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Comyn 

Die Entwicklung einer telepathischen Gesellschaft

- Versuch einer sozialwissenschaftlichen Analyse -

Es hat mich schon lange gereizt, anhand einiger Beispiele aufzuzeigen, mit welchen Mitteln MZB ihre Themen entwickelt und wie sie sich mit dem Problem der vollfunktionierenden PSI sowie der daraus resultierenden Charaktere befaßt hat. Als Basis habe ich einen Aufsatz von Walter Breen in seinem "Gemini Problem" benutzt, so daß einigen von euch sicher schon bekannte Aussagen hier begegnen werden.

Auf Darkover sind telepathische Fähigkeiten erblich. Ererbt von legendären Chieri-Vorfahren und von den eher rudimentären PSI-Fähigkeiten aus antiken keltischen Volkssagen (siehe "Landung auf Darkover").

Aber (fragt MZB in "Die Erben von Hammerfell"): Wie reagiert der einzelne individuell auf die mögliche Entwicklung von PSI – oder auf ihr aktuelles Erscheinen? Wie beeinflußt Telepathie soziale Interaktionen, emotionelle Bedürfnisse, das sexuelle Bewußtsein? Kommt dieses Auftauchen stufenweise fortschreitend oder zeigt sich Laran in einem plötzlichen Ausbruch (z.B. in der Pubertät), das eine jugendliche Krise verursacht, wie sie außerhalb telepathischer Familien unbekannt ist? Wie die Charaktere von Jeff Kerwin und Regis Hastur zeigen, muß Laran nicht unbedingt in der Pubertät auftauchen.

Aus diesem Prozeß des Hinterfragens eines Charakters und des Sichtbarmachens in Einzelheiten der inneren Abläufe des Einzelnen wächst der Plan zu einer Handlung. Dies ist das extreme Gegenteil des üblichen Kunstgriffs, erst die Handlung und den Hintergrund zu entwickeln, und dann die Charaktere hinzuzufügen, um diese dann wie Marionetten herumzappeln zu lassen, so wie die Handlung es gerade verlangt. MZB entwickelt die Charaktere zuerst, eingelagert in ihre Umgebung, und beobachtet diese dann, wie sie sich entwickeln, so daß die Handlung sich durch die Charaktere fortbewegt. Zweifellos wandten diese Methode auch andere, bedeutendere Schriftsteller an, doch bei keinem wird es so unmittelbar deutlich wie bei MZB.

Um ein Beispiel zu nennen:

Jason / Jay Allison, für den die Fragen wie folgt gelautet haben könnten:

Vorausgesetzt, er bekam medizinisch (hypnotisch) eine gespaltene Persönlichkeit – aus welchem Grund auch immer –, eine, deren gespaltene Hälften keinerlei gemeinsame Erinnerungen besitzen: wie wird er in Notlagen reagieren? Warum / wofür wird diese Prozedur gebraucht?

Der Rest ist einfach nachzuvollziehen; nichtsdestotrotz vereinfacht diese Form des Fragens bzw. die Verdeutlichung des Charakters nicht gerade die ungeheure Komplexität des Inhaltes von "Retter des Planeten".

Für den Beginn des Prozesses des Aufbauens und Abstimmens eines Charakters benötigt man eine intime Kenntnis gespaltener Persönlichkeiten sowie intensives Wissen, wie das funktioniert (MZB graduierte in Psychologie). Wir bekommen die Gelegenheit, Jason quasi von innen heraus kennenzulernen, und Jay dagegen ist äußerst verschlossen. MZB`s Entschluß, von Jay in dritter Person zu schreiben und von Jason in erster Person, ist für uns als Leser nur von Vorteil: sie hätte von beiden in erster Person erzählen können, aber nur unter dem Risiko des gelegentlichen und unnötigen Verwirrens einiger Leser. Aus dem gleichen Grund wurde eine einfache Technik für die abwechselnden Erzählungen von Lew und Regis in "Hasturs Erbe" angewandt.

Zurück zu PSI:

Seitdem einige hervorragende Medien wie Eileen Garrett und Edgar Cayce (beides keine vollfunktionierenden Telepathen, Doc Anderson und Croiset kommen dem schon näher) zu einiger Berühmtheit gelangt sind, möchte offensichtlich jeder Autor solche ethnischen Abstammungen als gegeben voraussetzen und die Details dazu erdichten, gerade wie es ihnen gefällt. MZB's Kriterium ist grundlegend biologisch, evolutionär, funktional oder Anpassung – ultimativ ein- und dasselbe. Sie sieht funktionale PSI in der keltischen (oder spanischen) Abkunft über die Jahrhunderte hinweg. Jemandes alte Großmutter in den Highlands besaß den Ruf, das zweite Gesicht zu besitzen, Sensitive und Medien wie Heiler waren die weiblichen Nachkommen oder wie in Legenden die siebenten Söhne von siebenten Söhnen von ihr. Es ist bekannt, daß weise Frauen (Praktizierende der Alten Religion) ihre religiöse Praktik und ihr Training auf ihre eigenen Nachkommen beschränkten. Logischer Hintergrund dafür war die Vererbung der benötigten Fähigkeiten. All diese Puzzleteile aus Volkssagen und halbfunktionierender ESP, angeboren in isolierter Abkunft und bewahrt durch genetische Neigung in einigen Ländern. Obwohl gerade in den christlichen Ländern durch die Progrome der Heiligen Inquisition, die den offiziellen Segen durch die Hexenbulle von 1484 (Malleus Maleficarum) erhielt, auch wenn das Ganze damit nicht den Anfang nahm, solche Kräfte rigoros ausgerottet wurden.

Falls PSI den Unterschied zwischen dem Finden und dem Nichtfinden der Fährte durch den Jäger bedeutet, zwischen dem Erspüren eines herannahenden hungrigen Bären oder des Fehlschlags, dann muß diese Fähigkeit in der Stein- und Bronzezeit das Überleben bedeutet haben.

Bis "Landung auf Darkover" erschien, erfuhren wir nichts über die ursprüngliche Kolonie, die zum größten Teil aus "keltischen" Leuten besteht, etliche von ihnen besaßen PSI-Gaben. Einige der späteren individuellen Paarungen (in verändertem Bewußtsein) mit Angehörigen der Chieris, bilden die Grundlage für die spätere darkovanische Rasse. Diese Chieris waren verzweifelt, wollten ihre Rasse erhalten, erkannten neben der potentiellen Befruchtung auch die Kommunikation mit dem Geist / Gehirn, die sie als essentielle Voraussetzung für jede Liebesbeziehung brauchten.

Hier ist das stimulierende Erwachen latenter PSI der psychedelische Harz der Pollen der Kiereseth-Blüte (der "Geisterwind"). Später wird aus diesem Harzen Kirian, ein destillierter Extrakt hergestellt. Er wird z.B. während der Krisen der Schwellenkrankheit in der Pubertät verwendet, um das Erwachen des Laran zu überstehen ("Die Blutige Sonne", "Hasturs Erbe", "Die Kräfte der Comyn").

Die Comyn-Familien entstanden aus der ursprünglichen und vielen weiteren Kreuzungen mit den Chieris, viele tausend Jahre der Isolation und Inzucht verbunden mit einem sehr harten Klima.

Vor allem in "Die Blutige Sonne", "Hasturs Erbe", "Der Verbotene Turm" und "Herrin der Stürme" lernen wir die darkovanische telepathische Gesellschaft von innen kennen. Der vermeintliche Terraner Jeff Kerwin jr. stellt sich am Ende als Comyn heraus. Aber dies ist nur eine Sichtweise. Der andere Aspekt ist die Turmarbeit als Repräsentation der Familien, die in sich all die Variationen von Laran in sich tragen, die gebraucht werden. Geist zu Geist, und Geist über die Materie, diese Arbeit war während der Jahrhunderte grundlegend für die Technologie sowie für Problemlösungen, die anders unlösbar gewesen wären. Es bedeutete aber auch langfristige Resultate mit Hilfe der Matrix-Kristalle zu liefern. All das benötigt ein spezielles Training, langanhaltender Kontakt mit anderen trainierten Gehirnen und geschützt vor "Statik" (umherirrende mentale Energie von untrainierten Gehirnen).

Überlieferte Volkssagen aus den vergangenen Jahrhunderten umgeben die Turmkreise, beinhalten einiges an überholtem Aberglauben, dessen Zerstörung einige Leben kostete. Einige der Überlieferungen beruhen offensichtlich auf geteilter Erfahrung. Das Öffnen eines jungen Telepathen bis zur vollen Benutzung seines ganzen Larans repräsentiert eine Hauptlebenskrise, die normalerweise in der Pubertät (Schwellenkrankheit) auftritt, wenn es aber so abrupt geschieht wie bei Jeff wird es zu einer wichtigen Prüfung, und wenn ungelöste sexuelle Probleme gegenwärtig sind, werden die geteilten Emotionen so überragend, das diese den Kreis mit zerstören. All dies wird in dem Roman "Die Blutige Sonne" in gnadenloser Schärfe gezeigt. In "Die Kräfte der Comyn" erfährt Larry Montray während seiner Gefangenschaft bei Cyrillion ähnliches, auch wenn hier nur einige flüchtige Einzelheiten erzählt werden. Ähnlich sehen wir Lew Altons emotionelle Probleme, die ohne sein Laran nicht in dieser Form existieren würden, in "Hasturs Erbe"; gegenübergestellt der sehr unterschiedlichen aber zugleich akuten Krise, die sich in Regis Hastur entwickelt – eingebettet in traumatische Erlebnissen aus einer Jugend. In "Der Verbotene Turm" und "Herrin der Stürme" erleben wir, wie einige Formen von Laran sehr belastend sein können, oder zumindest zur Heilung und öffentlicher Sicherheit beitragen können. All dies zeigt, warum sich einige außerordentliche Kontrollfunktionen entwickelt haben.

Aber die wahrscheinlich überraschendste Entwicklung dieses Themas ist der Inhalt der späteren Bücher, in denen MZB Implikationen von Gefühlen und sexuellen Bräuchen der Telepathen entwickelt, die unvergleichliche Konsequenzen für den Lebensstil bedeuten. In einem Turm – und jeder telepathischen Familie – gibt es definitiv keine Privatsphäre, jeder ist empfänglich für die emotionelle Fluktuation der Anderen. Kleidung und Nacktheit sind irrelevant. Eine strikte Übereinkunft der Nichteinmischung ist daher überlebenswichtig. Allgemeines Berühren ist verboten, dagegen sind behutsame Gesten erlaubt. Die Kontrolle negativer Gefühle ist überlebenswichtig, denn Wunsch und Wille gleichen der Tat. Sexuelle Interessen (inzestuös, hetero- oder homosexuell) können vor der ganzen Gruppe (Kreis oder Familie) abgebrochen, aber nicht verheimlicht werden. Daher können europäische oder amerikanisch Tabus in einer solchen Gesellschaft nicht funktionieren. Politische Verpflichtungen müssen sorgfältig vom persönlichen Leben getrennt werden. Es ist so, als ob jeder ungefähr fünf Häute weniger hätte als man selbst. Inzucht ist gebräuchlich, besonders durch den Wunsch der Übertragung rezessiver Laran-Gene. Außerdem besteht eine psychologische Barriere zwischen Telepathen und Kopfblinden. Letzteres wäre vergleichbar mit einem selbst und einem blinden Taubstummen: vorwiegend absoluter kommunikativer Mißerfolg. Sexualität benötigt eine andere Perspektive: es ist eine von vielen Kommunikationsformen, nicht vergleichbar mit unserer Gesellschaft, in der es vorwiegend ein Grund für Eroberung oder eine Belohnung darstellt.

Ein ergänzendes Thema taucht hier auf:

Laran ist nicht nur zum stabilen Erhalten der Gesellschaft (aus Furcht, daß Comyn-Gehirne und –Gaben sowie –Leben wie während der Zeit des Chaos ausgelöscht wurden (als vernichtende Technologie jedes Überleben bedrohte) wichtig, sondern auch bzw. gerade zum Lösen aller entstehenden Probleme, die für terranische Menschen nicht existieren. Kein Gewinn ohne Kosten, kein Sieg über Grenzen ohne Schaffen neuer Grenzen, der Kampf mit der Umgebung geht weiter. Obwohl Telepathen fähig sein müssen, Energie weit über einen terranischen Erfahrungshorizont hinaus zu transformieren, oder Ekstasen zu teilen, wie es sich nur wenige Terraner vorstellen können (siehe "Die Weltenzerstörer"), gibt es Nachteile, die für eine terranische Gesellschaft nicht existent sind. Dies ist die Antithese des Superhero, dessen Superkräfte keine Grenzen kennen, der jeden Feind zerstören kann.

Möglicherweise wird der durchschnittliche SF- oder Fantasy-Leser, der nicht in darkovanischen Konzepten bewandert ist, ein sofortiges unumwundenes JA auf die Frage "Würde es Dir gefallen, ein voll ausgebildeter Telepath zu sein?" antworten. Sicherlich beabsichtigen Besucher von esoterischen Kursen oft, ihr Wahrnehmungsvermögen zu erweitern, latente PSI-Kräfte zu entwickeln, usw. Das beweist u.a., wie verbreitet dieses JA außerhalb des Fandomes ist. Da ist es auch, was Veranstalter solcher Kurse erwarten: sie bieten Überlegenheit über menschliche Grenzen und potentielle Vorteile in jedermanns Leben: nie wieder getäuscht zu werden oder auf Gefahren unvorbereitet zu treffen; unmittelbar den Zustand des besten Freundes oder Geliebten zu erkennen; nie wieder isoliert zu sein; möglicherweise die Vergangenheit und die Zukunft zu erkennen; die Wahrheit, für die religiöse und politische Verblendung und Täuschung kein Ersatz sind.

Aber MZB betont auch, daß weder ein uneingeschränktes JA oder NEIN voreilig sein sollte: komplette funktionierende PSI würde am ehesten gemischter Segen sein. Diese Frage wendet sich plötzlich in eine sehr differenzierte und mehr persönliche:

   "Würdet Ihr gern in einer Welt leben, in der jeder zufällige unausgesprochene oder jedes umherschweifendes Gefühl nicht nur vom Rest der Familie aufgefangen würde, sondern auch eine Reaktion hervorruft, die so intensiv sein wird wie zornige Worte im Schlafzimmer einer Non-Esper-Familie?"

   "Würdet Ihr gern mit der Realität leben, daß gerade die Ideen und Gefühle, die Ihr Euch kaum selbst eingesteht bzw. bewußt macht, automatisch von allen anderen geteilt werden kann, so als wären sie gerade auf der Titelseite der Times gedruckt worden?"

Aber das ist noch nicht alles:

Jeder andere in Deiner Familie weiß nicht nur sofort, was Du Dir gerade vorstellst (ganz abgesehen von Alter und Geschlecht), sondern auch wie, wo, wann und warum sic die Affäre entwickelt. Dein Schlafzimmer ist so öffentlich wie der Flughafen. Egal, wie stark Du Dich fühlst, Du kannst um so leichter verletzt werden als sogenannte Hysteriker, und das ohne ein gesprochenes Wort oder eine erhobene Hand. Weniger noch, jedermann um Dich herum ist genauso verwundbar, gleichgültig wie vorsichtig du sein würdest; und sie wissen genauso, wie ihre eigene Qual Dich verletzt, auch in einer entfernten Stadt. Offensichtlich können Leute nicht so bloßgestellt leben, daher sind sie gezwungen Barrieren aufzustellen und einen gänzlich anderen Lebensstil zu leben.

Es gibt sicherlich viele unter Euch, für die diese und ähnliche Probleme des telepathischen Lebens alle theoretischen Vorteile überwiegen; und viele andere, für die dies keine Grenze darstellt. Für einige sind diese Probleme Teil ihres Lebens. Überlegt es euch, und ihr werdet euch darüber klar werden, daß diesen vielen Science Fiction und Fantasy-Geschichten über Telepathen, untersuchende Tatsachen beinhalten, die nirgendwo anders behandelt werden können.

Überarbeitete Fassung 2005, Erstveröffentlichung in "Relays 13 / 14"

Quellen:

   Die Darkover-Bücher

   Walter Breen "The Gemini-Problem"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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