Rainer Maria Rilke, 1875 - 1926


 


 

 

 

 

 

                        

 

 

„Der Panther“

 

 

Sein Blick ist vom Vorübergehn

der Stäbe

so müd geworden

dass er nichts mehr hält

ihm ist

als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben

keine Welt

 

Der weiche Gang

geschmeidig starker Schritte

der sich im allerkleinsten Kreise dreht

ist wie ein Tanz von Kraft

um eine Mitte

in der betäubt

ein großer Wille steht

 

Nur manchmal

schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf -

dann geht ein Bild hinein -

geht durch der Glieder

angespannte Stille

und hört im Herzen

auf

zu

sein

 

 

 

 

 

„Du musst das Leben nicht verstehen“

 

 

Du musst das Leben nicht verstehen

dann wird es werden wie ein Fest

und lass Dir jeden Tag geschehen

 

so wie ein Kind im Weitergehen

von jedem Wehen sich viele Blüten

schenken lässt

 

sie aufzusammeln und zu sparen

das kommt dem Kind nicht in den Sinn

 

es löst sie leise aus den Haaren

drin sie so gern gefangen waren

und hält in lieben jungen Jahren

nach Neuem seine Hände hin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Blaue Hortensie“

 

 

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rau,
hinter den Blütendolden,

die ein Blau nicht auf sich tragen,

nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden,

und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.


 

Juli 1906, Paris

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

  
 
„Herbsttag“
 
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
 
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
 
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 

 

 
 
 

 

 

Die Vögel jubeln - lichtgeweckt -,
die blauen Weiten füllt der Schall aus;
im Kaiserpark das alte Ballhaus
ist ganz mit Blüten überdeckt.

Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll
ins junge Gras mit großen Lettern.
Nur dorten unter welken Blättern
seufzt traurig noch ein Stein-Apoll.

Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz
hinweg das gelbe Blattgeranke
und legt um seine Stirn, die blanke,
den blauenden Syringen-Kranz.
 
 

 

 
 
 
„Abend“


Einsam hinterm letzten Haus
geht die rote Sonne schlafen,
und in ernste Schlussoktaven
klingt des Tages Jubel aus.

Lose Lichter haschen spät
noch sich auf den Dächerkanten,
wenn die Nacht schon Diamanten
in die blauen Fernen sät.
 

 

 

 

 
 
Du, der ich’s nicht sage, dass ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
 
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?

Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.

Du machst mich allein.
Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist du’s, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.


Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

„Menschen bei Nacht“

 

Die Nächte

sind nicht für die Menge gemacht

von Deinem Nachbarn trennt Dich die Nacht

und Du sollst ihn nicht suchen

trotzdem

 

und machst Du nachts in Deiner Stube Licht

um Menschen zu schauen ins Angesicht

so musst Du bedenken

wem

 

Die Menschen sind furchtbar

vom Licht entstellt

das von ihren Gesichtern träuft

und haben sie nachts

sich zusammengesellt

so schaust Du eine wankende Welt

durcheinander gehäuft

 

Auf ihren Stirnen hat gelber Schein

alle Gedanken verdrängt

in ihren Blicken flackert der Wein

an ihren Händen

hängt die schwere Gebärde

mit der sie sich bei ihren Gesprächen

verstehn

und dabei sagen sie

Ich und Ich

und meinen

irgendwen

 

 

 

 

 

 

„Zum Einschlafen zu sagen“

 

Ich möchte jemandem einsingen

bei jemandem sitzen und sein

ich möchte dich wiegen und klein singen

und begleiten

schlaf aus und schlaf ein

 

ich möchte der einzige sein im Haus

der wüsste

die Nacht war kalt

und möchte horchen

herein und hinaus

in Dich

in die Welt

in den Wald

 

die Uhren rufen sich schlagend an

und man sieht der Zeit auf den Grund

und unten geht noch ein fremder Mann

und stört einen fremden Hund

 

Dahinter wird Stille

 

Ich habe groß die Augen auf Dich gelegt

und sie halten Dich sanft

und sie lassen Dich los

wenn ein Ding sich im Dunkeln bewegt

 

 

 
 
 
 
 

 

 

"Die Liebende"

  

Ja
ich sehne mich nach Dir
ich gleite mich verlierend
selbst mir aus der Hand
ohne Hoffnung
dass ich das bestreite
was zu mir kommt
wie aus Deiner Seite
ernst und unbeirrt
und unverwandt
jene Zeiten – oh wie war ich eines
nichts was rief und nichts was mich verriet
meine Stille war wie eines Steins
über den der Bach sein Murmeln zieht
aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr
etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben
der nicht weiß
was ich noch gestern war

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 

 

 




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