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Auszug aus meinem Roman: ’Der Mann im Haus’. Hinter dem Mond ist Platz für alle Die Isolierung, Verlorenheit, der Bruch von Gefühlen, die zerstörten persönlichen Beziehungen, die vagen Erscheinungen menschlichen Lebens hier, all das entwickelte sich mit der Zeit immer mehr zu Spinnereien und Flausen - bei mir. Und zur Abstraktion im Denken, zu absurden Naivität im Selbstgespräch. Ja, das Element Sprache - ein Subtext, Subgedanke, als gedachter Satz, der vom gesprochenen Gedanken abwich, als Ding, - ein leer geblasenes Ei, das häufig das Gegenteil eines Gedankens sein konnte. Dem Widersinn von Ausdrucksform Eines zu denken, aber Anderes zu sagen, oder auch nicht ... Bezeichnend auch die unvollständig vollständige Gedankenlehre, die durch Denklücken zum Vernetzen mit schon Gewusstem zwang. Diese Leere im Nichts. Die gedachten Schreie, der Widerstand, das unbeabsichtigte Verblöden in Babysprache, das Wirrwarr in Geheimzeichen, unsichtbarer Tinte. Das Wissen, dass man abgehört wurde, gesehen wurde - beim nichts Tun, beim einfach nur da Sitzen, beobachtet beim Denken. Oder sonst. Und dann nichts mehr dergleichen, nicht mal mehr denken können. Und man kann nichts dagegen tun, - es schleicht sich einfach so ein, je länger man hier ist. Ich weiß, wovon ich rede ... Zu fünft lebten sie in der Zelle des Hochsicherheitstraktes, und doch jeder für sich -, fast wie damals in IAO Freiheit, die auch keine war. Jeder hatte seine Aufgabe, und alle ein und das selbe Problem zu bewältigen: den Staat verändern. Mit Waffe, oder ohne. Auch hier. Klar, an Leidenschaft fehlte es ihnen nicht dabei, nicht an Gebärden. Wo auch immer. In der Welt draußen bombten sie und besorgten Geld für den Kampf, - in der Wohnung, auf einem schönen Teppich, schwarzem Flügel, spielte Marco Mozart. Neben ihm saß A., - weiblich. Sie sollte sich zu ihm setzen. Die Noten umdrehen. Die andern wollten aber diskutieren. Er aber war neugierig auf sie - auf diese A., weiblich und neu in ihrer Gruppe. Und er spielte nur für sie. Keine Ablehnung der Gruppe gegen sein Spiel beirrte ihn, - ihretwegen. Er hatte Energie wie lange nicht mehr. Lust in den Augen. Und nicht nur da. Und es war schon ewig nicht mehr so, deshalb kostete er es aus ... Gut, sie fand sein Verhalten unvorsichtig. Doch sie wird mit ihm gehen, nachgeben. Ein Revoluzzer muss auch mal ficken, meinte sie, lachte, fickte. Und machte es mit den anderen wie mit ihm auch. Sie ist Psychologin; - nicht ganz, scherzte sie, ich habe mein Studium abgebrochen. Sie überfallen gemeinsam eine Bank. Deutsche Bank Berlin. Marco und A. gingen rein. Eine Psychologin die Banken ausraubt, amüsierten sie sich vor der Tür. Der Rest der Gruppe sicherte die Aktion von draußen. Es fällt kein Schuss, kein Wort. Nicht drinnen, nicht draußen. Fast nie. Ja, die beiden Frauen waren keine Spielzeuge, nicht Zuckerguss, - die wussten was sie wollten. Es reicht für ein halbes Jahr, sagte A., - zählen müssen wir nicht. Sie wissen nämlich vom Typischen der Revolution, und danach richten sie ihre Bedürfen und Verhaltensweisen aus. Und deshalb gehen sie nicht auf den Augenblick aus, doch wenn nötig, gehen sie mehr als über den Nullpunkt. Auch im Jemen, als sie alle fünf die Ausbildung im Straßenkampf absolvierten. Alle waren sie gut, sagte der Ausbilder dort; die Frauen am besten. Eine davon war A. Die andere B. B. ist Journalistin. Konkret links erzählt sie Wahrheiten, aufbereitet in Dichtung, Volkstanz mit anfassen, - erarbeiten einer Melodie, Gemälde vom Leben erstellen, - abstraktes, das sich laufend verändert. Sie trägt immer eine Pistole. Mauser sechs Schuss. Und sie wird schießen, wenn man ihr auf den Pelz rückt. Sie ist ein Angstbeißer. Dann kam der Einbruch von Liebe in ihre Welt. Es war C., - der nackt in ihrem Bett lag. Unbewaffnet, doch mächtig im Stoß. Das Bett, in dem C. die meiste Zeit des Tages liegt, ist zwei Matratzen auf einem Holzpodest. Das Podest besteht aus sechs Transportpaletten vom nahen Großmarkt. Geschenk des Vorarbeiters dort, der B. mochte, - und die Latten bei ihr zusammennagelte, ohne sie zu fragen ob sie auch ... Ohne großartig den Kopf zu heben sieht C. vom Bett aus in einen grauen Innenhof mit Teppichklopfstange, auf Müllcontainer. Bei offenem Fenster riecht er den Abfall in diesen Containern. Altes Obst, Fischköpfe, Rattenscheiße. Von weiter her - und wenn er will, den weniger strengen Müll der Straße, die Menschen. Leute die er vom Mief befreien will. Schnüffelt er lange genug hinein, ist er eins mit Müll, Abfall und den Menschen, dem kalten grauen Innenhof, den parkenden Autos auf der vermatschten Straße, dem versifften Bett, seinem Halbschlaf in Nacktheit, seinem träumenden Schwanz, - darüber der Himmel, da drunter ihre Möse; die von der Journalistin B. Blond ihre Scham. Rosig ihr Fötzchen. Doch eigentlich sehnt er sich nach A., Psychologin - die Banken ausraubt und nach Lavendel duftet, wie er weiß. Leider kann man sich das Leben nicht aussuchen, das man führt, sagt B., weiblich, hellblond, einmal geschieden, und ohne von den Wünschen und Nöten des C. zu ahnen, dem ehemaligen Erzieher, Pfarrerssohn -, den Vorstellungen und Bedürfnissen der ganzen Menschheit. Vom Lavendel. Dem Wunsch von C. in Südfrankreich zu leben, zu lieben - mit A. Es bleibt D. Wer ist D., - man sieht ihn nie außerhalb der Zelle? D. ist ein Krüppel. Heute. Früher war er Straßenmusiker. Gitarre. Mundharmonika. Schlagwerk. Schellenbaum. Er reiste durch ganz Europa, nicht nur der Musik wegen. Sogar nach Libyen zog es ihn. Nach Tripolis, - riet ihm sein Trieb. Genau dort, vierundachtzig Meter über dem Meeresspiegel, geriet er unter ein Auto, auf dem Bürgersteig, wo er saß und musizierte. Der Karren vernichtete die Musikinstrumente, bis auf dem Schellenbaum, zerquetschte ihm beide Beine. Ein Bein wurde wieder, so dass ein normaler Schuh auf den Fuß passte. Das andere blieb kurz. Wurde dünn. Der Fuß klump. Nun benötigt er eine Beinschiene, einen orthopädischen Schuh, um hinzukommen wohin er will und muss. Im Knast hat er es gut, denn er verlässt kaum die Zelle, muss nicht laufen. Nur wenn er muss. Doch er muss nicht - und auch nirgendwo hin. Seine nutzlosen Tage verbringt er also mit Lesen, obwohl er zum Lesen eine Brille benötigt, die er nicht hat. Auch schreibt er Briefe, ohne Schreibstift, Papier oder Tinte. Hört Musik, ohne nichts, nur in den Ohren. Also: er liest Zeitungen und Bücher, hört Töne, die er nicht hat - und, dass ohne Brille und ... spielt gegen einen imaginären Gegner Backgammon, ohne das Spiel zu kennen. Gewinnt. Immer. Er erfindet das Rad neu, schlägt die Zeit tot, wie man so sagt, - trinkt Tee ..., wenn er welchen hätte. Er ist D. Vom Flugzeug aus sieht man die Wüste als einen wunderschönen Knabenkörper im zarten Pastell, würde er sagen, wenn man ihn danach fragen würde. Als Wüste bezeichnet man ein Gebiet, in dem auf Grund extremer Klimalagen fast keine Vegetation existieren kann. Die Menschen in Tripolis bezeichnen die Sahara als Meer ohne Wasser. Die Wüste ist D. D. ist Päderast, usw. ... oder ... Oder Plisch und Plum, - die Paul und Peter heißen, und vom Staat vor die Tür von Marco - den sie Z (Zett) nannten - und vor C. und D. gestellt wurden, - vor Monitore, die deren Zellen zeigten - und was darin passiert. Anwesend für die weiblichen Häftlinge A. und B. waren die Damen Fittig und Schlicht. Die alle vier führten ein Pärchenleben. Acht Stunden, ab morgens sechs Uhr, hatten Paul und Fittich Schicht. Acht Stunden, nachmittags, waren Peter und Schlicht die Aufpasser. Wöchentlich wurde Zeit und Partner gewechselt. War Schicht, auch in der Paarkonstellation. Peter und Paul, sowieso die beiden Damen, sind in den besten Jahren. Wenn man sie unbefangen sehen könnte, egal wer mit wem, würde man denken, beim fünf Uhr Tee in der Roxy Bar zu sein. Nur die Enge des Dienstraumes, die Gitter, beeinträchtigen solche Vermutungen und, wenn man sie miteinander reden hört. Keine fünf Meter von deren Dienstraum hatte ich eine umgerüstete Zelle bezogen. Der ehemalige Haftraum war fast im ’Naturzustand’, lediglich das Bett entfernt, eine Telefonleitung gelegt, ein Schreibtisch eingestellt. Mehr brauchte ich nicht. Es ist Wahnsinn, wie die Zeit vergeht, gerade wenn man nur da sitzt und in der Nase bohrt. Ich erinnere mich an diesen Tag mit über 30 Grad. Ich hatte den Stuhl auf den Flur geschoben, weil es dort um einiges kühler war, und beobachtete wie sich die Hitze erst in der Zelle und dann auf dem Gang sammelte. Wie die sich ballte, den Raum besetzte, füllte, und weiter vorwärts waberte, auf mich zu. Ich sah den schillernden Hauch blasigen Einerleis wie damals, entstanden aus engen mit Seifenlauge gefüllten Blechtuben, in die wir als Kinder rund gebogenen Draht steckten, den in die Lauge tauchten, um dann hauchend schillernde Ballone zu zaubern. Und wie schon immer: wer den größten hatte, hatte gewonnen. Ich blick denen nach, bis sie vor Stolz platzen. Genau in dieses sanfte Geräusch hinein krakelt durchdringend Geschrei, und lautes Rufen, Hufschlag hallt durch den Trakt. Die gesamte Kulisse kommt mir als Urlaubserinnerung bekannt vor, da die Geräusche dem Treiben in einem Basar ähneln. Als ich mich deswegen neugierig umblickt, sehe ich fließende Kleidungstücke, Stoffe in Schwarz, Rot und Gold an Wänden und Zellenfenstern hängen, während sich in der entferntesten Ecke Waren in Säcken, Gewürze, Bananen, Datteln, Getreide stapeln. Auf einem Tisch türmt sich Käse, Schinken und Wurst. Fisch vermute ich in einem Fass, da von dem ein betäubender Gestank herüberweht. Der Geruch scheint jedoch niemanden zu stören, denn es wir Gebäck und Tee serviert. Ich nehme einen Keks, eine Tasse Tee, esse den Keks, trinke vom Tee, der wie Whisky aussieht: Jack Daniels, - Herr Oberverwalter an Justizvollzugsanstalten -, und blicke auf den Grund der Tasse. Als sich der Rauch verzogen hat, sehe ich, dass sich vor der nahen Moschee Leute versammelt haben, die im Gras sitzen und den Koran studieren, die sich ab und an zu Boden werfen um zu beten, zu meditieren, was weiß ich. Doch eines war glasklar, inmitten des Trubels, des Johlens und Schreien, im Zentrum der Ruhe, zwischen hochgereckten Ärschen, gebeugten Köpfen und Rücken, sehe ich Marcos Kopf, eindeutig, obwohl der Kerl in seiner Zelle sein muss ... Mein Plan, ihn aus der Haftanstalt zu schmuggeln, schien also vollzogen zu sein. © 17. 02.2006 michael köhn Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular! |
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