CDU-Stadtratskandidat Nr. 9 und sein "BLÄTTLE" (StZ 03.06.2004)
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Artikel aus der Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe, Donnerstag,
03. Juni 2004
Seite 22

Ausgabe: Nr.126

Stuttgart

Redakteur des ¸¸Blättle" macht der CDU in Sillenbuch keinen Ärger mehr
Nussbaum-Verlag hat sich vom Leiter seines Stadtteilblattes getrennt - Versuchte Einflussnahme durch Stadtrat Dieter Wahl - Gewerkschaft sieht Angriff auf Pressefreiheit

Seine kritische Haltung gegenüber der B 312 ist dem Redakteur des Sillenbucher ¸¸Blättle" nicht gut bekommen. Die Straße ist zwar tot - aber Nikolaus Tschenk seit April arbeitslos. Damit endet auch die jahrelange Fehde der örtlichen CDU gegen den Redakteur mit grüner Brille.

Von Jörg Nauke

Wahlbeamte im Spätherbst ihres beruflichen Lebens zeichnen sich gemeinhin durch Gelassenheit aus. Kritik perlt an ihnen ab wie Regentropfen am Rathausfenster. Der OB von Ostfildern macht eine Ausnahme. Jedenfalls sah sich Herbert Rösch im Herbst 2003 veranlasst, dem Verleger Oswald Nussbaum in Weil der Stadt seine Meinung über die Berichterstattung im Stadtteilheft ¸¸"s Blättle" mitzuteilen. Hatte er doch durch den Artikel von Nikolaus Tschenk über eine Veranstaltung, bei der für die B 312 geworben wurde, erfahren, dass die Verkehrsprobleme in Ostfildern teilweise hausgemacht seien. Pressefreiheit gut und schön, er wäre dem Verleger aber ¸¸dankbar, wenn er dafür sorgen könnte, dass solche tendenziösen Berichte künftig nicht mehr gedruckt werden", schrieb er.

Röschs Wunsch war dem Verleger prompt Befehl. Seinen Brief hat man dem Betriebsrat als Hauptargument für die Kündigung des Redakteurs auf Ende April präsentiert. In den fünf Jahren davor hatte die Sillenbucher CDU, allen voran ihr Zweiter Vorsitzender Dieter Wahl, die von ihm als ¸¸Organ der linken Kampfpresse" entlarvte Redaktionsfeste sturmreif geschossen. Thomas Schelberg von der Journalistengewerkschaft DJV, der Tschenk beim Arbeitsgerichtsprozess begleitet hat, kritisiert den Akt ¸¸als Angriff auf die Pressefreiheit".

Dem für Sillenbuch zuständigen Stadtrat Dieter Wahl wird ein unermüdlicher Einsatz für die Vereine nachgesagt, auffällig ist aber auch seine Humorlosigkeit in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner. Das passt aber nicht zur CDU-Spitze, die in der Vergangenheit häufig mit den Grünen im Rathaus paktierte. So wirkt Wahl weiter vornehmlich in seinem kleinen Reich. Dort verfolgte seit 1999 Nikolaus Tschenk, Mädchen für alles beim kostenlos verteilten Blättle, das politische Geschehen.

Der 50-Jährige fand längst nicht alles gut, was die Politik im Stadtbezirk beschloss, doch weil er ¸¸nur" für eine ¸¸politisch neutrale" Dorfpostille schrieb, die Vereinen, Parteien sowie dem Einzelhandel als Forum dient, behielt er vieles, was er anders sah, für sich. Der kritische Geist schimmerte dennoch immer wieder durch. Weil er in seiner Freizeit auch noch als Sprecher der Möhringer Grünen tätig war, drängte sich Tschenk als Zielscheibe gerade zu auf: Fortan schoss die CDU mit Kanonen auf Sillenbucher Spatzen. Der CDU-Stadtrat Wahl sagt, er schätze politisches Engagement, ¸¸und jeder soll sich dort betätigen, wo er sich am besten aufgehoben fühlt". Er habe auch nichts gegen eine kritische Berichterstattung einzuwenden, aber der Blättle-Redakteur mit seiner grünen Brille sei eben stets gegen die CDU gewesen. Auch andere Parteien hätten sich beschwert. Er habe lange, letztlich vergeblich versucht, sich mit Tschenk auseinander zu setzen.

Danach hat er dann freilich keine Gelegenheit ausgelassen, Tschenk und dessen Volontär bei ihrer Geschäftsleitung anzuschwärzen. Wahl und seine CDU fühlten sich in fast jeder Ausgabe verfolgt, falsch interpretiert oder benachteiligt. Seine Beweismittel füllten ¸¸bald einen ganzen Ordner", so klagte Wahl gegenüber Brigitte und Oswald Nussbaum bereits 2001. Das hinderte ihn freilich nicht daran, die Verlegerfamilie auch weiterhin zu nerven. Später war das leichter - da war der CDU-Parteifreund und Exbürgermeister von Weil der Stadt, Friedrich Knobloch, der direkte, verständnisvolle Ansprechpartner für Leser im Hause Nussbaum.

Die Anlässe, sich zu beschweren, konnten gar nicht gering genug sein. Schon 2000 bemängelte Dieter Wahl eine ¸¸extrem grüne Berichterstattung" im ¸¸Blättle", weil eine Fahrradtour der Alternativen auf der Seite 3 angekündigt worden war, der CDU-Herbstschoppen jedoch erst auf Seite 9. Man könne damit leben, dass in dem Hinweis der Zusatz ¸¸so ihr Vorsitzender Dieter Wahl" gestrichen worden sei, aber den Grünen passiere das nicht. Ein andermal war er entrüstet, weil unerwähnt blieb, dass er am Grab von Hanns-Martin Schleyer, neben bedeutenden Politikern, auch einen Kranz niedergelegt hatte. Der CDU-Vorsitzende nimmt es gerne genau. So stellte er fest, dass die Grünen-Stadträtin Daniela Feindor in einer Ausgabe siebenmal Erwähnung fand. Dieter Wahl selbst hätte redaktionell oft anders entschieden. Einen Artikel über Solarenergie hätte er nie so prominent platziert. Ein guter Antrag der Grünen zwar, aber nicht so wichtig für den Stadtbezirk, dass er bereits auf Seite 3 hätte erscheinen müssen.

Richtig Ärger gab es wegen der Berichterstattung über die B 312. ¸¸Tschenk hat nur dagegen geschrieben", sagt Wahl. Er und die CDU sahen schon früh ¸¸mit Sorge, wie sehr sich dieses Blatt unkritisch die rot-grünen Positionen aus dem Stadtbezirk Sillenbuch zu Eigen macht", die weder in Stuttgart noch im Land mehrheitsfähig seien. In Berlin hingegen schon, wie die jüngste Entwicklung zeigt - das überdimensionierte Projekt diente lediglich als Beruhigungspille für die lärmgeplagten Anwohner.

Der Streit um Verkehrsberuhigung durch Sperrung der Birkacher Straße führte die Parteien sogar vors Oberlandesgericht. Ein CDU-Bezirksbeirat fühlte sich vom Volontär, auch CDU-Mitglied, falsch zitiert - die Richter, die sich mit dieser Lappalie beschäftigen mussten, gaben dem Blättle recht. Der Lehrling trat danach aus der Partei aus, sein Vater, ein verdienter Christdemokrat aus Schleswig-Holstein, schämt sich seitdem für seine Parteifreunde im Süden.

Der Redaktionsleiter hat in den Jahren, da er das Blättle etablierte, viel Zeit aufgewendet, um den Vorwürfen zu widersprechen und zu beweisen, dass unterm Strich keine Partei benachteiligt würde. Vergeblich. ¸¸Er wollte der CDU absichtlich schaden", schrieb Wahl an Nussbaum. ¸¸Wie lange darf er das noch? Das ist meine, unsere Frage an Sie."

Im Oktober 2003 hatte der stete Tropfen den Stein gehöhlt. Sollte er nicht in der Lage sein, seine politischen Überzeugungen zurückzustellen, ¸¸müssen wir an eine Trennung denken", schrieb Nussbaum. Schon kurz darauf folgte die Kündigung auf April 2004. Der Betriebsrat wollte die Gründe nicht akzeptieren - dass Nikolaus Tschenk seine Geschäftsnummer auf einem Terminaushang der Möhringer Grünen vermerkte hatte, war zweifellos ungeschickt. Eine Abmahnung hatte er dafür nie erhalten.

Den Vorwurf, Gewerbetreibende wollten seinetwegen nicht mehr im Blättle inserieren, konterte er mit einer Liste von Kunden, die er der Konkurrenz abgeworben habe. Wie auf Bestellung flatterte in dieser Zeit der Beschwerdebrief von OB Rösch, der mit seinem Amtsblatt Kunde bei Nussbaum ist, auf den Verlegerschreibtisch.

Man habe sich ¸¸in beiderseitigem Einvernehmen", getrennt, teilte Brigitte Nussbaum mit, die Trennung habe aber nichts mit der B 312 zu tun. Seit die Stelle neu besetzt ist, erfreut sich Wahl an einer ¸¸ausgewogenen Berichterstattung". Nun gibt es in Sillenbuch aber nur noch ein Blättle mit politischer Aussagekraft - und das steht der CDU nahe.

NAUKE / NAUKE
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