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Vatertag(Kurzgeschichte) Man wird geboren und sucht, inzwischen stirbt man ... Mann, bin ich stramm besoffen. Merke mein Grinsen wie einen Pickel. Meine Wut. Hatte wenige Meter zuvor eine leere Flasche Malt mit Schmackes aus dem Autofenster gefeuert, den an die Laterne pissenden Nazitypen aber nicht getroffen. Scheiße, Glatze. Glück gehabt! Ehrlich, ich halte mich manchmal für einen Spinner, - denn vor dem Wurf hatte ich mit der Flasche gesprochen, wie ich es seit Jahren mit den Dingern tue: Siehst du Paula, nannte ich die beim Namen, ich nenne sie wie meine ehemalige Alte, siehste Paula, nun habe ich auch dich überlebt, nun kann die nächste kommen. Echt, ich sagte überlebt, - aber ich freue mich wirklich auf den Tag, an dem ich statt überlebt überwunden sagen werde. Doch eigentlich klingt überwunden auch irgendwie blöd. Genau wie Paula. Als die Flasche vor den Füßen des Glatzkopfs zersplitterte, giftete dieser mit 'nem Stinkefinger in meine Richtung. Zu gerne hätte ich seine Reaktion gesehen, wenn Paula ihn voll auf den Schwanz getroffen hätte. Und, sollte ich nun zurückfahren, um ihm wegen des Stinkefingers aufs Maul zu hauen? Ach was, dazu fehlt mir die Zeit, und auf die Schnelle den Totmacher im Kofferraum zu finden, ist in meinem Zustand auch nicht gerade einfach. Außerdem, was soll’s, ist in mir doch angesoffene Ruhe, die ich mir nicht kaputt machen lassen will, - diese Zeit von Frieden, ein wenig Freude und viel abstrakte Endlosigkeit, die ich mir ab und an gönne ... Allerdings werden solche geilen Gefühle immer nötiger - und ich ziehe sie mir auch ohne Rücksicht auf Verluste rein. Mit Malt, in letzter Zeit. Zu Hause allerdings, oder dem, was davon übrig ist, schiebt sich vor mein ansonsten durchaus positives Denken immer dieses kleine Hochhaus voller leerer Flaschen und benutzter Gläser. Ja, da jammern diese ausgesoffenen Flaschen, die sich dort immer höher türmen, die mit meinem gierigen Atem gefüllt sind. Und die entlassen mein bekacktes Leben wie ein Schornstein an einem Wintertag, wenn der Dampf bis in den Himmel hinaufsteigt, um dann schaukelnd und schwankend dünner zu werden und zu fallen. Ich bin dann ein Papierdrache ohne Wind; ich lach mich kaputt über sone Scheiße ... Echt. Doch dann immer wieder diese Kotzgedanken in mir, über die tausend Gläser und Flaschen -, die zerbrechen, zersplittern, die ich manchmal im Todeskampf vom Boden hoch aufspringen sehe, als wären ihre Körper aus Gummi. So was blödes ... Träume von weggeworfenen, enttäuschten Flaschen, die, wie ich weiß, ohne Empfindung sind, wie auch ich es bin, die angesoffen, weggesoffen, ausgesoffen, wie tot sind, die riechen, stinken - bröckelige Leichenleiber, die in Straßen aufschlagen, auf Teer oder Pflaster, auf Gras - oder Gesträuch, die der Länge lang nach in Abflussrinnen kollern, müde liegen bleiben, sterben. Wie ich. Die in tausend Reste zersprungen auf dem Müll landen, halb oder ganz in den Kanal oder die Spree geworfen werden, verloren, vergessen und voll heimlicher Wut. Die Erinnerungen beherbergen, Schuld verbergen. Schuld - die immer da ist. Diese scheiß Scherben, die zur Nordsee schwimmen, immer obenauf, ins Meer, die erledigt sind, doch immer noch obenauf, egal wie, egal wo. Die weiter leben, wie versaute Taten, die man nicht los bekommt, die zwar taumeln, aber oben bleiben, sichtbar, ein Kork, - auch unten herum. Und immer ich. Mann, was bin ich blau ... Ja, diese wundervollen Scheißflaschen und rotzigen Kotzgläser mit Lippenstift daran und Zigarettenspuren. Diese Gläser, Flaschen, Henkelmänner gefüllt mit Schnaps, Bier, Whisky - jetzt und seit Jahren Whisky - ich. Ich, der ich oft nicht ich war. Mit manchmal Magenbitter. Auch doppeltem Wodka. Wenig Tequila; Tequila nur manchmal, - wegen dem fummelig krümeligen Salz zwischen Daumenanfang und Fingergrube und der sauren Zitrone, die mir das Maul verätzt. Jedes Mal. Und weil es dauert; - wer hat schon Zeit zu solchem Trinken? Trinker nicht. Ich schon lange nicht! Allerdings macht Tequila keine Fahne - erst nach der ersten Flasche. Doch vorher ist man längst dun und dann stört die Fahne auch nicht mehr, und sowieso ist alles unwichtig ... Noch früher hatte ich Chianti aus Korbflaschen, eine Modeerscheinung, wie ich mich erinnere. Diese Ströme von Chianti aus Flaschen mit dem dämlichen Korbzeugs drum herum, auf denen später Kerzen blakten, die grauschwarze Fäden gebaren, wie von Spinnen gewoben, um zu schweben, die auf Resten von Pizzas hängen blieben und blanken Hintern, auf Titten und meinem Schwanz, - wenn man zu Dutzenden auf dem Boden liegend saß, lange Haare trug, Bart, Gras rauchte, Amon Düll hörte und ernsthaft glaubte, frei zu sein. Was für ein Scheiß, wenn ich heute daran denke. Doch nicht wegen dieser scheiß Gedanken halte ich das Autofenster geschlossen, sondern weil mir danach ist. Und auch das Radio schweigt, als ahne es, was ich brauche. Genau in diese begnadete Zehntelsekunde hinein genehmige ich mir einen Zug aus der Pulle ... Immer. Ich weiß, ich weiß, andere haben es besser, können sich die Welt schön reden. Lass sie, denke ich. Jeder langweilt sich wie er will. Außerdem ist’s mir egal, ich muss den Job tun, so oder so. Also: leck Arsch, du Idiot, der du bist!
© mai 2006 michael köhn Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular! |
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