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Stefan Erl aus Rostock, Student an der Universität Rostock, schrieb für sein Sommersemester eine Hausarbeit über Afghanistan und die Taliban. Ich danke ihm für seine Einverständnisserklärung, diese auf meiner Homepage zu veröffentlichen. Außerdem möchte ich ihn an dieser Stelle für diese Arbeit sehr loben. Sehr gute Arbeit! Akila
Inhaltsverzeichnis
Einleitung Afghanistan Afghanistan in Zahlen Geschichtlicher Abriss Afghanistans Wer sind die Taliban? Der Aufstieg der Taliban Die Gesellschaftlichen Veränderungen unter der Herrschaft der Taliban Die Dekrete der Taliban Die Frauen unter den Taliban Zur Rolle Pakistans Schluss Literaturverzeichnis
Einleitung Seit 1994 wurde auch in den deutschen Medien immer wieder über die für uns Mitteleuropäer so unfassbaren Veränderungen im entfernten Afghanistan berichtet. Als Angehörige der sogenannten "westlichen Welt" erscheint es uns völlig barbarisch, Gesetze zu verkünden, die uns in vielen Zügen an das Mittelalter erinnnern. Genau dieses ist in Afghanistan passiert, seit die Taliban die Macht errangen. Sie verboten quasi den Fortschritt mit der Zeit, Frauen hatten plötzlich keine Rechte mehr, nur noch Pflichten, und auch die gemäßigteren Moslems hatten unter den extremen, und in vielen Bereichen auch falschen Auslegungen des Koran durch die Taliban zu leiden. Doch wer sind eigentlich die Taliban? Sind sie ein Stamm, mit großer Vergangenheit und vielen Traditionen? Eine Partei? Eine Vereinigung von hohen Moslemführern? Und wie konnten sie an die Macht kommen? Auf legalem Weg durch Wahlen? Oder durch einen Krieg oder Putsch? Viele Fragen, die ich mir schon vor einigen Jahren gestellt habe, und mit dieser Hausarbeit nun zu beantworten versuche. Bei meinen Recherchen bin ich auf lediglich zwei Bücher gestoßen, die sich eingehend mit den Taliban beschäftigen. Bei der Aktualität des Themas wäre es fatal gewesen, sich nur auf diese zu stützen. Also beschloss ich, das neueste und aktuellste aller Medien mit einzubeziehen: das Internet. Besonders hilfreich war hier das Online-Archiv von "Der Spiegel". Dort fand ich sogar mehrere umfangreiche Artikel von Ahmed Rashid, der eines der von mir gefundenen Bücher geschrieben hat. Aufgrund der Fülle seiner Artikel, hielt ich es nicht für nötig, sein Buch "Taliban - Gotteskrieger und der Dschihad" durchzuarbeiten. Doch um den Aufstieg und das Denken der Taliban verstehen zu können, ist es wichtig, auch einen Blick auf die Ereignisse in Afghanistan im letzten Jahrhundert zu werfen. Damit beginnt diese Hausarbeit. Im zweiten Kapitel gehe ich detailliert auf die Entstehung der Talibanbewegung, ihren Aufstieg und letztendlich auf das gesellschaftliche Leben unter der Herrschaft der Taliban ein. Der Schwerpunkt liegt im letztgenannten Abschnitt auf den vielen Regeln, an die sich die afghanische Bevölkerung halten musste. Besonders zu leiden hatten die Frauen, so dass ich die Dekrete, die das Verhalten der Frauen betrafen, in einem eigenen Unterabschnitt erläutere. Als ich mir dieses Thema für die Hausarbeit wählte, hieß es ursprünglich "Afghanistan und Pakistan". Da es den Umfang einer Hausarbeit sprengen würde, auch noch auf Pakistan näher einzugehen, habe ich mich entschlossen, den Bezug zu Afghanistans östlichen Nachbarn dahingehend zu erhalten, indem ich die Beziehung Pakistans zur Talibanregierung beleuchte. Dieses geschieht im dritten Kapitel. Da Pakistan in dieser Hausarbeit aus den genannten Gründen im Vergleich zu Afghanistan keine gleichberechtigte Rolle spielt, habe ich mich entschlossen, es auch nicht im Titel zu nennen. Diesen habe ich geändert in "Afghanistan und die Taliban". Obwohl sich der größte Teil dieser Hausarbeit mit den Taliban beschäftigt, steht "Taliban" nicht an erster Stelle im Titel. Dazu hat mich die Tatasche bewegt, das die Talibanbewegung wohl ohne Afghanistan nie entstanden wäre, Afghanistan aber sehr wohl ohne die Taliban ein existierender Staat war und ist. Die Taliban waren also von Afghanistan abhängig, und nicht umgekehrt. Rostock, August 2002
Afghanistan in Zahlen Der Staat Afghanistan umfasst eine Fläche von 652.225 km², die in 31 Provinzen verwaltet werden. Ein Großteil des afghanischen Staatsgebietes sind Bergland, und wegen der Höhenlage unfruchtbar. Über die Größe der Nutzfläche gibt es keine aktuellen Daten, sie hat aber in den vergangen Jahren kriegsbedingt abgenommen. Hauptexportgüter sind Früchte und Nüsse sowie Teppiche, Wolle, Felle und Edelsteine. In den vergangenen Jahren gewann besonders der lukrative Opiumanbau an Bedeutung. Seit Beginn des Bürgerkrieges liegen keine verlässlichen Bevölkerungszahlen mehr vor. Man schätzt, dass in Afghanistan etwa 22,5 Mio Menschen leben, die sich auf viele ethnische Gruppen verteilen. Mit 38% der Bevölkerung sind die Paschtunen am stärksten vertreten, gefolgt von den Tadschiken mit 25%, den Hazara (19%), Usbeken (6%) und Aimak, Nurestani, Belutschen, Turkmenen und Kirgisen. Die Sunniten sind mit 84% am stärksten vertreten, während die Schiiten auf etwa 15% geschätzt werden. 43% der Bevölkerung sind unter 15 Jahren. Das Bevölkerungswachstum liegt bei 3,7%. Auf eine Frau kommen im Durchschnitt 6,8 Geburten, jedoch überleben nur 84% der geborenen Kinder das Säuglingsalter. Die Lebenserwartung der Männer liegt bei 43 Jahren, während sie bei den Frauen mit 44 Jahren nur unwesentlich höher ist.
Geschichtlicher Abriss Afghanistans Im Gegensatz zu Südostasien wird das Gebiet des heutigen Afghanistans relativ früh während des Kalifats der Omaijaden (661-750) islamisiert. Seinen kulturellen Höhepunkt erlebt das Land unter der Dynastie der Ghaznawiden im 11. und 12. Jahrhundert, als sie zeitweilig ein Reich vom Indus bis zum Iran beherrschen. Mitte des 18. Jahrhunderts entsteht der Staat Afghanistan, als der Paschtune Ahmad Schah Durrani die Gebiete des heutigen Afghanistans erobert. Weder die Russen noch die Briten können das Land dauerhaft unterwerfen. Nach einigen schmerzlichen Niederlagen erkennt Großbritannien 1919 die Unabhängigkeit Afghanistans an. In den folgenden 10 Jahren regiert Amanullah Khan das Land. Er unternimmt den Versuch, sein im Islam verwurzeltes Land nach dem Vorbild Kemal Atatürks zu modernisieren und dem Westen gegenüber zu öffnen. Er verbietet den Frauenschleier in Kabul, ordnet das Tragen europäischer Kleidung an und holt deutsche Firmen und Ingenieure ins Land. Ebenfalls in dieser Zeit wird von deutschen Lehrern die Amani-Oberrealschule in Kabul gegründet, an deren Oberstufe die naturwissenschaftlichen Fächer auf Deutsch unterrichtet werden. Viele spätere afghanische Intellektuelle gingen durch diese Schule. 1929 übernimmt Nadir Khan, ein Verwandter Amanullahs, die Regierung. Dieser wird jedoch 1933 ermordet, und daraufhin besteigt sein Sohn Zahir Schah den Thron. Rückblickend sind viele Afghanen heute der Meinung, dass es dem Land unter Zahir Schah am besten ging. Der Hauptgrund für diese Sichtweise ist der glückliche Umstand, dass dieser König als einziger ein gutes Verhältnis zu sämtlichen Stämmen hatte. 1964 werden Frauen gleichgestellt, indem sie das Wahlrecht erhalten und von nun an selbst entscheiden dürfen, ob sie den Schleier tragen oder nicht. Darüber hinaus erhalten sie freien Zugang zur Universität und dürfen in die Belegschaft der Regierung einsteigen. 1973 wird die Regentschaft Zahir Schahs durch einen von Daoud Khan und der afghanischen kommunistischen Partei (PDPA) geführten Militärputsch beendet. Daoud Khan schafft daraufhin die Monarchie ab und ernennt sich zum Präsidenten. Nach einem weiteren Putsch 1978 und großen Unruhen in den folgenden Monaten marschiert 1979 die Sowjetunion, die kurz zuvor einen Freundschaftsvertrag mit Afghanistan unterzeichnet hat, in das Land ein, um die kommunistische Regierung zu unterstützen. Babrak Kamal wird von den Sowjets eingesetzt, um das Land zu regieren. Im Gegenzug wird die afghanische Guerillabewegung der Mudschahidin gegründet. Es folgt ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg. Nadschibullah löst 1986 Kamal als Präsident ab, und schlägt ein Jahr später eine Waffenruhe vor. Die Mudschahidin weigern sich jedoch mit der Begründung, nicht mit einer Marionettenregierung verhandeln zu wollen. Erfolglos zieht sich die Sowjetarmee 1989 zurück, nachdem in den vergangen Jahren schätzungsweise 40000 - 50000 sowjetische Soldaten ihr Leben verloren haben. In den folgenden Jahren setzen die Mudschahidin ihren Kampf gegen Nadschibullahs Regime fort, und nehmen 1992 schließlich die Hauptstadt Kabul ein. Burhannuddin Rabbani wird zum Präsidenten gewählt. In den Jahren seiner Regierung bekriegen sich die Mudschahidin untereinander weiter. Gekämpft wird hauptsächlich um die Provinzen und Macht im Staat. Die stärksten Gegner der Regierung Rabbanis sind Gulbuddin Hekmatyar und der Tadschike Dostam. 1994 greifen erstmals die Taliban in die Kämpfe mit ein. Nach schweren Kämpfen nehmen sie 1996 Kabul ein, während die Regierung ins Exil flieht. Unter der Führung des ehemaligen Verteidigungsministers Massud gruppiert sich die Nordallianz, der auch ehemalige Feinde der Regierung angehören. 2001 herrschen die Taliban bereits über 90% des Landes. Als am 11. September ein Terroranschlag ungeahnten Ausmaßes die USA erschüttert, macht die amerikanische Regierung dafür Osama bin Laden verantwortlich. Man beschuldigt die Taliban, ihm Unterschlupf zu gewähren und fordert die Auslieferung. Da das Recht auf Asyl und Gastfreundschaft bei den Taliban einen hohen moralischen Stellenwert hat, wird bin Laden weiterhin geschützt. Daraufhin greift die USA im Bündnis mit Großbritannien Ende 2001 Afghanistan an und stürzt schließlich das Taliban-Regime.
Wer sind die Taliban? Das Wort Taliban leitet sich aus dem arabischen Wort "talib" ab, was soviel bedeutet wie Koranschüler. "taliban" ist lediglich der Plural. Die Taliban sind weder ein Stamm mit vielen Traditionen noch eine Vereinigung mit langer Vergangenheit. Die Mehrheit der Taliban entstammt zwar dem Mehrheitsvolk der Paschtunen, der Bewegung konnte aber jeder beitreten, der dieselben Interessen verfolgt. Um verstehen zu können, wer die Taliban sind, ist es nötig, näher auf die besonderen Umstände einzugehen, die in der Summe dazu führten, dass die Taliban jene strenggläubigen Moslems wurden, die man in den Medien kennen gelernt hat. Viele spätere Taliban sind als Kinder in den zahlreichen Flüchtlingslagern hinter der Grenze zu Pakistan aufgewachsen. In derselben Zeit entstanden ebenfalls an der Grenze unzählige Koranschulen, sogenannte Madrassen. Diese wurden geleitet von pakistanischen Fundamentalisten und afghanischen Mullahs, die selbst weder lesen und schreiben konnten, noch über mathematische, wissenschaftliche, historische und geografische Kenntnisse verfügten. Kaum ein Schüler dieser Madrassen lernte etwas über die eigene Geschichte oder gar den Dschihad gegen die UdSSR. Eingespannt zwischen Arbeit und dem Koranstudium an den genannten Madrassen entwickelten sich viele Schüler zu desillusionierten Soldaten, die nur den Krieg und die Gegenwart kannten. Ihnen fehlten Erinnerungen an ein friedliches Afghanistan ebenso wie Erinnerungen an Stammeszugehörigkeiten, ihre geografischen Nachbarn oder die Völkergemische in Afghanistans Dörfern und Städten. Durch die Lehren der Führer der Madrassen wurden die Taliban zu glühenden Anhängern der Wahhabiten. Der Wahhabismus entstand bereits im 18. Jahrhundert und ist nach dem militanten Islamgelehrten Abd al-Wahhab benannt. Er predigte die Rückkehr zur ursprünglichen Strenge des Islam. Danach ist Musik, außer Trommeln, verboten, es gilt absolutes Alkoholverbot, die Scharia ist verbindlich und Frauen haben fast gar keine Rechte. Der Aufstieg der Taliban Als sich die männliche Bruderschaft um den damals 36-jährigen Mudschahidin-Führer Mullah Mohammed Omar Ende 1994 formierte, war Afghanistan im Zustand eines Zerfalls. Das Land war in Lehnsgüter für die Kriegsherren, den sogenannten Warlords, aufgeteilt. Diese schlossen und lösten untereinander wirre Bündnisse, und bekriegten sich letztendlich doch wieder. Die Regierung selbst kontrollierte nur die Hauptstadt Kabul und die nähere Umgebung, sowie den Nordosten des Landes. Anfangs hatte Omar nur zwei dutzend Anhänger unter Waffen, um mit ihrer Hilfe gegen die Exzesse anderer Warlords in seinem Heimatdorf vorzugehen. Nach ersten Erfolgen wuchs die Bewegung so schnell, dass, begünstigt durch die Zerstrittenheit der betroffenen Warlords, auch Kandahar nach kurzer Zeit genommen wurde. Dort nahm Omar aus einem Schrein den legendären Mantel, der dem Propheten gehört haben soll, stellte sich auf ein Dach und posierte vor seinen Anhängern. Im Ausland galt dies als Anmaßung Omars, der neue Mohammed sein zu wollen. Nach weiteren Erfolgen ließ sich Omar "Führer des gesamten Islams" nennen, ein Titel, den sich seit dem 4. Kalifen vor 1000 Jahren kein Moslem mehr gegeben hat. Rasch kämpften sich die Taliban im Süden vor. Die kriegsmüde Bevölkerung betrachtete sie als Retter, obwohl viele gleichzeitig von der an mittelalterliche Bräuche erinnernde Auslegung des Islam schockiert waren. Als die Taliban 1996 Richtung Kabul marschierten, versuchte der damalige Verteidigungsminister Massud durch die Bildung einer Koalition, der auch manche seiner Feinde angehörten, z.B. dem Usbeken-General Dostam, den Ansturm aufzuhalten. Doch die Koalition kam zu spät zustande, und im September 1996 nahmen die Taliban nach schweren Kämpfen auch Kabul ein. Aufgrund ihrer archaischen, brutalen Form des Islam wurden die Taliban im Ausland selbst von den meisten muslimischen Staaten nicht anerkannt. Nachdem Kabul eingenommen wurde, entsandten Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate als einzige Staaten Botschafter nach Kabul. Auch die UNO erkannte den Taliban-Staat nicht an, so dass Afghanistan während der Regentschaft des Taliban-Regimes von den Gesandten Rabbanis, dem letzten Präsidenten Afghanistans, vertreten wurde.
Die gesellschaftlichen Veränderungen unter der Herrschaft der Taliban Die Taliban hatten nur wenig Erfahrung darin, eine funktionierende Regierung zu bilden um einen Staat führen zu können. Sie sahen dies auch nicht als ihre Hauptaufgabe an. Viel wichtiger waren ihnen die Erringung militärischer Erfolge, das Ausmerzen der Korruption und der Aufbau eines Staates, in dem Recht und Ordnung herrscht. Die Umsetzung des letzten Zieles war jedoch kaum transparent, da es keine klaren Gesetze gab. Vielmehr stützte man sich auf Dekrete des Talibanführers Omar. Bereits einen Tag nach der Eroberung der Hauptstadt Kabul wurden die ersten landesweiten Verhaltensregeln verkündet. Als Sprachrohr diente dazu hauptsächlich der Radiosender Radio Kabul, der von den Taliban nach der Einnahme der Stadt in Radio Scharia umbenannt wurde. Um die Einhaltung aller Regeln strengstens überwachen zu können, setzte das Ministerium zur Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters die Sittenpolizei ein. Diese marschierte täglich durch die Straßen der Städte, und maßregelte diejenigen, die die Regeln nicht einhielten. Dies konnte einerseits eine Ermahnung sein, andererseits, je nach Vergehen, Prügel oder Steinigung.
Die Dekrete der Taliban Die folgenden Dekrete
gehen bei weitem über das hinaus, was der Koran von den Moslems
fordert, und hat auch in der arabischen Welt Unverständnis hervor
gerufen. Die Verhaltensregeln, nach denen sich die Frauen richten
mussten, werden im nächsten Abschnitt behandelt. Dieben wurden, wie
im Mittelalter, eine oder beide Hände abgeschlagen. Ehebrecher
wurden gesteinigt. Das Trinken von Alkohol wurde mit
Peitschenhieben bestraft. Die Medien der Neuzeit wie Fernseher und
Videos wurden ebenso verboten wie Musik. Auch Spiele, Sportspiele
eingeschlossen, wurden verboten. Die ehemaligen Fußballstadien
wurden unter den Taliban für die Vollstreckung von Strafen, auch
Todesurteilen, genutzt. Männer mussten ihren Bart tragen und ein
Turban auf dem Kopf war Pflicht. Die Abbildung von Tieren und
Menschen wurde verboten. Das führte dazu, das alle Abbildungen von
Lebewesen, wie beispielsweise Tiere auf Lebensmittelverpackungen
oder Köpfe auf Haarshampoos, übermalt werden mussten. Allerdings
mussten die Playboy-Hasen, die auf einigen Parfüms abgebildet
waren, und die noch lange nach der Machtergreifung der Taliban auf
den Märkten gehandelt wurden, nicht übermalt werden. Die Begründung
der Sittenpolizei: Playboy-Hasen leben nicht! Auch die
Abbildung von Göttern, also Götzen oder Statuen, war nicht
gestattet. Um dies zu gewährleisten, wurden im März 2001 die
buddhistischen Statuen von Bamiyan zerstört. Sie gehörten zum
Weltkulturerbe, zumal eine der Statuen mit 53 Metern die größte
Darstellung eines stehenden Buddhas war. Ebenso wurde ein Großteil
der buddhistischen Statuen im Kabuler Nationalmuseum zerstört. Der
Islam-Experte Bassam Tibi äußerte sich zu diesen Vorgängen
folgendermaßen: "Das, was die Islamisten der Taliban tun, ist
vergleichbar mit den Untaten der Nazis in Bezug auf die Synagogen
nach 1933 (...)" [1] Der ägyptische Religionsminister Hamdi Saksuk
äußerte sich auf die Frage, ob die Zerstörung der Statuen von
Bamiyan vom Islam gefordert wird, folgendermaßen: Ich verstehe die
Taliban nicht, und ich verurteile sie. Islam, das heißt doch vor
allem Toleranz. Unsere Religion setzt sich ein für Frieden,
Freiheit und Menschenwürde. [2] Im Januar 2001 drohte Mullah Omar Afghanen,
die den Islam aufgeben, den Tod an, obwohl der Koran dem Menschen
ausdrücklich auch die Freiheit der Wahl in religiösen Fragen
gewährt: Wer nun will, möge glauben, wer nicht will, soll es
lassen. Im Juli desselben Jahres wurde bekannt gegeben, dass
ausländische Helfer mit Strafen rechnen müssten, wenn sie Alkohol
oder Schweinefleisch in der Öffentlichkeit zu sich nehmen, laute
Musik hören oder Schriften ins Land bringen, die fremde Religionen
propagieren. Zur gleichen Zeit wurde die Einfuhr von Nagellack,
Perücken und Spielkarten verboten. Im August erklärte man das
Surfen im Internet für verboten. Ein Computer mit Internetanschluss
war in Afghanistan jedoch noch vorhanden, und dieser wurde nach
Talibanangaben von einer verlässlichen Person bedient. Dieses
Verbot betraf allerdings nur einen ganz geringen Teil der
Bevölkerung, beispielsweise die Mitarbeiter der
Hilfsorganisationen, da die Mehrheit ohnehin weder über einen
Computer noch über einen Zugang zum Internet verfügte. Diese
Dekrete waren in ihrer Härte auch für viele konservative Moslems
abschreckend, und warf das Land mit westlichen Augen gesehen zurück
ins Mittelalter. Die Frauen unter den Taliban In den letzten Jahren hat die Welt wohl kaum ein Land gesehen, in dem die Frauen so wenig Rechte besaßen wie in Afghanistan. Gründe für die Haltung der Taliban gegenüber Frauen werden am Ende dieses Abschnittes beleuchtet. Frauen mussten die Burka, den Vollschleier, tragen. Diese bedeckte den Körper von Kopf bis Fuß, und das Gesicht musste mit einem weiteren Schleier bedeckt werden, der nur einen minimalen Schlitz für die Augen freiließ. Es gibt Berichte, nach denen Frauen auf offener Straße schwer geschlagen wurden oder im Stadion ausgepeitscht wurden, weil die Burka verrutscht war und einige Zentimeter des Handgelenks zu sehen waren. Frauen durften das Haus nicht ohne einen männlichen Verwandten als Begleitung verlassen. Dies war natürlich sehr problematisch für diejenigen Frauen, die der jahrzehntlange Krieg in Afghanistan zu Witwen gemacht hat. Schätzungen zufolge gab es allein in Kabul etwa 60000 Witwen. Der weiblichen Bevölkerung wurde die Kontaktaufnahme zu einem nichtverwandten Mann verboten. Dazu gehörten sowohl ein Blick oder ein Wort als auch eine zufällige Berührung. Aufgrund der zwangsläufigen Gefahr der Kontaktaufnahme am Arbeitsplatz, war es Frauen verboten, zu arbeiten. Dieses Dekret riss in vielen Einrichtung große Löcher in die Belegschaft, da ein Viertel der Kabuler Beamtenstellen, das gesamte Grundschulwesen und der Großteil des Gesundheitswesen mit Frauen besetzt waren. Mädchen durften die Schule nur bis zur 4. Klasse besuchen. Allein in Kabul wurden sämtliche Mädchenschulen geschlossen, wovon etwa 70000 Mädchen betroffen waren. Von der medizinischen Versorgung waren Frauen praktisch ausgeschlossen, da Frauen der Kontakt mit nichtverwandten Männern untersagt ist, und Frauen anfangs nicht als Ärzte arbeiten durften. Dies wurde jedoch nach einiger Zeit erlaubt, aber es fehlte den Ärztinnen oft an Erfahrung und die Arbeit wurde ihnen dadurch erschwert, dass sie auch während den Operationen die Burka nicht ablegen durften. Der Chefarzt der Malalai-Frauenklinik in Kabul berichtete von einer eingelieferten Patientin, die bereits viel Blut verloren hatte. Aber der Chefarzt musste an der Tür stehen bleiben und einer unerfahrenen Ärztin Anweisungen geben. Die Patientin überlebte die Operation nicht. Auch der Sport war Frauen verboten. So wollte Afghanistan bei Olympia 2000 bei den wenigen Sportarten, die unter den Taliban gestattet waren, nur mit bärtigen Männern antreten. Dies ist aber gerade bei den Kampfsportarten wie Ringen und Boxen nicht erlaubt, so dass man letztendlich nicht bei der Olympiade antrat. Durch die genannten Dekrete wurden die Aufgaben der Frauen auf den häuslichen Bereich beschränkt. Dazu gehört vor allem die Haushaltsführung, Kinder, Gartenarbeit und häusliche Viehhaltung. Besonders die Frauen in den Großstädten litten unter den Bestimmungen der Talibanregierung. Dort genossen viele Frauen bis zur Machtergreifung der Taliban eine gute Schulbildung und besaßen vielleicht sogar einen akademischen Abschluss. In den ländlichen Gebieten war aufgrund paschtunischer Traditionen zumindest die Burka nichts neues. Auf die Frage, ob im Koran geschrieben steht, dass Mädchen die Bildung verboten ist, antwortete der ägyptische Religionsminister Hamdi Saksuk, dass dies keineswegs der Fall ist. Die Frau sei dem Mann im Islam gleichgeordnet. Ebenso habe sie ein uneingeschränktes Recht auf Arbeit und Bildung und könne demnach auch hohe Staatsämter übernehmen.[3] Die Gründe für diese frauenverachtenden Dekrete liegen auch in den Umständen, unter denen die Taliban aufwuchsen. Viele von ihnen waren Vollwaisen und hatten als Kinder weder Kontakt zur Mutter, noch zu Schwestern oder Cousinen. Sie lernten die Gesellschaft von Frauen also nie kennen. Ein wichtiger Grund waren auch die Mullahs an den Koranschulen. Viele predigten, dass Frauen eine unnötige Ablenkung vom Dienst an Allah seien, und nur eine Versuchung darstellen. Viele der Taliban fühlten sich von "dieser anderen Hälfte der Menschheit" geradezu bedroht, obwohl sie von ihr überhaupt nichts wussten und nie Kontakt zu ihr hatten. Zur Rolle Pakistans Pakistan als östlicher Nachbar Afghanistans ist maßgeblich am Erfolg der Taliban beteiligt. Wie weitreichend sich diese Hilfe darstellte, soll im folgenden deutlich gemacht werden. Die meisten Taliban wurden in pakistanischen Flüchtlingslagern geboren, gingen in pakistanischen Madrassen dem Koranstudium nach und erlernten ihre kriegerischen Fähigkeiten von pakistanischen Mudschahidin-Milizen. Der Zusammenhalt zwischen Taliban und Pakistanis ist deshalb so groß, weil die Paschtunen in beiden Ländern zahlreich vertreten waren. Bereits 1995 ordnete der damalige pakistanische Innenminister Babar an, dass "Pakistan Telecommunications" den Taliban ein Telefonnetz installiert. Die Hilfe ging aber weit darüber hinaus. Pakistan schickte Ingenieure und Bauarbeiter, die zum einen die wichtigsten Straßen in dem vom jahrzehntelangen Krieg gebeutelten Afghanistan wieder instand setzten und zum anderen dringend benötigte Stromkabel nach Kandahar, der ersten Taliban-Hochburg, verlegten. Darüber hinaus wurde auf Anordnung Babars ein internes Funknetz für die Führer der Taliban eingerichtet. "Pakistan International Airlines" schickte Techniker nach Kandahar, um den dortigen Flughafen sowie die von den Taliban konfiszierten Kampfflugzeuge und Hubschrauber zu reparieren. "Radio Scharia" erhielt technische Unterstützung durch "Radio Pakistan". Um so stärker in den folgenden Monaten und Jahren die Taliban wurden, um so stärker fiel auch die Unterstützung durch Pakistan aus. Nachdem die Taliban Kabul eingenommen hatten, war Pakistan einer der wenigen Staaten, die das Taliban-Regime als Regierung Afghanistans anerkannten. 1997 belief sich die pakistanische Hilfe schätzungsweise auf 30 Mio US-Dollar. Ein Großteil dieser Unterstützung bestand aus der Lieferung von Weizen, Diesel, Petroleum, Waffen, Munition und Bomben. Darüber hinaus wurden die Taliban durch pakistanische Ingenieure unterstützt, die die Luftwaffe warteten und sich um den Straßenbau kümmerten. Ein Jahr später genehmigte das bankrotte Finanzministerium Pakistans noch immerhin die Zahlung von 6 Mio US-Dollar an die Taliban-Verwaltung. Offiziell leugnete Pakistan jedoch die Unterstützung der Taliban, so dass die Geldbeträge in den Budgets anderer Ministerien versteckt werden mussten. Trotz all dieser hilfreichen Unterstützung waren die Taliban keine Marionetten der pakistanischen Regierung. Vehement widersetzten sie sich jeder Einflussnahme Pakistans. Der pakistanische Geheimdienst ISI war sich anfangs nicht sicher, wie weit die Unterstützung der Taliban reichen sollte. Allerdings setzen sich die Paschtunen, die in Pakistans Armee und im ISI ein mächtiges Netzwerk bildeten, für eine weitreichende Hilfe ein. Ebenfalls für eine Unterstützung der Taliban setzen sich andere Lobbys wie die radikalen Mullahs bis hin zu den Drogenbaronen ein. Die Verbundenheit zwischen den Taliban und Pakistanis wurde besonders deutlich, als die USA und Großbritannien im Herbst 2001 die Taliban angriffen. Damals solidarisierten sich viele Pakistanis mit den Taliban und Tausende gingen nach Afghanistan um an der Seite der Taliban zu kämpfen. Als sich die pakistanische Regierung auf ein Bündnis mit den USA einließ, wurde klar, welche Macht die Mullahs besaßen. Sie verstanden es sehr gut, weniger gebildete Bevölkerungsteile zu mobilisieren und sie gegen die Politik der eigenen Regierung demonstrieren zu lassen. Schluss Mit dem Sieg der USA über Taliban-Afghanistan ist für viele Afghanen ein kaum noch für möglich gehaltener Traum in Erfüllung gegangen. Nach über 5 Jahren Mittelalter trauen sich Frauen wieder in Röcken oder Jeans aus den Häusern, dürfen Mädchen wieder zur Schule, Frauen studieren, dürfen Männer sich wieder rasieren, den Turban ablegen und die Haare so tragen, wie es ihnen beliebt. Aber es ist halt nur ein "dürfen". Denn vielen Frauen auf dem Land ist diese Lebensweise fremd. Und die Frauen in den Großstädten sind sich noch unsicher und ängstlich, da es gewiss noch einige fanatische Taliban-Anhänger gibt, die die mutigen Frauen strafen wollen. Frauen haben nun zwar wieder das Recht, sich an einer Universität einzuschreiben, aber es fehlt im Land an qualifizierten Dozenten. Nachdem Hamid Karsai zum Übergangspräsidenten gewählt wurde, war es eines seiner wichtigsten Aufgaben, die Intelligenz, die nach der Machtergreifung der Taliban das Land verlassen hat, wieder nach Afghanistan zurückzuholen. Was mich persönlich an den Taliban schockiert hat, ist, neben den frauenverachtenden Dekreten, die unglaubliche Intoleranz anderen Religionen gegenüber. Im Seminar und beim Besuch der Rostocker Moschee habe ich erfahren, dass der Islam eine sehr tolerante Religion ist, die sehr wohl andere Religionen neben sich duldet. Eine Tatsache, die die geistigen Väter der Taliban, die Lehrer an den Madrassen in Pakistan, anscheinend im Koran immer wieder überlesen, oder aufgrund ihres kleinen geistigen Horizontes falsch deuten. Besonders sticht hier Maulana Samiul Haq hervor, der die Koranschule in Akora Khattak leitet, hervor. Seiner Meinung nach müssten sich die "Ungläubigen (...) dem Islam unterwerfen und nicht umgekehrt". [4] Nach einem Besuch in Afghanistan und Pakistan im Herbst 2001 bezeichnet der Berliner Autor Hans Christian Buch die Taliban sogar als die "Roten Khmer von heute".[5] Er hat sogar den Eindruck, dass dort "das so genannte 'Böse' tatsächlich existiert".[6] Während der Erstellung meiner Hausarbeit stellte ich mir auch immer wieder die Frage, ob die Taliban, oder eine vom Gedankengut und den Überzeugungen den Taliban ähnliche Vereinigung es schaffen könnte, in Afghanistan auf absehbare Zeit die Macht zu erlangen. Ich bin nicht der Meinung, das dies geschehen wird. Zum Einen herrschte in den letzten Jahren, trotz der Herrschaft der Taliban, in weiten Teilen des Landes Frieden. Dadurch hatten die Madrassen mit ihren extremen Führern in Pakistan nicht diesen Zulauf an perspektivlosen Kindern wie in den Jahren zuvor. Außerdem werden die Menschen Afghanistans ihre jetzt gewonnene Freiheit um jeden Preis schützen wollen. Denn es herrscht Frieden im Land, und nicht wie Mitte der Neunziger Jahre noch Bürgerkrieg, der es den Taliban leicht machte, die Bevölkerung von ihren Prinzipien zu überzeugen. Ein wichtiger Schritt zur Wahrung des Friedens ist die Sicherung der lebensmitteltechnischen Versorgung der eigenen Bevölkerung. Um die zu gewährleisten, muss Karsai die Bauern davon überzeugen, wieder Getreide anzubauen, da diese in den letzen Jahren eher vom lukrativen Mohnanbau lebten. Die Getreidesaat müsste vom Staat zur Verfügung gestellt werden, denn bereits die Taliban hatten zwar den Mohnanbau verboten, den Bauern aber keine Getreidesaat zur Verfügung gestellt, sodass das Verbot kaum beachtet wurde. Mit einem Satz vom ägyptischen Religionsminister, den ich schon mehrmals zitiert habe, möchte ich meine Hausarbeit abschließen. Er hat mir sehr gut gefallen, besonders im Hinblick auf die Verachtung, die die Taliban anderen Religionen entgegenbrachte: "Wir müssen friedlich koexistieren und den Dialog suchen - gleichgültig, welcher Religion und Kultur wir angehören."[7]
Literaturverzeichnis
Bücher
Artikel aus "Der Spiegel"
Artikel von Spiegel-Online (http://www.spiegel.de/archiv)
Sonstige Quellen
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