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"Sie haben meine Familie umgebracht!"
Traurige Augen blickten nachdenklich aus dem großen Fenster
in die Dunkelheit. Eine Hand legte sich tröstend auf die hängende
Schulter und eine Stimme sagte beruhigend:
"Du hattest gar keine Familie!"
"Ich hatte ein Haustier."
"Das hat niemand umgebracht." Die Hand zog sich zurück.
Der Trauernde drehte sich vom Fenster weg. Er blickte auf seine drei
Freunde, die gemütlich in den gepolsterten Drehsesseln lehnten,
hemmungslos tranken und sich fröhlich unterhielten.
"Euch stört es wohl gar nicht, dass man uns aus unserer
Heimat vertrieben hat?"
"Mach' mal nicht so 'n Drama draus, Robert." sagte einer
seiner Freunde und prostete ihm zu. "Dein Haustier hatte schwache
Nerven. Das hat zu lange auf deinen Monitor geglotzt. Zu viel HTML-Code
ist gesundheitsschädlich. Das weiß doch jeder. Hättest
eben besser auf ihn aufpassen sollen."
Robert wurde ärgerlich: "Besser aufpassen? Wir sind genauso
wie ihr bombardiert worden mit HTML und PHP! Niemand von uns wollte
das sehen. NIEMAND! Logit ist beim Herumtoben einfach an die Maus
gestoßen und hat den Bildschirmschoner deaktiviert. Da muss
er es gesehen haben. Es war grauenvoll!"
Roberts Gesicht spiegelte die schmerzhaften Momente wider, in denen
er sein verendendes Kuscheltier zuckend vor dem Bildschirm fand. Anklagend
zitierte er den Bildschirmtext:
"<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN">"
Seine Freunde wanden sich gequält in ihren Sesseln, deren Gemütlichkeit
nicht gegen Roberts schneidende Stimme ankam: "<meta http-equiv="Content-Type"
content="text/html; charset=utf-8"> Soll ich weitermachen?"
"NEIN! Bitte! Es ist schon gut! Wir haben verstanden!"
Einer wischte sich mit zitternder Hand den Schweiß von der Stirn
und leerte sein Glas in einem Zug. Alle erinnerten sich plötzlich
daran, wie sie aus dem Nichts auftauchten — die kleinen schnellen
HTML-Jäger und die großen effektiven PHP-Bomber. Vollgestopft
bis an die Nahtstellen mit Splitter-Tags und messerscharfen Programmierfragmenten.
Codeterror in seiner reinsten Form. Und der Friede ihrer kleinen bunten
Welt wich der brutalen Übermacht hypertechnisierter Skript-Imperialisten.
Nur wenige schafften die Flucht in ihre kleinen Editoren-Raumschiffe
und brachten sich vorübergehend in Sicherheit. Nur weg von diesen
seelenlosen Codern, die verständnislos jedes harmlos animierte
Gif ihres Planeten durch eine überdimensionale Abfolge Javascript
gesteuerter Einzelbilder ersetzten.
Nur weg.
Aber wohin?
Robert lehnte sich wieder an das große Sichtfenster des Raumschiffes
und seufzte: "Wenn wir nur eine Welt finden würden, wo das
alles keine Bedeutung hat. Wo die unschuldigen Anwender verschont
bleiben würden von komplizierten Codierungen und nervenschädigenden
HTML-Tags. Ich würde meinen Namen ändern. Ich würde
zeitlebens den Namen dieser Welt tragen, als Zeichen dafür, eine
neue Heimat gefunden zu haben."
"Rob...Robby...Bob...he, lass' den Kopf nicht hängen."
sein bester Freund trat hinter ihn und sagte leise: "Wir werden
sie finden, Bob. Irgendwo da draußen werden wir in Sicherheit
sein. Unsere neue Welt wartet nur darauf, dass wir ihre Sonne kreuzen!"
Ein winziger gelber Lichtstrahl fand den Weg durch das Fenster. Gelber
als jedes Licht, das sie kannten. So klein wie es war, es spendete
Wärme. Selbst durch die Schutzschirme des Schiffes war es zu
spüren.
Ganz weit draußen in der Dunkelheit leuchtete ein Stern in einer
Farbe, die sie noch nie gesehen hatten. Mit einer Intensität,
die sie noch nie gefühlt hatten und mit einer pulsierenden Energie,
die sie unaufhaltsam anzog.
"Bob, siehst du das auch?"
"Ich fühle es." Robert legte beide Hände an die
Sichtscheibe, als ob er den Strahl zwischen ihnen fassen wollte. "Ändere
den Kurs. Wir müssen dort hin. Ich bin sicher, wir..."
K L I C K
Der Flash-Film stoppte.
Beepy-Bob lehnte unbeweglich an der Scheibe und seine kleinen grünen
Alien-Freunde hörten auf, sich zu betrinken.
Thofi starrte auf den Monitor mit einer Mischung aus Abscheu und Verblüffung.
Er brauchte einige Sekunden, um zu reagieren, dann griff er zum Telefon
und drückte eine Taste.
"Suriel? Wie — dir ist schlecht? Das ist nichts gegen meine
momentane Verfassung! Verbinde mich bitte schleunigst mit dieser Nietenfirma.
Diesen unfähigen Typen da von 'www.megaflasher.com'. Die sollen
mich kennen lernen!"
Thofi konnte den Blick nicht vom Bildschirm abwenden, während
er auf die Verbindung wartete. Er schüttelte den Kopf und trommelte
ungeduldig mit den Fingern auf die Schreibtischplatte.
"Megaflasher? Ja, hier Thofi von Beepworld! Was? Ja, ich habe
es gesehen. Deshalb rufe ich an." Thofi atmete tief durch, dann
machte er seinem Ärger Luft: "Für wen halten Sie sich
eigentlich? Stanley Kubrick? Was glauben Sie, was Sie da für
mich produzieren sollen? 'Odyssee im Weltraum – die Panik-Version'?
Ich habe Kinder als Kunden und fröhliche Erwachsene, die Spaß
am Websitebasteln haben und keine frustrierten Intelligenz-Allergiker
mit Code-Phobien!"
Er gestikulierte wild vor sich hin und redete sich immer mehr in Rage:
"Ich will Ihnen mal etwas über Flash-Intros für das
durchschnittliche Online-Business erzählen, Sie Pfeife! Sie sollen
die Besucher in eine positive Stimmung bringen, bevor sie eine Website
betreten — UND SIE NICHT IN ANGST UND SCHRECKEN VERSETZEN! Ihre
depressiven Kunst-Ausflüge in die dunkle Seele von Webversagern
können Sie sich sparen!"
Er ballte eine Faust und unterstrich jeden Satz mit einem Schlag auf
den Schreibtisch: "Wir sind eine fröhliche User-Familie!
Beepy-Bob ist unser lustiges, außerirdisches Maskottchen! Wir
mögen uns! Wir amüsieren uns im Netz. In unserem Forum!"
Die Tischplatte zitterte.
"WIR HABEN SPASS! IMMER! ALLE!"
Thofis Stimme wurde bedrohlich. Sein aggressiv wedelnder Zeigefinger
schien jemanden aufzuspießen:
"Ich verlange, dass Sie diese fröhliche, aktive, lustige
Stimmung im Intro wiedergeben. Sie haben eine Woche Zeit, dann will
ich ein Drehbuch sehen, bei dem ich..." die letzten Worte brüllte
er in den Hörer: "...GAR NICHT MEHR AUFHÖREN KANN ZU
LACHEN! IST DAS KLAR?"
Kleinlautes Gewinsel drang aus dem Telefon und belästigte sein
Trommelfell.
Ungehalten sagte Thofi: "Ist mir egal, ob Sie noch andere Projekte
bearbeiten. Was glauben Sie, wen Sie hier vor sich haben? Irgendeinen
Internetanfänger, den Sie mit Ihrem Designer-Geschwätz über
den Tisch ziehen können? Keine Diskussion. In einer Woche liegt
mir ein Drehbuch vor, für das witzigste, fröhlichste Flash-Intro
seit Laurel und Hardy oder Sie können sich mit Ihrem Firmenpapier
die Hose ausstopfen, wenn Sie demnächst unter der Brücke
schlafen!"
Der Boss von Beepworld knallte den Telefonhörer auf den Apparat
und löschte den misslungenen Flashfilm vom Rechner. Er seufzte
und dachte, dass er immer öfter das Gefühl hatte, in einer
Welt voller Kleinkinder zu leben, denen man täglich erneut den
Weg zum Klo erklären musste.
Die Bürotür wurde geöffnet.
Drei Männer in grauen Anzügen traten ein.
Sie trugen kleine, schwarze Atemmasken, die sie abnahmen, als sich
die Tür hinter ihnen schloss.
Thofi kannte keinen von ihnen und fragte:
"Haben Sie einen Termin?"
"Wir brauchen keinen Termin." antwortete der Mann in der
Mitte und ging langsam auf ihn zu. |
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