Halloween 2009:
Halloween
written by jumi
Die geheimnisvolle Villa
written by tanja
Der Dunkle im Garten
written by shan
Safe with... Nick?
written by spacecurly
Ihre Augen waren vor Schreck weit geöffnet, der Mund zu einem stummen Schrei aufgerissen, die Haare vom Schweiß an die Stirn geklebt. Der geisteskranke Mörderzombie erhob mit einem bösartigen Lachen den Arm, während sie verzweifelt wimmernd an der Wand hinabrutschte und um ihr Leben bettelte. Die Hand des Monsters schloss sich fester um die Axt. In seinen Augen blitzte der blanke Wahnsinn.
„Papa, wie kommen die Erdbeeren in den Joghurt?.“
Ein genervtes Stöhnen bahnte sich einen Weg aus Wanjas Innerem nach außen. Werbung - wahnsinnig einfallslos, richtig blöd und nie gelungen. Und natürlich kam sie immer an der spannendsten Stelle des Films. Ok, der Gruselstreifen hier war ein uralter Schinken und schrecklich vorhersehbar, aber man konnte darüber Lachen und das war bei einem Horrorfilm bekanntlich das Wichtigste.
Mürrisch erhob sie sich von dem roten Sofa, das für ihre Begriffe viel zu weich war, aber in der Not saß der Teufel auf Fliegen. Nachdem sie sich ordentlich gestreckt und ihre Füße geweckt hatte, schlürfte sie in die Küche und holte sich ein Glas Kirschsaft und Chips. Die perfekte Mischung am Abend - Übelkeit vorprogrammiert, aber wer wollte schon schlafen?
Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer ließ sie ihren Blick nach draußen schweifen. Die Nacht hatte inzwischen ein schwarzes Tuch über die Stadt gebreitet, aber die Kürbisgesichter und blinkenden Skelette in den Gärten der Nachbarn durchbrachen die Finsternis. Gruselstimmung kam definitiv nicht auf. Im Gegenteil. Auf Wanja wirkte das alles eher lächerlich. Wer bitte erschreckte sich vor einem bunten Skelett im Baum?
„Geister, Zombies, Werwölfe, Vampire - aber gibt es die Kreaturen der Nacht wirklich? ‚Ich lag in meinem Bett, als auf einmal ein Kratzen an meinem Fenster zu hören war. Dann sah ich dort dieses weiße Gesicht mit den roten Augen, das gierig auf meinen Hals starrte, bis sein Blick auf meine Kreuzkette fiel. Dann war es auch schon verschwunden.’“ Eine Frau mit einem langen violetten Kleid mit weiten Ärmeln und unzähligen Ketten und Ringen, saß auf einem Stuhl in einer Bibliothek und sprach zum Mikrofon. „Da Vinci Mystery geht dem Geheimnis der sagenumwobenen Monster auf den Grund. Heute, zweiundzwanzig Uhr fünfundvierzig.“
Gähnend ließ sich Wanja zurück auf das Sofa fallen und sackte erst mal etwa zwanzig Zentimeter ein. In dem Moment blendete der Bildschirm von einem Mann in Badewanne zurück zu der Frau mit den schreckgeweiteten Augen. Die letzten zehn Minuten vor der Werbung wurden noch einmal wiederholt.
Und dann wunderten sie sich, dass die Leute vorm Fernseher einschliefen.
Ein penetrantes Fiepen scholl in einer ohrenbetäubenden Lautstärke durch das Haus und ließ Wanja zusammenfahren. Natürlich. Hässliche, kleine Kinder in einfallslosen Kostümen durchwanderten die hell erleuchteten Straßen. Die Klingel hatte sich nicht zum ersten Mal zu Wort gemeldet. Es war Halloween.
„Haut ab langweilige Loser oder Wanja erntet eure Nasen“, grummelte sie vor sich hin, während sie die fast leere Süßigkeitenschale schnappte, die ihre Mutter vorbereitet hatte, ehe sie auf Arbeit gefahren war.
Mürrisch öffnete Wanja die Tür und sah in die Gesichter von Frankenstein und einer Mumie. „Süßes sonst gibt’s Saures“, schrieen sie ihr ins Gesicht, obwohl die Jugendliche die zwei auch verstanden hätte, wenn sie ihre Worte im Flüsterton über die Distanz von zehn Zentimetern geschickt hätten. Lustlos verteilte sie die Reste aus der Schüssel in die Tüten der „Monster“.
„Danke“, riefen sie verzückt, aber Wanja hatte die Tür hinter sich schon wieder geschlossen.
Als sie wieder im Wohnzimmer ankam, fand gerade ein Mann die Leiche der ängstlichen Frau mit den Augen. Oh, wie sie Halloween hasste.
Sie war nie um die Häuser gezogen und sie war stolz darauf. Ihre Mutter hatte ihr Privatlehrer und Kindermädchen besorgt, seit sie denken konnte und so war sie kaum aus dem Haus gekommen und hatte nie jemanden gehabt mit dem sie sich zum Süßigkeiten sammeln hätte treffen können. Aber sie vermisste es nicht. Sie war da anders.
Wieder klingelte es.
Für einen Moment liebäugelte Wanja mit der Möglichkeit, einfach nicht an die Tür zu gehen, aber dann kam sie zu der Erkenntnis, dass sie den Film sowieso nicht sonderlich spannend fand und enttäuschte Kindergesichter würden ihren Abend vielleicht retten.
Sie riss die Haustür auf. „Schon alles...“ Sie hielt inne und ließ ihren Blick langsam über die schwarzen Sachen nach oben zu dem weißen Gesicht eines Vampirs in ihrem Alter gleiten.
„Wir spenden nur für Kinder.“ Eigentlich wollte sie sich abwenden und wieder im Haus verschwinden, aber etwas an dem Jungen zog sie in ihren Bann. Er sah verdammt gut aus.
„Sind wir nicht alle irgendwie Kinder?“, fragte er sie mit einem schiefen Grinsen und fügte dann ein „Trick or Treat!“ an.
„Ich sehe schon, ein Süßigkeitenfetischist, aber ich unterstütze keine Suchtis.“ Diesmal drehte sie sich wirklich um, doch ehe sie die Tür hinter sich zuschieben konnte, erklang wieder seine sexy dunkle Stimme. „Nicht einmal zu Halloween?“
Resignierend seufzte Wanja. „Selbst wenn ich wollte, könnte ich dir nichts geben. Die Schale ist leer.“
„Dann komm doch mit mir mit und füll sie wieder auf?“
Forschend sah sie ihm in die Augen. Er schien es tatsächlich ernst zu meinen. „Ohne Kostüm?“
„Du könntest die hübsche, junge Frau sein, die ich mit meinen vampirischen Reizen verführt habe.“ Er lachte und sah dabei noch besser aus.
Wanja machte einen Schritt nach draußen, verschränkte die Arme vor ihrer Brust, lehnte sich gegen den Türrahmen und musterte ihn mit einem süffisanten Lächeln „Und warum sollte ich dir vertrauen, Vampir?“
Auch er machte einen Schritt auf sie zu und löste seinen Blick dabei nicht von ihren Augen.
„Warum nicht?“, flüsterte er. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.
Die Xenonscheinwerfer der Mercedes M-Klasse durchbrachen die pechschwarze Dunkelheit und bahnten sich ihren Weg durch die enge Serpentine des Waldes. Immer wieder tauchte der Geländewagen in kurze Nebelschleier ein.
Nick sah zu Miriam herüber. Sie war auf dem Beifahrersitz eingeschlafen. Aber wer konnte es ihr verübeln? Schließlich war es spät in der Nacht. Sie waren gerade auf dem Nachhauseweg von Brians Halloweenparty. Miriam hatte sich dort die Seele aus dem Leib getanzt.
Wie süß Miriam jetzt schlief, so eingekuschelt in ihre Decke. Es war bereits 4 Uhr morgens. Nick lächelte sie an, sie waren jetzt schon so lange zusammen, hatten so viel miteinander durchgemacht, sie beide gehörten einfach zusammen, das wusste Nick. Nächste Woche sollte es endlich soweit sein und er wollte ihr einen Heiratsantrag machen.
Er hatte Miriam vor drei Jahren auf einer Strand-Party in Orlando kennen gelernt. Sie war ihm sofort aufgefallen mit ihren langen, blonden Haaren, ihren blauen Augen, ihrem verschmitzten Lächeln und ihrer offenen und sympathischen Art.
Nick war froh sie kennen gelernt zu haben. Sie gab ihm die Kraft, die er jetzt so dringend brauchte. Nachdem er mit den Jungs im Sommer wieder auf Tour rund um den Globus gewesen war, war er jetzt ganz schön ausgelaugt und froh endlich wieder viel Zeit mit Miriam verbringen zu können.
Nick hatte Mühe seine Augen offen zu halten. Immer wieder versuchte die Müdigkeit ihn zu umgarnen, aber Nick kämpfte dagegen an. In einer guten halben Stunde würden sie endlich daheim ankommen. Doch die schmale Serpentine durch den dunklen Nadelwald zog sich in die Länge.
Nick war gerade so in Gedanken, als der Mercedes abermals eine Nebelwand durchbrach. Plötzlich erschien wie aus heiterem Himmel hinter einer Kurve eine Frau im Scheinwerferlicht. Sofort riss Nick das Lenkrad mit einer hastigen Bewegung nach rechts, dabei schlug er mit dem Kopf leicht gegen die Scheibe des Seitenfensters. Es gab einen dumpfen Knall, dann kam der Wagen von der Fahrbahn ab und rutschte eine kleine Böschung hinab, dabei verlor er an Geschwindigkeit. Miriam, dadurch wach geworden, ließ einen schrillen Schrei los. Als die M-Klasse gegen eine hoch gewachsene Tanne prallte, kam sie endlich zum Stillstand.
„Waaa, ... waaa, …was ist denn passiert?!“, Miriam sah sich erschrocken um. Nick saß kreidebleich auf seinem Sitz und brachte kein Wort heraus. „Schatz, alles okay bei dir? … Nick?“
„Das wollte ich nicht … das wollte ich wirklich nicht!“, stammelte er vor sich hin.
„Nick, mir ist nichts passiert. Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Es ist alles okay!“, Miriam beugte sich besorgt zu Nick herüber und strich ihm über seine Wange.
„Ich wollte das nicht … ich wollte sie nicht überfahren! Aber ich konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Sie war so plötzlich im Scheinwerferlicht aufgetaucht.“
„Wer?“, irritiert sah Miriam ihn an. Doch Nick saß nur auf seinem Sitz, starrte auf die Tanne vor dem Auto und umklammerte mit beiden Händen noch immer das Lenkrad.
Miriam stieg aus und lief hinter dem Auto herum zur Fahrerseite und öffnete die Türe. Behutsam versuchte Miriam Nick aus seinem Schock zu holen.
„Nick!?“, sie streichelte ihm über die Hand und sein Griff löste sich langsam. Bleich sah er Miriam an. „Kannst du aussteigen?“ Er nickte langsam, doch dann griff er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Kopf.
„Nick, ist wirklich alles in Ordnung?“
„Jaja, geht schon, halb so wild!“, lächelte er sie an und schnallte sich dann ab und stieg aus. Sofort umarmte sie Nick und drückte sich fest an seine Brust. Miriam verstand zwar noch nicht, was genau geschehen war, aber sie ahnte es. Sie sah zu ihm hoch: „Lass uns schauen, ob wir helfen können!“ Nick schluckte und nickte dann. Miriam löste sich und tastete sich am Auto entlang zum Kofferraum. Nick folgte ihr.
„Ein Glück sind meine Turnschuhe noch im Auto.“, Miriam wechselte schnell ihre feinen Ausgehschuhe gegen die Festen ein. Nick kramte inzwischen nach den Taschenlampen, fand sie schließlich und reicht eine davon an Miriam weiter.
„Lass uns nach der Frau schauen!“, entschlossen sah er sie an. Miriam schnappte sich ihre Jacke: „Na dann los!“
Aufmerksam stiegen die beiden im Mondschein die seichte Böschung wieder hinauf und folgten dabei der Spur, die ihr Wagen hinterlassen hatte. Als sie an der Straße ankamen, konnten sie zunächst nichts entdecken. Suchend leuchteten sie mit ihren Taschenlampen den Boden ab. Aber nichts wies daraufhin, dass hier vor kurzem erst jemand angefahren worden war.
„Das hast du dir sicher nur eingebildet, dass da jemand gewesen ist.“ Miriam trat an Nick heran und streichelte ihm sanft über den Rücken.
„Ich weiß nicht...!“, Nick konnte es sich einfach nicht erklären.
Miriams Blicke schweiften umher, schließlich entdeckte sie etwas im Mondlicht: „Oh, schau doch mal, die schöne Villa da oben, richtig romantisch!“ Miriam kuschelte sich an Nick und zeigte auf ein in der Ferne liegendes, alleinstehendes Gebäude, welches auf einer Anhöhe gelegen war und über den Wald ragte. Ein paar der Fenster waren hell erleuchtet.
„Ja, echt schön… aber diese Frau!?“, Nick fuhr sich mit den Händen durch die Haare. „Das kann doch nicht sein?“, Nick drehte sich einmal um sich selbst, sah gen Himmel und schlug seine Hände über dem Kopf zusammen. Dann sah er zu Miriam herüber: „Da muss mir meine Phantasie wohl doch einen Streich gespielt haben.“
„Scheint so!“, Miriam zitterte am ganzen Leib. „Lass uns Heim fahren.“, sie hakte sich bei Nick unter und vorsichtig stiegen sie wieder die Böschung hinab.
Als sie im Auto saßen, versuchte Nick den Motor zu starten. Doch es tat sich nix.
„Und jetzt?“
„Verdammt, Hilfe rufen können wir auch nicht.“, Miriam versuchte vergeblich Empfang zu finden.
„Es ist viel zu kalt, um zu warten, bis hier endlich jemand vorbeikommt. Das kann Stunden dauern.“ Nick schlug mit beiden Händen gegen das Lenkrad. Verzweifelt ließ Miriam sich im Sitz zurücksinken.
„Hmm...“, Miriam sah grinsend zu Nick herüber, „und wie wäre es, wenn wir zu der Villa gehen? Dort schien schließlich noch jemand wach zu sein. Vielleicht bekommen wir dort für heute Nacht eine Unterkunft. Außerdem fände ich es sehr romantisch die Nacht mit dir in diesem riesigen Haus zu verbringen.“ Miriam gab Nick einen Kuss.
„Uns bleibt wahrscheinlich gar nichts anderes übrig. Na, dann mal los!“, sie schnappten sich noch die zwei Decken von der Rückbank und Miriams Tasche und liefen los.
Es war nicht so einfach sich durch das dichte Unterholz zu schlagen. „Liebling, wart mal kurz!“, Nicks Pullover hatte sich an einem Ast verfangen. Miriam blieb stehen und sah sich um.
„Laufen wir eigentlich in die richtige Richtung?“, hakte sie skeptisch nach. Der Wald war hier so dicht, dass sie die Anhöhe mit dem Haus darauf nicht mehr sehen konnten.
„Ich denke schon!“ In der Ferne rief ein Käuzchen.
„Gibt es hier eigentlich Bären?“, fragte Miriam leise mit zittriger Stimme und klammerte sich an Nicks Arm.
„Jaaaa…. Erdbeeren vielleicht“, grinste Nick sie an. Miriam stieß Nick in die Rippen.
„Ich meinte das ernst du Spinner!“ Mit einem lauten Ratschen und unter Fluchen, befreite sich Nick endlich von dem Ast und sie liefen weiter.
Nachdem sie die Villa schließlich wieder sehen konnten, war bereits alles dunkel. „Toll und jetzt, die scheinen inzwischen schlafen gegangen zu sein!“
„Was, und jetzt? Wir klingeln natürlich. Das ist schließlich ein Notfall!“, entschlossen lief Miriam an Nick vorbei.
Als sie näher kamen, erkannten sie erst wie groß und verwinkelt das Haus wirklich war. Und vor allem wie unheimlich. Ein verwitterter Holzzaun umgrenzte das Gelände. Nur durch ein altes, rostiges Eisentor konnte man zur Villa gelangen. Dieses stand einen Spalt offen, also betraten sie einfach das Grundstück und liefen den moosigen Schotterweg zur Villa hinauf. Der Weg war von einer Allee gesäumt und überall lagen Kastanien herum.
„Na deine Traumvilla sieht ja ganz schön verkommen aus!“, spottete Nick. Damit hatte er wohl recht. Auch der Garten rechts und links neben dem Weg war vollkommen verwildert und ungepflegt. Ein paar der Villenfenster waren sogar mit Brettern zugenagelt. An der großen Veranda davor war die weiße Farbe überwiegend abgeblättert und wild wachsender Efeu hatte sich in den Ritzen, der vom Holzwurm zerfressenen Balken, eingenistet. Er rankte sich von der Veranda aus über die Balkonbrüstung immer weiter hinauf.
An der großen morschen Holztür angekommen, suchte Nick vergeblich nach einer Klingel, noch nicht einmal ein Namensschild war angebracht. Daraufhin klopfte er kräftig gegen die Türe. Da schwang sie langsam mit einem lauten Quietschen nach innen auf.
„Hey, es ist nicht einmal abgeschlossen!“ Miriam sah Nick beunruhigt an.
In der Ferne durchzuckte ein Blitz die Dunkelheit.
„Komm, lass uns hineingehen!“ Vorsichtig betraten die beiden die riesige Eingangshalle. Nick rief in die Finsternis: „Hallo? Ist hier jemand?“ Das `Hallo` hallte aus allen Ecken der verlassenen Halle zurück. Durch den Schein seiner Taschenlampe aufgeschreckt rannte eine abgemagerte Katze zwischen Nicks Beinen hinaus in die Dunkelheit. Nick tastete mit seiner Hand an der Wand entlang, fand einen Schalter, doch es tat sich nix.
„Kein Strom! Miriam, ich glaub hier ist wirklich niemand!“
„Aber es hatte doch vorher Licht gebrannt, ich hab es doch genau gesehen und du doch auch? Vielleicht sollten wir besser wieder gehen, ich hab kein gutes Gefühl bei der Sache!“ Sie hielt Nicks Hand fest umklammert.
Doch Nick legte beruhigend seinen Arm um Miriams Schulter: „ Ach was! Wo willst du denn sonst hin? Das ist weit und breit das einzige Gebäude in dieser Einöde. Außerdem jetzt sind wir schon hier! Draußen wird bald ein Gewitter los toben. Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin doch bei dir und pass auf dich auf!“ Er gab ihr einen zärtlichen Kuss.
„Na dann schauen wir uns unsere nächtliche Unterkunft doch einmal genauer an!“
Von der Halle gingen fünf Türen ab und gegenüber der Eingangstüre führte eine breite, geschwungene Holztreppe in den ersten Stock. Sie beschlossen zunächst nach rechts zu gehen. Hinter der ersten Türe befand sich die Küche. Dunkle Massivholzschränke ließen den Raum erdrückend wirken.
„Hier muss schon seit Ewigkeiten niemand mehr gewesen sein!“, mit einem kräftigen Pusten wirbelte Nick die dicke Staubschicht auf der Küchenplatte auf. Miriam musste niesen.
Nick fing an in den Schubladen zu stöbern.
„Wir können doch nicht einfach in fremden Sachen wühlen.“
„Aber hier ist doch niemand und es war auch schon lange niemand mehr hier, wie es scheint. Also, wen sollte es schon großartig stören?“
„Okay, du hast wohl recht!“, Miriam tat es ihm gleich. „Oh schau mal!“, Miriam hielt Nick ein paar Kerzen hin.
„Super, hast du dazu jetzt auch noch die passenden Streichhölzer?“
„Klaro!“, Miriam grinste ihn an. Sie packte ein paar der Kerzen und die Streichhölzer in ihre Tasche. „Ich hab keine große Hoffnung hier noch etwas Essbares und zugleich Genießbares zu finden, also lass uns weitergehen.“ Sie beschlossen sich im ersten Stock umzusehen.
Draußen zog sich derweil, der bisher sternklare, Himmel zu. Dicke, bedrohliche Wolken türmten sich auf, bedeckten den Mond und hüllten so alles in tiefste Dunkelheit. Zudem verdichtete sich der Nebel und verschluckte die nächtlichen Geräusche, die aus dem Wald drangen. Doch davon bekamen die beiden nichts mit.
Die alte Treppe knarrte bei jedem Schritt. In dem oberen Gang gingen weitere vier Türen ab. Unter lautem Quietschen öffneten sie die erste. Im Schein ihrer Taschenlampen konnten sie erkennen, dass ein großes Bett darin stand.
„Bingo, da ist ja das Schlafzimmer!“, Nick ging erfreut rein und zog Miriam an der Hand hinter sich her.
„Hoffentlich verstecken sind hier nicht auch noch irgendwelche Viecher!“, Miriam war die Sache immer noch nicht so ganz geheuer. Neben dem Bett standen eine Stehlampe und eine einfache Nachtkommende, gegenüber davon gab es einen Kamin, daneben war ein kleiner Schreibtisch. An der Wand neben der Türe stand ein riesiger Schrank und auf der entgegen liegenden Seite gab es ein Fenster und eine Tür zu einem Balkon.
„Ich werde mal Holz auftreiben gehen, damit es uns nicht zu kalt wird!“, Nick wollte schon zur Türe hinausgehen, da hielt Miriam in an der Hand fest: „Pass aber auf dich auf, ok?“, mit großen Augen sah sie an.
„Klar doch! Mach du es dir hier inzwischen gemütlich, ich bin gleich wieder da“, er gab ihr noch einen letzten Kuss, bevor er das Zimmer verließ.
Zunächst begann Miriam damit ein paar der Kerzen aufzustellen. Im Kerzenschein sah das ganze bereits nicht mehr so unheimlich aus. Sie freute sich schon darauf gleich mit Nick vor dem knisternden Kaminfeuer zu sitzen und mit ihm zu kuscheln.
„Puh... igitt“, Miriam musste husten, als sie die Tagesdecke vom Bett zog. „Meine Mutter hätte mir damals wochenlang Hausarrest dafür gegeben, wenn ich mein Zimmer so lange nicht geputzt hätte!“, versuchte sie sich selbst Mut zu machen und lachte. Wenigstens muffelte das Bett darunter nicht ganz so schlimm, wie sie es sich ausgemalt hatte. Für ein paar Stunden Schlaf würde es gerade noch in Ordnung gehen.
Nick leuchtete den Gang entlang und steuerte auf die nächstliegende Türe zu. Er glaubte zwar nicht daran dahinter Holz zu finden, aber die Neugierde war einfach größer.
„Blöde Viecher!“, fluchend versuchte Nick sich von dem Spinnennetz zu befreien, in das er hineingelaufen war. Dann leuchtete er in das Zimmer hinein. An den Wänden erstreckten sich riesige, gefüllte Bücherregale bis an die Decke. Diese wurden nur von zwei großen Fenstern mit alten, weinroten Samtvorhängen davor und einem Kamin unterbrochen. In der Mitte des Raumes vor dem Kamin stand lediglich ein abgenutzter Ohrensessel. Nick schlenderte an den Regalen entlang. Die Bücher sahen alle ziemlich alt aus. Nick wollte gerade eins der Bücher herausziehen, als sein Blick auf ein riesiges Portrait fiel, welches über dem Kamin hing … erschrocken wich Nick zurück.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, Nicks Puls begann zu rasen.
Miriam schaute sich derweil genauer im Zimmer um, begutachtete kurz das zugehörige Badezimmer und entdeckte dann auf dem Schreibtisch einen Briefumschlag.
„An Herzogin Barbara von Liebwert! Wow, 1. November 1909. Der Brief ist ja genau 100 Jahre alt!“. Neugierig begutachtete sie den Brief. Plötzliche begannen die Kerzen zu flackern und Miriam spürte einen Luftzug. Verschreckt ließ sie den Brief fallen und drehte sich um. Der lange weiße Vorhang vor dem Fenster wehte herein. Mit wenigen Schritten war sie am Fenster und schloss es schnell wieder. Miriam fröstelte es, wie hatte das Fenster nur so plötzlich aufgehen können? Mit einem ohrenbetäubenden Knall donnerte es draußen. Miriam fuhr zusammen.
„Wo Nick nur bleibt!?“
Nick stand immer noch wie angewurzelt vor dem Gemälde und starrte es an. Sie war es wirklich! Die Frau, die ihm vorher vors Auto gelaufen war. Endlich konnte Nick sich davon losreißen. Mit hastigen Schritten verließ er das Zimmer. Dabei bekam er nicht mit, wie der Blick der Frau ihn dabei verfolgte. Er schloss die Türe von außen, lehnte sich daran und atmete erst einmal tief durch.
Miriam tastete sich währenddessen vorsichtig im Bad entlang und stellte eine Kerze auf die Spiegelablage.
„Hoffentlich gibt es hier wenigstens noch fließend Wasser! Na die Erben werden sich aber wundern, wenn sie eine Wasserrechnung bekommen!“, Miriam musste kichern. Sie drehte den Hahn auf. Erst tat sich nix, dann ein Gluckern und dann kam wirklich Wasser. Anfangs war es noch etwas rostig gefärbt, aber dann wurde es immer klarer. Miriam formte erfreut ihre Hände zu einer Schale, ließ das kalte Wasser hineinlaufen und klatschte es sich ins Gesicht. Das wiederholte sie noch ein paar Mal.
„Ah, genau das habe ich jetzt gebraucht!“ Sie sah auf und blickte in den Spiegel über dem Becken. Perplex fuhr sie herum. „Hallo? Hallo, ist da jemand?“ Ihr wurde es heiß und kalt. Im Spiegel hatte Miriam nicht nur ihr eigenes Spiegelbild gesehen gehabt, sondern da war auch noch eine Frau hinter ihr in der Türe gestanden. Doch jetzt schien da niemand mehr zu sein. Hastig drehte sie den Hahn wieder ab und wischte sich mit dem Ärmel ihres Pullovers das Gesicht trocken. Dann schnappte sie sich die Kerze und schlich mit schlottrigen Knien ins Zimmer zurück. Dabei bemerkte sie nicht, wie der Hahn immer noch vor sich hin tropfte und sich das Wasser allmählich blutrot färbte.
Nick stand immer noch an die Tür gelehnt. Laut pfiff der Wind um das Haus. Nick musste sofort zu Miriam und ihr das Gemälde zeigen. Er lief zum Schlafzimmer und riss die Türe auf.
„Miriam, du wirst nicht glauben, was ich gerade entdeckt habe! Das musst du dir anschauen!“ Doch im Zimmer war niemand.
„Miriam? Miriam Schatz, wo bist du?“ Keine Antwort. Nick versuchte sich einzureden, dass sie sich sicherlich nur im Haus umschauen wollte. Er ging wieder hinaus auf den Gang.
„Miriam?“ Immer noch keine Antwort. Hastig eilte er die Treppe hinunter. In der riesigen Eingangshalle immer noch keine Spur von ihr. Er horchte. Doch außer dem Grollen des Gewitters und des einsetzenden Regens, der gegen die Scheiben peitschte, konnte er nichts hören.
Nick eilte zu der doppelten Flügeltüre, die sich gegenüber der Küche befand und öffnete sie.
„Miriam?“, rief er hinein. Immer noch keine Antwort. Langsam trat er ein und leuchtete den Raum ab. Es war ein riesiger Saal. Außer einem verstaubten Flügel am Rande des Raumes, stand nichts darin. Nicht einmal Vorhänge gab es hier. Gerade wollte er sich umdrehen, um weiter nach ihr zu suchen, da erklang ein einzelner Ton aus dem Flügel. Nick lief es eiskalt den Rücken hinunter. In dem leeren Saal hallte er noch einen Moment nach. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stürmte er hinaus und verschloss eilig die Flügeltüre hinter sich. Im Inneren des Raumes war der Ton inzwischen verstummt.
„Was verdammt noch mal ist hier los? Miriam, wo steckst du?“ Irgendwo musste sie doch sein.
Mit großen Schritten hastete Nick wieder die Treppe nach oben. Doch das Schlafzimmer war nach wie vor leer. Er lief zur benachbarten Türe. Diese klemmte zunächst, doch mit einem heftigen Stoß konnte Nick sie öffnen und er stolperte hinein.
In dem Zimmer stand ein alter Schreibtisch, daneben auf einem Schrank ein Plattenspieler und direkt davor, mitten im Raum, ein alter Holzstuhl. Der Boden war mit einer dicken Staubschicht überzogen.
Nick atmete tief und fest ein, die Luft hier war besonders stickig. Er schaute sich um. Ein heller Blitz erhellte den Raum. Nick starrte wie gebannt auf den Stuhl. Hatte dieser sich gerade bewegt gehabt?
Plötzlich begann der Stuhl sich langsam nach hinten auf die hinteren Beine zu stellen. Nicks Herz klopfte ihm bis zum Hals und er umklammerte fest seine Taschenlampe. Der Stuhl blieb kurze Zeit in diesem merkwürdigen Winkel stehen und fiel dann lautstark nach hinten zu Boden.
Nick erstarrte. Im Schein seiner Taschenlampe konnte er auf dem staubigen Fußboden Schritte von dem Stuhl auf sich zukommen sehen. Die Abdrücke kamen immer näher auf ihn zu. Noch drei Meter. Doch Nick starrte nur wie gebannt darauf. Noch zwei Meter. Nur noch ein Meter, endlich riss Nick sich aus seiner Erstarrung. Mehrere Stufen auf einmal nehmend, spurtete er die Treppe hinunter. Mit wild pochendem Herzen rannte er in die Küche. Hektisch blickte er sich um. Da entdeckte er eine weitere Türe, er eilte hindurch und verbarrikadierte sie von innen.
„MIRIAM!!!!!“, verzweifelt ließ Nick sich langsam an der Türe entlang in die Knie gleiten und vergrub seinen Kopf in den Händen. Er zitterte am ganzen Körper und war den Tränen nahe. Nick atmete tief durch. Auf einmal strich etwas an seinen Beinen vorbei. Schlagartig sprang Nick auf. Er starrte in zwei leuchtend gelbe Augen in der Dunkelheit. Es ertönte ein leises mauzen. Nick atmete spürbar auf:
„Verschwinde du blödes Vieh!“, er griff wahllos nach einem Gegenstand und schmiss ihn in Richtung der Katze. Diese verschwand fauchend.
Nick hörte auf der anderen Seite der Türe Schritte auf dem knarrenden Küchenfußboden und ein rasselndes Schnaufen auf sich zu kommen. Nicks Adrenalinpegel stieg ins unermessliche. Er eilte zu einer weiteren Türe und kam wieder in der Halle raus. Panisch blickte er umher. Wahllos lief er zur nächstliegenden Türe und ging schnellstens dorthinein. Nick schloss die Türe und stellte sich daneben, presste sich ganz eng mit dem Rücken an die Wand und knipste seine Taschenlampe aus. Mit wild rasendem Herzen stand er da. In der Halle war es ruhig, nur das tobende Gewitter draußen war zu hören. Er glaubte, dass sein Herzklopfen sicherlich im ganzen Haus zu hören sei. Nick lauschte. Doch es war still. Totenstill.
Da durchbrach auf einmal der markerschütternde Schrei einer Frau die Stille. Dieser Schrei ließ Nick das Blut in den Adern gefrieren und er bekam eine Gänsehaut. Er drückte sich noch enger an die Wand. Was war hier nur los? Mit zittrigen Fingern schaltete er seine Taschenlampe wieder ein.
Dies schien das Esszimmer zu sein. Ein langer Tisch stand in der Mitte, an dem bestimmt gut zwanzig Stühle standen. Durch einen offenen Halbbogen war eine Art Theke abgegrenzt. Aus der hintersten Ecke des Raumes ertönte ein leises Stöhnen.
„Miriam, bist du es?“, flüsterte Nick. Das Stöhnen verstummte. Der Schein seiner Taschenlampe wurde immer schwächer. Behutsam setze Nick in der Dunkelheit einen Schritt vor den anderen. Er hörte wie sich Schritte von ihm entfernten.
„Miriam? Du brauchst keine Angst haben! Ich bin es Nick!“. Keine Antwort, eine Nebentüre öffnete sich leise knarrend und knallte wieder zu. Nick zuckte zusammen, eilte dann aber hinterher. Seine Taschenlampe begann zu flackern.
„Ach komm schon, bitte nicht jetzt!“, Nick schüttelte die Taschenlampe. Aber Nick konnte im schwachen Schein grad noch so erkennen, dass er jetzt wohl im Wohnzimmer war. Eine altmodische Couch mit zwei dazugehörigen Sesseln und einem kleinen Tisch standen darin. Außerdem gab es noch ein Regal mit Büchern an der Wand.
Da hörte Nick wieder das Stöhnen von vorhin aus dem Esszimmer. Langsam und mit zitterndem Leib trat er an die Fensterwand heran, von wo er die Geräusche vernommen hatte. Durch die vergilbten Vorhänge und die schmutzigen Fenster konnte er erkennen, dass hier eine Türe auf die Veranda hinausführte. Dichte Nebelschwaden zogen darüber.
Es gab einen heftigen Knall, reflexartig drehte er sich herum. Das Bücherregal war mit einem lauten Krach zu Boden gefallen. Der immer schwächer werdende Schein von Nicks Taschenlampe traf die Wand. „Du bist der Nächste!“ stand in krakeliger roter Schrift quer über die Wand geschrieben, wo eben noch das Regal gestanden hatte. Hastig atmend stolperte er einen Schritt zurück.
Die noch flüssige Farbe lief an der Wand herunter. Zitternd stand Nick davor und starrte auf den Text vor ihm. Er musste schlucken und der Angstschweiß rann ihm den Rücken herunter.
Ein schrilles, drohendes Lachen ertönte hinter ihm, aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung und fuhr herum. Auf der Veranda stand eine Gestalt in langem Mantel im strömenden Regen und schien Nick anzustarren. Langsam kam sie näher und schien durch die Glasscheibe hindurch zugleiten, als ob da gar keine wäre. Ein kalter Lufthauch strich an Nicks Wangen entlang. Er wollte weglaufen, doch seine Beine gehorchten ihm einfach nicht. Schweißperlen liefen ihm das Gesicht herunter. Krampfhaft umklammerten seine Finger die Taschenlampe.
Das Gewitter schien gerade seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Der Sturm tobte und der Regen peitschte wie in Silberfäden an den Fenstern vorbei. Die Blitze zuckten im Minutentakt aus den tiefschwarzen Wolken. Der darauf folgende Donner ertönte so furchterregend laut, dass man meinen könnte, das Ende der Welt sei nahe.
Nicks Atem wurde immer schneller. Endlich wurde ihm klar, dass wenn er überleben wollte, er schleunigst hier raus musste. Nick rannte los. Zurück ins Esszimmer, als er an dem langen Tisch vorbeikam, schmiss er jeden Stuhl hinter sich um. So schnell ihn seine Füße tragen konnten, lief er hinaus in die Eingangshalle. Er wartete darauf, jeden Moment angefallen zu werden.
Als er an der Kellertüre vorbeirannte, bemerkte er nicht, wie aus dem Keller ein entkräftetes `Hilfe!` erklang. Nick erreichte die Eingangstüre und riss sie auf. Er stolperte hinaus in den Regen. Der Boden war aufgeweicht und er musste mit aller Kraft versuchen nicht auszurutschen. Völlig panisch schrie Nick in der Dunkelheit nach Hilfe, in der Hoffnung, dass ihn jemand hören würde.
„So helft mir doch!“, rief er mit zittriger Stimme. Er rief noch lauter. Am Zaun angekommen, ließ Nick sich total entkräftet zwischen dichten, stacheligen Büschen zu Boden fallen.
„Warum hilft mir denn niemand?“, flehte er leise unter Tränen. Sein Herz pochte wie wild. Der Regen prasselte heftig auf ihn nieder.
Was war nur mit Miriam passiert? Er musste sie finden. Er musste einfach! Langsam rappelte er sich wieder auf, wischte sich die Tränen ab und blickte zur Villa hoch. Still lag sie in der Dunkelheit. Für ein paar Minuten kam er sich sicher vor, doch dann hörte er wieder dieses fiese Lachen auf sich zukommen. Mit Panik in den Augen blickte er sich um. Niemand war zu sehen. Er überlegte kurz und rannte dann wieder zur Villa zurück.
Geduckt schlich er um die Villa herum. Er war inzwischen bis auf die Unterwäsche durchnässt und zitterte. Endlich fand er, wonach er gesucht hatte: den Hintereingang. Bevor er die Tür aufbrach, sah er sich noch einmal um. Mit einem heftigen Tritt trat er gegen die Türe und sie öffnete sich tatsächlich.
Ein kleiner Schwarm Fledermäuse kam ihm entgegen. Nick konnte gerade noch seinen Kopf einziehen. Das musste der Keller sein. Er leuchtete hinein, heller wurde es dadurch jedoch nicht gerade. Vorsichtig tastete er sich vorwärts. Überall hingen Spinnweben. Zwei Türen schienen aus dem Keller herauszuführen. Eine unten an einem Treppenansatz und zur anderen gelangte man nur, wenn man die Treppe hinaufstieg. Ausgerechnet jetzt versagte seine Taschenlampe endgültig. Er schaltete sie ab. Nun war es stockdunkel.
Nick beschloss zuerst hinter die untere Türe zu schauen. Langsam tastete er sich an den Schränken entlang. Als er an der Türklinke ankam, fasste er in etwas Feuchtes. Angewidert verzog Nick das Gesicht. Ein komischer Geruch stieg ihm in die Nase. Zögernd öffnete er die Türe. Plötzlich fiel ihm etwas entgegen. Nick konnte den zusammensackenden Körper gerade noch auffangen. Er hatte lange Haare und eine zarte Haus, es schien eine junge Frau zu sein.
Nick hoffte, die Batterien seiner Taschenlampe hätten sich etwas erholen können und er betete, dass es nicht Miriam sein würde, bevor er die Frau mit dem schwachen Schein anstrahlte.
Doch sein Gebet wurde nicht erhört. Mit Tränen in den Augen ließ er sie los und sie glitt zu Boden. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihr Blick war leer, ihre Haut ganz blass und sie war blutüberströmt und atmete nicht mehr. Nick starrte Miriam an, die vor ihm auf dem Boden lag. An Nicks Händen klebte Blut, auch sein Shirt und seine Hose waren blutverschmiert. Nick wich zurück, er war käsebleich. Panik packte Nick.
„Neeeeeeeeeeein!“, schrie er weinend und rannte die Treppe hinauf.
Nick schlug die Türe auf und stand wieder in der Eingangshalle. Ihm war jetzt alles egal. Er wollte nur Rache verüben, an demjenigen, der dies Miriam angetan hatte. Die Rachgier war größer als jede Vernunft. Von der Treppe her erklang das Lachen. Doch da war niemand. Er hörte wie sich jemand auf ihn zu zubewegen schien, der Boden knarrte laut bei jedem Schritt. Das Lachen kam immer näher. Entschlossen blickte er sich in der Halle um. Nach links, nach rechts. Doch es war nach wie vor niemand zu sehen.
„Zeig dich du Feigling!“, schrie er in die Dunkelheit. Er griff nach einem Kerzenständer, der auf einem Sideboard stand und schlug damit wild um sich.
Plötzlich wurde Nick von der Seite angerempelt, er stolperte über einen Läufer und fiel unsanft der Länge nach hin. Dabei fiel ihm die Taschenlampe aus der Hand. Das Lachen wurde lauter und fieser. Hastig griff er nach seiner Taschenlampe. Im schwachen Schein suchte er die Halle ab. Er spürte, dass hier noch jemand in der Halle war. Er rappelte sich wieder auf, wurde jedoch im gleichen Moment heftig mit dem Rücken gegen die Wand gedrückt. Nick wollte schreien, doch er brachte keinen Ton heraus. Etwas umschlang seinen Hals und schnürte ihm die Kehle zu.
Nick röchelte, er bekam kaum noch Luft. Er wusste, dass er jetzt keine Chance mehr hatte… ihm wurde schwarz vor Augen. Schließlich verlor er das Bewusstsein. Das Gewitter wurde schwächer.
Als Nick heftig atmend wieder erwachte, musste er sich erst einmal orientieren. Er lag in einem Bett mit weißer Bettwäsche. Das Zimmer war weiß gestrichen, neben ihm stand ein weiteres Bett, gegenüber davon ein Tisch mit einem Fernseher darauf und daneben eine ganze Menge Blumensträuße und Stofftiere.
Nick richtete sich behutsam im Bett auf. Da spürte er einen stechenden Schmerz in der Hand und bemerkte erst jetzt, dass er einen Verband trug. Er fasste sich an den Kopf, auch hier hatte er eine Bandage.
Am Fußende seines Bettes lag eine Zeitung. Er beugte sich langsam nach vorne, griff nach der Zeitung und las: ‘01.11.2009`. Plötzlich hielt er in der Bewegung inne. Auf der Titelseite war das Bild einer Frau abgebildet.
„Heute jährt sich der 100ste Todestag von Herzogin Barbara von Liebwert“, stand darunter. Nick las weiter: „In der Nacht vom 31. Oktober auf den 01.November 1909 wurde Herzogin Barbara von Liebwert brutal in ihrem eigenen Haus ermordet. Bis heute blieb der Mord ungeklärt. Doch noch heute fragen sich die Menschen: Was war damals wirklich mit der alten, liebenswerten Frau geschehen? Seit diesem Tag steht die Villa Liebwert verlassen. Viele behaupten sogar, dass es in der Villa seit diesem Tag spuken würde. Und in der Tat ranken sich viele seltsame Geschichten um dieses alte Haus und merkwürdige Dinge sollen dort bereits geschehen sein. Doch …“, weiter kam Nick nicht.
Denn auf einmal ging die Türe auf.
„Hey, endlich bist du wach!“, Miriam stürmte auf Nick zu und umarmte ihn heftig. Nick hielt sie ganz fest. Tränen liefen ihm die Wange runter vor Freude.
„Du lebst, du lebst!“, rief er immer wieder und wollte sie gar nicht mehr loslassen.
„Natürlich! Ich bin nur froh, dass du endlich aufgewacht bist, du warst nach dem Unfall bewusstlos gewesen, weil du einen Schlag auf den Kopf bekommen hattest und hast dann die ganze Nacht durchgeschlafen. Ich weiß ehrlich nicht, was ich gemacht hätte, wenn das alte Ehepaar nicht an unserer Unfallstelle vorbeigekommen wäre.“
„Altes Ehepaar?“, Nick verstand nicht ganz. „Ich war bewusstlos? So schlimm war unser Unfall doch gar nicht.“
„Nicht so schlimm? Dein Auto kannst du vergessen. Nachdem uns der Hirsch vor das Auto gelaufen war, wolltest du ausweichen. Streiftest ihn aber noch, er schlug durch die Fensterscheibe. Wir kamen von der Straße ab und stürzten einen Abhang hinunter. Der Wagen überschlug sich ein Mal und blieb dann auf dem Dach liegen. Weißt du das nicht mehr?“ Miriam sah Nick mit großen Augen an, auch an ihrer Stirn war ein Verband.
„Ich … ich bin mir nicht sicher …!“ Nick war verwirrt. Hatte er das alles wirklich nur geträumt gehabt? Aber es war ihm doch so real erschienen?!
Aber das war ihm jetzt auch egal. Miriam lebte, das war das wichtigste! Er zog sie zu sich heran und eng umschlungen hielt er Miriam im Arm und war einfach nur glücklich, dass sie beide jetzt hier, gesund und munter, zusammensitzen konnten.
„Ich lass dich nie mehr los, damit dir niemals jemand etwas antun kann!“
Miriam lachte: „Wer sollte mir auch schon was antun wollen!?“
„Man kann nie wissen und es kann so schnell gehen!“ Nick wusste, dass er jetzt umso mehr jede einzelne Sekunde mit ihr genießen würde. Jetzt oder nie. Er sah ihr in die Augen: „Willst du meine Frau werden?“.
Miriam sah ihn überrascht an, doch dann strahlte sie bis über beide Backen. „Ja, ja, natürlich will ich!“ Sie gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Die Zeitung fiel mit einem leisen klatschen auf den Boden und die Frau auf dem Bild schien zu lächeln.
Trockenes Laub wehte raschelnd durch den Rinnstein. Zusammen mit den entfernten Stimmen und Schritten eine gespenstische Musik in der Dämmerung. Die Straßenlaternen waren noch aus, aber dafür leuchtete es aus Kürbisaugen, deren Besitzer grinsend die Zähne fletschten. Hier und da schauten Skelette um Häuserecken. In einem Baum, weiter die Straße herunter, saß eine lebensgroße Hexe auf ihrem Besen, als würde sie dort Rast machen. Und in den Vorgärten waren uralte Grabsteine aus der Erde gewachsen.
Mit anderen Worten: Es war Halloween. Das Fest zum Jahreswechsel der Kelten, wenn die helle Jahreszeit in die dunkle überging, und die Seelen der Toten durch die dünne Schicht zwischen den Welten gelangen konnten.
Nicht, dass das am heutigen Tag vielen klar war...
Aber einer wusste es sehr genau. Einer, der sich tiefer in den Schatten verbarg, wenn Stimmen näher kamen.
Halloween war sein Fest. Das war schon immer so gewesen und würde sich nie ändern. Es war der Tag, an dem sein wahres Ich zum Vorschein kam, an dem er die Maske ablegte. Die eine Gelegenheit im Jahr, an der unschuldige junge Seelen ungestraft seine Beute wurden...
Aber das hier war kein besonders gutes Jagdgebiet. Das Gelände war etwas abgelegen und mit einem Tor von der Straße getrennt, auf der die Kinder mit ihren Sammelbehältern herumliefen. Am Ende der Auffahrt, hinter dem leicht verwilderten Vorgarten, lag ein großes Haus mit erleuchteten Fenstern.
Auch dahinter waren Kinder, lebten in verschachtelten Zimmern und bereiteten sich auf den großen Spaß vor, der Halloween für alle war. Aber diese zarten Seelen dort waren vielfach gegen ihn geschützt, kein Spuk konnte sie auch nur erschrecken.
Weil diese Kinder die einer Hexe waren.
Von außen sah das Gebäude eigentlich für alle Augen normal aus, von dem Pentagramm über der Tür einmal abgesehen. Die magischen Zeichen an jedem Giebel waren unglaublich mächtig, aber klein und kaum zu entdecken. Und den Schutzkreis aus Rosmarin, im Pflanzendickicht verborgenen Kristallen und geflochtenen, in die Erde eingearbeiteten Weißdorntrieben, der rund um das Haus lag, konnte man nicht mal von oben erkennen.
Der einzig feststellbare Unterschied zu den Häusern der Umgebung war, dass es hier keine grinsenden Kürbisgesichter gab, sondern eine in einen Kürbis geschnitzte, fauchende Katze auf der einen, und einen gleichermaßen gearbeiteten, heulenden Wolf auf der anderen Seite der Eingangstür.
Das lag daran, weil die Bewohner des Hauses den mythischen Ursprung dieses Brauchs kannten. So wie auch aller anderen, die mit Halloween verknüpft waren. Daher waren im Garten auch keine Skelette, Grabsteine und Geister in Sicht. Es gab keine Monster oder Hexen.
Wohl aber einen knorrigen Reisigbesen, der an der Wand neben der Tür lehnte und an dessen Stiel ein geflickter Hexenhut baumelte. Ein ironischer Gruß an die ausgestopfte Verwandtschaft, und an alle die wussten, was es bedeuten sollte. Die Hexe war heute zu Hause.
Andere Gestalten, die im Schutz von Halloween offen umgehen konnten, schlugen sicher einen Bogen um dieses Haus. Aber den Dunklen, der sich neben der Auffahrt verbarg, schreckte die Nähe der Hexe nicht.
Seine schwarzen Finger zogen die Kapuze tiefer in sein Gesicht, während sein Blick wieder zur Straße hinunter huschte. Er wusste, dass noch jemand hier vorbeikommen würde. Er war sich ganz sicher. Und dann wäre er bereit...
Die Dämmerung breitete sich aus, wie kalter Nebel in einem Talkessel. Farben verblassten und wurden, in der hereinbrechenden Dunkelheit, zu Schattierungen von Grau.
Die Straßenlaternen flammten auf und warfen Inseln ins Dunkel. Ein trügerischer Schutz, umgeben vom Zwielicht, in dem man Buschwerk nicht von Lebewesen unterscheiden konnte. Das Gebiet, in dem die Zwischenwesen lauerten...
Noch immer zogen Kinder durch die Straße, stetig wurden es mehr. Aber bis jetzt traute sich keins zu dem geschlossenen Tor, hinter dem die dunkle Auffahrt lag, auch wenn das Haus am Ende hell erleuchtet war.
Doch als ein Van vorfuhr, schwang das schmiedeeiserne Gitter endlich wie von Geisterhand auf. Der Wagen hielt an, und ein halbes Dutzend kichernder, verkleideter Kinder sprang heraus. Ein Pirat war darunter, und ein Vampir. Eine Prinzessin und eine Elfe. Ein Mädchen sah nach Räuberbraut aus, und das letzte Kind war ganz verpackt in ein Laken.
Der Dunkle lachte leise vor Vorfreude. Diese süßen Wesen - keins älter als neun Jahre - wollten hinauf zum Haus, und ihr Weg führte sie an ihm vorbei. Nur würden sie nicht ungeschoren durch kommen...
Der Van fuhr davon und ließ die schnatternden, unschuldigen Kinder allein zurück. Langsam setzte sich die kleine Gruppe in Bewegung, die finstere Auffahrt hoch, sich ihres Schicksals so wenig bewusst wie eine Herde Gänschen auf dem Weg zur Schlachtung.
Der Dunkle machte sich bereit. Er verschmolz noch tiefer mit den Büschen, die die Auffahrt begrenzten, seine Dunkelheit eins mit der Dämmerung, und den Kindern unsichtbar.
Als sie heran kamen, er ihr abgelenktes Gespräch mithören konnte, lachte er boshaft in sich hinein.
Er streifte absichtlich einen Ast, ließ das bunte Laub rascheln. Doch nur eins der Kinder schaute kurz in seine Richtung, und war sogleich wieder von der Unterhaltung gefangen.
Genau so sollte es sein...
Mit einem großen Satz war er plötzlich vor ihnen. Genau zwischen dem rettenden Haus und den Kindern, die erschreckt zu ihm hoch starrten und die Augen weit aufrissen. Mit einem wilden Knurren breitete er die Arme aus, um sie sich zu schnappen, und im selben Augenblick begannen sechs helle Kinderstimmen zu kreischen.
Das vorderste Mädchen strauchelte. Sie fing sich aber, als der Dunkle nach ihr griff. Seine schwarzen Hände fassten ins Leere, weil sie davon lief, so schnell sie nur konnte. Die Anderen hinter ihr her. Als Letzter das kleine Bettlakengespenst, das immer wieder über einen Zipfel seiner Verkleidung stolperte.
Dann ging mit einem Mal die Beleuchtung der Auffahrt an und tauchte sie in gleichmäßiges Licht.
Der Dunkle schaute zum Haus. Er ahnte, was jetzt passieren würde, wo von dem Lärm alle aufgeschreckt worden waren...
Und tatsächlich. Die Tür schwang auf, eine kleine Gestalt schoss heraus. Sie baute sich auf halbem Weg zwischen dem Gebäude und dem Dunklen auf, stemmte die Hände in die Seiten und starrte ihn empört an.
"DADDYYYY!"
Kevin schlug die Kapuze seines schwarzen Umhangs zurück und guckte seine Tochter unschuldig an. "Was denn, ich hab doch gar nichts gemacht?"
Doch das zog bei Aislinn nicht wirklich. Unwillig pustete sie sich die wirren Locken aus der Stirn. "DU MACHST MIR MEINE PARTY KAPUTT! MOMMYYYYYYY!" Wütend stapfte das Mädchen zurück ins Haus.
Kevin warf einen Blick Richtung Tor, wo nichts mehr zu sehen war von den Kindern, und schmunzelte breit in sich hinein. Wenn sie es offen stehen ließen, damit die Süßes-oder-Saures Kinder herein konnten, wäre sicher noch einiges los in ihrer Auffahrt...
Grade überlegte er, sich wieder im Gebüsch auf die Lauer zu legen, als Shannon in der Tür auftauchte und ihn mit schiefgelegtem Kopf musterte. Von den zerschlissen wirkenden schwarzen Sachen, die er trug, über den Fetzenumhang, bis zu seinem geschwärzten Gesicht.
Er lächelte, unschuldig wie ein Engel, obwohl sein aktueller Aufzug eher nach der Gegenseite aussah.
Aber auch Shan ließ sich davon nicht täuschen. Schmunzelnd und kopfschüttelnd lehnte sie sich an den Türrahmen, und trocknete ihre Finger an der rot verschmierten Schürze ab, die sie trug.
"Typisch... Komm mal lieber rein, ehe unsere Tochter ihre Haustiere auf dich hetzt. Du kannst mir bei den blutigen Händen helfen."
"Das klingt spannend...", entschied Kev und kam langsam zur Tür.
"Du wirst wahrscheinlich anderer Meinung, wenn du erst die Sauerei in der Küche siehst. Ich musste jeden Finger der Handschuhe einzeln aufschneiden, weil die Götterspeise sich nicht daraus lösen ließ. Gut, dass ich so viel Vanille... ich meine natürlich Eitersoße habe, damit kann man viel kaschieren, aber sie sind trotzdem ziemlich zermatscht. Nächstes Jahr müssen wir uns was anderes für den Nachtisch einfallen lassen."
Kevin überlegte kurz. "Vielleicht statt Wackelpudding Grießbrei... Wenn wir den mit roter Lebensmittelfarbe hautfarben hinkriegen? Ober ein bisschen Blaue, als abgefaulte Hände von einem Ertrunkenen..."
"Gute Idee. Den Stumpf ein bisschen zerfetzt und mit Erdbeermarmelade verschmiert, könnte es auch ein Hai-Opfer sein. Dann hebe ich auch eine missratene Hand für Nick auf. Oder, noch besser, wir probieren es vorher mal bei einem Barbecue aus, dann wissen wir nächstes Jahr wenigstens wie es geht."
"Yep, machen wir."
Kevin gab seiner Frau einen kleinen Kuss auf die rosigen Lippen und schmeckte Kirschgötterspeise. Dann warf er sehnsüchtig einen letzten Blick Richtung Tor, doch Shannon zog ihn bereits erbarmungslos ins Haus.
"Vergiss das ganz schnell, wenn du noch vor Weihnachten wieder ein Wort mit deiner Tochter wechseln willst..."
Sie kamen am Türbogen zum Wohnzimmer vorbei, wo Linn stand und mit ihren geflüchteten Partygästen telefonierte.
"... Ja, das war nur mein Dad... Es macht ihm Spaß Leute zu erschrecken. Du weißt ja wie Erwachsene manchmal sind..." Sie verdrehte die Augen und kehrte Kevin demonstrativ den Rücken zu.
Na schön, es war wohl schon Zeit die Maske wieder überzustreifen. Aber es gab ja ein nächstes Halloween...
Die dunkle Seite in Kevin lachte leise vor Vorfreude.
Ein paar Tage vor Halloween...
Es ging wieder mit großen Schritten auf Halloween zu, dass merkte man im Hause Dorough vor allen Dingen daran, dass Vater und Tochter die Tage zählten.
Niemand sonst gab soviel auf Halloween, wie Saphira und Howie, war es doch der einzige Tag im Jahr, an dem Luna bei ihnen sein konnte.
Halloween war die Nacht, in der Saphira gezeugt wurde, die einzige Nacht, die Howie jemals mit dieser wundervollen Frau hatte verbringen dürfen.
Und Saphira lebte für diesen einen Tag im Jahr.
Seitdem sie ihre Mutter das erste Mal gesehen hatte, zählte kaum noch etwas anderes in ihrem Leben soviel, wie dieser eine Tag.
Selbst jetzt, wo sie bereits im Teenageralter war, gab es nichts wichtigeres.
Doch Howie war besorgt, denn mit jedem Jahr fiel es seiner Tochter schwerer ihre Mutter nach ein paar Stunden wieder gehen zu lassen.
Unter zahlreichen Tränen hatte sie ihre Tante Shannon angebettelt ihr beizubringen, wie man mit Geistern kommunizieren konnte, was die jedoch aus Gründen der Sicherheit strickt abgelehnt hatte.
Howie war das nur recht, befürchtete er doch, dass Saphira sich dann ganz der Geisterwelt verschreiben und gar nicht mehr im weltlichen Dasein leben wollen würde.
Hätte ihm jemals jemand gesagt, dass er mal mit einem Teenager über Geisterbeschwörung streiten würde... er hätte ihm ins Gesicht gelacht.
Waren nicht Partys und Klamotten ein viel geeigneteres Thema?
Zumal Saphira bereits mit deutlichen Attributen einer Frau ausgestattet war.
Entschlossen schüttelte Howie den Kopf, um das Thema wieder in den hintersten Winkel seines Bewusstseins zu verfrachten.
Weiteres Nachdenken würde ihn nur dazu bringen, dass er mit ihr ein Vater – Tochter Gespräch führte, das für sie beide unweigerlich peinlich werden musste.
Und er war doch ein cooler Dad... zumindest tolerierte er Geister... aber einen Boyfriend?
Alles hatte eben seine Grenzen, beschloss er, und ein leichtes Lächeln legte sich über sein Gesicht.
„Bin wieder Zuhause!“, mit einem leisen Knall flog die Türe ins Schloss.
Saphira biss sich unsicher auf die Lippen, das war das erste Mal, dass sie ihren Vater anlügen würde, aber es musste sein.
Endlich hatte sie jemanden gefunden, der ihr behilflich sein konnte mit der Geisterbeschwörung.
Jemanden, der selbst bereits mehrmaligen Kontakt mit den Wesen aus der Totenwelt hatte.
Nein, diese Gelegenheit konnte sie sich nicht entgehen lassen, auch wenn sie dadurch ein paar Stunden weniger mit ihrer Mutter verbringen konnte.
Unruhig trat sie von einem Bein auf das andere. Nur ihren Vater dafür anlügen zu müssen, behagte ihr so gar nicht, aber er würde dadurch schließlich auch ihre Mutter täglich um sich haben können... wenn es denn funktionierte!
„Und, wie war es beim Einkaufen? Hast du was passendes gefunden?“, fragte er und deutete auf die zahlreichen Tüten, als seine Tochter im Türrahmen erschien, „Gut, die Frage hat sich wohl gerade von selbst beantwortet.“
„Äh, ja... Sag mal, Dad, würde es dir was ausmachen, wenn ich auf eine Halloweenparty gehe?“, ihr schlechtes Gewissen meldete sich augenblicklich, weswegen sie die Augen zu Boden schlug und hastig weitersprach, „Ist in der Nähe von Onkel Nicks Haus... du weißt schon... Und du könntest ein bisschen Zeit mit Mom alleine verbringen.“
Es war nicht gelogen, versuchte sie sich einzureden.
Die Party fand in der Nähe von Nicks Haus statt, nämlich genau genommen in seinem Garten, aber das würde sie ihrem Vater garantiert nicht auf die Nase binden, und ihrem Onkel schon gleich gar nicht.
Keiner von beiden brauchte zu wissen, dass sie jemanden im Internet gefunden hatte, der über Geister und deren Beschwörung bescheid wusste... zumindest war das der Idealfall.
Der Chatter, den sie nur unter dem Namen „Victim of Magic“ kannte, hatte als Treffpunkt die Party bei ihrem Onkel vorgeschlagen.
Saphira war nicht wirklich traurig darum.
Sollte sich herausstellen, dass der Typ bloß ein idiotischer Spinner war, konnte sie wenigstens auf Nick bauen, falls etwas schief gehen sollte.
Howie schaute seine Tochter prüfend an und seufzte.
Nun würde er sich wohl doch in der nächsten Zeit damit abfinden müssen, dass sie auch mit Jungs ausging... warum war sie nur so verdammt schnell erwachsen geworden?
Aber es war wohl naiv zu denken, sie würde für immer klein bleiben.
„Uhm... okay, soll ich dich dann hinbringen?“, dass er sozusagen ein Date mit ihrer Mutter haben würde, überging er geflissentlich.
Sicher, er hatte einiges zu besprechen und die wenige Zeit, die sie jedes Mal nur hatten, reichte dafür kaum aus, aber so hatte er wenigstens das Gefühl, Luna an der Erziehung ihrer Tochter beteiligt zu haben.
Doch woher kam Saphiras Sinneswandel?
Steckte ein Junge dahinter, oder begann auch sie zu verstehen, dass sie nicht ewig in dieser Konstellation einer halben Familie weitermachen konnten?
Seit einiger Zeit grübelte Howie bereits darüber nach, wie er seiner Tochter schonend beibringen konnte, dass sie nicht für immer in dieser Halbwelt leben konnten.
„Nein, wir treffen uns erst noch bei Angela und schlafen dann auch dort“, das war die erste richtige Lüge.
Saphira ignorierte das ungute Gefühl in ihrer Magengrube und ihr bis in den Hals klopfendes Herz.
Sicher, sie würde sich bei Angela anziehen und von dort aus losziehen, aber sie würde nicht mit zu der Party gehen, die bei einem Klassenkameraden stattfand.
Ihr Plan war praktisch perfekt und keiner würde jemals davon erfahren, wenn nichts schief ging. So weit so gut.
Der Tag vor Halloween...
Saphira war vor Aufregung beinahe schlecht.
Fast täglich chattete sie nun mit „Victim of Magic“ und fand ihn mit jedem Mal sympathischer. Auch wollte sie nicht glauben, dass er nur jemand war, der einfach nur Aufmerksamkeit erregen wollte. Dazu klang er viel zu glaubwürdig und sympatisch.
War er am Anfang nur ein reines Mittel zum Zweck, fand sie sich nun immer wieder in Gespräche über alle möglichen Themen verwickelt.
Da er sie für bedeutend älter hielt, als sie tatsächlich war, war es nicht selten, dass er mit ihr flirtete.
Häufig brachte er sie zum Lachen, indem er sich selbst auf die Schippe nahm.
Immer wieder berichtete er von Dämonen, die er bekämpft haben wollte.
Dieses Mal erzählte er ihr von einem Succubus, der ihn angeblich nach allen Regeln der Kunst verführt hatte.
Gebannt starrte das Mädchen auf den Bildschirm.
Was um alles in der Welt waren den Succubusse... oder sagte man Succuben?
Sie sollte Tante Shannon danach fragen.
Wenn diese Dämonen allerdings was mit Sex zu tun hatte, wie ihr gerade suggeriert wurde, war es fraglich, ob sie von ihr eine brauchbare Antwort bekommen würde.
Also musste sie doch „Victim of Magic“ fragen.
Die Antwort ließ ihr sowohl das Blut in den Adern gefrieren, als auch ihre Neugierde noch weiter anstacheln.
Ein Dämon der Sex wollte?
Nick musste grinsen, als er den Bildschirm anstarrte.
Gut, wenn man bedachte, wie nahe er dem Tode gewesen war, als dieser verdammt scharfe Succubus ihn erwischte...
Aber hey, der Sex war wirklich der beste in seinem Leben gewesen, und er hatte weiß Gott nie wie ein Mönch gelebt und konnte es beurteilen!
„Little Witchy“ war ihm innerhalb kürzester Zeit so vertraut geworden, dass er ihr jedes magische Phänomen, dass ihm jemals widerfahren war, anvertraut hatte.
Gut, er tat es um sie zu beeindrucken, auch wenn er das wohl nicht so schnell zugeben würde.
Schmunzelnd saß er nun vor seinem PC. Morgen würde er sie endlich kennen lernen und irgendwie freute er sich darauf.
Mit über Dreißig sollte man vielleicht keine Frauen mehr im Chat kennen lernen.
Seine Stirn lag in Falten, als er gedanklich noch einmal alle Frauen durchdachte, die hinter dem Nicknamen der kleinen Hexe stecken konnten, doch ihm wollte keine einfallen.
Zumindest keine die bereits Volljährig war und deswegen auf seiner Party auftauchen konnte.
Und immerhin hatte sie nicht einmal nach seiner Adresse gefragt, sondern ihm versichert, dass sie keine Probleme haben würde ihn dort zu treffen.
Aber wie wollte sie bei ihm reinkommen?
Sie mussten sich also schon kennen, oder?
Außerdem hatte er ihr auch nicht auf die Nase gebunden, dass er sie auf seine eigene Party eingeladen hatte... eine recht verzwickte Situation.
Aber verzwickt waren auch die Umstände, unter denen sie im Chat aneinander geraten waren.
Während er selbst versuchte Nachforschungen anzustellen, wie er weiteren magischen Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen konnte, hatte sie nach jemandem gesucht, der sie irgendwie an den Mann oder besser gesagt an den Geist bringen konnte.
Nick seufzte, und ein kleiner kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter.
Warum, um alles in der Welt, versuchte jemand mit Geistern in Kontakt zu kommen?
Er selbst konnte wirklich gut darauf verzichten.
Das erste Mal hatten sie sein Haus auseinander genommen, und dann war da der jährlich zu Halloween wiederkehrende Geist von Luna... Der Frau, die Alex fast einem Dämon überantwortet hätte – zugegeben gezwungenermaßen – und dann Howies Tochter geboren hatte.
Nun gut, um Saphiras und Howies Willen tolerierte er sie und tat sein bestes um nicht mit ihr in Kontakt zu kommen, doch er konnte einem Geist beim besten Willen nichts abgewinnen.
Saphiras Wangen glühten vor Verlegenheit, als sie den Computer endlich abschaltete.
Gut, dass „Victim of Magic“ sie so nicht sehen konnte, er würde sie für ein verklemmtes Mauerblümchen halten, und sie wollte doch möglichst cool sein und ihn beeindrucken.
Ihre Mutter war immerhin eine Hexe, und ihr Vater ein Backstreet Boy, irgendwas musste sie doch geerbt haben, dass auch sie zu etwas besonderem machte, außer ihrer Gabe zukünftige Geschehnisse zu zeichnen!
Saphira gähnte und streckte sich, bevor sie endlich von ihrem Schreibtisch aufstand.
Es war bereits ein paar Minuten nach Mitternacht und eigentlich sollte ihre Mom bald auftauchen.
Voll bekleidet legte sie sich auf ihr Bett und wartete, bis sie irgendwann doch der Schlaf übermannte.
Luna schaute ihre Tochter eine Weile besorgt an, ohne sich zu materialisieren.
Sehr wohl hatte sie den Chat mitgelesen und machte sich nun Sorgen.
Sie würde dringend mit Howie reden müssen.
Dass Saphira so unter ihren jährlichen Besuchen litt war keineswegs gut.
31. Oktober... Halloween
Am nächsten Tag stand Saphira wie gerädert auf, bis jetzt hatte sie noch kein Zeichen von ihrer Mutter wahrnehmen können, und auch ihr Vater war am Frühstückstisch äußerst schweigsam.
„Glaubst du, Mom kommt dieses Jahr nicht?“, fragte Saphira mit einem Kloß im Hals, ihre Stimme war belegt.
Ein Jahr ganz ohne ihre Mutter würde sie einfach nicht ertragen.
„Ich weiß es nicht, Schatz, vielleicht hat sich im Kosmos ja irgendwas an den Spielregeln geändert und die Sache verzögert sich einfach etwas...“, Howie fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
Auch er vermisste Luna schrecklich. An diesem einen Tag im Jahr genoss er es sie um sich zu haben, mit ihr zu reden, die Verantwortung teilen zu können oder ihr und Saphira einfach nur zuzuschauen, wenn sie etwas zusammen ausheckten.
Auch wenn er wusste, dass es bald enden musste.
Mit hängenden Schultern packte Saphira an diesem Mittag ihre Sachen zusammen.
Von ihrer Mutter hatte sie immer noch kein Zeichen wahrgenommen und langsam machte sich in ihr Wut breit.
Wie konnte es irgendjemand wagen ihr die Mutter vorzuenthalten?
War es nicht schon genug, dass sie ohne sie aufwachsen musste?
Gönnte man ihr nicht einmal mehr diesen einen Tag?
Tränen der Wut strömten ihre Wangen hinab, ohne dass sie sie zunächst bemerkte.
Bis sie sie ärgerlich wegwischte... Sie würde einen Weg finden, dass Problem mit ihrer Mutter zu lösen.
So oder so, und „Victim of Magic“ würde ihr dabei helfen, sie spürte es.
Nick machte sich sorgfältig für diesen Abend zurecht.
Das Motto seiner Party war passenderweise „Maskeraden“, und es sollte keiner wagen ohne eine aufzutauchen.
Sein eigenes Kostüm glich sehr dem „Scream“ – Mörder, und selbst seine Stimme klang durch das Plastik anders... Er war mehr als erfreut, keiner würde ihn erkennen.
Schminke und Maske waren geschickt zu einem Ganzen verbunden worden.
Unsicher schaute Saphira sich auf der Party um.
Sie fühlte sich alles andere als eine Erwachsene, für die sie durchzugehen versuchte.
Der Garten, in dem sie bereits unzählige Male gewesen war, das Stück Strand, alles war im Angesicht der Halloweenparty eher beängstigend als vertraut.
Aufmerksam schaute sie sich nach Nick um, doch von ihrem Onkel war weit und breit nichts zu sehen. Andererseits wusste sie auch nicht welches Kostüm er trug.
Ihr Elfenkostüm hatte zuerst einige neugierige Blicke auf sich gezogen, doch niemand hatte sie angesprochen.
Und andere, viel gewagtere Outfits, hatten schnell für mehr Aufsehen gesorgt.
Seufzend machte sie sich auf dem Weg durch die Menge zum Bootssteg, wo sie mit „Victim of Magic“ verabredet war.
Das sanfte Schlagen der Wellen beruhigte sie etwas, und ihre Anspannung ließ nach.
Ein paar Mal atmete sie durch, um ihr immer noch wild pochendes Herz zu beruhigen.
So abseits der Party und im Dunkeln der Nacht erschien es ihr auf einmal nicht mehr richtig, auf einen fremden Mann zu warten.
Was genau wusste sie schon von ihm?
Ihr Blick schweifte wieder auf das Meer hinaus, während sie noch überlegte, was sie nun tun sollte.
Gehen, oder bleiben und auf einen Unbekannten warten?
„Hallo, kleine Hexe!“, die dunkle, tiefe Stimme ertönte direkt an ihrem Ohr, und eine behandschuhte Hand legte sich sanft um ihren Hals, „Haben deine Eltern dir nicht beigebracht, dass es gefährlich ist sich im Dunkeln mit Fremden zu treffen?“
Saphira blieb beinahe das Herz stehen und ein leiser Schrei entrang sich ihrer Kehle.
Geschickt drehte sie sich aus der Umarmung heraus und wich vor der schwarz gekleideten Person zurück.
„Hey, alles in Ordnung, ich bin es doch nur...“, im letzten Moment bekam Nick die Arme der jungen Frau vor ihm zu fassen, bevor sie vom Steg fallen konnte, und zog sie an sich, „'Victim of Magic'“, kleine Hexe.“
Nachdem er sicher war, dass sie nicht Hals über Kopf vor ihm fliehen und ins Meer fallen würde, ließ er sie wieder los. Ihr warmer Körper hatte nur einen kurzen Moment an seinem gelehnt, doch er zog scharf die Luft ein und betrachtete aufmerksam seinen Gegenüber.
Sein zugegeben dummer Scherz hatte alle Farbe aus ihrem Gesicht weichen lassen, was er trotz der Maske, die alles verdeckte, erahnen konnte.
Sie war recht klein, bemerkte er, ging ihm gerade mal bis zur Brust, und das trotz der Sandaletten mit Absätzen, doch ihre Rundungen waren genau an den richtigen Stellen üppig.
Ihr raffiniertes Kleid war aus einem grünblauen Stoff, der ihn sofort an tropische Meere erinnerte, das Gesicht von einer Halbmaske mit Schleier verdeckt. Das Haar unter der Kapuze verborgen, die Teil des Kleids war.
Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er nicht sagen können, wer in dem Kostüm steckte. Bei allen anderen Partygästen war es recht einfach, doch diese junge Dame hatte sich wirklich viel Mühe gegeben, um unerkannt zu bleiben.
Wer war sie?
Es wollte ihm beim besten Willen nicht einfallen, auch wenn ihre Augen ihm vertraut vorkamen.
„Wollen wir erst einmal etwas trinken?“, bot Nick an und fügte stolz hinzu, „Und dann zeige ich dir den Folterkeller... der wurde eigens für die Party umgebaut!“
Er wollte unbedingt wissen, mit wem er es zu tun hatte, und dazu brauchte er nur ein wenig Zeit.
Doch kaum hatten sie sich unter die anderen Gäste gemischt, als die kleine Hexe sich immer wieder unsicher umschaute.
Suchte sie etwa nach jemandem?
„Wie gefällt es dir hier?“, fragte Nick, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken, und lächelte, als er sah, wie vorsichtig sie an dem Cocktail nippte, den er ihr grade gegeben hatte.
„Es ist... uhm sehr interessant.“, erwiderte Saphira vorsichtig.
Immer noch versuchte sie sich von dem Schrecken zu erholen, als so urplötzlich jemand hinter ihr aufgetaucht war.
Sie schalt sich eine dumme Gans. Dies war schließlich eine ganz normale Halloween Party, was hatte sie denn gedacht, dass hier niemand den anderen erschrecken würde?
Doch ihre Unruhe rührte nicht von ihrem Gegenüber, bei dem sie sich auf seltsam vertraute Weise sehr sicher fühlte. Etwas, das sie eigentlich wiederum beunruhigen sollte.
Unter all den anderen Gästen hatte sie Angst, ihrem Onkel zu begegnen.
Was wenn er sie erkennen würde und vor allen zur Rede stellte?
Das würde unvergleichlich peinlich werden, das konnte sie auf keinen Fall riskieren!
Außerdem würde sie auf keinen Fall dieses Glas austrinken.
Schlimm genug, dass sie auf dieser Party war, aber wenn sie auch noch mit einer Alkoholfahne nach Hause kam, wäre sie vermutlich ein toter Teenager.
Und dann hatte sie ihrem Vater noch nicht einmal den eigentlichen Grund für ihr Erscheinen auf diesem Fest erklärt.
Nervös nahm sie doch noch einen Schluck.
„Du sagtest, du kennst jemanden, der...“, begann sie, wurde aber unterbrochen, als sich die Hand ihres mysteriösen Gesprächspartners auf ihre Lippen legte, um sie zum Schweigen zu bringen.
„Nicht hier...“, Nick strich sanft mit einem Finger über ihren Mund, und trotz der trennenden Stofflage konnte er fühlen, wie schnell ihr Atem ging.
Wusste sie wer er war und legte es darauf an verführt zu werden?
Himmel, es war ihm beinahe egal ob sie es wusste...
Die Stelle, die sein Finger berührt hatte, prickelte immer noch, als er ihn fort nahm.
Langsam ließ er seine Hand an ihrem bloßen Hals herunter gleiten und fuhr über ihr Schlüsselbein.
Warme Schauer rieselten über Saphiras Rücken, alles andere rückte in den Hintergrund.
Wie aufregend sich das anfühlte, dachte sie, keinen Gedanken mehr daran verschwendend, dass sie von dem Mann ihr gegenüber praktisch nichts wusste.
Wie es wohl wäre, wenn er sie jetzt küssen würde...
Ein plötzlicher Windzug zerrte an Saphiras Kapuze und sie war sehr froh, sie gut befestigt zu haben, so dass sie nicht durch Zufall entlarvt wurde.
Ein leichtes Zittern überlief sie, das nicht nur von dem Wind kam, und erschrocken über sich selbst fuhr sie zurück.
„Okay... Lass uns reingehen, dann zeige ich dir den Keller“, ihr Gegenüber nahm ihr das inzwischen leere Glas ab.
Wann hatte sie das denn leer getrunken, fragte sie sich stirnrunzelnd und besorgt. Das war sicher mehr Alkohol gewesen, als sie jemals zuvor getrunken hatte.
Ihr Chatpartner hatte ihre Hand genommen, und sie war froh, dass sie so ein wenig Halt hatte, denn sie fühlte eine verdächtige Unsicherheit in den Knien.
An der Türe zu seinem Studio hatte Nick große Spinnennetze angebracht, die im Dunkeln leuchteten.
Dort wo normalerweise sein Mischpult stand, war nun ein schwarzer Vorhang angebracht, der den Raum abtrennte und so durch den entstandenen Korridor in den Aufnahmeraum weiterleitete.
Nick drückte schnell zwei Knöpfe, als ihm die junge Frau durch die Türe voraus ging, und kam nun hinter ihr her.
Außer ihnen schien sich niemand in dem Untergeschoss zu befinden, stellte Saphira nervös fest.
„Wo sind denn die Anderen?“, auch wenn ihr „Victim of Magic“ irgendwie ein ungeahntes Vertrauen vermittelte, wollte sie nicht wie ein naives Gänschen hier herum stehen.
Sie wollte endlich eine Lösung für das Problem haben, dessentwegen sie gekommen war... zumindest versuchte sie sich das einzureden.
„Hier unten ist erst nach Mitternacht für die Allgemeinheit geöffnet. Zur Premiere, kleine Hexe, sind nur besondere Gäste geladen.“, Nick verbeugte sich galant, nahm ihre Hand und drehte sie geschickt an ihr im Kreise, „Und nun, lass es auf dich wirken und sag mir, was du davon hältst.“
Auch in diesem Studio war sie bereits unzählige Male gewesen, doch so gespenstisch umdekoriert war es wirklich unheimlich.
Wo hatte Nick bloß diese ganzen Ketten und Metallfesseln her?
Neugierig geworden schaute Saphira sich um.
Das ganze Studio glich wirklich einem Folterkeller aus dem Mittelalter.
Eins musste man ihrem Onkel lassen, wenn er umbaute, dann aber ordentlich.
Selbst der Fußboden hatte für die Party einen Filzbelag bekommen, auf dem Strohbüschel lagen.
Fehlte nur, dass ihr noch eine Ratte über die Füße lief.
Aus den Boxen hörte man leises Rauschen, das wohl Wind sein sollte, und immer mal wieder von einem schaurigen Stöhnen überlagert wurde.
Eine Gänsehaut überzog Saphiras Arme, als ein Windhauch sie streifte... irgendjemand hatte wohl die Aircondition angestellt.
„Und?“, Nick war gespannt, wie sein Gast wohl reagierte. Würde sie sich nun endlich verraten?
Bisher hatte er keinen Anhaltspunkt wer sie sein könnte, und obwohl es die ganze Sache mehr als interessant machte, wollte er doch lieber wissen, mit wem er es zu tun hatte.
„Sagen wir mal, mich würde es nicht wundern, wenn mir gleich ein großes Nagetier über die Füße huscht!“, gab die junge Frau zu und schaute sich mit einem weiteren Schaudern um, bevor sie ihr „Victim of Magic“ wieder ansah, „Hier laufen doch wohl keine rum, oder?“
„Keine Angst... soweit würde nicht einmal i... Äh, Nick gehen!“, schnell korrigierte Nick seinen Fehler und zog die kleine Hexe an sich, während er leise lachte.
Es war eigentlich lächerlich die Maskerade noch weiter aufrecht zu erhalten.
Aber, wenn sie sich nicht zu erkennen gab, dann würde er es vorläufig auch nicht tun.
Mittels einer kleinen Fernbedienung schaltete Nick das Licht bis auf einige wenige Lampen, die an Fackeln erinnern sollten, herunter, und einen langsamen Song ein.
Saphira war sich des männlichen Körpers, an dem sie lehnte, sehr bewusst.
Auch die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihren Kopf an seine Brust legte und seinem Herzschlag lauschte, beunruhigte sie nicht.
Langsam bewegten sie sich in dem schaurigen Keller zu der sanften Musik.
Keiner von ihnen bemerkte den Geist, der sie beobachtete ohne sich zu materialisieren.
Luna schaute dem Ganzen besorgt zu.
Irgendwie musste sie dafür sorgen, dass die beiden ihre Masken fallen ließen, ohne dass schlimmeres geschah.
Sie seufzte einmal mehr, in ihren Augen war Trauer zu lesen.
Wie sehr sie ihre Tochter, und deren Wunsch nach einer richtigen Familie, unterschätzt hatte.
Auch Howie war ihr jährliches Erscheinen keine große Hilfe, wie sie im Laufe des Tages bemerkt hatte.
Sicher, an diesem einen Tag waren sie eine Familie, aber keiner von ihren Lieben würde mit seinem Leben weitermachen können, wenn sie nicht endgültig verschwand.
Sie hatte sich entschlossen. Dies würde das letzte Jahr sein, in dem sie die Beiden besuchte.
Nick machte sich an der Kapuze zu schaffen, bis es ihm schließlich gelang, die Klammern, mit der sie an der Maske befestigt war, zu entfernen.
Lange schwarze Locken flossen über den grünblauen Stoff, die sich, als er sie berührte, genauso seidig anfühlten, wie sie aussahen.
„Was machst du?“, flüsterte Saphira und versuchte ihr Haar wieder zu verbergen.
Erschrocken trat sie einen kleinen Schritt zurück.
Niemand durfte erfahren wer sie war, und dass sie überhaupt hier war.
Wie hatte sie nur so dumm sein können ihr Gegenüber gewähren zu lassen.
„Ich will wissen, wer du bist...“, sagte er und zog seine eigene Kapuze ab.
Luna lächelte, nun würde endlich Bewegung in das Ganze kommen, Zeit Howie zu informieren.
Dunkelheit umgab den Keller, kein Ton war mehr zu hören, als sie ihn verließ.
Ihre Tochter würde bei Nick sicher sein.
Unbemerkt von den Partygästen und den Nachtschwärmern auf der Straße, gelangte sie zu Howie.
Obwohl er scheinbar entspannt dasaß, konnte man seiner angespannten Miene entnehmen, dass er alles andere als das war.
Wie schon Stunden zuvor zappte Howie lustlos durch die Programme.
Sie hatten nur noch eine knappe Stunde bis Mitternacht, bemerkte Luna, als sie an der Uhr vorbeischwebte und sich materialisierte.
Ihr Licht schimmerte nur schwach, hatte sie doch viel Energie in Nicks Keller darauf verwendet die Türe abzuschließen und den Strom auszuschalten.
„Luna!“, Howie stand auf und streckte ihr seine Hand entgegen, bis ihm einfiel, dass er sie nicht berühren konnte.
Schnell ließ er die Hand wieder sinken und machte stattdessen mit ihr eine einladende Bewegung auf die Couch.
„Du bist spät dran“, versuchte er einen leichten nonchalanten Gesprächston beizubehalten.
Den ganzen Tag hatte er sich den Kopf zerbrochen, wie er mit Luna über das heikle Thema sprechen sollte.
„Ich habe ein wenig Zeit damit verbracht unsere Tochter zu beobachten“, auch sie versuchte nicht zu viel preiszugeben, denn obwohl es ihr das Herz zerbrach mussten sie hier und heute einen Schlussstrich ziehen, „Sie leidet sehr unter meinen Besuchen, nicht wahr?“
Howie schlug die Augen nieder und nickte schließlich doch.
Als er aufschaute waren seine Augen von der gleichen Trauer erfüllt, die sich auch in Lunas widerspiegelten.
„Ja, sie sucht sogar nach Wegen um Geister zu beschwören“, gab er endlich zu.
„Ich weiß, sie hat jemanden im Internet kennen gelernt, der sich angeblich mit Geistern auskennt und den sie heute Abend trifft“, Luna hob schnell die Hand und bedeutete Howie sich wieder zu setzten, der aufgesprungen war.
„Sie hat was?“, fragte er und erbleichte sichtlich, „Wo ist sie jetzt? Sie kann sich doch nicht einfach mit einem Wildfremden Gott weiß wo treffen!“
Es zog ihm regelrecht die Schuhe aus, wie weit seine Tochter bereit war zu gehen, um mit ihrer Mutter kommunizieren zu können.
Aber wie hatte er glauben können, dass eine Ablehnung von Shannon dazu führen würde, dass auch seine Tochter das Thema als beendet betrachtete?
Er machte einen Schritt zur Türe, besann sich dann aber eines besseren, als er Luna wieder anschaute.
Sie schien sich im Gegensatz zu ihm gar keine Sorgen um ihre Tochter zu machen... oder wusste sie noch mehr?
Ihm jedenfalls wurde regelrecht schlecht, wenn er daran dachte, in welcher Gefahr sie gerade jetzt sein könnte, wo sie sich mit einem Fremden traf, der ihr angeblich bei einer Geisterbeschwörung helfen wollte.
„Wo ist sie?“, fragte er noch einmal und versuchte das ängstliche Zittern aus seiner Stimme heraus zu bekommen.
„Keine Angst. Durch einen Wink des Schicksals hat sie nur mit Nick gechattet und ist auf seiner Party mit ihm verabredet. Ich habe die beiden im Studio eingeschlossen, es kann nichts passieren“, beschwichtigte Luna ihn. An Howies Stelle hätte sie sich sicher auch Sorgen gemacht, aber Saphira war ja bei ihrem Onkel und daher in Sicherheit.
„Nick hatte sie noch nicht erkannt, aber als ich ging machte er bereits Anstalten ihr die Maske abzunehmen.“
Howie versuchte sich zu beruhigen.
Sie war bei Nick, was konnte da schon schief gehen?
Eben... Zwischen alles und nichts, war leider alles möglich, weswegen er sich auch jetzt nicht wirklich wohl in seiner Haut fühlte. Im Gegensatz zu ihm kannte Luna Nick kaum. Ihm war zuzutrauen, dass er Saphira doch noch bei einer Geisterbeschwörung half.
„Und, was sollen wir jetzt machen?“, Howie fuhr sich mit der Hand durch sein Haar, „Einerseits will ich, dass sie dich... dass wir dich auch weiterhin sehen können. Aber andererseits...“, er geriet ins Stocken und ließ seinen Blick durch das Wohnzimmer schweifen.
„Andererseits nimmt dieser eine Tag ihm Jahr mehr von eurem Leben ein, als gut ist“, beendete Luna seinen Satz, „Ich denke es ist an der Zeit für uns alle einen endgültigen Strich zu ziehen. Du kannst nicht auf ewig alleine bleiben, und Saphira muss auch lernen, dass es wichtigere Dinge gibt als diese Halbwelt, in die ich euch gezogen habe.“
Es war Howie mehr als unangenehm zuzugeben, dass er wirklich nicht mehr alleine bleiben wollte.
Aber es war feige, wenn er Saphiras Wohl vorschieben würde, um Luna zu einem Abschied zu bewegen, auch wenn sie ihn selbst vorschlug.
„Du hast recht, ich würde gerne wieder mit jemandem ausgehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben“, gab er deshalb zu, „Versteh mich nicht falsch, du hast einen besonderen Platz in meinem Herzen, alleine schon weil du mir Saphira geschenkt hast. Und ich will keinen Halloween Tag der letzten Jahre missen, aber es ist so schwer, den einen Teil des Jahres damit zu verbringen die Tage zu zählen, bis es wieder soweit ist und den anderen Teil, über den neuen Verlust hinweg zu kommen.“
Luna verstand ihn nur zu gut und nickte, erging es ihr doch ganz ähnlich.
Die Halbwelt in der sie lebte war voller Unannehmlichkeiten und sie lebte nur für den einen Tag im Jahr, an dem sie bei ihrer Familie sein konnte.
Tag ein Tag aus hatte sie gesehen wie ihre Familie trauerte, bis sie sich schließlich wieder von ihnen losreißen konnte.
Solange, bis es endlich wieder auf Halloween zuging und sie trotz all ihrer guten Vorsätze wieder zurückkehrte.
„Dann wird dies das letzte Jahr, in dem ich zu euch komme. Vielleicht finde ich dann auch endlich einen Weg aus dieser Halbwelt herauszukommen und ganz in das andere Reich zu wechseln.“ Luna versuchte zu lächeln, auch wenn es ihr sichtlich schwer fiel, „Lass uns zu Nick fahren und mit Saphira reden.“
Sie mussten ihr den Entschluss beide mitteilen, wenn sie nicht wollte, dass die Beziehung zwischen Vater und Tochter einen empfindlichen Riss bekam.
Saphira war unterdessen ein wenig in Panik geraten.
„Victim of Magic“ hatte es geschafft die Bänder zu lösen, die ihre Maske an ihrem Platz hielten, und auch wenn der Strom ausgefallen war und absolute Dunkelheit sie umgab, wusste sie, dass sie handeln musste.
Irgendwie musste sie es schaffen ihre Maske wieder festzubinden und ihn gleichzeitig abzulenken.
Vorsichtig tastete sie nach seinen Händen, die er inzwischen von den Handschuhen befreit hatte, und glitt suchend seinen Arm hinauf, um ihm seine eigene Maske abzusetzen und ihm dabei ihre zu entwinden.
Nur ein Kuss... sagte sie sich, dass sollte als Ablenkung reichen.
Aber woher sollte gerade sie nun wissen, wie das ging, mit Null Erfahrungen auf diesem Gebiet?
Sie musste es wohl oder übel drauf ankommen lassen, so schwer konnte das ja nicht sein...
Nick spürte seidenweiche Lippen, die sich langsam und scheu auf seine drückten.
Dass sie versuchte ihn von ihrer Maske abzulenken war ihm keinesfalls entgangen.
Aber wenn sie mit ihm spielen wollte, dann sollte es wohl so sein.
Träge ließ er seine Zunge über ihre volle Unterlippe gleiten und registrierte, wie sie sachte erschauerte und sich an ihm festhielt.
Neugierig, wie weit sie gehen würde, um ihre Identität geheim zu halten, schloss er seine Arme um sie und streichelte ihren Rücken.
Die Maske glitt aus Saphiras Fingern. Sie versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, was ihr einfach nicht gelingen wollte.
Sie wollte etwas sagen, doch ihr Gegenüber nutzte den Moment geschickt aus, um langsam mit seiner Zunge in ihre warme Mundhöhle zu dringen.
Langsam... tastend... Es war keinesfalls unangenehm und so tat Saphira es ihm instinktiv nach.
Keine Frage, „Victim of Magic“ wusste wie man küsste, und er brachte sie dazu alles zu vergessen.
Weswegen sie mit ihm hatte reden wollen... Dass sie sich eigentlich verbergen musste, um ihrem Onkel nicht zu begegnen... Dass ihr Vater auf keinen Fall von ihrem Ausflug wissen durfte... Und vor allem, dass der Mann, der sie gerade um den Verstand küsste, viel erfahrener war, als sie selbst...
Nick war sich am Rande seines Bewusstseins klar, dass die Frau in seinen Armen keine Ahnung hatte, was sie gerade tat... und wenn doch, sie eine verdammt gute Schauspielerin sein musste, um das zu verbergen.
Sie schmeckte wie die personifizierte Unschuld und ihre Küsse machten ihn glauben, dass sie noch nie geküsst worden war.
Seine Hände glitten zu ihrer Taille und streichelten ihre Hüften.
Er zog sie mit sich, bis sie schließlich gegen etwas stießen, dass Nick für die Streckbank hielt.
Saphira presste sich eng an ihren Chatfreund.
Eine seltsame Wärme breitete sich in ihr aus.
Wie bei einem neuen Tanz, lernte sie von seiner Zunge die seltsamen Bewegungen, die diesen Kuss zu dem werde ließen, was er war... etwas unvergessliches.
Nie im Leben hatte sie sich vorstellen können, dass ihr einmal so etwas unvergleichliches widerfahren könnte.
Seine Lippen lösten sich von ihren, entlockten ihr ein unwilliges Stöhnen, weil es schon vorbei sein sollte, doch dann glitten sie an ihren Hals entlang und Saphira stockte der Atem, als seine Zähne sie sachte in die weiche Haut bissen.
Und wieder war es seine Zunge, die jeden Gedanken an Protest ersterben ließ.
Ihre Hände waren in sein Haar geglitten und streichelten sanft seinen Nacken.
Sie spürte seinen warmen Atem am Ansatz ihrer Brüste und wusste tief in sich, dass sie ihn besser aufhalten sollte.
Lange hatte Nick sich nicht mehr so lebendig gefühlt wie in diesem Augenblick.
Seine Haut prickelte wie elektrisiert und sein ganzer Körper war voller Erwartung angespannt.
Was war nur so reizvoll an dieser Frau, von der er nur wusste, dass sie schwarze Locken und blaue Augen hatte, die ihn direkt mitten ins Herz getroffen hatten.
Ihre unbeholfene Art seinen Zärtlichkeiten zu begegnen machten ihn mehr an, als die Verführungen des Succubus...
Doch auf keinen Fall wollte er sie zu der Seinen machen, bevor er nicht wenigstens ihren Namen kannte.
Vorsichtig wurde Saphira auf das harte Streckbrett gesetzt, und auch wenn sie es kaum registrierte, war sie sich doch sehr bewusst, dass sie auf dem besten Wege war etwas ganz und gar unmögliches zu tun.
Aber es fühlte sich so verdammt gut an, ihr Blut kochte regelrecht in ihren Adern, ihr Kopf war wie schwerelos, ließ keine negativen Gedanken zu, und ein aufregendes Prickeln machte sich an den Stellen breit, an denen sich männlich harte Stellen gegen ihren weiblich weichen Körper drückten.
Das hier war alles andere, als das was sie in ihren romantischen Büchern las.
Kaum merklich war der ohnehin schon großzügige Ausschnitt ihres Kostüms auf einer Seite noch weiter nach unten gezogen worden.
Und eine warme Hand schloss sich um die zarte Knospe.
Ein erstauntes Seufzen entrang sich Saphiras Kehle.
„Sag mir deinen Namen“, flüsterte Nick, bevor er seinen Mund zu ihrer Brust senkte.
Im Grunde rechnete er nicht wirklich mit einer Antwort. Doch er wollte sich nicht nachsagen lassen mal wieder eine Jungfrau verführt zu haben, ohne auch nur deren Namen zu kennen.
Aus dem Alter war er mit Sicherheit raus!
„Saphira!“, wisperte sie atemlos zurück, ihre Hände in seinem Haar verschränkt, scheinbar nicht wissend, ob sie ihn fester an sich ziehen wollte oder lieber von sich stoßen sollte.
Im ersten Moment war Nick sich nicht sicher, ob er sie richtig verstanden hatte.
„Saphira?“, fragte er deshalb noch einmal und fühlte sich, als ob ihm jemand einen Eimer kaltes Wasser übergekippt hätte.
„Ja...“, flüsterte sie noch einmal und ihre Hände fielen an ihre Seiten zurück, als er sich ruckartig von ihr entfernte.
Eins war sicher, er glaubte nicht an den Himmel, aber hierfür würde er auf Lebzeiten in der Hölle schmoren!
Obwohl er hektisch in den Taschen nach der Fernbedienung suchte, um wenigstens einen Versuch zu starten das Licht wieder anzubekommen, wusste er nun wen er vor sich hatte, auch ohne sie im Licht zu sehen.
Gequält stöhnte er auf... wie hatte ihm nur so ein unverzeihlicher Fehler unterlaufen können?
„Bitte zieh dich wieder an“, sagte er leise und schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter.
Langsam fügten sich ihm alle Puzzelteile zu einem Ganzen.
Saphira hatte Shannon angebettelt ihr einen Weg zur Kommunikation mit ihrer Mutter zu ermöglichen, und nun hatte die kleine Hexe es auf eigene Faust versucht.
Nur durch einen dämlichen, oder vielleicht göttlichen, je nachdem wie man es sehen wollte, Zufall war sie bei ihm gelandet und nicht bei irgendeinem Irren.
Aber er hatte sich auch nicht grade aufgeführt, als wäre er bei Verstand...
Endlich fand Nick, was er suchte, und drückte hektisch ein paar Knöpfe, bis das Licht endlich ansprang.
Er konnte einfach nicht glauben, dass er seine kleine Nichte geküsst hatte.
Nun ja, angesichts ihrer zitternden Hände, mit denen sie ihr Kleid zurechtrückte, musste er sich eingestehen, dass er wohl mehr getan hatte, als sie nur zu küssen.
Die Jungs würden ihm allesamt bei lebendigem Leib die Haut abziehen, wenn sie das heraus bekamen...
Nicht auszudenken, was das für ihre Freundschaft bedeutete.
Doch bevor Nick endgültig in Panik ausbrechen konnte, schaute er Saphira an.
Wie ein Häufchen Elend saß sie da und traute sich nicht einmal aufzublicken.
Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung, dass war das Einzige, dass sie mit Sicherheit wusste.
Was immer sie auch getan haben mochte, es hatte „Victim of Magic“ so abgestoßen, dass er ohne eine Erklärung von ihr gewichen war, als wenn sie eine ansteckende Krankheit hätte.
Sie traute sich nicht einmal aufsehen und ihr Gegenüber anzublicken.
Wie sehr sie sich wünschte ihre Maske wieder aufsetzten zu können und sich in die Anonymität zu flüchten.
Ihre Beine waren weich wie Wackelpudding und sie traute sich nicht aufzustehen, auch wenn sie liebend gerne den Ort des Geschehens verlassen hätte.
Eine Träne ran über ihr Gesicht...
Warum konnte sie nicht auch einmal ein Happy End haben?
Einen perfekten Tag, an dem ihre Mutter nicht wieder gehen würde, an dem sich niemand Sorgen wegen ihrer Herkunft machte und fürchtete, sie könnte mit Dämonen paktieren, oder wo sie einfach auch mal als Frau bemerkt wurde, ohne für jemand anderen stehen gelassen zu werden.
Zitternd holte sie Luft und zwang sich aufzusehen.
„Oh man, Howie wird mich dafür umbringen!“, Nick fuhr sich mit den Händen durchs Haar.
Was sollte er nun tun?
Ihm musste schnell etwas einfallen.
Ihre geschwollenen Lippen und die sanfte Röte, die ihre Wangen überzog, sprachen ganze Buchreihen.
„Onkel...“, Saphira stockte und fügte dann mit hochrotem Kopf hinzu, „...Onkel Nick?“
Sie starrte einander einen Moment an, bevor eine Bewegung an der Türe ihre Aufmerksamkeit erregte.
Schnell machte Nick einen Schritt nach vorne, um seine Nichte zu verbergen, denn keiner sollte sie so sehen.
Und wenn es nach ihm ging, brauchte auch keiner zu wissen, dass sie überhaupt da war.
„Hey Dude, sag mal, willst du den Keller nicht langsam mal für das allgemeine Volk freigeben?“, es war sein bester Kumpel Chris.
„Tu mir einen Gefallen und halte sie mir noch ein paar Minuten vom Leib, okay!“, Nick drehte sich zu Saphira und verbarg ihre Haare mühsam unter der Kapuze, „Kleines, ich bring dich nur nach oben und dann werden wir das in aller Ruhe besprechen, okay?“
„Was ist denn los? Und wer ist...“, begann der Neuankömmling.
„Chris, um unserer Freundschaft Willen, frag nicht! Ich werde es dir irgendwann später erklären!“, unterbrach ihn Nick und schwor sich, dass es selbst in der besten Freundschaft Dinge gab, die man nicht über den anderen wissen musste, und das was gerade passiert war, gehörte dazu.
Er warf Chris die Fernbedienung zu: „Wenn ich hier raus bin kannst du hier gerne die Show schmeißen, ich muss noch was erledigen.“
Nur um Nick einen Gefallen zu tun nickte Saphira, denn noch immer schwirrte ihr der Kopf.
Wie weitreichend die Konsequenzen von diesem Abend auf einmal waren, wurde ihr erst jetzt bewusst.
In allen Szenarien, die sie sich ausgemalt hatte, war diese katastrophale nicht einmal Ansatzweise vorgekommen.
Sie musste an sich halten, um nicht in Tränen auszubrechen.
Ihrem Ziel, täglichen Kontakt mit ihrer Mutter zu haben, war sie nun ferner den je.
Nick hob Saphira auf seine Arme.
Sie war leicht wie eine Feder, und auch jetzt kam er nicht umhin ihre verlockenden, sanften Rundungen an seinem Körper zu fühlen.
Einen Moment schloss er gequält die Augen, um sich zu sammeln.
Sie waren schon fast an Chris vorbei, als dieser einen leisen Pfiff von sich gab.
„Nick, du hättest als Vampir gehen sollen und nicht als Mörder.“, lachte Chris und deutete auf den Hals der jungen Frau, die sein Freund an ihm vorbei trug und die so schamhaft ihr Gesicht zu verbergen suchte.
Erst jetzt sah Nick den kleinen aber gut sichtbaren Abdruck, den seine Zähne auf Saphiras Hals hinterlassen hatten.
Sein Verstand weigerte sich endgültig, sie weiterhin als seine kleine Nichte zu sehen.
Ohne etwas zu erwidern trug er sie ins Obergeschoss, wo er schnurstracks auf sein Schlafzimmer zulief.
Hier würde sich keiner seiner Gäste ohne seine ausdrückliche Erlaubnis rein wagen.
Nur, was sollte er jetzt mit ihr anfangen?
Er konnte jawohl schlecht da weitermachen, wo sie aufgehört hatten, bevor er ihren Namen erfahren hatte.
„Mensch Kleines, was hast du dir nur dabei gedacht?“, seufzte er und setzte sie auf sein Bett.
Doch er musste sich eingestehen, dass sie hier nicht die Einzige war, die zur Verantwortung gezogen werden musste.
„Und was, um alles in der Welt, habe ich getan?“, fügte er deshalb hinzu, wofür Saphira ihm sehr dankbar war.
„Wir sitzen ganz schön in der Klemme, oder?“, fragte sie, nachdem sie einen Moment schweigend dagesessen hatten.
„Ziemlich!“, gab Nick zu, „Wir müssen zusehen, dass wir dich irgendwie nach Hause bekommen. Nach Möglichkeit ohne das dein Dad bemerkt, dass du hier warst.“
Erst nachdem Nick ihren Dad erwähnt hatte, schien Saphiras Verstand wieder einzusetzen.
Alles Blut wich aus ihrem Gesicht.
An ihren Vater hatte sie noch keinen einzelnen Gedanken verschwendet, wenn sie ehrlich war.
Bis gerade eben hatte ihr größeres Problem darin bestanden, dass sie mit ihrem... Onkel, es war kaum für sie zu erfassen... geknutscht hatte.
Schlimmer noch, sie war diejenige, die sich ihm regelrecht an den Hals geworfen hatte.
„Wie bist du überhaupt hergekommen, und wo denkt dein Vater, dass du eigentlich bist?“, fragte Nick. Vielleicht ließ sich ja irgendwie aus Stücken dessen, was Howie glaubte zu wissen, eine passable Ausrede stricken.
Immerhin war er darin einmal Meister gewesen, oder etwa nicht?
Seine Ausreden waren manchmal sogar so perfekt, dass nicht einmal Kevin dahinter kam...
„Ich habe ihm erzählt, dass wir uns bei Angela umziehen und dann auf eine Party gehen, wo so ziemlich die ganze Klasse sein würde.“, erklärte Saphira und atmete dann erleichtert auf, „Er denkt, dass ich heute bei ihr schlafe, vor Morgen wird er mich nicht mal vermissen.“
Auch Nick gelang es, für einen Moment erleichtert aufzuatmen.
Immerhin hatten sie genug Zeit sich was zu überlegen.
Sein Blick glitt über ihre nackten Arme und er sah, dass sie fröstelte.
„Hier, zieh das über, sonst erfrierst du noch.“, Nick ging zum Schrank und zog einen Pullover heraus, der auch ihren Hals verbergen würde.
Mehr um irgendwas zu tun zu haben, zog er sein eigenes Kostüm aus und versuchte dabei eine Reihe von glaubwürdigen Erklärungen, die er seinem Kumpel, bezüglich dessen Tochter auf seiner Party, präsentieren konnte.
Saphira spähte unter halbgeschlossenen Lidern zu ihm herüber.
Es war ja nicht so, dass sie Nick nicht schon öfter nur in Badehose gesehen hätte. Doch nun, wo sie wusste wie es sich anfühlte wenn sie sich an ihn presste, pochte ihr Herz wieder schneller bei seinem Anblick.
Im Schneidersitz machte sie es sich auf dem Bett bequem und wartete, bis Nick wieder zu ihr kam.
Sie wusste, dass sie es ihm erklären musste.
Vielleicht würde er sie sogar verstehen.
„Es tut mir leid.“, begann sie deshalb, „Ich wollte Mom so gerne immer um mich herum haben.“
Nick drehte sich zu ihr um.
In dem übergroßen Pullover sah sie noch kleiner und verletzlicher aus, so dass Nick es nicht über sich brachte ihr böse zu sein.
„Kleines, du hast doch schon mit Shannon drüber gesprochen“, er streckte die Hand aus, um ihre Wange zu streicheln, zog sie aber schnell wieder zurück, um nicht in Versuchung zu geraten, sie noch einmal zu küssen.
Und irgendjemand musste ihm beistehen, aber genau das wollte er am liebsten tun.
Eine Minderjährige... er musste wirklich nicht mehr ganz bei Verstand sein... und dabei auch noch seine Nichte... vielleicht sollte er dringend eine Therapie in Erwägung ziehen.
„Ich weiß.“, sie seufzte und ballte ihre Hände zu Fäusten, um sich daran zu hindern in Tränen auszubrechen.
Viel war an diesem einen Abend passiert.
Sie hatte ihren Vater angelogen, war zu einer Party gegangen, auf der sie eigentlich nichts verloren hatte, hatte eine ziemliche Menge Alkohol getrunken und wild mit Nick herumgeknutscht.
Angst und Nervosität machten ihr zu schaffen, bis ihr schließlich so übel war, dass sie das Gefühl hatte sich übergeben zu müssen.
„Vielleicht können wir sagen, dass es mir nicht gut ging und ich deshalb hergekommen bin?“, schlug Saphira vor, bevor sie ins angrenzende Bad flüchtete und sich übergab.
Alkohol, noch ein Punkt auf seiner Sündenliste, den er Howie lieber nicht erklären wollte.
Kopfschüttelnd ging Nick hinter ihr her.
Zu einem Knäuel zusammengekauert lag Saphira auf Nicks Bett.
Obwohl er sie am liebsten in den Arm genommen hätte, gab er sich nun damit zufrieden ihr nur übers Haar zu streicheln.
Wenige Minuten später wurde die Türe zu Nicks Schlafzimmer aufgestoßen.
Howie schaute sich im sanften Dämmerlicht um.
Nick hatte noch immer ein wenig Schminke im Gesicht, und seine Tochter sah aus, als wenn sie mit einem Schrecken noch mal davon gekommen wäre.
„Alles in Ordnung?“, fragte er Nick leise, Luna schwebte an ihnen vorbei zum Bett.
Nick war leise aus dem Zimmer gegangen, nachdem er Howie bedeutet hatte, dass Saphira soweit in Ordnung war.
Sein Bedürfnis nach Geistern war auf Lebzeiten gedeckt. Und wie viel dieser – auch noch Saphiras Mom, die ihm ebenso die Hölle heiß machen würde wie Howie, und das Jenseits wahrscheinlich noch dazu - von dem mitbekommen hatte, was sich zwischen Saphira und ihm abgespielt hatte, dass wollte er, solange wie eben möglich, lieber nicht wissen.
„Mom!“, Saphira setzte sich ruckartig auf, „Du bist doch noch gekommen.“
Luna seufzte und setzte sich auf das Bett, noch einmal mobilisierte sie ihre ganzen Kräfte, um ihre Tochter in den Arm nehmen zu können. In wenigen Minuten würde sie für immer aus dieser Welt scheiden, und dann gab es kein Zurück mehr.
„Meine Kleine, was hast du dir nur dabei gedacht?“, besorgt strich sie ihrer Tochter eine Locke aus dem Gesicht, „Was wenn du nicht hier bei Nick gewesen wärst? Es hätte auch ein Dämon sein können, der dich zu sich lockt.“
„Ich weiß, aber...“, Saphiras Augen füllten sich mit Tränen.
„Schsch... Ist ja schon gut. Dir ist ja nichts passiert.“, Luna wollte ihre Tochter nicht wieder in Tränen aufgelöst hinterlassen, „Aber das muss ein Ende haben, du kannst nicht immerzu in dieser Halbwelt leben, für einen einzigen Tag im Jahr.“
Howie schaute besorgt auf seine beiden Frauen nieder, auch ihm war das Herz schwer geworden.
„Was willst du damit sagen?“, wie ein kleines Kind hatte Saphira sich in die Arme ihrer Mutter geflüchtet.
„Nächstes Jahr werde ich nicht zurück kommen. Wir müssen alle weitermachen, und du quälst dich viel zu sehr, nach jedem Halloween, um wieder in ein so normal wie möglich erscheinendes Leben zurück zu kommen“, erklärte Luna, auch in ihren Augen hatten sich Tränen gesammelt.
„Dad, sag du was dazu“, mit nassen Augen schaute Saphira ihren Vater bettelnd an, doch diesmal musste er stark sein und durfte ihr nicht nachgeben.
„Schatz, manchmal muss man loslassen, auch wenn es sehr schwer fällt.“, presste Howie schließlich hervor, „Und wir können von Mom nicht verlangen, dass sie nur wegen uns für immer in einer Halbwelt lebt.“
Wieder brach das junge Mädchen in Tränen aus.
Ihre Eltern schauten sich über ihren Kopf hinweg an.
In weiter Ferne begann eine Uhr Mitternacht zu schlagen.
„Nein!“, hauchte Saphira, „Bitte noch nicht...“
„Versuch nicht mich zurück zu holen mein Schatz, du musst dein eigenes Leben in die Hand nehmen und sehen, dass etwas daraus wird. Leb meinetwegen nicht in der Vergangenheit, wenn du eine wundervolle Zukunft haben kannst“, Luna nahm das Gesicht ihrer Tochter in ihre Hände und drehte es sachte zu sich, bevor sie ihr einen Kuss gab, „Dein Vater und du, ihr seid das Liebste was ich habe. Lass mich stolz auf dich sein, du kannst alles was du willst, wenn du daran glaubst.“
Langsam wurde der Druck der Hände, die um ihr Gesicht lagen, schwächer.
Saphira wollte sich am liebsten an ihre Mutter klammern und sie in dieser Welt festhalten.
Doch es war unmöglich, das wusste sie.
„Versprich mir, nicht wieder nach einem Weg zu suchen, um Geister zu beschwören“, eindringlich schaute Luna ihre Tochter an.
Nichts war ihr jemals so ernst gewesen wie dieses Versprechen.
Sie wollte Saphira in Sicherheit wissen.
Gott alleine wusste, wie gefährlich die bösen Mächte für das Mädchen werden konnten.
Nicht auszudenken, was mit einer jungen Hexe geschehen konnte, die in ihre Fänge geriet. Luna hatte es ja selbst erlebt.
Saphira nickte, auch wenn es ihr das Herz zerbrach: „Okay, ich verspreche es!“
Bis zu diesem Moment war Howie nicht aufgefallen, dass er die Luft angehalten hatte, doch nun entwich sie mit einem leisen Zischen.
Lunas Geist war kaum noch ein schwaches Schimmern, als ein letztes sehr leises: „Ich habe euch sehr lieb!“, erklang.
Dann verschwand Saphiras Mutter.
Howie nahm seine Tochter in den Arm und ließ sie weinen, bis nur noch ein leises Wimmern zu hören war.
Doch schließlich erstarb auch das, und Minuten später waren nur noch gleichmäßige Atemzüge zu vernehmen.
Vorsichtig deckte er sie zu und schaute einen Moment auf seine schlafende Tochter.
Ihre Augen waren verquollen, und das wenige Make-up, dass sie aufgelegt hatte, war auch den Tränen zum Opfer gefallen, doch sie war wirklich genauso hübsch wie ihre Mutter.
Die Jungs in ihrer Umgebung taten ihm fast schon ein bisschen leid... aber nur fast.
Nick saß unten auf der Couch, längst war die Partygesellschaft wieder in den warmen Garten geflüchtet, wo laute Musik und reichlich Alkohol flossen.
„Hast du was zu trinken da?“, fragte Howie, ihm stand nach diesem dramatischen Abend definitiv der Sinn nach etwas mit ein paar Prozenten.
„Nimm dir was du brauchst.“, Nick deutete mit einem Nicken auf eine Flasche Whiskey, „Da vorne stehen Gläser!“
Eine Weile saßen sie schweigend beieinander.
„Danke, dass du auf Saphira aufgepasst hast.“, sagte Howie schließlich und ließ den Whiskey in seinem Glas kreisen, „Dies war das letzte Jahr, in dem Luna sie besuchen kommt. Es hat sie ziemlich mitgenommen.“
„Es nimmt sie jedes Jahr mit.“, erinnerte Nick ihn, und Howie glaubte einen bitteren Unterton heraus zu hören, „Jedes Jahr braucht sie Wochen, bis sie sich von diesem einen Tag erholt hat. Wenn du mich fragst, ist das die beste Entscheidung, die ihr treffen konntet!“
Howie wusste, dass der Blondschopf recht hatte, doch es nagte an ihm, dass er all die Jahre so verblendet gewesen war.
„Du hast wahrscheinlich recht.“
„Wo ist Saphira eigentlich?“, fragte Nick, dem die Stille zu unbehaglich wurde.
Obwohl er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, ging ihm Saphiras Kummer jetzt noch viel näher als zuvor.
„Sie liegt oben in deinem Bett und schläft.“, Howie nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und bemerkte dabei nicht, dass Nick seines beinahe aus der Hand fiel.
Sie lag in seinem Bett?
Wenn Nick bisher gedacht hatte, dass er bis zum Hals in der Klemme steckte, dann vervielfachte sich dieses Gefühl gerade rasant.
Unruhig rutschte er auf der Stelle und versuchte eine bequemere Position zu finden.
Immer noch konnte er ihre seidigen Locken fühlen, ihren Kopf an seiner Brust und ihre weiche Haut, als er...
Stop, rief er sich zur Ordnung, nie wieder würde er daran denken.
Doch heißes Begehren drohte ihn zu übermannen, er brauchte dringend Ablenkung.
„Sag mal, woher wusstest du eigentlich, dass sie hier ist?“, dass sollte doch wenigstens genug Stoff für ein Gespräch bringen.
Howie seufzte.
„Sie hat gesagt, sie schläft bei einer Freundin und geht mit ihr zusammen auf die Party von einem Klassenkameraden. Luna hat Saphira sozusagen ausspioniert, und als ihr runter in den Keller gegangen seid, hat sie mich informiert. Bei dir war sie ja sicher.“ Howie schüttelte den Kopf über sich selbst und seine Naivität, „Ich dachte mein größtes Problem würde sein, dass sie in nächster Zeit so einen langhaarigen Zottel anschleppt, der kaum drei Barthaare im Gesicht hat.“
Nick verschluckte sich an dem Whiskey und holte hustend Luft.
Saphira war keineswegs sicher bei ihm gewesen, aber wenigstens würde Howie von diesem Fehltritt nichts erfahren... zumindest wenn es an ihm lag.
Tränen schossen ihm in die Augen und er hatte Mühe seine Fassung wieder zu gewinnen.
„Einen Boyfriend?“, bei aller Liebe, aber Saphira in den Armen eines anderen Typen...
Es war, als wenn ihm jemand in den Magen getreten hätte.
„Ja, so geht es mir auch, wenn ich dran denke. Prost!“, Howie kippte den Rest in einem Zug hinunter, „Am liebsten würde ich sie einsperren, bis sie Einundzwanzig ist. Alleine der Gedanke, dass jemand sie antatschen könnte... Jemand sollte eine Anleitung für Eltern mit Teenagern schreiben.“
Lange hatten Howie und Nick beieinander gesessen, bis sie sich schließlich der Party im Garten angeschlossen hatten.
Nick hatte versucht jeden Gedanken, an die junge Frau in seinem Bett, in Alkohol zu ertrinken, aber er fühlte sich immer noch viel zu nüchtern, als die letzten Gäste endlich gingen.
Immer wieder hingen ihre süßen Küsse ihm nach, ihre Hände in seinem Haar...
Mit einer neuen Flasche Whiskey machte er sich auf in sein Studio.
In sein Bett konnte er nicht, denn dort lag die Ursache für sein ganzes Dilemma.
Howie hatte eines der Gästezimmer in Beschlag genommen und Chris das andere.
Sein Blick blieb an einer grünblauen Maske hängen, die neben der Streckbank liegen geblieben war.
Und diesmal versuchte er sein leises Stöhnen gar nicht zu unterdrücken.
In dieser Nacht sollte es ihm einfach nicht vergönnt sein Frieden zu finden.
Seufzend nahm er die schmetterlingsförmige Maske in die Hände.
Die verspielten Muster und der Schleier hatten abgelenkt, auch wenn ihre Augen ihn angezogen hatten.
Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob er sie hätte erkennen müssen, doch wie er es auch drehte und wendete, ihm wollte keine Antwort einfallen.
Saphira wachte am nächsten Morgen früh auf.
Nicks Geruch umgab sie von allen Seiten und beinahe wollte sie wieder in Tränen ausbrechen.
Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.
Einen Moment erlaubte sie sich davon zu träumen, wie es wohl wäre, wenn sie hier mit Nick zusammen im Bett liegen könnte.
Sie würde ihn wieder küssen und seine warme Haut berühren, spüren wie sehr auch er sie begehrte, denn dass er sie gestern Nacht gewollt hatte, daran bestand kein Zweifel.
Seufzend schüttelte sie den Kopf.
Realistisch gesehen war die Chance, dass Nick sie noch einmal küssen würde, gleich Null. Vor allem wenn es bei voller Bewusstheit war, wen er vor sich hatte.
Aber träumen konnte ihr ja keiner verbieten.
Wieder kuschelte sie sich in seinen Pullover und unter seine Decke.
Saphira dachte einen Moment daran, wie viel sie in der letzten Nacht verloren hatte.
Ihre Mutter war endgültig aus ihrem Leben geschieden, ihre sonst so sorglose Beziehung zu ihrem Vater war aller Wahrscheinlichkeit nach durch ihre Lügen arg gebeutelt, und Nick, der sie auf seinen Schultern trug und sie durchkitzelte, wenn sie herumtollten, würde sie nie wieder mit den Augen eines Kindes ansehen.
Überhaupt hatte Nick dafür gesorgt, dass ganz andere, neue Gefühle in ihr die Oberhand gewannen.
Doch die neuen Erfahrungen, die sie gesammelt hatte, wollte sie um keinen Preis mehr missen und schon gar nicht das Gefühl von Nick begehrt zu werden.