Der Kampf um die Abtreibung


EU Beschluss: Staat soll Abtreibungen finanzieren

Eine Mehrheit der Europaparlamentarier habe sich am Dienstag für die öffentliche Finanzierung von Abtreibungen ausgesprochen. Das berichtet das Neue Volksblatt in seiner Printausgabe vom 14. April 2005. Die EU müsse eine Führungsrolle bei den sexuellen und reproduktiven Gesundheitsrechten übernehmen, lautete der entsprechende Beschluss, Mittel für eine breite Palette entsprechender Gesundheitsdienste seien bereitzustellen. Dazu gehörten Familienplanung, ... und sichere Abtreibungen, wenn diese legal sind. Änderungsanträge von Christdemokraten auf Streichung dieser Formulierungen wurden abgelehnt.

Nach Salzburg kommt Tirol

Innsbruck (JfdL nos). Nach der Eröffnung der Abtreibungsstation in den Landeskliniken Salzburg wird das nächste Ziel anvisiert: Am 28. April 2005 findet im Innsbrucker Zukunftszentrum Tirol eine Strategiediskussion zum Thema: Wenn, dann sicher - Schwangerschaftsabbruch in öffentlichen Krankenhäusern statt.

In Salzburg wurde die Tötung von ungeborenen Kindern durch die öffentliche Hand politisch möglich, was in Tirol noch immer ein Tabu wäre, so die Internetankündigung der abtreibungsbefürwortenden Partei Die Grünen. Am Podium diskutiert Petra Schweiger vom Frauengesundheitszentrum ISIS aus Salzburg, der Abtreibungsunternehmer und Lobbyist Christian Fiala aus Wien sowie Prof. Dr. Christian Marth aus dem Vorstand der Gynäkologie der Klinik Innsbruck. Moderatorin ist die Grüne Gemeinderätin Christine Baur, Obfrau des Frauengesundheitszentrums Tirol.

von: http://www.arte-tv.com/de/geschichte-gesellschaft/abtreibung/Abtreibung/726244.html

Anfang der 1970er Jahre wurden in Frankreich täglich Dutzende Frauen wegen heimlicher Abtreibung in die Notaufnahme eingeliefert. Um eine ungewollte Schwangerschaft nicht austragen zu müssen, gingen sie hohe gesundheitliche und rechtliche Risiken ein - und täglich starb eine von ihnen.

In Frankreich wurde im Dezember 1967 Verhütung legalisiert, unterlag aber der Verschreibungspflicht, ohne von der Krankenkasse zurückerstattet zu werden. Die gesetzlich vorgesehenen Informations- und Familienzentren waren noch nicht eingerichtet, viele Frauen falsch oder gar nicht informiert. Die Folge: Nur knapp 10 % der Frauen nahmen die Pille. Im Falle einer ungewollten Schwangerschaft konnten zahlreiche Frauen, oft mehrfache Mütter, nur auf sich selbst zählen. Täglich trieben über tausend Frauen in Frankreich ab, 400.000 im Jahr.

Joëlle Brunerie, Gynäkologin, ehem. Mitglied der MLAC (Mouvement de Libération de l'Avortement et la Contraception/ Bewegung für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbruch und Empfängnisverhütung), erinnert sich: "Viele Frauen hatten schon mehrere illegale Abtreibungen hinter sich. Nur bei Komplikationen kamen sie ins Krankenhaus. Dort wurden sie schlecht behandelt. Man kennt ja die Geschichten über Ausschabungen ohne Narkose. Ihnen wurde eine Lektion erteilt. Danach fingen sie wieder von vorne an. Man sagte ihnen: „Das nächste Mal sterben Sie!“, bot ihnen aber keine Lösung."

Anfang der 70er Jahre war die Lösung für diejenigen, die über entsprechende finanzielle Mittel verfügten, eine Abtreibung im Ausland: In Schweiz, Holland und England war Abtreibung legal, unterlag jedoch nach wie vor der Genehmigung durch eine ärztliche Behörde. Zwar gestand keines dieser Länder den Frauen das Recht zu, selbst zu entscheiden, doch nahmen alle Länder die Spanierinnen, Italienerinnen, Deutschen oder Französinnen auf, denen eine Abtreibung im eigenen Land untersagt war – selbst im Fall von Vergewaltigung oder Inzest. Französinnen fuhren nach England, Deutsche nach Holland und Schwedinnen ins kommunistische Polen. In den Vereinigten Staaten, wo die Frauen von einer eher positiven öffentlichen Meinung und von Netzwerken unterstützt wurden, gingen sie nach Colorado, den ersten amerikanischen Bundesstaat, in dem Abtreibung seit 1967 liberalisiert war.

Im Amerika der 60er Jahre kündigte sich eine Revolution an: Die Frauenbewegung. Ihr Thema Nummer 1: das Recht auf freie und kostenlose Abtreibung. Was in dieser Ära schockte, war nicht die Abtreibung an sich, sondern der Umgang mit dem Thema. Die Frauenbewegung hatte ihren Ursprung in den USA und erstreckte sich bald über die gesamte westliche Welt. Von Paris bis New York forderten Frauen das Recht auf Selbstbestimmung über ihr Leben und ihren Körper. Ihre Lieblingswaffe: Provokation.
In Paris legten sie, allen voran die Schriftstellerin Christiane Rochefort, einen Kranz für die unbekannte Frau nieder. Dies war die erste Demonstration der französischen Frauenbewegung M.L.F. (Mouvement de libération de la femme/ Bewegung für die Befreiung der Frau). Am selben Tag gedachten die Amerikanerinnen hinter Betty Friedan mit einem landesweiten Streiktag dem 50. Jahrestag ihres Wahlrechts. In den USA veröffentlichte die Frauenrechtlerin Valérie Solanas, die von sich reden machte, als sie auf Andy Warhol schoss, ein explosives Manifest mit dem Titel SCUM - „Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ . Das Vorwort der französischen Ausgabe stammte von Christiane Rochefort: "Daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und sensationsgierigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten..."

Am 5. April 1971 gaben 343 Frauen in einem Manifest öffentlich zu, abgetrieben zu haben, unter ihnen Jane Birkin, Catherine Deneuve, Françoise Sagan, Delphine Sérig, und natürlich Simone De Beauvoir. Sie setzten darauf, vom Staat nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. Die vom M.L.F. verfolgte Strategie der Provokation und ihre starke Verbreitung über die Medien rief schnell die Gegner jeglicher Liberalisierung auf den Plan. Der Verband „Laissez-les vivre“ („Lasst sie leben“) setzte sich für das Lebensrecht der Föten und Embryonen ein. Zu seinem wissenschaftlichen Berater wurde der Genforscher Jérôme Lejeune, bekannt durch seine Forschungen zum Mongolismus. Der überzeugte Katholik wurde auch Berater des Vatikans, der in den Achtziger Jahren den Kreuzzug gegen die Abtreibung anführen sollte.

Die Frage, wie und wann „dem Menschen eine Seele eingehaucht wird“, ist so alt wie die katholische Kirche selbst. Nach Thomas von Aquin wird der Fötus rund 6 Wochen nach der Empfängnis beseelt. Ihm folgend erklärte Papst Gregor XIV noch Ende des 16. Jahrhunderts, Abtreibung bis zum 3. Monat sei kein Verbrechen. Es war vielmehr der Staat, der als erstes den Körper der Frau vereinnahmte - im Namen der Nation. Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts verbot der französische König Heinrich II die Abtreibung und verpflichtete Frauen dazu, ihre Schwangerschaft zu melden. Vom 16. Jahrhundert bis heute waren Frauen und der schwangere Körper immer wieder Gegenstand verschiedenster Interpretationen. Lange Zeit galten Frauen lediglich als Familienmitglied mit häuslichen Pflichten.
Nach dem Ersten Weltkrieg brauchte Europa wieder Nachwuchs. In Frankreich wurden unter dem Vichy-Regime die Geburten fördernden Gesetze noch verschärft. Am 30. Juli 1943 kam die "Engelmacherin" Marie-Louise Guyot als letzte Frau aufs Schafott. Drei Monate zuvor wurde eine Deutsche aus demselben Grund vom Naziregime hingerichtet.

Ein Vierteljahrhundert später forderten die westlichen Frauen das Recht auf Abtreibung und die Abschaffung jeglicher strafrechtlichen Verfolgung.Plötzlich erklären sie sich zu Individuen, proklamieren ihre Unabhängigkeit. Die Vorstellung, dass Frauen unabhängig werden könnten - auch was die Geburten oder gar ihre eigene Sexualität anbelangt - setzte eine Revolution in Gang, die dem Staat, der Kirche und auch den Männern Angst machte: Eine Frau, die ihren Körper bewusster erlebt, die selbst über ihre Sinne und ihre Lust bestimmt, die Fortpflanzung und Lust zu trennen beginnt, war revolutionär.
Das forderten alle, die - ob in New York, London oder Berlin - am 20. November 1971 zum ersten organisierten internationalen Frauenmarsch zusammenkamen. Doch Gesetz blieb Gesetz. Ein Jahr später, am 11. Oktober 1972, kam eine 16-jährige Französin vor das Jugendgericht von Bobigny. Ihr Vergehen: Abtreibung. Sie war von dem Jungen angezeigt worden, der sie vergewaltigt hatte. Er kam frei, sie vor Gericht.
Die Anwältin Gisèle Halimi, Gründerin der Vereinigung „Choisir“ – „Frei wählen!“, rief die bedeutendsten Wissenschaftler in den Zeugenstand: den Biologen Jean Rostang, die Nobelpreisträger für Medizin Jacques Menot und François Jacob sowie den Dekan der medizinischen Fakultät Paul Miès. Der gläubige Katholik war für die Anwältin ein ganz besonderer Zeuge: "Er verteidigte das Leben als Arzt und Katholik, sagte aber im selben Atemzug über bedauernswerte Frauen wie Marie-Claire: „Ich habe auf meiner Station Dutzende sterben sehen, weil sie nicht das Geld hatten, in teuren Privatkliniken abtreiben zu lassen. Das darf nicht sein. Das Gesetz muss geändert und diese Strafverfolgung abgeschafft werden." Da fragte ich ihn mit leicht zitternder Stimme: „Ist es nicht ausschließlich Sache der Frau, über sich selbst zu entscheiden und zu reagieren?" Er zögerte einen Moment, sah mich dann an und sagte: "Ja, Frau Rechtsanwältin, das ist Sache der Frau und kann nur Sache der Frau sein." Die junge Marie-Claire wurde freigesprochen. Ihre Mutter und die Frau, die die Operation durchgeführt hatte, wurden einen Monat später in zweiter Instanz zu Mindeststrafen auf Bewährung verurteilt.
Im September 1972 folgte die berühmte Karman-Methode: Eine Journalistin machte Joelle Brunerie auf Karman aufmerksam, der Abtreibungen mit einer Spritze und einer Kanüle, ohne Betäubung durchführte. Die öffentliche Vorführung dieser Methode an Delphine Sérig brachte den Stein ins Rollen: Engagierte Filmemacher drehten einen Film darüber, wie einfach die Operation durchzuführen sei. „Histoire d’A“ – „Geschichte der A“ - wurde rasch vom damaligen Kulturminister Maurice Druon verboten und deshalb mehrere hundert Mal heimlich vorgeführt.
"Ärzte gestehen": unter diesem Titel erklärten 1973 im Nouvel Observateur 331 Ärzte, Abtreibungen durchgeführt zu haben und riskierten damit ihre Zulassung. Unter ihnen René Frydman, der einige Jahre später das erste Retortenbaby Frankreichs auf die Welt bringen sollte. Die Ärzte gaben zu, Abtreibungen durchzuführen, um die Dinge voranzutreiben. Der Gynäkologe Rene Friedmann war einer von ihnen: "Ich schloss mich einer ganzen medizinischen Bewegung an, die nicht nur versuchte, Medizin im wahrsten Sinne des Wortes zu praktizieren, sondern der ärztlichen Tätigkeit in der Gesellschaft einen sozialen Stellenwert zu geben. "
Medizin sollte auch präventiv sein und die menschliche und soziale Entwicklung begleiten. Es war auch die Zeit der humanitären Medizin, der ersten Auslandseinsätze. Im Augenmerk stand „der Mensch“ und damit auch die Frau, die begann, sich mit der Selbstbestimmung über ihren Körper zu emanzipieren. Um die 331 Ärzte bildete sich ein großes Netzwerk. Dazu zählten bald alle organisierten, gewerkschaftlichen und politischen Strömungen, die eine Liberalisierung befürworteten. Die Vertretungen der französischen Abtreibungsbewegung MLAC wurden bald regelrecht gestürmt von Frauen, die eine Abtreibung durch Absaugen wünschten. Als die Ärzte der MLAC kundtaten, dass in einem Pariser Krankenhaus eine Abtreibung stattfinden werde, verschloss der Staat die Augen. In einer Richtlinie des Justizministeriums hieß es, eine massive Vorladung von Frauen, die abgetrieben hätten, sei derzeit nicht erwünscht. Der Skandal erreichte seinen Höhepunkt, als vor der Presse eine öffentliche Abtreibung organisiert wurde. Doch die Justiz sah nichts und ignorierte auch die Selbstanzeigen, die zu hunderten, bald zu tausenden eingingen.

Der Freispruch von Marie-Claire gab der Bewegung neue Impulse. Sie profitierte von der Zwickmühle, in der der Staat steckte und verstärkte ihre Demonstrationen. Unter dem Druck der Öffentlichkeit und eines Teils der Ärzteschaft erarbeitete die Regierung unter Premierminister Pierre Messmer einen Gesetzesentwurf zur Legalisierung der Abtreibung, allerdings nur bei Vergewaltigung und Inzest sowie bei Gefahr für die Gesundheit des Kindes oder der Mutter. Der Messmer-Entwurf – von Gegnern als lasch und von der Frauenbewegung als unzureichend kritisiert – setzte sich nicht durch. Auf der Straße spitzte sich die Auseinandersetzung zwischen Anhängern und Gegnern der Liberalisierung immer mehr zu. Bei seinem Tod hinterließ Georges Pompidou dem neuen Präsidenten Valéry Giscard D’Estaing eine explosive Situation. Dieser betraute rasch eine Frau mit dem Thema Abtreibung: Simone Veil

"Präsident Giscard D’Estaing hatte dies auch zum Wahlkampfthema gemacht. Dieses Thema lag den Leuten am Herzen. Es galt als bedeutsam für die öffentliche Ordnung. Das war einer der Gründe, weshalb ihm daran lag, dass dieser Text sehr schnell vor das Parlament gebracht würde."

Am 26. November 1974 betrat die Gesundheitsministerin der ersten Regierung unter Chirac das Rednerpult, um ihren Gesetzesentwurf vor der fast ausschließlich männlichen Nationalversammlung zu verteidigen.Die Atmosphäre war äußerst gespannt. Da die Plätze auf den Zuschauertribünen nicht ausreichten, konnten viele Frauen den Debatten nicht folgen. Nur der Tonmitschnitt, der damals erstmals erfolgte, und das Protokoll des Journal Officiel - des französischen Amtblatts - zeugen heute noch von den hitzigen 4 Tage dauernden Diskussionen. Am 18. Januar 1975 stimmte die Nationalversammlung für den Gesetzesvorschlag, mit 284 gegen 189 Stimmen.

Mehr Informationen zum "Kampf um die Abtreibung" in Deutschland finden Sie auf den Seiten der Zeitschrift Emma
www.aliceschwarzer.de/632068314752656.html

www.aliceschwarzer.de

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