zeitungsbericht



LORCH . Abschrift des Artikels im Rheingau Echo Ausgabe von Donnerstag den 04.11.04
Ausgabe Nr.45

Gnadenlos aussortiert

Alexandra darf nicht zur Schule gehen / Existiert Integration nur auf dem Papier ?

Die heute sechsjährige Alexandra Tuppul begeisterte sich mit zweieinhalb Jahren für Computerspiele, mit drei konnte sie Buchstaben einer Zeitung benennen, mit vier konnte sie Ca 90 Wörter lesen und mit fünfeinhalb lernte sie hundert Wörter in englisch auswendig.

Trotzdem, so unglaublich es klingt: Alexandra darf nicht zur Schule gehen. Da sie eine Form des Downsyndroms, "Trisomie21Mosaik " hat, stellt sich das Schulamt stur und verweist auf einen "sonderpädagogischen Förderbedarf". Alexandra soll auf die Schule für "Praktisch Bildbare" gehen, in geistig behinderte die Dinge des täglichen Lebens erlernen und vielleicht später einmal
einmal in einer Behinderten Werkstatt arbeiten können.

Gabi Tuppul, die für ihre Tochter die Regelschule will, wurde am Tag der Einschulung klar gemacht, das Alexandra hier unerwünscht ist.
Gleichzeitig brüstet Kultusministerin Karin Wolff mit einer "von allen Bundesländern wohl größten Dichte sonderpädagogischer Förderzentren" die angeblich mehr als 10.000 Mädchen und Jungen in hessischen Regelschulen die Teilnahme am normalen Unterricht trotz einer Behinderung und zwar mit Hilfe
eines Integrationshelfers, ermöglicht.

Als Gabi Tuppul den Wunsch nach einem solchen Integrationshelfer ausspricht, antwortet ihr die Schulleitung: Das wäre den Eltern der anderen Kinder nicht recht. Zur Zeit darf Alexandra den Regelunterricht lediglich als "Gastschülerin" für zwei Stunden pro Tag besuchen, wobei sie unweigerlich den Anschluss verliert, ausgegrenzt und psychisch stark belastet wird. "Man will das Problem aussitzen" vermutet ihre Mutter.

Zu Alexandra bisherigem Lebensweg: Bei ihrer Geburt am 12.Januar 1998 wird
"Trisomie 21Mosaik" festgestellt. Hierbei handelt es sich um eine kaum erforschte Sonderform des Down-Syndroms, die nur in etwa ein bis zwei Prozent der Fälle vorkommt. Nur in einem Teil der Körperzellen ist hier das 21.Chromosom dreifach vorhanden - die anderen Zellen sind normal. Die körperlichen Merkmale des Downsyndroms und die geistige Behinderung sind weniger stark ausgeprägt. Alexandra entwickelt sich auch ziemlich "unauffällig" Die regelmäßigen Untersuchungen durch den Hausarzt sind ohne Beanstandung, die körperliche Norm wird je nach Alter erfüllt: gezieltes Greifen, bewusstes Anschauen, Klötzchen aufeinander stapeln. Lediglich das Laufen erlernt Alexandra erst mit 18 Monaten. Sie ist lebhaft, schläft wenig und zeigt eine überwältigende Neugier auf ihre Umwelt.

"Mit zweieinhalb Jahren konnte ich Alex nicht mehr von meinem Computer abhalten" berichtet Gabi Tuppul. Nach ein oder zwei Erklärungen konnte sie Computerspiele sowohl mit Tastatur als auch mit der Maus spielen, auch diejenigen die eigentlich zu schwer für ihr Alter waren. Mit drei Jahren saß sie in der Küche mit einem Lerncomputer und drückte auf dessen Fragen die richtigen Buchstaben.

Im Juli 2002 - Alexandra ist vier Jahre alt - schreibt Gabi Tuppul in ihrem Tagebuch: "Nachdem Alexandra anfing Buchstaben zusammenzuziehen, habe ich ihr ein paar Wörter aufgeschrieben. Erst nur fünf, alle paar Tage ein paar Neue dazu, weil es ihr einen Riesenspaß macht, uns etwas vorzulesen. Mittlerweile liest sie Ca 90 Wörter. Alexandra ist fünfeinhalb als sie eine Bekannte der Mutter englisch sprechen hört.Sie spitzt sofort die Ohren und will nun auch englisch lernen - innerhalb kurzer Zeit kann sie an die hundert Wörter und deren
Bedeutung auf deutsch, dazu einige englische Kinderreime. Lange vor ihrem sechsten Geburtstag erliest sie sich selbstständig Wörter. Sie saß da mit einer Wasserflasche und sagte ganz stolz "da steht Lu i sen drauf" erzählt die Mutter. Kurz nach dem Einschulungstest erhält Gabi Tuppul vom Schulamt die Aufforderung, sich mit ihrer Tochter zum Test in der Schule für Praktisch Bildbare einzufinden. Die Tatsache, dass Alexandra die Probe besteht, wird als Beweis interpretiert, dass sie auf diese Schule gehört.

"Dabei ist es klar, das jedes Kind diesen Test bestehen würde, sagen sowohl Gabi Tuppul als auch ihr Anwalt, mit dessen Hilfe sie für das Recht ihres Kindes auf eine normale Schulbildung kämpft.

Was nicht getestet wird ist, ob Alexandra sich für mehr eignet als dafür, ein Ei aufzuschlagen und sich allein anzuziehen. Ich habe die Leute angefleht, seht euch an, was Alex alles kann, aber sie hörten mir nicht einmal zu, erzählt die Mutter.

Genauso wenig zum Zuhören bereit ist die Ärztin der HSK, die das Mädchen testet, und nur genervt die Augen verdrehte, als ich ihr auf die Frage, ob Alexandra zwei Körperteile von sich benennen könne, antwortete, sie könne alle benennen.

Bei ihren wiederholten Versuchen, Alexandra auf ihre Inteligenz Testen zu lassen,
stößt Gabi Tuppul immer wieder auf eine befremdende Voreingenommenheit.

So wird im Wiesbadener Roncallihaus nach einem Blick auf Alexandra nicht der normale Test sondern der Test für Lernbehinderte aus der Schublade geholt, so wird eine Weigerung des Kindes, ein bestimmtes Testspiel zu machen nicht als Langeweile sondern als Überforderung ausgelegt.

So wird Alexandra im Alter von fünf Jahren von einer Psychologin einem Zwei-Stunden Marathon-Test unterzogen, in dessen Verlauf ihre Konzentration verständlicher Weise nachläßt. Zum Vergleich: Erst-und Zweitkläßlern wird empfohlen, sie nicht länger als eine halbe Stunde zum konzentrierten Arbeiten anzuhalten.

Das Gesetz billigt "Kindern mit Sondererziehungsbedürfnissen" nicht nur das Recht auf Bildung zu, sondern auch die "Eingliederungshilfe für Behinderte" die "nichtaussondernde Förderung an der Regelschule" - die nicht teurer ist als Sonderbeschulung.

Die Praxis sieht jedoch anders aus.Da entscheiden das Schulamt und vielfach auch die örtlichen
Schulen nach Kriterien die den Verdacht nahe legen, das hier jemand zusätzliche Arbeit vermeiden will.

Und auch die "Testereien" denen sich Gabi Tuppul und ihre Tochter aussetzen mußten, bestätigen weniger wissenschaftliche Unvoreingenommenheit als eher ein typisch menschliches Verhalten: hat man einmal eine Meinung über einen Menschen, so nimmt man nur noch wahr, was diese Meinung bestätigt und blendet alles andere aus.

Schlimmstenfalls versteckt man sich hinter der Fassade von fachlicher Unantastbarkeit und verweigert Kooperation und Aufklärung. So erhielt Gabi Tuppul nach dem Test in der HSK auf ihre Frage, worin denn die Behinderung ihrer Tochter eigentlich bestehe, von der Ärztin nach kurzem Zögern die Antwort: "Das sie erst mit 18 Monaten anfing zu laufen"
Für jemanden,der dieses Kind tagtäglich vor Augen hat, ist es absolut unverständlich, warum man sich nicht die Mühe macht, seine Fähigkeiten zu testen, sondern es sofort abstempelt.
Ohne ihr eine Chance zu geben wurde Alexandra gnadenlos aussortiert.

Dabei macht sie auf einen unvoreingenommenen Betrachter einen selbstständigen und selbstbewussten Eindruck. Alexandra wirkt neugierig und macht neugierig. Neugierig darauf was bei richtiger Förderung aus diesem Kind, das manche Fähigkeiten schon vor "normalen" Kindern
gleichen Alters erlernte, herauszuholen wäre. Aber unsere staatlichen und medizinischen Institutionen scheinen nicht neugierig zu sein.

Wären auch die Lehrer des Spaniers Pablo Pineda nicht aufgeschlossen genug gewesen,über seine Zulassung zur Regelschule innerhalb des Lehrergremiums abzustimmen,wäre der heute 27jährige wohl auch in einer "Schule für praktisch Bildbare" gelandet und hätte sich damit beschäftigt Eier aufzuschlagen, Perlen aufzureihen und sich allein anzuziehen. Stattdessen hat der junge Mann mit dem "Trisomie 21 Mosaik" -Syndrom ein Hochschulstudium abgeschlossen und ist ein begehrter Gastredner bei internationalen Kongressen.
Wer mehr über Alexandras Geschichte erfahren will, kann ihre Homepage
www.alexandratuppul.de
einsehen.
Auch das Fernsehen erwägt nach gründlicher Recherche einen Beitrag über den Fall Alexandra in der Sendung "Fakt".

05.11.2004
Sankt Martin reitet nicht für Behinderte

Trotz massiver Proteste von Eltern und Verbänden


Von BARBARA PÖHL



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Bonn/Alfter – „Durch die Straßen auf und nieder, leuchten die Laternen wieder… .“ Außer in Alfter: Da dürfen längst nicht alle Kinder ihre selbst gebastelten Fackeln zur Schau tragen.

Wer behindert ist und von der Vorgebirgsschule kommt, hat beim beliebten St. Martins-Umzug nichts verloren. Schon gar nicht an der Feuerstelle. Das verlegene Ausredengedruckse: Die „vom Schlossweg“ sind zu lahm und schnappen den Gesunden die besten Plätze weg.

Wer macht in Alfter eigentlich die Politik? Will man dort ausgrenzen? Ist der Auftrag der Eingliederungshilfe dort nicht bekannt?

Burkhard Lammsfuß, Geschäftsführer beim Bonner Verein für Behindertensport, ist empört: „Das darf doch wohl nicht wahr sein. Integration findet nie von alleine statt, man muss sie wollen. Und dann sollte es doch möglich sein, die Teilnahme für alle Kinder sicherzustellen.“

All zu oft hat der 45-Jährige erlebt, dass man sich im Rhein-Sieg-Kreis politischen Leitlinien und „Neuem Denken“ entzieht. „In Bonn, nur 12 Kilometer weiter, wären solche Gemeinheiten undenkbar.“

Damit´s aber nicht ganz so fies rüber kommt, dürfen die Vorgebirgsschüler einen Tag später durchs Dorf ziehen. Doch die sonst fröhlichen Umzugslieder – sie kommen bitter über die Lippen. Eltern und Lehrer schämen sich für die Entscheidung der Gemeinde.

„Dieser Geisterzug am Tag danach soll doch bloß die Gewissen beruhigen. Sankt Martin kam ja gerade für die Schwächeren“, sind sich alle sicher.

Wenigstens gehen die Kiddis vom Schlossweg in diesem Jahr nicht ganz leer aus. Wie für die „Normalen“ gibt´s am 10. 11. auch für sie einen Weckmann. Dafür hat sich der Stammtisch „Weber am Bähnchen“ ins Zeug gelegt.

Freddy Weber: „Wir haben mehr als 200 Euro für die Kleinen gesammelt. Uns ist natürlich klar, dass die Wecken nur ein bisschen trösten.“

Überall in Alfter sorgt die Entscheidung des Ortsausschutzvorsitzenden Werner Jaroch für Uneinigkeit. Schon im letzten Jahr argumentierte er (EXPRESS berichtete): „Der Platz ums Feuer ist zu klein. Polizei, DRK und Feuerwehr müssten noch mehr Sicherheitsvorkehrungen treffen.“

Unfug für Alfters Löschgruppenleiter Rainer Adolffs. „Für uns wär´s völlig egal. Der Platz ist nun wirklich groß genug. Dort bekäme man noch zig Klassen untergebracht.“

Trotzdem auch 2004 nur eine Kompromisslösung für die Vorgebirgsschüler. Rektorin Waltraud Hunze: „Wir machen ein Feuer auf dem Schulgelände, hoffen, dass ein paar Gäste dazu kommen.“

Jens Schnappauf (26), selbst behindert, knabbert noch heute an den Folgen schwerer Diskriminierung aus Schulzeiten.

„Im November werde ich immer schwermütig. Die Angst, zu kurz zu kommen, fällt mich an wie ein Virus.“ Verständlich. Jeder braucht das Gefühl, dazu zugehören. Auch die Behinderten vom Schlossweg.












 

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