SHG Manie-Depression

 
DEUTSCHES ÄRZTEBLATT ONLINE 08.11.2005

Gen auf Chromosom 13 mit Verfolgungswahn assoziiert

MANNHEIM. Ein Verfolgungswahn kann sowohl bei der bipolaren Erkrankung als auch bei der Schizophrenie auftreten. In den Diagnose-Manualen wurde diesem Zusammentreffen bisher keine grundlegende Bedeutung beigemessen. Nach einer Publikation deutscher Genforscher im American Journal of Psychiatry (2005; 162: 2101-2108) wird sich dies möglicherweise ändern. Dort kam heraus, dass der Verfolgungswahn bei beiden Krankheiten mit dem gleichen Gen assoziiert ist.

Das Gen G72/G30 befindet sich auf dem Chromosom 13. Welches Eiweiß dort kodiert ist und in welcher Weise es in die Pathogenese von Wahnvorstellungen eingreift, sei völlig unbekannt, heißt es in der Pressemitteilung des Zentralinstituts (ZI) für Seelische Gesundheit in Mannheim. Man wisse nur, dass dieses Gen ausschließlich bei Primaten vorkomme. Sind Wahnvorstellungen also eine spezielle Leistung der Menschen, Affen und Halbaffen? Diese Frage dürfte in erster Linie die Evolutionsbiologen interessieren. Für die Psychiater erscheint die Erkenntnis wichtiger zu sein, dass "sich Patienten nicht in ein Diagnoseschema pressen lassen, welches scharf zwischen beiden Erkrankungen trennt", wie die Leiterin der Projektgruppe Prof. Marcella Rietschel vom ZI schreibt.

Die Forscher untersuchten zunächst eine Gruppe von 300 deutschen Patienten mit bipolarer Störung. Eine Assoziation mit dem Gen G72/G30 fand sich nur bei jenen Patienten, die Wahnvorstellungen hatten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Gruppe bei der Untersuchung einer zweiten Gruppe von Patienten aus Polen. Auch hier ließ sich eine Assoziation erst nachweisen, wenn die Analyse auf Patienten mit Wahnvorstellungen beschränkt wurde. Die Assoziation mit der Schizophrenie hatte die Gruppe in einer früheren Publikation aufgedeckt.

Damit ist die von Psychiatern seit langem beobachtete Überlappung zwischen den beiden häufigen psychiatrischen Erkrankungen (Schizophrenie ein bis zwei Prozent; bipolare Erkrankung bis zu 20 Prozent) auch auf genetischer Ebene belegt. Die nahe liegende Konsequenz, den Verfolgungswahn aus dem Formenkreis der beiden anderen herauszuziehen, wird allerdings nicht gezogen. Die Forscher versprechen sich von der Entschlüsselung der molekulargenetischen Grundlagen jedoch weitere Impulse für die Behandlung. Prof. Rietschel: "Wenn wir diese Grundlagen kennen, werden wir in der Lage sein, individuelle Therapieansätze zu entwickeln." /rme

Links zum Thema

Abstract der Studie
http://ajp.psychiatryonline.org/cgi/content/abstract/162/11/2101

Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit
http://idw-online.de/pages/de/news135254

Homepage der Arbeitsgruppe Prof. Rietschel
http://www.zi-mannheim.de/marcella_rietschel.html

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