randvoll


 

Randvoll

 

In letzter Zeit zweifele ich an mir. Um genauer zu sein, ich nicht an mir, sondern daran, was ich sehe -, was mir passiert.

Vorhin, zum Beispiel, als ich mich zum Haare waschen über die Wanne beugte, zwinkerte mir aus dem Emaille meine Tante zu.

Nicht ungewöhnlich, denken Sie vielleicht. Ich denke darüber anders -, meine Tante ist nämlich schon seit drei Jahren tot -, und genau dieses Gesicht (das aus dem Krankenhaus, als ich sie dort besuchte, als sie im Sterben lag), dass sah mich an ...

 

Ja, ihre Augen. So hilflos leer und doch voller Bitte, ihr den Tod erträglicher zu machen. Die Haut, so welk, so gelb, so schrumpelig, die sie ein Leben lang mit Creme bearbeitet hatte, um sie schön und geschmeidig zu halten. Ihr Kopf ohne Haare, die beide irgendwie die Chemotherapie gefressen hatte. Ihre gesamte Erscheinung um Meter geschrumpft. So winzig und zart, dass ich sie am liebsten zu den Frühchen in den Brutkasten gesteckt hätte.

Hätte ich es bloß getan ...

 

„Du warst doch bei ihr, in den letzten Stunden und hast dich nicht gemeldet!“, mahnte mich ihre Tochter, meine Cousine, die mich kurz nach Tantchens Tod aus Bochum anrief, „erzähl ...!“

Von der fehlende Nase: „Keine Nase mehr. Der Mund ein Loch. Voller Schleim. Fehlanzeige ihre Zähne. Nicht mal in einem Glas daneben. Nein, im Glas steckte ein Trinkhalm. Und sonst nur blutige Pisse und schlabberige Scheiße ...“

 

„Hör auf“, die Tochter, meine Cousine, „hör auf, ich ertrage es nicht ...“

Ich ja. Ich habe es ertragen. Bloß wie?

„Ach, deshalb warst du nicht bei ihr, als sie dich dringend brauchte?“

„Was weißt du schon ...“

„Ich weiß, wie weit Bochum von Berlin entfernt ist!“

 

„Sie trinkt nichts“, war die Krankenschwester über die Tante sichtlich traurig.

„Aber ich“, sagte ich.

„Bitte?“

„Ich bin in fünf Minuten zurück“, sagte ich damals.

„Ja, machen Sie!“, tat die Schwester auf tolerant, als sie meinen Tatterich sah.

„Der Kreislauf, was?“

„Ja!“

 

In der Kneipe saß ich fest -, bis ich meinen Pegel hatte. Und zufällig traf ich Hans, einen Typen aus meinem Kiez.

„Bist du auch da drüben zu Besuch?“, deutete sein Finger aus dem Kneipenfenster.

„Im Sterbehaus?“

(...)

„Auch -, ja!“

„Mutter?“

„Tante!“

„Vater - bei mir!“

„Tut mir Leid!“

„Macht nichts. Ich kannte ihn kaum!“

„Meine Tante war mir wie eine Mutter.“

„Hast Glück gehabt. Meine Mutter ist früh gestorben -, ich bin im Heim aufgewachsen.“

„Und Vater?“

„Montage. Und wenn nicht, Kneipe ...“

„Nicht der schlechteste Platz.“

„Genau.“

„Komm, einen noch.“

„Einen noch ...“

 

Natürlich kann jeder Idiot sagen: ich habe gelebt. Und natürlich hat er das auch -, aber wie, - und wenn ja, hat er sich wirklich in Schuhen bewegt die ihm passten, zwei Taschen im Hemd, in der einen Glück, der anderen Unglück?

Klar, kann und muss jeder Idiot sterben, weil es nicht anders geht.

Ist er sich aber seiner Sterblichkeit bewusst?

 

Meine Tante starb, als ich zweihundert Meter Luftlinie von ihr entfernt in der Kneipe saß und mit Hans über das wirklich Wichtige im Leben redete -, also war ich in Gedanken bei ihr -, und nicht in Bochum, oder sonst wo anders unter Tage.

 

                                                                                                  © Jan. 2006 Michael Köhn

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