Elite-Internate
Wie unterscheidet man die echten von den falschen?

Die junge Autorin Julia Friedrichs besuchte 2007 - "auf den Spuren der Mächtigen von morgen" - neben Elite- Kindergärten und Elite-Uni- versitäten auch die als Elite- Internate gehandelten Land- erziehungsheime Schloss Neu- beuern und Schloss Salem (vergl. Julia Friedrichs: Gestatten: Elite, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008).

Der Autor: Ulrich Lange, Geschäftsführer der
AVIB gemn.e.V.

Ihr Fazit: Man müsse den Eindruck gewinnen, dass es nicht mehr darum gehe, eine wirkliche Leistungselite zu fördern, die Potenziale habe, sondern eine Art neuen Adel zu begründen: Kinder der Geldaristokratie, die über sozial exklusive private Bildungs- einrichtungen gleich auf der "Überholspur" starten sollten, ohne sich dem Wettbewerb mit den Aufsteigern aus dem niederen Volk aussetzen zu müssen. Wo es um Privilegien der Oberschicht gehe, werde der Elitebegriff schnell diffus, werde "Leistung" relativiert. Zitat:

>> Der Leiter des Internats Schloss Neubeuern fand es selbstverständlich, dass seine Schüler trotz schlechterer Noten in der Wirtschaft bessere Chancen haben als ein, wie er sagte, "1,0-Abiturient von einem staatlichen Gymnasium". [...] Man kreiert eine Gemeinschaft, einen Corpsgeist, und knüpft Seilschaften, die ein Leben lang halten. Was den Burschenschaftlern ihre 'Alten Herren' sind, sind den Netzwerkern die Alumni: Karrierekatalysatoren, die helfen, dass Einfluss und Posten im Netzwerk, also in der 'Familie' bleiben.<<

Dieser diskrete 'Klassenkampf von oben', der den Grundkonsens einer demokratischen Leistungsgesellschaft bedroht, funktioniert allerdings nur so lange, wie Salem & Co eine an religiöse Ehrfurcht gemahnende Bewunderung zuteil wird. Doch die angeblichen Eliteschulen sind leicht zu entzaubern. Dies nicht zuletzt durch schonungslose Aufklärung über einen zunehmend willfährigen und korrupten Journalismus, der die Verhältnisse in den Sonderschulen der Reichen durch Hofberichterstattung  gezielt schönt bzw. die Öffentlichkeit durch Legendenbildung planmäßig desinformiert, um diesen Auswüchsen sozialer Ungleichheit die politische Unterstützung, sprich: Finanzierung aus Steuermitteln, zu sichern.

Es ist noch nicht lange her, da sorgte die bestialische Ermordung eines Schülers der Urspringschule Schelklingen durch einen Mitschüler - angeblich wegen Geldschulden von lächerlichen 50 Euro - für bundesweites Aufsehen. "Mord im Eliteinternat" (unter-)titelte die "Bildzeitung" einen ihrer Berichte über das Ereignis und mochte sich den Hinweis nicht verkneifen, dass Tagesthemen-Chef Wickert und Literaturkritiker Karasek ebenfalls in dem Landerziehungsheim auf der Schwäbischen Alb die Schulbank gedrückt hätten - so- zusagen in unmittelbarer Nähe des Tatortes. Andere Skandale im Umfeld berühmter  Elite-Internate wie etwa die dubiosen Machenschaften um den Schulabschluss von Prinz Harry in Eton oder die skandalöse Diskriminierung ausländischer Schüler an der Schule Schloss Salem vor einigen Jahren dürften ebenfalls noch in Erinnerung sein. 

Erst Anfang 2010 flog den bis dahin medien-verhätschelten Internaten, neben vielen katholischen Instituten auch  etlichen der pädagogisch angeblich so fortschrittlichen  "Deutschen Landerziehungsheime (LEH)", ihre mit Hilfe der veröffentlichten Meinung über Jahre  sorgsam lancierte Imagekampagne dann förmlich um die Ohren. Berichte über sexuellen Missbrauch in geradezu inflationärem Umfang ließen viele  an   dem Wert von Internatserziehung generell und besonders an der Geltung bestimmter reformpädagogischer Prinzipien, sozusagen dem Markenzeichen der Landerzie-hungsheime,  zweifeln.

Genauere Recherchen wecken schnell den Verdacht, dass es sich hier  eben nicht um bedauerliche Einzelfälle oder lediglich die Ausgeburten des Sensations-Journalismus oder plebejischen Sozialneids handelt. Die vielen Unsäglichkeiten und Peinlichkeiten, die beim Stöbern ans Licht kommen, markieren eher die Spitze eines Eisbergs. Die Nobel-Adressen unter den Internaten (übrigens ebenso im Ausland) haben ganz offensichtlich jede Menge zu verbergen. Genau in diesem Punkt dürften sie sich von einem beträchtlichen Teil ihrer "Kundschaft" kaum unterscheiden: "Dreck am Stecken" meets "Leichen im Keller"!

Man liest es mittlerweile sogar in den konservativsten Zeitungen: Die soge- nannten Eliten hätten versagt (siehe Welt am Sonntag vom 17.02.2008), denn sie seien "ohne Moral" und untergrüben unsere Gesellschaft (STERN vom 21.02.2008).

Die Journalistin Julia Friedrichs (siehe oben) konstatierte anlässlich ihres Aus-  flugs zur "Aristokratie der Bankauszüge" schon bei den Kindern und Jugendlichen der Geldelite alle Anzeichen von Dekadenz. Am unteren wie am oberen Ende der Gesellschaft herrschten die gleichen Formen von   Verwahrlosung: Antriebsschwäche, Disziplinosigkeit, fehlendes Selbstwertgefühl und daraus resultierende Sucht nach Anerkennung. Am oberen Ende der Gesellschaft heißt das "Wohlstandskrankheit".

Diese "Kunden-Merkmale" prägen Internate der oberen Preiskategorien in erheblichem Maße, allem Tugendgeschwätz ihrer offiziellen Repräsentanten zum Trotz. Vermutlich ist es gar nicht ihr offizielles Erziehungsprogramm, sondern der "heimliche Lehrplan" ihrer Subkulturen, der die Absolventen dieser "Eliteschmieden" für ihre späteren Spitzenjobs qualifiziert: So tun als ob, mehr scheinen als sein, alles mitmachen und dicht halten. So schafft man loyale Netzwerke für Steuerhinterziehung, Umweltfrevel, schamlose Bereicherung, Bestechung und moralische Korrumpierung einschließlich Lustreisen und Bordellbesuchen für Betriebsräte.

Experten sehen auf die Nobel-Adressen unter den Bezahl-Schulen, die sich nur zu gern mit den fremden Federn einer Leistungselite schmücken würden und deshalb um Stipendiaten werben, die für mäßigen Schulgelderlass Intelligenz und Fleiß einbringen, angesichts schrumpfender Schülerjahrgänge und einer auf acht Jahre verkürzten Schulzeit mittlerweile schwierige Zeiten zukommen. Die unkritische Privatschulbe-geisterung scheint im Schwinden begriffen, seitdem Vergleichsstudien nachgewiesen haben, dass die hartnäckig postulierte Überlegenheit privater Schulen ein Märchen ist. Schlimmer noch: Ein Ranking der 100 besten Gymnasien Deutschlands in der Zeitschrift "Capital" sah deutlich mehr öffentliche als private Schulen auf den vordersten Plätzen. Geradezu blamabel: Das englische Elite-Internat Eton, das Bewunderern der englischen Klassengesellschaft nach wie vor als Wallfahrtsort gilt, wäre von deutschen Staatsschulen, etwa einem Landgymnasium im Schwarzwald (Platz 1) und einer integrierten Gesamtschule im Rheinland (Platz 3), locker abgehängt worden und nur auf dem 23. Rang gelandet.

Doch es gibt auch Internate, in denen die Leistung tatsächlich im Mittelpunkt steht - einschließlich derjenigen Charaktereigenschaften, die Leistungspoten- ziale erst gemeinschaftsdienlich zur Entfaltung bringen. 

Diese wirklichen Elite-Internate allerdings, fast ausschließlich Gymnasien für hoch  befähigte Mädchen und Jungen   in staatlicher Trägerschaft, die aufgrund geringer Internatsgebühren jedem wirklich Begabten offen stehen, finden in den Medien merkwürdigerweise nur geringe  Beachtung. Berichtens-wertes gäbe es dabei zur Genüge, denn ihre Schüler stellen in Wettbewerben und Vergleichstests stets die Sieger. Futter für die Skandalpresse gibt es dagegen eher selten. Dafür bürgt die im Vergleich zu Salem & Co. wesentlich sorgfältigere Schülerauswahl. 

In meiner Funktion als Internatsberater kann ich kritisch urteilenden Eltern sicherlich helfen, echte und falsche Elite-Internate zu unterscheiden. Geltungs- und Prestigesüchtige mit dem nötigen Kleingeld werde ich aller- dings kaum davon abhalten, ihre schwierigen Kinder teuren Möchtegern-Elite-Instituten anzudienen. Ohnehin scheint es sich mit Elite-Internaten ähnlich zu verhalten wie mit Einrichtungen für Hochbegabte: Ein Großteil der Bewerber erfüllt die Kriterien für eine Aufnahme nicht, leidet bestenfalls an Selbstüberschätzung. Es gilt der Satz: "Auf Eliteinternate oder Schulen für Hochbegabte gehören nur die Fähigsten - und mein eigenes Kind!"

Vielleicht ist ja schon einiges erreicht, wenn  die Klugen mit positiver Gesamt-persönlichkeit sich grundsätzlich nur dort bewerben, wo sie wirklich auf Ihresgleichen treffen, anstatt sich dorthin locken zu lassen, wo sie lediglich missbraucht werden, um das Image von Sonderschulen für Betuchte aufzu-polieren oder das demokratische System der Eliterekrutierung wieder durch die "alte Burschenherrlichkeit" der abgehalfterten Eliten von Gestern zu ersetzen.

>> Ich bin in all den Jahren als Minister manchmal Maklern, Investment-bankern, Beratern und Jungunternehmern begegnet, die von einer erschreckenden Dünkel-haftigkeit, Selbstbezogenheit und Herablassung gegenüber dem gemeinen Volk waren. Sie nehmen Luft, Wasser, Erde, also öffentliche Güter, wie selbstverständlich für ihre privaten Baupläne, Sportaktivitäten und Hobbys in Anspruch. Sie bauen Häuser bedenkenlos in Land-schaftsschutzgebiete, dank guter Beziehungen zu einer korrupten Kommunalpolitik. Sie nutzen ausländische Steuerstandorte und filigran ausbal-dowerte Steuersparmodelle, um dem deutschen Fiskus nur ja keinen Cent zuviel zu überlassen. Sie verachten die Politik und wählen, wenn überhaupt, diejenige Partei, die sie am wenigsten in ihren Kreisen stört.

Nicht selten tauchen in ihrem Schlepptau schwer erziehbare, weil völlig verwöhnte Kinder auf, die dann auf Internate mit der Begründung geschickt werden, dass die öffentlichen Schulen in Deutschland zu schlecht seien."  <<
zitiert nach:
Peer Steinbrück: "Unterm Strich"
Hoffmann und Campe ISBN-10: 3455501664

 

Bildung
 
Auslaufmodell Hauptschule

 

Der Präsident des CDU-Wirtschaftsrats, Kurt Lauk, bezeichnet Hauptschulen als die größte bildungspolitische Belastung, deshalb seien sie nicht haltbar. Er plädiert für ein zweigliedriges Schulsystem.

Lauk hat die Union aufgefordert, nicht länger am Modell der Hauptschule fest-zuhalten. „Die CDU muss sich dringend von dem Mantra verabschieden, dass die Hauptschulen gute Bildung in der Breite sichern. Genau das tun sie nicht“, sagte er im FOCUS-Interview. [...]

Zugleich meldete Lauk Zweifel an speziellen „Elite-Schulen“ an: „Besonders be-gabte Kindermüssen besonders gefördert werden, aber in regulären Schulen und nicht in einem Sondersystem. Wenn sich die Elite absondert, kommt zu wenig von dem, was Elite leisten kann, anderen Kinder zugute.“
 

Arbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz im Bildungs- und Erziehungswesen gemeinnütziger e.V.



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