Flight77

Flight 77

von Paul Schreyer, Oktober 2004 So lautete die Flugnummer der Passagiermaschine, die am 11. September 2001 das Pentagon traf. Sie startete um 8:20 Uhr mit Ziel L.A. in Washington und stürzte um 9:37 Uhr in das Verteidigungsministerium. Es war die dritte entführte Maschine dieses Morgens und auch sie erreichte unbehindert ihr Ziel. Das ist erklärungsbedürftig, denn 10 Meilen vom Pentagon entfernt befindet sich ein Luftwaffenstützpunkt, der ständig Abfangjäger in Alarmbereitschaft hat. Diese starteten jedoch erst um 10:38 Uhr, also eine Stunde nach dem Einschlag. Es gibt bis heute keine plausible Erklärung dafür. Obwohl diese Zahlen relativ leicht aus den offiziellen Berichten herauszulesen sind, fragt erstaunlicherweise auch niemand nach. Das war für mich der Ausgangspunkt, mich näher mit Flug 77 zu beschäftigen - was weitere Merkwürdigkeiten zutage förderte. 1. Radarprobleme Bis 8:51 Uhr gab es normalen Funkverkehr mit den Fluglotsen. Um 8:54 Uhr kam es zum Kurswechsel. Der Pilot antwortete nicht mehr. Zwei Minuten später wurde der Transponder ausgeschaltet, so dass das Flugzeug auf den Bildschirmen der Lotsen nicht mehr mit Flugnummer und -höhe sondern nur noch als ein über Radar ermittelter Punkt dargestellt wurde. In derselben Minute - 8:56 Uhr - verschwand allerdings auch dieses Radarsignal, so dass das Flugzeug vollständig unsichtbar wurde. Radar- und Transpondererkennung sind zwei voneinander unabhängige Systeme. Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass beide gleichzeitig verschwanden. Im 2004 veröffentlichten „9-11 Commission Report“, dem Abschlussbericht der von der Regierung eingesetzten Kommission zur Untersuchung der Terroranschläge hieß es dazu: „Das Versagen, ein Radarsignal für Flug 77 zu finden, ließ uns diese Angelegenheit näher untersuchen. Die nach dem 11.9. angefertigte Rekonstruktion der Radar-Daten enthüllt, dass das Radar den Flug von dem Moment an verfolgte, als der Transponder um 8:56 Uhr ausgeschaltet wurde. Aber für 8 Minuten und 13 Sekunden, zwischen 8:56 Uhr und 9:05 Uhr, wurde diese Radar-Information zu Flug 77 nicht an den Bildschirmen der Fluglotsen dargestellt. Die Gründe sind technischer Natur und sowohl in der Art, wie die Software die Radar-Informationen verarbeitet, zu finden, als auch in der schwachen Radar-Abdeckung des Gebietes durch das sich Flug 77 bewegte.“ (9-11 Commission Report, S. 25) „Der Pentagon-Crash beleuchtet eine Radar-Lücke“ titelte bereits zweieinhalb Jahre zuvor am 3. November 2001 die Washington Post. Im Bericht dazu hieß es: „Das Flugzeug, das am 11.9. ins Pentagon stürzte, verschwand für mindestens 30 Minuten von den Radarschirmen der Fluglotsen, auch, weil es in einer Gegend mit begrenzter Radar-Abdeckung entführt wurde. Amtlichen Quellen zufolge kostete die Lücke das Militär wertvolle Vorwarnzeit. (...) Die Antwort auf das Rätsel des Verschwindens des Flugzeugs beginnt mit der Tatsache, dass die Entführung in einem Bereich stattfand, der von nur einem Radar-Typ versorgt wurde. Obwohl dieses Radar als „sekundäres“ System bezeichnet wird, ist es doch der heute in der Luftfahrtkontrolle fast ausschließlich genutzte Typ. Es bekommt Identifikation, Ziel, Geschwindigkeit und Höhe des Flugzeugs von dessen Transponder übermittelt und zeigt die Daten auf dem Radarschirm des Fluglotsen an. „Primäres“ Radar ist ein älteres System. Es sendet einen Strahl, den das Flugzeug reflektiert und sagt dem Lotsen nur, wo sich ein Flugzeug befindet, es zeigt keinen Typ und keine Flughöhe an. (...) Wenn ein Flugzeug einfach vom Radar-Schirm verschwindet, können die meisten Lotsen schnell zum primären System schalten, das den Ort des Flugzeug als kleines Plus zeigen sollte, auch wenn dessen Transponder ausgeschaltet ist. Aber die Radar-Anlage bei Parkersburg, West Virginia, war nur mit sekundärem Radar ausgestattet. Das ließ den Fluglosen, der Flug 77 im Indianapolis Center überwachte, blind werden, als die Entführer anscheinend den Transponder ausschalteten. (...) Quellen sagten, dass der Ort der Entführung wahrscheinlich nur ein Zufall sei, obwohl es die entfernte Möglichkeit gibt, dass die Entführer wußten, wo sie den Transponder ausschalten mußten.“ Die Entführer gewannen durch den achtminütigen Radar-Ausfall in jedem Fall den entscheidenden Vorsprung, denn nach dem wiederauftauchen der Radarsignale um 9:05 Uhr wurden diese nicht entdeckt. Das Flugzeug hatte in den unsichtbaren Minuten gewendet, so dass der Lotse im falschen Bereich suchte. Kurz nach 9:00 Uhr begannen die Fluglotsen im Indianapolis Center andere Behörden davon zu informieren, das Flug 77 vermißt wurde und vielleicht abgestürzt sei. Um 9:08 Uhr kontaktierten sie die Langley Air Force Base und baten, nach einem abgestürzten Flugzeug zu suchen. Um 9:09 Uhr wurde das Regionalzentrum der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA vom Abriss des Kontakts informiert. Um 9:20 Uhr erfuhren die Fluglotsen in Indianapolis erstmals, dass auch andere Flugzeuge entführt worden waren und begannen zu zweifeln, ob Flug 77 wirklich abgestürzt sei. Eine Minute später fingen die FAA sowie die Fluggesellschaft American Airlines an, nach dem Flugzeug zu suchen - es war 9:21 Uhr. (9-11 Commission Report, S. 24) Anscheinend informierte jedoch niemand NORAD, die militärische Luftüberwachung, die die Abfangjäger koordiniert. 2. Verantwortlichkeiten Stattdessen wurde NORAD durch einen Bericht der FAA verwirrt, der um 9:21 Uhr behauptete, das Flug 11 - der bereits 35 Minuten zuvor im World Trade Center eingeschlagen war - immer noch unterwegs sei. Wer hatte dieses Missverständnis zu verantworten? „Wir waren nicht in der Lage, die Quelle dieser Fehlinformation zu identifizieren“, schreibt die 9-11 Commission. Das ist eigentlich unverzeihlich, denn diese merkwürdige Fehlinformation war einer der Gründe, warum das Pentagon nicht rechtzeitig geschützt werden konnte. Im Abschlussbericht ist zu lesen, dass NORAD erst um 9:34 Uhr - drei Minuten vor dem Einschlag im Pentagon - zufällig bei einem Gespräch mit der FAA erfährt, dass Flug 77 vermißt werde. „Niemand im FAA-Hauptquartier fragte jemals um militärische Unterstützung bezüglich Flug 77“, konstatiert die Commission. Wer verantwortlich gewesen wäre, wird nicht gefragt. War es vielleicht Ben Sliney, der „National Operations Manager“ der FAA, von dem USA Today schrieb, dass der 11.9. verblüffenderweise sein „allererster Tag im Job“ gewesen sei? Richard Ben-Veniste, eines der kritischeren Mitglieder der 9-11 Commission, erkundigte sich danach: „Wann hätte am 11. September die FAA NORAD normalerweise benachrichtigen müssen?“ General Canavan, ein führender Administrator der FAA, antwortete ihm: „Nach meiner Erfahrung, sobald man ein entführtes Flugzeug hat, benachrichtigt man jeden.“ 3. Tonbänder Ben Veniste fuhr fort: „Uns wurde von der FAA ein Statement übermittelt, das ich gern vorlesen möchte: ´Innerhalb von Minuten nach dem ersten Einschlag im World Trade Center öffnete die FAA mehrere Telefonkonferenzen, die FAA, Verteidigungsministerium, Secret Service und andere Regierungsbehörden zusammenbrachte. (...) NORAD-Protokolle zeigen, dass die FAA formell um 9:24 Uhr über Flug 77 informiert hat. Aber schon vor der formellen Benachrichtigung wurden Informationen zum Flug kontinuierlich während der Telefonkonferenz übermittelt.´ Wir haben jetzt also die Frage, ob es eine informelle Echtzeit-Kommunikation der Situation, eingeschlossen der von Flug 77, mit NORAD gegeben hat. (...) Kann man davon ausgehen, dass die Teilnehmer dieser Konferenz Protokoll über das geführt haben, was sie hörten?“ Canavan: „Ich denke, ja.“ Ben-Veniste: „Kann man auch davon ausgehen, dass es eine Tonbandaufnahme dieser Telefonkonferenz gibt?“ Canavan: „Davon weiß ich nichts. Ich weiß nichts von einer Tonbandaufnahme.“ Ben-Veniste: „Ich denke, dass dies einige lohnende Bereiche sind, die wir weiter erforschen sollten.“ (Transkript von Hearing 2 der 9-11 Commission vom 23.05.03, S. 77ff) Am gleichen Tag hatte Ben-Veniste bereits die NORAD-Generäle Arnold und McKinley nach der Existenz von Tonbändern gefragt. Ben Veniste: „Werden diese Telefonkonferenzen auf Tonband aufgenommen?“ Arnold: „Nicht dass ich wüßte.“ McKinley: „Nicht dass ich wüßte.“ Ben-Veniste: „Nach Ihrem besten Wissen haben sie nichts weiter dazu beizutragen, wann Sie - NORAD - das erste Mal vor 9:24 Uhr von der wahrscheinlichen Entführung von Flug 77 erfahren haben?“ Armold: „Ich kann das für das Protokoll sagen. Ich habe im Moment kein weiteres Wissen.“ (Hearing 2 vom 23.05.03, S. 30f) Doch die Kommission fand Tonbänder. Ein Jahr später, im Juni 2004, wurde General Arnold abermals vorgeladen. Ben-Veniste: „Als Sie nach der Existenz von Tonbändern gefragt wurden, gaben Sie zu verstehen, dass Sie davon nichts wüssten.“ Arnold: „Ja, der Northeast Air Defense Sector hatte anscheinend ein Tonband, von dem wir seinerzeit nichts wußten. Mir wurde von Ihrem Stab gesagt, dass sie nicht in der Lage gewesen wären, das Band zum laufen zu bringen. Aber später waren sie in der Lage - Ihr Stab war in der Lage, das Band zum laufen zu bringen. Und so war das im Mai eine korrekte Aussage, dass ich nichts von Tonbändern wußte.“ (Hearing 12 vom 17.06.04, S. 41f) Auch Kommissionsmitglied Jamie S. Gorelick befragte Arnold zu seinen widersprüchlichen Aussagen: „General Arnold, sie sagten damals aus, dass die Jäger als Reaktion auf Flug 93, nicht Flug 11, starteten, und als sie danach gefragt wurden -“ Arnold: „Ich hatte mich geirrt.“ Gorelick: „Ja. Aber Sie sagten, der Grund für Ihren Irrtum sei gewesen, dass Sie keine Gelegenheit gehabt hätten, die Bänder anzuhören, oder dass die Bänder nicht zugänglich gewesen seien. Aber wir haben hier vier verschiedene Protokolle der Hauptquartiere, die klar erkennen lassen, dass die Jäger in Reaktion auf Phantomflug 11, der bereits abgestürzt war, losgeschickt wurden. Und es war Verpflichtung, wie ich mich erinnere, den Auswertungsbericht anzufertigen. Haben Sie während dieses Vorgangs nicht in die Protokolle geschaut?“ Arnold: „Sie beziehen sich auf einen Auswertungsbericht, den ich - den wir nicht angefertigt haben. Ich erinnere mich nicht daran, einen Auswertungsbericht angefertigt zu haben, außer dass wir versucht haben, festzuhalten, wann der Jäger abgehoben hat, also wie schnell wir in der Lage waren zu reagieren, und darum ging es ja. Also, je älter ich werde - ich denke mein Gedächtnis war nicht so gut, wie es sein sollte, und im Grunde hat Ihr Stab mir auf diesem Gebiet ein bisschen auf die Sprünge geholfen, denn ich hatte mich nie mit der Tatsache wohlgefühlt, dass einige Leute sagten, dass wir die Jäger wegen Flug 77 losgeschickt hatten, wovon ich wußte, dass es nicht stimmte. Also ich nehme an, es ist die Art, wie der menschliche Geist funktioniert, dass wir unglücklicherweise versuchen, die Dinge in eine bestimmte Kategorie einzuordnen. Und dann, als wir von diesem Protokoll hörten, oder als mir dieses Protokoll gezeigt wurde, machte es für mich mehr Sinn, als das, was passiert war.“ (Hearing 12 vom 17.06.04, S. 68f) Der General schlägt Haken. Er hat sich „nie mit der Tatsache wohlgefühlt“ und spricht von der „Art, wie der menschliche Geist funktioniert“. Außerdem hat ihm die Kommission „ein bisschen auf die Sprünge geholfen“. Ist das die Art, in der militärische Befehlshaber reden? Einige Leute waren anscheinend nicht besonders kooperativ dabei, zu ermitteln, wann das Militär denn nun tatsächlich vom entführten Flug 77 erfahren hatte. Im Abschlussbericht der Kommission vom Juli 2004 spiegelte sich das allerdings nicht wieder. In ihm war auch keine Rede mehr von 9:24 Uhr als Informationszeit. Nun hieß es, dass NORAD erstmals um 9:34 Uhr von Flug 77 in Kenntnis gesetzt worden sei. 4. Andrews Air Force Base 10 Minuten früher oder später sind in diesem Fall keine Kleinigkeit. Die dem Pentagon nächste Luftwaffenbasis ist mit ca. 10 Meilen Entfernung Andrews Air Force Base. Richard Ben Veniste fragte den NORAD-General Larry Arnold, wie lange die Flugzeit von zwei F-16 Jägern von Andrews bis zum Pentagon wäre. Arnold: „Vom Zeitpunkt ihrer Benachrichtigung an?“ Ben Veniste: „Ja.“ Arnold: „Wahrscheinlich 15 bis 20 Minuten.“ Ein anderes Mitglied der 9-11 Commission fragte Arnold: „Aber wenn Sie eher benachrichtigt worden wären, z.B. zum Zeitpunkt der Kursabweichung von Flug 77, wären Ihre F-16s doch sicherlich zur Stelle gewesen?“ Arnold: „Ich glaube, dass das stimmt. Das ganze passierte sehr schnell, aber ich glaube, dass das stimmt.“ (Hearing 2 vom 23.05.03, S. 43, 48) Der springende Punkt war also die Informationszeit. Doch davon wurde immer wieder versucht abzulenken. Offensichtlich sollte niemand den Eindruck gewinnen, dass eine Verzögerung in der Informationsübermittlung verantwortlich für die ausbleibenden Abfangjäger gewesen sein könnte. Die nächstliegende Frage wäre ja gewesen, wer verzögert hat. Von Anfang an wurde eine andere Erklärung favorisiert. USA Today etwa schrieb am 16. September 2001: „Die dem Pentagon nächste Luftwaffenbasis war die 130 Meilen entfernte Langley Air Force Base, Virginia. Diese war für die Jäger zuweit entfernt, um das entführte Flugzeug vor dem Crash ins Pentagon zu erreichen. Andrews Air Force Base, die Basis der Air Force One, ist nur 15 Meilen vom Pentagon entfernt, hatte aber keine Jäger stationiert. Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums konnten nicht sagen, ob sich das geändert hat.“ Das war eine offensichtliche Lüge. Andrews hatte permanent Jäger in Alarmbereitschaft. Selbst die Internetpräsentation der Luftwaffenbasis informierte darüber: „Die DC Air National Guard befindet sich auf der Andrews Air Force Base. Bei uns ist das Geschwader 121 (zu dem F-16 Falcon Jäger gehören) stationiert.“ Die Mission dieses Geschwaders beschreibt die Webseite in klaren Worten: „Bereitstellung von Kampfeinheiten in höchstmöglicher Alarmbereitschaft.“ Der letzte Satz war allerdings nur bis zum 12. September 2001 auf der Seite zu lesen. Am nächsten Tag wurde die Internetpräsentation erneuert. Von höchstmöglicher Alarmbereitschaft war ab dem 13. September keine Rede mehr. Das Internetarchiv www.archive.org zeigt noch heute für jeden überprüfbar die Spuren dieser kuriosen Änderung. Eine Änderung der Selbstbeschreibung. Die Mission selbst hatte sich nämlich nicht geändert. Noch immer war es Auftrag von Andrews, den Luftraum über Washington zu schützen. Nur redete man nicht mehr davon. Vielleicht damit keiner fragte, wo die Andrews-Jäger bei Flug 77 waren? Nachdem in der Presse der Name Andrews allerdings immer häufiger auftauchte, ging man in die Offensive. Der Fachzeitschrift „Aviation Week“ wurden Informationen gewährt, die sich in einem Artikel vom 9. September 2002 dann so lasen: „Innerhalb von Minuten, nachdem Flug 77 das Pentagon traf, hoben F-16s der Nationalgarde von Andrews ab - in Reaktion auf die dringende Bitte des Weißen Hauses ´sofort zu starten´. Diese Jäger wurden von drei Piloten geflogen, die selbst entschieden hatten, ein entführtes Passagierflugzeug zu rammen und, falls notwendig, zum Absturz zu bringen. Eine solche Aktion wäre mit großer Sicherheit verhängnisvoll für sie ausgegangen, hätte aber eine weitere Terror-Katastrophe in Washington verhindern können. Eine der F-16s startete ohne Bewaffnung. Die anderen beiden hatten nicht die hochexplosive sondern nur Trainings-Munition an Bord. Das Andrews-Geschwader 121 war am 11. September nicht in Alarmbereitschaft, weil die Air National Guard der Hauptstadt nicht NORAD zugeordnet war. NORAD hatte bereits drei F-16s vom Stützpunkt Langley aus starten lassen, aber die waren noch 12 Minuten von Washington entfernt, als das Pentagon um 9:37 Uhr getroffen wurde.“ Die erste Aussage dieses Artikels („innerhalb von Minuten, nachdem Flug 77 das Pentagon traf, hoben F-16s der Nationalgarde von Andrews ab“) war definitiv falsch. Das Pentagon wurde um 9:37 Uhr getroffen, die ersten Andrews-Jäger starteten laut 9-11 Commission um 10:38 Uhr - also nicht wenige Minuten, sondern eine Stunde später. Und die folgenden Aussagen zur Heldengeschichte der drei Piloten, die aus eigener Initiative starteten, aber leider unbewaffnet waren, erklärten leider in keiner Weise die Befehlsstruktur, sondern verschleierten sie eher. Denn wer war zuständig? Und warum starteten die Jäger erst eine Stunde nach dem Einschlag? John F. Lehman von der 9-11 Commission fragte danach: „Warum war Andrews Air Force Base mit seinen F-16s und F-18s nicht Teil des Alarms? Und ich würde auch gern wissen, welche Rolle der Secret Service beim lossschicken der F-16s hatte.“ NORAD-General Arnold: „Sprechen Sie vom losschicken der -“ Lehman: „Andrews -“ Arnold: „Die Andrews-Jäger. Es ist meinem Verständnis nach der Secret Service - sie arbeiten ja mit der 113ten [Fliegerstaffel], weil die Air Force One des Präsidenten sich auf Andrews befindet. Sie hatten also persönliche Kenntnis von diesen Leuten dort draußen, und die Telefonnummer, und wo - ich kann nicht spekulieren, ob sie wußten, was wir [NORAD] taten oder nicht, aber in der Dringlichkeit, etwas zu tun, riefen sie die 113te an, wie ich später erfuhr - damals wußte ich das nicht - und fragten sie, ob sie irgendwas in die Luft bekommen könnten, und ich glaube die Formulierung war ´um das [Weiße] Haus zu schützen.´“ General McKinley: „Und die 113te ist die 113te Fliegerstaffel auf Andrews, die District of Columbia Air National Guard F-16 Staffel.“ Arnold: „Und kein Teil von NORAD.“ (Hearing 2 vom 23.05.03, S. 37f) Die Frage war also gewesen, warum Andrews nicht Teil des Alarms gewesen war und die Antwort der Militärs lautete, dass Andrews nicht NORAD unterstellt sei, sonderm dem Secret Service. Wieder war es das Kommissionsmitglied Ben-Veniste, das daraufhin die entscheidende Frage stellte: „War das eine Entscheidung innerhalb des Secret Service, oder brauchte der Secret Service einen Befehl von höherer Regierungsebene, um diese Flugzeuge losschicken zu können?“ General Arnold: „Das weiß ich nicht.“ General McKinley: „Die Antwort darauf ist mir nicht bekannt, Sir.“ (Hearing 2 vom 23.05.03, S. 44) Die höchsten Militärs der Luftsicherung wußten also nicht, wer für den Start der Abfangjäger auf der Basis, die die Hauptstadt schützen sollte, verantwortlich war. Beim letzten Hearing der 9-11 Commission Im Juni 2004 gab es dann noch eine weitere interessante Information. Kommissionsmitglied Lehman: „Der Secret Service hat uns mitgeteilt, dass er vor dem 11.9. wiederholt Abfangjäger angefordert hätte, besonders für Andrews, um das Capitol zu schützen, und dass das Pentagon daraufhin nie gehandelt hätte. Gibt es dafür einen Grund?“ General Myers (Vorsitzender des Vereinigten Generalstabs): „Davon habe ich nie erfahren. Ich habe nie - und ich begann am 1. März 2000 als Vize-Vorsitzender - ich habe nie von einer Anfrage dieser Art des Secret Service erfahren.“ (Hearing 12 vom 17.06.04, S. 48) Diese Mitteilung erzeugte vor allem eines: Nebel. Denn warum sollten für Andrews Abfangjäger angefordert werden? Sie waren doch längst da. Offensichtlich sollte das Gegenteil suggeriert werden. Was wiederum nur heißen konnte, dass der Secret Service in echter Erklärungsnot war. Wann hatte er von den Anschlägen erfahren? Dick Cheney sagte fünf Tage nach der Katastrophe im Fernsehen in einem Nebensatz: „Der Secret Service hat ein Abkommen mit der FAA. Sie hatten offene Leitungen, nachdem das World Trade Center...“ Vor Beendigung des Satzes hielt Cheney inne. (NBC „Meet the Press“, 16.09.01) Die FAA bestätigte eineinhalb Jahre später: „Innerhalb von Minuten nach dem ersten Einschlag im World Trade Center öffnete die FAA mehrere Telefonkonferenzen, die FAA, Verteidigungsministerium, Secret Service und andere Regierungsbehörden zusammenbrachte.“ (Hearing 2 vom 23.05.03, S. 78) Der Secret Service erfuhr also innerhalb von Minuten vom Angriff auf das höchste Gebäude New Yorks (8:46 Uhr). Und vom Flug 77 Richtung Pentagon? Der Kommissionsbericht gibt Auskunft. Um 9:32 fanden Washingtoner Fluglotsen ein Radarsignal, das sich mit hohem Tempo auf die Hauptstadt zu bewegte. Sie informierten den Flughafen. Die FAA vor Ort alarmierte dann den Secret Service - um 9:33 Uhr. Kurz nach 8:46 Uhr wußte man dort also von einem Terrorangriff, und war somit in der Lage, die eigene Luftwaffenbasis Andrews in allerhöchste Alarmbereitschaft zu versetzen. 9:33 Uhr wäre dann - allerspätestens - der Zeitpunkt für den Startbefehl gekommen. Wäre. Die ersten Jäger starteten um 10:38 Uhr - unbewaffnet. „Der Präsident und der Vizepräsident deuteten uns gegenüber an, dass ihnen nicht bewußt gewesen sei, dass auf Befehl des Secret Service und außerhalb der militärischen Befehlskette Jäger von Andrews aus gestartet seien.“ (9-11 Commission Report, S. 61) Ende der Debatte. Dem militärischen Oberbefehlshaber und seinem Stellvertreter ist es „nicht bewußt gewesen“. Augen zu und durch? An dieser Stelle beendete die Kommission ihre Arbeit. Der Abschlussbericht gab die üblichen Erklärungsansätze für das Versagen: „Wir haben gelernt, dass die Institutionen, die unsere Grenzen und den Luftverkehr schützen sollen, nicht den Ernst der Bedrohung verstanden haben ... Fehler innerhalb und zwischen der Geheimdienste ... das beherrschende Problem, Informationen zu managen und zu teilen ...“ Der letzte Punkt ist vielleicht aktueller, denn je.
 
     

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