„Der Panther“
Sein Blick ist vom Vorübergehn
der Stäbe
so müd geworden
dass er nichts mehr hält
ihm ist
als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben
keine Welt
Der weiche Gang
geschmeidig starker Schritte
der sich im allerkleinsten Kreise dreht
ist wie ein Tanz von Kraft
um eine Mitte
in der betäubt
ein großer Wille steht
Nur manchmal
schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -
dann geht ein Bild hinein -
geht durch der Glieder
angespannte Stille
und hört im Herzen
auf
zu
sein
„Du musst das Leben nicht verstehen“
Du musst das Leben nicht verstehen
dann wird es werden wie ein Fest
und lass Dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen sich viele Blüten
schenken lässt
sie aufzusammeln und zu sparen
das kommt dem Kind nicht in den Sinn
es löst sie leise aus den Haaren
drin sie so gern gefangen waren
und hält in lieben jungen Jahren
nach Neuem seine Hände hin
„Blaue Hortensie“
So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rau,
hinter den Blütendolden,
die ein Blau nicht auf sich tragen,
nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden,
und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
Juli 1906, Paris
„Herbsttag“
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Die Vögel jubeln - lichtgeweckt -,
die blauen Weiten füllt der Schall aus;
im Kaiserpark das alte Ballhaus
ist ganz mit Blüten überdeckt.
Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll
ins junge Gras mit großen Lettern.
Nur dorten unter welken Blättern
seufzt traurig noch ein Stein-Apoll.
Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz
hinweg das gelbe Blattgeranke
und legt um seine Stirn, die blanke,
den blauenden Syringen-Kranz.
„Abend“
Einsam hinterm letzten Haus
geht die rote Sonne schlafen,
und in ernste Schlussoktaven
klingt des Tages Jubel aus.
Lose Lichter haschen spät
noch sich auf den Dächerkanten,
wenn die Nacht schon Diamanten
in die blauen Fernen sät.
Du, der ich’s nicht sage, dass ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?
Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.
Du machst mich allein.
Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist du’s, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.
„Menschen bei Nacht“
Die Nächte
sind nicht für die Menge gemacht
von Deinem Nachbarn trennt Dich die Nacht
und Du sollst ihn nicht suchen
trotzdem
und machst Du nachts in Deiner Stube Licht
um Menschen zu schauen ins Angesicht
so musst Du bedenken
wem
Die Menschen sind furchtbar
vom Licht entstellt
das von ihren Gesichtern träuft
und haben sie nachts
sich zusammengesellt
so schaust Du eine wankende Welt
durcheinander gehäuft
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt
in ihren Blicken flackert der Wein
an ihren Händen
hängt die schwere Gebärde
mit der sie sich bei ihren Gesprächen
verstehn
und dabei sagen sie
Ich und Ich
und meinen
irgendwen
„Zum Einschlafen zu sagen“
Ich möchte jemandem einsingen
bei jemandem sitzen und sein
ich möchte dich wiegen und klein singen
und begleiten
schlaf aus und schlaf ein
ich möchte der einzige sein im Haus
der wüsste
die Nacht war kalt
und möchte horchen
herein und hinaus
in Dich
in die Welt
in den Wald
die Uhren rufen sich schlagend an
und man sieht der Zeit auf den Grund
und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund
Dahinter wird Stille
Ich habe groß die Augen auf Dich gelegt
und sie halten Dich sanft
und sie lassen Dich los
wenn ein Ding sich im Dunkeln bewegt
"Die Liebende"
Ja
ich sehne mich nach Dir
ich gleite mich verlierend
selbst mir aus der Hand
ohne Hoffnung
dass ich das bestreite
was zu mir kommt
wie aus Deiner Seite
ernst und unbeirrt
und unverwandt
jene Zeiten – oh wie war ich eines
nichts was rief und nichts was mich verriet
meine Stille war wie eines Steins
über den der Bach sein Murmeln zieht
aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr
etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben
der nicht weiß
was ich noch gestern war