ichbestsellerautor

Ich, Bestsellerautor

 

Früher wachte ich auf und konnte das feuchte Zeug, das ich zwischen den Schenkeln fühlte, zuordnen. Heute könnte das Material vieles sein, doch nicht das, was ich noch gestern zweifelsfrei wusste.

 

Ach, ich weiß, die Welt ist kalt, und mein Lebensende wird sein wie das der Gäule vom Sankt- Martins- Zug. Die bekommen eine Spritze, wenn es soweit ist, danach werden sie ruhiger, immer ruhiger, und fallen einfach um; man muss nur warten können.

 

Gut, bei mir ist es noch nicht so weit, denn ich schreibe dagegen an, und einmal will ich es noch wissen, Bestsellerautor werden.

 

Mein Thema: ich schreibe, weil die Welt sich dreht und einer gewinnt und einer verliert. Und, wenn meine Protagonisten jemand mies behandelt und deren Träume, die meine sind, in Stücke schlagen will, dann wehre ich mich, und hau demjenigen gnadenlos auf die Schnauze.

 

Man merkt es schon, was? - meine Vorliebe für Bukowski und Hemingway. Für Fante, den jüngeren.

 

... das sagte ich auch dem Verleger, einem anerkanntem Mann der Branche, der wie Hem mit sechzig aussah, doch ein Pinscher von neunundvierzig war, wie ich ernüchtert feststellen musste, nach dem er erstmalig das Maul aufgetan hatte.

 

„Sie sind zu spät“, räsonierte der Rotzer.

„Ihre Idole sind längst tot, - und ihre Schreibe noch toter.“

„Fante nicht. Und die anderen werden auch immer noch gerne gelesen!“, widersprach ich.

 

„Von mir nicht! Vor allem wenn Phantasie, Improvisation, Frechheit, wenig Toleranz, Selbstironie, Sex, Geschmacklosigkeit, Subversion, Unsittlichkeit, Irrsinn, Gelächter, Obszönität, Blasphemie, Ironie, Publikums-, Kritiker- und Selbstbeschimpfung im Übermaß vorhanden sind, - und damit ist bei Ihnen zu rechnen. Punkt!“ So spritzte mich der Sack an.

„Und außerdem, Sie Möchtegernschreiber, unverlangt eingereichte Manuskripte lese ich sowieso nie. Nie!“

„Ich reiche ja nicht ein, guter Mann, ich bin persönlich da. Also werden Sie eine Ausnahme machen.“

 

„Wissen Sie was, da Sie schon persönlich da sind, und ich möchte nicht wissen, wie Sie überhaupt hier reingekommen sind, sage ich Ihnen ganz einfach: verpissen Sie sich, - Sie nervendes Individuum, bevor ich Sie rausschmeißen lasse!“

„Guter Mann, für einen sozialliberalen Kommunisten sind Sie aber ganz schön rabiat in Ihren Methoden.“

„Und ich werde gleich noch rabiater!“

 

Und ehrlich, dabei blitzten dessen blaue Augen, als wollten sie mich um Farbnachschlag bitten ...

 

„Sag mal, du Schweinebauer, soll ich dir eine reinhauen?“, war deshalb meine Anfrage an den Publizisten.

„Das können Sie gerne tun, - ich lese Ihre kotzige Schwarte trotzdem nicht ...“

 

„So, jetzt schüttelst du dir erst mal in Ruhe einen ab,“ riet ich dem neben mir am Pissoir stehenden Menschen, „es hat sich nämlich ausgepisst, und dann rufen wir deine Sekretärin, sie soll uns den guten Zwanzigjährigen bringen und eine Zigarre, einverstanden?“

 

„Sagen Sie mal, sind Sie vollständig bescheuert? Erst belästigen Sie mich mit ihrem Pamphlet, und dann wollen Sie auf dem Klo meinen teuersten Whisky saufen und Havanna rauchen ... Ich glaube ich spinne, - es reicht, - ich werde jetzt den Sicherheitsdienst rufen ...“

 

„OK! Alles hat ein Ende,“ war ich am Schluss meiner Geduld.

„Du setzt dich jetzt still in die Ecke, rufst die Tusse mit dem guten Schnaps und den teuren Zigarren ..., und wir rauchen und saufen uns einen ...“

 

Was soll ich sagen - der wollte nicht!

... der- wollte- einfach- nicht.

Egal, ich war ja vorbereitet ...

 

Ich zog die Flinte aus dem Hosenbein, - es war die, mit der ich Jahrelang kreischende Vögel aus der Hecke geschossen hatte, - auf Konservenbüchsen, Bäume, fahrende Autos, Radfahrer, auf Hunde, Katzen, Kleinkinder und Alte.  Deren Lauf ich gekürzt hatte, um sie für den heutigen Zweck unauffällig transportieren zu können ...

 

„Hemingway machte damit Schluss, weil er nicht mehr schreiben konnte,“ deutete ich auf das Teil. Der Verleger nickte zustimmend, wie ein im Holz nach Maden pickender Specht. 

„ ... und ich habe die Flinte vor vier Jahren bei eBay ersteigert, - unter anderem, um damit Karriere zu machen; ist doch sehr überzeugend, oder ...?“, war ich stolz.

Doch der Schlappsack sagte dazu nichts ...; ob er einen Schock hatte, frage ich mich noch heute.

 

„Wissen Sie,“ wollte ich ihn, den Ton wechselnd, aufmuntern, „Hem war letztlich zu krank, um auf die Jagd zu gehen, um zu fischen, und ohne das alles war es kein Leben mehr für ihn. Kein Spaß. Ja, er fühlte sich verbraucht und leer, - so wie Sie gleich, wenn Sie jetzt nicht nach der Sekretärin und dem Schnaps klingeln!“

„Schon gut, schon gut. Geben Sie mir Ihr Handy.“

 

Keine zwei Minuten später stand diese wirklich blonde Blondine mit Silbertablett, darauf zwei Gläsern, Zigarren und dem Whisky, im Pissoir.

 

„Soll ich die Polizei rufen?“, fragte sie, wohl durch die Situation irritiert, ihren Boss.

„Sie sind sehr unerschrocken, meine Liebe“, sprach ich sie an, „sie wissen wohl nicht, wer ich bin?“

„Nein. Tut mir Leid, ich kenne Sie wirklich nicht“, spielte sie das hilflose Mädchen.

„Ich bin in eurem Laden der nächste Bestsellerautor,“ klärte ich sie auf.

„Und du“, stupste ich meinen zukünftigen Verleger an, „rufst jetzt bei der Druckerei an, und lässt die Walzen warmlaufen!“

 

„Walzen?, Sie Hirni!“, amüsierte der sich nach dem ersten Schluck frech geworden, „man arbeitet heute mit Fotodruck ...“

 

„Das ist mir egal“, unterbrach ich den Besserwessi, „und wenn der alte Gutenberg noch selber setzt, sag jetzt dem Drucker Bescheid, wie er auch heißt, sonst schiebe ich dir meine Zigarre in den Hintern; ... also - nun mach schon!“

 

„Machen Sie, was er sagt“, beauftragte der wiederum die Sekretärin, „und geben mir dann Vollzugsmeldung, wann es losgehen kann ...“

 

„Na siehst du“, war ich leutselig, gab ihm einen freundschaftlichen Katzenkopf, dass der teuere Whisky ihm wie Blut aus der Nase schoss, „du wirst es nicht bereuen.“

 

Man sieht also, es ist ganz einfach, Bestsellerautor zu werden.

 

Es braucht lediglich Humor, etwas Durchsetzungswillen, einen Verleger, dessen Whisky und Zigarren, sowie eine blonde Sekretärin.

 

Glauben sie mir, die teuren Schreibkurse und langweiligen Bücher übers Bestseller/schreiben/lernen kann man sich ..., ach was: die sind echt für’n Arsch.

 

 

                                                                                             © 21.02.2006 michael köhn
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