moment zu verbessern gab. Nur, dass ich vor mir in Sicherheit war. Endlich.

Also nahm ich den Text, die dreißig Seiten, die ich eben noch gelesen hatte und die ich gewesen war, und putzte mir damit in ruhiger Zufriedenheit den Hintern ab.

Und in der Entschlossenheit mir auf diesem oder jenem Weg nie wieder zu glauben, benutzte ich alle die dreißig Seiten.

Es war ein herrliches Vergnügen. Danach ging ich in die Destille zurück und bestellte einen Doppelten zum Bier.

 

Freunde sind auch immer Feinde; - und das Leben ist allezeit ein Albtraum ohne sie. Zum Glück merkte man das nicht oft so krass wie ich jetzt. Denn merken tut man's erst dann, wenn man bewusst wird, das man Freunde hat.

Hatte muss ich sagen.

Von den anderen albtraumhaften Dingen wie !Freundinnen, Ehefrauen und Ehemänner, Kindern, Arbeit, Haus, Auto, usw., will ich gar nicht reden. Mir genügte im Augenblick der wiederkehrende Albtraum des 'sogenannten guten' Freundes.

Zu meiner schlechtesten Zeit hatte ich Dutzende davon.

Manche brachte ich mit meiner Verachtung an sie um. Andere blieben mir, schwer verwundet zwar, aber sie blieben - eine Zeitlang noch.

So eben brachte ich den Letzten um die Ecke. Und es war ganz einfach. Auf einen Brief von ihm, den er mir zur Lesung schrieb, und an dem seine Persönlichkeit dran hing, schrieb ich ihm als Antwort eine Satire. Das war ein Fehler, weiß ich jetzt. Denn wo soll ich nun nachts anrufen, wenn mir der Arsch, aus welchem Grund auch immer, auf Grundeis geht. Nirgendwo. Ich rufe niemanden mehr an. Und das eine wie das andere hatte er mir als Rückantwort auf meine Satire vorgeworfen. Also werde ich das Telefon für nachts abbestellen. Für Tags auch.
Sagte er doch: Scheiße! Du rufst überhaupt nur an, wenn du besoffen bist und dir der Arsch auf Grundeis geht; was verkehrt war. Ich trinke nämlich seit Zeiten keinen Schluck mehr, und der erwähnte Vorfall ist so lange her, dass ich die bis dato vergangenen Monate als Zahl schreibe: 37,3!!! Die Zahl 37,3!
Damals wechselte eine schon wochenlang sterbende Beziehung in einen tränenreichen Tod über. Mir ging es in der Zeit sauschlecht.

Du kannst mich jederzeit anrufen - auch nachts, jaulte er mir mitfühlend ins Ohr. Am späten Abend und nachts war ich aber immer betrunken, und rief an, seiner Worte gedenk - und im willfährigen Ohr den O-Ton: du kannst 'jederzeit'...
Heute würde ich das nicht mehr tun. Denn heute höre ich: weißt du noch, wie du mich immer und ständig besoffen anriefst - und dein Herzleid auskotztest; weißt du noch ...? Nachts! Ich konnte danach nie einschlafen; weißt du's noch?
Nichts!!!
!Ich- !weiß- !es- !nicht- !mehr ...
Ich weiß, dass ich ständig betrunken war. Sonst nichts, - so einfach. Und ich habe mir auch -nie- nicht gemerkt, das er mich oft anrief. Betrunken oder nicht. Selbstmitleidig oder nicht. Selbstmord in Gedanken, oder ... Es war so, dass es geschah, aber ich kann und will mich nicht daran erinnern. Nicht ans Wo und Wann, ans Weshalb. ... es ist und war auch nicht wichtig.

Wichtig ist, dass ich mich JETZT damit beschäftigen muss ihn angerufen zu haben, - vor über 30 Monaten. Nachts! Und mehrmals. Und betrunken.
Ja, Freunde muss man haben, die sagen: du kannst mich jederzeit ..., womit auch nachts gemeint ist.

Vor allem nachts, weil da ja die Einsamkeit im Leid am größten ist. Nachts, wie !Jederzeit. Leid nimmt nämlich keine Rücksicht auf nachts, auf offensichtliche Betrunkenheit: nachts ist nämlich dunkel. Und im Dunkeln sind alle Leiden gleich schlimm, alle Betrunkenen gleich betrunken - und das nachträgliche Resümee darüber ist Tags schlimmer als Nachts. Der Verrat am Freund sichtbarer. Die Töne, die versichern: du kannst mich jederzeit, die werden fistelig hoch, so kastratig jaulend, so unrein, - wie noch nicht beschnitten. Eine Klotür die in den Scharnieren quengelt.
... ich schlage sie zu. Ich trete das Haus mit Herz in die Tonne gewesenen Lebens. Ich cancel diese Freundschaft, - ich ermorde sie mit Gleichgültigkeit. Ich stecke sie zu den anderen Albträumen. Schreibe sie auf, verbrenne das Papier, und lasse meine letzten Gedanken darüber in Rauch aufgehen. Ich träume einfach nicht mehr - aber ich gratuliere ihm freudig und neidfrei zur Geschlechtsumwandlung, und denke: wer weiß, wie es endet, da ich nun eine Freundin mehr habe.

Ich öffne also eine Flache Sekt: Scheiß auf die 37,3 Monate, die Geschichte der Abstinenz stimmte sowieso nicht, eine gelogene Rechtfertigung nur, und stelle das Telefon wieder auf Tag- und Nachtbetrieb. Ich habe nämlich gerade einen Freund verloren und darauf darf man einen trinken ... und telefonieren ...


Es war als hätte ich Böses in mir zu verdrängen; aber es gab nichts Böses. Es gab nur einen Trinker vor dem Herrn, einen mit Sprüchen, einen Geschichtenerzähler, der sonst nichts Ungewöhnliches tat.

 

Ich trug zu der Zeit immer eine Mütze, so ein Ding wie die heute modern sind, mit Schrift darauf. Man bekommt sie nicht mehr ohne. Ich trug die Mütze wegen der Haare, nicht der Schrift wegen: Reklame - bah!.

Wegen der Mücken und Fliegen trug ich die Kappe, da sich die Viecher sonst auf meinen schütteren Haaren festsetzen. Dafür hatte ich keine Tasche umgehängt, wie Bukowskis Mann mit der Ledertasche, ich sah nur so aus, als ob ich eine hätte, als wäre ich Bukowski. Und oft wünschte ich, ich wäre er.

Seine Probleme möchte ich haben.

 

Wolle war aus der U-Haft entlassen. Jetzt hatte er Zoff mit seiner Freundin, die ihm eigentlich gar keine war; er sah die nur Samstags zum Bumsen und das -immer- bei ihr zu Hause. Das ärgerte Wolle schon seit Jahren.

Als ich ihn in der Markthalle beim Italiener traf, wir standen schon eine Weile und tranken Grappa, zog er plötzlich einen überdimensionierten Gummipenis aus der Hosentasche - und ich hatte mich schon gewundert was ihm so den Stoff am Oberschenkel ausbeulte.

„Was meinst du, wie geil die Weiber mich angesehen haben - mit dem Ding?“ und dabei drosch er das Etwas auf den Tisch und fing zu toben an.

„So ein Ding schieben die sich rein, wenn man nicht da ist. Ist man da, ist es auch wieder nicht recht. Iss ja auch klar, mit so einem kannste nich mithalten ...“ Pause; in der er nach Atem japste, auch um einen Grappa zu bestellen.

„Ich schenke dir den Scheiß!“ blökte er wütend weiter.

„Bist du blöde, was soll ich denn damit? Gib ihn ihr zurück, dann habt ihr beide was zum Spielen.“

Doch Wolle ließ das Ding auf dem Bistrotisch liegen, und verabschiedete sich aufs Klo.

Luigi machte große Augen, als er den nächsten Grappa brachte.

Wieder hinter dem Tresen, rief er leise seine Frau, und machte sie auf den Pimmel aufmerksam.

„Oh!!! Mama mia!“ tat die erstaunt. „El loco!“ - oder so ähnlich. Und ich glaubte, sie meinte mich.

Luigi schloss die Augen und sein bärtiges Gesicht wirkte wie eine pikierte Pudelfresse.

Er stand eine ganze Weile still da, und hörte auch auf mit den Augenlidern zu zucken, was er sonst in der Minute hundert Male tat. Lediglich sein massiger Bauch schwoll beim regelmäßigen schwer Atmen an. Dann wurde er plötzlich im Gesicht rosa, dann blau, und schrie aus Leibeskräften, und so laut, dass die ganze Halle bebte und alle, ob Händler oder Kunde, die Köpfe hoben: „Ficken!!! FICKEN!!!“ Und noch mal, noch mal, und endetet, endlich!, als ihm der Maulzapfen dunkelrot zum Hals raushing. Vielleicht auch deswegen sank er wie tot in sich zusammen, ruhte einen Moment unfähig zu irgendwas - und fing dann an zu schluchzen.
Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Ich kannte ihn so auch nicht, denn an und für sich war er durchaus zart besaitet und unter seinem grobschlächtigen Aussehen barg er einen großmütigen, weichen Kern. Oft schiss er zwar derb seine Alte zusammen, haute seinen Gören Maulschellen ohne erkennbaren Grund, aber das war wohl bei Südländern so üblich. Temperament, sagt man; andererseits wundert mich in dieser verlotterten Stadt überhaupt nichts mehr.

 

Wolle musste diese tierische Schreierei gehört haben, und verstand Luigis hitzige Ausrufe wohl als Kaufangebot für sein Venilprachtexemplar. Er raste also freudig heran, eine Hand knöpfte noch an der Hose herum und hatte für Luigi folgenden Vorschlag.

„Luigi, wenn du meinen Zettel tillst, ich glaube es sind 40 Euro, dann gehört der Schwanz ab sofort dir. Du kannst hier dicht machen, nach Hause gehen, und deine Alte vögeln. Na, - ist das ein Angebot?“ lauschte er erwartungsvoll einer zustimmenden Antwort.

Luigi schluckte, bebte, zuckte, und die Antwort an Wolle kam nicht so wie der es wohl erwartet hatte; die kam negativ, und mit einer solchen Wucht, das Wolle beim angstvollen Flüchten und in Furcht das Leben zu verlieren, seinen rechten Schuh verlor.

„Wolläää, du Kretino, Putina - du versautes Miststück, mach sofort das du hier wegkommst. Ich werde dir die Eier abschneiden, wenn ich dich hier noch einmal sehe. Hau ab..., sonst bringe ich dich um, du, du, du - Diabolo!“

Und Luigi sprintete, was man seinem massigen Leib gar nicht zutraute, in den hinteren Teil seines Imbiss und erschien mit einem riesigen Tranchiermesser, dessen blank geputzte Klinge in seiner Gesamtheit länger war als der Dildo.

„Mach dich nicht unglücklich, Luigi!“ jaulte seine Frau.

„Luigi!!“ Und die hielt ihn an der Schürze fest, als der zum Halali auf Wolle ansetzen wollte.

„Mach dich nicht unglücklich ...!“

Und dann hatte sie Schaum auf den Lippen und fiel in eine Art Koma, und Luigi ließ das Messer fallen.

Spätestens jetzt würden auf Monate ihre Depressionen zurückkehren um ihm und ihr das Leben zur Hölle zu machen, wie bei unvorhergesehenen Ereignissen immer. Und für Luigi würde eine Zeit anbrechen, als wenn er täglich dem Tod in den Rachen blickte. Und nichts tat er ungerner, was man verstehen kann; denn Luigi war ein Feinsinn, und fürchtete !vor !allem !Veränderungen - und den Tod.

Und Veränderung ist Tod, meinte er.

Luigi, der wollte in seinem stillen Obdach sitzen, - wie in dem bewussten Sketch von Loriot, bei dem konnte er sich immer scheckig lachen - , und nichts tun. Denn Luigi, der war wie ein Haus, in dem man das Leben ruhig schlafen lassen konnte - doch unruhig wurde es in ihm in der Veränderung, und mit Albträumen, und dann war das bisherige friedlich stille Asyl keins in dem er gerne zu Hause war, in dem man Freunde bewirtete, in dem man lebte, liebte, fernsah oder las. Dann war es jedermanns Tod.

„Mach mal meine Rechnung, Luigi - und die von Wolle!“

 

Es war so: Ich wurde hier nun auch nicht mehr alt, und werde heute Abend so arm sterben wie ich früh geboren worden war, bloß nicht so unschuldig.

 

„Man sieht sich, Luigi.“

„Nimm bloß das Ding mit!“ befahl er leidlich ruhiger, und warf mir den Kunstpenis hinterher, als wenn der meiner wäre.

Ich klaubte Wolles Schuh auf, den Dildo, und ging.

 

Den folgenden Morgen verbummelte ich auf den Friedhof.

Ich war gerne dort. Es war ruhig, und unter den alten Bäumen fühlte ich mich behütet. Golgathagnaden hieß der Gottesacker.

Meine Mutter liegt hier seit rund einem dutzend Jahren; schon ihre Eltern seit Zeiten.

Inzwischen eingeebnet die Oma. Opas Grab war dagegen noch hügelig aufgeworfen.

Meine Mutter holte die Beiden in den Kriegswirren nach Berlin. Oma starb im Kriegsjahr 1944. Opa an seinem persönlichen Krieg mit dem Leben 1961. Ich erbte seinen Fernseher.

Mit Fernseher war man damals wer.

 

Meine Mutter hatte fünfundfünfzig Jahre in der Siedlung gewohnt, wohin ich nach einiger Zeit von woanders zurück gekehrt war. Wurzeln, sagt man.

Ein dunkelroter Backsteinhaufen die Häuser, der dem Friedhof angrenzte.

Wenn der Flugplatz Tegel nicht so nahe wäre, würde himmlische Ruhe herrschen.

Mein Vater hatte hier auch gelebt; der verursachte damals nichts wie Unruhe. Zum Glück ist er aber nicht mein Vater. Er ist nur mein Erzeuger, ein Samenangeber.

Der Samengeber zog begeistert in Hitlers Krieg, den er in Holland zu seinem machte. Kaum war er aus dem Sanatorium Holland zurück, unversehrt, dass muss man ja eigentlich nicht dazu sagen, nahm er sich eine andere Frau und war weg, wenig Spuren hinterlassend.

Eine seiner Schleimspuren war ich, und manch kleine Geschehen in mir, die er Erziehung nannte. Seine Gemeinheiten blieben mir über Jahrzehnte im Gedächtnis. Heute noch. Andererseits machten es mir gerade die leicht ihn zu vergessen - zu vergessen als Vater, denn ihn als Person zu hassen hatte ich nie aufgehört. Er wurde fünfundsiebzig; für mich über vierzig Jahre Zeit für lebendigen Hass; der Rest in mir ist noch glühende Asche, glaube ich.

Begraben liegt er nicht hier in Golgathagnaden. Nicht seine standesdünkeligen Alten, die ich ein wenig milder hasse - als ihn.

Die, und er, die hätten den heiligen Acker in Golgathagnaden entweiht, denn irgendwann werde ich hier liegen - und dass wollte ich nicht neben meinem Vater.

 

@ by michael köhn - märz 2006

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