fetisch


Fetisch

 

 

Ich gab ihr die Hand, und sie wusste, das es vorbei war.
Ich brachte meine Sachen in Ordnung, Unterhose, Unterhemd, Hemd, Oberhose, schloss den Jackenknopf, und kehrte ins Zimmer zurück.

 

Ich trat ans Fenster.
Sie stand auf der Straße, direkt unter mir, reglos und stumm, und hielt
ihren Kopf gesenkt - wie nach einem Schlag ins Genick.
Sie musste ihre Kleider im Hausflur gerichtet haben.


Eigentlich war es mir egal, wo und wie sie was gerichtet hatte, denn die
Ursache, die bei mir Wirkung erzielte, war nicht mehr.

Klappe, gestorben, sagen wir am Set zu solchen Dingen.
Doch sie hörte meine Gedanken nicht, bemerkte nicht meinen Blick, wie auch.


Von unten erklang Musik. Ein Leierkastenmann spielte.

Ein Fossil, der bucklige Alte. Ich wusste nicht, dass es so etwas noch gab. Früher, ja früher ...


Der hier sang ein Lied von Hans Albers, einen Gassenhauer, sagte man
ehemals. "Einmal muss er vorbei sein...", tönte es treffsicher und wie auf
meine Situation zugeschnitten.

Der Text des Liedes lastete wohl auch auf ihren Schultern, erdrückte sie restlos, denn sie stand immer noch wie geschlagen, getreten, - gebückt. Doch eventuell waren lediglich ihre Schuhbänder offen.

Oder sie trauerte um unser Sexleben, - hungerte nach meiner Stellungskunst jenseits von Verkrampfung, Turnübung und Viagra?


Ach, hätte sie bloß nicht diesen albernen Haarschnitt ausprobieren wollen, denn ich liebte ihre Haare - so wie die vorher waren.

Heute hatte sie mich damit angeekelt.

Ein Glück, dass es danach geschah ...


Ja, ich denke oft an schwarze Haare.

An fantastische Mädchen mit langen schwarzen Haaren.

An die Wärme von Mädchen mit schwarzen langen Haaren.

An Engel, die in Äonen Lichts blaudunkel glühen.

Und wenn es soweit ist, flieht mein Geist dem bewussten Raum, der berechnenden Zeit, dann bin ich frei.

So frei denkend träume ich in Möglichkeiten und Tatsächlichkeit, - und ich beneide Männer von Friseurinnen um ihre Frauen, die in ihrer Freizeit langes schwarzes Haar bürsten, die sich nach Nächten voller Leidenschaften den Samen ihrer Liebhaber aus den Haaren waschen, um wieder neu bereit zu sein.


Ja, mein Gott, ich würde diese Flittchen nehmen, gebrauchen und am Boden liegen lassen wie Romanheftchen, manche an irgendeiner Stelle wie versehentlich aufgeschlagen, andere geknickt und in Richtungen gebogen, feucht am Rand von Schweiß und nass von meinem Sperma.


Für sie, und schon hatte ich ihren Namen vergessen, hieß sie Petra, oder Bea?, na ja so ähnlich, hatte das seltsam geklungen, als ich sagte, was ich wollte. Sie sah mich an und versuchte zu verstehen, was gemeint war. Als sie begriff, sank ihr der Kopf auf die Brust, und ihre Miene wurde leer. Ich nahm die Schere und schnitt. Ich wollte nicht, dass sie sich den Samen aus den Haaren wusch. Meinen Samen!


Ich rollte das Haar zusammen und legte es auf Samt gebettet in ein
Mahagonikästchen. Die Kostbarkeit deponierte ich in der Vitrine auf den Platz mit der Nummer 31.
Heute Abend wollte ich mich noch einmal daran machen, - denn ich liebe frisch abgeschnittene lange schwarze Haare über alles -, und die Neuzugänge meiner Sammlung werden immer zweimal präpariert.


Die Frau stand immer noch auf der Straße, reglos, stumm, kurzhaarig, und hielt ihren Kopf gesenkt.
Es könnte ein Tag im Frühling sein.

Ein Anfang.

 

                                                                                                     märz 2006 michael köhn

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