Gedanken

Auf dieser Seite findet ihr ein paar mehr oder weniger ausgearbeitete (bzw.verworrene) Gedankenfetzen meinerseits. (c) wie immer bei mir.

Er… Sie… Es ist (Nov07)

Ist das Mord?
Dazu muss man erstmal klären, ob ein Embryo ein Mensch ist, ob dieses kleine Klümpchen Etwas tatsächlich schon lebt, auch wenn es doch noch nicht lebensfähig ist. Wenn es nicht lebt, kann es kein Mensch sein und wenn es kein Mensch ist, dann ist Abtreibung auch kein Mord.
Und doch, selbst wenn man trennt zwischen Embryo und Fötus und Baby, irgendwie nimmt eine Abtreibung ja trotzdem ein Leben, ein Leben, das noch nicht ist, das erst noch sein wird, das noch wächst und deshalb doch so völlig hilflos ist.
Ist also das Verhindern eines zukünftigen Lebens Mord?
Und gibt es so etwas wie „mildernde Umstände“?
Eine Entschuldigung, wenn mehr gegen das Leben spricht als dafür, wenn eigentlich alles dagegen spricht, außer dem Leben selbst?
Man könnte sagen, dass es egal ist, dass Abtreibung die einzige Straftat ist, die keiner verfolgt, keiner anklagt, aber so einfach ist das wohl nicht. Weil, auch wenn der Staat hier nicht eingreift, es gibt andere Dinge, andere Instanzen, nicht weniger schlimm.
Statt Gesetzesbüchern gibt es Moral, statt Gericht ein Gewissen, der Ankläger ist alleine die Schuld und Angst ist der Verteidiger. Ein Geistgericht, zu richten über ein Verbrechen, welches vielleicht gar keines ist.
Es ist nirgendwo festgeschrieben, nirgendwo entschieden, deshalb kann jeder selbst entscheiden – und muss wohl auch. Muss eine Entscheidung treffen über Beginn oder Ende eines Lebens, das vielleicht noch kein Leben ist, aber wahrscheinlich gerne eines werden würde.

 

Die Mitte (Mai06)
Wenn ich mir irgendetwas auf der Welt aussuchen könnte, dann wäre es Die Mitte. Nicht der Mittelpunkt von etwas, sondern Die Mitte. Die Lücke, die zwischen zwei Dingen entsteht und von der immer alle denken, sie wäre nichts. Dabei sehen sie nicht, dass Nichts auch etwas ist. Und deshalb wissen sie nicht, dass es Die Mitte gibt. Aber eigentlich ist das gar nicht so schlimm. Es reicht, dass ich Die Mitte kenne.
Die Mitte und ich, wir haben nämlich viel gemeinsam. Zum Beispiel sind wir beide die Lücke zwischen zwei Dingen. Die Mitte kann zwischen so vielen Dingen stehen und ich, ich stehe immer und zu allererst zwischen meinen Schwestern. Eine ist älter, eine jünger. Und ich bin das ‚Sandwich-Kind’.
Zumindest nennen mich Verwandte so, wenn sie lustig sein wollen. Mir wäre es allerdings lieber, sie würden mich ‚Kind in Der Mitte’ oder so nennen. Aber als ich das einmal vorgeschlagen habe, haben mich alle nur schockiert angeguckt, ganz so, als hätte ich etwas schrecklich schlimmes gesagt. Aber mal ehrlich: Ist ‚Sandwich-Kind’ denn besser?
Aber Die Mitte und ich haben noch mehr gemeinsam. Wir werden beide übersehen, weil die Dinge, zwischen denen wir stehen, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und ohne diese Dinge, würde es weder mich noch Die Mitte geben. Aber das ist nun einmal das Los, welches wir ertragen müssen, Die Mitte und ich.
Außer unseren Gemeinsamkeiten, gibt es aber auch noch genug andere Gründe, warum ich Die Mitte mag. Es sind kleine Dinge, die von dem meisten übersehen werden, eben weil sie in Der Mitte liegen, aber ich mag Die Mitte, also auch alles sonst darin und so fallen sie mir auf.
Da ist die Mitte zwischen zwei Steinen, zwei Blättern Papier, zwischen zwei Sternen und zwei Blüten. Die Mitte zwischen einem Blick und einem Lächeln, zwischen einem Wort und dem nächsten, zwischen zwei Menschen und zwei Augenblicken. Die Mitte zwischen der ersten Sekunde und einer zweiten und den Ewigkeiten.
Was ich besonders mag ist Die Mitte zwischen Schlafen und Wachen. Wenn man ganz ruhig ist und das Zimmer um einen herum still und dunkel. Wenn man nicht mehr ganz wach ist, aber auch noch nicht ganz schläft. Wenn man halb denkt und halb träumt. Das ist Meine Lieblings-Mitte.
Auch sehr schön ist natürlich Die Mitte zwischen der Stille und dem Geräusch. Zum Beispiel, wenn draußen Schnee fällt, ganz dick und weiß. Oder wenn man den Kopf unter Wasser hält und die Augen fest schließt. Dann hört man nichts und gleichzeitig doch alles. Und dabei ist es wieder nur Die Mitte.
Obwohl ‚nur’ ja eigentlich eine Beleidigung ist. Zumindest für Die Mitte. Die Mitte ist nämlich so viel mehr als nur ‚nur’. Sie ist ja immerhin überall. Sie ist selbst dort, wie kein Mensch mehr hingelangt, auch kein Tier und besonders keine Maschine. Sie ist selbst dort, wie nicht einmal mehr Luft, Licht und Wasser hinkommen.
Denn Die Mitte ist Die Mitte von allem. Und von nichts. Das kommt daher, dass sie zwar überall ist, aber nicht gesehen werden kann. Niemand kann beweißen, dass es Die Mitte gibt und niemand versucht sich daran. Aber das heißt nicht etwa, Die Mitte würde nicht existieren. Nein, es heißt, dass Die Mitte etwas besonderes ist.
Zum Beispiel Die Mitte zwischen zwei Gefühlen. Das ist auch eine sehr schöne Form Der Mitte. Sie tritt ein, wenn man plötzlich anders fühlt. Wenn die Stimmung umschwenkt und ein Gefühl dem anderen Platz macht, dann ist sie da, Die Mitte, und ebenso schnell ist sie wieder weg.
Die Mitte der Zeit muss ich noch erwähnen. Die Mitte der Zeit ist nämlich sehr komplex. Sie ist Die bereits oben genannte Mitte zwischen zwei Sekunden. Zwischen zwei Stunden, Tagen, Monaten und Jahren. Die Mitte zwischen einem Augenblick und einer Ewigkeit.
Das Licht und das Dunkel haben natürlich auch Eine Mitte. Weil, wie könnten das Licht und das Dunkel ohne Die Mitte bestehen? Wo doch jeder Die Mitte hat und Die Mitte jeden, da müssen natürlich auch das Licht und das Dunkel dabei sein. Weil, verdient haben sie es ja wirklich.
Und genau deshalb hat es natürlich auch Eine Mitte. Die ist mindestens so komplex wie Die Mitte der Zeit. Sie ist nämlich weder dunkel noch hell, weder leuchtend noch dumpf. Eben weder Licht noch Dunkel, sondern Die Mitte. Die Lücke, die diesen kleinen Raum zwischen ihnen ausfüllt.
Hatte ich das Alles und das Nichts schon erwähnt? Denn natürlich haben die auch Eine Mitte. Es muss nämlich immer Eine Mitte geben, will, ohne Die Mitte wären alle und niemand völlig verloren. Irgendwie ist Die Mitte nämlich auch ein Mittelpunkt. Aber auch nur irgendwie.
Es gibt noch viele, viele andere Arten von Mitte. Die Mitte zwischen Blinzeln und zwischen Atmen. Zwischen zwei Tränen oder auch Regentropfen. Zwischen zwei Lippen kurz vor einem Kuss. Zwischen dem Erfahren und dem Begreifen. Zwischen einem Atom und dem daneben.
Dann noch Die Mitte zwischen Seele und Verstand. Oder auch die Mitte zwischen dem Denken und dem Traum. Die Mitte zwischen Liebe und Hass. Zwischen dir und mir, oder mir und ihr oder dir und ihm. Die Mitte zwischen den Schicksalen, zwischen Gott. Und natürlich Meine Mitte.
Am wichtigsten ist selbstverständlich Die Mitte Der Mitte. Das ist Die alles entscheidende Mitte. Die Mitte, die jeden noch so kleinen Unterschied ausmacht, jede Lücke füllt, egal wie unvorstellbar groß oder klein sie sein mag. Die Mitte, ohne die es nichts gäbe. Sie ist Die Mitte schlechthin.
Ich weiß, ich könnte noch lange, lange Zeit hier sitzen und über Die Mitte erzählen, aber da sonst niemand mehr Die Mitte der Fantasie kennen lernen würde, werde ich es lassen. Stattdessen werde ich Die eine Mitte nennen, die nicht existiert. Denn auch sie gibt es. Es ist Die Mitte zwischen Leben und Tod.

Generation Y (Mär06)
Es ist… interessant, was man alles so über sich lesen kann. Über die ‚heutige Jugend’. Geschrieben von irgendwelchen furchtbar klugen Leuten, basierend auf irgendwelchen furchtbar wichtigen Studien.
„Generation Y“ nennen sie uns oder auch, weiter eingeschränkt, „iGeneration“. Nach den iPods. Sie benennen eine ganze Generation nach ein bisschen technischem Spielzeug. Schon irgendwie merkwürdig.
Ich meine, ja, okay, ich habe einen iPod. Um ehrlich zu sein höre ich auch gerade Musik damit. Was? ‚Bohemian Rhapsody’ von Queen. Ein Oldie. Von 1975 (wie mir paar schnelle Klicks im Internet verraten). Ich selbst bin Jahrgang 1990. Schon interessant.
‚Interessant’ in der Tat. Obwohl ich eher dazu neige, es ‚lustig’ zu nennen. Warum lustig? Weil es lustig ist. Lustig bis hin zu widersprüchlich. Warum widersprüchlich?
Ja, warum widersprüchlich? Weil sich auf meinem iPod Queen neben Slipknot, Christina Aguilera und Eminem tummeln? Auch. Aber nicht nur.
Es ist widersprüchlich, wie diese Leute uns beurteilen. Diese Leute, das sind Erwachsene, die diese Studien erstellen und meinen, uns damit einschätzen zu können.
W
orin sie sich generell einig sind ist, dass wir mit vielen technischen Neuheiten aufgewachsen sind und uns gut damit auskennen. Okay, stimmt. Teilweiße.
Ich meine, ich gebe ja zu, dass ich, wenn ich müde bin, meine Hausaufgaben am PC mache. Warum? Weil ich schneller tippe, als ich mit der Hand schreibe. Und ja, ich weiß mir die meisten Funktionen eines Computers zu nutze zu machen, kann viele Probleme schnell beheben und finde im Internet generell nach ein paar Sekunden, was ich suche.
Aber andererseits habe ich auch Freundinnen, die daran scheitern, eine Mail zu schreiben. Und ganz ehrlich: Wenn man mir mit Informatik als Schulfach kommen würde… ich denke eher nicht.
Der Technik-Teil ist also überall anerkannt. Wo sich dann aber die Geister scheiden ist, was diese Technik aus uns macht.
Möglichkeit a) wäre: wir haben dadurch erst gelernt selber zu denken, nichts so hinzunehmen, wie es ist und alles grundsätzlich erstmal zu hinterfragen, bevor wir es glauben, wenn wir es glauben.
Möglichkeit b) lautet: wir sind viel zu Konsum orientiert und vergessen über unsere Fixierung auf Computer und iPods die wirklich wichtigen Sachen im Leben und der Welt, sind aber nicht zwangsläufig verdummt.
Möglichkeit c) ist: wir lassen uns von den Medien alles vorkauen, glauben vorbehaltlos alles, was im Fernsehen und Internet gesagt wird, haben verlernt selber zu denken und auch keinerlei Interesse mehr an irgendetwas.
Das ist widersprüchlich. Oder etwa nicht?
Ich zum Beispiel denke gerne. Und ich ziehe gedankliche Verrenkungen ganz sicher den Sportlichen vor. Aber dass ich zu vielem eine Meinung habe, heißt nicht, dass ich immer alles hinterfragen muss. Denn, ehrlich gesagt, ist mir das viel zu anstrengend.
Aber ich lese Zeitung. Ich richte es mir jeden morgen so ein, dass ich morgens noch zehn Minuten habe, um die Zeitung zumindest durchzublättern. Was mich interessiert wird mittags noch mal richtig gelesen, was nicht, halt nicht.
Und zum Thema Zukunft: Mit elf-zwölf Jahren wusste ich schon recht genau, was ich später mit meinem Leben anfangen wollte. Ob ich das auch zwangsläufig durchsetze, weiß ich nicht, aber bis heute hat sich daran nicht viel geändert und vielleicht bleibt es auch dabei. Das wird sich zeigen.
Worauf ich mit diesem Text eigentlich hinaus will ist, dass die ganze Zeit darüber geredet wird, wie sehr wie uns von den vorherigen Generationen unterscheiden. Die ganze Zeit versucht irgendwer, uns in irgendeine Schublade zu drängen. Ob das jetzt eine gute Schublade ist, oder eine Schlechte, dass ist immer Argumentationssache.
Aber was irgendwie will niemand so recht sehen, dass wir gar nicht so anders sind. Ein paar interessieren sich halt für Politik, andere für Sport. Einige für Mode, andere für fremde Kulturen. Einige für Geschichte, andere für Technologie. Es gibt ein paar, die sind so, andere, die sind anders und wieder andere, die noch mal anders sind. Aber das ist doch schon immer so gewesen, oder nicht?
Was unterscheidet uns also von unseren Eltern, Großeltern oder von den Menschen im viktorianischen Zeitalter? Gibt es nicht immer einfach Menschen, die sich zwar ihrer Umgebung anpassen, aber dabei trotzdem noch Individuen bleiben? Eigentlich doch schon.
Warum also die ganze Panikmache?
Und selbst wenn, man muss doch sehen, dass es gar nicht so schlecht um uns steht:
Man nehme zum Beispiel das Schulmassaker von Columbine, das, wie ich erwähnen möchte, unbestreitbar eine Tragödie ist, aber trotzdem nur die zweittödlichste Attacke auf eine US-amerikanische Schule ist. Am tödlichsten war das Bath Schuldesaster, geschehen im Mai 1927.
Oder die Golfkriege und der Terrorkrieg? Entgegensetzend haben wir nicht nur zwei Weltkriege, sondern auch eine ganze Reihe anderer.
Vogelgrippe? - Spanische Grippe von 1918.
Schlechte Wirtschaft? - Weltwirtschaftskrise in den 30ern.
Politische Differenzen? - Kalter Krieg 1947-1990.
Nukleare Bedrohung? - Atombombenabwurf 1945.
Alles schon mal da gewesen. Und das allein im letzten Jahrhundert. Schlimm? Natürlich. Aber letzten Endes hat die Menschheit doch noch alles überlebt. Beginnend mit der Vertreibung aus dem Paradies bis… heute. Warum sollte sich das ändern?
Abschließend möchte ich noch auf eine kleine, etwas kuriose Sache hinweisen. Generation Y bezeichnet ursprünglich nur die Jugendlichen in den USA, demnach ist es englisch, wird also auch so ausgesprochen. Und da der Buchstabe Y im englischen ausgesprochen wird wie das Wort ‚why’, ergibt sich: Generation Y à
Generation why.
Übersetzt man das ganze, bekommt man „Generation warum“. Lustig. Oder?

Gedanken zum Holocaust (Jan06)
Ich lese. Ich lese Bücher, Texte, Zitate. Über Konzentrationslager. Über Folter. Über Massenmorde. Über diesen Wahnsinn, der damals Alltag zu sein schien.
Ich sehe mir Bilder an. Von halb verbrannten Leichen. Von Skeletten. Von verstümmelten Körpern. Von noch lebenden Menschen, die kaum von den Toten zu unterscheiden sind.
Ich lese, ich sehe, aber ich möchte mir nicht anmaßen, zu begreifen. Denn begreifen ist etwas, das nur den wenigsten gelingt. Wenn überhaupt.
Ich selbst kann nicht begreifen. Und vielleicht möchte ich auch gar nicht. Um meines eigenen Seelenfriedens willen. Denn begreifen, das würde bedeuten, diesen ganzen Wahnsinn in seinem ganzen Ausmaß… ja, was? Nicht anzuerkennen, denn das tue ich. Selbstverständlich. Auch nicht zu verstehen, denn bei so einem Thema gibt es nichts zu verstehen. Zu begreifen. Was immer das jetzt genau heißen soll.
Und trotzdem lese ich. Ich lese, ich sehe. Und doch muss ich zugeben, dass es mir, wäre nicht alles historisch belegt, schwer fallen würde zu glauben. Zu glauben, dass Menschen so grausam, so wahnsinnig sein können, wie die SS-Leute es waren. Zu glauben, dass Menschen, Gefangene, so etwas erdulden, erleiden können und dabei am Ende doch noch so etwas wie Überlebenswillen übrig haben. Selbst wenn es nur ein Funken ist. Manchmal reicht das aus.
Ich möchte das nicht ergründen. Nicht hier, nicht jetzt. Denn jetzt ist nicht die richtige Zeit dazu. Außerdem überlasse ich das lieber Menschen, die klüger sind als ich. Erfahrener, belesener. Was auch immer.

Man stelle sich nur einmal vor, solche Vorkommnisse würden auf der Gegenseite bekannt und dort ausgeschlachtet! Wahrscheinlich würde eine solche Propaganda einfach nur deshalb wirkungslos bleiben, weil Hörer und Leser nicht bereit wären, derselben Glauben zu schenken.“ – Hinrich Lohse, Reichskommissar für das Ostland, an Alfred Rosenberg, Reichsminister für besetzte Ostgebiete, am 18.06.1943.

 

Es stimmt.
Obwohl ich nicht weiß, ob man solche Taten nicht glauben kann oder sie schlicht nicht glauben will. Was ich weiß, ist, dass es schwer ist, sich solche Taten vorzustellen. Ob es nun an dem Glauben an eine Grundmoral in jedem Mensch liegt oder aber am Versuch, den eigenen Seelenfrieden zu schützen, es ist und bleibt unvorstellbar.
Und genau hier liegt der Grund, warum man es sich vorstellen muss. Warum man versuchen muss zu begreifen, zu glauben so schwer es auch sein mag.
Und deshalb lese ich. Deshalb sehe ich. Weil ich versuche, zu begreifen. Selbst wenn ich es nicht schaffe, ich versuche es. Ich versuche es einfach. Weil ich muss.
Ich möchte nicht behaupten, mich außergewöhnlich stark mit dem ganzen Thema befasst zu haben. Denn das habe ich nicht. Weil ich nicht will. Nicht kann. Aber ich habe mich damit befasst. Ich habe gelesen, ich habe mir Bilder angesehen, ich habe Zeit geopfert. Und, was noch viel wichtiger ist, ich habe nachgedacht.
Ich möchte hier wirklich niemandem eine Moralpredigt halten. Dazu habe ich auch gar keine Befugnis. Aber ich möchte etwas loswerden. Etwas, das mir wichtig ist. Ich möchte, dass jeder nachdenkt. Für ein paar Minuten mal nicht sagt „ich will nicht“, sondern einfach mal nachdenkt. Auch wenn es einem schlaflose Nächte und Selbstzweifel beschert. Besonders dann. Weil es wichtig ist. Notwendig.
Vielleicht ist es zu viel verlangt. Vielleicht aber auch zu wenig. Ich weiß es nicht und wie immer ist es auch gar nicht mein Ziel, das herauszufinden. Denn was ich weiß genügt vollkommen.
Ich weiß, dass vergessen das Schlimmste es, was man tun kann. Und deshalb versuche ich, nicht zu vergessen. Ich lese, ich sehe, ich glaube, ich denke, vielleicht begreife ich sogar. Und all das geschieht nur mit dem Ziel zu erinnern. Weil Erinnerung manchmal lebensnotwendig sein kann. Weil sie Leben retten kann. Und weil Vergessen einer Katastrophe gleichkommt.

Nr. 9276002480162935711 (Mai05)
Ich bin die zweite Tochter meiner Eltern, die vierte Enkelin meiner Großeltern, die siebenundzwanzigste Schülerin in meiner Klasse, die dritte Besitzerin meines Pferdes, die… naja, es ist klar, worauf ich hinaus möchte, oder?
Unser ganzes Leben lang bekommen wir irgendwelche Nummern zugeordnet. Wir kriegen Kontonummern, Telefonnummern, Versicherungsnummern, Passnummern, Hausnummern, IP-Nummern, Handynummern und andere. Nummern, die uns identifizieren sollen.
Aber wer sagt, dass wir diese Nummern sind? Eine Aneinanderreihung von Ziffern, hinter denen wir uns verbergen. Zahlen, die jedem, der es darauf anlegt, verraten, wer wir sind. Aber wer sind wir, dass wir durch Zahlen beurteilt werden könnten?
Das System ist klar: Ein individueller Mensch bekommt eine individuelle Zahlenkette. Aber geht diese Rechnung auf?
Unser Leben lang werden wir beurteilt. Zeugnisse zum Beispiel. Ein paar Zahlen, die über unser Leben entscheiden können. Doch manchmal sind sie nicht einmal das Papier wert, auf dem sie stehen. Wie sollen diese Zahlen stellvertretend für ein Menschenleben stehen?
Ein Blatt Papier, ein paar Ziffern. Und das soll ich sein? Nicht wirklich, oder? Bin ich nicht viel mehr als das? Habe ich nicht ein Anrecht darauf, eben nicht in irgendeiner Schublade zu verstauben? Ich dachte immer, dem wäre so.
Aber was sind schon Zahlen, auf einem Stückchen Papier? Sie führen uns in die Irre. Und irgendwo sind sie unmenschlich. Wie könnten sie auch menschlich sein? Was ist menschlich überhaupt? Und wer von uns schafft es, sich den Zahlen zu entziehen? Wer schafft es, sich davon nicht täuschen zu lassen. Du? Glaubst du das wirklich?
Ich möchte dir ein Beispiel geben. Ein Krieg. Zwei Schlachten. In der ersten sterben einmillionen-zweihunderttausend Menschen. In der zweiten zehntausend. Nur ein Hundertzwanzigstel. ‚Wenig’, denkst du? Das habe ich auch – zuerst.
Dann habe ich nachgedacht. Und habe mich vor mir selber erschrocken. Zehntausend. Zehntausend was? Opfer? Soldaten? Menschen. Das ist so ziemlich dein gesamter Bekanntenkreis – du einschließlich. Findest du immer noch, dass zehntausend ‚wenig’ sind? Ich glaube es nicht. Ich hoffe es nicht.
Siehst du jetzt, dass Zahlen nicht das sind, was sie zu sein scheinen? Sie sind rational, ja. Aber wann ist das Leben, der Mensch, schon mal rational? Es sind zwei unvereinbare Dinge. Und trotzdem hat jeder Mensch ein paar Dutzend Nummern, die sagen, wer er ist. ‚Zivilisation’ nennen sie es. Und ich höre zu und frage mich:
Wo bleibe ich dabei?



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