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Jannes Seite

für Jannes Maximilian

 

Hartmut kommt Montag. Ich habe versprochen auf ihn zu warten.

Mir und Maxe gehts doch gut! Der Entbindungstermin ist erst Montag in einer Woche. Das wird schon.

Nur- unruhig bin ich doch. Es ist so ruhig in mir. War das ein Strampeln? Ob ich nicht besser doch zum Arzt gehe?

Bine ist da mit Krümel. Der sagt, ich soll ihm das Baby zeigen.

Mach mal den Bauch auf und zeig es mir. Nee Krümel. Wir müssen schon noch auf Hartmut morgen warten. Ich hab es versprochen.

Bine will lieber mit mir ins Krankenhaus. Auch sie ist unruhig.

Aber- war doch bis jetzt nichts, wird auch nichts sein! Und außerdem habe ich Wehen. Wie bei Steffi damals. So ein bisschen?.

Ich spüre den Kopf oben im Bauch. Der Bengel dreht sich einfach nicht um. Und faul ist er! Er zappelt kaum. Das kann ja was mit uns werden.

Vielleicht liegt es ja daran, dass du dich so klammheimlich in unser geordnetes Leben geschlichen hast. Wir wussten erst wirklich im Dezember von dir. Vorher wollten wir es gar nicht glauben, haben alle Anzeichen als dumme Scherze zur Seite gelegt. Ich kann doch nicht schwanger sein- ja gar nicht erst werden! Nach der Krebs- OP war nur noch ein verklebter Eierstock in mir, ich hatte nur alle 3-4 Monate einen Zyklus, Hartmut wohnt und arbeitet 650 km entfernt. Und- wir haben beide erwachsenen Kinder.

Trotzdem- waren keine Blähungen (ach Dorette- du mit deinem Blasius!)!

Das war ein Kind!

Und was für eines- ich bekomme meinen heiß ersehnten Sohn doch noch! Und Hartmut- stolzer Vater- eine neue Aufgabe.

Es ist so still in mir. Die Wehen werden stärker. Ich muss bis morgen Abend warten. Erst dann ist der Flieger mit Hartmut da.

Wir haben uns den Kreißsaal ausgesucht. Früher gab es das nicht. Auch waren Väter nicht bei der Geburt dabei. Hartmut freut sich drauf. Hat schon Windeln geübt am Teddy- und anziehen von Boddys. Auch das war neu für uns- bei den Großen wurden noch keine Windeln am Kind festgeklebt und Unterwäsche einzeln um das Baby gewickelt. Wir hatten viel Spaß und Vorfreude.

Die Wehen werden nicht stärker.

Kathrin kommt- wie immer ein wenig auf dem letzten Dreh- endlich. Sie fährt mich zum Flughafen. Ich pass doch nicht mehr so richtig hinter das Lenkrad. Wir kommen auf dem letzten Pfiff.

Hartmut ist da. Jetzt könnte ich.

Es ist aber so ruhig in mir.  

Na gut. Erinnere dich. Hast doch schon zwei Kinder geboren. Es ist wie bei der Großen. So komisch. Die Wehen werden nicht stärker. Und sie sind unregelmäßig. Wie war das bei der Kleinen? Jette war einfach da. Habe ich das einfach nur vergessen? Ist ja auch schon 20 Jahre her.

Also warten war wohl eher das richtige. Der Termin ist doch auch erst Montag.

Gehen wir eben mit ins Büro. Die Tasche ist schon eine Weile im Kofferraum deponiert.

Eh ich allein rumsitze-  wo doch Hartmut endlich da ist! Keine Minute mehr ohne Hartmut! Wenn es losgeht.

Dorette- meine Homöopatin- meint, sie könne helfen. Also hin zu ihr. War das lustig- kaum hatte ich die Kügelchen in der Hand, begannen die Wehen intensiv! War das jetzt die Fruchtblase? Braune Brühe? Bei Steffi war das grün- und das war schon nicht normal!

Hartmut!

In der Klinik hatte die Hebamme von der Kreissaalführung noch Dienst. Sie checkte uns freundlich ein. Lies mich sich ausziehen. Dann suchte sie mit dem Sensorkopf zum Anlegen des CTG  an meinem Bauch. War da nicht ganz im Schatten ein leises Pochen?

Eine Steißlage.

Besser Hilfe holen. Hier stimmt was nicht.

Warum kommen sie jetzt erst? Na- weil ich doch erst jetzt eine kaputte Fruchtblase habe.

Der liegt schräg in ihnen, der Kopf ist oben. Da werden wir wohl schneiden müssen.

Wir finden keine Herztöne.

Na das kann ja nicht sein. All die tolle Technik? Nun mal los. Finden!

Bitte.

Ihr Kind lebt nicht mehr? Meins? Nee nicht? Sie meinen mich nicht! Jannes lebt doch. Das passiert uns nicht. Uns doch nicht!

Hartmut!

Und einen zu hohen Blutdruck? 240 zu? Na und? Mir doch egal.

Und ich soll in den Kreißsaal zurück? Spinnen die jetzt ganz?

Ihr könnt mich doch in diesem Zustand nicht auch noch quälen! Das ist nicht menschlich! Ist es nicht Elend genug, das unser Maxe tot ist?  Ich will das alles nicht! Nicht ein totes Kind, nicht Entbinden, nicht Leben!

Nee Hartmut- auch nicht für dich!

Oder doch für dich?

Weißt du, was du da von mir verlangst?

Die Hebammen-Schicht wechselt. Meine Wehen werden nicht stärker. Jetzt ist der Blutdruck künstlich unten, mir wurde erklärt, was passiert- und warum ich normal entbinden muss.

Mir ist schlecht. Ich bekomme Glukose zum stabilisieren. Und dann einen Wehentropf. Jetzt werden die Wehen schlimmer.

Und schlagartig erinnere ich mich an damals.

Ich fange an zu diskutieren. Ich will nicht entbinden! Mir fehlt die Motivation. Die Oberärztin hat den Mut, sich dieser Argumentation zu stellen. Das hilft mir.

Ich empfinde die Presswehen als schlimm. Die Ärztin muss auch noch helfen- nichts rutscht hier von allein. Ich spüre ihre Hände in mir.

Ich schreie nach Hartmut. Dabei spürt er doch meine Fingernägel in seiner Haut.

Ein Moment der sinnlosesten Hoffnung dieser Nacht- schreit Jannes doch?

Wenigstens dann ein schmerzlinderndes Weggleiten in eine Narkose. Und ein benommenes Aufwachen. Da hinein fragt Hartmut, ob wir den Jungen sehen wollen.

Wir bekommen ein eingewickeltes Bündel gebracht. Ein kleines Gesicht, stubsnasig, zerschunden von der Geburt, blaulippig. Die Haut schimmert blau, die braunen Haare sind unter einer Mütze verborgen. Wir schauen.

Er sieht so friedlich aus.

Er schläft.

Mit offenem Mund, die Zunge am Gaumen.

Eine Hebamme kommt, hebt ihn an, und macht sich für irgendwas Platz. Dann nimmt sie ihn wieder, hebt ihn zurück, streichelt sein Gesicht und redet- "Na Kleiner, bist niedlich".

Unsere Erstarrung löst sich. Vorsichtig nähern wir uns Jannes. Wir fassen ihn an, streicheln ihn. Ich suche seinen Fuß. Ich wollte einfach mal zurückdrücken. So haben wir uns doch lange verständigt! Und so begrüte ich ihn.

Ein kleiner Hartmut.

Zur Beerdigung kamen viele unserer Freunde und seine Schwester Jette-  trotz langer Wege.

Ich hatte Jannes Teddy im Rucksack mit. Die beiden sollten sich wenigstens so kennenlernen.

Viele Marienkäfer schmückten die Blumen für Jannes Maximilian. Und unsere Trauer hat nun einen Ort gefunden.

Heute ging Hartmut am Flieger in Dresden durch die Kontrollen. Beim  Abschied musste ich doch noch weinen. "ich wollte doch immer einen Sohn haben". "Wir haben einen Sohn" - sagt Hartmut.  

"Aber das man sich Großziehen extra wünschen muss, wusste ich nicht!"

 

 

 

 

 

 


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