zunder


Nichts ist wahr. Alles ist Wirklichkeit.

 

 

 

                                       Zunder

                                                       Leseprobe vom

                                                            Roman     

                                                     ©März 2006 michael köhn

 

       

 

                

                                                         1

 

 

Wir kannten uns aus der Legion. Und in einer Neuköllner Destille alten Stils, mit Soleiern im Hungerturm, Hackepeterbrötchen, sauren Gurken, selbstgemachten Bouletten, mit gelb gerauchten Zillebildern an den Wänden, Frommsautomaten auf dem Klo, in diesem altmodischen Flair, das einer Kneipe unverwechselbaren Charakter aufdrückt, trafen wir uns zufällig wieder.

 

„Mensch Py!“

„Mann, - der Saf!“

„Schön, dich zu sehen!“

„Ich freue mich echt ...“

„Du bist immer noch so schlank.“

„Genau wie du ...“

„Mein Kampfgewicht.“

 

Py und mich hielten die Ausbilder in Sidi Bel Abbes für Brüder.

Wir waren beide einsachtundachtzig groß, schwarz gelockte Haare, dunkle Augen, ausgeprägte Nasen - südländische Typen eben, er allerdings mit ins negroide gehender Hautfarbe, schlank in den Hüften, breit im Kreuz, - wären als Boxer sattes Halbschwergewicht.

 

Jetzt, im Kneipenlicht, sah ich blass aus. Py dagegen gebräunt, wie immer.

So viel dazu.

 

„Komm, erzähl, wie ist es dir ergangen, - wann hast du Abschied genommen?“

„April!“

„Und du?“

„Januar ... Ich blieb dann aber noch einige Wochen in Dschibuti -, hatte ein Mädchen, - weißt du -, bin dann über Aubagne und  Korsika zurück. Und nun erzähl du ...“

„Ich bin von Obock, über ein paar Wochen in Kourou und Aubagne, in den Libanon, - dann nach hier.“

 

„Und, wie findest du Berlin?“

„Hör mal, ich bin hier so was wie aufgewachsen. Zehn Jahre - zwischen Greifswalder und Danziger ...“

 

„Dachte ich mir, dein Französisch klingt so nach Berliner Schnauze ...“

„Stimmt! Und du?“

„Früher Charlottenburg - jetzt Neukölln, wegen der billigen Miete, - aber nicht mehr lange.“

 

„Du ziehst weg?“

„Ja, im Herbst, nach Westend. Ich hab’ da ’ne Freundin.“

„Ihr zieht zusammen?“

„Ja..“

„Tatsache ...?; ... hätte ich dir nicht zugtraut.“

„Wieso?“

„Na, was du alles so in der Legion verbockt hast ...“

„Weißt du - das ist vorbei, Py!“

„Wenn du es glaubst, Saf!“

 

Es wurde dann sechs Uhr morgens, und wir saßen wie festgewachsen, redeten, schwiegen, erklärten Dinge, ließen andere weg, saßen neben Männern mit zerfurchten Gesichtern, die Bier mit Kompott frühstückten, und zum hundertsten mal tönte aus der Box: ’I believe, I can fly’.

 

„Wer drückt bloß immer diesen Scheiß ...?“

„Ich!“

„Du?“

„Ja. Mahmut drückt für mich ...“, und Py zeigte mit dem Finger auf einen Hünen an der Theke, der mir wegen seiner Statur schon aufgefallen war.

„Der drückt für dich -, warum?“

„Er gehört mir!“

„Ach so ...“

 

Und ehrlich, ich dachte ihn hat es am Kopf erwischt oder ein Moskito oder so was in der Art ...

Ich fragte stattdessen: „Sag mal, hast du Weltschmerz?“

„So ähnlich; ich heirate übermorgen!“

„Ach - deswegen ... Glückwunsch!“

 

Dann schien er in sich selber versunken, - fragte wie aus einer seelischen Untiefe: „Will nicht jeder fliegen?“

„Schon ...“, antwortete ich.

„Siehst du - und ich tu es, - spätestens ab übermorgen.“

Und in dem, wie gelassen seine Körperhaltungen und Blicke waren, glaubte ich es ihm, ohne wenn und aber.

 

Ja, es war echt friedlich und wie seit Zeiten nicht mehr, und wir, verwöhnt durch Schnaps, Kaffe, Bier, Tee und Zigaretten, durch Erinnerungen und Glauben an die Zukunft und das Fliegen, wurden aufgeschreckt, als ein Mann, cirka Mitte dreißig, eine Frau schlug. Einfach so; jedenfalls hatten wir zuvor nichts von einem Streit bemerkt ...

 

Pyrit stand auf.

„Lass“, sagte ich, „das geht uns nichts an.“

„Mich schon!“ sagte er, „ich habe hier nämlich das Sagen!“

 

Es ging rasend schnell. Ein zu dem Kerl gesprochener Satz von Py, den ich nicht hören konnte, zwei, drei seiner Bewegungen, die man sonst in Kung Fu Filmen sieht - und aus die Maus. Der Kerl lag wie tot.

 

Py hatte nichts verlernt.

 

    Wir nahmen ein letztes Bier.

„Weißt du, ich heirate übermorgen die Tochter des Paten von Neukölln“, fing er noch einmal an, „und ich werde dadurch bald eine große Familie führen, - denn mein Schwiegervater ist schwer krank.“

„Und dem gehört ganz Neukölln?“

„So ähnlich“, grinste er.

„Und dann dir?“

„Genau, - und bald auch Berlin!“, ließ er seine lächerliche Eitelkeit rüberwachsen,  ... than we take Berlin ..., dieser Größenwahn, wie mir an diesem Beispiel wieder einfiel ...

 

„Und, was machst du mit Berlin?“, fragte ich dennoch weiter.

„Geld. Viel Geld!“

„Ah, und ich glaube zu wissen womit ...“

„Ja, mit Träumen; ... wir erfüllen den Menschen Träume. Ein Beispiel, Saf: viele Männer träumen von Tussen mit dicken Titten, Frauen von Kerlen mit einem Ding wie ein Ofenrohr -, und, mit ein bisschen Chemie, realisiere ich all deren Träume, - so einfach ist das ...“

Und dabei lachte er in diesem Intervall quietschender Töne direkt aus dem Kehlkopf, die ich erinnere, als er in der Kaserne von Dschibuti einem Jungen mit dem Gewehrkolben das Gesicht zertrümmerte, weil der ihm die Stiefel nicht sauber genug geputzt hatte ...

 

„Na dann - viel Glück.“

Mehr fiel mir dazu nicht ein. Wirklich nicht.

 

 

 

 

                                                        2

 

 

     ’Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen beginnt im Moabiter Kriminalgericht der Prozess gegen einen der bekanntesten Kriminellen der Stadt’, las ich zehn Jahre später reißerisch in einer  Zeitung, - daneben ein Foto von Py, mit Handschellen, Arme auf dem Rücken.

 

So, so, dachte ich, kein Wunder, Legionäre zieht es immer wieder in die Brennpunkte, egal wo die waren; - und ich war schon da, wohin Py mit Sicherheit kommen würde, nämlich in den Knast Tegel: 1571 Haftplätze.

 

In diesem Bau -, weit über einhundert Jahre alt, teils aus Klinker, teils Beton, in einer Farbe und Ordnung in die Landschaft gesetzt wie verstreute Hundescheiße, - eine Gegend mit Gewerbebetrieben, einer Wohnsiedlung, der Bushaltestelle vor der Anstaltstür, die hier Tor 1 heißt, nahe zweier U-Bahnstationen, dreier Kneipen, die gegenüber vom Knast hieß ’Zur goldenen Freiheit’, mit einer Wirtin in Stil und Aussehen von Dolly Buster - mit zwei Tankstellen, und das alles mehr oder weniger idyllisch am Rand des Tegeler Forstes, Bezirk Reinickendorf; ehemals ’französischer Sektor’ Berlin -, logierte ich schon.

Die hochoffizielle Anschrift der Auberge und der Hinweis: JVA Tegel, Seidelstraße 39 13507 Berlin; Besuchszeiten Montag bis Freitag nach Voranmeldung, pappte auf weißem Emaille neben dem Tor 1.

 

Also dann:

’Bienvenu’ im Rattenloch, Py.                                             

 

 

 

                                                          3

 

 

Im November ist es im Knast noch beschissener auszuhalten als die anderen Monaten. Im November werden nämlich die Stricke geknüpft, mit denen man sich - vom Himmel hoch - im Dezember aufhängt, du heilige Nacht.

 

Es war am Ende der Tage im November, als Pyrit nach Tegel kam.

Demgemäss blieb nicht mehr viel Zeit sich einen Strick für Weihnachten herzustellen. Aber das wollte er auch nicht, lernte ich gleich.

 

„He, Saf ..., du Arsch!“, brüllte der nämlich vom Anfang der Treppe ins 5 OG rauf, wo ich stand, um ihn in Empfang zu nehmen, „he, Saf -, du benachrichtigst  sofort meinen Schwiegervater, der soll ruckzuck ...!“

 

„Mal sachte, Py!“, rief ich zurück, „ ...komm erst mal rauf!“

 

„Was heißt sachte?“, schnaufte der zwei Minuten später neben mir im Versuch mir sein Bündel Klamotten in die Arme zu drücken: „ ...ich will meinen Anwalt sehen, aber pronto!“

 

„Sag mal, Py, bringst du irgendwas durcheinander? Du bist hier im Knast - und nicht im Hotel!“

 

„Wie du meinst, - aber wir sollten hier nicht lange drum her rum reden, Herr Safran ... Sie sind dazu da meine Wünsche zu erfüllen, und das ein bisschen plötzlich ...!“

 

„Ich? Deine Wünsche? Ich will dir was sagen, Py: Ich bin hier der Leiter der Sicherheitsabteilung - und du bist für mich ein Knacki, wie jeder andere, und nichts weiter, - und da können wir uns noch so gut aus der Legion oder sonst wo her kennen -, verstanden?!“

 

„Ach, da lässt die Kuh das Wasser, Saf, - warte nur, du wirst mich kennen lernen.“

„Gut, ich warte.“

Und ich musste nicht lange warten ...

 

 

                                                      4

 

 

Ich stand mit einer Plastiktüte auf der Straße und in meinem Blickwinkel seitlich, im Spiegel meiner Tränen, glänzte in tiefstehender Sonne golden das Dach des Virchowkrankenhauses - und halb aus der Tüte, Aufdruck Karstadt, die mir von der Hand baumelte, quoll die Garderobe meiner Frau - die von Mara, meiner großen Liebe.

 

Mara ist tot.

 

Ein Unfall, sagten die Polizisten, wir bedauern, Fahrerflucht ...

Und ich lebe - und wusste, es war kein Unfall, Pyrit steckte dahinter, es ist Mord, es war Mord; - und ich tat ein paar Schritte gegen eine Wand, bin gestern wie jetzt, war und bin blind - und nicht, trat irgendwohin, irgendwie, stolperte, war wie betäubt, hellwach, und in meiner Wahrheit gefangen. Ja, und es war dunkel.

Nacht.

... aber was denkst du, - die Vögel zwitscherten wie vorgestern, stiegen gen Himmel auf, an mir drängelten sich schwatzend Leute vorbei, die Durchsage in der U-Bahn ’Achtung, bei der Einfahrt des Zuges ...’ wie immer, eine Taube, die pickend den Boden absuchte, Zigarettenkippen, Cola- und Bierbüchsen, wieder draußen - dann, Hundescheiße, in die ich trat, Schneereste wie Asche, mein Atem, der grau in die Luft stieg, mein Herz, betäubt, wie Eis, die tote Seele, kalt, durstig, voller Hass auf die Welt. Und Ich. Und Punkt.

Rache, schrie ich - oder wer ...

 

Und das alles am fünfundzwanzigsten Dezember, als für den Bruchteil einer Sekunde der Irrsinn des Lebens und des Todes das Karussell meiner bisherigen Welt anhielt.

 

Stop!

Ein Versprechen: ich werde den Mörder töten, - das bin ich unserer Tochter und Mara und mir schuldig. So schuldig wie du bist, Pyrit!

Ja, es wird sein ...

Stop!

 

 

 

 

                                           5

 

 

Nur müde. Selten wach. Doch nie Schlaf.

Neujahr ist vorbei. Und ich musste wieder hin. Gesund wie ich bin, wie ich war - und auf meinen zwei Beinen.

 

Ich trage einen Schal, blau, wegen dem Frost in mir - wegen des Frostes in mir; gegen die Kälte - wegen der Kälte, da mir kalt ist, blau, um nicht erkannt zu werden. Er bedeckt meinen Mund. Ich ziehe ihn weiter hoch ...

Ich ziehe mir den Schal bis unter die Augen, die Mütze in die Stirn, blau, blau, blau. Ich bin unsichtbar, nicht sichtbar, - ich bin nicht da, nie, nie wo ihr seid. Ich bin blau. Und ich werde nie mehr da sein, wo ihr seid - seit dem, - ja, seitdem, - so blau.

 

Ich sollte mir ein Auto kaufe, die Leute sehen mich in der U-Bahn so scheel an, obwohl ich unsichtbar bin. Im Auto wird mich niemand erkennen, nicht meine Tränen, nicht meine  Seele, meine Wut, diese mörderische Lust. Nicht dich, du mein Ich. Ich mich. Nein, nicht ...

Nicht morgens, nie abends, wenn mich die Dunkelheit schützt. Wenn ich eingelullt in Trauer, schwarz, meine Tochter besuchen fahre, die acht Jahre alt ist und bei Pflegeeltern lebt, die meine Schwiegereltern sind ...; weil, meine Mutter ist tot und mein Vater war mir keiner und ist trotzdem tot. Und ich bin tot, obwohl ich lebe, mit Schal, blau, oder ohne, unsichtbar ..., schwarz unter der Mütze, meine Seele. Kaputt. So blauschwarz. Nicht ich. Ein Implantat. Denn ich funktioniere.

Und auch nicht.

 

  

 

 

Mit etwas gutem Willen ist alles im Leben nichts weiter als Lüge.

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