Freunde von Darkover online

                                      

 

                  

 

 

 

 

               Die Schöpferin von Darkover :

 

 

Marion Zimmer Bradley

1930 - 1999

 

Es wird gesagt, daß die erste Erinnerung von lebenswichtiger Bedeutung für das Leben der Psyche sei. Falls das zuträfe, hätte mein Leben übermächtig zerschmetternd dumpf verlaufen müssen, da ich meine frühesten Erinnerungen wieder und wieder auf eine signifikante Erfahrung durchsuchte, aber keine finden konnte. Es gibt einen einfachen Blitz aus der Dunkelheit: ein Sommertag, ich kann nicht älter als fünfzehn Monate alt gewesen sein. Ich gehe die Diele unseres alten Farmhauses mit meiner Mutter und meinem Großvater entlang, sie tragen eine Krippe. Ich weiß, wie alt ich gewesen sein muß, weil mein jüngerer Bruder, Bewohner dieser Krippe, dafür zu groß wurde, als er vier Monate alt war und ich war dreizehn Monate älter als er. Möglicherweise ist die Anwesenheit meines Bruders signifikant, wir wa­ren während unserer Kindheit die erbittertsten Rivalen, aber ich erinnere mich trotz allem nicht an ihn, nur an Mutter und Großvater. Wie Alice sagte, falls irgend jemand einen Sinn darin finden kann, gebe ich ihm einen Sixpence, sofern ich einen Sixpence finde.

 

 

Dieser eine Blitz, und dann weist die Erinnerung weitere Lücken auf. Zwei oder drei andere Erinnerun­gen sind klar, bevor ich zwei Jahre alt gewesen sein muß: die Nacht, in der die alte Scheune abbrannte, ich erinnere mich, daß ich keine Angst hatte, obwohl es sicherlich beängstigend war, und ein Weih­nachts­abend im Appartement meiner Tante May, an dem ich nicht älter als achtzehn Monate alt war, als meine Mutter mir "Good King Wenzeslas" beibrachte; eine Leistung für eine zweijährige, wie ich spä­ter auf dem Lehrer-College lernte. Meine Mutter lobte mich, und ich verbrachte meine Kindheit damit, ihre Billigung zu finden. Ich wußte, daß die Erstgeborene eigentlich ein Junge sein sollte; von daher verbrachte ich mein ganzes Leben damit, für die Rechte von verschmähten Mädchen zu kämpfen. Ich tat viele Dinge, um meiner Mutter zu gefallen, hatte aber selten Erfolg. Ich war eine unabhängige Krea­tur, schlängelte mich von ihrem Schoß hinunter und bestand darauf, alles allein zu machen. Mir wurde erzählt, daß mein erster Satz lautete: "Ich kann das allein." Mein jüngerer Bruder fühlte sich auf ihrem Schloß sehr wohl, er war ihr Favorit und hatte alle Vorteile, da er ein Junge war. Ich verstand niemals, was so gut daran war, ein Junge zu sein, aber es nicht zu sein, darüber konnte ich nie hinweg­kommen.

 

 

Die nächste Flut von Erinnerungen beinhaltet, das ich lesen und nähen lernte, an sticken kann ich mich dagegen nicht erinnern, obwohl meine Mutter versuchte, mir französische Stiche beizubringen Das wesentliche war das Lesen eines Buches namens "The Toy Town Primer". Sehr klar erinnere ich mich an die Geschichte "Was passierte Tommy" über einen kleinen Kater, der seinen Schwanz durch einige boshafte Jungen verlor, sowie "Dorothy`s Puppen" und "Die Magische Puppe" mit wunderschönen Illustratio­nen, die ich vor geschlossenen Augen immer noch sehen kann: eine Art Aladins Höhle, ge­füllt mit Juwelen, goldenem Licht und der goldenen Puppe. Das Buch selbst allerdings verschwand, bevor ich sieben war. Ich erinnere mich natürlich auch an das erste richtige Buch: Dorothy Canfield "Understood Betsy", ich hole es mir immer noch aus dem Regal.

 

 

Vor allem erinnere ich mich an meine Klavierstunden: das geschah, bevor ich lesen lernte, weil ich ein Buch namens "Nan und Nanyanka" als Vorlage hatte, eines dieser Märchen über ein gutes Mädchen, das allen half, und ein schlechtes Mädchen, das es nicht machte; ich erinnere mich, daß ich die Kla­vierstücke spielte und dann zu meiner Mutter ging, um die Geschichte erzählt zu bekommen. Eine der Strafen für Ungezogenheit war erfinderisch: sitzen zu bleiben und "Goop Book" zu lesen, ein Sam­melalbum Lyrik von Gelett Burgess, also keine Strafe, da ich in diesem Alter lieber las als etwas ande­res zu machen; ein phantasievolles Kind, das saß und über sein schlechtes Benehmen nachdachte.

 

 

Mein Bruder Leslie, der Sonny genannt wurde, da mein Vater Leslie Sr. war, spielt keine große Rolle in diesen frühen Erinnerungen; außer als ich ihn einmal schlug und er schreiend zum Vater rannte, der sagte: "Gut, schlag sie zurück". Also kam Leslie zurück und schlug mich nieder, Daddy sagte, es ge­schähe mir recht. Von da an schlug Leslie mich bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit während der nächsten zehn Jahre, er besaß ja die Erlaubnis dazu; Mutter machte nur Bemerkungen wie: "Kämpfe nicht mit Deinem Bruder" oder "Warum gibst Du nicht nach? Schließlich ist er ein Junge." Irgendwie bekam ich das Gefühl, daß meine Geburt als Mädchen ein großer Unfall für meine Mutter war, was ich niemals genug büßen konnte. Später wunderte sie sich, daß ich einen Komplex hatte, als ich in der Pubertät war.

 

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, daß ich ein unglückliches Kind war: sehr reserviert, aber ich war nie sehr lange unglücklich, obwohl es auch diese Zeiten gab. Meine eigene Tochter Moira litt unter unerklärlichen Phasen des Unglücklichseins, ihr Vater nannte es: "Sie weint, weil sie ein Baby ist". Ich vermute, das traf auch auf mich zu, ein Gefühl von allgemeinem Elend aufgrund meiner geringen Größe und vergleichbaren Schwäche. Ich vermute, ich weinte, weil ich ein Baby oder weil ich ein Mädchen war. Ich wußte, daß ich ein Junge werden sollte und meine Mutter sehr unglücklich machte, weil ich ein Mädchen war. Bis ich sieben oder acht Jahre alt war, litt ich darunter, ein Mädchen zu sein, obwohl ich heute weiß, daß ich gar nichts dafür konnte, und im allgemeinen mochte ich es sehr, ein Mädchen zu sein. Ich spielte viel mit Puppen, das mache ich heute immer noch. Ich war sehr klein, nicht sehr kräftig und dachte, ich wäre häßlich. Meine Mutter sagte es nie direkt, eher so: "Es ist eine Schande. Elenor ist ein Mädchen und Leslie ist so hübsch, aber Jungen brauchen nicht hübsch zu sein. Sie ist eine Neunmalkluge, aber Mädchen brauchen kein Gehirn." Aber ich dachte immer, daß ein Ge­hirn zu haben, etwas schönes sei, also baute ich mein Leben darauf auf.

 

 

Mein Vater war außergewöhnlich brillant, aber ungebildet. Er hatte eine gute Position bei der Western Union, als ich klein war. Eines Tages erzählte er mir, daß die Telegramme durch die Drähte kämen Ich verbrachte Stunden damit, die Drähte zu beobachten, darauf hoffend, eines der vertrauten gelben For­mulare zu sehen, wie sie an den Drähten entlang fliegen. Natürlich sah ich niemals eins, mit dreizehn lernte ich, daß die gelben Formulare nicht wirklich über die Drähte fliegen; aber immer noch habe ich die Vorstellung der gelben Telegrammformulare im Kopf, wie sie an den Drähten entlang fliegen, es war meine erste Vorstellung von Magie.

 

Mein Vater hatte eine fixe Idee unter seiner Schottenmütze: sich selbstständig zu machen. Er sagte oft: "Ein Mann hat ein Recht darauf, sein eigener Chef zu sein." Ein Angestellter zu sein, verzehrte aus irgendeinem Grund, den ich mir nicht vorstellen konnte, seine Seele. Als ich ungefähr acht Jahre alt war, begann er zu trinken, so daß mein geliebter Daddy zu einem Mann wurde, den ich nicht mehr sehr mochte, was für mich sehr schwierig wurde, da ich unglaublich an ihm hing. Dies war der größte Konflikt in meiner Kindheit, ich fühlte mich schuldig, weil er, wenn er trank, mürrisch und verdrossen wurde, ausfallend und grausam gegen meine Mutter, unfreundlich zu meinem Bruder, aber ich konnte ihn manchmal dazu bringen, etwas netter zu sein, und manchmal mochte ich ihn lieber, wenn er ein bißchen getrunken hatte. Aber er hörte dann nicht auf zu trinken und ich fühlte mich schuldig, weil ich dachte, es geschähe meinetwegen. Mittlerweile weiß ich, daß Trunksucht und Beschimpfungen zwei Seiten der gleichen Medaille sind. Alkoholiker schlagen ihre Frau und Kinder nicht, weil sie betrunken sind, sie trinken, damit sie sich nicht schuldig fühlen, weil sie sie schlagen. Damals verstand ich es nicht, sondern dachte, wenn ich eine bessere Tochter wäre, würde er ein besserer Vater sein.

 

Es gibt kein Ende von diesen Dingen und als Ergebnis litt ich, weil ich dachte, alle Probleme meiner Familie wären meine Schuld. Viele Kinder denken ähnlich, wie ich jetzt weiß. Für meine Mutter war ich eine bessere Tochter, wenn ich weniger las und mehr Hausarbeit machte. Ich haßte Hausarbeit und verweigerte es, nicht zu Schule zu gehen, wenn es meiner Mutter nicht so gut ging, ich liebte die Schule im Gegensatz zu Leslie, der sie schwänzte, wo er nur konnte. Heute weiß ich, daß ich nicht faul war, nur halb blind und allergisch gegen Staub, meine Aversion gegen Hausarbeit ist geblieben. Aber wer wußte damals schon etwas von Allergien und wer kann meine Mutter dafür verantwortlich machen? Für sie hieß es eine hilfreiche Arbeitskraft, eine Tochter zu haben, allerdings wurde ich von der Haus­arbeit krank, aber für sie war ich faul. Ich arbeitete auch viel auf der Farm mit, weil mein Vater Kinder ebenfalls als Arbeitskräfte ansah. Es gab sehr wenig Liebe in seinem Leben, umso verwunderlicher ist es, daß ich ihn als liebevollen Vater erinnere; als ich älter wurde, geschah das immer seltener.

 

Als ich sechzehn Jahre alt war, beendete ich die High School und gewann ein Stipendium, ging zum College und entdeckte gleichzeitig Pulp Science Fiction. Ich denke, ich kann guten Gewissens sagen, daß dies der Wendepunkt für mein ganzes Leben war.

 

Fred Pohl sagte einmal in seiner Autobiographie: "wenn man hundert Kinder mit Science Fiction in Berührung bringt, werden die Hälfte es furchtbar finden und nie mehr lesen, die andere Hälfte bleibt ihr verbunden, vielleicht ein Dutzend werden es zu ihrem Lebensweg machen." Sicherlich wurde es ein Lebensweg für mich und ist es immer noch.

 

Bald danach entschieden meine Eltern, ich sollte anfangen zu arbeiten. Ich verließ das College und heiratete Robert A. Bradley, den ich durch das Science Fiction Fandome kennengelernt hatte. Brad, wie ich ihn nannte, war fünfzig, ich dagegen neunzehn. Heute kann ich mit seinem Verdruß umgehen, ich muß eine sehr schwierige Ehefrau gewesen sein. Ich war einfach nicht alt genug, um irgend jemandes Ehefrau zu sein. Unser Sohn David fragte Brad einmal, warum er mich geheiratet hätte, obwohl wir so offensichtlich inkompatibel seien, seine Antwort lautete: "Ich kann ihr vertrauen und sie lacht über meine Witze." Ich vermute, es gibt schlimmere Grundlagen für eine Ehe. Brad war ein sehr fremdarti­ger Mann. Heute habe ich einige psychologische Erfahrung, kein Schriftsteller kann es sich leisten, keine psychologische Kenntnisse zu besitzen, weil seine Charaktere unglaubwürdig werden. Daher weiß ich heute, daß es nicht an mir lag, es wären drei Heilige nötig gewesen, um mit ihm zusammenzu­leben. Er war schwermütig, mürrisch, und exzentrisch, so daß ich manchmal dachte, er wäre direkt einem Raumschiff vom Mars entstiegen. Zunächst: ich wollte Kinder, Brad hatte aber bereits drei Kin­der aus erster Ehe und wollte keine weiteren. Schließlich bekam ich unseren Sohn David, den ich sehr liebe, aber er wußte immer, daß sein Vater ihn nicht wollte. Brad brachte mich danach zu zwei Abtrei­bungen, was für mich eine schreckliche Erfahrung war. Von da an hörte unser Liebesleben auf, er be­rührte mich nie wieder. Mein größtes Bedauern ist, daß ich ihm in all den zehn Jahren, die wir zusam­men verbrachten, vertraute.

 

Die nächsten Jahre verbrachte ich mit schreiben. Brad schlug einmal vor, ich solle mir einen Job su­chen, aber er hätte sich niemals um das Kind gekümmert. Ich machte ihm klar, daß ich keinen acht Stunden Job annehmen, nach Hause kommen und die Hausarbeit machen würde, während er nach ei­nem acht Stun­den Tag nach Hause käme, seine Füße hochlegte und die Zeitung lese. Außerdem wollte ich auf keinen Fall, daß mein Sohn von einer fremden Frau großgezogen würde. Brad stimmte zu, wenn ich mit sei­nem geringen Gehalt zufrieden wäre, er wäre es auch.

Vor unserer Hochzeit verlangte ich von ihm drei Versprechen: daß er nie betrunken sein würde; daß er niemals Geld verspiele, daß wir nicht hätten, und daß er mich niemals schlagen würde. Er schaute mich ziemlich befremdet an und fragte, aus welcher Familie ich käme, aber er gab mir die Versprechen und brach sie nur einmal: ich schlug ihn, er schlug zurück, also zählte dieses Mal nicht, weil ich angefangen hatte.

 

Eine Sache werde ich ihm nie vergessen: er brachte mir das Autofahren bei. Das war sehr hart für ihn, weil ich mich sehr ängstlich anstellte, aber Ehre wem Ehre gebührt. Er unterrichtete mich gut und ge­duldig, so daß ich eine gute Fahrerin wurde. Seit meinem zweiten Herzinfarkt fahre ich nicht mehr, meine Augen sind nicht mehr in Ordnung, aber das beeinträchtigt meine Liebe zum Fahren nicht. Meine Tochter ist eine exzellente Fahrerin und sagte einmal, ich wäre die beste Fahrerin, die sie jemals getroffen hätte. Ich bin sehr enttäuscht, daß ich nicht mehr fahren kann.

 

Eines Tages kam Brad, meinte, ich wäre auf dem guten Weg ein Hausmütterchen zu werden, ob ich nicht zum College gehen wollte. Es gab drei Colleges in Abilene, Texas, über siebzig Meilen entfernt. Ich besuchte alle drei. Das ACC (Abilene Christian College) nannte ich "der heilige Haufen": sie be­standen dar­auf, daß mein Ziel sein müßte, eine bessere Christin zu sein, bevor ich Lehrerin werden könne. Dort konnte ich auf keinen Fall unterschreiben! Ich hatte zwar nichts dagegen, eine bessere Christin zu sein, aber es war nicht mein Ziel, wenn ich eine gute Ausbildung haben wollte. Das McMurphy College hielt fünfhundert Studenten. Ich kam aus einer kleinen Stadt mit sechshundert Einwohnern und dachte, in dem College könne ich auf keinen Fall eine gute Ausbildung erhalten. Es blieb das Hardin Simmons College, hier erhielt ich nebenbei auch noch eine gute christliche Ausbil­dung.

 

Ich war zwar nie ein großer Kirchgänger, aber ich habe absolut nichts gegen Kirchen einzuwenden - und ich bin eine säumige Christin, was bedeutet, daß ich weder Jüdin noch Atheistin bin. Ich trat bei HSC ein, die "gute Christen" waren, was bedeutet, daß ich versuchte, den Prinzipien Gottes so folgte, wie mir es richtig erschien. Irgendwie bekam ich die Idee, daß Gott gute Menschen lieber als schlechte hätte, meine religiöse Ausbildung bestand darin, die Kirche zu besuchen und Sonntags die lokale lu­therische Kirche. Ich machte "gut" und "böse" zu der goldenen Regel: "Verhalte dich so, wie du behan­delt wer­den möchtest". Ich dachte, "Sermon auf dem Berg" sei ein gutes Buch (das ich las, als ich alles las, was mir unter die Augen kam) und ein guter Lebensführer. Ich wurde ein Baptist, weil meine Lieb­lingstante und Onkel Episkopale waren, und mein geliebter Onkel Fred wurde später ein episkopaler Priester und Organist, aber ich kannte soviel Theologie wie eine Katze. Schnell entdeckte ich, daß in dieser kleinen Stadt in Texas, Christ zu sein, nur eines bedeutete; nicht gut zu sein oder zu versuchen, ein gutes Leben zu führen, oder auch nur die neununddreißig Artikel zu beachten, die mich davor be­wahrten, konfir­miert zu werden; es hieß: zur Kirche und Bibelschule zu gehen, nicht mehr.

 

Rassentrennung war damals ein wichtiges Thema. Ich verstand nicht, wie sie es mit ihrer Glaubens­überzeugung vereinbarten, aber sie konnten es. Sie bezogen sich sogar auf die Bibel: eine Doppelmo­ral, die ich immer noch widerwärtig finde. Der einzige Grund, warum ich stolz darauf bin, an diesem College meinen Abschluß gemacht zu haben, ist Dr. Reiss, der Direktor. Er öffnete das College für alle christlichen Sekten, da er der Meinung war, daß eine Ausbildung unabhängig von diesen erfolgen sollte. Meine Reaktion? "Hurra, das ist Christentum!" Die meisten Leute reagierten darauf, als sei ich eine Ungläubige und versicherten mir, daß Rassentrennung tatsächlich mit der Bibel vereinbar sei. Ich sagte ihnen: "Ich gebe gar nichts auf eure Kirche". Ich fühlte, daß Jesus, wenn er sich mit Leprakranken zusam­mensetzen konnte, wohlerzogene Schwarze ebenfalls willkommen heißen würde. Allerdings befand ich mich immer in der Minderheit. Ich erinnere mich an den Film "Eine Mehrheit des einen" von Rosalind Russel. Die Idee war, daß, wenn Tausende denken, sie seien im Recht und du bist der eine, der unrecht hat, aber in Wirklichkeit im Recht bist, formst du damit eine Mehrheit für einen. So halte ich es noch heute.

 

Zu dieser Zeit hatte ich eine Liebesaffäre mit einer Frau. Als ich sechzehn war, hatte ich bereits eine Liebesaffäre mit einer anderen Frau, aber nach meiner Heirat mit Brad, der ein guter Geliebter war, dachte ich, daß ich durch eine Phase gegangen wäre, wie sie viele Mädchen durchmachen. Als unser Liebesleben brach lag, sprach ich mit ihm darüber, er meinte, er wäre zufrieden und eine Scheidung müßte nicht sein. Aber ich fragte mich, warum ich nie einen anderen Mann attraktiv fand. Also, ich lernte diese junge Frau kennen, Dorothy; die erste Frau hieß ebenfalls Dorothy und später nannte ich meine Tochter so. Brad mochte sie ebenfalls und schien es zu genießen, sie um sich zu haben. Ich weiß jetzt, daß viele Männer mit niedriger Sexualität es mögen, wenn ihre Ehefrauen Affären dieser Art ha­ben, da kein anderer Mann einbezogen ist, es berührt ihre Maskulinität nicht.

 

Damals begann meine professionelle Karriere als Schriftstellerin, ich schrieb alle möglichen Sexbü­cher. Ich dachte, es wäre Spaß. Das Baptisten-College hätte mich hinausgeworfen, wenn sie davon erfahren hätten. Später ließ ich meine vorpubertäre Nichte diese Bücher lesen, so wie jemand anders ihr erlaubt hätte, Barbara Cartland zu lesen. Ich war mit den Romanzen von Myrtle Reed und Livingston Hill aufgewachsen, meine eigenen Bücher waren ähnlich. Wirklich geschockt war ich von den Bestsel­lern von Jacqueline Susann, bis zu meiner zweiten Heirat verstand ich weder ihre Bücher noch die von Norman Mailer. Ich bin immer noch sehr naiv, Erica Jong habe ich nie gelesen. Als meine Freundin Lisa mir erzählte, daß sie "Lady Chatterley" in der Schule gelesen hatte, war ich auch geschockt. Dar­aufhin las ich es, sowie das meistgefeierte "schmutzige" Buch einer ganzen Generation "Lolita" - ohne ein einziges Wort mit vier Buchstaben. (im englischen haben die meisten schmutzigen Wörter, incl. Love!,  vier Buchstaben, deshalb dieses Wortspiel! Anm. Britta). Ich liebe dieses Buch. Ich hatte einen Freund, der mich heiraten wollte und mich auslachte, weil ich in meinen Liebesbüchern nie "four-letter words" benutze. Aber ich hatte mir nach den Trunkanfällen meines Vaters geschworen, niemals diese Wörter zu benutzen. Das Äußerste, was mir herausrutschte, war "Shit". Verbaler Overkill interessiert mich einfach nicht und ich kann sehr gut ohne die Freiheit dieser Wörter leben, im allge­meinen zeigen sie einen Mangel an Vorstellungskraft auf.

 

Sei es, wie es sei, ich machte mich auf einen Trip quer durchs Land und traf einen Fan, in den ich mich auf der Stelle verliebte, falls diese Phrase irgendeine Bedeutung hat. Es handelte sich um Walter Breen, er betrachtete sich selbst als schwul und war von meiner Akzeptanz sehr angetan. Wir begannen sofort eine Affäre, ich sagte Dorothy, daß ich Walter bevorzugen würde, auch Sex mit Walter! Ich flüchtete aus Texas, erzählte Brad, daß ich für mein Studium nach Kalifornien gehen würde, wo Walter bereits lebte und fragte David, ob er mitkommen wollte. Brad unterband alle Gespräche über Scheidung, in­dem er behauptete, er würde sich dann nicht mehr um David kümmern, ich fühlte aber, daß der scheue und kränkliche David einen richtigen Vater brauchte. Ich hätte wissen müssen, daß Brad bluffte, und als David sich dafür entschied, mit mir mitzukommen, willigte Brad ein, weiterhin Kontakt mit seinem Sohn zu halten. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Dorothy redete auf Brad ein, so daß ich mich in einem Scheidungskrieg samt Sorgerecht fand. Auf einmal wollte er David, aber ich fühlte, daß ein ehrenhafter Schwuler (und Walter war ehrenhaft) ein besserer Vater sei als ein exzentrischer sie­benundsiebzigjähriger. Daraufhin kämpfte ich für David, in dem ich von Walter schwanger wurde, erzählte Brad, ich würde beeiden, das es sein Kind wäre, falls er mir eine Scheidung verweigern würde, und so willigte er ein. Meiner Heirat mit Walter stand nichts mehr im Wege.

 

Es wird gesagt, es gäbe zwei Dinge, die sehr traurig seien: niemals zu bekommen, was man sich wünscht, und es zu bekommen.

Es wird auch gesagt, sei vorsichtig, um was du bittest, es könnte dir gewährt werden.

 

Nun, ich bekam Walter.

 

Ich liebe ihn immer noch, er hat viele bewundernswerte Eigenschaften: absolute Integrität; die einzige Intelligenz, von der ich zugebe, daß sie meiner überlegen ist; und er ist ein guter und liebevoller Vater für unsere Kinder. Allerdings ist er hoffnungslos als Ehemann. Er ist nichtsdestotrotz der einzige Mann, den ich jemals geliebt habe, aber lieben ist etwas völlig anderes als verliebt zu sein. Nun schwört er, daß er mich nicht mehr liebt, aber über ein Jahr lang durfte ich nicht von seiner Seite wei­chen, weil er Angst hatte, ich würde ihm verloren gehen. Was soll ich dazu sagen? Ich liebe ihn. Er meint, daß sein Experiment, als Hetero zu leben, gescheitert sei. Wir verloren unser schönes großes Haus in Berkeley, eines der Dinge, die ich ihm nicht vergeben werde und zogen nach New York, wo er einen totalen Nervenzusammenbruch erlitt. Ich hatte den ganzen Haushalt zu bewältigen inklusive zwei Kindern unter drei Jahren: meine geliebte Tochter Moira wurde während der letzten Zeit, in der wir miteinander schliefen, empfangen, Patrick ist unser Wunschkind, Walter bewundert ihn ebenso wie ich.

 

Danach begann meine ernsthafte Schriftstellerzeit; die Darkover-Serie wuchs und wuchs, inklusive der besten Bücher, die ich schrieb: "Hasturs Erbe", "Der Verbotene Turm" und "Herrin der Stürme". Ich schrieb über Homosexualität in "Hasturs Erbe" sowie in meinem ersten dicken Buch, das ich "Die Flie­ger" und mein Verleger "Trapez" nannte. Letzteres war möglicherweise das erste ausführliche, nicht skandalöse Buch über Homosexualität, das ich noch in Texas während meiner Affäre mit Dorothy schrieb und zurückhielt, weil ich es nicht als billiges Sexbuch verkaufen wollte.

 

So nach und nach verdiente ich mit meinen Büchern Geld und nachdem Walter sich von seinem Zu­sammenbruch erholt hatte, nahm er einige Jobs auf seinem Fachgebiet, Numismatik, an. In dieser Zeit konnte ich mein berühmtes Buch "Die Nebel von Avalon" schreiben, mein erster Titel war "Mistress of Magic". Mit diesem Buch traf ich den Zeitgeist. Mein Name wird wohl vor allem mit diesem Buch in Verbindung gebracht werden, wahrscheinlich länger als ich mir lieb sein wird. Als ich begann, an den "Nebeln.." zu schreiben, trat meine Cousine Lisa Walters in mein Leben, erst als Erzieherin meiner Tochter Moira, die die öffentliche Schule ebenso haßte wie ich und ihr Vater es taten. Leider fehlte es uns an Geld, sie auf eine Privatschule zu schicken, mein "Reichtum" kam für Moira zu spät.

 

Kurz danach schrieb ich ein weiteres gutes Buch "The Inheritor"). Mit dem darauffolgenden Buch verdiente ich so viel Geld, daß die Ausbil­dung meiner Kinder gesichert war. Patrick bekam einige Unterstützung ebenso wie Moira, die eine hervorragende Stimme hat. Mein Traum ist es, daß ich sie einmal als Opernsängerin auf einer Bühne erleben darf. Sie hat die Stimme und arbeitet sehr hart, aber oft genug ist es so, daß Talent für lange Zeit nicht gewürdigt wird, so wie meines oder Walters, der erst kürzlich Erfolg hatte. Während des Drucks von "Die Feuer von Troja", von dem ich denke, daß es ebensogut wie "Die Nebel von Avalon" ist, so daß ich nicht verstehen kann, warum es hier in Amerika keinen Erfolg hatte, obwohl es in Eu­ropa sehr gut verkauft wurde, aber dort legt man auch mehr Wert auf klassische Bildung; erlebte ich den zweiten Herzinfarkt, der mich ins Krankenhaus brachte. Ich erhole mich noch davon, habe aber mit André Norton und Julian May einen Vertrag über eine Serie von neuen Büchern  (MZB meint  hier die "Ruwenda"-Bücher, die damals erst geplant waren). Außerdem plane ich eine feministische Version über Robin Hood sowie über das römische Britannien (= "Die Wälder von Albion", Britta). Gott weiß, wohin ich danach gehen werde, aber schreiben ist ein Beruf, von dem man sich nicht zu erholen braucht. Meine Diabetes ist nicht allzu tragisch. Der einzige Weg, einen Autoren vom schreiben abzu­bringen, ist, ihn zu erschießen. Agatha Christie beendete ihr letztes Buch mit sechsundachtzig, Rex Stout mit neunundachtzig. Toscaninni dirigierte noch mit achtundneunzig. Ich gedenke, sie alle zu überleben, ich stamme aus einer langlebigen Familie, in der es kein Alzheimer gibt. Meine Cousine Lisa arbeitet als meine Sekretärin und nimmt mir viel Arbeit ab. André Norton, die zwanzig Jahre älter ist, schreibt immer noch. Außerdem habe ich viel Unterstützung durch Freunde und adoptierte Kinder. Don Wollheim ist fast achtzig und arbeitet noch, möge er noch lange leben. Jeder braucht einen Vater, und da meiner mir nicht viel nützte, adoptierte ich Don als einen solchen, er sagte dazu: "Okay." (Don Wollheim, ihr amerikanischer Verleger der Darkover-Bücher  starb 1992, Britta).

 

Und dies ist vorerst alles. Falls ihr mehr wissen wollt, schreibt es selbst, wie die Volkslieder sagen. Obwohl dies eine ge­fährliche Sache ist, wie man mir sagte, denn irgend jemand könnte mich beim Wort nehmen.

 

Quelle :

Contemporary Authors Biography, Vol. 10, Übersetzung: Britta Rutkowski, Dezember 1997

 

                                       

                              

 

 

                      Preise für Marion Zimmer Bradley   

   1984 Locus Poll Award für "Die Nebel von Avalon" in der Kategorie Fantasy-Roman

    2000 World Fantasy Award für ihr Lebenswerk

     2005 Nominierung des deutschen Hörbuches "Die Nebel von Avalon" für den Deutschen Hörbuchpreis von lit.Cologne

 

                                                     

                                                               

 

 

 

 

 

 

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