dieluegesofett


                                        Die Lüge, so fett

 

 

Über den Zeitungsrand blickend, sah ich den qualligen Oberkörper meines Visavis auf dem Tresen fläzen.

Raul, hieß der Fettsack.

 

Ich sah, wie seine Augen hervor traten, sich ihm die Haare sträubten, seine Halsadern schwollen, - wie sein weißer Speichel flockte, um mit der Atemluft Blasen zu bilden und davon zu fliegen. Ich hörte, wie er stöhnte. Unrhythmisch, irgendwie, - als wenn ihn etwas quälen würde. Und ich wusste, was nun folgen würde.

 

Richtig, der Dicke wölbte die Lippen, bleckte die Zähne, wie immer, tat, als ob er mir was Vertrauliches sagen wollte, stemmte stattdessen beide Füße auf die Querstreben des Hockers, auf dem er saß, lüftete sein Gesäß Zentimeter in die Höhe - und protzte hörbar los -, und das bewusst, und ohne jegliche Scham, schien es.

 

Herrgott ja, immer das selbe Spiel, immer wenn die Wirtin der Stampe nicht da war und in der Küche für den Fresssack ein Schinkenbrot oder sonst was an Fraß herrichten musste ...

Genau dann dessen Provokation -, sein Fläzen, dieses Hochrecken vom Hintern -, die feiste Visage in Vorfreude und Aufruhr -, dann die Blähung. Und dabei und zuvor dessen widerliche Schweineaugen, sein halb offenes  Maul, als ob er um Aufmerksamkeit für seine Sauereien betteln würde.

Doch nicht nur deswegen war ich auf dieses unsagbare Geräusch seiner Blähungen vorbereitet. Wie auf den Gestank danach. Immer. Nein, ich wusste es: er wollte von mir was auf die Fresse.

Und genau deshalb kochte mein Hass auf den Typen hoch und höher ...

 

„Es ist widerlich, du Zwiebelfresser ... Ehrlich, - du bist und bleibst eine alte, fette Pottsau, die ich vor die Tür setzen sollte ...!“

„Lange nichts gegen dich, mein Freund, denn ich weiß, dass du vor einer knappen Stunde meine Alte gevögelt hast; oder denkst du wirklich, dass ich das nicht weiß?“

„Wenn du das weißt, halt doch einfach dein Maul, mich interessiert nämlich nicht die Bohne ob du es weißt oder nicht!“

„Mach Witze. Sie erzählt es mir jedes Mal gleich ..., hier, durchs Handy, kaum das du gespritzt hast, - du Sau!“

„Was für ein verkommenes Weib!“

„Was für ein schwachsinniger Ficker ...“

„Du solltest endlich deinen Rand halten, sonst hau ich dir aufs Maul!“

„Du mir?“, grinste die Qualle.

„Ja, ich dir! Und dein blödes Lachen wird dir dann auch vergehen.“

„Das glaube ich kaum ...“

 

Ich hatte mindestens Tage zuvor schon gewusst, das es so kommen würde. Schon wegen dieser Schlange von Frau, mit ihrer gespielten Geilheit. Und dabei ging es ihr nur ums Geld, und darum, ihrem Alten eins auszuwischen ...!’

Ja, eigentlich hatte ich es immer gewusst.

Auch wenn sie mir für ’Fünfzig’ die Wäsche gewaschen und die Bude sauber gehalten hatte, - und ich sie nur das eine Mal gefickt hatte ...

 

Ja, Fünfzig hatte ich abgedrückt.

Fünfzig! Für ein Mal im Monat. Und das, weil diese blöde Kuh mir mit ihrer Heulerei in den Ohren gelegen hatte, und, dass sie ein bisschen Geld für sich haben wollte. Hatte sich beklagt, dass ihr Alter alle Kohle versoff, verzockte, verfickte ..., ach, für dies und das, was weiß ich; zum Kotzen, diese Weiber ...

 

„Und, hast auch immer von den Fünfzig was bekommen?“

„Was für Fünfzig?“

„Die ich deiner Alten danach immer in den fetten Arsch geschoben habe!“

„Du hast fürs Ficken bezahlt?“

„Nur für von hinten. Lutschen war umsonst ...!“

 

Der Dicke stöhnte.

Sicher hatte den nun meine rückhaltlose Wahrheit fertig gemacht.

Erst ihr Geständnis mit mir zu ficken -, warum auch immer -, dann meine Behauptung wegen der Fünfzig ...

 

„Du Sau. Du elende Drecksau!“

„Hast du nun was abbekommen, oder nicht?“

„Ich habe nichts ...“

„Da sieht man mal wieder, wie blöde du bist.“

„Schnauze ...“

„Und einen kleinen Schwanz sollst du auch haben!“

„Jetzt reicht es ...“

 

Der Dicke bewegte sich vom Hocke runter, ächzte dabei, wand seine Gestalt um den Tisch herum, die Arme wie Windmühlenflügel bewegend ...

 

„Komm schon, Raul. Komm her. Nun komm schon, - du Blasebalg ...“, lockte ich.

„Warte nur ...“

 

Als er nahe genug war, stellte auch ich mich in den Raum. Schwingend in den Hüften, leicht gebeugt und wachsam, - all meine Sinne auf den Gegner ausgerichtet. Wie gelernt.

 

„Komm schon!“

 

Komisch, genau da musste ich an sie denken, die eigentlich fett war, wie ihr Kerl. Und auch so unproportioniert. Ja, eigentlich eine Kasperlefigur. Und ihre Nase erst ...  

Und genau deshalb machte der Dicke immer dunkel, wenn er sie fickte, hatte er erzählt.

Und vor dem Dunkel machen hatte er sich immer auch einen angesoffen, erzählte sie.

Schon beim Gedanken an das, was kommen würde, hatte er erzählt.

Der ist so gut wie impotent ...

 

Er hatte nicht zu viel erzählt. Sie nicht zu wenig. Beide immer richtig im Dreh. Im Schwung. Vom Dasein zwischen Geilheit und Abscheu. Hart und zart. Und das er seine Alte mästen würde, und sie ihn, - damit kein anderer sie anmachte ...

 

Doch eins musste man seiner Alten lassen, sie war Frau geblieben: ficken konnte sie, und blasen auch; a la Bonheur! Und das war die Fünfzig wert. Erst anblasen, dann ficken ... ungereut; doch einmalig in der Tat.

Doch nun das hier, - von diesem schwitzenden Kerl ...

 

„Komm, mein Freund, es tut auch nicht weh ...“

 

Und schon saß der auf dem Hintern -, greinte, wälzte sich im Schmerz zwischen Tresen und Wand, die Kippe noch zwischen den Lippen. Erstaunlich. Eigentlich war der unversehrt. Nur durch die Zahnlücke ein bisschen Blut. Nicht viel. Ein bisschen eben. Und doch schrie die Wirtin mich wütend an: „Das musst du bezahlen!“

 

„Ich? Bist du vollkommen blöde im Kopf?“ Wieso denn ich?“

„Du hast doch wie immer angefangen, - du Rabauke.“

„Na sag mal ..., du warst doch dabei. Raul hat angefangen. Ich wollte nur in Ruhe mein Bier trinken!“

„Das kannst du in Zukunft wo anders. Und nun raus ...“

 

Herrgott, mein Fehler, wusste ich.

’Ich hätte Dana damals nicht hängen lassen sollen’.

‚Ja, als deren Alter nach dem Herzinfarkt impotent ..., und ich mit dem Sack voller Spermien aus dem Knast ..., und gleich am ersten Abend auf sie rauf: hoppe, hoppe Reiter. Und dann auch noch die Tageskasse geklemmt ...’

 

„Ich hätte dich nicht so hängen lassen sollen, Dana. Tut mir echt Leid. Echt!“

„Mach, dass du rauskommst. Ich kann dich nicht mehr sehen. Ehrlich!“

 

Die Rosen hatte ich am Bahnhof besorgt. Wollte noch mal zu ihr. Denn eine Heimat braucht der  Mensch, zumindest beim Trinken. Und ein bisschen Geld. Menschliche Wärme. Oder wenigstens einen Zettel zum Anschreiben ..., eine Möse zum Ausruhen ...

 

„Mit solch einem Rosenstrauß wird sich alles finden“, meinte die Verkäuferin, als könnte sie meine Gedanken lesen.

„Sind Sie sicher?“

„Ja!“

„Und, - wann haben Sie Feierabend?“

„Ich bin verheiratet.“

„Dass passt. Ich nicht!“

„Sie gehen aber ran ...!“

„Also, wann?“

„Soll ein Kärtchen dabei sein? Macht sich gut!“

„Ja!“

„Und was drauf?“

„Schreiben Sie bitte - in fett: Verzeih mir, Dana!“

„Klingt gut.“

„Finde ich auch ...“

Locker reichte ich der Verkäuferin das letzte 'Pfund' aus Danas Kasse.

„Stimmt so!“

„Danke, der Herr!“

 

 

                                                                         © 12.02.2006 michael köhn

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