Ticos Welt


                               Ina

 

 

 

 

Ina saß da und starrte abwesend aus dem Fenster. Sie bekam nichts von den Gesprächen mit die um sie herum stattfanden. Immer und immer wieder überlegte sie, was sie denn tun könnte, aber sie kam zu keinem Ergebnis. Sie seufzte gerade leise, als ihre Freundin Bell sie anstupste. „Hast du gehört? Was hältst du davon?“ Fragend sah Ina sie an. „Ach du, du hast mal wieder nichts mitbekommen“ meckerte Bell los. „Seit ein paar Tagen bist du seltsam, das muss ich dir jetzt schon mal sagen“ Ina zuckte nur mit den Schultern, sie hatte keine Lust, ihrer Freundin alles zu erzählen. „Ich muss jetzt los, wir sehen uns später“, mit diesen Worten holte Ina den Geldbeutel raus, suchte das Geld für die Cola zusammen, legte es auf den Tisch und ging wortlos davon. Die verblüfften Blicke ihrer Freundin sah sie nicht mehr.

Langsam und in Gedanken versunken ging sie durch die kleinen Gassen ihrer Stadt. Sie wusste nicht, was sie tun sollte und wie sie alles regeln sollte. Als sie zwischendurch aufblickte, merkte sie, das sie im Stadtpark angekommen war. Müde ließ sie sich auf eine Bank fallen und blickte auf den angelegten Teich. Sie hatte keine Ahnung, wie sie das Problem in den Griff bekommen sollte, langsam kam Verzweiflung in ihr hoch. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie musste heftig schlucken. Nein, sie wollte nicht schon wieder weinen! Inas Blick glitt in den Himmel und sie verfolgte das Wolken-Sonne-Spiel, das sich ihr bot. Ein Geräusch ließ sie zusammenzucken und sie blickte auf ihre Uhr. Es war an der zeit, den Heimweg anzutreten...Ina seufzte noch mal leise und stand schweren Herzens auf, es half ja nichts hier sitzen zu bleiben.

Ina schlug den Weg zu ihrer Wohnung ein, je näher sie der Strasse kam, um so weniger ansehnlich wurde die Gegend. Alles war kahl, die Strassen und Wege ohne Grün, und Hochhäuser säumten den Heimweg. Auf fast jeder zweiten Bank saßen Obdachlose mit Bierflaschen in der Hand, Scherben lagen an jeder Ecke. Wie immer musste sie den Blick abwenden und suchte Trost im Blau des Himmels, als sie endlich den Schlüssel in die Türe steckte und die Haustüre aufsperrte. Wie auch schon die letzten Woche betrat sie den Hausflur mit einem komischen Gefühl im Magen, und bemühte sich, die Spinnweben und den Schimmel, die kaputten Türrahmen und Fenster zu ignorieren. Im Vorbeigehen nahm sie die Post aus dem Briefkasten, einen Schlüssel dafür brauchte sie nicht- alle Schlösser waren aufgebrochen. Dann stieg sie schnell dir Treppen hinauf in den 4. Stock, öffnete ihre Wohnungstüre, als sie drin war drehte sie schnell den Schlüssel um. Ihr erster Gang war zu ihrem Fenster, das einzige in der kleinen Wohnung. Sie öffnete es und suchte mit ihren Blicken den Himmel. Ja, dieses Blau beruhigte sie etwas. Dann setzte sie sich in ihren Sessel und öffnete die Post, eine Absage nach der anderen kam zum Vorschein....Ina wusste nicht mehr weiter. Dieses mal ließen sich die Tränen nicht herunterschlucken und sie liefen ihr über das Gesicht. Bittere Tränen weinend saß sie im Sessel.

Das alles hätte sie sich vor ein paar Wochen noch nicht mal in ihren schlimmsten Träumen ausgemalt. Da war die Welt noch in Ordnung. Zornig zerknüllte sie die Briefe und warf sie durchs Zimmer. Was konnte sie denn dafür, das ihr Chef sich verspekuliert hatte, die Firma pleite ging und die firmeneigenen Wohnungen versteigert wurden? Das die letzten Gehälter nicht bezahlt werden konnten...nichts, rein gar nichts konnte sie dafür. Aber sie musste es ausbaden, wie so viele andere aus ihrer ehemaligen Firma. Es gab anscheinend so viele arbeitslose Sekretärinnen, das für sie keine Stelle übrig war. Und das Geld vom Arbeitsamt langte gerade für diese Wohnung in dieser Gegend. Aber mit einem Wohnsitz inmitten lauter Sozialfälle bekam man nicht mal die Möglichkeit auf eine neue Arbeit, doch ohne Arbeit konnte sie nicht umziehen...in Teufelskreis war das, in dem Ina steckte.

Ihre Freundin Bell wusste von all dem nichts. Bell hatte keine finanziellen Sorgen, sie arbeitet in der Firma ihres Vaters. Und das war eine angesehene Rechtsanwaltskanzlei mit der besten Lage. Sicherlich, sie hätte Bell fragen können, ob bei ihrem Vater was frei wäre, doch das wollte sie nicht. Sie schämte sich, obwohl sie nichts dafür konnte. Nur: lange konnte sie es sicherlich nicht mehr vor Bell verheimlichen. Ina wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und stand auf. „Erstmal einen Bissen essen“ sagte sie zu sich selber und öffnete den Kühlschrank. Sie nahm etwas Butter und Honig raus, mehr war nicht drin. Auch das Brot war schon etwas hart, aber Ina schluckte fast trotzig die Bissen hinunter. Nein, sie würde nicht aufgeben, sie nicht. Nachdem sie die Scheibe Brot langsam aufgegessen hatte, schob sie den Sessel zum Fenster und blickte in den Himmel. Lange saß sie so da und genoss das Bild, das die Wolken im Spiel mit den Sonnenstrahlen ergaben. Von irgendwoher konnte sie leise ein Lied hören und das machte den Anblick noch schöner. Als es finster war, stand sie langsam auf, begann sich zu waschen und legte sich ins Bett. Das einzige, was ihr geblieben war, war eine kleine Stereoanlage. Sie holte aus einem Karton ihre Kopfhörer und CDs hervor, schaltete die Anlage ein und genoss die Musik bis sie einschlief.

Am nächsten Morgen blickte Ina aus dem Fenster, alles war trüb und eine Wolkenfront hing über der Stadt.. „Na prima, passt ja super zu meiner Stimmung“, brummte sie, schaltete die Anlage ein und machte sich auf den Weg ins Bad. Als sie wieder das Bad verließ, war ihre Stimmung etwas besser. So eine Dusche wirkt manchmal Wunder, dachte sie bei sich. Frohen Mutes stellte sie Wasser auf den Herd, um sich einen Kaffe zu machen und etwas zu essen. Als sie den Kühlschrank öffnete, verschwand ihr gute Laune wieder....außer ein Rest Honig und Butter beinhaltete er ja nichts. Ina dachte seufzend an ihren früher so gut gefüllten Kühlschrank, was hatte sie nicht alles weggeworfen- und das könnte sie nun alles brauchen. Gut, es half ja nichts und so würde es eben ein Honigbrot geben „Besser als gar nichts“ sagte sie zu sich, schenkte sich den frisch aufgebrühten Kaffee ein und begann zu essen. Heute war Freitag, kein guter Tag um sich in Firmen vorzustellen oder Bewerbungen einzuwerfen, alle dachten schon ans Wochenende. Ina seufzte, zum ersten Mal an diesem Tag. Und, sie musste dringend etwas einkaufen, nur wie, das war die Frage. Ihr Arbeitslosengeld kam erst in 5 Tagen, ach es war zum heulen.

Nach dem Essen stand Ina auf , holte sich ihren Geldbeutel, den sie Nachts immer unter der Matratze versteckte...ihr war es so sicherer. Sie leerte den Inhalt auf dem Tisch aus und begann zu zählen. Im Hintergrund lief der Radiosender, ihre Stimmung hellte sich etwas auf, als sie den Refrain des Liedes hörte: „close your eyes and see my blue skies breaking trouhg these dark clouds“ und sie sang leise mit. „27,69 Euro“ murmelte Ina, „na gut das muss eben langen, es sind ja nur noch 5 Tage.“ Und 5 Euro pro Tag waren ja auch nicht so schlecht, sie hatte es schon geschafft mit weniger auszukommen, als der Umzug einiges verschlungen hatte. Ina steckte das Geld wieder ein und ging zum Fenster. Immer noch alles trüb und das regnen hatte es auch noch angefangen. Aber es half nichts, das Brot würde für heute nicht mehr reichen. Sie trank den letzten Schluck aus der Tasse, stellte sie in die kleine Spüle, nahm ihre Jacke und ging. Sie sperrte die Türe zweimal zu, sicher war sicher. Zwar hatte sie keine Reichtümer, und die paar Kleinigkeiten, die sie noch hatte waren einen Einbruch nicht wert, aber trotzdem. Immer wieder sah sie sich um, als sie durchs Treppenhaus ging, ihr war es einfach hier nicht geheuer. Schnell schlüpfte sie durch die Türe, und war irgendwie erleichtert an der frischen Luft zu sein. Ein Blick in den Himmel sagte ihr, es würde heute keine Sonne durchkommen, Ina seufzte. Schnellen Schrittes durchquerte sie die Strasse, verschwendete keinen Blick an die Obdachlosen, die schon wieder auf ihren Bänken saßen und tranken. Ina ekelte das alles an.

Endlich kam sie in die Nähe des Parks, hier wurde auch die Gegend schöner, keine Hochhäuser sondern Doppelhaushälften, schöne Gärten und saubere Strassen und Gehwege. Ina ging langsamer und genoss die Umgebung und das viele Grün. Dabei überlegte sie, was sie tun sollte den ganzen Tag. „Ich werde einfach mal etwas spazieren gehen, einkaufen eilt ja nicht es ist ja noch früh am Tag“ sagte sie zu sich selber. Ina schlenderte weiter, betrachtete erfreut die Umgebung und merkte, wie sich ihre Stimmung immer mehr verbesserte. Nach einiger Zeit, Ina hatte nicht darauf geachtet wo sie hinlief, stand sie vor einem Wald. Sie war so in Gedanken gewesen, das sie nicht geachtet hatte, wo sie hinlief. Sie wollte schon umkehren, als sie ein kleines Haus entdeckte, das hinter Bäumen versteckt war. „Das seh ich mir noch an, und dann kehre ich um“ nahm sie sich vor. Langsam aber zielstrebig ging sie auf das Haus zu, das sich beim näher kommen als kleines Gartenhäuschen entpuppte. Gut, es war nicht gerade das Schönste, an einigen Stellen war was zu machen und der Zaun hatte auch schon bessere Tage gesehen. An manchen Stellen waren Löcher oder die Bretter waren so morsch, das sie abgebrochen waren. Neugierig ging Ina um das Haus herum. Auch die Büsche und Sträucher waren sehr verwildert. Es sah so aus, als wenn es leer stehen würde. Sie ging langsam an ein Fenster heran um durchzusehen. Als sie mit der Hand die Scheibe abwischte und durchsah bemerkte sie einen Schatten in der Wohnung, etwas bewegte sich .

 Ina erschrak.

 Für eine Maus war es zu groß, dachte sie bei sich und ging zur Türe um nachzusehen. Vielleicht war da jemand und brauchte ihre Hilfe. Sie klopfte an der Türe, nichts tat sich nur ein Geräusch, das sie nicht einordnen konnte war zu hören. Ina nahm all ihren Mut zusammen und öffnete die Türe. „Hallo? Hallo, ist da jemand?“ rief Ina durch den Spalt, den sie die Türe geöffnet hatte. Wieder hörte sie das Geräusch, es klang wie ein scharren, oder ein brummen...oder doch wie ein klopfen, Sie wusste es nicht.

 Obwohl sie Angst hatte, öffnete sie die Türe ganz.

Ina rief nochmals: „Hallo?“ doch nichts tat sich, nur dieses Geräusch war auf ihre Worte zu hören. Langsam stieß sie die Türe ganz auf, etwas Licht fiel in das Haus und sie konnte ein Bett, einen Tisch mit 2 Stühlen und eine kleine Küche erkennen. Alles sah verwahrlost aus. Vorsichtig betrat sie das Häuschen und sah sich neugierig um. Da es zu finster war, um genau was zu erkennen können, zog sie die Vorhänge vorsichtig auf. Die Fenster waren mit Spinnweben verreckt und die Scheiben hatte sicher schon lange niemand mehr geputzt. Gelüftet worden war hier sicher auch schon seit einer Ewigkeit nicht mehr, Ina stieß das Fenster auf, sofort  wurde das Häuschen von frischer Luft durchzogen. Sie verlor ihre Scheu und machte sich daran, das Innere des Hauses zu erkunden. Irgendwie sah es bewohnt aus, aber der Staub und die abgestandene Luft...Ina wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie öffnete erstmal alle Fenster um mehr Licht zu haben. „So, nur noch eins“ murmelte sie und ging in das hinterste, noch etwas dunkle Eck des Hauses. Doch jäh blieb sie stehen, da war dieses Geräusch wieder. Vorsichtig bewegte sie sich weiter in die Richtung, allerdings bemühte sie sich darum jedes Detail genau zu beobachten, und nichts aus den Augen zu lassen. Als sie fast am Fenster angekommen war, streckte sie sich und stieß die Scheiben auf, sofort wurde es auch in diesem Eck hell. Neugierig sah sie sich um und machte eine Entdeckung: da war etwas Lebendiges, ein Tier...etwa kniehoch und wuschelig. Ina wusste nicht, was sie tun sollte. So ging sie erstmal zurück an das andere Ende des Häuschens und setzte sich auf den Stuhl. Überlegungen schossen ihr durch den Kopf, aber irgendwie war nicht das richtige dabei. „Erstmal wird ich hier etwas Ordnung machen“  nahm sie sich vor.

Sie suchte sich einen Besen und begann im Haus zu kehren, immer mit Blick auf die Ecke. Nach dem kehren suchte sie sich einen Lappen und machte sich ans Fenster putzen und abwischen der Möbel. Langsam aber sicher kam sie der geheimnisvollen Ecke immer näher. Sie versuchte jedoch, sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen und summte leise vor sich hin. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie neugierige Ohren, die in ihre Richtung aufgestellt wurden und eine neugierige Nase, die ab und an zu schnuppern begann. Ina schmunzelte und machte fröhlich weiter. Zum Schluss entdeckte sie noch einen Eimer, sie holte Wasser und begann den Boden zu wischen. Hm, nun war sie fertig, aber das kleine wuschelige Ding wollte einfach nicht rauskommen und sich zeigen. Da war guter Rat teuer. Nachdem Ina nun überzeugt davon war, das dieses Haus unbewohnt war, öffnete sie nun auch die Schränke in der kleinen Küche. Ein paar Tassen und Teller kamen zum Vorschein, auch ein Topf und eine Pfanne. In dem Unterschrank entdeckte sie eine Dose mit Hundefutter und einen alten, verklebten Napf. Schnell begann sie, diesen zu säubern und das Futter hinein zu füllen. Es war also ein Hund, der da in der Ecke saß....nur, wie lange mochte er schon alleine sein? War er ausgesetzt worden? Vergessen worden? War er fortgelaufen und hatte sich hier verirrt? Fragen über Fragen schossen Ina durch den Kopf. Wie große er wohl sein würde, ob er böse und angriffslustig war?

Egal, erstmal wurde der Napf auf den Boden gestellt und der Geruch des Futters verbreitete sich im Häuschen. Ina schob ihn langsam in Richtung des Hundes, aber nicht zu nahe, schließlich wollte sie ja, das er aus der Ecke hervor kam. Scheinbar uninteressiert setzte sie sich an den kleinen Tisch und schaute angestrengt in eine andere Richtung....ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, als sie aus den Augenwinkeln sah, das der Futtertrick funktionierte. Langsam und vorsichtig, nach allen Seiten schnuppernd kam das kleine, wuschelige Etwas aus der Ecke. Inas Gedanken überschlugen sich.

Sie sah, das der Hund erstmal Pflege brauchen würde, also baden, kämmen und vor allem einiges an Futter. Er war nur noch Haut und Knochen. Aber wie sollte sie das tun? Mit ihrem letztem Geld musste sie ja noch die 5 Tage überbrücken, und es war nur noch diese einzige Dose an Futter in diesem Haus gewesen. Sollte sie das Tierheim verständigen? Die würden sich sicher drum kümmern, aber der Hund sah schon älter aus, ob er nicht sein leben im Tierheim verbringen müsste. Ina wusste auch, das Tiere, die kein Zuhause fanden, eingeschläfert wurden. Und das wusste sie jetzt schon, das wollte sie auf keinem Fall. Dieses schöne Gesichtchen, mit den weißen Kippohren und der spitzen Schnauze war allerliebst und hatte sich gleich in ihr Herz geschlichen. Sie bewegte sich vorsichtig, um den Hund besser betrachten zu können...aber sofort verschwand das Tier wieder in seiner Ecke.

Gut, so würde das nichts werden. Ina stand auf, sie hatte einen Entschluss gefasst. Die Fenster wurden sorgfältig verschlossen, die Türe zog sie hinter sich ins Schloss. Sie prüfte noch mal, ob diese nicht aufspringen würde, dann ging sie schnellen Schrittes in Richtung Stadt. Im Supermarkt angekommen wurde erstmal durchgerechnet, was sie von dem Geld alles besorgen konnte. Nach und nach füllte sich der Einkaufswagen mit Futter, Tierbürste, eine Packung Leckerlies, einem Halsband, einer Leine und etwas Brot und Marmelade für sich. Kurz vor der Kasse nahm sie noch ein Päckchen Tee mit, den konnte sie ja auch kalt trinken. Als sie alles aufs Band schlichtete, rechnete sie in Gedanken noch mal die Preise nach, ja, es musste reichen...es musste einfach. Gespannt blickte sie auf die Verkäuferin. „27,45 bitte“, Ina fiel ein Stein vom Herzen und strahlend gab sie der Verkäuferin die gewünschte Summe.

Vollbepackt wie sie war, lief sie nach Hause, sie hatte eine Entscheidung getroffen. Sie würdigte der bedrückenden Umgebung ihrer Wohnung keines Blickes, lief rasch die Treppen nach oben, packte Waschsachen, Kleidung, Anlage, CDs und noch den restlichen Kaffee ein, zog die Türe hinter sich ins Schloss . Vor lauter Eifer vergaß sie sogar das zuschließen, als sie es unten im Treppenhaus bemerkte war es ihr eigentlich egal, sie wollte nur noch weg hier.

Sie merkte nicht, das sie Obdachlosen sie mit verständnislosen Blicken ansahen, sie bemerkte auch nicht die Scherben und die dreckigen Strassen, sie war mit ihren Gedanken schon bei dem Hund. Eilig lief sie den Weg zum Wald hinauf, was mit den Sachen unter dem Arm nicht gerade einfach war. Endlich war sie da.

Sie stellte die Tüten ab und öffnete langsam die Türe um den Kleinen nicht zu erschrecken. Dann trug sie wie selbstverständlich die gekauften Sachen hinein, eins nach dem anderen. Nun begann sie langsam die Lebensmittel einzuräumen, sie bemühte sich, nicht hektisch zu wirken und den Hund nicht zu verschrecken. Immer wieder blickte sie aus den Augenwinkeln in die Ecke und sie war sehr erfreut, als sie feststellte, ihre Bewegungen wurden interessiert verfolgt. Wie gerne wäre sie zu dem Kleinen gegangen, hätte ihn gestreichelt und gedrückt...sie musste sich schon  sehr zusammen reißen.

Als alle Sachen untergebracht waren, steckte sie die Anlage ein, und drehte sie leise auf. Voll Sorge beobachtet sie den Hund, ob er sich wohl wieder verkriechen würde? Nein, er lag auf dem Boden, neben dem leeren Napf und verfolgte alles ganz genau. Nun musste sie sich aber Ablenkung beschaffen. Als erstes füllte sie den neuen Napf mit frischem Wasser und stellte ihn etwas mehr in die Mitte des Zimmers, dann verließ sie den Raum und machte sich in dem kleinem Garten zu schaffen. Ina wollte versuchen, so gut es ging, die Löcher im Zaun zu reparieren. Mit dem Hammer und den Nägeln die sie gefunden hatte, machte sie sich ans Werk.

Mit Feuereifer war sie bei der Sache, ihr wurde warm .Sie zog ihre Jacke nur aus und warf sie in Richtung der Türe. Als sie fast fertig war, bemerkte sie, das es finster wurde. „Diese 2 Löcher mach ich auch noch schnell“ sagte sie zu sich selber, „dann kann er raus und nicht davon laufen“. Hastig suchte sie noch aus dem Holzstapel hinter dem Haus 4 Latten und nagelte diese an den Zaun. Ina trat zurück und betrachtete ihr Werk. Es sah nicht wirklich provessionell aus, aber den Zweck erfüllte es allemal. Stolz lag auf Inas Gesicht, endlich spürte sie nicht mehr dieses Gefühl der Leere und Unzufriedenheit in sich. Sie hob Hammer und Nägel auf, drehte sich um und ging Richtung Türe. Überrascht sah sie, das der Hund sie die ganze Zeit beobachtet hatte. Er lag wie selbstverständlich auf ihrer Jacke und verfolgte jeden Schritt den sie machte. Ina überlegte, was sie tun sollte, dann beschloss sie, keine Rücksicht zu nehmen und ohne zu zögern ins Haus zu gehen. Wie vorhergesehen lief der Hund wider in seine Ecke, aber nicht so weit wie vorher. Ina begab sich in das kleine Bad und wusch sich ab.

Ach, es wäre zu herrlich, wenn sie für immer hier bleiben könnte. Sie beschloss, die nächsten Tage Nachforschungen anzustellen, um herauszufinden, wer der Besitzer dieses Hauses war. Hungrig trat sie zurück in das Zimmer und sah überrascht, das der Hund sich noch weiter in die Mitte des Raumes getraut hatte. Sie betrachtete ihn, er war weiß -schwarz gefleckt, ungefähr kniehoch und hatte mittellanges Fell, das allerdings sehr verwahrlost aussah und durch das man auch die Knochen sehen konnte. Er sah sie direkt an, und sie bemerkte seine wunderschönen, bernsteinfarbenen Augen. Nein, sie würde den Hund nicht ins Tierheim geben, niemals. In dem Blick des Hundes lag Angst, aber auch Neugier und irgendwas, was sie bis ins Herz traf.

 Ina hatte auf einmal einen Kloß im Hals. Es war ein unerklärlicher Blick, der ihr sehr nahe ging. Sie hob den Napf vom Boden auf, wusch ihn aus und füllte ihn neu. Dann stellte sie ihn auf den Platz, den sie sich als Futterstelle ausgesucht hatte. Schnell holte sie den Wassernapf und stellte ihn daneben. Sie war gespannt, ob der Hund auch dort fressen würde. Um sich abzulenken begann sie, sich einen Tee zu machen und ein Brot zu streichen. Dann setzte sie sich an den Tisch, den sie vorher ans Fenster gerückt hatte. Langsam aß sie ihr Brot und genoss dabei den Blick ins Grüne. Etwas Angst hatte sie schon vor der Nacht, so alleine in einem fremden Haus mitten im Wald. Sie war ganz in ihren Gedanken versunken, so das sie gar nicht bemerkte, wie der kleine Hund sich langsam seinen Näpfen näherte. Überrascht sah sie auf, als sie die Geräusche bemerkte, die er beim fressen von sich gab. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht.

Sie stand auf um den Tisch abzuräumen, Faith, so hatte sie den Hund getauft sah sie nur kurz an, ließ sich aber nicht weiter beim fressen stören. Ina nahm ihre Tasse Tee und ging in den Garten. Sie holte sich die kleine, schon fast kaputte Bank und schob sie neben die Türe. Dann setzte sie sich hin und ließ die ruhige Umgebung auf sich wirken. Durch die ungewohnte Arbeit und der Ruhe schlief Ina ein. Sie hatte den Kopf an die Hausmauer gelehnt, die Tasse stand auf der Bank.  Nach einer ganzen Weile wurde Ina geweckt, jemand schüttelte sie am Fuß. Blinzelnd bemühte sie sich, wach zu werden und blickte in die Dunkelheit. Faith stand nahe an ihrem Fuß und stuppste sie mit der Schnauze an. Ina musste lachen „ja, ok .ich komm ja schon rein“ sagte sie beruhigend zu ihm. Irgendwie war es in dem Augenblick für Beide eine selbstverständliche Situation. Ina registrierte dies auch erst, als sie auf dem hartem, schmalen Bett lag und kurz vor dem Einschlafen war.

Am nächsten Morgen sah sie beim aufwachen in neugierige, erwartungsvolle Hundeaugen. Faith saß vor ihrem Bett und wartete schon auf sein Futter. Ina setzte sich langsam auf, um ihn nicht zu erschrecken. Vorsichtig streckte sie die Hand in Richtung seines Kopfes und streichelte schnell darüber. Dann stand sie schnell auf um das Futter zu zubereiten und kaffe hinzustellen. Während Faith fraß, ging sie sich waschen und umziehen. Das hatte sie gestern vor lauter Müdigkeit nicht mehr geschafft.

Ina hatte sich heute vorgenommen Faith zu kämmen, sie war schon gespannt, wie das funktionieren würde. Nach dem Frühstück ging sie zu Faith in den Garten. Er hatte sich neugierig umgesehen und lag in der Morgensonne unter einem kleinen Apfelbaum. Mit Leckerlies in der Hand kniete sie sich vor ihn hin. Faith kam langsam schnuppernd auf sie zu, und fraß ein Leckerlie aus der Hand. Ina strahlte, das hätte sie sich gestern noch nicht träumen lassen. Erwartungsvoll blickte Faith sie an, sie strich ihm leicht übers Fell, dafür gab es wieder ein Leckerlie. Langsam entspannte sich die Situation, Faith legte sich zu ihren Füßen ins Gras. Ina nahm die Bürste und begann ganz vorsichtig über das Fell zu kämmen. Zu ihrem Erstaunen schien dem Hund das zu gefallen. So verbrachten sie fast über eine Stunde im Garten. Als er durchgekämmt war, wurde er natürlich mit viel Leckerchen und Lob belohnt.

Ina überlegte kurz, ging dann ins Haus und kam mit dem Halsband zurück. Würde Faith es sich gefallen lassen? Neugierige Hundeaugen blickten zu Ina auf, als sie sich vor ihm hinkniete. Etwas zittrige Hände hatte sie schon, aber sie sprach mit ruhiger Stimme auf Faith ein. Er ließ es sich gefallen und nachdem das Halsband zugemacht war, lief er stolz durch den Garten. Ina musste lachen.

Dann ging sie nach innen, um das Haus aufzuräumen. Sie stellte die wenigen Möbel um und in Gedanken überlegte sie, wie sie den Besitzer des Hauses finden könnte. Etwas Angst hatte sie aber schon davor, was würde sie machen, wenn er das Haus nicht hergeben wollte? Um sich abzulenken ging Ina in den Garten, denn da war noch viel zu tun. Sie zupfte das Unkraut aus den Blumen, schlichtete kaputte Äste auf einen Haufen und verstärkte die Bank.

In einem Schrank hatte sie noch etwas blaue und weiße Farbe und einen Pinsel gefunden, und begann nun, die Fensterläden und den Türrahmen in dem Blau zu streichen. Faith lag in einiger Entfernung und sah ihr zu. „Na, was meinst du, malen wir die Bank auch blau an?“ Ina kam es vor, als wenn Faith nicken würde, und so begann sie auch die Bank zu streichen. Als die blaue Farbe verbraucht war, nahm sie Weiß und strich die Fensterrahmen und die Tür.

Mittlerweile war es schon Abend geworden und Ina bemerkte, wie sich ein Hungergefühl breit machte. „Du hast sicher auch Hunger, oder? Also komm Faith“, sie klopfte mit der rechten Hand an den Oberschenkel, Faith stand auf und ging mit ihr ins Haus.

Als Beide gesättigt waren ruhten sie sich noch etwas im Garten aus, besser gesagt, Ina ruhte sich aus, mit einer Decke im Gras liegend denn die Bank war ja noch nicht trocken, und Faith sprang im Garten herum. Als auch er müde war, kam er langsam auf Ina zu und legte sich zu ihr auf die Decke. Ina drehte sich auf den Rücken und schaut in den Himmel, wie sollte sie nur den Besitzer dieses Hauses finden, und wie könnte sie das Haus nur behalten.

Da fiel ihr Bell ein, und Bells Vater...die würden ihr sicher helfen. Nur, dann müsste sie alles erzählen, das sie die Arbeit verloren hatte, das das Geld nie reichte, einfach alles. Ina war das peinlich. „Was soll ich tun?“ fragte sie Faith. Dieser sah sie mit seinen bernsteinfarbenen Augen vertrauensvoll an. Ina musste schlucken, hoffentlich würde alles gut werden.

Am nächsten Tag verließ Ina das Häuschen ganz früh am Morgen. Faith sah ihr am Fenster nach, wie sie festen Schrittes den Weg hinab zur Stadt ging. Da Ina das ganze Geld ja für die Einkäufe gebraucht hatte, musste sie die Stadt zu Fuß durchqueren.

Sie blickte in den Himmel, er war strahlendblau, wie wenn er ihr Mut machen wollte. Ina seufzte kurz, bevor sie die Türe der Kanzlei öffnete. Bell saß da, wie immer perfekt gestylt und mit einer Tasse Kaffe in der Hand.

„Mensch Ina, wo warst du denn? Du hast dich nicht gemeldet, was ist denn los? Komm, erzähl schon“ sprudelte Bell los und nahm Ina in den Arm. „Du hast abgenommen“, fragend sah Bell Ina an. Diese konnte nur nicken. „Du Bell, hat dein Vater kurz Zeit für mich? Es wäre wichtig“ fragte Ina stockend. Bell sah sie überrascht an: „Ja du hast Glück, es hat gerade ein Mandant abgesagt, komm mit“ und schon führte sie Ina in das Büro ihres Vaters.

Nach einer kurzen Begrüßung wollte Bell das Zimmer verlassen, doch Ina bat sie dem Gespräch bei zuwohnen. Sie holte tief Luft und begann von ihren letzten Monaten zu erzählen. Von den Spekulationen des Chefs, dem Verlust von Arbeit und Wohnung, von der Geldknappheit und dem Häuschen, das sie durch Zufall gefunden hatte. Es war wie eine Befreiung für sie, sie erzählte von ihren Ängsten und Nöten und von ihrem Wunsch nach Arbeit und das Häuschen behalten zu können. Bell und ihrem Vater war der Schreck deutlich in den Gesichtern anzusehen. Schließlich hielt die Freundin nichts mehr auf dem Stuhl, sie sprang auf, nahm Ina in den Arm und drückte sie. „Warum hast du nichts gesagt, keinen Ton?“ Bell war fassungslos und ihr standen Tränen in den Augen. Ihr Vater räusperte sich, blickte Ina an und sagte:“ Wo genau ist denn dieses Häuschen?“

Ina beschrieb es ihm so genau sie konnte, dabei bemerkte sie, wie ein Lächeln über das Gesicht von Bells Vater glitt. Unsicher sah sie ihn an. „Also, das ist so“ Bells Vater holte Luft „ dieses Häuschen, das du mir da beschreibst, gehörte Bells Uroma. Ich wollte es schon seit langem verkaufen, da es für mich zwar von Erinnerungswert ist, aber ich leider keine Zeit habe, mich darum zu kümmern. Dieser Herr, der heute kommen wollte, also der den Termin vorhin aus Zeitgründen abgesagt hat, will dieses Haus kaufen“ Über Inas Gesicht legte sich ein Schatten, das Häuschen...das war für sie verloren. Es stand zum verkauf, niemals könnte sie sich das leisten. Sie musste schlucken, um die Tränen aus den Augen zu verdrängen.

Wohin nur mit Faith, doch ins Tierheim? In dieser Umgebung wo sie wohnte, das war nichts für den Hund. Die Tränen wollten sich nicht verdrängen lassen, Ina schluckte erneut.

Traurig sah sie Bells Vater an, doch der nickte ihr nur lächelnd zu. „Da ich das Haus eh noch nicht verkauft habe, und es ja schon seit Jahren leer steht kommt es mir nicht darauf an, wie lange es noch dauert, bis es verkauft wird. Und vor allem, etwas an Erinnerungen steckt ja in dem Häuschen.“ Er blickte etwas wehmütig, „denn dort bin ich aufgewachsen, bei meiner Großmutter“ Ina sah ihn durch den Tränenschleier an, und verstand nicht, was er ihr damit sagen wollte. „Kurz und gut, ich möchte, das du dort wohnen bleibst. Du bekommst von mir die Mittel um es wieder zu renovieren, ich werde dir jede Hilfe zu teil werden lassen“

Ina wurde ganz blas im Gesicht, hatte sie das richtig verstanden? Alles um sie herum begann sich zu drehen. Es war wohl etwas viel gewesen die letzten Tage. Bells Vater eilte zu Ina und führte sie auf die kleine Couch, die im Zimmer stand. Bell lief schnell hinaus und besorgte ein Glas mit kaltem Wasser, das sie Ina zum trinken reichte.

„Aber, aber ich kann doch keine Miete zahlen, ich hab doch nicht soviel...und auch keine Arbeit“ Ina stotterte das alles nur.

Bells Vater sprach beruhigend auf sie ein. Er erklärte ihr, das seine Großmutter damals immer ein Tierheim für verlassene Tiere daraus machen wollte, weil der ganze Wald ja noch dazu gehören würde. Aber sie war zu krank um das zu verwirklichen zu können. Sie hatte damals, kurz vor ihrem Tode noch erzählt, das sie ein Sparbuch extra zu diesem Zweck angelegt hätte, und im Laufe der zeit einiges zusammen gekommen sei. Sie wollte immer, das das doch verwirklicht werden würde. „Nur Bell“, sagte er „hatte nie diesen Hang zu den Tieren und der Natur. Ich hätte das Geld dem Tierschutz gespendet, auch das Geld aus dem Verkauf dieses Hauses.“ Langsam fasste sich Ina:“ Und das bedeutet jetzt?“ Bells Vater sah sie an: „Ich sehe jetzt eine Möglichkeit, den Wunsch meiner Großmutter doch noch zu erfüllen. Ich möchte, das du, natürlich nur wenn du willst, dieses Häuschen übernimmst. Wir werden es gemeinsam renovieren. Ich werde Termine und Firmen engagieren und du wirst das alles vor Ort überwachen. Es werden Unterkünfte für Tiere gebaut werden, das Gelände wird eingezäunt werden und der Garten wird tiergerecht angelegt werden. Bist du damit einverstanden?“

„Und ich werde mich um den ganzen Schreibkram kümmern“ fügte Bell hinzu. Ina sah von einem zum anderem, dann sprang sie hoch und umarmte Beide. „Aber klar will ich. Vielen, vielen dank“ Bells Vater schüttelte den Kopf: „ich habe zu danken, so wird der Wunsch meiner Großmutter doch noch wahr“

„Wir brauchen noch einen Namen für das Haus“ , meinte Bell. Ina musste nicht lange überlegen: „ Es wird „keep the Faith“ heissen“

 

 

 

 

                            ENDE

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                                                               Xena

 

 

Xena sass an ihrem Schreibtisch und starrte ins Leere. Alles Möglich ging ihr durch den Kopf. Zwischendurch lauschte sie in Richtung des Kinderzimmers, ob auch alles ruhig war. Nichts zu hören. Beruhigt schloss sie die Augen und hing ihren Gedanken weiter nach. Es waren keine schönen Gedanken, dass zeichnete sich in ihrer Mimik ab, sie plagten Zukunftsängste, und auch die Vergangenheit liess sie nicht los.Xena seufzte, und eine Träne lief ihr die Wange hinab! Sie wollte sie gerade gedankenverloren weg wischen, als sie das Klingeln des Telefons zusammenzucken liess. Schnell nahm sie den Hörer ab, und meldete sich mit belegter Stimme: „hallo?“

Am anderen Ende erklang die Stimme ihrer Freundin Bea, die sofort merkte, dass etwas nicht in Ordnung war! „soll ich vorbei kommen?“, war Bea`s einzige Frage. Xena nickte, da fiel ihr ein, das konnte die Freundin ja nicht sehen. Über sich selbst schmunzelnd  kam ein leises „Ja“ über ihre Lippen. Schon allein der Gedanke, ihre Freundin jetzt gleich um sich zu haben, machte die ganze Situation etwas leichter. „Bis gleich“, war alles, was ihre Freundin noch sagte, dann wurde schon der Hörer aufgelegt. Xena stand langsam auf und machte sich daran, eine Kanne Kaffee zu kochen, denn die würden sie brauchen! Gerade als sie 2 Tassen aus dem Schrank holte, klopfte es rhythmisch an die Tür. Als sie diese öffnete, nahm sie ihre Freundin gleich in die Arme:“ Was war denn schon wieder los?“ fragte sie. „ist er auch da?“

Xena schüttelte den Kopf und zeigte nur auf den kaputten Wohnzimmertisch, die zerschlagenen Lampen und die durchgetretene Tür. Bea schüttelte den Kopf und sah sie prüfend an:“alles in Ordnung mit dir?“ wollte sie wissen. Sie nickte leicht, konnte aber nicht verhindern, dass ihr wieder die Tränen in die Augen stiegen. Xena schluckte schwer. Ihre Freundin nahm ihr die Tassen ab, stellte den Kaffee, Zucker und Milch auf den Boden neben die Couch, dann zog sie Xena zu sich heran:“ Das wird schon wieder“ und nahm sie tröstend in die Arme. Bea hielt sie fest, und wartete darauf, dass sie selber zu erzählen anfing. „ Ich hab ihm gesagt, es sei vorbei“ kam es leise von Xena. Ihre Freundin konnte es nicht glauben, Erstaunen stand in ihren Augen. „Du hast es echt geschafft?“ fragte sie ungläubig. Xena nickte, und liess den Kopf an die Schulter Beas sinken. Da sah diese, das ihr Hals rot vor Striemen war. Unbeobachtet musterte sie Xena, um festzustellen, ob ihr sonst noch etwas fehlte. Zum Glück konnte sie nichts weiter bemerken. Sie liess ihre Augen über das Chaos streifen und fragte nach Alice, Xenas 3 jähriger Tochter. „Sie schläft“ beantwortete Xena die Frage“ Zum Glück, sie hatte furchtbare Angst. Es dauerte ewig, bis ich sie beruhigt hatte“

Bea nickte, das konnte sie sich vorstellen. „Und du hast ihm echt klar gemacht, dass euere Zeit vorbei ist“ wollte Bea wissen. Xena nickte“ Sieh dir doch das alles an hier, er ist regelrecht ausgeflippt“ Die Freundin wollte wissen, wie sie denn jetzt, nach über 3 Jahren, endlich den Mut gefunden hatte, diese Beziehung zu beenden.

Xena holte tief Luft“ Es war wie immer, er wollte Sex, aber schon, als er anfing mich zu berüheren, hab ich es nicht ausgehalten. Seine Hände, seine fordernden Lippen“ sie schauderte. „und als ich nein sagte, drehte er vollkommen durch. Er schrie mich an, verpasste mir eine Ohrfeige. Schliesslich sei er mein Mann, und er hätte ein Recht darauf. Dann fingen wieder die Unterstellungen an, ich hätte ein Verhältnis und würde ihn nur betrügen...“ Sie konnte nicht mehr sprechen, die Tränen rollen nur noch. Bea nahm sie fester in die Arme. „...und als Alicia aufwachte und nach mir rief, ging er ins Kinderzimmer und schrie auch sie an. Da bin ich ihm nachgelaufen, weil ich ja so eine Angst um die Kleine hatte, hab ihm am Arm gezogen, ihn angeschrieen und gesagt, er muss ausziehen“ Bea richtete sich auf, sie wusste instinktiv, dass das nicht alles gewesen sein konnte. Da sprach Xena schon weiter“ er hat mich ins Schlafzimmer gezerrt, mich aufs Bett geworfen, mit einer Hand die Arme festgehalten, ein Kissen aufs Gesicht gedrückt und..und dann hat er mich...“ Sie konnte nicht mehr weitersprechen, ein Weinkrampf schüttelte Xenas Körper. Bea war fassungslos, sie hatte schon immer mitbekommen, dass es in der Beziehung nicht harmonisch lief, dass Xenas Mann Wutanfälle hatte, die man an Xenas blauen Flecken oft sehen konnte, aber das war doch etwas zu viel! „ Wirst du ihn anzeigen?“ fragte sie, dabei beruhigend Xenas Rücken streichelnd. Xena schüttelte den Kopf:“ Ich bin froh, dass er weg ist“. Sie richtete sich auf und wischte sich die Tränen vom Gesicht. „ Nur habe ich noch ein Problem, er hat noch den Schlüssel von der Wohnung“

Bea sprang auf:“ Hier kannst du nicht bleiben, du musst weg!“ Xena nickte, „ich weiss, aber wohin?“ Bei dem Gedanken daran, er könnte ihr auch nur noch einmal über den Weg laufen, liefen ihr eiskalte Schauer über den Rücken, er war zu allem fähig. Sie wusste auch, er würde ihre Tochter einfach mitnehmen, und das musste sie verhindern.

Hilfesuchend blickte sie ihre Freundin an, sie konnte in ihrem Gesicht lesen, wie sie überlegte. Da griff Bea zum Telefon, wählte und ging im Wohnzimmer auf und ab.

Xena hatte sich in der Zeit im Sessel zurückgelehnt, die Gedanken rasten nur so in Ihrem Kopf! Was sollte sie tun? Den Schlüsseldienst rufen? Gedankenverloren griff sie zur Kaffeetasse und erschrak fast, als Bea sie ansprach: „ Ich hab was für Euch, schnell pack deine Sachen zusammen!“ Verwundert schaute sie ihre Freundin an :“wir sollen weg?“ Bea Nickte, „ich weiss auch schon wohin, komm beeil dich!“

Xena überlegte nicht lange, sie sprang aus dem Sessel und holte eilig alle Sachen, die sie so brauchten.

Dann weckte sie Alice, zog ihr eine Jacke an und nahm sie auf den Arm. Bea hatte schon die Taschen in der Hand. Xena drehte sich nochmals um und sah sich das Chaos an, ein Seufzer kam über ihre Lippen! Bea sah sie energisch an :“Komm jetzt, euer neues Leben hat soeben begonnen“ Sie hat recht, dachte Xena und schmiss die Tür ins Schloss! Es kann nur besser werden....

Sie verstauten die Sachen im Auto, setzten Alice in den Kindersitz  und Xena sank erschöpft auf den Beifahrersitz. „Wohin fährst du uns?“ Bea  sah die Freundin an und lächelte:“ das ist eine Überraschung, mach die Augen zu, schlaf ein bisschen. Wir werden sicher ein paar Stunden unterwegs sein!“ Xena nickte nur, und schloss die Augen.

Als sie die Augen wieder öffnete, merkte sie, dass sich die Landschaft verändert hatte, auch die Temperatur war gestiegen. Sie blickte zur Uhr und war erstaunt, es waren 5 Stunden vergangen. Sie warf einen Blick zu Bea, die Freundin summte fröhlich vor sich hin :“Na du Schlafmütze, geht’s dir besser?“ Xena nickte :“wo sind wir denn?“ „In Italien, in Rom. Gleich wirst du dein neues Zuhause für die nächsten Wochen sehen.“

Sie drehte sich zu ihrer Kleinen um, diese schlief noch immer und lächelte im Traum. Neugierig sah Xena sich um, als sie in ein kleines Dorf fuhren. Bea lenkte den Wagen durch einen kleinen Wald, dann sah sie schon eine Toreinfahrt. Das Tor war verschlossen, Die Freundin kurbelte das Fenster herunter und steckte eine Chip Karte in den Pfosten am Tor. Automatisch öffnete sich dieses, Bea fuhr hinein und das Tor schloss sich. Erstaunt schaute Xena sich um: ein herrlicher Park mit Bäumen, Blumen und Pool ! Sie konnte es nicht fassen! Sprachlos blickte sie ihre Freundin an, diese lachte laut:“ was schaust du denn so?“ Sie stotterte:“ Was, wie, woher....“

Nun lachte Bea noch lauter: “Dieses Anwesen gehört einem Bekannten von meinem Freund, dieser Bekannte ist sehr selten da. Die nächsten Wochen überhaupt nicht, also kannst du dich hier ganz sicher fühlen, ohne diese Karte kommt man am Tor gar nicht hinein!“ Mit diesen Worten legte sie Xena die Karte in die Hand. Diese sah sich noch immer sprachlos um. Bea parkte den Wagen am Haus, zog die Handbremse an, drehte sich zu ihrer Freundin und sah ihr in die Augen: „ Erhole dich gut, geniesse die Zeit. Es ist für alles gesorgt, du musst nicht mal einkaufen gehen, die Speisekammer ist voll! Das langt für 4 Wochen locker!“

Ehe Xena noch was sagen konnte machte sich hinten Alice bemerkbar und Bea hatte die Autotüre schon geöffnet. Sie ging nach hinten und öffnete den Kofferraum. Xena tat es ihrer Freundin gleich, stieg aus und schnallte die Kleine ab. Alice sah sich neugierig um und begann sogleich die neue Umgebung zu erkunden, sie lief auf einen Springbrunnen zu und tauchte die Händchen ins Wasser. Es dauerte keine 2 Minuten, dann war der Garten von Kinderlachen erfüllt. Ein Lächeln erschien auf Xenas Gesicht, da bemerkte sie, dass die Freundin sie genau beobachtet hatte und auch lächelte. Sie ging auf Bea zu, umarmte diese und sagte:“ So, nun wollen wir mal sehen, ob es hier auch einen Kaffe gibt“ Sie rief Alice zu sich, dann nahmen sie die gepackten Taschen und machten sich dran, das innere des Hauses zu erkunden!

Sie stiegen die Treppen zum Haus hinauf, vor der großen, weissen Türe war eine Art Veranda, mit gemütlichen Stühlen und einer gemütlichen Hängematte, die von einem Pfosten zum anderen angebracht war. Bea schüttelte leicht den Kopf, das war ja schon hier ein Paradies, nun war sie gespannt und öffnete die Türe. Sie standen in einer Art Eingangshalle die sehr gemütlich eingerichtet war, mit Kamin, Ledersessel , Couch und ein großes Bücherregal. Alles war in hellen Farben gehalten und Bea fühlte sich sofort wohl. Neugierig öffnete sie nun eine Türe nach der anderen, es kam eine große Küche zum Vorschein, ein sehr gemütliches Badezimmer mit einer Glasfront, wo man direkt in den Garten sehen konnte und zwei Schlafzimmer. „Das etwas kleiner werde ich für Alice nehmen“ sprach Xena und drehte sich mit leuchtenden Augen zu ihrer Freundin um. Diese hatte sie die ganze Zeit schweigend beobachtet und war sehr froh, nun zu sehen, dass mit jeder Sekunde Xenas Gesicht sichtlich entspannter wurde! Nachdem alle Koffer und Taschen verstaut waren, Alices Spielzeug ausgepackt und diese beschäftigt war, setzten sich die Freundinnen auf die Veranda, um einen Kaffee zu geniessen. Xena sah Bea in die Augen: „ Danke, dass Du mir das hier ermöglicht hast“. Die Freundin schwieg erst, dann sah sie Xena ernst an: „ Erhol dich gut, geniesse die Zeit, mach dir keine Sorgen sondern lass es dir einfach nur mal gut gehen, das hast du dir verdient“, sie machte eine kleine Pause „....und wer weiss, vielleicht triffst du auch jemanden, der dein Herz erobern wird“ Das Lachen in Beas Augen war leicht zu erkennen. Xena blickte überrascht von ihrer Tasse auf:“ Wieso? In wen denn? Ich bin doch hier alleine, hast du gesagt“ Die Freundin lachte nun herzlich :“ Ja, du bist hier alleine, aber vielleicht gehst du ja auch mal aus. Für Alicia wäre ja in dem Fall das Hausmädchen da, und wer weiss....“ Geheimnisvoll schwieg sie nun, aber der Schalk blitzte ihr nur so aus den Augen. Xena schüttelte leicht verwirrt den Kopf, doch jede weitere Frage wurde von der Freundin abgeblockt. Schliesslich erhob sich Bea: „ Ich mach mich nun auf den Heimweg, schlaf gut, denn du weißt ja, was man in der ersten Nacht träumt, geht in Erfüllung“ Dann umarmten sich die Freundinnen, Bea stieg ins Auto und fuhr winkend davon.

Xena nahm die Tassen und trug sie in die Küche, grübelnd, was Bea wohl mit ihrer Anspielung gemeint hatte, räumte sie den Spüler ein. „Ach, mach dir keine Gedanken“ meinte sie zu sich selbst, „hier ist ja keiner, das war sicher nur ein Scherz“, damit ging sie zu ihrer Tochter und sie machten einen Spaziergang durch den herrlich angelegten Garten.

Müde und vom Toben hungrig stöberten sie ihm Kühlschrank und machten zu zweit ein leckeres Abendessen. Nachdem Alice gebadet war und im Bett lag, zog sich Xena wieder auf die Veranda zurück. „Ach, was konnte das Leben doch schön sein“, dachte sie, und ließ ihren Gedanken und Hoffnungen freien Lauf. „Wie schön wäre es, immer hier zu sein, nur mit einem netten, sanften Mann an der Seite“....Doch dann schob sie die Gedanken zur Seite, trank ihren Wein aus und machte sich auf den Weg ins Bett. Erstmal war sie froh, dieser Beziehung entronnen zu sein, in der es nicht sanft und harmonisch zugegangen war. Ein neuer Mann würde es schwer haben, dass wusste Xena. Seufzend viel sie in das Bett und verfiel gleich in einen gesunden, erholsamen Schlaf!

Es war heller Morgen, die Sonne strahlte ins Zimmer und Xena wurde sanft geweckt: „Mami, ich hab Hunger“, mit diesen Worten kroch die Kleine zu ihr ins Bett. Ein Lächeln stahl sich in Xenas Gesicht, sie drückte Alice an sich und gab ihr einen dicken Kuss. „Na, dann wollen wir uns mal anziehen und uns ein Frühstück machen“.

Während Alice sich anzog und sich fertig machte, sprang sie selbst schnell unter die Dusche. Was hatte ihre Freundin gesagt? Was man in der ersten Nacht träumt wird sich erfüllen? „Das glaubst du wohl selber nicht“ sagte zu sich und hing unter dem warmen Wasser kurz ihren Gedanken nach. Sie hatte von einem zärtlichen Mann geträumt, der ihr die Wünsche von den Augen abgelesen hat, sie verwöhnte.... Um diese Gedanken zu vertreiben stellte sie zum Schluss die Dusche kurz auf kalt, drehte das Wasser ab und begann sich anzuziehen. Alice klapperte schon in der Küche mit dem Besteck, sie musste sich beeilen.

Nach einem ausgiebigem Frühstück machten sie sich auf den Weg, das Gelände ausserhalb des Hauses zu erkunden. Dazu nahmen sie den Jeep, den sie in der Garage entdeckt hatten, und schon fuhren sie am Meer entlang.

Die Tage vergingen wie im Fluge, und als sich ihre Freundin nach 2 Wochen telefonisch meldete, konnte Xena es nicht fassen:“ Was? Schon so lange sind wir hier?!“ Sie plauderten eine ganze Weile und Xena erfuhr, ihr Freund hatte die Wohnung geräumt, den Schlüssel in den Postkasten geworfen, sie war ihn endlich los. Als Bea ihr noch erzählte, er wäre in eine andere Stadt gezogen, war Xena richtig befreit! „Ich danke dir, ich kann das gar nicht in Worte fassen“, war alles, was sie dazu sagen konnte, und Tränen der Erleichterung schossen aus ihren Augen. Beschwingt legte sie den Hörer auf, dass muss mit einem Abendessen gefeiert werden, dachte sie.

 Sie nahm ihre Tochter an die Hand, und dann fuhr sie in die nächste Stadt. Dort fanden sie eine kleine Pizzeria, mit Spielplatz für Alice. Der Kellner war sehr freundlich und bediente sie schnell. Nach dem Essen ging Alice spielen und Xena liess sich ein Glas Wein kommen. In Gedanken versunken sah sie aufs Meer hinaus, endlich war sie frei und musste sich keine Sorgen mehr machen. Sie konnte es noch immer nicht fassen. Aufeinmal schreckte sie auf, neben ihr stand ihre Tochter und hatte einen fremden Mann an der Hand! „Hat sie etwas angestellt?“, waren ihre ersten Worte. Der Mann schüttelte beruhigend den Kopf „Nein, wir haben nur etwas zusammen gespielt, und dann wollte sie, dass ich mit zu ihrer Mami komme“, etwas verlegen stand der Fremde nun bei ihr am Tisch. „Setzen sie sich doch und, und trinken sie etwas mit mir“ stotterte Xena etwas unbeholfen, denn die Stimme des Mannes ging ihr durch und durch. Hilfesuchend blickte sie sich nach Alice um, aber die war schon wieder Richtung Spielplatz unterwegs.

Der Fremde setzte sich und nach ein paar Minuten unterhielten sie sich angeregt über alle mögliche Sachen. Zwischendurch musterte Xena ihn immer wieder. Er war nicht sehr groß, hatte dunkle Haare und sehr nette Augen, in die sie immer wieder blickte.

Die Zeit verging wie im Flug, und  bedauernd meinte Xena , als sie auf die Uhr blickte:“ meine Kleine muss ins Bett“

War da etwas wie Enttäuschung im Blick ihres Gegenübers zu sehen? Schnell schüttelte sie den Gedanken ab, er konnte ja nicht wissen, dass sie ihn so anziehend fand. Was sollte so ein gutaussehender Mann auch mit Frau, die mit einem Kind gebunden war. Sie erinnerte sich, was ihr  Exfreund immer gesagt hat: mit Kind wirst du keinen anderen finden, wer will sich schon so eine große Verantwortung antun.

Der Mann sah sie an, und es entging ihm nicht, dass all die Unbekümmertheit verschwunden war. „ Wollen wir sie suchen?“ hörte Xena diese tiefe, faszinierende Stimme fragen.

Überrascht blickte sie auf, da waren sie wieder, diese Augen....“ja, das können wir....wenn sie wollen...wenn du willst...“ Sie war verwirrt, denn im Laufe des Gespräches waren sie wie von selbst zum Du übergegangen. Eine Hand streckte sich ihr entgegen „Na, dann komm“ wie von selbst legte sich ihre Hand in diese, und sie liess sich leicht hochziehen. Alle Gefühle gingen mit ihr durch, diese Berührung, diese Nähe....sie schluckte. Auf dem Spielplatz angekommen stürmte Alice auf sie zu: „Mama, Mama...“ und schon plapperte sie wie ein Wasserfall. Xena war dankbar, so konnte sie ihre Gefühle etwas ordnen und unter Kontrolle bringen.

Als sie nach oben blickte, traf sie ein amüsierter Blick des Fremden....anscheinend wusste er genau, was in ihr vorging! Xena wurde leicht rot, als er ihr in die Augen blickte. Und das Rot verstärkte sich noch, als Alice wie selbstverständlich den Fremden an der Hand nahm und ihn in Richtung Wagen zog!

Xena nahm ihr Kind leicht zur Seite und wollte etwas sagen, als der Fremde sagte:“ Was haltet ihr davon, wenn ich Euch nach Hause bringe? Nachts sind die Strassen hier nicht ganz ungefährlich, viel Jugendliche fahren nicht gerade vorsichtig und da kann schnell was passieren“ Alice war sofort begeistert, doch Xena hatte ihre Zweifel: ein Fremder, noch unbekannter Mann, den sie irgendwie faszinierend fand...ob das richtig war?

Was würde passieren, wenn sie alleine waren, wenn die Kleine im Bett war, wenn er nicht mehr gehen würde, wenn.....

Der Fremde konnte anscheinend ihre Gedanken lesen, denn er sagte:“ Wenn es dir unangenehm ist, lassen wir es, ich fahre nur vor euch her, bis ihr sicher angekommen seit. Ich will ja nicht, dass euch was passiert“

Sofort schämte sich Xena ihrer schlechten Gedanken, ach, was solls dachte sie und begann ihm zu erklären, wo sie denn wohnten. Schliesslich war sie hier, um auf andere Gedanken zu kommen und sich zu amüsieren! Sie stiegen ins Auto und fuhren heim! Dort angekommen, hielt der Fremde auch nur, kurbelte das Fenster runter :“Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, und wenn es der Zufall will, sehen wir uns ja wieder, solange du noch da bist“ Xena horchte auf, war da Enttäuschung in seiner Stimme? Sie warf alle Bedenken über Bord und fragte leise : „ Willst du noch ein Glas Wein mit mir trinken? Als Ausklang des schönen Abends?“  Der Fremde sah überrascht zu ihr auf und ein Lächeln trat in seine Augen, leicht nickte er. Xena  brachte schnell Alice ins Bett, die vor lauter Müdigkeit schon im Auto geschlafen hatte, als sie nach unten ging, war sie etwas nervös...was würde der Abend bringen? Schnell zupfte sie noch ihre Haare zurecht und warf einen Blick in den Spiegel, der im Flur hing. Sie lächelte sich selber zu um die Nervosität etwas zu mindern.

 Unten angekommen liess sie den Blick suchend durch den Raum schweifen, wo war der Fremde nur? Wie einem Zwang folgend ging sie auf die Terrasse, und da stand er, ans Geländer gelehnt. Sie hatte die Möglichkeit, ihn unbemerkt zu beobachten, denn er schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Was sah er doch gut aus, er war zwar nicht sonderlich groß, hatte dunkle Haare und eine durchtrainierte Figur. Seine Hände, mit denen er sich abstützte waren schlank, die Finger lange. Xena wurde rot. Sie sollte aufhören, sich in Gedanken vorzustellen, wie sich diese Hände wohl anfühlten.

Sie trat hinter den Fremden, atmete einen Augenblick den Duft seines Rasierwassers ein und räusperte sich dann leise. Ohne sich umzublicken drehte sich der Mann halb um, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie ans Geländer. So standen sie ein paar Minuten, jeder spürte die Wärme des anderen. Dann fing er an zu reden: „ Du brauchst keine Angst zu haben, ich wollte nur den Abend langsam ausklingen lassen. Der Tag mit dir war wunderschön, so wohl habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt“ Xena lauschte dem Klang seiner tiefen Stimme, er klang etwas traurig. Im Dunkeln versuchte sie, einen Blick auf sein Gesicht zu werfen. Wie selbstverständlich legte sie ihren Arm um die Hüfte des Fremden und lehnte sich an ihn. Sie spürte einen leichten Gegendruck, wie wenn er sich an sie anlehnen würde. Ihre Gefühlswelt war in heller Aufruhr. Da war Geborgenheit, Sehnsucht und auch Angst in ihr. Sie schluckte.

Wie wenn er spüren könnte, was in ihr vorging, hielt er sie noch etwas fester im Arm und streichelte beruhigend ihre Schulter. Nun standen sie Beide da, aneinandergelehnt und betrachteten den Park. Die Sterne am Himmel warfen ein leichtes Licht über den Rasen und liessen alles sanft leuchten. Ob es am Wein lag? Oder an der vertrauten Stimmung? Auf einmal begann Xena alles zu erzählen, wie sie hier her gekommen war, was sie jahrelang durchgemacht hatte, wie schwer ihr es viel  Vertrauen aufzubauen, wie wohl sie sich hier fühlte und die Angst um Alice, dass sie keinen Beruf hatte und das sie nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Sie war ganz ruhig, als sie alles erzählt hatte, nur ein paar Tränen liefen ihr übers Gesicht. Bevor sie sie aber wegwischen konnte, hatte sich der Fremde zu ihr gedreht, nahm ihr Gesicht in seine Hände, streichelte ihr die Tränenspuren weg und nahm sie fest in die Arme. Xena legte den Kopf an seine Schultern und genoss das vertraute Gefühl.

Dann begann der Fremde zu erzählen, von seiner Frau, die ihn jahrelang betrogen hatte. Von seinem Haus, das nun so einsam war, dass er dort nicht sein wollte. Das er sich eigentlich vorgenommen hatte, sich nie mehr zu verlieben, dass er Angst hatte, wieder enttäuscht zu werden. Das er sich einsam fühlte und nicht glücklich war, dass er eigentlich immer eine Familie wollte, aber seine Frau nur an gesellschaftlichen Unternehmungen interessiert war und keine Kinder wollte. Seine Stimme wurde noch einen Hauch dunkler und als er fertig war, musste er schwer schlucken.

Nun war es an Xena, ihn fester in die Arme zu nehmen. So standen sie einige Zeit, hielten einander fest und nahmen die Nähe des anderen sehr bewusst war. Auf einmal hob er ihr Kinn mit der Hand sanft hoch, sah ihr lange in die Augen. „Ich muss dir noch was sagen“, er machte eine Pause. Xena blickte ihn verwirrt an, was kam jetzt?  Sie konnte ihm ansehen, es fiel ihm nicht leicht. „Na los, sag es. So schlimm kann es doch nicht sein“, mit diesen Worten strich ihm leicht über die Wange. Er holte tief Luft „ Also, das hier ist mein Haus“ , seine Stimme war nur ein Flüstern. Sie blickt überrascht zu ihm auf „Dein Haus? Dann wusstest du schon vorher, wer ich bin? Warum ich hier bin?“ Xena wollte etwas abrücken, doch er hielt sie sanft fest. „Nein, ich wusste es nicht, erst als du mir den Weg hierher beschrieben hast“

Nun war sie verwirrt, sollte sie ihm glauben? Er spürte die Verwirrung“ Deine Freundin Bea hat mich angerufen, sie kannte dieses Haus. Auch wusste sie, dass ich hier nicht oft bin, nur um nach dem Rechten zu sehen. Bea kennt meine Geschichte, da ich ja mit ihrem Freund gut bekannt bin, hat sie das alles mitbekommen. Und als sie mich angerufen hat,  und mich gefragt hat, ob es möglich sei, das Haus für unbestimmte Zeit  von jemand bewohnen zu lassen habe ich nicht nachgefragt. Ich wusste, wenn Bea mich so was fragt, ist es dringend“

Xena überlegte, probierte ihre wirren Gedanken zu ordnen. „ Du wusstest nicht, wer in dein Haus zieht? Du wusstest nicht, wer ich bin? Dass ich in deinem Haus wohne?“ Der Fremde schüttelte den Kopf. Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht, Xena sah es mit Erstaunen und sah ihn fragend an. „Wenn ich gewusst hätte dass du das bist, dann wäre ich von Anfang an hier aus und ein gegangen“ Nun musste Xena auch schmunzeln. „ Und ich hätte drauf bestanden, dass der Hausherr hier wohnen bleibt“

Der Fremde sah ihr forschend in die Augen : „Ist das dein Ernst?“ fragt er mit tiefer Stimme.

Xena  erwiderte den Blick, genoss den Schauer, den die Stimme bei ihr hervorrief „Ja“ war alles, was sie sagen konnte, denn da neigte er den Kopf  und gab ihr einen zärtlichen Kuss.

Die ganze Welt drehte sich um Xena und als sie die Augen wieder öffnete, waren da diese dunklen Augen, die sie so sehr in den Bann zogen.

Glücklich lehnte sie sich in seine Arme, sah dann herrlich Park an und dankte in Gedanken ihrer Freundin, dass sie so unbewusst Schicksal gespielt hatte.

 

 

 

 

 

                              ENDE

 

 

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                                            Annas Traum

 

 

 

 

Anna steckte den Schlüssel ins Türschloss und machte die Türe auf. „Hallo? Mama, bist du da?“ Als keine Antwort kam, seufzte sie und zog die Türe hinter sich zu. Sie stellte die Schultasche in die Küche und setzte sich auf den Stuhl. Ihr Blick glitt über die Küchenzeile, die schon bessere Tage gesehen hatte und wieder kam ein leises Seufzen über den Mund der 14 Jährigen .Ihr Blick blieb an einem Zettel hängen, der an der Kühlschranktüre klebte. Sie stand auf, um die Nachricht zu lesen.

„Liebe Anna, musste noch mal weg und bei Frau Hauer die Fenster putzen. Ich weiss, du hättest es lieber, wenn ich hier wäre, aber es geht leider nicht anders. Das Essen steht im Ofen. Ich bin bald wieder da, hab dich lieb. Mama“

Anna knüllte den Zettel zusammen und warf ihn in den Abfalleimer. Dann öffnete sie den Ofen, um sich ihr Essen zu nehmen. „schon wieder Suppe“ mumelte sie, und schob den Topf wieder zurück. Sie nahm ihre Schultasche, setzte sich an den wackeligen Küchentisch und begann mit den Hausaufgaben. 2 Stunden sass sie konzentriert darüber und als sie fertig war, wurde es schon dunkel. Anna ging ans Fenster, blickte hinaus „Mama, wo bleibst du nur so lange“ wunderte sie sich. Sie drehte sich um, packte ihre Sachen in die Tasche und wischte den Tisch ab. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, das es schon bald 18 Uhr war, und langsam machte sie sich Sorgen. Um sich abzulenken lief sie in der Wohnung umher, und räumte auf. Was schwer war, denn ihre Mutter war sehr ordentlich und ging nie aus dem Haus, wenn nicht alles blitzte. „Ob ich bei Frau Hauer mal anrufen sollte?“ grübelte sie. Unschlüssig hielt sie den Hörer in der Hand, da hörte sie, wie sich die Türe öffnete. „Mama, bist du das?“ rief sie und ging Richtung Türe. „Ja, wer sollte es denn sonst sein?“ kam als Gegenfrage zurück.

„Stimmt“ lachte Anna und trat ihrer Mutter gegenüber. „hallo Mama“ sagte sie, und gab ihr einen Kuss auf die Backe. „Hallo mein Kind, kannst du mir mal die Tüte abnehmen?“

Anna nahm ihrer Mutter die Tasche aus der Hand und trug sie zur Küchenzeile. „Hast du eingekauft? Warum hast du nicht gewartet, ich wäre doch mitgegangen und hätte dir tragen geholfen“ Mittlerweile hatte die Mutter sich die Schuhe und Jacke ausgezogen und kam auch in die Küche „ ich hatte viel Arbeit bei Frau Hauer, aber sie hatte einen guten Tag und hat mir das Geld gleich gegeben. So konnte ich noch schnell die Sachen besorgen“.

Anna freute sich, als sie die Tasche ausleerte. Da waren Joghurts dabei, Wurst und frisches Brot. Als ihre Mutter vor ihr stand, blickte sie auf und war überrascht: sie hielt ein Päckchen in den Händen. „Was hast du da?“ wollte die 14 Jährige neugierig wissen. „Das, das ist für dich. Ich weiss, du hast es nicht einfach. Du wirst in der Schule schief angesehen, weil ich dir nicht die Kleidung kaufen kann, die all die anderen haben. Auch weil du nur selten was mit deinen Freundinnen unternehmen kannst, aber glaub mir, ich tue, was ich kann. Nur manchmal, da reicht es eben nicht und du musst auf vieles verzichten. Und darum habe ich heute ein kleines Geschenk für dich. Es ist dafür, weil du dich nie beklagst und mir keine Vorwürfe machst“

Anna schluckte. Sie wusste, die Mutter meinte damit, das sie Schuld sei, denn sie hatte sich ja von ihrem Vater getrennt, allerdings war sie da noch sehr klein gewesen. Sie wusste, ihr Vater war wohlhabend und Mutter hatte oft ein schlechtes Gewissen, denn wäre sie bei ihm geblieben, dann könnten sie ein anderes Leben führen. Doch Anna war der Mutter nicht böse, sie wusste, er hatte sie geschlagen und betrogen und sie hatte diese Entscheidung zu recht getroffen. Sie legte der Mutter die Arme um den Hals:“ Mama, du sollst dich nicht immer schuldig fühlen, und mitbringen sollst du mir auch nichts. Aber ich danke dir dafür“

Neugierig öffnete sie das Geschenk. Es war ein dickes Buch, mit rotem Einband und leeren Seiten. Als sie das Buch öffnete, rutschte ein wunderschöner Stift aus den Seiten, er war mit Wasser gefüllt, in dem kleine Sterne schwammen. „Das ist ja wunderschön, danke Mama“ rief sie und gab der Mutter einen Kuss! Diese war froh, ihr so eine Freude gemacht zu haben.

„Jetzt essen wir zu Abend, und dann kannst du all deine Geschichten in dieses Buch schreiben. Dafür ist es gedacht“

Anna legte die Sachen nur wiederwillig aus der Hand, eigentlich wollte sie sich gleich hinsetzen und all die Geschichten, die sie in kleinen Heftchen schon aufgeschrieben hatte, in das Buch übertragen. Aber sie wusste auch, wie sich die Mutter freute, wenn sie abends zusammen am Tisch saßen.

Während des essens wurde über die Schule geredet, über Frau Hauer, die ihre Mutter sehr beanspruchte und über die kleinen Dinge, die sich ereignet hatten. Gemeinsam räumten sie den Tisch ab, spülten das Geschirr. Erst als alles sauber war, setzte sich die Mutter mit einem Buch in die Ecke und Anna begab sich in das Zimmer, wo ihr Bett stand. Sie hatte kein eigenes Zimmer, aber das störte sie nicht. Naja, manchmal träumte sie schon davon, ein eigenes Zimmer zu haben, mit Schreibtisch und einem Fernseher. Nur für sie alleine, aber sie wusste, das ging nicht. Darum lud sie auch keine Freundinnen ein, denn diese hätten es nicht verstanden, wie man in einer 2 Zimmer Wohnung leben kann. Aber Anna wusste es zu schätzen, denn das wenige Geld, das Mutter verdiente und auch die Ersparnisse, gingen für ihre Schulausbildung drauf. Sie war froh, eine Privatschule besuchen zu können, und das ihre Mutter ohne zu zögern sie damals dort angemeldet hatte. Auch wenn sie jetzt an allen Ecken sparen mussten. Sicher, sie konnte nicht mit Kleidung, Wohnung und Unternehmungen mithalten, aber bei den Noten steckte sie alle in die Tasche. Anna musste lachen, als sie daran dachte, das sie die Beste in ihrer Klasse war. Darauf war sie stolz, schliesslich wollte sie ihrer Mutter ja später ein schönes Leben ermöglichen, nachdem diese nun so hart für sie arbeitete.

Sie nahm ihr Buch und den neuen Stift und warf sich aufs Bett, hielt den Stift gegen das Licht und beobachtete die Sterne, die sich bewegten. Sie versank in ihren Gedanken und zog sich in ihre Traumwelt zurück. In dieser Welt gab es keine Geldprobleme, keine zu kleine Wohnung und keine zickigen Mitschüler. Es gab Partys, Discobesuche und hübsche Männer, die sie bewunderten und sie ausführten. Und in diesen Träumen war auch Sven an ihr interessiert. Sven war ihre heimliche Liebe, schon seit über einem Jahr. Er war groß, hatte blondes Harr und die blausten Augen, die sie je gesehen hatte. Gerade malte sie sich aus, das Sven sie einladen würde, da fiel mit einem lautem Knall das Buch auf den Boden. Anna schrak auf. Noch etwas benommen von ihren Träumen bemerkte sie, das es schon finster war. Se hatte Stunden auf dem Bett gelegen. Fassungslos schüttelte sie den Kopf und ging ins Bad, um sich fürs Bett fertig zu machen. Als sie ins Wohnzimmer blickte, sah sie, dass ihre Mutter im Sessel eingeschlafen war. Leise legte sie eine Decke über ihre Füsse und ging ins Bett.

Als der Wecker klingelte, war es noch finster. Anna hörte, wie ihre Mutter leise aufstand, um sie nicht zu wecken. Ein Blick zur Uhr, es war erst halb 4 Uhr in der Nacht. Sie wusste, Mutter ging zu Frau Hauer, um ihr den Haushalt zu machen. Leise seufzte sie „wenn ich nur etwas tun könnte, dass Mutter nicht immer so viel arbeiten müsste“. Aber es half ja nichts, irgendwie mussten sie ja Miete und die laufenden Kosten bezahlen. Und ihre Schule war auch sehr teuer, das wusste Anna. Als sie hörte, das Mutter die Türe hinter sich ins Schloss zog, stand sie auf, sie konnte nun eh nicht mehr schlafen.

Nachdenklich sah sie das neue Buch an, und ihr kam eine Idee. Rasch huschte sie ins Bad, wusch sich und zog sich an. Dann machte sie sich einen heissen  Tee, nahm die Tasse mit ans Bett und machte es sich gemütlich. Dann nahm sie den Stift vom Nachttisch, das Buch in die Hand und fing an zu schreiben. Die ersten Sätze gingen noch zaghaft, doch dann lief es wie von selbst.

Anna bekam rote Backen vor Eifer, sie war ganz vertieft in ihre Arbeit. Zwischendurch kam ein rascher Blick  zur Uhr, sie durfte ja die Schule nicht verpassen.

Als es kurz nach 7 war, klappte sie mit Bedauern das Buch zu, steckte es in die Tasche und machte sich auf den Weg zur Schule. Da das dauernde Busfahren zu teuer war, fand Anna, ging sie jeden morgen eine gute halbe Stunde zu Fuss in die Schule, es machte ihr nichts aus, so konnte sie Ideen für ihre Geschichten sammeln. Ihre Mutter wusste dies nicht, und das Geld, das sie ihr immer Montags für eine Wochenkarte gab, sparte Anna gewissenhaft. Manchmal hatte sie ein schlechtes Gewissen deswegen, denn ab und zu fehlte das nötige Kleingeld, um Sachen zu kaufen, die sie dringend brauchten. Aber sie wollte ihrer Mutter überraschen, darum verdrängte sie die Gewissensbisse standhaft. Kurz vor der Schule blieb sie stehen und holte tief Luft. Auf ihre zickigen Mitschülerinnen hatte sie keine Lust, ständig fanden sie was anderes, mit was sie Anna ärgerten. „ Auf in den Kampf“ machte sie sich selber Mut. Vielleicht sah sie ja heute Sven, und vielleicht bemerkte er sie auch. Mit dieser Hoffnung machte sie sich auf die letzten Meter, warf entschlossen ihr halblanges Haar in den Nacken und öffnete die Klassentüre. Wie jeden Tag sahen sie die Mitschüler spöttisch an, sie konnten nicht verstehen, das sich jemand nichts aus Markenkleidung und Schminke machte. Dazu kam wahrscheinlich noch der Neid, das sie eine gute Schülerin war. Anna ging schweigend, wie immer, zu ihrem Platz und bereitete sich auf die erste Stunde vor. Das Tuscheln der neben an Sitzenden ignorierte sie, auch das hämische, leise Gelächter.

Der Lehrer trat ein, und der Schultag begann. Auch in den Pausen war Anna eine Aussenseiterin, sie schlenderte alleine über den Pausenhof, immer bedacht, den Ziegen, wie sie ihre Mitschülerinnen nannte, aus dem Weg zu gehen, und ihnen keinen Anlass dazu zu geben, sie zu ärgern.

Heute war sie so in Gedanken, das sie ganz erschrak, als sie mit jemandem zusammen stieß. „Entschuldigung ,tut mir leid“ murmelte sie leise und schaute nach oben. Da stand Sven, sie hätte ihn fast umgerannt! Anna wurde über und über rot, und konnte nichts mehr sagen. Sven hatte ein kleines Grinsen auf den Lippen, „macht nichts“ sagte er zu ihr. Anna konnte den Blick nicht von seinen Augen wenden, wie diese strahlten und funkelten. Sie konnte nichts mehr sagen oder denken, sie stand wie angewurzelt da und blickte in diese Augen.

Auf einmal kamen von hinten ihre Mitschülerinnen, machten sich über sie lustig und nahmen Sven in Beschlag. Sie scharrten sich um ihn, und der Moment war vorbei. Anna senkte den Blick, ging langsam in Richtung Schule zurück. „Wenn ich nur auch so selbstbewusst wäre“ dachte sie sich, und ging schneller. Dadurch entging ihr, das Sven sich nach ihr umdrehte und ihr nachsah.

Als die Schule vorbei war, ging sie langsam nach Hause. Sie brauchte sich nicht zu beeilen, denn ihre Mutter war noch mindestens 3 Stunden beschäftigt. Sie schlenderte an den Geschäften vorbei, blickte in die Fenster und stellte sich vor, wie toll es wäre, einmal nach Herzenslust einkaufen zu können. An einem Schaufenster blieb sie lange stehen und betrachtete die Auslage. Da war das, was sie ihrer Mutter schenken wollte. Sie las das Plakat jeden Tag:

Ein Erholungswochenende für 2 Personen-130 Euro.

Anna dachte nach, sie war sich nicht sicher, wie viel sie schon gespart hatte, doch viel konnte nicht mehr fehlen, da war sie sich sicher. Aber sie musste auch noch mit Frau Hauer reden, damit sie ihrer Mutter an Wochenende frei gab. Das war wohl das schwerste an der ganzen Sache. Sie wusste von ihrer Mutter nur, das Frau Hauer sehr eigen war, und darauf bestand, das Mama immer kam. Und ausserdem musste sie einen Zeitpunkt wählen, wo Mutter nicht im Haus war. Sonst wäre ja die Überraschung verdorben.

Sie riss sich vom Fenster los, und ging nach Hause. Wie erwartet, war ihre Mutter noch nicht da, wie jeden Tag machte sie ihre Hausaufgaben, und dann ging sie in den Raum, wo ihr Bett stand. Sie hob die Matratze hoch, nahm eine kleine Dose hervor und machte sie auf. Da drin war das Geld, das sie gespart hatte. Sie schüttete es aus, und begann zu zählen. Sorgfältig zählte sie das Kleingeld zu Stapeln, je 10 Euro. Als sie es zusammenzählt, strahlte sie: „ Es sind ja schon 145 Euro“ jubelte sie leise. „Nun muss ich nur noch zu Frau Hauer“

Sie hörte, wie die Türe sich öffnete, rasch nahm sie das Geld, steckte es in die Dose und brachte es wieder sicher unter.

Dann lief sie in die Küche, um ihre Mutter zu begrüßen. Sie plauderten etwas,  als Anna auf einmal sagte: „Du Mama, eine Freundin hat mich gefragt, ob ich heute mal kurz kommen könnte, sie hat in der Schule was nicht ganz verstanden“. Die Mutter sah sie fragend an :         “ welche Freundin denn?“ Anne überlegte schnell: „ Na, die...ähm, die Susanne, die wohnt da beim Supermarkt.“ Als sie merkte, das sie rot wurde, stand sie schnell auf, um ihren Teller in das Spülbecken zu stellen. „Musst du heute noch mal zu Frau Hauer?“

Als sie sich umdrehte, sah sie, wie ihre Mutter verneinend den Kopf schüttelte. „Nein, muss ich nicht, aber geh du nur zu Susanne, ich mach es mir etwas gemütlich und lese mein Buch weiter“ Anne umarmte ihre Mutter „ich bleib auch nicht lang, versprochen“

Schnell zog sie Jacke uns Schuhe an. Als sie die Tür hnter sich schloß, war sie erleichtert. Mutter hatte anscheinend die Lüge nicht bemerkt. Sie lief aus dem Haus, und schlug den weg zu Frau Hauer ein. Etwas mulmig war ihr schon, als sie 10 Minuten später vor deren Türe stand. Sie holte tief Luft und drückte auf den Klingelknopf.

 Es dauerte eine ganze Weile, bis sich schliesslich die Türe öffnete. Eine nett aussehende, etwas ältere Frau stand vor ihr. Schüchtern fragte Anna nach Frau Hauer. „Ja, das bin ich, aber wer bist du, und was willst du von mir?“

Anna begann zu stottern „ Also, ich, ich wollte sie fragen...weil ich bin die Tochter...“

Ein Lächeln trat in Frau Hauers Gesicht:“ sei doch nicht so aufgeregt, du bist die Tochter von Frau Meisel, oder?“ Anna nickte nur. „Na, dann komm mal rein, vielleicht magst du ein Glas Saft?“ Wieder nickte Anna. Und als sie der Frau in das Haus folgte, verschlug es ihr komplett die Sprache. Es waren riesen große Räume, sehr hell, durch die großen Fenster konnte man hinten in den  Garten sehen. Da stand eine helle Rundecke, schön mit Kissen dekoriert, der Tisch was aus Glas und es standen wunderschöne Blumen darauf. Mit offenem Mund betrachtete sie die imposanten Bücherregale, die bis oben hin voll mit Büchern waren.

Frau Hauer trat hinter sie „Komm doch, setzt dich. Deinen Saft stelle ich auf den Tisch“ Anna folgte schweigsam, und setzte sich ans äusserste Eck der Couch, um ja nichts zu verschmutzen. Dann begann sie zu sprechen, sie erzählte von ihrer Mutter, von ihrer Idee, ihr ein Wochenende schenken zu wollen. Sie war so eifrig bei der Sache, das ihr entging wie Frau Hauers Gesicht ganz weich wurde. Geschickt stellte diese Fragen, und bekam so herraus, das es ihrer Putzfrau und Anna gar nicht so gut ging, wenigstens finanziell. Sie war gerührt, über Annas Eifer, ihrer Mutter eine Freude machen zu können. Zugleich fühlte sich Frau Hauer etwas unwohl, denn sie hatte nicht mal geahnt, das es den Beiden so schlecht ging. „Anna, du bist ein liebes Mädchen, was hat deine Mutter nur für ein Glück dich zu haben“

„Aber Frau Hauer“, entgegnete Anna „ Mama tut sehr viel für mich, sie spart an allen, das sie die schule bezahlen kann, das wir zu essen und Anziehsachen kaufen können“ Sie sagte das mit soviel Überzeugung, das Frau Hauer ganz warm wurde ums Herz. „ Anna, um auf deine Frage zu antworten, sicher kannst du ins Reisebüro gehen und das Wochenende bezahlen. Deine Mutter wird sich sehr freuen. Aber eine Bitte hätte ich noch.....“ Anna sah die Frau fragend an. „ Es ist nichts schlimmes, aber würdest du ab und zu mal bei mir vorbei kommen? Ich bin den ganzen Tag alleine, ausser wenn deine Mutter hier ist. Wir könnten uns in den Garten setzten, etwas plaudern oder du kannst dir auch Bücher ausleihen. Ich wäre über Gesellschaft sehr froh“ Anna bleib vor staunen der Mund offen stehen. Frau Hauer lachte herzhaft, und Anna sah bewundernd, wie schön die Frau denn trotz ihres Alters noch war! Sie schätzte sie so über 80, Anna nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit mal ihre Mutter danach zu fragen.

Anna zuckte zusammen, als die Standuhr schlug. Es war schon 18 Uhr! Hastig stand sie auf „Frau Hauer, ich muss jetzt gehen, meine Mutter, sie wartet und ausserdem weiss sie gar nicht, das ich bei ihnen bin“ Annas Stimme klang unsicher. „ Mach dir keine Sorgen, ich werde ihr nichts verraten. Aber denkst du daran, wenn du mal zeit hast? Ich würde mich wirklich freuen“ Frau Hauer  klang etwas traurig und hoffnungsvoll zugleich. Anna sagte zu, das sie nächste Woche vorbeikommen würde. Dann schloss sie die Türe hinter sich und lief nach Hause. Sie war ganz ausser Atem, das mit dem Reisebüro hatte sie nicht mehr geschafft, aber das würde sie morgen nachholen, gleich nach der Schule nahm sie sich vor.

Langsam ging sie die Treppen nach oben, dabei überlegte sie, was sie ihrer Mutter sagen sollte, wieso sie so spät kam. Anna öffnete die Türe „Mama, ich bin wieder da!“ Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. Es kam keine Antwort. Ob sie schlief? „Das wäre ja super“, dachte Anna. Sie ging leise ins Wohnzimmer, ihre Mutter saß schlafend im Sessel, das Buch auf ihren Knien. Anna schlich ins Zimmer, zog leise Jacke und Schuhe aus. Dann setzte sie sich auf ihr Bett und dachte nach. Frau Hauers Haus war riesen groß, sie musste sich doch einsam fühlen, so ganz alleine. Und sie hatte nur ihre Mutter um sich, wenn diese putzte. Warum nur, war diese Frau so einsam? Anna konnte es sich nicht erklären. Da war sie doch froh, wenig Geld zu haben, eine kleine Wohnung, aber eine Person, die sie liebte.

Sie holte ihr Buch hervor und begann zu schreiben. Sie war so vertieft, das sie nicht bemerkte, das sich die Türe öffnete, und ihre Mutter ins Zimmer trat. „Anna, du bist ja schon da. Warum hast du mich nicht geweckt?“ „ Mama, hast du mich erschreckt!“ Anna musste sich erst mal beruhigen, der Schreck war ihr durch die Glieder gefahren. „ Du hast geschlafen, warum sollte ich dich wecken. Sei doch froh, das du mal Ruhe hattest.“ Sie stand vom Bett auf „ Ich mache erst mal Abendbrot“

Als sie gemeinsam am Tisch saßen, begann Anna ihre Mutter über Frau Hauer auszuhorchen. So brachte sie in Erfahrung, das Frau Hauer 83 Jahre alt war, und ihr Mann schon vor 12 Jahren verstorben war. Sie hatte keine Kinder und keine Angehörigen, ausserdem hatte sie viel Geld von ihrem Mann geerbt. Ihre Hobbies waren lesen und ihr Garten. Sie verliess das haus so gut wie nie, war immer zu Hause.

Annas Mutter wunderte sich zwar über ihr Interesse, aber sie fragte nicht weiter.

Gemeinsam deckten sie den Tisch ab, und Anna ging ins Zimmer, um sich umzuziehen und noch etwas zu schreiben. Das Schreiben ging wie von selbst, bis sie den Stift zu Seite legte, hatte sie schon das halbe Buch gefüllt. Anna war erschöpft, der Tag war anstrengend gewesen. Sie drehte sich um und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen erwachte sie schon um halb 5. Erstaunt blickte sie nochmals zur Uhr, um sich zu vergewissern. „So früh noch?“ wunderte sie sich. Schnell lief sie ins Bad, wusch sich und zog sich an, dann nahm sie, wie am Tag davor ihren Tee mit ins Bett, und begann wieder zu schreiben. Um 7 Uhr legte sie den Stift aus der Hand. „Fertig“ murmelte sie. Von sich selbst überrascht sah sie das Buch noch einmal durch. Jede Seite war voll mit ihrer Handschrift.

„ Au weia, nun muss ich mich aber beeilen“ rief sie, nach einem Blick zur Uhr. Sie schnappte sich die Tasche, steckte die Dose hinein, zog die Jacke im Treppenhaus an, und lief im Eiltempo zur Schule.

Heute war sie nicht ganz bei der Sache ,der Unterricht interessierte sie heute wenig. Immer wieder ging sie in Gedanken das Buch durch und dann freute sie sich noch, auf den Heimweg. Da würde sie im Reisebüro das Wochenende buchen. Sie war schon gespannt auf Mutters Gesicht.

Anna konnte es kaum erwarten, und war die erste, die nach Schulschluss das Klassenzimmer verließ. Ihr entgingen die neugierigen Blicke der Mitschülerinnen, da sie sonst immer eine der Letzten war .Auch als sie auf dem Flur mit Sven zusammen stieß. Kam nur ein flüchtiges „tschuldigung“ über ihre Lippen, und weg war sie.

Atemlos kam sie am Reisebüro an. Als sie hineinging war sie noch ganz ausser Atem. Bei einer freundlichen Verkäuferin  trug sie ihr Anliegen vor. Die nahm sich viel Zeit, erklärte ihr alles, sie suchten ein Wochenende aus und machten alles fertig. Anna ließ sich einen Gutschein geben, den die nette Verkäuferin noch einpackte und eine Schleife darum machte. Anna bedankte sich herzlich und war erleichtert, das es nun endlich geschafft war.

Hüpfend vor Freude machte sie sich auf den Heimweg.

Als sie die Türe aufmachte, war sie ganz erstaunt. Da standen Mamas Schuhe und ihre Jacke war auch an der Garderobe....  Schnell öffnete sie die Küchentüre „Mama, was machst du schon hier?“ Ihre Mutter saß am Küchentisch, hatte den Kopf aufgestützt und sah nicht gerade glücklich aus. „Frau Hauer musste ins Krankenhaus, sie hat irgendwas mit dem Herzen.“

Anna sank auf den Stuhl, und musste sich erst mal fassen. Ihre Mutter durfte doch nicht merken, das sie diese Frau kannte. „Oh, wie konnte das nur passieren?“  Annas Mutter zuckte mit den schultern „ Ich weiß auch nicht, irgendwie war sie heute eh seltsam. Sie hat mir Kaffee angeboten, und dann haben wir uns unterhalten. Sie war sehr nett heute.“

Anna überlegte. Heute war kein guter Tag, um ihrer Mutter den Umschlag zu geben. Sie würde das ganze auf morgen verschieben. Erstmal wollte sie ins Krankenhaus, Frau Hauer besuchen. „und was wird jetzt mit der Arbeit?“ wollte Anna wissen. „ Ich soll trotzdem kommen, und alles machen.“ Antwortete ihre Mutter „Sie will nicht, das man denkt, das Haus wäre unbewohnt“

Anna nickte, da war was wahres dran. „ich soll auch länger bleiben, hat sie gesagt“ meinte Annas Mutter, mit diesem Satz stand sie auf, um Mittagessen zu machen. „ ich weiss nicht, was werden soll. Wenn Frau Hauer nun nicht mehr alleine wohnen kann, sie ist ja auch schon etwas älter. Was wird dann aus meiner Arbeit?“ Anna spürte die Angst ihrer Mutter, sie ging zu ihr und legte ihr die Arme um den Hals. Mehr konnte sie nicht tun. Nach dem essen ging sie ins Zimmer, legte sich aufs Bett und grübelte. Sie merkte, das die ganze Geschichte ihre Mutter sehr belastete. Was ja auch logisch war, schliesslich hing alles von dieser Arbeit ab.

Anna schluckte, sie mochte sich gar nicht vorstellen, was das bedeuten würde.

„Am liebsten würde ich ja gleich dahin...“ „Lass es nur nichts schlimmes sein“....“Die arme Frau Hauer...“ das alles sagte Anna leise vor sich hin. Aber alles grübeln half nichts, sie musste sich bis morgen gedulden. Anna nahm die Schultasche und machte sich über die Hausaufgaben. Das lenkte sie etwas ab, und als sie fertig war, wurde es auch schon finster.

Anna öffnete die Türe zum Wohnzimmer:“ Soll ich Abendbrot machen?“  fragte sie ihre Mutter. Diese schüttelte nur den Kopf. Anna zuckte die Schultern und zog sich wieder in ihr Bett zurück. Kein Wunder, das Mutter keinen Hunger hatte, ihr gingen sicher die gleichen Gedanken im Kopf herum, dachte Anna.

Mit einem Kloß im Hals machte sie sich fertig, um ins Bett zu gehen. Sie wollte ihre Mutter nicht mehr stören, denn sie wusste nicht, wie sie sie trösten könnte.

Am nächsten Morgen erwachte Anna erst um kurz vor 7. „So ein Scheiss“ rief sie, sprang aus dem Bett und zog sich hastig an. Fast hätte sie den Zettel am Kühlschrank übersehen, denn fürs Frühstück blieb keine Zeit mehr.

 „Liebe Anna, ich bleibe heute etwas länger in Frau Hauers Haus, mach dir keine Sorgen“

Anna nahm ihre Schultasche und rannte los. Sie wollte nicht zu spät in die Schule kommen.

In der Schule konnte sie sich nicht konzentrieren, alles lief irgendwie an ihr vorbei. Dauernd dachte sie an den Besuch im Krankenhaus. Sie war froh, als der Schultag vorbei war und die Glocke das Ende des Schultages verkündete. Schnell packte sie ihre Tasche und machte sich auf den Weg. Das Krankenhaus war zum Glück nicht weit entfernt, und so dauerte es nicht lange, bis sie an der Anmeldung stand. Etwas ausser Atem erkundigte sie sich, wie Frau Hauers Zimmernummer lautete. Sie ließ sich noch den Weg erklären, denn im Krankenhaus kannte sie sich nicht aus. Dank der guten Wegbeschreibung kam sie, ohne sich zu verlaufen, am Krankenzimmer an. Sie klopfte und war erleichtert, als Frau Hauers Stimme erklang.

Als sie ins Zimmer trat, erhellte sich das Gesicht der alten Dame. „Anna, wie schön“

„Frau Hauer, wie geht es Ihnen? Ist es schon wieder besser? Wir haben uns große Sorgen gemacht“, die Sätze sprudelten nur so aus Anna heraus. Frau Hauer lachte „Nun mal langsam, mein Kind. Mir geht es gut, in 4 Tagen darf ich nach Hause.“ Anna war froh, ihr ging es gut. Und auch die anderen Probleme lösten sich in Luft auf. Sie holte sich einen Stuhl und setzte sich neben das Bett. Dann begannen sie zu plaudern, über die Schule, über Annas Leben, über ihre Pläne für die Zukunft. Anna erzählte ihr, das sie Schriftstellerin werden wollte. Frau Hauer war sehr erstaunt und erkundigte sich, ob sie schon was geschrieben hätte. Anna bejahte dies: “ Ich habe viele Sachen geschrieben, erst gestern habe ich meine letzte Geschichte beendet“

Die alte Dame wurde neugierig:“ Darf ich mal was lesen? Hier ist es so langweilig, ich hatte keine Zeit, mir etwas zum lesen einzupacken“

Anna zögerte, noch nie hatte jemand ihre Geschichten gelesen. Sollte sie? „Ach, was ist schon dabei, gib dir einen Ruck“ sagte Frau Hauer und lächelte ihr zu. Anna griff nach ihrer Tasche, und holte das rote Buch heraus. Sie legte es auf das Bett: „Ok, ich lasse es ihnen da, aber nur, wenn sie mir ihre ehrliche Meinung dazu sagen“

 Die Dame sah ihr in die Augen „Natürlich, ich werde dir ehrlich sagen, wie ich es finde“

Anna blickte auf die Uhr und stand auf“ ich muss nach Hause, ich möchte vor meiner Mutter daheim sein“ Frau Hauer nickte: „Machs gut, kommst du morgen wieder?“

„Ja, ich denke schon. Tschüss Frau Hauer und gute Besserung“, mit diesen Worten ging Anna zur Türe hinaus. Auf dem Nachhauseweg grübelte sie noch darüber nach, ob es richtig gewesen war, ihr die Geschichte zu geben. Doch nun war es eh zu spät, passiert war es schon.

Als Anna nach Hause kam, war ihre Mutter noch nicht da. Sie setzte sich an den Tisch und begann mit den Hausaufgaben.  Dann hörte sie den Schlüssel im Schloß, Mutter kam nach Hause. Fragend blickte sie ihre Mutter an: „Und, gibt es schon was neues von Frau Hauer?“ Anna hatte Angst rot zu werden. Ein klein wenig hatte sie ein schlechtes Gewissen, das sie nicht ehrlich zu ihrer Mutter war. Annas Mutter schüttelte nur den Kopf und setzte sich müde auf den Stuhl. Es war ihr deutlich anzusehen, das die ganze Situation sie sehr belastete. Anna stand auf, und umarmte ihre Mutter “Es wird alles gut werden, ich weiß es“ Die Mutter nickte, aber es war nicht wirklich überzeugend. Beide beschlossen ins Bett zu gehen, es war ein anstrengender Tag gewesen.

Als Anna in der Früh aufwachte, war ihre Mutter schon weg. Schnell sprang sie aus dem Bett und ging unter die Dusche. Heute hatte sie erst zur 3. Stunde Schule, also war noch Zeit genug Frau Hauer zu besuchen. Anna war so gespannt, ob sie schon in ihrem Buch gelesen hatte. Als sie die Türe des Krankenzimmers öffnete, bekam sie gerade noch das Ende eines Telefonates mit: “Ja, ich bin mir sicher. Da stehe ich voll dahinter. So machen wir es, auf Wiederhören“

„Guten Morgen Frau Hauer“, Anna schlüpfte ins Zimmer. „Guten Morgen mein Kind, hast du heute keine Schule?“ Frau Hauer sah sie fragend an. Anna erklärte ihr, das sie erst zur 3. Stunde müsste und setzte sich gespannt auf den Stuhl, der neben dem Bett stand. Ungeduldig zappelte sie auf dem Stuhl hin und her. Frau Hauer musste lachen „Ja, ich hab es gelesen“

„Und???“ Anna wartete gespannt. „Ich bin begeistert, ich habe gerade mit dem Verlag telefoniert“ Anna stand der Mund offen „Verlag?“ fragte sie verwirrt. „Ja, mein verstorbener Mann hatte einen Verlag und an dem schicke ich dein Buch. Es ist so gut, es muss veröffentlicht werden“ Frau Hauer bekam vor Eifer ganz rote Backen. „ Ich werde dir helfen, so gut ich kann. Du hast ein großes Talent, das werde ich fördern“ Anna konnte nichts mehr sagen. Ein Blick auf die Uhr und sie stand benommen auf „Ich muss nun gehen, sonst komme ich zu spät“ schnell umarmte sie die Frau und schon war sie weg.

Der Schultag lief an ihr vorbei wie ein Film. Zu Hause angekommen begann sie mechanisch die Hausaufgaben zu erledigen und die Hausarbeit zu machen. Sie schrak zusammen, als ihr Mutter im Zimmer stand, nicht mal den Schlüssel hatte sie gehört. Als sie ihre Mutter ansah, merkte sie, das etwas passiert sein musste. Fragend blickte sie zu ihr auf. Annas Mutter fing zu sprechen an: „ Frau Hauer hat mich heute gefragt, ob wir zu ihr ins Haus ziehen möchten. Sie sei so alleine, sie hätte gerne Gesellschaft. Und ausserdem möchte sie wieder etwas arbeiten. In dem Verlag ihres verstorbenen Mannes“. Anna wurde rot....was wusste Mutter?

„Mama, ich muss dir was erzählen“, begann sie. Dann erzählte sie von ihrer Überraschung, und das sie ja das Einverständnis von Frau Hauer gebraucht hätte und sie so kennen gelernt hatte. Sie erzählte von ihrem Buch, das nun veröffentlicht werden sollte. Und: sie überreichte ihrer Mutter endlich das Geschenk.

Annas Mutter saß nur stumm da und hatte Tränen in den Augen. „Weißt du, was sie noch gesagt hat?“ wurde Anna gefragt. Anna schüttelte den Kopf. „Sie will dich bei deiner Ausbildung unterstützen, damit du später in dem Verlag arbeiten könntest. Du wärst ein großes Talent, sie würde uns jede Hilfe zu Teil werden lassen. Ich müsste nicht mehr soviel arbeiten, sie würde noch jemanden einstellen. Miete bräuchten wir keine bezahlen, sie wolle mit uns einfach ihr Leben teilen.“

Sprachlos vor soviel Neuem sahen sie sich an. Dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg ins Krankenhaus, mit einem großen Blumenstrauß für Frau Hauer.

 

 

Ende

 

 

 

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                                                         Schicksal

 

 

 

Emma drehte sich im Bett um und blickte zum Wecker. Es war noch früh, sie konnte sich mit dem aufstehen noch Zeit lassen. Sie kuschelte sich in ihr Kissen und schloss die Augen. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie an Jan dachte. Ihren Jan. Sie waren nun schon ein halbes Jahr zusammen, und natürlich noch frisch verliebt. Sowas hätte sie sich niemals erträumt. Sie hatten viel Spass zusammen, konnten sich gut unterhalten und unternahmen viel. Was sie wohl heute machen würden? Emma überlegte. Vielleicht zum See fahren? Emma sprang aus dem Bett. Noch 2 Wochen hatte sie Schule, dann war sie fertig und hatte den Abschluss in der Hand. ?Und dann 4 Wochen frei!!? jubelte sie. Da konnten sie viel Zeit miteinander verbringen. Danach konnte sie ihre Lehrstelle als Krankenschwester beginnen. Das war schon von klein auf ihr Traum gewesen. Singend lief sie ins Bad und machte sich für die Schule fertig. Als sie ihr langes blondes Haar zu einem Zopf zusammenband, dachte sie wieder an Jan. Ein Blick zur Uhr sagte ihr, das er schon längst in der Arbeit war. Er war ein Jahr älter als sie und hatte seine Lehre schon begonnen. Er hatte Glück gehabt, als er die Stelle bei der Zeitung bekommen hatte. Reporter war schon immer sein Wunsch gewesen.

Emma lief in die Küche: ?Guten Morgen Mama? rief sie gutgelaunt und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Emmas Mutter musste lachen, diese gute Laune war ansteckend. Sie hielt ihrer Tochter einen Teller mit frischen Toast hin. Mit großem Appetit  griff diese zu. ?Na, was habt ihr heute nach der Schule geplant?? Emmas Mutter mochte Jan, er war ein aufgeschlossener und freundlicher Junge. Mit genauen Zielen und Plänen für sein Leben.

Die genuschelte Antwort verstand sie nur schwer...und musste noch mal nachfragen. Nun hatte Emma den Mund leer ?Ich denke, wir werden an den See fahren, es ist so schönes Wetter? Von ihrer Mutter kam ein nicken, ?ich mach euch ein Picknick zurecht, ja??

Strahlend umarmte Emma ihre Mutter, ?Tschüss bis später? und schon packte sie ihre Tasche und verließ die Wohnung in Richtung Schule.

Summend lief sie die Strasse hinab, dort vorne stand ihr beste Freundin Meli und wartete schon auf sie. Plaudernd und tuschelnd kamen sie im Klassenzimmer an. Die letzten 2 Wochen wurde nicht mehr viel gemacht, die Prüfungen waren schon geschrieben

Und es wurden meist Filme geschaut oder Diskussionen geführt. Emma freute sich mit ihrer Freundin, diese hatte erst gestern bescheid bekommen das sie eine Lehre bei einem Zahnarzt beginnen konnte. Das war natürlich Gesprächsthema Nummer eins.

Als die Schule aus war stand sie noch einige Zeit mit ihren Freundinnen auf dem Pausenhof, danach ging sie rasch nach Hause. ?Noch 3 Stunden, dann kommt Jan? dachte sie bei sich. Als sie in die Küche kam, stand da schon ein Picknickkorb mit leckeren Sachen. Emma freute sich, Mama war ja so lieb. Sie war froh, das Mama Jan mochte. Da klingelte das Telefon, Emma nahm den Hörer ab:? Strobel Emma? meldete sie sich. ?Hallo meine Süße?, Jans Stimme drang an ihr Ohr, ?Ich wollte dir nur sagen, wie lieb ich dich hab. Was machen wir heute?? Emma freute sich Jan zu hören. Sie erzählte von ihrem Plan, an den See zu fahren, und das Mutter schon einen Korb hergerichtet hatte. Dann musste Jan wieder auflegen, er hatte noch ein Gespräch mit seinem Chef.

Emma packte noch die Schwimmsachen ein, es war ja wunderschönes Wetter. Dann hatte sie noch so einiges zu erledigen, und die Zeit verging wie im Flug. Emma war ganz erstaunt, als Jan klingelte, da hatte sie doch glatt die Zeit vergessen. Schnell nahm sie den Korb und lief zur Türe. Mit einem langen Kuss begrüßten sie sich. Jan nahm sie in den Arm und drückte sie fest.  Emma sah in seinen Augen, das etwas vorgefallen sein musste. Aber sie fragte nicht weiter, sie wusste, Jan würde es ihr erzählen. Beim See angekommen suchten sie sich ein abgelegenes Plätzchen, breiteten die Decke aus und setzten sich hin. Emma schaute nach, was sich im Korb so alles Leckeres versteckte. Als erstes holte sie Kuchen und eine Kanne mit Kaffee heraus. Sie saßen dicht beisammen und unterhielten sich. Auf einmal wurde Jans Stimme erst :Ich muss dir was sagen?, begann er. Emma sah ihm in die Augen, sie merkte, das es ihm schwer fiel, aber auch Freude in seinem Blick war. Er gab ihr einen Kuss und erzählte ihr, das sein Chef heute bei der Besprechung gesagt hatte, das er mit noch 2 Kollegen nach Amerika gehen solle, für ca. 1 Jahr. Um dort bei einer Zeitung zu arbeiten und Berichte über das Leben dort zu schreiben.

Emma bekam große Augen. Er sollte weg? Für ein ganzes Jahr? Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, einerseits freute sie sich für ihn, das er so eine Chance bekam, aber andererseits...Emma schluckte, sie konnte ihn nur ansehen. Das war zu weit, um mal eben an einem Wochenende hin und her zufliegen. Jan nahm ihr Gesicht in beide Hände: ?Du weißt, ich liebe dich, das wird sich auch nicht ändern?, versprach er ihr. Sie konnte nur wortlos nicken. Dann lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter und genoss die Nähe. ?Wann musst du fliegen?? war alles, was sie leise sagen konnte. Jan schluckte ?Schon am kommenden Wochenende? Emma nickte, es blieben ihnen also noch 3 Tage. ?Komm, wir gehen schwimmen? mit diesen Worten zog sie Jan ins Wasser. Sie wollte nicht dran denken, sie wollte die Zeit genießen. Traurig sein konnte sie noch später.

Als Jan sie abends heimbrachte, standen sie noch lange vor der Haustüre und hielten sich in den Armen. Keiner sagte etwas, es war nur das Gefühl, den anderen zu spüren wichtig.

Schließlich ging Emma nachdenklich nach oben. Sie wusste, wenn sie Jan sagen würde, ihr wäre das nicht recht, würde er bleiben. Aber das wollte sie nicht, es war seine Chance, das fühlte sie.  Emmas Mutter merkte, das etwas vorgefallen war, aber sie wusste auch, Emma musste von selber zu ihr kommen. So verbrachten beide einen sehr nachdenklichen, ruhigen Abend.

Emma konnte nur schwer einschlafen, immer wieder stellte sie sich ein Leben ohne Jan vor. Sie seufzte schwer, und auch ein paar Tränen sickerten in ihr Kissen .Am nächsten Morgen erwachte Emma wie benommen. Sie hatte wenig Schlaf gefunden, das war an den tiefen Augenringen zu sehen. Langsam ging sie ins Bad, und ebenso langsam danach in die Küche. Ein leises ?Guten Morgen?, das war alles, was Emma sagte. Die Mutter sah sie besorgt an, aber sie konnte nichts tun, noch wusste sie nicht, was vorgefallen war. Hunger hatte Emma nicht, sie trank nur eine Tasse Kaffee, danach ging sie gleich zur Schule. Sie wollte mit ihrer Freundin darüber reden, doch diese war heute krank. Emma seufzte ?Es wäre wohl besser gewesen, ich wäre im Bett geblieben? Schleppend zog sich der Vormittag hin. Endlich der Schlussgong, sie konnte nach Hause gehen. Heute wollte sie mit niemandem reden, sondern nur heim und sich im Bett verkriechen. Kaum hatte sie die Wohnungstüre hinter sich geschlossen, klingelte das Telefon. Emma nahm den Hörer ab, ihr Herz machte einen Hüpfer, es war Jan. Er erzählte ihr, er hätte jetzt dann frei, und auch die kommenden 2 Tage. ?Hast du es deiner Mutter schon gesagt?? wollte er wissen. Emma verneinte. ?Ich komm heut Nachmittag, dann machen wir das gemeinsam, ja?? liebevoll klang Jans Stimme. Sie freute sich sehr auf den Nachmittag, aber sie war auch traurig. Fast konnte man die Stunden, die sie sich sahen, an 2 Händen abzählen.

Emma bereitete den Kaffeetisch vor, als ihr Mutter nach Hause kam war sie gerade fertig. ?In einer halben Stunde kommt Jan?, erwiderte sie auf den fragenden Blick. Die Mutter nickte. ?Soll ich euch alleine lassen?? ?Nein, wir haben die etwas zu erzählen?, mit diesem Satz machte Emma ihre Mutter neugierig. Pünktlich erschien Jan, als sie alle um den Tisch saßen und die Mutter fragend von einem zum anderem blickte, war es Jan, der es erzählte. Emmas Mutter war traurig für ihre Tochter, freute sich aber für Jan. ?Dieses Jahr wird schnell vorübergehen?, versuchte sie beide aufzumuntern. Jan zog ein Päckchen aus der Tasche und schon es Emma hin. ?Für mich?? fragte diese erstaunt. Jan nickte.

Mit zittrigen Fingern öffnete Emma das Papier, es kam eine Schmuckdose zum Vorschein. Darin waren 2 silberne Ringe, jeweils mit Gravur von Namen und dem Tag des Kennenlernens. Emma war ganz überrascht und ihr schossen die Tränen in die Augen. Jan steckte ihr den Ring an, mit den Worten, sie sei seine große Liebe, und er würde auch in der ferne immer an sie denken. Auch ihre Mutter musste schlucken, und sie ließ die beiden alleine. Als es schon dunkel war, verließ Jan die Wohnung, die Beiden hatten sich verabschiedet, denn am letzten Tag hatte er noch viel zu erledigen. Emma wusste nicht, sollte sie traurig oder glücklich sein. Am nächsten Tag schlief sie erstmal aus, denn es war Wochenende. Es war ungewohnt für sie, den Tag ohne Jan zu verbringen. Jeden Tag wartete sie auf seinen Anruf, der meist zur gleichen Uhrzeit kam. Dann plauderten sie fast 2 Stunden, Jan erzählte von seinem neuen Leben. Schnell verging die Zeit und für Emma brach die Lehrzeit an. Es gab viel neues zu lernen, und so verging die Zeit schneller, als für Beide erwartet. Langsam wurde der Telefonkontakt auch etwas weniger, nur noch einmal die Woche klingelte das Telefon. Bei letzten Telefonat erzählten sich beide von den Wohnungswechseln, die anstanden. Emma und ihre Mutter zogen in ein Haus, damit jeder sein abgeschlossenes Reich hatte. Jan musste auch umziehen, da er von seinem Chef nach Indien geschickt wurde. Das hieß, er würde noch ein weiteres Jahr weg bleiben. Er wollte aber trotzdem probieren, einen Urlaub genehmigt zu bekommen.

Emma blieben durch Umzug und vieles lernen nicht viel Zeit. Ab und an ging sie mit ihrer Freundin Meli in die Stadt, mal ins Kino aber meistens verbrachte sie die Zeit mit lernen. Und immer öfter in Gedanken versunken den Ring anschauend. Emma drehte ihn zwischen den Fingern und betrachtete die Gravur. Alles war so weit weg, die glückliche Zeit, die Umarmungen und die Küsse. Emma seufzte. Wie lange war das letzte Telefonat her? Mit Erschrecken stellte sie fest, sie wusste es gar nicht. Seit Jan in Indien war, hatten sie erst 2 mal miteinander gesprochen, und das war noch in der alten Wohnung. Emma stand auf und suchte ihr Adressbuch, sie würde ihn anrufen, jetzt sofort. Entschlossen wählte sie seine Nummer. Doch, was war das? Hatte sie sich verwählt? Es hieß, die Nummer sei nicht zu erreichen...sie probierte es noch mal, wieder die gleiche Ansage. Grübelnd stand Emma vor dem Telefon, was sollte sie nun tun? Zögernd wählte sie die Nummer von Jans Chef, die hatte er ihr einmal gegeben. Für Notfälle hatte er gesagt. Es meldete sich die Sekretärin. ?Hallo, hier spricht Emma Strobel, die Verlobte von Jan Gebel. Ich habe probiert, ihn in Indien zu erreichen....??Frau Strobel? Was für ein Glück das sie sich melden. Wir haben schon verzweifelt versucht, sie ausfindig zu machen? hörte sie die Stimme der Frau. Emma schluckte hart, auf einmal hatte sie einen Kloß im Hals. ?Hallo? Frau Strobel, sind sie noch da?? Emma antwortete: ?Ja ja, bin ich. Was ist denn los??

?Die Sache ist die Frau Strobel, vor 3 Wochen war in Indien ein starkes Erdbeben. Der Ort, wo sich ihr Verlobter zu der Zeit aufhielt, wurde zerstört. Da wir keine Rückmeldung von Herrn Gebel und seinem Kollegen erhielten, ist unser Chef letzte Woche selbst nach Indien geflogen um herauszufinden, was los ist. Leider war die Suche nach beiden bisher erfolglos. Es tut mir sehr leid für sie. Hinterlassen sie mir doch bitte ihre Nummer, damit ich sie sofort benachrichtigen kann, wenn wir näheres wissen.? Mechanisch gab Emma ihre Nummer durch und legte auf. Dann sank sie auf den nahe stehenden Stuhl, sie war geschockt. Jan, was war nur mit Jan?

Die nächsten Tage konnte sich Emma nur schwer auf die Arbeit konzentrieren. Immer wieder schweiften ihr Gedanken zu Jan ab. Wenn nur ein Anruf von seinem Chef käme, oder von ihm selbst. ?So ein Mist, das ich Prüfungen habe? murmelte Emma verärgert. Sie würde sofort nach Indien reisen, ihr Mutter versuchte sie zu beruhigen, auch ihre Freundin sprach auf sie ein: ?Du kannst nicht alles hin schmeißen, warte bis nach den Prüfungen? Emma wusste, sie hatten ja recht, aber es viel ihr alles so schwer. Mühsam schleppte sie sich durch die Prüfungen. Eigentlich war es ihr egal, wie sie abschneiden würde...die wollte es nur hinter sich bringen. Als die Prüfungen begannen, war Emma nicht aufgeregt, nein sie war nicht wirklich bei der Sache. Darum war sie auch kein bisschen aufgeregt, wie ihre Kolleginnen, die in einem fort nur quatschen und nervös an ihren Sachen rumzupften. Emma war genervt, genervt weil diese Prüfungen sie davon abhielten nach Indien zu fliegen. So schrieb sie die Tests in ungewohnter schneller Art, überlegte nicht lange füllte nur aus und gab ab. Nicht einmal mehr durchgelesen hatte sie die Antworten.

Als die Prüfungswoche endlich vorbei war, meldete sie sich noch mal bei Jans Chef. Doch diese konnten ihr leider nichts neues sagen. Betrübt legte Emma auf, denn sie hatten ihr abgeraten nach Indien zu fliegen, es sei noch zu unsicher, Nachbeben wurden noch für längere Zeit erwartet. Emma versuchte trotzdem einen Flug zu bekommen, aber keine Fluggesellschaft flog Passagiere nach Indien. Langsam war sie der Verzweiflung nahe.

 Ihre Mutter sprach beruhigend auf sie ein: ?Du wirst Bescheid bekommen, Jans Chef hat es dir persönlich versprochen? Emma nickte stumm, aber überzeugt war sie nicht. ?Hier sieh mal, das ist heute für dich gekommen?, Emmas Mutter gab ihr einen großen weißen Briefumschlag. ?Och, sicher eine Absage?, damit legte sie den Brief auf den Tisch. Noch mehr Negatives konnte sie heute nicht verkraften. Emma nahm sich eine Tasse Tee und verkroch sich in ihrem Zimmer, wie so oft in letzter Zeit. Grübelnd sah sie ihr Handy an...sollte sie, vielleicht bekam er ja ihre Nachricht irgendwann. Wobei, der Akku würde sicherlich leer sein, nach der langen zeit...?Ach, was solls, ich versuch es? Emma tippte eine Sms an Jan, bevor sie auf abschicken ging, legte sie all ihre Hoffnungen und Gedanken in diesen Text. Vielleicht, irgendwann.......

Mit diesen Gedanken schlief Emma ein. Am nächsten Morgen war sie überraschender Weise gut gelaunt und bereit, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Es hatte keinen Sinn, trüben Gedanken nachzuhängen, sie musste an die Zukunft denken, wenn es sein musste, dann auch ohne Jan. Zu dem Entschluß war sie letzte Nacht gekommen. Emma nahm den Brief vom Vortag in die Hand und öffnete ihn. Innerlich überzeugt, eine Absage bekommen zu haben, überflog sie den Brief nur....dann stutze sie :? Mama!!!? rief sie, ?komm schnell? Aufgeregt blickte sie ihrer Mutter entgegen, die im Morgenmantel aus der Schlafzimmertüre kam.

?Ich hab einen Job, ich kann in 2 Wochen in einem Krankenhaus beginnen? jubelte sie. Emmas Mama umarmte ihre Tochter lange, endlich kam die von ihr gewünschte Ablenkung für ihre Tochter. Glücklich sah sie in Emmas strahlendes Gesicht. Diese zog sie neben sich auf den Stuhl : ?Da, lies selber? und hielt ihr den Brief unter die Nase. Emmas Mutter las mit Begeisterung, doch dann legte sich ein Schatten über ihr Gesicht. Emma sah ihre Mutter besorgt an :?Was ist los?? Dann las sie die Stelle, auf die ihre Mutter zeigte, es war ein Angebot in den USA, in einer Reha-Klinik.  Emma sank auf den Stuhl, das hatte sie wohl überlesen in ihrem Eifer.

Was nun?

Lange saßen sie beisammen und redeten sich die Köpfe heiß. So ein Angebot würde sie nie mehr bekommen, das war sicher. Nur, konnte sie dahin gehen? Sie hatte ja noch nicht mal die Prüfungsergebnisse....was, wenn diese schlecht waren? Konnte sie ihre Mutter alleine lassen? Sollte diese mitkommen? Bis spät in den Nachmittag ging diese Diskussion. Und sie kamen zu keinem Ergebnis. Emma beschloss erstmal Meli anzurufen, vielleicht konnte die ihr bei der Entscheidung zur Seite stehen und einen Rat geben. Nach einem langem Telefonat war sich Emma fast sicher, das sie diese Stelle annehmen sollte. So eine Gelegenheit würde sich nicht noch einmal bieten.

Immer noch grübelnd lag Emma auf ihrem Bett, als ihre Mutter klopfte und ihr einen weiteren Brief hin hielt. Es waren die Prüfungsergebnisse. Emmas Herz schlug bis zum Hals, als sie den Brief öffnete. Dann jubelte sie :?Mama, ich hab mit sehr gut bestanden?, mit diesem Worten fiel sie ihr um den Hals und tanzte durch die Wohnung. Emmas Mutter freute sich, aber sie wusste auch, nun würde Emma das Angebot in den USA annehmen.

So war es auch, Emma begann mit den Vorbereitungen für ihr Leben in einem fremden Land. Nachdem sie telefonisch dem Arbeitgeber zusagte, die nötigen Unterlagen gefaxt hatte, drehte sich alles nur noch um Amerika. Um das Leben, um die Sprache, um den neuen Wohnort. Da Emma eine Unterkunft nahe der Klinik gestellt bekam, musste sie nicht auf lange Wohnungssuche gehen. Allerdings war nun auch klar, das ihre Mutter sie nicht begleiten konnte, denn in einer 2 Zimmerwohnung würde das niemals gut gehen. Ihre Mutter beteuerte immer wieder, es würde ihr nichts ausmachen, aber Emma spürte, das es ihr sehr wohl zu schaffen machte. Doch, sie hatte sich nun zu diesem Schritt entschlossen und war auch gewillt, ein neues Leben anzufangen. Nachdem sie des öfteren mit Jans Chef gesprochen hatte, und es immer noch kein Lebenszeichen von ihm gab, hatten alle die Hoffnung aufgegeben. Emma betonte zwar immer: ? ich weiss, er ist noch am Leben? aber so richtig dran glauben, konnte sie selbst nicht mehr. In vielen durchweinten Nächten hatte sie innerlich Abschied genommen, Abschied von dem Menschen, der ihrem Herzen am nächsten stand und mit dem sie eine sehr glückliche Zeit verbracht hatte. Sie würde Jan nie vergessen können, und etwas Hoffnung befand sich trotz allem noch in ihrem Herzen.

Nachdem alles geklärt war, alle Sachen gepackt waren, stand nun der Tag der Abreise an. Emma und ihre Mutter machten noch ein letztes gemeinsames Frühstück, zu dem auch noch Emmas Freundin Meli sich gesellte. Es war eine fröhliche Runde, wenn auch mit etwas Abschiedsschmerz gemischt. Schließlich klingelte der Taxifahrer, Emma wollte alleine zum Flughafen. Der Abschied fiel kurz aus, was für alle Beteiligten besser war. Emma hatte auf den Weg zum Flughafen Herzklopfen, das sich noch verstärkte, als sie in der Maschine saß. Wie würde das Leben werden, in einem so fremden Land?

 

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                             Schicksal, die Fortsetzung

 

Emma hatte sich in ihrer neuen Heimat schnell eingelebt. Ab und an bereitete die Sprache ihr einige Probleme, aber sie lernte schnell. In der Reha -Klinik  war sie freundlich aufgenommen worden, und sie hatte auch schon ein paar nette Freundinnen gefunden. Am, liebsten verbrachte sie ihre Zeit mit Shannon, zu der sie von Anfang an einen guten Draht hatte. Die Arbeit in der Klinik machte ihr viel Spaß und Freude, vor allem war es sehr abwechslungsreich. Auch mit ihrem Chef, Herrn Winter, hatte sie ein sehr gutes Verhältnis, er hatte ihr von Anfang an geholfen, sich in der doch sehr großen Klinik zu recht zu finden. Alles in allem war sie sehr froh, den Schritt gewagt zu haben, nach Amerika zu gehen. Ihre Mutter war natürlich neugierig gewesen, und hatte es sich nicht nehmen lassen, Emma in der neuen Stadt zu besuchen. Sie hatten einige schöne Tage miteinander verbracht, und die Mutter war beruhigt  wieder nach Hause geflogen.

Natürlich war beim Besuch der Mutter auch das Thema Jan angesprochen worden. Nachdem Emma nun wieder alleine war, drehten sich auch ihre Gedanken wieder öfter um ihn. Leider hatte auch Jans Chef nichts Neues erfahren, und so tappten sie immer noch alle im Dunkeln. Emma seufzte schwer. Wo er nur war? Wie es ihm ging? Ach, sie würde alles dafür geben, es zu wissen.

Das Klopfen an ihrer Türe riss sie aus den Gedanken. Shannon war da, sie wollten heute einen Nachmittag am Meer verbringen. ? Ich komme? rief Emma, nahm ihre Tasche und lief schnell hinaus und hüpfte ins Auto. Shannon plauderte vergnügt und unbeschwert vor sich hin, während sie durch die vollen Strassen fuhren. Emma hingegen war ganz abwesend, und hörte nur halb zu. So entging ihr auch, dass die Freundin sie prüfend von der Seite aus ansah. Shannon machte sich Sorgen, sollte Emma das Heimweh plagen? Sie war so verändert, seit ihre Mutter weg war. Shannon konnte das verstehen, sie hatte Emmas Mutter kennen gelernt, und war begeistert von dieser freundlichen Frau. Und eigentlich war der Ausflug Shannons Vorschlag gewesen, um Emma etwas abzulenken, die ihr in der letzten Zeit etwas zu ernst erschien. Shannon war sich unsicher, sie wusste nicht, ob sie Emma drauf ansprechen sollte, oder lieber so tun sollte, als wie wenn sie nichts bemerken würde. Und genau das wollte sie heute Nachmittag herausfinden.

Aus diesem Grund hatte sie auch eine relativ spärlich besuchte Bucht ausgewählt, in der es sich nun die beiden Freundinnen gemütlich machten. Gemeinsam genossen sie die Sonne und die Ruhe, die dieser ort ausstrahlte. Ab und an beobachtete Shannon ihre Freundin aus den Augenwinkeln. Sie bemerkte sehr wohl, dass diese etwas belastete.

Emma war in Gedanken vertieft, und diese drehten sich um Jan. Sie wünschte sich so sehr, etwas über sein jetziges Leben zu erfahren. Sie schrak etwas zusammen, als Shannon ihre Gedanken störte: ?Emma, darf ich dich mal was fragen??  Emma blickte etwas verwirrt zu ihrer Freundin hinüber und nickte. Shannon wusste nun nicht wirklich, wie sie beginnen sollte. Sollte sie gleich direkt fragen, was los war? Prüfend blickte sie noch mal in Emmas Gesicht, und entschloss sich dann, ihr direkt zu sagen, dass sie sich Sorgen machte.

In Emmas Gesicht zeichnete sich Erstaunen ab, sie hatte nicht gewusst, dass es so offensichtlich war, das sie was belastet. Nun musste sie schwer schlucken, denn die Tränen stiegen ihr in die Augen. Shannon erschrak, das hatte sie nicht gewollt. Schnell nahm sie die Freundin in den Arm und drückte sie fest. Auf einmal brach alles aus Emma heraus, sie redete sich alles von der Seele und musste feststellen, je mehr sie erzählte, desto leichter wurde ihr ums Herz. Sie erzählte von ihrem Glück und ihren Plänen, von ihren Ängsten und Sorgen und vom Verschwinden Jans. Shannon wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, das war alles so viel auf einmal und sehr verwirrend. Sie wunderte sich, wie Emma das die ganze Zeit ausgehalten hatte, ohne darüber zu reden. Als Emma sich etwas beruhigt hatte, sah sie verschämt zu Shannon hin, was mochte diese nun denken? Doch ihre Sorge war unbegründet, Shannon blickte ihr tief in die Augen und sagte: ? Ich werde dir helfen, Jan zu finden. Oder wenigstens, was mit ihm passiert ist. Das verspreche ich dir?

Lange saßen die Freundinnen noch am Strand und redeten über Emmas Vergangenheit. Die Sterne standen schon am Himmel, als sie alles zusammen packten, und sie sich auf den Heimweg machten. Beide waren sehr mit den eigenen Gedanken und Gefühlen beschäftigt, so war es eine schweigsame Fahrt durch die mittlerweile leeren Strassen. Als Shannon vor Emmas Haus hielt, sahen sie sich an und gleichzeitig sagten Beide:? Danke.? Eine dafür, das sie sich alles vom Herzen reden konnte, und die andere für das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wurde.

Emma ging langsam in ihre Wohnung und legte sich nachdenklich auf ihr Bett. Irgendwie war die Hoffnung wieder da, die Hoffnung Jan zu finden.

Die nächsten Tage waren sehr stressig in der Klinik, es kamen ständig neue Patienten und die Anfragen für die nächsten Monate stiegen weiter an. Emma und Shannon konnten dadurch sehr wenig Zeit miteinander verbringen. Sie sahen sich gerade mal in den Pausen und da redeten sie natürlich über ihre Patienten.

Eines Nachmittags, Emma saß gerade in der Klinikkantine, stürmte Shannon durch die Türe und war ganz aufgeregt. ?Los, komm mit. Ich hab nicht viel Zeit, aber es ist wichtig.? Emma war so verblüfft, das sie ohne Zögern aufstand und der Freundin folgte. Überrascht bemerkte sie, dass sie den Weg in das Büro der Klinikchefs nahmen. Noch bevor Emma etwas sagen konnte, öffnete Shannon die Türe und zog sie einfach hinter sich her.

Herr Winter wartete schon auf die Beiden. Emma war etwas außer Atem und konnte sich so rein gar nichts zusammenreimen, was denn los sei. Hektisch grübelte sie, ob sie etwas falsch gemacht habe, aber ihr wollte nichts einfallen. Unsicher sah sie ihren Chef an.

Doch auch sein Blick ließ nicht erahnen, was denn so wichtig sei. Emma wurde unruhig, sie wollte wissen, was hier vor sich ging. Herr Winter schob ihr einen Stuhl hin und Shannon nahm sich den anderen und setzte sich neben Emma. Diese war vollkommen verwirrt, sie konnte diese Situation nicht einschätzen. Dann begann ihr Chef zu reden, gespannt hörte sie ihm zu. Auf einmal überschlugen sich ihre Gedanken und Gefühle, es fiel Jans Name. Nun war sie so aufgeregt, dass sie nur noch die Hälfte verstand. Hilflos blickte sie zu Shannon, die ihr auch prompt zur Hilfe eilte, und alles übersetzte. Emma spürte, wie sie blass wurde, alles Blut wich aus ihrem Gesicht. Das konnte doch nicht sein? War es wirklich wahr? War Jan hier? Hier in der Klinik? Alles um sie herum begann sich zu drehen und sie hielt sich krampfhaft am Stuhl fest. Ihr Chef sah sie besorgt an, stand auf und führte sie zu einer Liege, die in seinem Büro stand. Er bestand darauf, sie musste sich hinlegen.

Emma zitterte am ganzen Körper und sie begann zu weinen. Das war alles zuviel. Seit Ewigkeiten suchte sie nach Jan, und nun sollte er hier sein? So nahe bei ihr? Emma bekam nicht mit, dass sie eine Beruhigungsspritze bekam, sie glitt langsam in einen tiefen Schlaf hinüber.

Als Emma erwachte, war es schon dunkel. Die Schreibtischlampe spendete warmes Licht, das nicht blendete. Wo war sie? Langsam kam die Erinnerung wieder und sie setzte sich vorsichtig auf. Da saß Herr Winter, der sie mit viel Wärme in den Augen ansah. Und auch Shannon war neben ihr und blickte sie besorgt an.

?Darf ich ihn sehen?? mit banger Stimme kam Emmas leise Frage. ?Auf diese Frage haben wir schon gewartet.? Erwiderte Emmas Chef mit besorgter Stimme. Shannon erklärte ihr, das Jans Zustand nicht der beste wäre und auch sein Aussehen sie wahrscheinlich sehr erschrecken würde. Emma rutschte von der Liege und ein entschlossener Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. Sie würde sich von nichts und niemandem davon abhalten lassen, Jan zu sehen. Nach all der langen Zeit würde das keiner schaffen. Sie wollte zu ihm, sich vergewissern das es auch wirklich Jan sei. Ihr Chef erkannte, dass sie davon nicht abzubringen war. Aber er bestand darauf, dass sie nicht alleine gehen sollte, und so gingen sie zu Dritt in Richtung Jan.

Emmas Herz schlug bis zum Hals. Da spürte sie, wie ihre Freundin sie an der Hand fasste und diese beruhigend drückte. Endlich blieb Herr Winter vor einer Türe stehen und sein Blick sucht Emmas Augen. Diese schluckt noch einmal trocken und nickt dann, Shannons Hand fest in ihrer. Ihr Chef öffnet langsam die Türe und Emma trat leise in das abgedunkelte Zimmer. Sie konnte nicht viel erkennen vor lauter Verbänden, Schläuchen und Kabeln. Unsicher blickte sie ihre Freundin an, diese nickte kaum merklich und schon Emma etwas näher ans Bett. Da bewegte sich der Mann leicht und öffnete die Augen. Er sah ihr direkt ins Gesicht und man konnte das Staunen in seinem Blick erkennen. ?Jan!!!? Emma schrie leise auf. Das war Jan, ihr Jan. Wirklich und wahrhaftig lag Jan in diesem Bett. Sie ließ Shannons Hand aus und rannte fast zum Bett. Die Blicke beider versanken ineinander und die Augen füllten sich mit Tränen. Sie liefen Emma nur so über das Gesicht, doch das bemerkte sie nicht. Zu sehr war sie damit beschäftigt zu begreifen, dass es wirklich Jan war, der da vor ihr lag.

?Emma?? Jans Stimme war ganz heiser und kaum zu vernehmen. Aber es war der schönste Klang, den Emma jemals gehört hatte. Sie beugte sich über ihn und wischte ihm die Tränen ab. ?Ja, ich bin da Jan. Ich hab dich endlich wieder.? Emma konnte sehen, wie das Glück aus seinen Augen strahlte. ?Ich komme gleich wieder, ja?? leise sprach Emma zu ihm. Kaum merklich nickte er und schloss die Augen. Das war alles etwas viel für ihn, er brauchte dringend Ruhe.

Leise trat Emma aus dem Raum, sie konnte es noch immer nicht fassen. Endlich, endlich war Jan gefunden. Diese Ungewissheit hatte ein Ende. Sie kam sich vor wie in einem Traum. Egal wie schlimm es um Jan stand, er lebte. Sie machte sich auf den Weg in Herrn Winters Büro. Sie musste wissen, wie es um Jan stand. Ihr Chef hatte sie anscheinend schon erwartet, denn es stand eine Tasse mit frischem, starkem Kaffee auf seinem Schreibtisch. Emma ließ sich auf den Stuhl sinken, sie war erschöpft, das war alles etwas viel gewesen. Herr Winter berichtete, dass eine Rettungsmannschaft Jan erst vor wenigen Tagen aus einem zusammen gestürzten Haus gerettet hatte. Anscheinend war er dem starken Erdbeben entgangen und hatte sich im Keller eines Hauses versteckt. Als er den schützenden Raum verließ, setzte ein heftiges Nachbeben ein, und das Gebäude brach über ihm zusammen. Laut Angaben der Rettungsmannschaft musste er wohl fast 11 Tage verschüttet gewesen sein. Emma schluckte und spürte wieder, wie die Tränen in ihre Augen stiegen. Herr Winter nahm beruhigend ihre Hand und versicherte ihr, das er nicht schwer verletzt sein, er war nur stark geschwächt und seine Augen mussten sich erst wieder an Licht gewöhnen. Darum auch der abgedunkelte Raum.  Für Emma war es noch ein Rätsel, wie Jan aus Indien hier in diese Klinik nach Amerika gekommen war, und genau das sagte sie auch ihrem Chef. Da glitt ein Lächeln über sein Gesicht, und er erzählte ihr, das Shannon vor ein paar Tagen zu ihm kam, weil sie sich Sorgen um Emma gemacht hatte. Irgendwie hatte Shannon gespürt, das diese Ungewissheit Emma so belastete, dass sogar die Nachricht über den Tod von Jan ihr geholfen hätte. Sie hatten zusammen gesessen und lange überlegt, wie man Emma helfen konnte. Herr Winter hatte viele Beziehungen in die meisten Kliniken der ganzen Welt, und hatte etliche Anfragen an alle gesendet, mit der Hoffnung etwas heraus zu finden. Als Shannon und er schon aufgeben wollten, kam das erlösende Fax aus einer kleinen Klinik in Indien. Dort war ein  Deutscher, auf den die Beschreibung genau passte, die Herr Winter durchgegeben hatte. Sofort wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt und Jan wurde hierher geflogen. Emma konnte es nicht glauben, und schon wieder spürte sie, wie sie den Tränen nahe war. Sie wollte ihrem Chef danken, ihm erklären, was er für sie getan hatte, aber sie brachte nur ein leises ?Danke? über die Lippen. Sie war viel zu ergriffen von seiner und Shannons Hilfsbereitschaft, als das sie das alles in Worte fassen konnte. Aber Herr Winter konnte sie auch so verstehen und schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. Dann erklärte er ihr, dass er sie zu Jans persönlicher Pflegerin ernannt hatte. Mit einem verschmitztem Lächeln sagte er: ? Sie werden sicher alles daran setzen, das es ihrem Freund bald besser geht. Allerdings erwarte ich jede Woche einen ausführlichen Bericht.?  Emma sprang auf, rannte um den Schreibtisch und fiel ihrem Chef um den Hals. Tränen der Freude strömten aus ihren Augen, denn sie hatte schon befürchtet, fast keine Zeit mit Jan verbringen zu können. Herr Winter drückte sie kurz an sich, dann schob er sie etwas weg und reichte ihr ein Taschentuch. Ihm war das alles etwas peinlich.

Er bemühte sich um eine energische Miene, und reichte Emma das Telefon. ?Rufen sie in Deutschland an, und sagen sie dort Bescheid, dass Jan am Leben ist. Schließlich haben sie dort Familie, die sich auch all die Zeit Sorgen gemacht haben. Nehmen sie sich dafür soviel Zeit, wie sie brauchen.? Mit diesen Worten verließ er sein Büro und schloss leise die Türe.

Emma kam überglücklich der Aufforderung nach. Nachdem sie die freudige Nachricht ihrer Mutter und Jans Chef mitgeteilt hatte, machte sie sich auf den Weg  Shannon zu suchen. Sie musste ihr danken, für die Mühe die sie sich gemacht hatte. Sie fand Shannon in der Kantine der Klink. Leise schlich sie sich von hinten an und umarmte die Freundin heftig. Diese erschrak etwas, freute sich dann aber und gestand Emma, dass sie etwas Angst gehabt hätte vor ihrer Reaktion. Schließlich hatte sie ja mit dem Chef über eine sehr persönliche Sache gesprochen. Emma drückte die Freundin noch einmal fest und nahm dann gegenüber auf dem Stuhl platz. Sie versicherte ihr:? Nein, ich bin dir nicht böse, wie könnte ich auch. Ich bin überglücklich!? Dann berichtete sie von Herrn Winters Entschluss, sie solle für Jan da sein und seine Pflege übernehmen. ? Und wenn er wieder gesund ist, gehen wir alle vier ganz groß essen!? Emma strahlte über das ganze Gesicht. ?So, nun muss ich aber zu Jan. ich muss ihn sehen, denn so ganz glauben kann ich es noch nicht wirklich.?  Shannon lachte verständnisvoll und drückte die Freundin kurz an sich.

Als Emma etwas atemlos in Jans Zimmer trat, wurde sie schon sehnsüchtig erwartet. Jan lag wartend in seinem Bett und freute sich sehr darauf, sie bei sich zu haben. Emma wusste, er durfte nicht viel sprechen, und so begann sie, ihre Geschichte zu erzählen. Wie sie hier in diese Klinik kam, wie es ihrer Mutter ging, über den Kontakt zu seinem Chef, ihrer Angst um ihn und um das Wissen, es sei noch am Leben. Jan nahm ihre Hand in seine und bemerkte den Ring, den sie noch immer trug. ? Ich habe ihn auch immer getragen? sagte er mit heiserer Stimme und zeigte ihr seine linke Hand. Emma war glücklich, er hatte sie nie vergessen. ? Ich liebe dich? flüsterte sie und beugte sich für einen langen Kuss über ihn.

Obwohl ja Handys in der Klinik verboten waren, bat Jan Emma darum, es ihm zu geben. Sie war etwas verwundert, holte es aber aus seinem Schub und reichte es ihm. Als sie das Handy sah, erschrak sie. Denn es war so kaputt, das sie sich wunderte, wie das noch funktionieren sollte. ?Ich hatte es immer bei mir, als ich deine letzte SMS bekommen habe, ging kurz darauf der Akku aus. Aber ich habe immer an diese Worte denken müssen, sie haben mich am Leben erhalten? Er schaltete es ein und da waren sie gespeichert, diese Worte in denen sie all ihre Liebe und Hoffnung gelegt hatte:

Liebster Jan, ich bin in Gedanken immer bei dir. Ich werde dich nicht vergessen und ich weiß, du bist noch am Leben. Irgendwann werden wir uns wieder finden, ich warte auf diesen Augenblick. Du fehlst mir sehr. Ich liebe dich, deine Emma.

Beide hatten Tränen in den Augen als sie sich ansahen. In diesem Blick lag diese unendliche Liebe, die Beide für einander empfanden. Emma wollte Jan neben sich spüren und kroch vorsichtig neben ihn unter die Decke. Das Gefühl der Nähe hatte sie lange vermisst. Eng aneinander liegend schliefen Beide ein. Als Herr Winter und Shannon ihre Abendrunde durch die Klinik machten, fanden sie beide so vor. Es war ein Anblick, der ihre Herzen rührte, auch wenn sie wussten, es war noch viel zu tun, damit Jan wieder unbeschwert durchs Leben gehen konnte. Aber irgendwie wussten sie auch, dass Jan es schaffen würde.

Nachdem ein gutes halbes Jahr vergangen war, stand Jans Entlassung kurz bevor. Für alle Beteiligten, die mittlerweile gute Freunde geworden waren, war es eine Freude zu sehen, das dieses Unglück an Jan vorübergegangen war, und er sein Leben wieder wie vorher leben konnte. Emma war inzwischen eine leitende Angestellte geworden, denn trotz ihrer aufwendigen Arbeit mit Jan hatte sie ihre anderen Aufgaben nicht vernachlässigt und es geschafft, alles unter einen Hut zu bekommen. Herr Winter war sehr stolz auf Emmas Einsatz und Arbeitswillen. Er schätzte Emma sehr, und bedauerte es, dass sie nun nach Deutschland zurückgehen würde.

Emma hatte ihr versprechen nicht vergessen, das sie Shannon in der Kantine gegeben hatte, und an Jans Entlassungstag gingen sie alle vier essen. Emma hatte einen Tisch in einem gemütlichen Lokal bestellt und es war eine fröhliche Runde. Emma bemerkte aber trotz allem den wehmütigen Blick ihres Chefs, und konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Als Shannon nach ihren Zukunftsplänen fragte, legte sich ein Schatten über Herrn Winters Gesicht. Emma und Jan blickten sich lächelnd an, gaben sich einen Kuss und gaben ihre Hochzeitspläne bekannt. ?Wann werdet ihr denn fliegen?? wollte Herr Winter wissen. ?Fliegen? Wieso? Wir haben nur einen Flug gebucht?, antwortete Emma verschmitzt. Shannon und Herr Winter wechselten einen überraschten Blick. ?Und dieser Flug geht von Deutschland aus hierher?, warf Jan lachend ein. Nun waren die anderen komplett verwirrt.

Emma klärte die Situation auf: ? Ja, meine Mutter kommt hierher, schließlich möchte sie bei unserer Hochzeit nicht fehlen. Und wenn es möglich ist, würde ich gerne weiter in der Klinik arbeiten. Natürlich nur, wenn sie weiterhin eine Stelle für mich haben.? Sie warf einen Blick zu ihrem Chef und konnte sehen, dass ihm vor Überraschung der Mund offen stand. Jan ergänzte: ? Ja, wir Beide fühlen uns hier sehr wohl, sie haben uns so viel geholfen. Wir vier sind ja fast wie eine Familie. Ich werde mich hier nach einer Arbeit umsehen, wir würden gerne unser Leben hier verbringen.?

Shannon jubelte und umarmte Beide vor Freude. Auch sie hatte Angst gehabt, Emma aus den Augen zu verlieren. Herr Winter sagte gar nichts, aber man konnte beobachten, dass er sich verstohlen eine Träne aus den Augen wischte. Schnell versicherte er Emma, das sie natürlich bei ihm in der Klinik bleiben konnte, und zwar solange sie wollte.

Den Rest des Abends schmiedeten alle Zukunftspläne und waren sehr glücklich. Herr Winter, der an diesem Abend zu Patrick wurde, ließ es sich nicht nehmen und versprach, er würde die Hochzeitsplanungen übernehmen. Es solle ja schließlich der schönste Tag in ihrem Leben werden. Emma und Jan waren sehr gerührt und umarmten Patrick.

Es wurde eine aufregende und schöne Zeit bis zur Hochzeit, vor allem da Emmas Mutter nun schon seit ein paar Wochen auch hier war und an den Vorbereitungen teilnehmen konnte.

Und immer öfter konnten Jan und Emma beobachten, dass Patrick und ihre Mutter sich sehr gut verstanden. Es wurden viele heimliche Blicke und Gesten ausgetauscht. Emma und Jan sahen sich lächelnd an, Glück war eben manchmal ansteckend.

 

 

ENDE

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                     Die Wahrheit bei Sonnenuntergang

 

Langsam ging die Sonne unter und das Abendrot spiegelte sich im Meer. Langsam konnte man auch die funkelnden Sterne am Himmel erkennen.

Eva blickte aus dem Fenster ihres kleinen Häuschens und beschloss, noch einen Spaziergang zu unternehmen. Ob sie eine Jacke brauchen würde? Vorsichtshalber nahm die die schwarze Strickjacke und band sie sich um die Hüften. Nach dem zusperren steckte sie den Schlüssel in die braune, gehäkelte Umhängetasche, die sie sich erst vor 2 Tagen auf dem Markt im Dorf gekauft hatte.

Langsam schlenderte sie in Richtung Strand, die Luft war angenehm warm und sie genoss den Blick in den sternenklaren Himmel. Richtig heimisch fühlte sie sich hier, obwohl sie erst von 10 Tagen auf der Insel angekommen war.

Eva entdeckte einen größeren Stein am Meeresufer und setzte sich. Das Wasser umspielte ihre Füße, schnell zog sie die flachen Slipper aus und genoss das kühle Wasser. Nachdenklich blickte sie in den dunklen Nachthimmel. Ewig konnte sie sich hier nicht verkriechen, das war ihr klar. Aber etwas Ruhe brauchte sie noch.

Hals über Kopf hatte sie vor zwei Wochen Deutschland verlassen. Der Streit mit Gregor war einfach zu heftig gewesen. Die Probleme nahmen überhand, und sie wusste weder aus noch ein. Ständig diese Streitereien, die Schuldzuweisungen und das ewige Misstrauen.  Eva seufzte schwer. Was sollte nur aus ihnen werden? Einen klaren Gedanken an die Zukunft hatte sie nicht. Dabei war noch vor einigen Wochen alles so perfekt geplant gewesen: Sie wollten ein Haus kaufen, ein Kind und das Leben genießen. Doch dann kam alles anders. Gregor verlor den Job, womit er überhaupt nicht klar kam. Die Kanzlei in der er Teilhaber war, ging  bankrott, es waren viele Schulden da und das neu gekaufte Haus wurde versteigert. Die Wohnung die sie gefunden hatten war klein und wies allerlei Mängel auf.

Hätte Gregor sich nur mehr um die finanziellen Angelegenheiten in der Firma gekümmert, hätte er die Buchhalter nur ab und an überprüft. Alleine mit ihrem Einkommen als Sekretärin konnten sie diese Schulden niemals abtragen, und sich ein neues, sorgenfreies Leben aufbauen.

Gregor kam mit dieser Situation genauso wenig zurecht. Er trank immer mehr, war unzufrieden und einfach unausstehlich. Auch hatte er keinen Elan, etwas Neues zu beginnen, geschweige denn die vorhandenen Probleme zu lösen. Er hatte aufgegeben. Sich und ihr gemeinsames Leben.

Damit konnte Eva nicht umgehen, das war sie nicht gewohnt. Bisher war er souverän gewesen, hatte alles geregelt und nun war er in gewisser Weise hilflos. Er hatte die Kontrolle verloren. Doch, wie sollte sie ihm helfen? Sie konnte seine Blicke nicht ertragen, wenn sie zur Arbeit ging. Wenn sie auch Hause kam, lag er auf dem Sofa und das Geschirr stapelte sich auf dem Tisch. Ein Gespräch war nicht möglich, weil er meist schon angetrunken war. Und wenn es doch mal zu einem Gespräch kam, endete dieses jäh im Streit.

Sie hatte das Angebot ihrer Firma angenommen und war auf einen ganztags Job gewechselt.

Manchmal nahm sie auch die Aufträge mit nach Hause, Gregor nahm ihr das furchtbar übel. Dabei machte sie das ja nur, um finanziell etwas beizusteuern. Aber das sah er nicht so, er konnte es nicht verkraften das sie im Berufsleben stand und er nicht.

Wie sollte das alles nur enden? Traurig starrte Eva in den Himmel. Wo waren nur alle ihre Träume und Pläne geblieben?

Sie kam sich so einsam und  verloren vor.

Mit einem Male fröstelte sie, warum war es nur so kühl geworden? Ein Blick zur Uhr sagte ihr, dass es schon weit nach Mitternacht war. Eva schlüpfte in ihre Jacke, nahm die Schuhe in die Hand und machte sich langsam auf den Rückweg.

Am nächsten Morgen wurde sie durch Sonnenstrahlen geweckt, die sie in der Nase kitzelten. Eva sah sich verschlafen um. Anscheinend war es schon später Vormittag. Sie streckte sich gemütlich aus, als sie ein Kratzen an der Türe wahrnahm. Verwundert lauschte sie, aber es war eindeutig ein Kratzen und ein leises Miauen zu hören. Rasch sprang sie aus dem Bett, streife den Morgenmantel über und lief zur Türe. Als sie diese öffnete tapste eine kleine Katze sehr selbstbewusst in ihr Haus. Verblüfft schaute Eva ihr hinterher. Das kleine Ding sah sich um und steuerte zielstrebig Evas Bett an, ein Satz und schon lag sie mitten auf dem Kopfkissen. Dort legte sie den Kopf auf die Pfoten und schlief ein.

Eva schüttelte den Kopf, lachte und ging erstmal ins Bad. Als Eva mit dem Frühstücksgeschirr klapperte, öffnete die Katze die Augen. Wie selbstverständlich sprang sie auf den Stuhl neben Eva und blickte sie erwartungsvoll an. Gegen ihren Willen musste Eva wieder lachen, so ein kleines Kätzchen und schon so zielstrebig. Sie stellte der Katze einen kleinen Teller mit Wurst auf den Boden und beobachtete amüsiert wie sie zu fressen begann. Nachdem die Katze satt war, sprang sie auf Eva`s  Schoß und schmiegte sich an sie. Zufrieden schnurrte sie, und Eva hatte Gelegenheit sich das Kätzchen genauer anzusehen. Dabei entdeckte sie zwei eitrige Wunden an den Pfoten.

Auch war die Kleine sehr mager. Eva beschloss, erstmal den Tierarzt der Insel zu besuchen und die Katze versorgen zu lassen. Mal sehen, vielleicht gehörte sie ja auch jemand, und der machte sich große Sorgen. Die Kleine wurde in einem kuschelig ausgelegten Einkaufskorb untergebracht, und dieser wurde sicher auf dem Beifahrersitz befestigt.

Eva musste in der Praxis noch etwas warten, und hatte Zeit sich umzusehen. Anstatt einer Vermisstenanzeige entdeckte sie viele Zettel, auf der zahllose Katzen und Hunde abzugeben waren. Endlich war sie an der Reihe, und eine nette Tierärztin kümmerte sich um die Katze. Eva kam mit ihr ins Gespräch, und erfuhr dass all die Tiere, wenn sie kein Zuhause finden würden, wohl eingeschläfert würden. Im besten Fall, wie die Ärztin meinte. Auf Eva`s Nachfrage meinte sie, es würden auch zahlreiche einfach erschlagen oder ausgesetzt.

Ein Tierheim oder eine Auffangs-Station gab es auf der Insel nicht. Den Einheimischen war es zuviel ihre Tiere kastrieren zu lassen, oder sie aufs Festland ins Tierheim zu bringen.

Eva verließ grübelnd und auch etwas schockiert die Praxis. Nachdem sie noch Nahrung, Zubehör und Medikamente für die Katze geholt hatte, führ sie nachdenklich nach Hause.

Sie hatte das Gefühl, handeln zu müssen.

Nachdem sie Hope, so hatte sie die Katze getauft, versorgt hatte nahm sie ein Heft und setzte sich an den Tisch. Rasch füllte sich eine Seite nach der anderen und Eva wurde erst aufgeschreckt, als Hope ihr um die Beine strich und sie lautstark ihr Recht auf Fressen kund tat. Dieser Bitte kam Eva natürlich nach, füllte den Napf und versorgte ihre Wunde. Als sie sich wieder über ihr Heft beugte, lag Hope auf ihrem Schoß und schnurrte zufrieden.

Es wurde eine lange Nacht für Eva und am nächsten Tag schaltete sie das erste Mal seit drei Wochen ihr Handy an. Ihre Mobilbox ignorierend, rief sie bei der netten Tierärztin an und dann folgte ein sehr langes Gespräch. Als sie auflegte, hatte Eva ihren Entschluss gefasst. Sie würde ihr altes Leben beenden und komplett neu anfangen.

Auf ihrer Mobilbox waren einige Nachrichten, aber keine von Gregor. Komisch, das war sonst nicht seine Art. Eva machte sich Sorgen, aber sie wollte diesmal nicht den ersten Schritt tun, das hatte sie sich fest vorgenommen. Er musste sein Leben wieder in den Griff bekommen, ansonsten …… Eva wollte nicht weiter denken.

Sie führte noch einige Telefonate und machte dann einen langen Spaziergang am Strand. An „ihrem“ Stein machte sie Halt und hielt die Füße ins Wasser.

Diesmal blickte sie hoffnungsvoll in den sternenklaren Himmel, und als eine Sternschnuppe am Himmel sehen zu war, schickte sie ihren Wunsch Richtung Himmel.

Mit einem Lächeln auf den Lippen machte sie sich auf den Heimweg.

Die nächsten Tage waren mit Arbeit und vielen Telefonaten gefüllt. Die Zeit verging wie im Fluge, am Haus wurde gearbeitet und Fortschritte waren schon zu sehen. Ein stabiler Zaun grenzte das Grundstück ab, im Garten hinter dem Haus entstanden geräumige Boxen. Ein Freilauf war auch schon abgetrennt und viele Freiwillige bemalten gerade die Wände mit frischen Farben. Eva war überrascht über die Hilfsbereitschaft der Nachbarn und Inselbewohner. Jeder wollte etwas beisteuern.

Nur selten dachte sie an Gregor. Aber wenn sie daran dachte, hatte sie fast ein schlechtes Gewissen. Schließlich hatte sie ihn verlassen, ihn einfach zurück gelassen mit all seinen Problemen. Wenn sie sein Bild ansah, spürte sie die Sehnsucht nach seiner Nähe. Sie wollte so gerne mal wieder seine Stimme hören, sich mit ihm unterhalten ihn einfach spüren. Je länger die Trennung dauerte, desto mehr spürte sie die Liebe zu ihm.

Aber Eva wollte ihm nicht nachlaufen, sie wollte dass er sein Leben in den Griff bekam, das er seine Selbstsicherheit wieder fand und seine Sachen ordnete.

Ab und zu telefonierte sie mit ihrer Freundin, da es eine gemeinsame Bekannte war erfuhr sie auch immer einige Details über sein Leben. Traurig stimmte sie nur, dass er niemals nach ihr fragte.

Doch in ihrem neuen Leben war nicht viel Platz für Traurigkeit. Ständig war etwas zu tun, die Auffang-Station kam ins Laufen. Der freundlichen Tierärztin hatte sie zu verdanken, dass sie ein Spendenkonto eröffnen konnte. Alles lief perfekt.

Abends ging Eva immer wieder zu ihrem Lieblingsplatz. Dann saß sie auf dem Stein und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Hope war meistens mit dabei, eigentlich war sie mehr Hund als Katze und folgte Eva auch Schritt und Tritt. Oft verbrachten Beide fast die ganze Nacht am Meer. Eva liebte die Abendstimmung am Meer, alles war ruhig und friedlich. Hier schöpfte sie auch die Kraft für die Anstrengung des nächsten Tages.

Der Tag begann für Eva meist schon vor Sonnenaufgang. Die Tiere wollten versorgt und die Ställe geputzt werden. Ab und an stand dann die Fahrt zur Tierärztin an, da die meisten Tiere krank waren wenn sie zu ihr kamen. Oft kam die Ärztin aber auch zu ihr, mit der Zeit hatte sich eine gute Freundschaft entwickelt. An manchen Abenden ging Laura, die Tierärztin, mit an den Strand. Dann nahmen sie oft eine Flasche Wein mit und sie unterhielten sich die ganze Nacht. So blieb nicht aus, dass Laura auch Stück für Stück über Evas vergangenes Leben Bescheid wusste. Sie merkte wie groß der Stellenwert von Gregor in Evas Leben doch war. Auch wenn diese sich das nicht eingestehen wollte.

Eva war nun schon fast ein Jahr auf der Insel. Die Station lief perfekt, fast alles wurde durch Spenden getragen. Den Rest verdiente sich Eva durch Büroarbeiten in der Tierarztpraxis dazu.

Nach wie vor hoffte sie auf ein Zeichen von Gregor, das aber leider nie kam. Durch die gemeinsame Freundin in Deutschland wusste sie, das es ihm besser ging. Er hatte wieder Arbeit gefunden und seine Schulden fast abbezahlt. Da sich vor Gericht herausstellte, dass die Kanzlei hintergangen worden war und von einem Angestellten illegale Dinge gedreht wurden, war der Schaden nicht so groß, wie am Anfang angenommen. Eva freute sich wahnsinnig für Gregor, doch das sie immer noch getrennt waren tat ihr weh. Langsam wurde ihr Verlangen nach einer Aussprache immer größer. Mittlerweile wusste sie, trotz allem was vorgefallen war, sie würde Gregor immer lieben.

Doch meist hatte sie keine Zeit für trübe Gedanken, denn es kamen immer mehr Tiere in ihre Station, es musste Land dazugekauft und neue Unterkünfte gebaut werden. Es kamen auch viele Besucher aus Deutschland, die ein Tier in ihre alte Heimat mitnahmen und ihm dort ein neues Zuhause gaben.

Eva wunderte sich die letzten Tage etwas darüber, das Laura fast keine Zeit mehr für sie hatte. Schon lange hatten sie keinen gemeinsamen Abend mehr am Meer verbracht. Auch diesen Abend erhielt sie eine Absage, mit der Ausrede sie hätte noch ein paar Tiere zu versorgen.

Als Eva abends am Meer saß, überlegte sie, ob sie die Freundin verletzt hätte. Doch sie konnte sich an keine Situation erinnern, wo dies der Fall hätte sein können.

Gedankenverloren beobachtete sie Hope, die wie immer mit den Muscheln spielte. Und wie immer kreisten ihre Gedanken schließlich um Gregor. Sie vermisste ihn, das war ihr klar. Eva fasste einen Entschluss, sie würde Laura fragen ob sie die Station für ein paar Tage alleine leiten könnte. Sie würde nach Deutschland fahren und das längst überflüssige Gespräch mit Gregor führen. Voll Vorfreude stand sie auf und rief nach Hope, die auch sofort übermütig angesprungen kam. Eva bückte sich um ihre Tasche aufzuheben und Hope auf den Arm zu nehmen. Doch ein Geräusch ließ sie aufhorchen. Hier war doch jemand. Das war absolut ungewohnt, denn hier war sie immer alleine gewesen. Im Mondenlicht drehte sie sich um und ihr stockte fast der Atem. Das konnte doch nicht sein, oder doch?

Eva ließ die Tasche fallen und blieb wie angewurzelt stehen. Das war doch Gregor, ihr Gregor. Doch, was tat er hier auf der Insel? Woher wusste er, wo sie war?

In Evas Kopf drehte sich alles.

Sie musste sich setzen, denn ihre Knie waren weich. Langsam kam die Gestalt näher und es war wirklich Gregor. Eva fehlten die Worte.

Gregor setzte sich schweigend neben sie und schaute sie nur an. Sie konnte ein Lächeln auf seinem Gesicht erkennen und es wurde ihr warm ums Herz. Wie von selbst lehnte sie sich an seine Schulter und genoss das Gefühl der Geborgenheit, als er seinen Arm um sie legte.

Gebannt lauschte sie seiner Stimme, als er zu erzählen begann. Wie hatte sie ihn doch vermisst.

Gregor erzählte, dass er einige Zeit gebraucht hatte um zu verstehen, warum sie gegangen war. Das er sich unheimlich geschämt und nicht den Mut hatte, sie anzurufen. Erst als ihre gemeinsame Freundin viel über ihr neues Leben berichtete, hatte er sich aufraffen können, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Und auf einmal war es ihm gar nicht mehr schwer gefallen, und das er sich vorgenommen hatte, wenn alles erledigt war, würde er sie aufsuchen. Und sie um eine neue Chance für ein gemeinsames Leben bitten.

Fragend sah er sie an. Evas Gesicht war von Tränenspuren gezeichnet, als sie ihn in die Augen blickte. Das war der Augenblick, den sie sich erträumt hatte das ganze letzte Jahr.

Doch, was war mit ihrer Station? Wie sollte die denn ohne sie laufen? Wer würde sich um die Tiere kümmern? Sollte sie das alles wirklich verlassen?

Eva wusste, dass sie das nicht konnte. Das hier war ihre neue Heimat, und hier wollte sie bleiben. Bei all den Freunden und bei ihren Tieren. In ihrem winzigem Haus, einfach bei allem, was ihr Halt gegeben hatte in der schwersten zeit ihres Lebens.

Doch wie würde Gregor das aufnehmen? Konnte sie ihm das einfach so sagen? Würde er nicht schwer verletzt sein?

Eva holte tief Luft, dann begann sie zu erzählen. Von ihrem Leben hier, von all der Arbeit und den Schwierigkeiten, von ihren neuen Freunden und natürlich von ihren Tieren. Das sie ihre Erfüllung hier auf dieser Insel gefunden hatte.

Gregor hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen. Als Eva schwieg, sah er ihr fest in die Augen. Er konnte ihre Unsicherheit erkennen. Dann erklärte er ihr, dass er beruflich nicht an Deutschland gebunden war. Er hatte sich im Internet selbständig gemacht und das er, wenn sie es wollte, seinen Beruf auch von hier aus ausführen könne. Ab und an würde er wohl für ein bis zwei Wochen mal nach Hause müssen, aber das ließe sich regeln. Er hätte sich da schon vor seiner Reise zu ihr seine Gedanken darüber gemacht. Da er ja wusste, was sie hier aufgebaut hatte, konnte er sich von vorne herein vorstellen, das sie nicht mehr zurück kommen wollte.

Eva war sprachlos, er hatte sein leben wirklich in den Griff bekommen. Gregor war wieder der Alte, der mit Elan und Eifer in seinem Beruf aufging.

Als er sie in die Arme zog und fest an sich drückte, warf Eva ein Blick in den Sternenhimmel. In diesem Moment fiel eine Sternschnuppe zur Erde.

Ein leichtes Lächeln zog über ihr Gesicht, als Gregor sie sanft küsste.

Es stimmte also doch, Sternschnuppen können Wünsche wahr machen.

 

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