Seniorentheater Aktuell

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Do 25. September 2008 | Podiumsdiskussion, Hamburg; Körber Stiftung

So ein Theater mit den Alten

Zunehmend entdecken Senioren ihre Lust am Theaterspielen – Angebote finden sie nicht nur in Amateurtheatergruppen von Stadtteil- oder Seniorenzentren, sondern auch in Produktionen großer Bühnen. Bevor Schauspielhaus und Körber-Stiftung vom 3. bis 5. Oktober 2008 das Festival »Herzrasen – 2. Theatertreffen [60+]« veranstalten, diskutieren Experten über die Potenziale des Seniorentheaters zwischen diesen beiden Polen: Hier die Orientierung an den altersspezifischen Möglichkeiten der Laien und an ihren Biografien, am Theaterspielen als Prozess, Training oder gar Therapie. Dort die Orientierung an der professionellen Theaterarbeit, die Fokussierung auf Aufführung, künstlerische Qualität, Ästhetik.

Thematisiert wird sowohl die individuelle als auch die gesellschaftliche Bedeutung von Seniorentheater. Einerseits geht es dabei um individuelle Erfahrungen und den persönlichen Gewinn der Beteiligten: um Sinnstiftung, Kompetenztraining, körperliche und geistige Beweglichkeit, Erfolgserfahrungen, Teilhabe, Wertschätzung, Teamgefühl. Und andererseits um gesellschaftliche Fragen: Was bedeutet Seniorentheater für die Institutionen, an die es angebunden ist, für die Stadttheater, Stadtteil- oder Senioreneinrichtungen? Welche Rolle kommt dem Seniorentheater in der Diskussion um die alternde Gesellschaft zu? Ist das Alten- und Laientheater auch ein Ausdruck der Suche nach neuer Authentizität und Wahrhaftigkeit im Theater? Und schließlich: Kann Seniorentheater zu einem neuen, positiven Altersbild beitragen?

Neben Laiendarstellern diskutieren: Friedrich Schirmer , Intendant des Schauspielhauses, Jochen Wietershofer, Regisseur und Theaterpädagoge und Leiter einer Seniorentheatergruppe am Badischen Staatstheater ,Julia Hölscher , Regisseurin und 2007 Preisträgerin Körber Studio Junge Regie, sowie Meggi Krieger, verantwortlich für Altenkulturarbeit im Goldbekhaus Hamburg.

 

 

Do 25. September 2008

Der Traum von einer großen Theaterfamilie unter einem Dach

So ein Theater mit den Alten – Julia Hölscher, Meggi Krieger, Friedrich Schirmer und Jochen Wietershofer diskutierten Potenziale des Seniorentheaters

Was aus einer alten Schulfreundschaft doch entstehen kann: 2004 besuchte Friedrich Schirmer, damals designierter Intendant des Deutschen Schauspielhauses, seinen Schulfreund Dr. Klaus Wehmeier. Wehmeier, im Vorstand der Körber-Stiftung, führte ihn durch das Haus im Park in Bergedorf. Schirmer war begeistert vom BegegnungsCentrum für Menschen ab 50 – Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Seniorentheaters. Bereits zum zweiten Mal richten Schauspielhaus und Körber-Stiftung vom 2. bis 5. Oktober 2008 das Festival »Herzrasen – Theatertreffen [60+]« aus, das Profi- und Laientheater vereint.

Die Podiumsdiskussion im KörberForum bildete den Auftakt zum Herzrasen-Festival. »Um die Faszination und die Potenziale des Theaterspielens von Älteren« sollte es gehen, so Wehmeier in seiner Begrüßungsrede: »Für die Mitspielenden selbst, für ihr – beileibe nicht nur älteres – Publikum, und auch für die Organisationen, an die das Seniorentheater gebunden ist.« Seniorentheater sei ein »junges, lebendiges, herzerwärmendes und ganz wunderbares« Kultur- und Gesellschaftsthema.

Vier Laiendarsteller aus dem Dokumentartheaterprojekt »Die Kümmerer«, das das Festival am 5. Oktober beschließen wird, gaben zunächst eine Kostprobe. Das Stück über Hamburger Alltagshelden verknüpft Biographisches und erfundene Dialoge, die Autor David Gieselmann den Schauspielern auf den Leib geschrieben hat. Jan, Uwe, Mico und Rainer, auch im wahren Leben allesamt ehrenamtlich aktiv, packen einen Vogelkäfig aus und präsentieren dem Publikum ihre Assoziationen. Uwe: »Bei Käfig denke ich an eingesperrt sein durch Konventionen und an die Käfige, die wir um uns herum bauen. Nieder mit den Käfigen – das Eigene leben – frei sein!« Mico: »Käfige sind ganz schlimm. Man ist ein ganzes Leben lang gefangen. Aber die Gitter des Käfigs erinnern mich an meine Tätigkeit mit den Stolpersteinen. Auch KZs waren Menschenkäfige.«

Gemeinsam mit 14 weiteren Darstellern sind die Senioren aus mehreren hundert Interessenten gecastet worden. Dazu Mico: »Es wurde ein Mann gesucht, der frei über seine Homosexualität spricht. Da habe ich mich beworben.« Er engagiert sich ehrenamtlich für das Sichtbarmachen von Schicksalen Homosexueller in der NS-Zeit. »Ich bin stolz darauf, das im Schauspielhaus publik machen zu dürfen.« Für Jan, einen ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden, der seit 10 Jahren in Rente ist, ist das Theaterspielen »eine völlige Neuentdeckung« – ihn hatte ein Gewerkschaftskollege auf das Casting aufmerksam gemacht. Die Laiendarsteller berichteten auf dem Podium begeistert von der Entstehung des Stücks und von der hervorragenden Arbeit mit Regisseur Markus Heinzelmann und Dramaturgin Nicola Bramkamp.

Moderatorin Ulrike Burgwinkel ist feste freie Radiojournalistin beim WDR und beim Deutschlandfunk. Sie eröffnete die anschließende Expertenrunde mit einer Strophe aus dem Gedicht »Die Kümmerer« von Erich Kästner: Die Kümmerer sind sehr begehrt,/ weil sie bescheiden sind und nichts begehren./ Sie wollen keinen Gegenwert./ Sie wollen nichts als da sein und verehren. Der Auftakt für eine offene, lebhafte, erfrischende – und humorvolle Diskussion.

Theater 60+ wird eine Bewegung

Viele Lacher erntete Friedrich Schirmers Antwort auf die Frage »Wann sind Sie alt?«: »Sie sollten mal mein Konfirmationsfoto sehen. Mit 14 war ich wirklich alt und traurig.« Julia Hölscher, mit 29 Jahren die Jüngste in der Runde und 2007 als beste Nachwuchsregisseurin beim 4. Körber Studio Junge Regie ausgezeichnet, berichtete aus ihrer Regiearbeit. Am schauspielhannover hat sie die Uraufführung von Tankred Dorsts »Ich bin nur vorübergehend hier« in Szene gesetzt. Das poetisch-surreale Stück des 82-jährigen Dorst handelt von Weggeschlossensein, Todesnähe und den Gebrechen des Alters. Ob sie denn als junge Frau Schwierigkeiten mit dem Thema und den Darstellern gehabt habe? Nein, denn bei der Regiearbeit gehe es immer um Achtung vor dem Menschen, egal ob man mit Kindern oder Alten arbeite. Die Arbeit mit älteren Menschen – Laiendarstellern wie Berufsschauspielern – habe sie dazu gebracht, sich aufs Alter zu freuen.

Schließen sich Altentheater als individueller Prozess der Selbstfindung, der mithilfe theaterpädagogischer Methoden auf die Bühne gebracht wird, und professionelles Seniorentheater an großen Bühnen aus? Meggi Krieger leitet im Stadtteilzentrum Goldbekhaus in Hamburg das am längsten bestehende Altentheaterprojekt Deutschlands »Die Herbst-Zeitlosen«: »Ich würde mir wünschen, dass das Altentheater als Kunstform in den Vordergrund rückt.« Für Julia Hölscher ist das aber kein Gegensatz: »Kunst hat doch an sich etwas Pädagogisches.« Meggi Krieger sagte, sie habe Theaterprojekte erlebt, die einen Prozess durchlaufen. Wenn eine erste Produktion abgeschlossen sei, wollten viele Beteiligte über das Biographische hinausgehen. Friedrich Schirmer betonte die Relevanz des Themas für große Bühnen: »Als wir das Junge Schauspielhaus gründeten, war uns klar, dass uns die andere Seite der energetischen Medaille genauso beschäftigen würde. Uns war klar: Das Theater 60+ wird eine Bewegung.« Meggi Krieger unterstrich: Die Biographiearbeit im Seniorentheater würden zwar viele junge Zuschauer spannend finden. Aber die neue Generation der »Jungen Alten« wolle weg davon. Die Verbindung von jungen und alten Themen sei gefragt: »Das intergenerative Theater ist die Zukunft.« »Die Herbst-Zeitlosen« würden derzeit Altersbilder überdenken. Ihnen gehe es darum, neue Bilder öffentlich zu machen.

»Herzrasen«: Ein Festival mit vielen Highlights – und neuen Bildern vom Alter

Zu diesen neuen Bildern vom Alter konnte Almut Wagner vom Deutschen Schauspielhaus, Festivalleiterin von »Herzrasen«, Einiges berichten. Sie betonte die große Bandbreite der Stücke aus allen Teilen der Republik: Amateurhaftes und Professionelles, Tanz und Schauspiel, Dokumentarisches und Poetisches ist darunter. Außerdem Teil des Festivals: Workshops für alle theaterbegeisterten Alten.

»Gefallen Ihnen eigentlich Bezeichnungen wir ‚Seniorentheater’ oder ‚Altentheater’? Hat das nicht etwas Diskriminierendes?« Moderatorin Ulrike Burgwinkel beteiligte früh das Publikum an der Diskussion – ein, wie sich zeigte, ausgesprochen fachkundiges Publikum. Ein Herr, der bei »Die Kümmerer« mitwirkt: »Wir spielen uns selbst, mit unseren Erfahrungen. Das ist die Botschaft: Unsere Generation hat eine Kraft aufgebaut, und die muss sie loswerden.« Das älteste Ensemble-Mitglied der »Kümmerer«, die 91-jährige Sonja: »Die Frage, wann ich alt werde, hängt von uns selbst ab. Wenn wir bis zum Schluss immer etwas tun, sind wir nicht alt.« Heinrich, ebenfalls Teil des Ensembles, berichtete begeistert von dem »gruppendynamischen Prozess, den wir durchgemacht haben. Wir sind eingetaucht in die Vergangenheit.«

 

Erinnerungen weitergeben

Jochen Wietershofer ist Regisseur und Leiter der Seniorentheatergruppe »BaSta« am Badischen Staatstheater Karlsruhe und außerdem aktiv im Bundesarbeitskreis Seniorentheater. Er konnte diese Aussagen nur bestätigen: »Ja, es gibt es großes Bedürfnis, die eigene Geschichte weiterzugeben. Das ist ja überhaupt der Ursprung des Theaters – hier können Erinnerungen weitergereicht werden.« Senioren verfügten über eine längere Lebens- und Erfahrungsspanne, aus der sie beim Theaterspielen schöpfen könnten. Einem 35-Jährigen könne er dagegen manch eine Rolle nicht abnehmen. »Mir ist in meiner professionellen Laufbahn nichts Besseres passiert als die Theaterarbeit mit Senioren.« »BaSta« bringt Neufassungen der Klassiker auf die Bühne. Die Themen würden durch die Nähe von Alter und Tod anders fokussiert als sonst in der Theaterarbeit. Natürlich liege das auch an der Zeit, die man sich für die Inszenierungen nehme – hier könnten die Darsteller ihre Rolle wirklich zu Ende denken. Friedrich Schirmer sprach vom »Spagat zwischen Lebensangst und Todesfurcht«, bei dem das Theater helfe.

Eine engagierte Zuhörerin rief dem Podium ganz praktische Schwierigkeiten ins Bewusstsein, mit denen Seniorentheater abseits großer Häuser und Institutionen konfrontiert sei: Sie habe 10 Jahre lang mit einer kleinen Gruppe in einer Volkshochschule Theater gespielt. »Wir mussten alles selbst machen, ob nun Text, Kostüme oder die Raumfrage. Und wir hatten immer Schwierigkeiten, Männer als Darsteller zu finden.« Altentheaterprojekte an großen Bühnen hätten es leichter, musste Jochen Wietershofer zugeben. »Ein schönes Stück, möglichst lustig, schöne Kostüme, da will man dran mitwirken.« Und er räumte ein: »Im Amateurtheater steht und fällt alles mit dem Dramaturg bzw. dem Spielleiter.« Friedrich Schirmer gab eine hoffnungsvolle Prognose: »Die Staatstheater werden dem Altentheater zunehmend ihre Ressourcen und Räume öffnen.«

Von einem immanenten Problem des Altentheaters berichtete eine 87-jährige Zuschauerin. Seit 1991 gehörte sie der Seniorentheatergruppe »Blaue Stunde« an, die nach einem Aufruf im Abendblatt auf Kampnagel probte und mehrere Stücke im Malersaal zur Aufführung brachte – weitgehend ohne öffentliche Unterstützung. »Aber weil wir es versäumt haben, uns zu verjüngen, fiel die Gruppe 2004 auseinander.«

»Warum betreiben wir diese Ghettoisierung? Warum machen wir nicht einfach Theater?«, fragte ein Publikumsgast. »Weder ‚Junges Theater’ noch ‚Altes Theater’, sondern einfach Theater.« Darauf entgegnete Jochen Wietershofer, dass die Entwicklung im Kinder- und Jugendtheater eine ähnliche gewesen sei. In den 70er- und 80er-Jahren habe man wegkommen wollen vom kindertümelnden Theateraufführungen, man wollte sensibilisieren und Probleme von Kindern- und Jugendlichen verhandelt sehen. Er beobachte beim Seniorentheater eine ähnliche Entwicklung. Im Moment habe das Altentheater einen eigenen Raum, einen Schutzraum, der auch dem Kinder- und Jugendtheater gut getan habe. Und Friedrich Schirmer: »Vielleicht sollte man nicht von Ghettoisierung, sondern von Spezialisierung sprechen. Mein Traum ist eine große Theaterfamilie unter einem Dach.« »Also derzeit eher Biotop statt Ghetto«, so verortete Ulrike Burgwinkel abschließend das deutsche Seniorentheater.

Dr. Klaus Wehmeier beschloss den offiziellen Teil des Abends: »Diese Energie, die man heute Abend spüren konnte, zeigt, dass unser neues Rahmenthema sowohl kultur- als auch gesellschaftstauglich ist.« Man habe gesehen, welche Kraft das Alter mit sich bringe, nun gehe es darum, positive Aspekte des Alterns in den Vordergrund zu stellen.

 

Ausbildung im Bereich Seniorentheater: 

Bildungshaus Batschuns/ Österreich

Österreichischer Bundesverband

BDAT/ Qualifizierungsprogramm Seniorentheater



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