Wussten Sie schon? (06.04.2006)
Enten oder Staaten?
(Foto: msue.msu.edu)
… wenn sich zwei Enten zusammentun, also ENTE + ENTE, dann entsteht gleich ein STAATENBÜNDNIS, falls sie die beiden Fugen-Es zwecks engerer Bindung zusammenfallen lassen:
„ENTENTE“
Ausweisen ̶ nach Bayern!
Der „Verbräucher“ Klingholz (Foto: Uta Rademacher,
RP)
In einem langen, sehr informativen
Interview in der „Rheinischen Post“ von heute (04.04.2006) legt der Leiter des
Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, Reiner Klingholz, überzeugend
dar, was die Ursachen der Gewalt an der Berliner Rütli-Schule und anderen
Schulen sind und wo Chancen für die Integration entgleister Migrantenkinder und
die Vorteile für Deutsche liegen, ausländische Mitschüler zu
haben.
So weit, so gut.
Das ausgezeichnete Interview endet jedoch ausgerechnet mit der falschen Konjunktivform „bräuchten“. Warum ich das schade finde, ist meinem Beitrag „Die Rache des Dialekts“ zu entnehmen.
Übersetzungskarussell (11.03.2006)
Dass die Übersetzung literarischer Werke, vor allem solcher der Lyrik, eine äußerst schwierige und nur selten überzeugend zu lösende Herausforderung darstellt, ist eine Binsenweisheit. Je höher die Barriere zwischen Ausgangs- und Zielsprache, umso schwerer ist die Aufgabe.
Sprachrhythmus, Lautsymbolik, Wortspiele und unterschiedliche kulturell bedingte Assoziationsfelder stehen zu genauer „Wörtlichkeit“ entgegen. Selten reicht die literarische Qualität der Übersetzung an die des Originals heran. Wo sie es dennoch tut, ist die Übersetzung meist eine ziemlich freie Nachgestaltung der Vorlage.
Wenn – zu allem Überfluss – noch eine leider recht häufige Unsitte hinzukommt, nämlich das Weglassen des Autorennamens, kann das zu höchst merkwürdigen Kuriositäten führen.
So führt D. Matthen-Gohdes (Hg.) in seinem Buch „Goethe ist gut“ (Weinheim, 1982) als Beispiel dazu an, was mit Goethes „Wandrers Nachtlied“ geschehen ist:
Original:
„Über allen Gipfeln
Ist Ruh’
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.“
1902 wurde das Gedicht ins Japanische übertragen und 1911 aus dem Japanischen ins Französische. Kurz darauf hat man es wieder ins Deutsche übertragen, in der Annahme, es handele sich um ein japanisches Gedicht. Eine Literaturzeitschrift druckte es unter dem Titel „Japanisches Nachtlied“ wie folgt ab:
„Stille ist im Pavillon aus Jade.
Krähen fliegen stumm
Zu beschneiten Kirschbäumen im Mondlicht.
Ich sitze
Und weine.“
;-)
„Augenthaler,… unsere Hoffnung ruht auf Sie.“, sagte ein großes Transparent beim Bundesligaspiel VFL Wolfsburg gegen Borussia Mönchengladbach am 05.02.2006. Der alte Deutschlehrer in mir zuckte sofort zusammen: Dicker Grammatikfehler!
Je nach Zusammenhang wird die Präposition „auf“ mit dem Dativ oder dem Akkusativ verbunden. Dabei ist entscheidend, auf welche Frage die Fügung antwortet. Nach „Wohin?“ steht der Akkusativ, nach „Wo?“ der Dativ. Also: „Wo ruht die Hoffnung?“ – Natürlich: „Auf Ihnen.“
Aber die Hoffnung hat ja schließlich auch eine Zielrichtung, einen nicht nur statischen, sondern auch einen dynamischen Aspekt: „Wohin richtet sich die Hoffnung?“ – „Auf Sie!“
Wenn man den dynamischen Aspekt ernst nimmt, könnte man vielleicht zur Unterstreichung dieser Tatsache der Ruhe ihre Zielrichtung zuordnen. Also: „Wohin ruht die Hoffnung?“ – „Auf Sie!“
Aufstallung (21.10.2005)
Im Zuge der Vorsichtsmaßnahmen gegen die drohende Vogelgrippe will ich mich schon freiwillig der „Aufhausungspflicht“ unterziehen, ehe sie per Verordnung vorgeschrieben wird. Die „Aufstallungsverordnung“ für Geflügel lässt das ja wohl erwarten. Angesichts der augenblicklichen jahreszeitbedingten Witterungsverhältnisse komme ich mir ziemlich mutig vor. *stolzgrins*
Allerdings bereitet mir die Umsetzung erhebliches Kopfzerbrechen.
Aus der „Aufcouchungsgewohnheit“ nach dem Mittagessen ist mir die Bedeutung der Vorsilbe „auf-“ vertraut. Da mein Haus ein Satteldach mit 30° Dachneigung aufweist und ich selber leider nicht schwindelfrei bin, habe ich ernsthafte Bedenken.
Das Dilemma: Selbst wenn die „Aufhausung“ gegen die Vogelgrippe wirken sollte (?), der drohende Absturz würde diesen Vorteil stark in Frage stellen. Je länger ich darüber nachdenke, um so größer wird für mich die Gefahr der „Aushautung“ oder „Aus-der-Haut-Fahrung.“
Leid tun mir nur die armen Geflügelzüchter. Wie die ihre Tierchen „auf“ den Stall bekommen – und dort auch halten – sollen, ist mir ein Rätsel. Und dabei drohen ihnen Strafen von bis zu 25.000 € bei Zuwiderhandlung.
Ach so. Das lese ich gerade von dem stark erhöhten Andrang bei den Geflügelschlachthöfen. Vielleicht ließe sich mit den geschlachteten Tieren sogar das Dach neu eindecken. Ja, so könnte es gehen, wenigstens, solange sich keiner der in letzter Zeit immer häufigeren Hurrikane zu uns verirrt...
Geständnis zum Verstehen (06.10.2005)
Obwohl auch sie hinein führt, gehört die Ouvertüre so wenig zu den Türen, wie die Tangente zu den Enten, selbst wenn die sich mal im Tang verheddern sollten. Und was kaut Schuk eigentlich? Oder wer?
Dass die Folge übermäßigen Alkoholgenusses für Nachwuchs bei Katzen verantwortlich sein soll, habe ich noch nie verstanden. Oder wie so sie sich in meine Muskeln verirrt, wenn ich mich körperlich angestrengt habe – und sogar ohne jeden Tropfen Alkohol!
Unsere Sprache steckt voller Rätsel. Das größte Rätsel – für mich: wie souverän meine kleine Nina (3) damit fertig wird.
Fertig?
- Das bin noch nicht einmal ich selber. Mit der Sprache. Sonst jedoch oft. Fix und.
Konterkarierer
Mit Verlaub, Bildung zeigt sich nicht zuletzt daran, wie man mit seinen Mitmenschen spricht. Vor allem in Presse, Radio und Fernsehen sollte man darauf achten, seine Sprache so zu wählen, dass sie auch vom Durchschnittsleser und –hörer verstanden werden kann.
Im heute-journal (ZDF) von heute (04.10.2005) redete der hessische Ministerpräsident Roland Koch davon, wer wen „konterkariere“, und anschließend ließ sich der Spitzenjournalist Peter Hahne darüber aus, Roland Koch habe die Äußerung seines bayrischen Amtskollegen Edmund Stoiber, an der großen Koalition führe kein Weg vorbei, „konterkariert.“
Sicher wären Wörter wie „hintertreiben“, „durchkreuzen“ oder „entgegenarbeiten“ für viele Hörer besser verständlich gewesen. Bei Politikern ist ja noch nachvollziehbar, dass sie nicht unbedingt verstanden werden wollen. Aber Journalisten sollten sich doch etwas mehr Mühe geben.
Herausforderin
Manche Zeitgenossen werden immer bequemer, vor allem sprachlich.
Inzwischen stutze ich schon nicht mehr, wenn ich das Wort „Herausforderin“ höre (wie zum Beispiel vorhin in den Nachrichten bei n-tv). Aber Frau Merkel will doch gar nicht „Kanzlin“ werden, sondern „Kanzlerin“!
Sollte ein Leser oder eine Lesin – Entschuldigung, ich meine natürlich: eine „Leserin“ – jetzt nur „Bahnhof“ verstehen, empfehle ich dringend, die Hilfe eines Logopäden oder Deutschlehrers in Anspruch zu nehmen, aber bitte keiner "Deutschlehrin"!
Missfits vsieäbschieden sich (25.09.2005)
Es ist schön msiekwürdig, äüf welche Einfälle mänche Menschen kömmen. Vör ällem, wenn es üm Äüseinändsiesetzüngen in dsie „Kämpf dsie Geschlechtsie“ geht.
Gestsien Äbend
zeigte die WDSie die Äbschiedsvörstellüng vön den Missfits. Däbei beeindrückte
mich vör ällem eine Nümmsie vön Stephänie Übsieäll, die eine Spräche für Fräüen
vörstellte, für die gsieäde mäl drei Regeln siefördsielich sind. Ihr Vörträg wär
ümwsiefend kömisch ünd einfäch meistsiehäft.
Schäde, däss jetzt
(vörsiest ?) Schlüss ist mit den Missfits.
Zur Abschlussvorstellung der Missfits am
24.09.2005.
Stephanie Überall brachte dabei eine Nummer
über eine und in einer Frauensprache mit nur drei Regeln:
1. Alle Substantive sind weiblich.
2. Jedes „er“ wird durch „sie“ ersetzt.
3. Statt „a, o, u“ kommen „ä, ö, ü“ zum
Einsatz
Das hat mich zu dem kleinen Kommentar
(natürlich in „Fräuenspräche“) motiviert.
Von der Schwampel-Muse
geküsst
(21.09.2005)
Dass auch
Politiker oft Sprachkünstler sind, ist eine Binsenweisheit. Ihre sprachliche
Kreativität jedoch läuft in aller Regel genau entgegengesetzt zur Kreativität
der Dichter. Analog zu diesem Befund könnte man sie auch als „Bläher“
bezeichnen, versuchen sie doch immer wieder, aus einem Furz einen Elefanten zu
machen. Manchmal sprießen aber auch bei ihnen bemerke(l)nswerte Blüten.
Als ich vorhin
Claudia Roth in einer Nachrichtensendung „mit dem Brustton der
Selbstverständlichkeit“ von der „Schwampel“ reden hörte und sah, schoss mir der
Gedanke durch den Kopf, der hier seinen Niederschlag findet.
Angesichts der
verfahrenen Lage nach dem Wahlergebnis ohne einen eindeutigen Sieger, muss nach
Koalitionsmöglichkeiten gesucht werden. Da den Parteien schon seit langem Farben
zugeordnet sind, war es seinerzeit möglich, für eine Koalition aus Rot, Grün und
Gelb den Namen „Ampelkoalition“ zu prägen, da auch die dem Bild zu Grunde
liegende Verkehrsampel genau diese Farben vereinigt. Der Begriff veranschaulicht
das Gemeinte an einem allgemein vertrauten Gegenstand.
Und nun gibt es
plötzlich die „Schwampel“, zweifellos eine originelle Bildung, aber genau so
unsinnig wie originell. Was ist das eigentlich?
Sprachlich handelt
es sich bei dem Begriff um eine Kontraktionsform (Zusammenziehung) aus „schwarze
Ampel“. Aber schwarze Ampeln gibt es gar nicht. Dass der Begriff ein Gebilde
meint, bei dem Rot durch Schwarz ersetzt ist, Grün und Gelb hingegen erhalten
bleiben, muss man einfach wissen. Eine solche „Ampel“ wäre im Straßenverkehr der
reinste Horror, denn warum sollten die Fahrer ausgerechnet dann anhalten, wenn
überhaupt kein Licht leuchtet? „Schwampel“ benutzt also allenfalls etwas
Sinnloses zur „Veranschaulichung“.
Vielleicht habe
sich die Politiker etwas Ähnliches überlegt, die statt „Schwampel“ lieber
„Jamaika-Koalition“ sagen. Das ist allein schon deswegen „politischer“, weil es
die zweisilbige „Schwampel“ oder das dreisilbige „Rot-Grün-Gelb“ durch den
achtsilbigen Begriff „Jamaika-Koalition“ ersetzt (Blähung!). Und in der anderen
Hinsicht, nämlich im Blick auf das notwendige Vorwissen, um den Begriff
verstehen zu können, ist er nicht weniger „politisch“ als die „Schwampel“. Denn
wer kennt schon alle Flaggen der Welt, selbst wenn er wissen sollte, dass sich
das Wort auf eine Flagge bezieht?
Wer allerdings die
Flagge Jamaikas vor Augen hat, der sieht sofort sehr anschaulich, dass Gelb
Schwarz und Grün durchkreuzt. Ob das auch mitgemeint ist?
Jedenfalls
erfüllen „Schwampel“ und „Jamaika-Koalition“ mustergültig die Grundregel der
politischen Sprache:
„Das Gedachte
verhüllen!“ Vielleicht sogar: „Verhüllen, ob überhaupt gedacht wird!“
Zwischenbilanz nach 2 Wochen
Kindergarten
(5. September 2005)
Nina geht gern in den Kindergarten. Das ist
sicher positiv. Aber leider zeigt sich inzwischen auch eine recht betrübliche
Auswirkung. Damit meine ich nicht die Ausweitung ihres Wortschatzes im Bereich
„Schimpfwörter“. Auch nicht ihre neuste Entscheidung:
„Ich nenne mich jetzt Laura.“
Das Traurige ist die Wirkung des
Kindergartens auf ihre Aussprache. War ihre Sprache bisher bestimmt von einer
nahezu perfekten Artikulation — vor allem auch der Flexionsendungen —, so
verfällt sie nun immer stärker in ein fast unverständliches Nuscheln.
„Schlechte (eigentlich: Böse) Beispiele
verderben gute Sitten“, heißt es in einem alten Sprichwort. Wie wahr!
Hoffentlich fällt der „alten Arschbacke“, wie ich neuerdings gelegentlich heiße,
noch beizeiten etwas Vernünftiges ein, womit sich die negative Entwicklung
zurückdrehen lässt. Der Volksweisheit zum Trotz!
Entwarnung
(5.
September 2005)
Nina hat zwar ein
ganzes Wochenende dafür gebraucht, aber sie hat sich umentschieden.
Als sie heute um
12:15 Uhr mit Oma aus dem Kindergarten kam, hat Opa sie mit „Laura“ begrüßt.
Aber davon wollte sie nichts mehr wissen. Noch erfreulicher jedoch war: Sie
hatte ihr Nuscheln aufgegeben und war zu ihrer gepflegten Aussprache
zurückgekehrt. Offenbar war ihr Experiment vorbei, die Nuschelei als
kommunikationshinderlich erkannt.
In einem Punkt
aber blieb sie unerbittlich: Als Oma sie vor die Wahl stellte, um 12 Uhr von ihr
oder um 2 Uhr von Mama (die wegen ihrer Arbeit nicht eher kann) abgeholt zu
werden, erklärte sie kategorisch:
„Ich möchte um 12
Uhr abgeholt werden, aber von Mama!“
Auf gar keinen
Fall aber wollte sie von Opa abgeholt werden; warum, das sagte sie nicht. Aber
sie sprach wenigstens wieder mit ihm und nannte ihn auch nicht mehr „alte
Arschbacke“...
Haltlosigkeit? – Für viele (junge) Menschen kein
Problem (23.08.2005)
Während meines
Studiums (1957 – 1962) gab es an der Universität zu Köln ein geflügeltes Wort:
„Kein Semester ohne Sester!“ Die meisten, die den Satz hörten, werden dabei an
die Kölsch-Marke gedacht haben. Aber für uns Anglisten war damit der
Oberstudienrat im Hochschuldienst Sester gemeint, der einen achtsemestrigen
Übersetzungskurs Deutsch-Englisch anbot.
In diesem Kurs,
der auch als Übung im Schnellschreiben hätte gelten können, — denn anderes kam
für uns Studenten kaum in Betracht — übersetzte der gute Sester in Windeseile
die vervielfältigten Listen deutscher Einzelsätze ins Englische. Und wir waren
voll damit beschäftigt, die uns gelieferten Übersetzungen zu notieren. Trotzdem
blieb uns noch Zeit zum Schmunzeln, nicht nur über die vielen Nebenbemerkungen
des „Übersetzers“, von denen der urwüchsige Kölner regelrecht übersprudelte und
die seinen köstlichen Humor bezeugten, sondern über eine sprachliche
Angewohnheit, die einige von uns ein paar mal dazu verführt hat, Strichlisten zu
führen. So kann ich mich heute noch dafür verbürgen, dass es Herrn Sester
mehrfach gelungen ist, innerhalb von 45 Minuten mehr als dreihundert mal „nicht
wahr“ zu sagen. Angesichts der Fülle seiner Gedanken und der Geschwindigkeit
seiner Äußerungen blieb sein Lieblingsfüllwort trotz dieser Häufigkeit nur eine
Marginalie (Nebenerscheinung). Vielleicht diente es ihm nur zum Zügeln der
Zunge, die noch ein wenig schneller war als sein Denken.
Schlichtere
Gemüter haben als Füllwörter, die ja überhaupt nichts aussagen, wohl immer
Silben wie das beliebte „eh“ gewählt, das sich manchmal über einen beachtlichen
Zeitraum erstreckt, um absolute Stille bzw. Denkpausen sanft zu verhüllen.
Seit einigen
Jahren fällt mir allerdings auf, dass zu diesem Zweck ein Import aus
Süddeutschland immer mehr an Bedeutung gewinnt, das Füllwort „halt“ halt. Man
mag diesem Wort ruhig eine Bedeutung zuschreiben, wie zum Beispiel „einfach“,
„eben“ oder „nun einmal“, Tatsache bleibt trotzdem: es bedeutet nichts, und es
besagt nichts, außer dass es signalisiert, der Sprecher nimmt eine kurze Auszeit
vom Denken. Vielleicht hätte ich besser „die Sprecherin“ gesagt, denn es sind
vor allem junge Mädchen und Frauen, bei denen mir diese Erscheinung aufgefallen
ist.
Aber dieses
Füllwort hat gegenüber dem tonlosen „eeeh“ ein bemerkenswertes Plus: Es ist ein
phonetisch ausgereiftes und klangvolles Nichts, halt etwas Schönes.
Unvorstellbare
Tätigkeiten
(14.08.2005)
Ich kenn zwar was vom „Heizen“,
doch fremd ist mir das „*Dreizen“.
Mit „*Firzen“ ist’s nicht anders.
Das Tun des Salamanders?
Mit U statt I wär’s leicht,
wenngleich auch ziemlich seicht.
Dass „ächzen“ die beim Rennen,
das wird man sicher kennen.
Jedoch mit A statt Ä,
das ist wohl – ich gesteh –
schon fast so schlimm wie „*Sexen“.
Man will mich wohl behexen...
Meine Gedanken wurden ausgelöst durch die
Aussprache der Zahlen von 13 bis 18 in der Moderation von Wolfgang Nadvornik
(ARD) bei der Übertragung des Frauenmarathons von der WM am 14.08.2005 aus
Helsinki.
Auch die Reporter bemühten sich nach Kräften:
Gerd Rubenbauer fand eine Kameraeinstellung „*lohnenswert“, weil sie einen
„*lohnenwerten“ Blick ermögliche. Und Ralf Scholt beschrieb im Detail, was der
schließlichen Siegerin Paula Radcliffe während des Rennens durch den Kopf ging.
Leider ergab sich aus Wolfgang Nadvorniks Interview mit Paula Radcliffe, dass
ihre Gedanken ganz andere gewesen waren.
Geilo
19.08.2005
Die SMS-Generation
hat eine regelrechte Kultur der Abkürzung entwickelt. Zwar mögen ältere Menschen
zuweilen recht hilflos vor deren Ergebnissen stehen, aber dieses Problem löst
sich mit dem unaufhaltsamen Verschwinden der Alten von selber.
Die Abkürzung hat
in Deutschland schon sehr lange zahlreiche Anhänger. Vor allem Fachsprachen sind
voll davon, hilft sie doch, Fachfremde außen vor zu halten. Mit dem Aufkommen
der SMS ergab sich eine Reihe weiterer Gründe, verstärkt auf Abkürzungen zu
setzen. Zunächst gab wohl die ursprüngliche Begrenztheit der SMS den Anstoß.
Schnelligkeit und Abgrenzung gegen Außenstehende haben sie sicher gefördert.
Inzwischen scheint
sich eine Art neuer Jugendsprache zu entwickeln, die diese Abkürzungen immer
stärker in die Alltagssprache integriert. So lässt sich auch im normalen
Gespräch und vor allem im Internet – da besonders beim Chatten – davon
profitieren, dass alles schneller geht und Outsider draußen bleiben.
Auch hier bei
keinVerlag ist das recht deutlich zu sehen. Da werden zum Beispiel aus
„Aphorismen“ „Aphos“. Warum auch nicht? Schließlich sind auch „Kinematographen“
zu „Kinos“ geworden. Weitere Beispiele erübrigen sich, da sie jeder
Interessierte zur Genüge selber finden kann.
Eine ganz andere
Seite der Jugendsprache zeigt sich, wenn sie alte Wörter aufgreift und ihnen
eine neue Bedeutung gibt. Das zeigt sich zum Beispiel an dem Adjektiv „geil“.
Aus dem althochdeutschen „geil“ (= lustig, lüstern) hatte sich bis zum
Neuhochdeutschen die Bedeutung aufgespalten in einerseits „sexuell lüstern“ und
andererseits „üppig, aber kraftlos wachsend“ (von Pflanzentrieben). Unsere
Jugend gebraucht das Wort als allgemeinen Ausdruck der Anerkennung. Schön!
Mittlerweile
taucht aber auch die Form „geilo“ auf. Eine Verstärkung? Das könnte schon sein.
Der italienischen Maskulin-Endung „-o“ dürfte man diese Funktion zutrauen.
*Abe we ma da Wo i
die Reie de obe agefüte Aküzuge ste, köte ma au au eie adere Ekläru kome. Wie i
diese Sa, i de ale Sibe mi de Voka ede, köte „geilo“ i vole Fo „geistlos“ sei.
(Ohne Abkürzungen:
Aber wenn man das Wort in die Reihe der oben angeführten Abkürzungen stellt,
könnte man auch auf eine andere Erklärung kommen. Wie in diesem Satz, in dem
alle Silben mit dem Vokal enden, könnte „geilo“ in voller Form „geistlos“
sein.)
Der Klarheit
halber sei ausdrücklich gesagt: Ich neige eher zu der ersten Erklärung
(Verstärkung durch –o). Allerdings liefe „geilo“ damit dem allgemeinen Trend zur
Abkürzung entgegen.
Der, die, das Shuttle ist zurück
Die Medien waren in den letzten Tagen voll
von Meldungen, Berichten, Reportagen, Hintergrundinformationen und anderen
Beiträgen über die „Discovery“, den oder das (?) „Shuttle“, dessen (Ha, hier ist
nur ein Wort nötig!) sichere Rückkehr zur Erde in Frage gestanden hat. Bis
heute.
Nun ist er oder es (?) glücklicherweise
wieder gelandet, zwar nicht in Cape Canaveral, sondern in Kalifornien, aber
immer noch besser, als verglüht zu sein.
Einig waren sich alle Berichterstatter und
Kommentatoren im kollektiven Aufatmen, aber leider nicht im grammatischen
Geschlecht des Wortes „Shuttle“.
Einige Radio/Fernsehsender und Zeitungen
bevorzugten das Maskulinum („der Shuttle“), andere das Neutrum („das Shuttle“).
Woran soll man sich auch halten, wenn ein englisches Wort so unvermittelt ins
Deutsche importiert wird?
Offenbar sind sich auch die Herausgeber
maßgeblicher Wörterbücher nicht einig. Die Dudenredaktion hat sich für „der
Shuttle“ entschieden, aber bedauerlicherweise hat der Duden durch die
Rechtschreibreform seine normative Funktion verloren. Im „Wahrig“ finden wir
„das Shuttle“, was eigentlich einleuchtender ist, da im Englischen Sachen eben
sächlich sind.
Aber die Duden-Leute haben sich bestimmt
etwas gedacht bei ihrer Entscheidung. Die deutsche Entsprechung zum vollen
Begriff „space shuttle“ ist „Raumtransporter“, und der ist im Deutschen ja
männlich. Aber „Raumschiff“ bleibt dann als Übersetzung ausgeschlossen, denn das
ist ja wieder sächlich.
Zudem: Dummerweise fehlt dem englischen
Ausdruck die Entsprechung zu „Transporter“, weil er eine Art Abkürzung ist.
Genau übersetzt wäre „space shuttle“ deutsch „Raumpendel“, womit – wie im
Englischen – im Grunde nur die Funktion ausgedrückt wird, nicht aber das „Ding
an sich“. So wenig man im Englischen von einem „*space shuttle vehicle“ spricht,
tut man das im Deutschen. Oder haben Sie schon einmal etwas von einem
„*Raumpendelfahrzeug“ gehört? Andererseits „fahren“ Ballonfahrer auch durch die
Luft, ein „*Raumpendelfahrzeug“ führe dann eben durch den luftleeren Raum.
Geht man nun davon aus, dass „shuttle“ ein
„Pendel“ ist („Weberschiffchen“ und einige andere Dinge, die sich hin und her
bewegen werden auch so genannt), dann hätte der Duden Unrecht, also 1 : 0 für
Wahrig. Trotzdem sollte man nicht zu voreilig sein, das Pendel ist zwar
sächlich, aber grammatisches Geschlecht ist im Deutschen eine Qualität, die sich
besonders raffiniert einer einleuchtenden Logik entzieht. Denn wieso sind zwei
der weiblichsten Wesen „Weib“ und „Mädchen“ bei uns sächlich?
Der Duden ist zweifellos mit seiner
Entscheidung für „der Shuttle“ viel deutscher als der Wahrig.
Also 1 : 1?
Ich schlage einen Kompromiss vor, der ganz
deutsch – und gleichzeitig ein Stück Ausgleich für alle Weiber und Mädchen –
wäre. Sagen wir doch einfach „die Shuttle“. Das würde sogar den englischen und
amerikanischen Seeleuten (und Raumfahrern?) gefallen – wenn sie denn Deutsch
könnten. Für die war ihr „ship“ schon immer „she“, also weiblich. Und zu „die
Discovery“ = „die Entdeckung“ passt es auch!
09. August 2005
InternetSprache
In seinem neuen Buch „Sprache in Zeiten ihrer
Unverbesserlichkeit“ hat Dieter E. Zimmer eine neue Abkürzung geprägt: PSA (=
privates spontanes Alltagsschriftdeutsch).
Zuerst habe ich mich darüber geärgert, weil ich es (als
Betroffener) nicht besonders glücklich fand, dass damit die mir längst geläufige
Abkürzung PSA (= prostataspezifisches Antigen) eine völlig andere Bedeutung
erhielt. Natürlich lässt sich das so nicht sagen, aber jetzt muss man stärker
auf den Zusammenhang achten, wenn einem die Abkürzung begegnet.
Zimmers Untersuchungsergebnisse aus einer umfangreichen
Beispielsammlung jedoch, die er sich aus dem Internet herunter geladen hat,
haben mich wieder besänftigt. Seine sehr ausführliche Analyse des gefundenen
Sprachmaterials führt zu einem Satz, in dem sich die gewonnene Erkenntnis
zuspitzt:
„Im PSA lösen sich
vielfach die Sätze auf, und das erschwert das Verständnis ungemein.“ (S. 64)
Wem es also darum geht, verstanden zu werden, der sollte
sich möglichst wenig von den Erscheinungen infizieren lassen, denen man im
Internet auf Schritt und Tritt begegnet. Dazu gehören neben einer verstärkt
feststellbaren Menge an Grammatik-, Rechtschreibungs- und Zeichensetzungsfehlern
auch die Dinge, die Zimmer als „schriftliches Grummeln“ bezeichnet, wie *froi*,
*löl*, *michwunder*, *einmalmitfreu*, *knuddel* usw.
Auch hier bei keinVerlag kann man solch „wunderbare“
modische Erscheinungen in Hülle und Fülle finden. Ich frage mich allerdings, ob
damit die Sprache nicht in einer Weise reduziert wird, dass sie eines Tages
nicht mehr als Kommunikationsmittel für komplexere Sachverhalte geeignet sein
könnte. Dass viele jüngere Menschen nicht mehr in der Lage sind, Texte zu
verstehen, ist seit den PISA-Ergebnissen ein offenes Geheimnis. Wie weit sie
noch in der Lage sind, verständlich zu schreiben (und zu reden), hat PISA nicht
untersucht.
Gerade ein Forum, das sich der Förderung von Literatur –
und damit auch Sprache – verpflichtet fühlt, sollte der Sprache die ihr nun
einmal notwendige Beachtung zukommen lassen.
Mein persönlicher PISA-Schock
Da kann ich nur aufatmen, dass ich mich nicht dem PISA-Test
zu unterziehen brauchte. Nachdem ich mich ein wenig mit der Materie vertraut
gemacht habe, weiß ich: Ich hätte kläglich versagt!
Immerhin ist mir jedoch auch wieder einmal klar geworden,
weshalb ich immer schon eine instinktive Abneigung gegen Multiple-Choice-Tests
hatte, so „korrigen“ sie auch sein mögen. Da werden Fragen gestellt, und für
Kreuzchen bei den richtigen Antworten gibt es Punkte. Je mehr Punkte man
erreicht, um so besser. Genormte Formulare lassen sich maschinell auswerten,
ohne dass dabei menschliche Arbeitskraft vergeudet wird. Eigentlich doch etwas
Gutes, gerade für einen Menschen, der während seines Berufslebens an Korrekturen
fast erstickt ist.
Schon vor Jahrzehnten jedoch überkamen mich hin und wieder
ernsthafte Zweifel angesichts der Fragen und der (im Schlüssel) als richtig
angegebenen Antworten bei Prüfbögen zum Führerscheinerwerb. Und jetzt bei
PISA?
Eine der Fragen, die die 15-jährigen Schüler zu lösen
hatten, war:
„Welche Aussage erklärt, warum es auf der Erde Tageslicht
und Dunkelheit gibt?“
Mögliche Antworten:
„A. Die Erde rotiert um ihre Achse.“
„B. Die Sonne rotiert um ihre Achse.“
„C. Die Erdachse ist geneigt.“
„D. Die Erde dreht sich um die Sonne.“
Die Autoren dieses Tests geben an:
„Die richtige Antwort ist A.“
Das hat mich doch ziemlich stark verblüfft, denn meiner
Meinung nach ist keine der Antworten
richtig. Ich hätte deshalb kein Kreuzchen gemacht, und deswegen wohl schlecht
abgeschnitten.
Eine richtige Antwort wäre zum Beispiel gewesen:
„Die Erde ist eine einseitig von der Sonne beschienene
Kugel.“
Die im Fragebogen angebotenen Antworten aber gehen samt und
sonders an der Fragestellung vorbei, denn dort ist nicht nach dem Wechsel zwischen Tageslicht und
Dunkelheit, sondern nur nach dem Grund für den Unterschied gefragt.
Offenbar haben die Autoren, schon fixiert auf die
„richtige“ Antwort, der Frageformulierung nicht mehr genügend Aufmerksamkeit
gewidmet und einen peinlichen Gedankensprung vollführt.
Bayern hat bei diesem Test am besten von allen deutschen
Ländern abgeschnitten. Ich enthalte mich ausdrücklich der Schlussfolgerung, dass
die bayerischen Schüler wohl am besten für diesen unlogischen Test geeignet
waren.
Den Autoren des deutschen PISA-Tests aber sei ernsthaft
geraten, zumindest einen Schnellkurs in Logik zu absolvieren, am besten gleich
noch einen in Deutsch dazu.
Fragt sich nur, bei wem?
Frank Plasberg spricht in Hart aber fair (WDR III, 19.01.03) mehrfach von „menschlichen *Schutzschildern“.
Eine Patientin der Schönheitschirurgie über die Operationskosten (WDR III, Anfang Februar 2003): „Schönheit hat *ebent halt seinen Preis.“
Porsche-Chef Wendelin Wiedeking in einem Interview vor seiner Inthronisation als Ritter wider den tierischen Ernst (Aachen, WDR III, Aktuelle Stunde, 14.02.03) auf die Frage nach Lampenfieber: „Jede Veranstaltung hat eben *seinen Reiz und *seine Spannung.“
O-Ton Guido Westerwelle in einem Interview über terroristische Pockengefahr (17.02.03): „Die mangelnde Informationsbereitschaft der Regierung *der deutschen Öffentlichkeit ist sehr gering.“
Ein Lebensmittelhändler über die Ursachen für die Rückkehr des Gerstenkaffees (NDR III, 17.02.03): „... weil der Bohnenkaffee gewisse Nebenprobleme mit sich *birgt.“
Christian Böhler (US-Korrespondent ntv, 17.02.03) über den nächsten Beschluss des UN-Sicherheitsrats: „... ein Beschluss, *der von allen zugestimmt werden muss.“
Hans-Gert Pöttering (CDU, Fraktionsvorsitzender der EVP im Europa-Parlament, 17.02.03) meint angesichts des breiter gewordenen Grabens zwischen Amerika und Europa sei es nötig, „diesen Graben *durch eine Brücke begangbar zu machen.“
Unsere Zeit der Jahrtausendwende ist auch eine Zeit des
sprachlichen Umbruchs. Die bodenständige Mundart, das alte Platt, weicht der
Umgangssprache, in unserem Fall der niederrheinischen, diese dem Hochdeutschen
und das wiederum wird immer stärker von englisch-amerikanischen oder
pseudoenglischen Brocken durchsetzt, verliert seine ursprünglich deutsche
Qualität und entwickelt sich zum sogenannten Neuanglodeutschen. Sinnfällig wird
das am Beispiel der inzwischen weitverbreiteten Dreipersonenfamilie, bestehend
etwa aus Vater, Mutter und heranwachsender Tochter, von denen sich jeder einer
anderen Sprachvariante bedient.
„Jo, wie Oma noch leävde“, sagt Vater, „die meek der
Schloot emer möt Ualisch un Ätzisch, Motter mäg-em ‚mit Ööl un Essisch oder
Zitroone’, un wän et Kenk ens ene Schloot mäk, mod-et ,Dressing’ han. Un wää hott bee os te-iesch e ,Handy’ ? Natüürlesch et Kenk. Et mossde joo och e ,CityBike’ han un e Paar ,InlineSkates’, ävver esch vaar noch emmer op mine alde
Drooteäsel. Mer mot nu waal saare, et es e joot Kenk. Wie Motter letzte Suemer
krank wuar, do had-et kueterhank sine Uurlaup je,cancelled’ un de ,FlightTickets’ trökbrait. Mar joot, dad-et dat ,AllinclusiveTravelinsurancePackage’ hott. Motter sait
zwaar: ‚Aber dat wäär doch nisch nöötisch jeweesen, Kint’, äver jevreut hat se
sesch eävevöl. ‚Wi’er haben in der Schule ja noch nisch Englisch jelernt’, säät
Motter emmer, ‚aber von deem Kint seinem Lernen haap isch selber auch viel
mitjekrischt, im Jeejensatz zu Faater.’ Ävver esch wel se mar kalle loote“, sagt
Vater, „et es al joot, dat se-t selever jlöve deet. Esch krie mesch dan
jewöhnlisch en Vläsch Beer uud-em Köhlschrank un dänk mesch et mint. Nää, möt
Englisch han-esch-et joo net äresch. Ävver trotzdäm bön-esch kene kleene Doof:
möt al die halevenglische Bedienungsanleitunge vam ,VideoRecorder’ un däm Kenk sie ,Handy’ bön-esch jeedenvals beäter teraitkomme wie die
Vrolüü.“
Auch die Lebensgewohnheiten der Familie haben sich im Lauf
der Jahre verändert. Der Einfluss der ,Fun’- und ,Lifestyle’branche hat mit vielen alten Gewohnheiten
aufgeräumt.
„Et Sonndes jont wer net mie so dök spazéere wi vröer“,
sagt Vater, „ävver vüerkomme deed-et waal noch die een of de angere Ki’er.
Vörije Sonndach sent wer wi’er-ens ongerwääs jewäs. De Sonn wuar am Schiene, un
alles wuar prima. Op eemool velt mesch op, dad-esch aléen draan am Trecke wuar.
Wie esch mesch ömki’ek, suach esch, dat die Vrollüü wiet hengerjebli’eve wuare.
Wi esch wi’ete wol, wat loss wuar, reeb-et Kenk: ‚Mama hat einen ,Accident’ gehabt.’ Te-iesch hodd-esch dat net verstange
un schroo, of jätt Schlemmes paséert wüer. ‚Füür misch schoon’, reep Moter,
‚isch hap in-ene Hundehaufen jetreten.’ Doo wos-esch Bescheet: Moter hott möt di
nöe Pöms en der Driet jetruane. Selever scholt. Et es doch emmer et seleve möt
die Vrollüü: Doo wöt der Kal jedonn un net rischtisch opjepaas. Ävver maag-ens
jät draan.“
Wenn die Tochter Besuch hat, schämt sie sich zuweilen ihrer
,Oldies’ ein wenig, vor allem ihres ,Daddys’. Zwar läuft auch er meist in ,Jeans’ und ,T-Shirt’ herum,
aber wie er spricht, das ist ja wirklich alles andere als ,cool’. Nur gut, dass er sich dann auch meistens sehr
bald zurückzieht, wohl weil er kaum mitbekommt, worüber sie sich mit ihren ,Mates’ unterhält. Er scheint doch noch nicht mal zu
merken, wer jeweils ihr ,FavoriteLover’ ist. Mutter
ist da doch schon etwas ,cleverer’. Aber bei den
anderen ,Kids’ zu Hause ist es auch nicht viel
anders.
„Et tut mir in der Seele Weh“, sagt Mutter, „wenn isch see,
wie Faater oft mit dem Kint sprischt, als op wier noch im vorijen Jahrhundert am
Leben wären. Isch bin doch auch nuur zwei Gaare jünger wie der, aber mit ein
wenisch guutem Willen kann man sisch auch in unserem Alter noch umstellen.“
Er wird
jedoch gewiss seine Gründe dafür haben, dass er dies offenbar nicht will –
vielleicht möchte er mit der Mundart seine Identität retten. Hoffen wir, dass es
ihm gelingt, wenn es auch die Mundart selber kaum wird retten können.
Womöglich ist nicht
wohl
möglich
Nicht nur das Urgestein
der Radrennreporter Herbert Watterott benutzt in fast jedem dritten Satz den
falschen Ausdruck wohl
möglich, wenn er eigentlich womöglich meint.
Das Adverb womöglich bedeutet wenn möglich, falls möglich,
wahrscheinlich noch, am Ende, vielleicht sogar, wie die folgenden
Beispiele zeigen:
Ich komme womöglich schon etwas eher.
Lass uns abhauen, sonst holt er uns womöglich wieder zurück.
Er ist durchgebrannt, und womöglich noch mit fremdem Geld.
Wenn der Reporter jedoch sagt: „Ullrich könnte *wohl möglich auf dem letzten Drittel der Etappe noch einbrechen.“, dann meint er offensichtlich: Ullrich könnte vielleicht sogar noch einbrechen oder möglicherweise einbrechen.
Die Formulierung wohl möglich passt aber überhaupt
nicht in den Zusammenhang, denn möglich ist nun einmal kein Adverb, sondern ein
Adjektiv. Eine sprachlich korrekte Formulierung mit wohl möglich wäre zum Beispiel: Es ist wohl möglich, dass U. auf dem letzten
Drittel der Etappe noch einbricht. Oder auch: Ein Einbruch Ullrichs auf ... ist
wohl möglich. Zu fragen wäre aber
unter stilistischem Aspekt, welche Verbesserung der Aussage erreicht wird, wenn
man das Adjektiv möglich mit dem Modaladverb wohl modifiziert.
Ist dann wirklich von
einer möglicheren Möglichkeit die Rede?
Lohnenswertes lohnt nicht!
Ein häufiger Fehler – auch bei Gebildeten – ist der falsche Gebrauch von *lohnenswert, wenn lohnend gemeint ist. Dabei ist die Bildung der Adjektive auf –wert eine lebendige und höchst fruchtbare Form der Adjektivbildung in der deutschen Sprache der Gegenwart. Die Sinnstruktur der so gebildeten Adjektive beruht auf der Bildungsformel
d.h. ein x-enswerter Gegenstand ist wert, dass er ge-x-t
wird, also ein liebenswerter Mensch ist wert, dass er geliebt wird, aber
das Adjektiv besagt nicht, dass er selber liebt. Nähere Einzelheiten dazu
liefert die hier zu öffnende pdf-Datei: Wertvorstellungen.
Neben diesen zahllosen Adjektiven der besagten Art
gibt es noch einige Adjektive auf
-wert,
die anders gebildet sind, nämlich als Komposita aus einem Substantiv und dem Adjektiv
wert, offensichtlich entstanden
aus der Zusammenziehung häufig gebrauchter
Redewendungen.
Die Entstehung und Struktur dieser Adjektive folgt auf Seite 7 der pdf-Datei, im Anschluss an die Beispiele.
Inzwischen bereitet es mir kaum noch Schwierigkeiten,
„ZwischenTöne“ eben so zu tippen, und selbst bei handschriftlichen Notizen
geht’s immer besser, kommt mir doch da zu Gute, dass im Laufe der JahrZehnte des
Schreibens die handschriftlichen A, B, C, D usw. den simpleren und ursprünglicheren
AntiquaFormen A, B, C, D usw. gewichen
sind.
Auf meine alten Tage noch geradezu avantgardistisch
geworden zu sein erfüllt mich mit – nein, nicht mit Stolz, sagen wir lieber –
mit einer gewissen Genugtuung, ist es doch der Beweis für meine immer noch nicht
völlig verschwundene LernFähigkeit. Zugegeben, als ein solcher Beweis bleibt die
eifrig von mir aufgegriffene Neuerung eigentlich recht singulär und marginal,
aber man freut sich ja schon über Kleinigkeiten, vor allem, wenn sie wenigstens
mit Großem zu tun haben.
Es ist schon ein (apolitisch!) rechter GlücksFall, dass die
neue RechtSchreibung entgegen den Erwartungen vieler ZeitGenossen die deutschen
GroßBuchstaben nicht ausgemerzt hat. Und mit diebischer Freude darf ich
feststellen: Wenn ich so schreibe, mache ich es nur wie Wilhelm Friedrich
Waiblinger, ein JugendFreund Hölderlins und selber ein klassischer schwäbischer
Poet (21.11.1804 – 17.1.1830), dessen Werke zum Glück vergessen sind, so dass
niemand heutzutage merken kann, wie altmodisch ich in Wirklichkeit schreibe.
Tatsächlich finden sich in Waiblingers Schriften zahllose Beispiele, wie HerrGott, FlammenSchrift, MorgenZeitung, OberfinanzRath,
AbendSonne usw., und dabei war er ein leidenschaftlicher junger Hitzkopf,
der schon mit 25 Jahren in Rom starb, wohin ihn eine von dem Verleger Cotta
finanzierte ItalienReise geführt hatte.
Aber die Erfinder von HiFi,
InterCity, ServiceCenter, WirtschaftsWoche, TeleBanking, ProfiPartner,
HarryPotterWahn und der übrigen Flut solcher Bildungen dürften von
Waiblingers Marotte kaum gewusst haben, als sie etwas aufgriffen, was sich ganz
woanders entwickelt hatte: in der ComputerSprache nämlich. Frühe
BetriebsSysteme, wie MS-DOS, duldeten bei Befehlen und DateiNamen keine
LeerZeichen, weil unter allen Umständen an SpeicherKapazität gespart werden
musste. Da nun der PersonalComputer Majuskeln und Minuskeln den gleichen Wert
beimisst und AngloAmerikaner zudem kaum an lange EinwortZusammensetzungen
gewöhnt sind, kamen findige Köpfe auf die Idee, solche irren WortUngetüme, wie
passwordsecurityoption, fullscreenmanagementauxiliaryprocessor, digitaldataprocessingsystem,
commonbusinessorientedlanguage, pushbuttondiallinggenerator, formscontrolbuffermodule,
batchpartitionactivity oder generalwarningindicator, durch Einfügen von
GroßBuchstaben lesbarer zu strukturieren: PassWordSecurityOption,
FullScreenManagementAuxiliaryProcessor, DigitalDataProcessingSystem,
CommonBusinessOrientedLanguage, PushButtonDiallingGenerator, FormsControlBufferModule, BatchPartitionActivity, GeneralWarningIndicator.
Wie schön! Die ZwischenTöne mit all ihren ÜberSchriften
sind also ganz progressiv, und damit bin ich es natürlich auch. Wen stört es da
schon, wenn ich mich insgeheim als NeoKlassiker fühle und mir ob des späten
internationalen Triumphs der deutschen GroßSchreibung eins ins Fäustchen
lache.
[1] Der Sachverhalt wird ausführlich behandelt (als vierte von „10 Regeln für das Deutsch von morgen“, abgeleitet aus dem Studium ins Deutsche übersetzter ComputerHandbücher) in Dieter E. Zimmer: Deutsch und anders – die Sprache im Modernisierungsfieber, rororo SACHBUCH 60525
Sprechen über Sprache (Buchrezension)
Seit wenigen Wochen ist ein neues Buch von Dieter E. Zimmer
(Jahrgang 1934) auf dem Markt, dessen Lektüre allen an Sprache Interessierten
nur ganz dringend empfohlen werden kann: „Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit“.
Der Nestor der (in gutem Sinne) feuilletonistischen Sprach-
und Literaturkritik, Übersetzer, Herausgeber, Buchautor und ehemalige
ZEIT-Redakteur hat damit nach seinen gleichfalls höchst lesenswerten bisherigen
Beiträgen zum Thema („So kommt der Mensch zur Sprache“, „Deutsch und anders“,
„Die Bibliothek der Zukunft“ u. a.) einen weiteren Markstein
feuilletonistischer, zugleich aber sprachwissenschaftlich fundierter
Sprachbetrachtung vorgelegt, der gerade für Autoren zur Pflichtlektüre werden
sollte, weil er eine Fülle von Einsichten vermittelt, die letztlich nur positive
Auswirkungen für das eigene Schreiben haben können.
Dabei ist Zimmers eigene Sprachkompetenz alles andere als
trocken, trotz der Nüchternheit, mit der er die Liste seiner Themen
abarbeitet:
„MEINUNGSVERSCHIEDENHEITEN
Sprachkritik und Sprachwissenschaft – Ein folgenreicher
Dissens
„Die Intelligens [sic] stirbt aus“
Sehr beschränkt, der Code
McDeutsch
Die Fehde um die rechtere Schreibung
Chronik der Rechtschreibregelung
DENKEN & SPRECHEN
Das zutreffende Wort
Gesucht: die universale Sprache des Geistes
Die Farbe „Blün“
Was steckt in einem Wort?
Ein angeborener Sprachcomputer?“
Abgerundet wird die hervorragende Darstellung mit
wissenschaftlich fundierten Anmerkungen und umfangreichen und sinnvollen
Literaturhinweisen.
Friedhelm Schmitz (17.07.2005)
Bibliographische Angaben:
Dieter E. Zimmer: Sprache in Zeiten ihrer
Unverbesserlichkeit. 368 Seiten. Leineneinband. Hoffmann und Campe Verlag,
Hamburg. ISBN 3-455-09495-3.
€ 23,00
Äste vom Sprachbaum
Das selten gebrauchte Wort „Geste“
wird richtig gesprochen wie „Gäste“.
Und wer sich beeilte, der „peste“,
— als Verbform von „pesen“ — verstehste?
Was ich jedoch mache, ich „peste“,
von „pesten“, verehrteste Gäste.
Doch wenn du mal gehn tust, dann gehste,
und an einer Kurbel, da drehste.
Wenn die aber quietscht, ist das Beste,
du schaust, ob vom Schmieröl noch Reste
im Hause, denn lautlos, das weeßte,
ist gut, um so stressärmer drehste.
Und vor mir, in modischer Weste,
spricht Nina von jemand, „der *fresste“.
Sie meint wohl das Aas, das verweste,
um das Meister Isegrim peste.
Erholung im Zoo ist das Beste
Für Arbeits- und Alltagsgestresste.
Doch wie man auch Nina anfleht,
auf „*fresste“ sie einfach besteht.
Es feiert der Mensch seine Feste.
Im Sturm verlier’n Bäume mal Äste.
Ihr Leser, vergesst, was hier steht.
Ich hab’ nur mal „Kurbel gedreht“. 6. Juli
2005
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