Stellungnahme der  Planungsgruppe "ADHS - Forum und - Qualitätszirkel, Region Hannover" zu dem Bericht "Busemann: Weniger Pillen, mehr Erziehung" vom 8. März 2005 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung
(Anm.: nach dem Pressebericht vom 7.3.05 des nieders. Kultusministeriums - immer noch hochaktuell !!!)

"Der Artikel wird den Anforderungen einer verantwortlichen Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS nicht gerecht. Wir sind in Sorge, dass er zu Verunsicherung der Patienten und Familien führt und deren Probleme erhöht.

Die schlichte Gegenüberstellung von "Rezeptblock" und "elterlicher Zuwendung" ist sachlich unangemessen. Langjährige und fachkundige Erfahrungen zeigen, dass Bewegungsmangel, erhöhter Fernsehkonsum und unzureichende elterliche Zuwendung bei Kindern zu Störungen ihres Erlebens und Verhaltens beitragen können, aber nicht (!) Ursachen für ein ADHS sind. ADHS ist im Kern eine neurobiologische Normabweichung, die durch die genannten Faktoren verstärkt werden kann und für die Eltern der betroffenen Kinder eine hohe Belastung und Herausforderung darstellt.

Qualifizierte wissenschaftliche Forschungsergebnisse zeigen, dass wirksame Hilfe für Kinder und Jugendliche mit ADHS deshalb mehrere Behandlungsanteile kombinieren muss: (1.) eingehende Information und Beratung der Eltern / Erzieher / Lehrer mit dem Ziel eines besseren Verständnisses für die Probleme, welche die betroffenen Kinder und Jugendlichen haben und anderen machen und (dadurch!) einer verbesserten Zuwendung und Hilfestellung. (2.) ein Medikament, wenn die Patienten direkt oder indirekt unter den Folgen des ADHS deutlich leiden, und (3.) ggf. pädagogisch-verhaltenstherapeutische Hilfestellungen auch für die Familie. Die langjährig erprobten Medikamente stellen nicht (!) "ruhig", sondern sie erhöhen die Wachheit der Patienten; sie fördern ihre Fähigkeit, ihr Verhalten und ihre Emotionen besser zu steuern, und sie schaffen eine Basis für die dann immer noch notwendige, ADHS-spezifische Pädagogik.

Der Artikel schürt unverantwortlich die Angst vor Medikamenten durch den zusammenhangslosen Hinweis auf den tragischen Tod eines Kleinkindes (durch ein bei ADHS nicht zu verwendendes Medikament!). Auch erweckt der Artikel den Eindruck, Ärzte und Eltern würden leichtfertig zu dem steigenden Gebrauch der Medikamente beitragen. Tatsächlich gibt es gute und sachliche Gründe für die Verschreibungszunahme, nämlich: (1.) im Jahre 1990 wurden nur 2850 von ca. 200 000 dringend behandlungsbedürftigen Patienten mit ADHS-Symptomatik in Deutschland medikamentös behandelt; (2.) zunehmende Kenntnis und diagnostische Sicherheit erhöhte, zum Wohl der behandelten Kinder, diese Zahl bis 2001 auf 54 000; und (3.) wurden seit 1990 zunehmend und notwendigerweise auch Erwachsene mit ADHS medikamentös behandelt. Die ADHS-Experten-Konferenz im Bundesgesundheitsministerium stellte 2002 fest, dass immer noch zu wenig Patienten mit ADHS-Symptomatik fachgerecht und den Erkenntnissen der Wissenschaft folgend behandelt werden! Dies gilt auch aktuell. Bei ca. 20% der Gefängnisinsassen liegt ein unerkanntes ADHS vor. Die oben beschriebene Kombinationsbehandlung mit Medikation senkt (!) nachweislich das Risiko der betroffenen Kinder und Jugendlichen für spätere kriminelle Auffälligkeiten und für Substanzmissbrauch.

Seit 35 Jahren werden auch in Hannover Kinder mit ADHS erfolgreich behandelt. Seit 1996 gibt es ein multiprofessionelles "ADHS-Forum und -Qualitätszirkel", in dem wir mit KinderärztInnen, PsychiaterInnen, PsychologInnen, LehrerInnen und anderen FachkollegInnen regelmässige Fortbildungen und Diskussionen zum Thema leisten. Die aufwendige Diagnosestellung und Behandlung stützt sich auf internationale Leitlinien, die selbstverständlich auch die Vermeidung unzutreffender Diagnosestellung und ungeeigneter medikamentöser Behandlung zum Ziel haben.

Eine ADHS-Symptomatik lässt sich leider nicht mit mehr Sport oder mit weniger Fernsehen hinlänglich behandeln. Wer die oft unverzichtbare Medikation in Frage stellt, läuft Gefahr, eine für den Lebensweg der Patienten oft entscheidende Hilfeleistung zu verhindern. Von unserem Kultusminister hätten wir uns eine differenziertere Handhabung der sehr komplexen Thematik gewünscht, z.B.: (1.) Konstruktive Konzepte, die das allzu häufige schulische Scheitern der von ADHS betroffenen Kindern verringern; (2.) Lösungsansätze, um der zunehmende Aussonderung von Kindern wegen Verhaltensauffälligkeiten aus den Regelschulen zu begegnen; (3.) Hilfe bei der Einrichtung fallbezogen arbeitender ADHS-Expertengruppen. Dies wären erste Schritte für konstruktives Handeln, das dringend erforderlich ist.

Planungsgruppe "ADHS - Forum und - Qualitätszirkel, Region Hannover"

Gerda Borger, Diplom-Psychologin

Dr. med. Hans Link, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Hannover

Gebhard Kersten, Arzt für Kinder- und Jugendmedizin, Lehrte

Dr. phil. Georg Wolff, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut"

 

Vielen Dank an die Mitglieder der Planungsgruppe, die uns gestattet haben, diese Stellungnahme zu veröffentlichen

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