Taliban (Koranschüler)


 


WER SIND DIE TALIBAN?

Die Taliban haben ihre Wurzeln in den "madrasas", strengen Koranschulen in Pakistan, die während der sowjetischen Besatzung Afghanistans von 1979-1989 auch von afghanischen Flüchtlingsjungen besucht wurden; 1994, als das Land in Bürgerkrieg und Anarchie versank, traten sie erstmals in Erscheinung. Von Pakistan ausgebildet und bewaffnet, verfechten sie einen derart extremen Islam, dass sogar viele Muslime darin eine Verirrung sehen. Die Taliban überrannten den Großteil Afghanistans und zwangen der Bevölkerung ihre stählerne Version der islamischen Gesetze auf. Ehebrecher werden seither gesteinigt, Frauen dürfen sich nur noch vollverschleiert und in Begleitung ihres Mannes oder eines männlichen Verwandten auf den Straßen zeigen. Bislang erkennen nur Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate die Regierung an; aber der Rest der Welt dürfte folgen, sollten die Taliban erst einmal das ganze Land beherrschen. Allein Ahmed Schah Massud, den ein westlicher Orient-Experte "die letzte Hoffnung Afghanistans" nennt, steht dem noch im Weg.  Die größte Unterstützung erhalten die Taliban aus Pakistan. Von dort kommen Kommandotruppen, militärische Ratgeber und Berufssoldaten, oft verkleidet als Koranschüler. In Massuds Gefängnissen sitzen über 100 pakistanische Kriegsgefangene; die meisten gehören - wie die Taliban - zur größten afghanischen Volksgruppe, den Paschtunen. Wie so viele fundamentalistische Bewegungen sind auch die Taliban aus einem Krieg hervorgegangen. Als die sowjetischen Truppen sich 1989 aus Afghanistan zurückziehen mussten - geschlagen von einer losen Koalition unterschiedlicher, jeweils ethnisch geprägter Guerillagruppen -, hinterließen sie eine Million Gräber und ein weithin zerstörtes, vermintes Land.  Keine Nation kehrt nach solchen Verlusten einfach zum Alltag zurück. Jene Stammesmentalität, die den Widerständlern geholfen hatte, die Sowjets zu bezwingen (die CIA nannte es in einer Studie "radikale Lokaldemokratie"), machte es den verschiedenen Splittergruppen nun aber nahezu unmöglich, sich auf eine neue Ordnung und Machtaufteilung zu einigen. Zudem waren alle Volksgruppen bis an die Zähne bewaffnet - die CIA hatte während des Krieges Ausrüstung im Wert von drei Milliarden Dollar in das Land gepumpt. Hätten die USA ihre Unterstützung im Frieden fortgesetzt - Straßen gebaut, Flüchtlinge versorgt und Minenfelder geräumt -, dann hätte Afghanistan vielleicht eine Chance gehabt, die ethnische Fraktionierung zu überwinden. Doch kaum hatte sich in Kabul die sowjetisch gestützte Regierung aufgelöst, vergaß Washington das Land.
Die Afghanen begannen, einander gegenseitig zu bekämpfen. Volksgruppe stand gegen Volksgruppe: Tadschiken gegen Paschtunen und Usbeken, schiitische Hazaras gegen Tadschiken, Paschtunen gegen Usbeken - und zahllose örtliche Warlords gegeneinander. Dieser Kampf jedes gegen jeden war fast schlimmer als der Krieg, der gerade zu Ende gegangen war. Afghanistan
versank in Anarchie. Warlords kontrollierten die Straßen, Opiumhandel und Waffenschmuggel wurden die Pfeiler der Wirtschaft, Privatarmeen bekämpften einander um die Kontrolle über ein total ruiniertes Land. Damals kam es zu einer der wenigen Gräueltaten, die Massuds Streitkräften zur Last gelegt werden: Im Kabuler Stadtteil Afschar metzelten sie Hunderte von Hazaras nieder. Es gibt jedoch keinen Beweis, dass Massud den Befehl dazu gegeben oder dies beabsichtigt hat. Als Pakistans Geheimdienst 1994 neue Verbündete in Afghanistan suchte, fand er sie in der Bewegung der Taliban ("Koranschüler"), die ein damals 36-jähriger Mudschahidin-Führer namens Mullah Omar ins Leben gerufen hatte. Anfangs hatte Omar nur zwei Dutzend Koranschüler bewaffnet, um gegen die Exzesse anderer Warlords in seinem Dorf vorzugehen. Nach ersten Erfolgen wuchs die Bewegung so schnell, dass sie im November 1994 die Stadt Kandahar im Handstreich erobern konnte. In jenen Tagen rekrutierten die Taliban die meisten ihrer Kämpfer in den Flüchtlingslagern in Pakistan, wo fast alle Jungen in Koranschulen erzogen wurden. Viele von ihnen waren Kriegswaisen.Rasch kämpften sich die Taliban im Süden  Afghanistans vor. Die kriegsmüde Bevölkerung betrachtete sie als Retter - was sie in einer gewissen Weise tatsächlich waren. Allerdings zu einem hohen Preis. Ihre archaische, brutale Form des Islam schockierte selbst die ultra-traditionellen Muslime in den ländlichen Regionen. Als die Taliban Kabul einschlossen, sah sich Massud gezwungen, mit manchen seiner früheren Todfeinde zu paktieren - etwa dem Usbeken Abdul Raschid Dostam. Doch die Koalition kam zu spät zustande und hatte keine Chance gegen die Taliban-Milizen. Anfang September 1996 fiel Kabul nach schweren Kämpfen. Massud zog sich ins Pandschir-Tal zurück.Kürzlich war er in Paris und Straßburg, um die französische Regierung und das Europäische Parlament um Hilfe zu ersuchen. Dabei appellierte er an den Westen, vor allem auf Pakistan Druck auszuüben, um so die Taliban zu Verhandlungen zu zwingen. Bei dieser Gelegenheit verriet er auch ein wenig von seinen politischen Visionen: Er gab an, für freie Wahlen einzutreten und für die Respektierung der Menschenrechte sowie für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Daraufhin nannte ihn die Parlamentspräsidentin Nicole Fontaine einen "Pol der Freiheit". Doch wie Massud nach einem eventuellen Waffenstillstand die ethnische Fraktionierung Afghanistans überwinden will, das ließ er offen.  


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